Der Klang des Films

2014.KlangDie Beschäftigung mit dem Filmton ist in der letzten Zeit intensiver geworden. Ich verweise auf drei Publikationen (sounddesign-im-deutschen-spielfilm/ filmgerausch/ ton-im-dokumentar-film/) und empfehle das Buch von Peter Rabenalt mit dem Untertitel „Dramaturgie und Geschichte des Filmtons“, das kürzlich im Alexander Verlag erschienen ist. Der Autor unternimmt eine sehr anregende Reise durch die Filmgeschichte, holt sich Unterstützung in der Theorie (Kracauer, Adorno/Eisler, Arnheim), informiert über die „Stummfilm“-Zeit mit Hinweise auf die Begleitmusik (Giuseppe Becce, Werner Schmidt-Boelke, Edmund Meisel, speziell der „Fall“ PANZERKREUZER POTEMKIN) und geht auf einzelne Tonfilme sehr ausführlich ein: SOUS LE TOITS DE PARIS, M, LA STRADA, HIROSHIMA MON AMOUR). Eigene Kapitel sind Chaplin und Tati („Klingende Komik“), dem „Hollywood-Sound“, einer Reihe von Komponisten (Schostakowitsch, Rósza, Williams, Rota, Morricone, Nyman), dem Ton im Dokumentarfilm, Richard Wagner, Stanley Kubrick und Jean-Luc Godard gewidmet. Trotz vieler Zitate (es gibt 231 Quellenverweise) liest sich das Buch flüssig und ist sehr informativ. Das Titelfoto darf als bekannt vorausgesetzt werden. Mehr zum Buch: Klang_des_Films.html

40 Jahre Schirmer/Mosel

2014.SchirmerHeute wird in München der 40. Geburtstag des Verlages Schirmer/Mosel gefeiert: mit der Eröffnung der Ausstellung „Menschen vor Flusslandschaft. August Sander und die Fotografie der Gegenwart aus der Sammlung Lothar Schirmer“ in der Rotunde der Pinakothek der Moderne. Und anschließend mit einem Fest im Vorhoetzer Forum der TU München. Ich habe die Qualität der Bücher von Schirmer/Mosel immer sehr bewundert, wobei der Film im Verlagsprogramm ja eher ein Nebenschauplatz ist. Aber seit der Zusammenarbeit an dem Buch „Magnum am Set“ fühle ich mich Lothar Schirmer freundschaftlich verbunden, es war wunderbar, für ihn das Buch „Licht und Schatten“ zu machen, und es wird wohl noch die eine oder andere Publikation folgen. Natürlich sind wir heute bei der Gratulation in München dabei. Mehr zum Verlag und seiner Geschichte: www.schirmer-mosel.de/homed1/index.htm

Robert Siodmak-Retrospektive

2014.SiodmakIm Berliner Zeughauskino wird morgen eine Retro-spektive der Filme von Robert Siodmak eröffnet. Die letzte fand 1998 im Rahmen der Berlinale statt. Der Leiter der damaligen Retrospektive, Wolfgang Jacobsen, hält jetzt auch die Eröffnungsrede. Gezeigt wird der Film THE KILLERS (1946) mit Burt Lancaster und Ava Gardner. Bis zum 29. Juni sind 47 Filme von Robert Siodmak im Zeughauskino zu sehen, die frühen deutschen, darunter natürlich MENSCHEN AM SONNTAG, ABSCHIED und VORUNTERSUCHUNG, sieben aus der französischen Zeit 1933 bis 1939, 17 aus der Zeit des amerikanischen Exils, darunter PHANTOM LADY, SPIRAL STAIRCASE und CRISS CROSS, sowie 13 aus den 1950er und 60er Jahren, die in Deutschland, England und Frankreich entstanden. Für Einführungen konnten Ralph Eue, Norbert Grob, Frederik Lang, Claudia Mehlinger, Karl Prümm und Chris Wahl gewonnen werden. Die Retrospektive wird vom Hauptstadtkulturfonds gefördert. Mehr zum Programm: robert-siodmak.html

MAN WITHOUT A STAR

2014.DVD.Mit stahlharter FaustEin Western von King Vidor aus dem Jahr 1955. „Die Rancher gegen die Farmer, die Freien gegen die Stacheldrahtzäune. Die Hippies haben in Amerika eine lange Tradition. Außerdem mit Kirk Douglas (als Dempsey Rae), was immer bedeutet, dass es ungeheuer komische Momente gibt. Dempseys Drama wird nicht gezeigt als moralischer Konflikt, sondern als Kampf um physische Selbstbehauptung.“ (Frieda Grafe, SZ, 11.12.1970). Jetzt ist bei „Explosive media“ eine DVD des Films erschienen, restauriert und neu abgetastet. Brilliante Bilder (Kamera: Russell Metty), guter Ton (wahlweise in Deutsch oder im Original). Im kleinen „Booklet“ kann man einen schönen Einführungstext von Markus Tschiedert lesen. King Vidor gehörte immer zu meinen Lieblingsregisseuren. Im Herbst 1980 haben wir ihn zu Dritt für den Film ZWISCHEN DEN BILDERN in Hollywood besucht. Teile aus dem Interview sind in meinem Text über Vidor zu lesen: directed-by-king-vidor/ Mehr zum Film und zur DVD: www.filmstarts.de/kritiken/36143.html

