Das Oktoberfest im Film

2014.DVD.OktoberfestDas diesjährige Oktoberfest ist natürlich längst vorbei, es findet ja vorwiegend im September statt. Aber die Beliebtheit des Festes ist ungebrochen, auch wenn der Bierkonsum von Jahr zu Jahr offenbar schwankt. In der Edition Filmmuseum sind jetzt zwei DVDs mit filmischen Dokumenten vom Oktoberfest und dem Spielfilm BIERKAMPF von Herbert Achternbusch erschienen. Das älteste erhaltene Material stammt aus dem Jahr 1910, als das Oktoberfest seinen 100. Geburtstag beging. Für die DVD wurde der Film WIE MÜNCHEN SEINE FESTE FEIERT (18 min.) soweit wie möglich rekonstruiert. Sehr originell ist natürlich VALENTIN AUF DER FESTWIESE (1921), ebenfalls 18 min. lang, mit Liesl Karstadt als Partnerin. Die weiteren Kurzfilme stammen aus den Jahren 1925, 1929, 1935 (125 JAHRE MÜNCHNER OKTOBERFEST, 10 min.), 1939, 1948, 1949, 1950, 1954 (PLASTISCHER WIESN-BUMMEL, mit Margot Hielscher und Wastl Witt, in 3-D, Brille liegt bei), 1955 (AUF GEHT’S, Regie: Ferdinand Khittl, 11 min.), 1957 (mit Michl Lang), 1959, 1969 (WIES’N-MELODIE, Regie; Bernd Schmid, 14 min.), 1972 und 1974 (DER WIESNPOSTBOTE, Regie: Percy Adlon). Von Percy Adlon stammt auch das 43-Minuten-Porträt eines Rummelplatzarbeiters: DER ECHTE LILIOM aus dem Jahr 1978. Und ein Höhepunkt der DVD ist natürlich Achternbuschs BIERKAMPF (1976); das war sein dritter Film, er spielte wie immer die Hauptrolle, mischte in einer geklauten Polizistenuniform das Fest auf (berühmt ist vor allem sein achtminütiger Gang durch die Massen in einer einzigen Einstellung; Kamera: Jörg Schmidt-Reitwein) und starb am Ende. Zu sehen sind in Nebenrollen Annamirl und Sepp Bierbichler, Heinz Braun und Margarethe von Trotta. Frieda Grafe 1983 über Achternbusch und BIERKAMPF: „Er macht Filme entsprechend den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Sie haben die Form dieser Mittel, das hebt die alte Grenze zwischen dokumentarisch und fiktiv auf, und deshalb ist ihre Sprache authentisch, einheimisch.“ Mehr zur DVD: Oktoberfest-M-nchen-1910-1980.html

Wolfgang Kohlhaase: Texte

2014.KohlhaaseWir haben uns 1988 auf einer Konferenz zum deutschen Film in Chicago kennengelernt und sind uns Mitte der 90er Jahre als Mitglieder der Akademie der Künste näher gekommen. Seine lakonische, nachdenkliche und immer wieder spontane Art des Redens gefällt mir. Natürlich wusste ich, welche Bedeutung Wolfgang Kohlhaase (*1931) für den DDR-Film und speziell für Konrad Wolf hatte, denn die Filme ICH WAR NEUNZEHN, DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ, MAMA, ICH LEBE und SOLO SUNNY waren mir vertraut. In unserem Film AUGE IN AUGE hat er über Robert Siodmaks und Edgar Ulmers späten Stummfilm MENSCHEN AM SONNTAG gesprochen. Im Verlag „Neues Leben“ ist jetzt ein Band mit Texten von Wolfgang Kohlhaase erschienen: „Um die Ecke in die Welt. Über Filme und Freunde“, herausgegeben von Günter Agde. 36 Texte handeln „von eigenen und anderen Filmen“, von „Film und Leben, Kunst und Geschichte“, 33 Texte sind Hommagen und Erinnerungen an Kollegen und Freunde. Ganz egal, ob es sich um Interviews, Werkstattgespräche, Diskussionsbeiträge auf Kongressen, um Dankesreden, Briefe oder heutige Erinnerungen an frühere Ereignisse handelt: immer ist eine Haltung spürbar, ein Verantwortungsbewusstsein, eine Subjektivität, die glaubwürdig ist und nie im Formelhaften verharrt. Seine Drehbücher sind ja an relevanten Inhalten wie an neuen Formen orientiert, die jetzt publizierten Texte, wenn man sie hintereinander liest, machen noch einmal deutlich, wie konkret und weltoffen, wie komplex und pointiert Wolfgang denkt und schreibt. Ich hoffe sehr, dass dieses Buch viele Leserinnen und Leser findet, die mit den Texten auch neugierig auf die Filme werden, zu denen er die Drehbücher verfasst hat. Es sind mehr als dreißig, beginnend mit DIE STÖRENFRIEDE (1953) von Wolfgang Schleif und hoffentlich nicht endend mit ALS WIR TRÄUMTEN (2015) von Andreas Dresen, auf den ich sehr gespannt bin. Mehr zum Buch: 1771-um-die-ecke-in-die-welt.html

