Musical- und Tanzfilm

2014.Musical„All Singing, All Dancing“ heißt die Filmreihe mit Hollywood-Musicals 1933-1957 im Berliner Kino Arsenal, die heute Abend beginnt. Zur Eröffnung ist THE PIRATE (1948) von Vincente Minnelli zu sehen, mit Judy Garland und Gene Kelly in den Hauptrollen. Daniel Kothen-schulte hält die Einführung. 22 Filme stehen bis Ende Januar auf dem Programm. Da trifft es sich gut, dass bei Reclam in der Reihe „Filmgenres“ gerade der Band „Musical- und Tanzfilm“ erschienen ist, herausgegeben von Dorothee Ott und Thomas Koebner. Mehr als 100 Filme aus der Zeit zwischen 1930 (DIE DREI VON DER TANKSTELLE) und 2012 (ROCK OF AGES) werden in bewährter Weise vorgestellt. Insgesamt 19 Autorinnen und Autoren sind daran beteiligt, die meiste Arbeit haben sich die Herausgeber gemacht: Thomas Koebner schreibt über 26 Filme, Dorothee Ott über 24. Besonders gefallen haben mir die Texte von Thomas Koebner über deutsche Tonfilm-Operetten und die Comédie musicale, von Andreas Friedrich über THE WIZARD OF OZ, von Norbert Grob über HOT BLOOD, von Dorothee Ott über die Filme mit Fred Astaire und Ginger Rogers und von Ursula Vossen über die Tanzfilme von Carlos Saura. Es ist der 17. Band in der Reihe der „Filmgenres“. Wenn man jetzt das Arsenal mit dem Buch in der Tasche besucht, wird man nur in drei Fällen im Stich gelassen: man findet keinen Text zu THE PIRATE und zu GUYS AND DOLLS und nichts Substantielles zu ZIEGFIELD FOLLIES. Die Bewährungsprobe haben die Herausgeber aus meiner Sicht damit bestanden. Coverfoto: SINGIN’ IN THE RAIN. Mehr zum Buch: Musical__und_Tanzfilm

Autobiographical Turn

2014.Autobiographical TurnAusgangspunkt für diese sehr interessante Publikation war ein Symposium der University of Toronto 2008: „Autobiogra-phical Non-Fiction Film: The German Context“. Diskutiert wurde dort der Trend im deutschen Film, das eigene Leben in Dokumentarfilmen zu thematisieren und das „Ich“ sichtbar und hörbar zu machen. Für die jetzt vorliegende Veröffentlichung sind die Texte durch viele Quellenhinweise ergänzt und erweitert worden, außerdem wurde auch der Schweizer Film in die Untersuchung einbezogen. Die zwölf Beiträge sind von einer internationalen Perspektive geprägt und wirken sehr reflektiert. Die Kulturwissenschaftlerin Angelica Fenner (Toronto) und die Medienwissenschaftlerin Robin Curtis (Düsseldorf) schaffen in ihrer Einführung die Basis dafür (“The Difficulties of Saying ‚I’ in the German Context“) und konkretisieren dies in einem Gespräch mit der Filmemacherin und Künstlerin Hito Steyerl. Christopher Pavsek (Vancouver) setzt sich mit den sehr persönlichen Filmen von Sylvia Schedelbauer auseinander. Marcy Goldberg (Zürich) analysiert den Film HANS IM GLÜCK des kürzlich verstorbenen Schweizer Regisseurs und Kameramanns Peter Liechti. Anna Stainton (Toronto) verfolgt die Spuren von Helke Misselwitz in dem Dokumentarfilm WINTER ADÉ. Feng-Mei Heberer (University of Southern California) befragt die in Deutschland arbeitenden Filmemacher Wayne Yung, kate hers und Ming Wong, die alle aus Asien stammen, nach den Ich-Bezügen in ihren experimentellen Videoarbeiten. Rembert Hüser (Frankfurt am Main) analysiert den Dokumentarfilm FREMD GEHEN von Eva Heldmann. Dagmar Brunow (viele Jahre Filmdozentin in Schweden) schreibt über den Film WIR HABEN VERGESSEN ZURÜCKZUKEHREN von Fatih Akin. Tobias Ebbrecht-Hartmann (Jerusalem) setzt sich mit zwei autobiografischen Dokumentarfilmen auseinander: WINTERKINDER von Jens Schanze und 2 ODER 3 DINGE, DIE ICH VON IHM WEISS von Malte Ludin. Beide sind persönliche Konfrontationen mit der Nazi-Vergangenheit der Familie. Waltraud Maierhofer (University of Iowa) und Angelica Fenner untersuchen den umstrittenen Schweizer Film SIEBEN MULDEN UND EINE LEICHE von Thomas Haemmerli. Bei Carrie Smith-Prei (University of Alberta) geht es um den Film BRINKMANN ZORN von Harald Bergmann. Steve Choe (University of Iowa) konfrontiert die Selbstinszenierungen von Wim Wenders in Filmen wie LIGHTNING OVER WATER mit seinen filmhistorischen Texten in dem Band „Emotion Pictures“. Patrick Sjöberg (Karlstad) erinnert an die Selbstdarstellung von Rainer Werner Fassbinder in DEUTSCHLAND IM HERBST. Lesenswert. Coverfoto: HANS IM GLÜCK. Mehr zum Buch: Product=14619

