Generic Histories of German Cinema

2013.Generic HistorieDie Anthologie, herausgegeben von Jaimey Fisher, enthält zwölf Essays zum Umgang mit verschiedenen Filmgenres in Deutschland. Gelegentlich steht ein einziger Film im Mittel-punkt, manchmal wird ein Bogen geschlagen, zum Beispiel von den 1920er in die 1960er Jahre. Gerd Gemünden (Dartmouth) stellt THE BLACK CAT (1934) von Edgar G. Ulmer ins Zentrum und reflektiert über den Einfluss von CALIGARI und GOLEM auf den Exilfilm und den Horrorfilm. Nora M. Alter (Philadelphia) schildert deutsche Variationen des Essayfilms von der Weimarer Republik (Hans Richter) bis in die 1980er Jahre (Hartmut Bitomsky, Harun Farocki). Lutz Koepnick (Nashville) baut zum Thema Science fiction-Film eine Brücke von Fritz Langs FRAU IM MOND (1928) zur TV-Serie RAUMPATROUILLE ORION (1966) und bringt auch Kurt Maetzigs DEFA-Film DER SCHWEIGENDE STERN (1960) ins Spiel. Eric Rentschler (Cambridge) schreibt über die frühen Ufa-Tonfilm-Operetten. Jaimey Fisher (Davis) stellt Bernhard Wickis DIE BRÜCKE (1959) in den Mittelpunkt seiner Kriegsfilm-Betrachtung. Sascha Gerhards (Oxford, Ohio) untersucht die ironischen Untertöne in den Edgar-Wallace-Verfilmungen der 1960er Jahre. Kris Vander Lugt (Annandale, Virgina) stellt für den Horrorfilm eine Verbindung her zwischen Victor Trivas (DIE NACKTE UND DER SATAN, 1959), Jörg Buttgereit (NEKROMANTIK, 1987) und Christoph Schlingensief (DAS DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER, 1990). Hester Baer (Maryland) porträtiert den Produzenten Bernd Eichinger mit dem Film CHRISTIANE F. (1981) im Zentrum. Steve Choe (Iowa City) stellt die Psycho-Thriller DR. MABUSE, DER SPIELER (1922) von Fritz Lang und DAS EXPERIMENT (2001) von Oliver Hirschbiegel gegenüber. Paul Cooke (Leeds) beschäftigt sich mit dem deutschen Heimatfilm in seiner klassischen Form und in den neuen Varianten. Antje Ascheid (Athens, Georgia) untersucht jüngere Komödien, speziell DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE (1997), KEINOHRHASEN (2007) und SOMMER VORM BALKON (2004). Marco Abel (Lincoln, Nebraska) schreibt über den vielseitigen Dominik Graf und seinen vergleichsweise erfolglosen Thriller DIE SIEGER (1994). Wir haben es nicht mit einer systematischen Genregeschichte zu tun, sondern mit unterschiedlichen Aspekten des Themas. Die Texte sind auf hohem Niveau und wissenschaftlich abgesichert. Mehr zum Buch: viewItem.asp?idProduct=14326

Paul Dahlke

2013.DahlkeEr war von den 1930er bis in die 60er Jahre ein profilierter Nebendarsteller im deutschen Film. Als Supporting Actor hat er vielen Rollen seine unver-wechselbare Präsenz gegeben. In den 1970er Jahren gab ihm das Fernsehen in einzelnen Filmen und auch in einigen Serien eine späte Plattform. Paul Dahlke (1904-1984) war ein vielseitiger Schauspieler, auf der Bühne, im Film und im Fernsehen und auch als Sprecher im Hörspiel. Er ist ziemlich in Vergessenheit geraten. Rüdiger Petersen, manisch im Recherchieren von Biografien, hat jetzt seine Lebens-geschichte zu Papier gebracht. Hilfreich war für ihn, dass es von Dahlke selbst Aufzeichnungen seiner Arbeit bis ca. 1948 gab. Petersen hat sie mit akribischem Fleiß und unter Nutzung aller verfügbaren Quellen zu einem in sich geschlossenen biografischen Text gefügt. 1.035 Fußnoten bezeugen die Verlässlichkeit der Arbeit. Vor allem die Zitate aus Kritiken sind aufschlussreich. Aber auch Dahlkes Privatleben spielt eine Rolle. Ich habe mit Sicherheit mehr als dreißig Filme mit ihm gesehen. Mir sind vor allem fünf Rollen in konkreter Erinnerung geblieben: der Ehemann von Madeleine (Marianne Hoppe) in Helmut Käutners Melodram ROMANZE IN MOLL (1943), der Ehemann von Anna Kinzel (Luise Ullrich) in Paul Verhoevens Komödie VERGISS DIE LIEBE NICHT (1953), der Lieblingslehrer Justus in Kurt Hoffmanns Kästner-Verfilmung DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER (1954), der Reichspräsident Ebert in Alfred Brauns STRESEMANN (1956) und der Museumsdirektor Kuckuck in Kurt Hoffmanns Thomas Mann-Verfilmung DIE BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL (1957). Paul Dahlke war ein eindrucksvoller Charakterdarsteller im oft verschmähten deutschen Film der 40er und 50er Jahre. Mehr zum Buch: paul-dahlke-die-biografie/