Haneke – eine Wiener Dissertation

2014.HanekeMichael Haneke (*1942) ist ein herausragender Regisseur, für seinen Film AMOUR hat er 2012/13 die „Goldene Palme“ in Cannes, den Europäischen Filmpreis, den Bayerischen Filmpreis und den César, den Oscar und den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film gewonnen. Er ist sehr selbstbewusst, auf wissenschaftliche Analysen seines Werkes lässt er sich eher ungern ein, er findet sie in der Regel „masturba-torisch“. Katharina Müller, Medienwissenschaftlerin in Wien, hat eine ungewöhnliche Dissertation über Haneke geschrieben. Ihre zwei Teile (1. Masturbation, 2. Komposition) unterscheidet sie in der Einleitung in „einen säuberlich gewichsten Wissenschaftlichkeits-teil und einen divergent geilen zweiten Teil, der eine Versammlung von Stimmen und Material von und zu ‚Haneke’ ist, inszeniert als eine Chronik des Zufalls, von der anzunehmen ist, dass sie viel beschreibt und nichts erklärt.“ „Keine Biografie“ ist der Untertitel der Publikation. Und der Text ist natürlich auch keine klassische Werkanalyse, sondern eine sehr individuelle Mischung von subjektiven Gedanken zu Hanekes Filmen und zitierten Dokumenten der Haneke-Rezeption. Die Autorin ist bestens vertraut mit dem Werk, sie spielt damit in ihrer Struktur, wenn sie nach der „Masturbation“ (90 Seiten), die von nationalem Kino und internationalem Erfolg, vom Autorenfilm und globalem Filmmarkt handelt, im Teil „Komposition“ (270 Seiten) auf alle Haneke-Filme eingeht, beginnend mit DAS WEISSE BAND, dann weitgehend chronologisch im Rückwärtsgang ihre Gedanken mit der zeitgenössischen Rezeption verknüpft und am Ende mit AMOUR den Kreis schließt. Es gibt viele kluge Assoziationen zum österreichischen Kino, zum Verhältnis zwischen Film und Fernsehen, zu Hanekes Umgang mit Schauspielerinnen und Schauspielern. Vielleicht sollte man gleich zu Beginn den am Ende abgedruckten „Auszug aus einem Gespräch mit Michael Haneke“ lesen, weil er die Haltung der Autorin zu ihrem Protagonisten erkennbar macht. Aber man kann das Buch auch zurate ziehen, wenn man gerade irgendeinen Haneke-Film gesehen hat (und das lohnt sich ja immer), zu dem man mehr wissen möchte. So gesehen ist das Buch so etwas wie verbales Bonus-Material. Die Bibliografie ist umfangreich, auf Abbildungen wurde verzichtet. Mehr zum Buch: 978-3-8376-2838-8/haneke

