30. April 1945

2014.KlugeDer 30. April 1945 war ein Montag. Es war „Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann“. Alexander Kluge ist an diesem Tag 13 Jahre, zwei Monate und 16 Tage alt. Er lebt in Halberstadt. Am 8. April 1945 waren große Teil der Stadt bei einem Luftangriff zerstört worden. Alexander ist nur knapp vom Einschlag einer Spreng-bombe verschont worden. Es ist eine „Delle in meinem Urvertrauen“. Psychologen würden von einem Trauma sprechen. Peter Laudenbach hat für den Tagesspiegel ein interessantes Gespräch mit Alexander Kluge geführt: 9976068.html. Halberstadt ist am 30. April 1945 bereits von den Amerikanern besetzt. Dieser Tag ist das zeitliche Zentrum des Buches. „Ankunft am Endpunkt“ heißt das erste Kapitel. Aber der Horizont ist offen. Das zweite Kapitel, „In einem anderen Land“, führt uns in die Schweiz, das dritte, „In der Reichshauptstadt“, nach Berlin, das vierte, „In einer kleinen Stadt“, nach Halberstadt, das fünfte, „Auf dem Erdball“, rund um die Welt: In San Francisco wird die Gründung der Vereinten Nationen vorbereitet, an der New Yorker Börse machen die Aktien einen Sprung nach oben, in Argentinien misslingt ein Putsch gegen die Regierung, im Exil macht sich Bert Brecht Gedanken über die europäische Arbeiterklasse, ein deutsches U-Boot fährt in einen japanischen Kriegshafen auf Java ein. Die Kombination der Texte und Schauplätze hat ihre eigene Logik. Ein spezielles Kapitel ist „Heidegger auf Burg Wildenstein“ gewidmet. Jedem Kluge-Kapitel folgt ein kleiner Text des Schriftstellers Reinhard Jirgl. Und „Anstelle eines Nachworts“ lässt uns der Autor an einer kleinen Schreibkrise im August 2013 auf Schloss Elmau teilhaben. Das Buch fasziniert durch das Nebeneinander von Dokument und Fiktion, Geschichte und Gegenwart, Tragik und Komik. Das ist Alexander Kluge, wie wir ihn lieben. Mehr zum Buch: alexander_kluge_42420.html

Frauen bei John Ford

2014.Ford FrauenFür viele ist John Ford „the ultimate man’s director“, weil sie bei seinem Namen vor allem an John Wayne, Henry Fonda, James Stewart oder Victor McLaglen denken, weil sie sein Werk auf die klassischen Western und Militärfilme fokussieren, weil ihnen Namen wie Sara Allgood, Jane Darwell, Mildred Natwick oder Cathy Downs eher fremd sind. Gegen diese Sicht der Ford-Filme opponiert der Schriftsteller David Meuel in seinem gerade erschienenen Buch, das mich mit seinem Titel schon bei der ersten Ankündigung neugierig gemacht hat. Ich bin beeindruckt von Meuels Blick auf die Filme und von seinen gründlichen Recherchen. Sie fügen sich zu einem etwas veränderten John Ford-Kosmos, der das vorherrschende Männer-Bild relativiert und den Blick für viele Details und Nuancen öffnet. In 17 Kapiteln stehen jeweils ein oder zwei Darstellerinnen im Mittelpunkt. Die Filme werden durch konkrete Beschreibungen in Erinnerung gerufen, die Frauenrollen werden in ihren Variationen analysiert, Dialoge werden zitiert, es wird auf besondere Inszenierungsmomente aufmerksam gemacht. Am besten gefallen haben mir die Kapitel über Claire Trevors Dallas in STAGECOACH und Joanne Drus Denver in WAGONMASTER, über Donna Reeds Sandy Davyss in THEY WERE EXPENDABLE, natürlich über Maureen O’Haras Kathleen in RIO GRANDE und Mary Kate in THE QUIET MAN, aber auch über Ava Gardners Honey Bear und Grace Kellys Linda in MOGAMBO und Anne Bancrofts Dr. Cartwright in 7 WOMEN. In der Regel schließt jedes Porträt mit Hinweisen auf die Arbeit der Darstellerin nach ihrer Mitwirkung bei Ford. Ein spätes Kapitel sammelt Namen und Rollen, die der Autor nicht ausführlicher würdigen konnte. Zum Beispiel Cathy Downs, die Darstellerin der Clementine. Die Abbildungen sind akzeptabel. Coverfoto: Grace Kelly und Ava Gardner in MOGAMBO. Mehr zum Buch: 978-0-7864-7789-0