Ken Adam

2014.Ken AdamHeute wird im Museum für Film und Fernsehen in Berlin die Ken Adam-Ausstellung „Bigger Than Life“ eröffnet. Der Production Designer hat der Deutschen Kine-mathek vor zwei Jahren seine Sammlung übereignet. Sie bildet die Basis für die Präsen-tation. Aber die Fotos, Dokumente und Entwürfe sind nur die eine Seite der Ausstellung – beeindruckend ist vor allem die Visualisierung in den eigentich sehr begrenzten Räumen im 1. und 2. Stock des Filmhauses. Erstmals ist auch wieder der seit acht Jahren geschlossene Spiderman-Bereich einbezogen, als „Ken Adams Welt“, in der er an der Konzeption des legendären War Rooms für Stanley Kubricks DR. STRANGELOVE arbeitet. Sehr gelungen sind die Raumvisionen zu den Themen „Villen und Apartments“, „Verliese und Labore“, „Machtzentren und Versammlungsräume“, „Tempel und Kathedralen“, „Wasser und Luft“. Es gibt überzeugende Medien-Installationen und am Ende den biografischen Raum „Berlin und London“ und den in die Zukunft weisenden Bereich „Inspiration und Wirkung“. Dies ist eine der aufwendigsten Ausstellungen der Kinemathek in ihrer Geschichte. Zur Eröffnung werden die Staatsministerin Monika Grütters und der inzwischen 93jährigen Ken Adam mit seiner Frau Laetizia erwartet. Auch der Katalog hat große Qualitäten. Er überrascht mit einem Grußwort von Daniel Libeskind und führt die Leserinnen und Leser durch Ken Adams Leben und Werk mit Texten von Silke Ronneburg („Das erste Leben des Ken Adam“), Jana Scholze („London – Permanenz in Impermanenz“), Jon Yader („Los Angeles und das zweite Maschinenzeitalter“), Boris Hars-Tschachotin („Praktiken des Entwerfens“ und „Lines in Flow – eine Medieninstallation“), Rainer Rother (zum Filmdesign von PENNIES FROM HEAVEN), Andreas Platthaus („Die Zeichnungen in ihrer Wechselwirkung mit Cartoon und Comic“), Kristina Jaspers („Ken Adams antike Weltwunder“), Peter Mänz („Die Berlin-Filme“), Gerhard Midding („Ken Adam on Location“), Marcel Bächtiger („Formensprache und Rauminszenierung in den Szenenbildern“), Eileen Rositzka („Kriegstechnologie und fantastische Gadgets“), Carolin Höfler/Matthias Karch („Handzeichnungen und Kopfräume“). Die Abbildungen sind exzellent. Die Ausstellung ist bis zum 17. Mai 2015 zu sehen. Mehr zum Katalog: bigger_than_life/product-3206.html