Geschichte und Medienarchive

untitledIm Dezember 2012 fand im Studienzentrum des Filmarchivs Austria in Wien eine Konferenz zum Thema „Geschichte erzählen. Medienarchive zwischen Historiographie und Fiktion“ statt. Die Text- und Bldbeiträge wurden jetzt in einem Sammelband publiziert. Sie haben eine erstaunliche thematische Vielfalt. Die Kulturwissen-schaftlerin Britta Lange aus Berlin beschäftigt sich mit der populären deutschen Internetplattform www.gedaechtnis-der-nation.de, die von dem ehemaligen ZDF-Redakteur Guido Knopp und dem Mitglied der stern-Chefredaktion Hans-Ulrich Jörges initiiert wurde. Die Filmhistorikern Carolin Overhoff Ferreira analysiert drei Filme im Kontext einer Geschichtsdarstellung: den portugiesischen Film 48 (2009) von Susana de Sousa Dias, den brasilianischen Film DIARY, LETTERS, REVOLUTIONS (2010) von Flavia Castro und den chinesischen Film I WISH I KNEW (2010) von Jia Zhangke. Georg Tscholl philosophiert über Georges Bataille und das Kino. Paolo Caneppele dokumentiert in seinem originellen Beitrag die Lagerungspraktika der Filmamateure, die auch um die schönsten Behältnisse konkurrieren. Bei Michael Achenbach geht es um den Umgang mit „Bösen Bildern“, in seinem Fall mit Wochenschauen aus der NS-Zeit. Francesco Bono widmet sich der österreichisch-italienischen Kooperation in den Jahren 1935/36 und den fünf Filmen CASTA DIVA von Carmine Gallone mit Marta Eggerth, TAGEBUCH DER GELIEBTEN von Hermann Kosterlitz mit Lili Darvas und Hans Jaray, DIE WEISSE FRAU DES MAHARADSCHA von Arthur Maria Rabenalt (deutsche Fassung) und Goffredo Alessandrini (italienische Fassung) mit Isa Miranda in beiden Versionen, OPERNRING von Carmine Gallone mit Jan Kipura und BLUMEN AUS NIZZA von Augusto Genina mit Erna Sack. Die Hintergründe der Produktionen sind hervorragend recherchiert. Katharina Stöger erinnert an den Schweizer Filmemacher und Literaten Jörg Kalt (1967-2007), den es wiederzuentdecken gilt. Drei Interviews von Thomas Ballhausen mit dem Künstler Daniel Aschwanden und den Künstlerinnen Sophie Reyer und Johanna Braun sowie ein kurzer Essay von Camille R. Meyer schließen den Band ab. Mehr zum Buch: 3-643-50556-9

East German Cinema

2014.East German CinemaSebastian Heiduschke, Assistant Professor of Foreign Languages and Literatures an der Oregon State University in Corvallis, USA, nennt zu Beginn seiner Einleitung die Zielgruppe des Buches: „If you are a novice to East German Cinema, this book is for you.“ Aber auch für Leser, die mit dem DEFA-Film vertraut sind, enthält die Publikation viele im Rückblick interessante Einschätzungen zur Geschichte des DDR-Films. Nach einem 30-Seiten-Essay zur Institution DEFA konkretisiert der Autor seine Einführung an zwölf Filmbeispielen: DIE MÖRDER SIND UNTER UNS, 1946 („The Rubble Film, Wolfgang Staudte, and Postwar German Cinema“), DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK, 1953 („Faity Tales and Children’s Films as Eternal Blockbusters“), BERLIN – ECKE SCHÖNHAUSER…, 1957 („The Gegenwartsfilm, West Berlin as Hostile Other, and East Germany as Homeland“), DER SCHWEIGENDE STERN,1960 („The Birth of DEFA Genre Cinema, East German Sci-fi Films, New Technologies, and Coproduction with East Europe“), DAS KANINCHEN BIN ICH, 1965 („Film Censorship, the East German Nouvelle Vague, and the ‚Rabbit Film’“), HEISSER SOMMER, 1968 (Renegade Films, DEFA Musicals, and the Genre Cinema“), APACHEN, 1973 („More Genre Cinema, the ‚Red Western’, and Stardom in East Germany“), DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA, 1973 („Gender, Class, and Sexuality“), JAKOB DER LÜGNER, 1974 („DEFA and the Holocaust, the Antifacist Legacy, and International Acclaim“), SOLO SUNNY, 1980 („The Women’s Film, Konrad Wolf, and DEFA after the ‚Biermann Affair’“), DIE ARCHITEKTEN, 1990 („Passed by History: Dystopia, Parable, and Bookend“), LETZTES AUS DER Da-Da-eR, 1990 („The Wendeflicks, Jörg Foth, and DEFA after Censorship“). Zu jedem Film gibt es eine gut begründete Abbildung, am Ende findet man eine Bibliografie mit Hinweisen auf weiterführende deutsch- und englischsprachige Literatur. Coverfoto: DER SCHWEIGENDE STERN. Mehr zum Buch: 9781137322319

