Importing Asta Nielsen

2013.Asta NielsenIm September 2011 fand im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main die internationale Konferenz „Importing Asta Nielsen“ statt, in der es um die Strategien bei der Etablierung des Starsystems in den frühen 1910er Jahren ging. Die dänische Darstel-lerin (1881-1972) hatte sich 1911 vertraglich verpflich-tet, jährlich zehn Filme unter der Regie ihres dama-ligen Ehemannes Urban Gad, exklusiv für die „Deutsche Bioscop“ zu drehen und damit den Grundstein für ihre Karriere gelegt. Sie wurde zum ersten international bekannten Filmstar. Das Buch, herausgegeben von Martin Loiperdinger und Uli Jung, dokumentiert die Tagungsbeiträge, ergänzt durch diverse zusätzliche Texte. Insgesamt sind es dreißig Beiträge, die uns die Markteroberung durch diesen Star vor Augen führen: in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg, Spanien, Schweden, Großbritannien, Italien, Russland, den Niederlanden, Frankreich, den USA, Brasilien, Australien und Japan. Drei Beiträge analysieren am Ende etwas genereller die Positionierung des Nielsen-Status. Die Abbildungen (Filmfotos, Porträts, Zeitungsanzeigen, Plakate, spezielle Werbemaßnahmen) sind brillant. Ein wichtiger Band zur Geschichte des frühen Kinos. Cover-Abbildung: Plakatausschnitt DER TOD IN SEVILLA (1913). Mehr zum Buch: srch&ID=161 .

Kinematographisches Handeln

Bild 1Der Filmemacher und Medienwissen-schaftler Rainer Bellenbaum reflektiert zunächst philosophisch und filmhistorisch die kinematografischen Handlungsmodelle in der Frühzeit; da geht es vor allem um die Brüder Lumière, Edwin S. Porter und David W. Griffith. Als philosophische Stützpfeiler dienen Hannah Arendt, Jacques Lacan und Jürgen Habermas. Im zweiten Kapitel werden die Produktionsmittel durchdacht; dafür sind ihm Hans Richter, Viking Eggeling, Fernand Léger, Man Ray, Germaine Dulac, Luis Bunuel, Dziga Vertow und Marcel Duchamp die wichtigsten Protagonisten. Philosophische Schützenhilfe kommt von Henri Bergson und Gilles Deleuze. Das dritte Kapitel heißt „Film als Aktivität“. Schauplatz ist hier zunächst die USA, die handelnden Personen sind Maya Deren, Joseph Cornell, Stan Brakhage, Andy Warhol und Jonas Mekas, dann geht es über Kanada (Michael Snow) nach Europa, zu Michelangelo Antonioni, Jean-Luc Godard und Lars von Trier. Im vierten Kapitel, „Migrationen des Kinematografischen“, schließt sich der Gedankenkreis des Autors. Das Kino ist nicht mehr der wichtigste Ort des kinematografischen Handelns, sondern das Museum, der Ort für Ausstellungen. Hauptdarsteller sind nun Harun Farocki, Maurizio Lazzarato, Angela Melitopoulps, Omer Fast und Yael Bartana. 18 gut ausgewählte Abbildungen. Mehr zum Buch: k-handeln/index.html