Gyula Trebitsch

2014.TrebitschEr gehörte zu den erfolgreichsten und kreativsten Produzenten in der Bundesrepublik. Im November wäre er 100 Jahre alt geworden. In der Reihe der „Hamburger Köpfe“ des Verlages Ellert & Richter ist zum Geburtstag eine höchst lesenswerte Biografie von Gyula Trebitsch erschienen, verfasst von Michael Töteberg und Volker Reißmann. Sie erzählt die beeindruckende Lebensgeschichte eines filmbessenen Ungarn, der mit 22 Jahren die Firma „Objectiv Film kft“ gründete, die im Auftrag der Ufa in Budapest Spielfilme produzierte. Ab 1939 musste Trebitsch aufgrund der „Judengesetze“ die Geschäftsleitung niederlegen, wurde dann zum Arbeitsdienst eingezogen, konnte fliehen und hielt sich illegal in Ungarn auf, bis er 1944 nach Deutschland deportiert wurde und die Zeit von November 1944 bis zur Befreiung in verschiedenen KZ-Lagern verbrachte. Diese Erlebnisse haben sein Geschichtsbewusstsein geprägt und später auch entsprechende Filmprojekte beeinflusst. 1947 gründete er zusammen mit Walter Koppel die „Real-Film“. Zu ihren größten Erfolgen gehörte DER HAUPTMANN VON KÖPENICK mit Heinz Rühmann. Ab 1959 trennten sich die Wege: Koppel drehte Kinofilme, Trebitsch gründete das „Studio Hamburg“ und sah das Fernsehen als seine Zukunft. Die beiden Autoren beschreiben die folgenden Jahrzehnte mit großer Genauigkeit, widmen so wichtigen Projekten wie DIE SENDUNG DER LYSISTRATA mit Romy Schneider, EIN ZUG NACH MANHATTAN mit Heinz Rühmann und DIE GESCHWISTER OPPERMANN von Egon Monk die notwendige Aufmerksamkeit und geben ihrem Text mit vielen Trebitsch-Zitaten eine eindrucksvolle Lebendigkeit. Vor neun Jahren, im Dezember 2005, ist Gyula Trebitsch in Hamburg gestorben. Zahlreiche Abbildungen rufen sein Leben und seine Arbeit in Erinnerung. Mehr zum Buch: 978-3-8319-0585-0