François Truffaut

2014.DVD.TruffautZeitgleich mit der François Truffaut-Ausstellung ist in Frankreich eine DVD-Edition mit allen seinen 21 Spielfilmen und drei Kurzfilmen erschienen. Die bei uns vor einiger Zeit veröffentlichte Arthaus-Edition enthält immerhin zwölf Spielfilme und zwei Kurzfilme; zum Bonus-Material gehören Filmeinführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Probeaufnahmen zu LES 400 COUPS, Kameratests zu TIREZ SUR LE PIANISTE, eine unveröffentlichte Szene zu LE DERNIER MÉTRO, ein Unterstützungsspot für Henri Langlois von Truffaut und Godard und Trailer zu den Filmen. – Wenn ich jetzt beginne, mir die Filme nach und nach wieder anzuschauen, dann fange ich natürlich mit dem Antoine Doinel-Zyklus an, mit LES 400 COUPS, ANTOINE ET COLETTE, BAISERS VOLÉS, DOMICILE CONJUGAL und L’AMOUR EN FUITE. Dann freue ich mich vor allem auf JULES ET JIM und LE DERNIER MÉTRO. Nicht enthalten sind in der deutschen Box FAHRENHEIT 451, LA MARIÉE ÉTAIT EN NOIR, LA SIRÈNE DU MISSISSIPPI, L’ENFANT SAUVAGE, LA NUIT AMÉRICAINE, L’HISTOIRE D’ADÈLE H., L’ARGENT DE POCHE, L’HOMME QUI AIMAIT LES FEMMES und LA CHAMBRE VERT. Sie sind aber alle als einzelne DVDs erhältlich. Einer vollständigen Truffaut-Retrospektive steht also nichts im Wege. Mehr zur Arthaus-Box: francois_truffaut_edition

DIE ENTDECKUNG DEUTSCHLANDS (1916)

2014.Entdeckung DeutschlandsDrei Mars-Bewohner – der Gelehrte Marsilius, seine Tochter Marsilietta und Mavortin, Journalist der Mars-Zeitung Der Sonnensee – durchqueren im Herbst 1916 in zwei Flugbällen den Weltraum und landen auf einem Hausdach in München (Coverfoto). Sie mischen sich unter die Menschen auf dem Marienplatz, essen bayerische Brezn, trinken Bier und sprechen Deutsch. Sie fahren anschließend im Speisewagen nach Berlin und logieren im Hotel Adlon. Die beiden Männer unternehmen eine Reise durch Deutschland, besuchen die Zeiss-Werke in Jena, die neue Universität in Frankfurt am Main, den Dom in Köln, besichtigen ein U-Boot in Kiel. Die in Berlin gebliebene Marsilietta lässt sich von einem „Feldgrauen“, also einem verwundeten deutschen Soldaten auf Heimaturlaub, die Stadt zeigen. Eine zu ihm aufkommende Zuneigung wird durch die Verlobung mit Mavortin unterbunden. Ob die drei Besucher am Ende auf den Mars zurückkehren, wissen wir nicht, denn der Film DIE ENTDECKUNG DEUTSCHLANDS DURCH DIE MARSBEWOHNER aus dem Jahr 1916 ist nur in den 15minütigen Fragmenten einer holländischen Kopie erhalten. Die Kulturwissenschaftlerin Britta Lange hat sie eher zufällig entdeckt und dann mit großer Akribie viele Informationen über die Produktion und Rezeption des Films gesammelt. Produzent des „Propagandafilms“ war die Firma „Mars-Film GmbH“, als Spielleiter fungierten Georg Jakoby und Richard Frankfurter, die Darsteller waren Gustav Botz (Marsilius), Edith Meller (Marsilietta), Paul Heidemann (Mavortin) und Karl Moos (Feldgrauer). Die Uraufführung des zunächst zweistündigen Films fand im Dezember 1916 in Berlin statt, die Zensurfassung von 1917 war auf 1.729 Meter gekürzt, aus dem Jahr 1924 ist eine erneute Kürzung durch die Zensurkarte belegt. Die Autorin stellt den Film in größere Zusammenhänge, interpretiert seine propagandistischen Ziele, vergleicht ihn mit anderen Science-fiction-Filmen und „Weltraum-Fantasien“, informiert über die beteiligten Personen. Ein interessanter Band in der „Filit“-Reihe des Verbrecher Verlages, herausgegeben von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen. Mehr zum Buch: /detail/748