Herbert Linder

2013.LinderEr hat kluge, differenzierte Texte zum Thema Film geschrieben, die noch immer lesenswert sind. Sie erschienen ab 1964 in der Zeitschrift Filmkritik, ab 1967 in der Süddeutschen Zeitung, ab 1968 im Zürcher Tages-Anzeiger. Er galt als sehr intelligent, aber streitsüchtig. Persönlich habe ich ihn nicht kennen gelernt. Herbert Linder (1941-2000) ist der 17. Band der Reihe „Film & Schrift“ gewidmet. Die Hommage von Stefan Flach ist als fiktiver Dialog zweier „Nachgeborener“ gestaltet, die sich über die „Ästhetische Linke“ Gedanken machen. Rolf Aurich hat sich auf das Jahr 1972 konzentriert, ausgehend von einem Themenheft der Filmkritik zu Leni Riefenstahl (Redaktion: Herbert Linder und Herman Weigel). Er fördert sehr widersprüchliche Meinungen über Linder zutage. Die „Zeittafel“, hervorragend recherchiert, listet die sehr komplexen Tätigkeiten Linders in den 1960er und frühen 70er Jahren auf. 1971 wanderte er nach Amerika (N.Y.) aus, gab zwei Nummern der Zeitschrift Filmhefte heraus und betrieb in den folgenden Jahren ein Antiquariat für Filmliteratur, Fotografie und Architektur. Das Buch dokumentiert 31 Texte, darunter den phänomenalen Essay über Max Ophüls, „Die Lust am Sehen“, publiziert in der Filmkritik im Mai 1967. Und man kann viele Entdeckungen machen. Ich kannte zum Beispiel nicht seine Überlegungen zu den Marx-Brothers aus dem Tages-Anzeiger (1969) und hatte seine Assoziationen zu Amerika in der Filmkritik (April 1971) schlicht vergessen. Die beigefügte DVD enthält den Mitschnitt eines Gesprächs zwischen Raimund Koplin und Herbert Linder aus dem Frühjahr 1969.  Mehr zum Buch auf der neuen Homepage des Verlages edition text + kritik: UxBV2xxiBgs

Echte Gefühle: Denken im Film

2014.KunstWerkeIn den Kunst-Werken in der Berliner Auguststraße wurde gestern die Ausstel-lung „Echte Gefühle: Denken im Film“ eröffnet. Es geht in der Form von Installationen um Bezugssysteme: zwischen Denken und Fühlen im Kino, zwischen Mainstream und Arthouse, zwischen Film und Wirklichkeit, zwischen echten und gespielten Gefühlen. Präsentiert werden Arbeiten von Chantal Akerman, Ed Atkins und Simon Martin (Foto: UNTITLED – STRAWBERRY POISON DART FROG: DEMUXED, 2011), Sue de Beer, Harry Dodge und Stanya Kahn, Loretta Fahrenholz, Christian Jankowski, Jesper Just, Peter Roehr, Roee Rosen, John Smith und Mark Wallinger. In den KunstWerken spielt der Film seit jeher eine große Rolle, zuletzt fand dort die große Christoph Schlingensief-Ausstellung statt. Die neue Ausstellung ist bis zum 27. April zu sehen, sie wurde vom Hauptstadtkulturfonds gefördert. Mehr zur Ausstellung: real_emotions_thinking_in_film_414

Genre Hybridisation

2013.HybridisationIm Februar 2012 fand in Mainz eine Konferenz zum Thema „A Paradigm of Cultural Globalization“ statt. Die Vorträge – alle in Englisch – wurden jetzt in der Reihe „Marbur-ger Schriften zur Mediendrama-turgie“ publiziert. Einige interessante Texte wurden hinzugefügt. Der Horizont ist weit gespannt. Es geht um Geschichte und Gegenwart, um diverse Genre, einzelne Filme und auch einige weit entfernte Länder. Die beiden Herausgeber, Ivo Ritzer und Peter W. Schulze (Mainz), haben eine ausführliche Einleitung verfasst. Ich wähle sechs Texte aus, die mich am meisten interessiert haben: Marcus Stigleggers Referat über den Gothic Horror in Antonio Margheritis Spaghetti-Western. Dimitri Eleftheriotis’ Essay über die Filme von Jules Dassin (ihm haben wir 1984 eine Hommage der Berlinale gewidmet), Ivo Ritzers Vortrag über „Hybridisation, Deterritorialism, and the Post-Colonial Imaginary in Transnational Philippine Media Culture“ (auch wenn das philippinische Kino mir eher fremd ist), Barry Keith Grants Überlegungen zu Bram Stokers „Dracula“ und den beiden Verfilmungen von Murnau und Herzog, Irina Gradinaris Erkenntnisse über das neue russische Action-Kino von Aleksay Balabanov und Oksana Bulgakowas Text über den Umgang mit Genres und den zeitweiligen Verzicht darauf im sowjetischen Kino von den 1920er bis in die 50er Jahre. Die Abbildungen sind technisch perfekt, auch wenn sie manchmal relativ klein erscheinen. Mehr zum Buch: global-cinematic-flow.html