Stummfilm um Mitternacht

Bild 1Eine neue Reihe im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, konzipiert und präsentiert von Friedemann Beyer. An jedem Samstag um 0 Uhr gibt es einen Stummfilm mit Begleitung an der Kinoorgel (Anna Vavilkina ist eine wunderbare Interpretin der Filme). Der Eintritt ist frei. So fördert man Interesse an der Filmgeschichte. Heute findet die vierte Veranstaltung statt, die bisherigen waren alle „ausverkauft“. Gezeigt wird heute Abend Murnaus NOSFERATU. An den kommenden Samstagen gibt es DAS MÄDCHEN AUS DER ACKERSTRASSE von Reinhold Schünzel (5. April), MENSCHEN AM SONNTAG von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer (12. April), I.N.RI. von Robert Wiene (18. April) und DIE CARMEN VON ST. PAULI von Erich Waschneck (26. April). Am 3. Mai wird das Programm international mit einer Auswahl an Laurel & Hardy-Filmen. Mehr zum Programm: www.babylonberlin.de/stummfilme.htm

Mary Pickfords Locken

2014.Mary Pickfords LockenSie war der größte Star der Stummfilmzeit: das Mädchen mit den Ringellocken. Mary Pickford (1892-1979) drehte 1909 ihren ersten und 1933 ihren letzten Film. Insgesamt waren es weit über 100, anfangs kleine Einakter, später große Dramen. Stefan Ripplinger schreibt in seinem wunderbaren Essay wenig über ihr Leben, aber viel über ihre Rollen und die Erwartungen des Publikums. Die Bruchstelle ist der 21. Juni 1928, als sich Pickford in einem Friseursalon in New York ihr schulterlanges Haar abschneiden lässt und künftig einen „Bob“ trägt. Damit verliert sie die Bindung zu ihren Zuschauern und „die Karriere der meistgeliebten, erfolgreichsten, reichsten, mächtigsten, freiesten, vielseitigsten, sensibelsten und begabtesten Frau der Filmgeschichte“ geht zu Ende. Ripplinger beginnt mit dem Märchen „Rapunzel“, erinnert an den frühen Film WILFUL PEGGY (1910), schlägt den Bogen zu CINDERELLA (1914), würdigt ihren Kameramann Charles Rosher, entschlüsselt die Filme STELLA MARIS (1917) und SUDS (1919), schreibt über die Motive in DADDY-LONG-LEGS (1919) und SPARROWS (1926), knüpft Verbindungen zur internationalen Filmgeschichte, zu Literatur und Malerei und verliert dabei nie sein Thema aus den Augen: Mary Pickfords Locken. Ich bin beeindruckt. Mehr zum Buch: book/detail/726

Christian Petzold

3013.Petzold38 Bände sind bisher in der Reihe „Contemporary Film Directors“ bei University of Illinois Press erschienen, der 39. ist erstmals einem deutschen Filmregisseur gewidmet. Christian Petzold (* 1960) ist Absolvent der dffb, er hat in den vergangenen zwanzig Jahren elf Spielfilme gedreht, die ich alle außerordentlich schätze. Christian ist für mich einer der Großen des aktuellen Films, bestens vertraut mit der Filmgeschichte, selbstbewusst, er hat einen eigenen Stil, der ihn zum Protagonisten der „Berliner Schule“ gemacht hat, er ist ein wunderbarer Gesprächspartner. Auch das Interview im Buch von Jaimey Fisher beweist das. Fisher, Associate Professor of German and Cinema and Technocultural Studies an der University of California, Davis, stellt Petzolds Filme in Genre-Zusammenhänge, verortet sie in ihrer Darstellung der deutschen Geschichte und widmet ihnen sehr differenzierte Analysen. Er beschreibt kurz den biografisch-historischen Hintergrund, schildert das Umfeld des deutschen Kinos der 1990er Jahre und geht dann in chronologischer Reihenfolge auf die Filme ein, am ausführlichsten auf DIE INNERE SICHERHEIT, GESPENSTER und YELLA. Es geht dabei um die Handlungsmuster, die Personen, die Räume, die Kameraführung (Kameramann war immer Hans Fromm), die Montage (Bettina Böhler). Natürlich spielt auch Nina Hoss (Hauptdarstellerin in fünf Filmen) eine wichtige Rolle. Das Buch ist sehr lesenswert. Nur die 22 Abbildungen sind an der unteren Qualitätsgrenze. Am 9. April gibt es übrigens auf Arte eine Hommage an Christian Petzold. Gezeigt werden drei seiner Filme: BARBARA, DIE INNERE SICHERHEIT und JERICHOW. Mehr zum Buch: 48ktf5xa9780252037986.html