Michael Althen

2014.AlthenHeute wäre Michael 52 Jahre alt geworden. Er ist im Mai 2011 gestorben, aber er ist seither in keinem Moment vergessen. Sein Freund und Kollege Claudius Seidl hat jetzt im Blessing Verlag einen Band mit 75 Texten von Michael herausgegeben. Die Lektüre macht erneut klar, wie wunderbar dieser Autor die Welt des Kinos für uns öffnen konnte, wie er mit seinem liebevollen Blick die Qualitäten eines Films zu erkennen und zu beschreiben verstand. Bei dem Film DEM HIMMEL SO FERN von Todd Haynes konzentriert er sich nur auf die Hauptdarstellerin Julianne Moore und, im letzten Absatz, auf die Verbindung zu Douglas Sirk. Bei GABRIELLE von Patrice Chereau geht es ihm eigentlich nur um die Schauspielerin Isabelle Huppert, und doch ist im Text der ganze Film präsent. Seine Zuneigung zum „Universum“ von Helmut Dietl polarisiert sich in einer Eloge über die MÜNCHNER GESCHICHTEN und MONACO FRANZE und einem differenzierten Verriss von LATE SHOW. Man spürt dabei die Enttäuschung über den misslungenen Film. Michael holte – oft in der Form einer DVD-Kritik – fast vergessene Filme wie UNTER DEN BRÜCKEN von Helmut Käutner oder JONAS von Ottomar Domnik in die Gegenwart. Er fühlte sich dem klassischen Hollywood und dem New Hollywood verbunden. Er hatte Lieblingsschauspieler (zum Beispiel Dean Martin und Robert Mitchum, über beide hat er ein Buch gemacht), und er konnte seine Liebe in Worten ausdrücken, auch wenn es sich um einen Nachruf handelte, der unter Zeitdruck zu schreiben war. Zwölf Schauspielerinnen- und Schauspieler-Porträts sind im Buch nachgedruckt: Jacqueline Bisset, Marlon Brando, Tom Cruise, Catherine Deneuve, Clint Eastwood (mit Verweisen auf seine Regiefilme), Audrey Hepburn, Dean Martin, Robert Mitchum, Jeanne Moreau, Frank Sinatra, James Stewart, Sharon Stone. Es gibt Nachrufe zu lesen auf Michelangelo Antonioni, Blake Edwards, Bernd Eichinger und den Autor Jörg Fauser, zwei Essays zum Werk von Veit Harlan und Stanley Kubrick und eine Medienreflexion zum 11. September 2001. Jeder Text hat es verdient, in diesem Buch abgedruckt zu werden. Am Ende, unter der Kapitelüberschrift „Lehrer“, würdigt Michael die Publizistin Frieda Grafe (anlässlich ihrer postumen Werkedition) und verabschiedet sich mit einem Nachruf von dem SZ-Filmredakteur Peter Buchka. Tom Tykwers Vorwort ist eine sehr persönliche Verneigung vor dem Filmkritiker Michael Althen. Mehr zum Buch: Michael-Althen/e451779.rhd . Morgen wird im Deutschen Theater in Berlin zum dritten Mal der „Michael Althen-Preis“ verliehen. Ausgezeichnet wird in diesem Jahr der Journalist und Blogger Hans Hütt. Mehr zum Preisträger: 13201108.html