Dokumentarfilm-Ausbildung

2013.DokumentarfilmEs geht um die Ausbildung zum Filmdokumentaristen. Der Herausgeber Edmund Ballhaus ist Volkskundler und Filmemacher. Sein Buch hat eine klare Struktur: in vier Kapiteln werden die Filmhochschulen, die Kunsthochschulen, die ethnologischen und die kulturanthropologischen Institute Deutschlands, der Schweiz und Südtirols (Bozen) mit ihren Unterrichtskonzepten vorgestellt. Es gibt Interviews und Projektberichte. In einem letzten Kapitel werden Dokumentarfilmkonzepte und Repräsentationsformen im Umbruch thematisiert. Zu den Autoren gehören einige mir bekannte Protagonisten der Filmausbildung: Mathias Allary, Pepe Danquart, Dietrich Leder, Klaus Stanjek, Heiner Stadler, Dominik Wessely. Man spürt ihre oft langjährige Lehrerfahrung, Das Telefonat des Herausgebers mit Thomas Schadt hat einen fast dokumentarischen Duktus. Schadt bringt immerhin auch die Berliner dffb ins Spiel, die ansonsten in diesem Band nicht vorkommt, weil sie keinen eigenen Dokumentarfilm-Schwerpunkt hat. Auch die Wiener Filmakademie fehlt. Diese Lücken verwundern, aber die Lektüre der Texte vor allem von Leder (KHM, Köln), Stadler (HFF München), Stanjek (HFF Babelsberg) und Wessely (ifs, Köln) lohnt sich. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: =102864&verlag=4

Zur Genese des Jungen Deutschen Films

2013.AstMit dieser Dissertation hat Michaela Ast 2013 an der Ruhr-Universität in Bochum promo-viert. Der Titel „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“ ist ein Zitat aus dem „Oberhau-sener Manifest“ vom Februar 1962. Die Autorin stellt ihren Text methodisch in den Zusammenhang der „New Film History“, sie untersucht das Entstehen des Jungen Deutschen Films nicht primär an den Filmen selbst, sondern stellt sie in den größeren Zusammenhang (film)politischer, (film)publi-zistischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Ein wichtiger Aspekt sind für sie die „Westdeutschen Kurzfilmtage“ in Oberhausen. Auch die Zeitschrift Filmkritik spielt für sie eine große Rolle. Sie hat in den Archiven sorgfältig recherchiert (davon zeugen 1.369 Quellenhin-weise). Eigene Kapitel gelten der Frage „Operationalisierung des Films für Gesellschaftskritik oder Operationalisierung von Gesellschaftskritik für den Film?“ und dem Verhältnis des Jungen Deutschen Films zu Sprache und Literatur. Der Anhang enthält reproduzierte Dokumente und fünf Interviews mit Zeitzeugen, mit den Manifest-Unterzeichnern Bernhard Dörries und Haro Senft, dem damaligen Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage Hilmar Hoffmann, dem filmpolitisch sehr engagierten Tagesspiegel-Redakteur Volker Baer und der Schauspielerin Hanna Schygulla. Das Cover-Foto stammt von Haro Senft. Mehr zum Buch: wir-glauben-an-den-neuen.html

TAT/ORT

2013.TAT:ORTMit der Krimireihe in unserem Ersten Fernsehprogramm hat dieses Buch nicht das Geringste zu tun. Es handelt sich vielmehr um die Dissertation des Schweizer Filmwissenschaftlers Johannes Binotto, mit der er 2010 in Zürich promoviert hat. Den Eingang in seinen Text bildet das Horrorhotel „The Castle“ in Chicago, das der Serienmörder H. H. Holmes in den 1890er Jahren erbauen ließ und zu einem Tatort machte. Am Ende, als Ausgang, sind wir in dem von Gregor Schneider ab 1985 erbauten „Haus ur“ in Mönchengladbach-Rheydt, das  wie ein Irrgarten funktioniert. Auf der Basis des von Freud und Lacan für die Psychoanalyse definierten „Unheimlichen“ schlägt Binotto einen großen historischen Bogen durch die Kulturgeschichte, von Giovanni Battista Piranesi über Edgar Allen Poe, Charlotte Perkins Gilman, H. P. Lovecraft bis zu Fritz Lang („Obskure Kammern“) und Dario Argento („Perverse Räume“). Bei jeder Person findet der Autor einen für die Thematik individuellen Kern. Und wer eine Affinität zum Unheimlichen hat, wird mit vielen Entdeckungen konfrontiert. Dass Binotto ein glänzender Stilist ist, wissen wir u.a. aus seinen Texten für das Film-Bulletin. Seine Dissertation wurde von Elisabeth Bronfen wissenschaftlich betreut. Ein kleiner Nachteil des Buches: die Abbildungen sind technisch nicht gerade brillant. Titelfoto: Detail aus Hans Holbeins „The Ambassadors“ (1533). Mehr zum Buch: tatort-2178