THE RISING OF THE MOON (1957)

2013.DVD.John FordIch kannte von John Fords Irland-Filmen bisher nur THE INFORMER (1935), THE LONG VOYAGE HOME (1940),  HOW GREEN WAS MY VALLEY (1941) und THE QUIET MAN (1952). Über den Blog „Hauptsache Stummfilm“ wurde ich auf THE RISING OF THE MOON (1957) aufmerksam gemacht, der natürlich kein Stummfilm ist, aber für Ford-Verehrer sehr sehenswert. Er ist als DVD on Demand bei der Warner Archive Collection zu bekommen. Erzählt werden drei Episoden: In „The Majesty of the Law“ geht es um die komplizierte Verhaftung eines alten Gutsbesitzers, vor allem aber um Trunksucht und Ehre. „A Minute’s Wait“ macht den verlängerten Aufenthalt eines Zuges auf einem Dorfbahnhof zu einer mitunter absurden Komödie um Alltagsverhalten, Familienstreit und kirchliche Rituale. Es ist die schönste Episode. „1921“ schildert zur Zeit der englischen Besetzung die Befreiung eines zum Tode verurteilten irischen Nationalisten aus dem Gefängnis und spielt mit Verkleidungen, Beobachtungen und Verdächtigungen. Drehbuchautor aller drei Episoden war Frank S. Nugent auf der Basis von zwei Theaterstücken und einer Story. Gedreht in Schwarzweiß, Kamera: Robert Krasher. Tyrone Power leitet den Film mit dem Hinweis auf seine irische Abstammung ein. Mehr zum Film: ein-vergessener-film-von-john-ford/

Filmreihe „No future“

Bild 1Mit Reinhard Hauffs Film LINIE 1 (1987) beginnt morgen im Bundesplatz-Kino die Filmreihe „No future“. Sie handelt von der Realität und dem Lebensgefühl von Jugendlichen im Deutschland der 1980er Jahre. Es werden Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus West und Ost gezeigt. Darunter sind OKAY. OKAY. DER MODERNE TANZ (1980) von Christoph Dreher und Heiner Mühlenbrock, SCHADE, DASS BETON NICHT BRENNT (1981) von Gabriele Bartels und Niels Christian Bolbrinker, INSEL DER SCHWÄNE (1982) von Herrmann Zschoche, VORSPIEL (1987) von Peter Kahane, FLÜSTERN UND SCHREIEN (1988) von Dieter Schumann, SPERRMÜLL (1990) von Helke Misselwitz und JANA UND JAN (1991/92) von Helmut Dziuba Die Reihe wird von der Deutschen Kinemathek verantwortet und in Kooperation mit der DEFA-Stiftung veranstaltet. Einführungen halten Martin Erlenmaier und Petter Latta. Mehr auf der Website des Bundesplatz-Kinos:  downloads/no_future.pdf 