Die Coen-Brüder

2014.Coen BrüderIn den vergangenen 30 Jahren haben sie 16 Filme realisiert. Die Brüder Joel (*1954) und Ethan (*1957) Coen gelten als eigen-willige und sehr erfolgreiche Geschichtenerzähler. Im März war ihnen das 12. Mannheimer Filmseminar gewidmet, bei dem sich in jedem Jahr Psycho-analytiker und Filmwissen-schaftler mit einem Regisseurs-Werk auseinandersetzen. Jetzt ist bereits die dokumentierende Publikation erschienen. Sie enthält zwölf Texte, die sich den Coen-Filmen aus unterschiedlicher Perspektive nähern. Der Filmpublizist Manfred Riepe setzt sich in seinem klugen Essay sehr grundlegend mit dem Kernmotiv der Filme auseinander, dem hartnäckigen Scheitern, konkret: mit den „haarsträubenden Geschichten männlicher Verlierertypen“. Die anderen Texte sind vorwiegend einzelnen Filmen gewidmet. Katharina Leube-Sonnleitner und Marcus Stiglegger analysieren BARTON FINK, sie aus psychoanalytischer, er aus filmtheoretischer Perspektive. Mechthild Zeul schreibt sehr konkret über die Mischung von Gewalt und Komik in FARGO (das ist noch immer mein persönlicher Lieblingsfilm der Coen-Brüder). Peter Bär verweist auf das Spiel mit Homers ‚Odyssee’ in O BROTHER, WHERE ART THOU? und auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund der späten 1930er Jahre. Die Filmwissenschaftlerin Christina Mathes interpretiert unter der schönen Überschrift „Mann ohne Eigenschaften“ THE MAN WHO WASN’T THERE mit dem Anti-Helden Ed Crane. Der Psychoanalytiker Andreas Homburger beschäftigt sich mit dem wohl erfolgreichsten Film der Brüder, NO COUNTRY FOR OLD MEN (dafür bekamen sie 2008 drei Oscars). Dirk Blothner macht psychoanalytische Anmerkungen zu BURN AFTER READING. Isolde Böhme untersucht den spezifisch jüdischen Kontext in A SERIOUS MAN, einem Film mit autobiografischem Background. Ralf Zwiebel entdeckt die Struktur der rückblickenden Erzählung im Remake von TRUE GRIT, nach dem Roman von Charles Portis. Der letzte Beitrag stammt von Dieter Stern und setzt sich mit der Musik in den Coen-Filmen auseinander. Die Lektüre des Buches ist spannend, die Abbildungen sind drucktechnisch grenzwertig. Coverfoto: die Coen-Brüder bei der Berlinale 2011. Mehr zum Buch: 9jkrl4te0kffgg2aci1a8t3e7

James Benning

2014.DVD.BenningDies ist bereits die fünfte DVD in der Edition Filmmuseum, die uns Werke des amerikanischen Filmemachers James Benning (*1942) zugänglich macht. Das ist vor allem dem Österreichischen Filmmuseum zu verdanken, das sich stark für den dokumenta-rischen Avantgardisten engagiert. Diesmal sind zwei neuere Filme von Benning zu sehen: RUHR (2009) und NATURAL HISTORY (2014). Es waren seine ersten Arbeiten außerhalb Amerikas, digital gedreht im Ruhrgebiet und in Wien. RUHR ist ein 120-Minuten-Film, realisiert mit Unterstützung von ZDF/3sat, als das Ruhrgebiet europäische Kulturhauptstadt war. Der Film besteht aus sieben Einstellungen. Die ersten sechs dauern je zehn Minuten, die siebte 60 Minuten. Es sind natürlich immer feste Einstellungen, wir sehen einen Straßentunnel, ein Stahlwerk, den Himmel am Düsseldorfer Flughafen aus einem Wald heraus, eine moslimische Begegnungsstätte, das Enstehen eines Kunstwerks von Richard Serra, eine Wohnstraße und dann, sehr lange, den eigerüsteten Kühlturm einer Kokserei in Schwelgern, die Rauch ausstößt, bis es Nacht wird. Über die farblichen Eingriffe kann man sich Gedanken machen. Die Geräusche sind authentisch. Etwas anders wirkt der 77-Minuten-Film übers Naturhistorische Museum. Benning, der sonst nur in Landschaften filmt, konnte in Räumen drehen, die fürs Publikum nicht zugänglich sind. Er hat für seine Beobachtungen eine komplizierte Montage gewählt, die sich offenbar mathematisch erschließen lässt. Ein ungewöhnlicher Museumsfilm. Zur DVD-Edition gehört auch die Dokumentation JAMES BENNING: CIRCLING THE IMAGE (2003) von Reinhard Wulf, ein 84-Minuten-Porträt, in dem uns der Künstler sehr nahe kommt. Das Booklet enthält nach der Einführung von Alexander Horvath fünf sehr lesenswerte Texte: eine sehr persönliche Reminiszenz von James Benning an seine Beziehungen zu Europa und zu Menschen, die sich hier mit ihm verbunden fühlen und Erinnerungen von Werner Dütsch (bis 2004 Filmredakteur beim WDR), Reinhard Wulf (bis 2012 Filmredekteur beim WDR), Werner Ruzicka (seit 1985 Leiter der Duisburger Filmwoche) und Christian Köberl (Generaldirektor des Naturhistoschen Museums in Wien) an die Zusammenarbeit mit Benning. Coverfoto: aus dem Film NATURAL HISTORY. Mehr zur DVD: natural-history—Ruhr.html