DIE STADT DER MILLIONEN

2014.DVD.StadtZwei Jahre vor Walther Ruttmanns BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSS-STADT (1927) entstand DIE STADT DER MILLIONEN von Adolf Trotz, ein Ufa-Kultur-film, der wenig bekannt ist und als Dokument große Qualitäten hat. Natürlich bleibt er hinter den experi-mentellen Ansprüchen von Ruttmann weit zurück. Aber sein authentisches Bild-material ist beeindruckend. Vier Kapitel strukturieren den Film: 1. „Quer durch Berlin“. 2. „Des Tages Arbeit“. 3. „Berlin bei Nacht“. 4. „Der Sonntag des Berliners“. Diesen Themen sind Impressionen der Stadt zugeordnet und – auch das unterscheidet ihn von Ruttmann – Spielszenen, in denen Geschichtsmomente nachinszeniert wurden. Sie sind aus heutiger Sicht der vielleicht schwächste Teil des Films. Während bei Ruttmann die Annäherung an die Stadt mit der Eisenbahn beginnt, kommen wir bei Trotz mit dem Flugzeug und wechseln dann zur Stadtrundfahrt in einen Autobus. Es sind natürlich die bekannten Straße und Plätze, die uns gezeigt werden: Friedrichstraße, Leipziger Straße, Alexanderplatz, das Schloss, der Potsdamer Platz, die Tauentzienstraße und der Kurfürstendamm, der Zoo, der Tiergarten und das Rote Rathaus. Es gibt früh eine Vision: Berlin im Jahr 2000. Sie erinnert ein bisschen an METROPOLIS, realisiert als Zeichentrickfilm. Verkehrmittel spielen eine große Rolle: Autos, Droschken, U-Bahnen. Und die städtischen Einrichtungen kommen ins Bild: Polizei, Feuerwehr, Krankenhäuser. Die Kamera fotografiert Menschen der Zeit – auf dem Markt, bei der Arbeit, beim Tanzen, auf dem Rummelplatz, am Sonntag beim Sport. Oft wird mit Splitscreen gearbeitet, um die Dynamik zu vergrößern. Auch der Film hat seinen Stellenwert: die Filmateliers in Tempelhof und Neubabelsberg, die Kinos in der Stadt. Ein kleiner Ausflug führt nach Potsdam (Sanssouci) und ans Grab von Heinrich von Kleist. Am Ende sind einige politische Ereignisse dokumentiert. Die Musik stammt von Boris Bojadzhiev und Bowen Liu. Das Filmmuseum Potsdam hat die DVD bei Absolut Medien herausgegeben. Die Aufsätze von Guido Altendorf, Jesko Jockenhövel und Mario Geßler im Booklet sind informativ. Der Film IM STRUDEL DER VERKEHRS (1925) von Leo Peukert (39’) gehört zum Zusatzmaterial. Cover-Zeichnung: Heinrich Zille. Mehr zur DVD: 1551&list=thema&list_item=53

Christoph Girardet & Matthias Müller

2014.Tell MeChristoph Girardet (*1966) und Matthias Müller (*1961) sind zwei deutsche Experimental-filmer. Sie haben beide an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste studiert, sind bestens vertraut mit der internationalen Filmgeschichte, haben bei einer Hitchcock-Ausstellung erstmals zusammengearbeitet und inzwischen mehr als 25 Arbeiten gemeinsam realisiert. Im Frühjahr hat ihnen der Kunstverein Hannover die Ausstellung „Tell Me What You See“ gewidmet und dazu einen beeindruckenden Katalog publiziert, der im Verlag für moderne Kunst erschienen ist. Mit kleiner Verspätung weise ich auf ihn hin, weil er sehr anschaulich den Umgang der beiden Künstler mit der Filmgeschichte deutlich macht. Das geschieht in Bildmontagen, auch in vielen Einzelbildern und mit aufschlussreichen Texten. René Zechlin, Direktor des Kunstvereins Hannover, formuliert substantielle Gedanken zu den Unterschieden zwischen dem Genre Film und der Bildenden Kunst mit Beispielen aus dem Werk von Girardet und Müller. Volker Hummel, Kurator aus Hamburg, nähert sich den beiden Künstlern mit persönlichen Erlebnissen. Von Peter Bexte, Professor an der Kölner Kunsthochschule für Medien, stammen Reflexionen speziell über die Filme COUNTRE-JOUR und MAYBE SIAM. Und Johannes Binotto, Kulturwissenschaftler in Zürich, nennt seinen klugen Essay „Zusammen/Schneiden. Operationen am lebenden Körper des Films“. Alle Texte auch in Englisch. Ein mustergültiger Katalog. Mehr zum Buch: Christoph-Girardet-and-Matthias-Mu-ller/