Theater im Kino

2013.Backstage„Theater“ meint hier: Schauspiel, Oper, Varieté, Ballett, Pantomime. Backstage: das ist der Blick hinter die Kulissen. Stefanie Diekmann hat in ihrer Habilitationsschrift das seit mehr als hundert Jahren anhaltende Interesse des Kinos am Theater erforscht. Sie hat für ihre Analyse 120 Filme ausgesucht, die sich thematisch mit dem Leben auf und hinter der Bühne beschäftigen. Das geschieht quer durch alle Genres, in der Komödie (VIKTOR UND VIKTORIA), wie im Melodram (LES ENFANTS DU PARADIS), im Kriminalfilm (STAGE FRIGHT) wie im Horrorfilm (die Versionen von THE PHANTOM OF THE OPERA sind kaum zählen). Auch wenn die Autorin ihr Material in sechs Kapiteln zu ordnen versucht („Ein Schauplatz“, „Die zwei Blicke“, „Das verborgene Schauspiel“, „Die unheimliche Architektur“, „Die reduzierte Architektur“, „Der Schauplatz der Nähe“), sind es immer wieder neue Assoziationen und Perspektiven, mit denen sie die Filme in den Blick nimmt. Sie beginnt und endet mit Mankiewiczs ALL ABOUT EVE, und ihr Lieblingsfilm ist Lubitschs TO BE OR NOT TO BE, den sie mehr als zwanzigmal gesehen hat. Wohl jeder, der sich für Theater und Film interessiert, hat seine Favoriten. Ich persönlich erinnere mich besonders gern an APPLAUSE von Rouben Mamoulian und A DOUBLE LIFE von George Cukor, an OPENING NIGHT von John Cassavetes, O THIASSOS von Theo Angelopoulos oder TODO SOBRE MI MADRE von Pedro Almodóvar. Aber Lubitschs TO BE OR NOT TO BE ist natürlich auch mein Lieblingsfilm. Und es gibt Regisseure, die offenbar ins Theater verliebt waren: zum Beispiel Ingmar Bergman, Jean Renoir, Jacques Rivette. Das Buch ist in verschiedener Hinsicht eine Fundgrube. Die Literaturliste macht den theoretischen Background deutlich. Mehr zum Buch: www.kv-kadmos.com/

Mein Filmbuch des Jahres 2013

Bild 1Das Jahr 2014 hat begonnen. 13 „Filmbücher des Monats“ habe ich 2013 vorgestellt (www.hhprinzler.de/´filmbuecher/). Eines davon soll wieder das „Filmbuch des Jahres“ werden. Wie immer gibt es drei Kandidaten: die drei Bände zu Gerhard Lamprecht, herausgegeben von Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen und Eva Orbanz (Februar; edition-gerhard-lamprecht/), die zwei Bände „Denkmal Film“ von Anna Bohn (März; denkmal-film/) und den Bildband über Ingrid Bergman, herausgegeben von Isabella Rossellini und Lothar Schirmer (Oktober; /ingrid-bergman/). Ich entscheide mich für „Denkmal Film“ von Anna Bohn, weil sie damit einen wichtigen Beitrag zum Schutz des internationalen Filmerbes geleistet hat. Das Thema ist zurzeit auch in Deutschland in der kulturpolitischen Diskussion, ausgelöst durch einen Mahnruf des Filmemachers Helmut Herbst, der es mit Hilfe von Klaus Kreimeier und Jeanpaul Goergen durch eine große Solidaritätsaktion mit inzwischen mehr als 2.500 Unterschriften zu einer Petition an den neuen Bundestag geschafft hat ( www.change.org/de/Petitionen/-unser-filmerbe-ist-in-gefahr). Die zwei Bände von Anna Bohn sind Basisliteratur zum Thema. Also Pflichtlektüre für alle, die es ernst meinen mit dem Schutz des audiovisuellen Kulturgutes. Mehr kann ein Buch des Jahres nicht leisten.