Spätvorstellung

2014.Spätvorstellung„Die chancenlose Generation der DEFA“ ist der Untertitel des Buches von Reinhild Stein-gröver. Es ist im Frühjahr zunächst bei Camden House in Rochester erschienen und liegt jetzt in einer von der Autorin verantworteten Übersetzung in der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung vor: „Spätvorstellung“. Steingröver, Associate Professor of German and Film Studies an der Eastman School of Music der University of Rochester, leistet mit ihrem Buch wichtige Erinnerungsarbeit. Es geht um DEFA-Filme der Wendezeit, speziell um die Arbeiten der damals jüngsten, auf die DEFA-Geschichte bezogen vierten Generation. In ihrem ersten Kapitel („Narren und Clowns oder Verweigerung als Engagement“) stellt die Autorin den Film STEIN von Egon Günther Jörg Foths LETZTES AUS DER DA DA ER gegenüber und gewinnt aus der Kontrastierung interessante Erkenntnisse. Kapitel 2 („’Film muss zappeln’: DEFAs unzeitgemäße Poeten“) porträtiert sie die Regisseure Ulrich Weiß und Herwig Kipping. Auf den Film BANALE TAGE von Peter Welz, der die Situation von zwei Jugendlichen Ende der 1970er Jahre thematisiert, konzentriert sich das dritte Kapitel („Absurdes Endspiel“). Besonders differenziert und der Protagonistin zugeneigt ist das Kapitel über Helke Misselwitz („Flucht in die Realität“), in dem Helkes Filme von WINTER ADÉ über WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN und SPERRMÜLL bis zu HERZSPRUNG gewürdigt werden. Auch dem Dokumentaristen Andreas Voigt und seinen fünf Leipzig-Filmen ist ein lesenswertes Kapitel gewidmet („Das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen“). Im Schlusskapitel („Letzte Spätvorstellung: Architekten, Ziegen und Godot“) geht es vorzugsweise um Peter Kahane und seinen Film DIE ARCHITEKTEN, der nur mit großer Verzögerung gedreht werden konnte und im Mai 1990 in die Kinos kam. Die Realität war den Menschen da gerade wichtiger als ein Film. Umso interessanter ist es, sich heute mit diesen Filmen als Dokumenten der Zeit zu beschäftigen. Vor allem die Produktions- und Auswertungshintergründe hat die Autorin hervorragend recherchiert. Die Abbildungen sind gut ausgewählt und in bester Qualität gedruckt. Coverfoto aus dem Film DIE ARCHITEKTEN. Mehr zum Buch: spaetvorstellung.html