Palast der Schatten

2014.PalastEin Kriminalroman aus der Frühzeit des Films. Im Mittelpunkt: ein Liebespaar. Theo ist ein genialer Kinoerzähler, der zusammen mit Freunden ein kleines Stadtkino betreibt. Carla ist eine Pianistin mit einer Vergangenheit, über die sie nicht sprechen will. Auch mit Theo nicht. Sie sorgt im Kino für den lang-samen Übergang von den Einaktern zu den längeren Filmen. DER STUDENT VON PRAG fordert von ihr mehr musikalische Fähig-keiten als die kurzen Filme mit Standard-motiven. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Theo wird als Soldat eingezogen und erleidet tiefe Traumata an der Front. Urlaube werden verweigert, er kehrt erst als psychischer Invalide nach Hause zurück. Inzwischen haben wir auch mehr über die Vergangenheit von Carla erfahren. Das Ende des Romans ist dramatisch. Dagmar Fohl verfügt über eine dem Thema angemessene expressive Sprache, sie erzählt wechselnd aus der Perspektive von Theo und Clara und hat sich erstaunlich in die Welt des frühen Films eingearbeitet. Sie weiß, welche Probleme es gab, als in den Kinos keine französischen Filme mehr gezeigt werden durften, als die Kinos in den kleinen Städten generell ins Abseits gerieten und ist als Historikerin vertraut mit der Kriegssituation in Deutschland. Ein spannender Roman aus der frühen Kinozeit. Titelfoto: Norma Talmadge (1916), ähnlich ausdrucksstark dürfen wir uns Carla vorstellen. Mehr zum Buch: palast-der-schatten.html

Westdeutsches Nachkriegskino

PSY Bliersbach-2334 131016 COV.inddGerhard Bliersbach (*1945) ist Diplom-Psychologe und Autor. Sein Buch „So grün war die Heide“ erschien 1985 und war eine sehr lesenswerte Analyse von 14 Genrefilmen der 1950er Jahre. Im Fokus standen dabei die Familienkonflikte, die in den Filmen abgebildet wurden, weil sie eine Widerspiegelung von psychosozialen Befindlichkeiten sind. Im Tonfall sehr unaka-demisch, aber mit ideologie-kritischem Blick hatte sich Bliersbach für ein eher verach-tetes Kapitel der deutschen Filmgeschichte interessiert. In seinem neuen Buch, „Nachkriegskino“, erschienen im Psychosozial-Verlag in Gießen, erweitert er das Spektrum seiner Filmauswahl. Jetzt sind es rund fünfzig Filme, die er genauer betrachtet. Fünf Hauptkapitel strukturieren seinen Stoff: 1. Beschädigungen (1946-1949). 2. Reparaturen (1950-1962). 3. Recht-fertigungen (1954-1960). 4. Ausbrüche (1956-1958). 5. Abrechnungen (1958-1963). So spannt er den Bogen von Staudtes DIE MÖRDER SIND UNTER UNS zu Reinls WINNETOU. Besonders gelungen finde ich seine Hinweise zu SISSI, DIE HALBSTARKEN und DER REST IST SCHWEIGEN. Manchmal wünschte man sich etwas größere Ausführlichkeit und eine entsprechende Vertiefung. Der Vorteil des Autors: seine Texte wirken eher lakonisch und gelegentlich auch ironisch. Für eine „Psychohistorie des westdeutschen Nachkriegsfilms“ ist das eine eigenständige Qualität. Die Bibliografie ist umfangreich, der Verzicht auf Abbildungen ist nahe liegend. Umschlagfoto: das Münchner Filmtheater am Lenbachplatz zeigt DIE HALBSTARKEN (1956). Mehr zum Buch: info.php/products_id/2334