Neujahrsgruß

Alles Gute im Jahr 2014 wünschen 

mit herzlichen Grüßen aus Berlin

Hans Helmut Prinzler + Antje Goldau

Jim Jarmusch

2013.JarmuschIn unseren Kinos ist zurzeit sein neuer Film zu sehen: ONLY LOVERS LEFT ALIVE. Es ist sein elfter Spielfilm als Autor und Regisseur. Jim Jarmusch (*1953) gilt in Deutschland als klassischer amerikanischer Independent-Regisseur. 2012 hat Sofia Glasl mit einer Dissertation über „JJ als Kartograph von Popkultur“ in München promoviert. Mit großer Genauigkeit und vielen Querverbindungen analysiert sie COFFEE AND CIGARETTES und THE LIMITS OF CONTROL als Schlüsselfilme in Jarmuschs Werk, GHOST DOG und DEAD MAN als Genrefilme, DOWN BY LAW und BROKEN FLOWERS als Literarische Plateaus, MYSTERY TRAIN und NIGHT ON EARTH als Studien synchronen Erzählens und STRANGER THAN PARADISE und PERMANENT VACATION als Negative des Hollywoodfilms. Die Filmanalysen verstecken sich nicht hinter einem theoretischen Überbau. Die Autorin ist den Filmen mit großer Empathie verbunden. Das macht ihren Text so lesenswert. Mit 30 Abbildungen und einem überschaubaren Literaturverzeichnis. Mehr zum Buch: kartograph-von-popkultur.html

Fotografien von F. W. Murnau

2013.MurnauEr starb 1931, mit 42 Jahren, nach einem Autounfall auf der Küsten-straße von Santa Barbara. In diesen Tagen kann man seinen 125. Geburtstag feiern. Er war einer der großen Regisseure der 1920er Jahre: Friedrich Wilhelm Murnau. Bekannt sind vor allem seine Filme NOSFERATU, DER LETZTE MANN, FAUST, SUNRISE. Zu seinen privaten Leidenschaften gehörten das Fotografieren und der Umgang mit jungen Männern. Das Schwule Museum in Berlin hat dies zum Thema einer Ausstellung gemacht, die noch bis zum 10. März zu sehen. Das Buch dazu ist bei Schirmer/Mosel erschienen. Es enthält 84 Abbildungstafeln in Duotone aus den Jahren 1926 bis 1931, aus Berlin, Amerika und der Südsee. Sie stammen aus dem Murnau-Nachlass, der in der Deutschen Kinemathek verwahrt wird. Besonders schön finde ich die 16 Stadtfotos aus New York + Los Angeles und die Schnappschüsse  von Ernst Lubitsch, Rochus Gliese, Johnny Weissmüller, Salka Viertel + Françoise Rosay, Douglas Fairbanks Jr. und das Selbstportrait von Murnau an der Schreibmaschine auf seiner Yacht „Bali“. Ein kurzes Vorwort stammt von Rainer Rother, Ernst Szebedits und Michael Wedel. Sehr lesenswert ist der einführende Text von Guido Altendorf, Werner Sudendorf und Wolfgang Theis: „Vom Tod und Nachleben Friedrich Wilhelm Murnaus“. Der Anhang enthält zwei Textdokumente von Ruth Landshoff-Yorck („Begegnung auf dem Schulweg“) und Berthold Viertel („Murnau. Zum Tod des Filmregisseurs“). Mehr zum Buch: 47&products_id=732

Thriller

2013.ThrillerDer 16. und neueste Band der Reclam-Reihe „Filmgenres“ ist dem Thriller gewidmet. Thomas Koebner und Hans Jürgen Wulff zeichnen gemeinsam als Herausgeber. Sie haben mit 35 Autorinnen und Autoren zusammengearbeitet. Mit 512 Seiten ist der Band genauso umfangreich wie der Komödien-Band. 116 Filme aus der Zeit zwischen 1933 und 2011 werden in chronologischer Reihenfolge vorgestellt. Natürlich dominieren die USA mit 73 Titeln, gefolgt von Frankreich (18) und Großbritannien (13). Aus Deutschland kommen drei Filme: DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE (1933) von Fritz Lang, SUPERMARKT (1974) von Roland Klick und ABWÄRTS (1984) von Carl Schenkel. Die Mehrzahl der Texte – sie sind in der Regel drei bis vier Seiten lang – kommt den Filmen sehr nahe und lässt sich gut lesen. Viele der Autorinnen und Autoren sind mir bisher unbekannt. Man wünscht ihnen die Möglichkeit, auch weiterhin zu schreiben. Titelbild: Noomi Rapace in dem Film VERDAMMNIS von Daniel Alfredson. Mehr zum Buch: Thriller