Harald Braun

2014.Harald BraunSein erster Film hieß ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE (1942). Sein erster Nachkriegsfilm trug den Titel ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN (1947). Harald Braun (1901-1960) hatte als Autor, Regisseur und Produzent seine große Zeit in den 1940er und 50er Jahren, filmhistorisch also eher in einer Zwischenperiode. Da gerät man leicht in Vergessenheit. Deshalb ist es sehr sinnvoll, dass Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen jetzt ein Buch über ihn publiziert haben, in dem die Stärken (und auch die Schwächen) von Harald Braun formuliert werden. Konsequent tut dies Olaf Möller in seinem klugen Essay „Der Weg von der Wahrheit zur Wirklichkeit, die Suche danach“, der die Kinofilme thematisch und stilistisch aus heutiger Sicht analysiert. Das geschieht in einer erfrischend unakademischen Sprache und fördert viele gute Beobachtungen zutage. Zentral ist seine These „Am Anfang aller Arbeiten Brauns steht eine Idee, eine Konstallation, etwas Abstraktes, das dann systematisch und mit viel Bedacht in einer kinematografischen Form ausgestaltet wird. Braun geht niemals von Bildern oder Stimmungen aus, sondern immer von Fragestellungen, Problemen, und zwar immer den ganz großen.“ (S. 12). Und: „Konstituierend für Brauns Kino sind eher soziopolitische Anordnungen, Figuren, die unter veränderten Genrevorzeichen, in diversen Epochen und Kostümen durchgespielt werden, Konstellationen, denen er sich von immer neuen Seiten her nähert. Ganz exzessiv z.B. Mitte der 1950er Jahre, als er in einem Rutsch sechs gestalterisch-tonal frappierend unterschiedliche Filme über das Motiv ‚Herrscher und Beherrschte’ drehte.“ (S. 13). Sehr lesenswert ist auch der (kürzere) Text von Werner Sudendorf über Licht, Dekor und Kostüm in Brauns Filmen (mit einigen beispielhaften Fotos). Von den Herausgebern Aurich und Jacobsen stammen drei Texte: über Glauben und Religiosität („Von evangelischem Lebensgeist“), über die politische Haltung und die Arbeit als Autor für Presse und Rundfunk („Eingeschränkte Sicht im nationalistischen Nebel“) und die Produktionshintergründe seiner Filme („Filmpausen“) unter Nutzung von Dokumenten aus dem Nachlass. Über den im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg verwahrten Nachlass informieren Michael Peter Hehl und Tanja Kraemer. Dokumentiert ist auch ein Text von Harald Braun: „Das gefangene Gesicht“ (aus der Neuen Rundschau, April 1937). Eine Lebens-Chronik Brauns befindet sich im Anhang, ebenso wie eine umfangreiche Bibliografie seiner Texte und eine von Fritz Tauber recherchierte Filmografie. Auf einer beigelegten Audio-CD kann man ein Interview von Erwin Goelz mit Harald Braun aus dem Jahr 1952 hören. Eine beeindruckende Publikation! Coverfoto: Braun bei den Dreharbeiten zu DER LETZTE SOMMER (1954). Mehr zum Buch: VH3jrhzxlgs

Niklaus Schilling

2014.SchillingDies ist das erste Buch über den Filmemacher Niklaus Schilling. Und weil der Autor, Karl Prümm, Filme wirklich lesen und ein-drucksvoll erschließen kann, ist Schillings Werk bei ihm in besten Händen. Es geht um Geschichten, um Bilder, um Genres und um politische Kontexte in der Zeit zwischen den frühen 1970er und den späten 90er Jahren. Schilling (*1944) kam mit 21 aus der Schweiz nach Deutschland und drehte 1971 seinen ersten Spielfilm, NACHTSCHAT-TEN, der im Forum der Berlinale uraufgeführt wurde. Es folgten zehn weitere Spielfilme. DIE VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES (1977) habe ich im Rahmen der Duisburger Filmwoche gesehen, alle anderen Schilling-Filme entweder bei der Berlinale oder bei den Hofer Filmtagen, sie waren für mich immer ein Ereignis. Meine Lieblings-filme sind RHEINGOLD (1978) mit Elke Haltaufderheide und Rüdiger Kirschstein (ein klassischer, aber auch ganz neu gedachter Eisenbahnfilm), DER WILLI-BUSCH-REPORT (1979) mit Tilo Prückner im Messerschmitt-Kabinenroller an der deutsch-deutschen Grenze und DER WESTEN LEUCHTET! (1982) mit Armin Mueller-Stahl als Stasi-Agent, der fast den Verführungen des Kapitalismus erliegt. Schilling, der nicht zu den großzügig geförderten Regisseuren des Neuen Deutschen Films gehörte, hat früh die Möglichkeiten der Arbeit mit Video erkannt und erprobt (ZEICHEN UND WUNDER, DIE FRAU OHNE KÖRPER UND DER PROJEKTIONIST), andererseits aber seine Filme DER ATEM (1989) und DEUTSCHFIEBER (1992) bewusst in 35mm gedreht. „Die filmische Poetik“, wie sie Karl Prümm in seinem Schlusskapitel beschreibt, ist der Kern im Werk dieses Regisseurs, der über alle Jahre eng mit seiner Produzentin und Lebensgefährtin Elke Haltaufderheide zusammengearbeitet hat. Es wäre schön, wenn er noch das Projekt ‚Sein Kind’ realisieren könnte, das ihn seit fast zwanzig Jahren beschäftigt. Eigentlich sollte das Buch über Niklaus Schilling zu seinem 70. Geburtstag im April erscheinen. Aber die Verzögerung hat sich gelohnt. Denn dies ist definitiv eine herausragende Werkanalyse über einen der interessantesten Regisseure des deutschen Films der letzten Jahrzehnte. Und die schreibt man nicht aus dem Handgelenk. Mehr zum Buch: buch/728