Die Bären

Jury(1)Jury-Entschei-dungen bleiben oft geheimnis-voll. Auch gestern Abend, bei der Bären-Vergabe im Berlinale-Palast, als die meisten anwesenden Kritiker und Gäste mit dem Goldenen Bären für den amerikanischen Film BOYHOOD von Richard Linklater rechneten, hat die Jury anders entschieden. Die Siegestrophäe ging an den chinesischen Film BLACK COAL, THIN ICE von Diao Yinan aus China, und der Hauptdarsteller Fan Liao bekam einen Silbernen Bären. Richard Linklater musste sich mit dem Preis für die beste Regie begnügen. Den Großen Preis der Jury erhielt Wes Andersons THE GRAND BUDAPEST HOTEL (das finde ich in Ordnung). Als beste Darstellerin wurde völlig zurecht die Japanerin Haru Kuroki in dem Film THE LITTLE HOUSE von Yoji Yamada ausgezeichnet. Der Preis für das beste Drehbuch ging an den deutschen Beitrag KREUZWEG von Anna und Dietrich Brüggemann. Dominik Graf ging leer aus. Den „Alfred Bauer-Preis“ für einen Film, der neue Perspektiven eröffnet, erhielt der 91jährige Alain Resnais für AIMER, BOIRE ET CHANTER. Das ist zumindest eine originelle Entscheidung. Denn offenbar hat die Jury dabei an das Lebenswerk von Resnais gedacht. Foto: die Mitglieder der Jury am Eröffnungsabend. Und hier sind die Preisträger im Bild: preise_internationale_jury/index.html

Bären-Verleihung

2014.BärenHeute Abend findet im Berlinale-Palast die Bären-Verleihung statt. Die Jury unter dem Vorsitz des Produzenten James Schamus darf einen Goldenen und sieben Silberne Bären vergeben. Im Wett-bewerb konkurrieren zwanzig Filme. Wenn man in den letzten neun Tagen die Bewertungen der Kritiker im Tagesspiegel und in der Berliner Zeitung verfolgt hat, dann gab es bis Donnerstag keinen eindeutigen Favoriten und ziemlich unterschiedliche Meinungen.

2014.LinklaterDas hat sich nach dem Film BOY-HOOD von Richard Linklater geändert – jetzt sind sich alle einig, dass dieser Film gewinnen muss. Er ist auch für mich ein absolutes Meisterwerk. Linklater hat zwölf Jahre daran gearbeitet. Seine fiktionale Langzeitbeachtung erzählt das Leben eines Jungen (Ellar Coltrane) zwischen sechs und 18 in einer zerrissenen Familie mit einer engagierten Mutter (Patricia Arquette) und einem immer sympathischer werdenden Vater (Ethan Hawke) in Texas. Es ist ein Film über das Vergehen der Zeit, in dem die Musik, die Kommunikation und die Autos eine große Rolle spielen. Er kommt für viele Bären in Frage. Heute Abend wissen wir mehr. Bei der Bewertung der anderen Filme des Wettbewerbs halte ich mich zurück, ich habe weniger gesehen als in den vergangenen Jahren. Wenn BOYHOOD den Goldenen Bären bekommt, wird es ein langer Abend. Denn der Film dauert 165 Minuten. Ich würde mir ihn gern noch einmal ansehen.