Joan Baez

2014.DVD.BaezSie ist die wohl berühmteste amerikanische Folk-Sängerin, ihre Verehrerinnen und Verehrer lieben sie aber auch für ihr politisches Engament. Schon früh hat sie für Pazfismus und gegen Rassentrennung demonstriert und ließ sich dafür ins Gefängnis einsperren. Joan Baez (*1941) ist längst ein Mythos, aber es gibt bisher nur einen Dokumentarfilm über sie. Er stammt von Mary Wharton, wurde 2008/09 während einer Welttournee von Baez realisiert, 2010 von Arte ausgestrahlt und liegt jetzt auf einer DVD von Absolut Medien vor. In einem ausführlichen Interview, das den Film strukturiert, erzählt die Sängerin von ihrer Kindheit und Jugend, vom künstlerischen Aufstieg, vom Engagement in der Bürgerrechtsbewegung, von der Zeit mit Bob Dylan, von ihrer Mutterschaft, der Heirat mit dem Bürgerrechtler David Harris, der Scheidung, von ihren Auftritten als Sängerin und als Kämpferin für Gewaltlosigkeit. Sie engagierte sich gegen den Vietnamkrieg, für humanitäre Aktionen in Kambodscha, gegen Diktaturen in Lateinamerika, für die friedliche Revolution in der Tschechoslowakei. Die Verbindung von Musik und Politik hat ihr Leben geprägt. In dem 90-Minuten-Film, in der Mischung von Liedern, Interviews und Dokumentaraufnahmen, wünschte man sich manchmal mehr Zeit für die Musik. Aber im Leben von Joan Baez gab es zu viele wichtige Ereignisse und zu wenig Ruhepunkte. „How Sweet the Sound“ ist der zweite Titel des Films. Aber es ist nur die eine Seite ihres Lebens. In der deutschen Fassung wird mit Off-Stimmen und Untertiteln gearbeitet. Die DVD enthält natürlich auch Extras: Interviews und eine Performance in Cambridge 1958. Mehr zur DVD: thema&list_item=53

Twist Endings

2014.Twist EndingsEine Dissertation aus Kiel. Willem Strank hat sich in die Geschichte jener Film-Enden vertieft, die den gesamten Film zum Schluss durch eine oder mehrere Informationen umdeuten und die Zuschauer damit überraschen. Ein Musterbeispiel ist der Film THE SIXTH SENSE (1999). In der Kommentierten Filmografie am Ende des Buches gibt es 448 Titel, die der Autor unter den Kategorien „Twist Endings“ oder „Surprise Endings“, als Sonderfälle oder Grenzfälle einstuft, 146 davon definitiv als Twist Endings. In den letzten Jahren ist ihre Zahl steigend. In der Dissertation von Thomas Christen („Das Ende im Spielfilm, Schüren 2001) kommt das Twist Ending noch gar nicht vor. Willem Strank schafft zunächst die theoretischen Grundlagen des Begriffs und schildert die historische Entwicklung an acht Beispielen, darunter DAS CABINET DES DR. CALIGARI, DEAD OF THE NIGHT, LES DIABOLIQUES, THE SIXTH SENSE und SHUTTER ISLAND. Sein umfangreichstes Kapitel ist den Typen des Twist Endings gewidmet. Er unterscheidet zwischen „Wake-up Twist“ (zum Beispiel in JACOB’S LADDER von Adrian Lyne), „Set-up Twist“ (THE GAME von David Fincher), „Perziptivem Twist“ (THE OTHERS von Alejandro Amenábar) und „Narrativem Twist“ (THE VILLAGE von M. Night Shyamalan). Natürlich gibt es auch Mischformen und Sonderformen, Grenzgänge und erzählerische Varianten. Bei seinen Recherchen hat der Autor über 3.000 Titel geprüft und über 400 Filme gesichtet. Man spürt beim Lesen seine Fähigkeit, konkret zu erzählen, Bilder zu beschreiben, Handlungen zu komprimieren und an Protagonisten fest zu machen. Das gelingt ihm sogar am theoretisierenden Schluss, als es um „Twist Ending als intertextuelles Phänomen“ geht – und er die drei filmischen Adaptionen von Ambros Bierce’ „An Occurence at Owl Creek Bridge“ (Regie: Charles Vidor, Robert Stevenson, Robert Enrico) beispielhaft analysiert. Und niemand wird nach Lektüre des Buches annehmen, dass der Autor generell nur an den Enden der Filme interessiert ist. Coverfoto: SHUTTER ISLAND. Mehr zum Buch: twist-endings.html