Helmut Herbst 80

2014.HerbstHeute wird der Filmemacher Helmut Herbst 80 Jahre alt. Wir haben uns 1969 an der dffb kennen gelernt, da war er der „Trick-filmer“ aus Hamburg. Er hatte die Filmmacher Cooperative mitbegründet, drehte experimentelle Filme und Filme über Kunst. Er war als Dozent in gewisser Weise der Antipode zu Klaus Wildenhahn, dem Dokumentaristen. Beide verband andererseits eine reflektierte Haltung zu Ästhetik und Politik. Wenn sich die Diskussionen an der DFFB verselbständigten, zog sich Helmut in die Dunkelkammer zurück, eine umgebaute Toilette. Anfang der Siebziger bekam er einen eigenen Trickraum. Dort traf sich ein Kreis speziell interessierter Studenten und lernte viel von ihm. Er ist ein Individualist: rigoros und direkt, sensibel und gelegentlich auch sentimental. Wenn er lacht, hört man das in weiter Entfernung, wenn er wütend war, ging schon mal eine Tür kaputt. Unter den Dozenten war mir Helmut manchmal sehr nahe, manchmal auch fern. Wir verließen beide 1979 die DFFB. Er ging zunächst an die University of the West Indies in Kingston, Jamaica (ich weiß nicht mehr, warum er das tat) und wurde dann 1985 Professor an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Ich denke, dass uns noch immer eine Freundschaft verbindet. Ich habe aus der Ferne verfolgt, wie er sich in Offenbach um die Ausbildung junger Filmemacher verdient gemacht hat (ich halte Helmut für einen herausragenden Pädagogen). Ich habe natürlich seine Filme gesehen, zum Beispiel eine deutsche revolution (1981/82) und die serpentintänzerin (1991). Es gibt Gelegenheiten, wo man sich trifft. Er wird auch etwas geduldiger, und als Ratgeberin hat er seit mehr als dreißig Jahren seine Lebensgefährtin, die wunderbare Cutterin Renate Merck. 1999 wurde er emeritiert, 2008 schickte er mir sein Gesamtwerk auf DVD – mit dem Vermerk: „Nachlass zu Lebzeiten“, und vor 14 Tagen kam von ihm die Blue-Ray der SERPENTINTÄNZERIN. Zurzeit engagiert er sich in der Frage der Rettung des deutschen Filmerbes. Die 500er-Liste des Deutschen Kinemathekenverbundes kann er als Lösung nicht akzeptieren. Nachzulesen in einem Artikel im Film & TV-Kameramann (12/2014). Herzlichen Glückwunsch zum 80., lieber Helmut, bleib gesund und engagiert!

Foto: Helmut in seinem Cinegrafik-Studio im Odenwald-Dorf Birkert, fotografiert von Guido Schiek.