Alain Badiou: Kino

2014.Badiou.KinoDer französische Philosoph Alain Badiou (*1937) hatte schon in jungen Jahren eine große Affinität zum Kino. Im Wiener Passagen Verlag sind jetzt seine gesammelten Schriften zum Film erschienen: 31 Texte und zwei Gespräche aus der Zeit von 1957 bis 2010. Der Ton hat sich über die Jahre verändert, man spürt die Entwicklung vom „Aktivisten“ zum altersweisen Philosophen. Es gibt eine Einführung und ein einleitendes Gespräch mit Badiou von Antonie de Baecque, dann folgen die Texte in chronologischer Reihenfolge. Wer zunächst einen Kerntext lesen will, sollte auf S. 321 beginnen: „Der Film als philosophisches Experiment“ (2003). Da werden, mit vielen konkreten Filmbeispielen, die Parameter des Blicks von Badiou aufs Kino deutlich. Mir haben drei Texte besonders gut gefallen: seine kurze Reflexion über Bressons LE DIABLE, PROPABLEMENT, publiziert 1978, seine „Notizen zu Murnaus DER LETZTE MANN“ (1997) und sein Essay „Das filmische Erfassen der Geschlechter“, der Antonionis IDENTIFICATIONE DI UNA DONNA zur Grundlage nimmt (2000). Schlöndorffs Film DIE FÄLSCHUNG wird in einer Kritik aus dem Jahr 1981 als „schädlich“ verurteilt. Da stimme ich mit Badiou nicht überein. Immer wieder sind Hinweise auf Ozu und aufs klassische Hollywood-Kino eingearbeitet. Schön lesen sich seine „Abgebrochenen Anmerkungen zur französischen Filmkomödie“ (1983). Der letzte Text beschäftigt sich mit A PERFECT WORLD von Clint Eastwood (2010). Es gibt keine Abbildungen, aber das ist kein Nachteil, vermisst habe ich ein Register, zumindest für die Filmtitel wäre dies hilfreich, um Badiou gelegentlich zu zitieren. Mehr zum Buch: 9783709200865&L=0

SCHONZEIT FÜR FÜCHSE

2014.DVD.SchonzeitEr gehörte zu den Unter-zeichnern des „Oberhaus-ener Manifests“, war einer von vier Söhnen des Film-wissenschaftlers Victor Schamoni und drehte 1965 seinen ersten Spielfilm: SCHONZEIT FÜR FÜCHSE. Peter Schamoni (1934-2011) ist später vor allem mit seinen Künstlerporträts bekannt geworden. Sein Debütfilm lief im Wett-bewerb der Berlinale 1966, Schamoni gewann einen „Silbernen Bären“. Es ist interessant, den Film nach 48 Jahren wiederzusehen. Es gibt ihn jetzt auf DVD. Erzählt werden Generationskonflikte der 1960er Jahre. Ort der Handlung: Düsseldorf. „Er“ und sein Freund Viktor (gespielt von Helmut Förnbacher und Christian Doermer) gehen nur intellektuell auf Distanz zu den Reichen der Stadt. Sie helfen bei der Treibjagd, sie machen sich lustig über die Rituale, aber sie leisten keinen spürbaren Widerstand. Es fehlt ihnen eine Haltung zum Leben. Viktor wandert am Ende nach Australien aus, „er“ wird Journalist, obwohl ihn eigentlich nichts interessiert, worüber er schreiben könnte. Der Film, in Schwarzweiß gedreht wie fast alle Produktionen des „jungen“ (west-)deutschen Kinos, zeigt die damalige gesellschaftliche Realität in interessanten Bildern – an der Kamera stand Jost Vacano. Auch die Musik (Hans Posegga) klingt modern. Zwei junge Frauen werden von Andrea Jonasson und Monika Peitsch verkörpert. Und natürlich ist Willy Birgel als Jagdautor ein Verweis auf alte Zeiten. Die literarische Vorlage („Das Gatter“) stammt von Günter Seuren. Zu den Extras gehören ein 24-seitiges Booklet, der Originaltrailer, ein Bericht über die Dreharbeiten, ein Bericht zur Filmpremiere, der Kurzfilm DIE TEUTONEN KOMMEN (1962) und Erinnerungen von Helmut Förnbacher und Jost Vacano. Mehr zur DVD: php?movie_id=795

Der Tramp und die Bombe

2014.Tramp und BombeAuch hier geht es, wie im Buch „Die besten Filme, die Sie nie sehen werden“, um ein Projekt, das nicht realisiert wurde. James Agee (1909-1955) war ein amerikanischer Filmkritiker und Schriftsteller. Er schrieb 1947 ein (offenbar unbetiteltes) Manu-skript mit einem für Charles Chaplin gedachten Stoff: eine Atombombe explodiert über New York. Der Tramp Charlie bleibt am Leben und streift durch die menschenleere Stadt. Er trifft auf eine junge Frau und ein kürzlich geborenes Kind, die ebenfalls überlebt haben. In unterirdischen Laboratorien haben auch die Wissenschaftler, die die Bombe gezündet haben, überlebt. Aus der Konfrontation der Gruppen und der Darstellung der Post-Apokalypse entwickelte Agee seinen Plot, den er in einzelnen Szenen bereits weit konkretisiert hatte, in vielen Teilen aber für Variationen offen hielt. Der Autor war Chaplin sehr zugeneigt, wurde später sogar zu einem Freund, aber parallele Projekte (Agee schrieb das Drehbuch zu AFRICAN QUEEN für John Huston) und der unfreiwillige Abschied Chaplins aus Amerika verhinderten die Realisierung des gemeinsamen Films. Im Nachlass Chaplins wurde vor zehn Jahren das Manuskript gefunden und 2005 in den USA publiziert. Jetzt ist bei Diaphanes die deutsche Ausgabe erschienen. Sie liest sich sehr spannend, weil man den Tramp in vielen Szenen imaginieren kann. Natürlich war das Entsetzen des Autors über die Zündung der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki der Auslöser für seine Projektidee und bildet den immer präsenten Subtext. Sven Koch hat für die deutsche Ausgabe ein informatives Nachwort geschrieben. Mehr zum Buch: www.diaphanes.net/buch/detail/2174

Geniekult

205-79481-3_BR_koehneFIN.inddÜber die Kategorisierung „Genie“ gab es vor hundert Jahren offenbar eine heftige Debatte. Sie wurde in der Geisteswissenschaft und in der Literatur unterschiedlich geführt, Walter Benjamin, Jakob Wassermann oder Edgar Zilsel gehörten zu den Protagonisten der Auseinander-setzung. Die Kulturwissenschaftlerin Julia Barbara Köhne hat dies zum Thema ihrer Habilitationsschrift gemacht. Sie stellt sehr differenziert die neuen Variablen in der Genie-konzeption seit der Jahrhundertwende in den Fragen des Geschlechts, der Genealogie, der Religion, der „Rasse“ und der Nation dar und konfrontiert sie mit den neuen Idealen der naturwissenschaftlichen Rationalität, Objektivität und Expertise. Für mich noch interessanter ist der zweite Teil des Buches, der – in einem Zeitsprung – die filmischen Adaptionen des Geniekults ab Mitte der 1980er Jahre zum Gegenstand hat. Drei Filme werden beispielhaft in den Mittelpunkt gestellt: AMADEUS (1984) von Milos Forman, SCHLAFES BRUDER (1995) von Joseph Vilsmaier und A BEAUTIFUL MIND (2001) von Ron Howard. Es geht also um den „genialen“ Komponisten Mozart und dessen Lebensgeschichte, die der Film aus der Perspektive seines Konkurrenten, des Wiener Hofkomponisten Salieri erzählt, um einen (fiktiven) Elias Alder, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit seinem „genialen“ Gehör in existentielle Schwierigkeiten gerät, und um den „genialen“ Mathematiker John Forbes Nash, der eine Schizophrenie überwinden muss und 1994 mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wird. Köhne analysiert sehr präzise die Dramaturgie – vor allem die Erzählperspektiven – , die Visualisierung und die Inszenierung der drei genannten Filme. Natürlich spielen in den Figurenkonstallationen die Frauen eine besondere Rolle, die sich aufopfern und mit dem „Wahnsinn“ der Männer umgehen müssen. Am Ende fragt die Autorin: „Ist jetzt Schluss mit dem „Genie“? Ist die heutige Gesellschaft genielos? Wie haben sich die Wissensmodalitäten und die Morphologie des „Genialen“ verändert? Wer sind die „Genies“ von heute? (…)“. So geht es, bei aller historischen Fokussierung, auch um aktuelle Bewertungen. Das macht das Buch spannend. Mehr zum Buch: newbuchliste.aspx