Walter Jurmann

2014.Walter JurmannGeboren in Wien, wurde er berühmt in Berlin und avancierte dort in den späten 1920er Jahren zu einem der erfolgreichsten Schlager- und Filmkomponisten. Das Lied „Veronika, der Lenz ist da“ wurde durch die Comedian Harmonists bekannt. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft emigrierte er 1933 zunächst nach Paris und bekam dann von Louis B. Mayer einen Siebenjahres-vertrag bei MGM. Er schrieb die Musik u.a. für MUTINY ON THE BOUNTY, A NIGHT AT THE OPERA und SAN FRANCISCO. Eberhard Görner hat jetzt eine Biografie über den Komponisten Walter Jurmann (1903-1971) publiziert, die ihn mit vielen Zitaten, Liedtexten, Noten und Abbildungen sehr präsent macht. Die Witwe Yvonne Jurmann, Hüterin des Archivs, hat dabei mit Interviews und Materialien spürbar geholfen. Mit einem Vorwort von Max Raabe, einem Nachwort von Dieter Kosslick, einem Werkverzeichnis und einer Filmografie. Beigeheftet ist eine CD mit dem Song „A Better World to Live in“ (1967). Mehr zum Buch: WalterJurmann.pdf

Texte von Hanns Brodnitz

2014.Brodnitz größerHanns Brodnitz (1902-1944) war Dramaturg, Autor und (von 1923-1933) Kinodirektor in Berlin. Er leitete den „Mozartsaal am Nollendorfplatz“, ein großes, konzern-unabhängiges Lichtspieltheater. Er war ein jüdischer Intellektueller, der in der Weimarer Republik viel für den Film getan hat. Seine Gedanken und Erfahrungen hielt er in einem Manuskript fest, das 1933 nicht mehr veröffentlicht konnte und 2005 von Gero Gandert und Wolfgang Jacobsen in der Reihe der „Jüdischen Memoiren“ bei Hentrich & Hentrich publiziert wurde: „Kino intim. Eine vergessene Biographie“. Brodnitz wurde 1944 in Auschwitz ermordet. – Wolfgang Jacobsen hat jetzt einen Band mit Aufsätzen, Kritiken und Glossen zu Theater, Film und Alltag herausgegeben: „Flic Flac“. Es handelt sich dabei um 73 Texte, die Brodnitz zwischen 1919 und 1933 für Zeitungen und Zeitschriften geschrieben hat, für die Berliner Mittagszeitung, den Roland, das 8 Uhr-Abendblatt, den Film-Kurier, den Berliner Börsen-Courier, die Neue Berliner Zeitung. Am Anfang ging es mehr ums Theater, später vor allem um den Film. Die Texte wirken erstaunlich modern, sind klug, meinungsfreudig und pointiert. Sie vermitteln viel von der Atmosphäre im Berlin der 1920er Jahre. 14 kleine „Schauspielerporträts“ sind u.a. Alfred Abel, Werner Krauß, Käthe Dorsch, Ernst Deutsch, Paul Wegener und Albert Bassermann gewidmet. Originell: die Rundfrage „Was halten Sie vom Expressionismus?“ mit 27 kurzen fiktiven Antworten. Beeindruckend: der Essay „Psychoanalyse des Schauspielers“ (1921). Natürlich erkannte Brodnitz 1922 die speziellen Qualitäten des Fritz Lang-Films DR. MABUSE, DER SPIELER. Eine späte Filmkritik gilt dem REBELL von Luis Trenker und Kurt Bernhardt (1933). Auch die Nachrufe auf Mauritz Stiller und Lupu Pick sind lesenswert. Mit einer sensiblen Einführung und hilfreichen Anmerkungen des Herausgebers Jacobsen. Mehr zum Buch: buch-flic-flac.html

Werner Schroeter

2014.SchroeterIn der „Edition Filmmuseum“, einem lobenswerten Kooperationsprojekt von elf europäischen Institutionen, ist jetzt eine Doppel-DVD mit den restaurierten Fassungen der Filme WILLOW SPRINGS (1973) und TAG DER IDIOTEN (1981) von Werner Schroeter erschienen. In WILLOW SPINGS, einem Melodram, geht es um drei männermordende Frauen in der kalifornischen Mojawe-Wüste, sie werden beeindruckend gespielt von Magdalena Montezuma, Christine Kaufmann und Ila von Hasperg. Und weil Schroeter damals eigentlich einen Film über Marilyn Monroe drehen wollte, ist auch sie präsent. Die Musik wechselt zwischen den Andrew Sisters und diversen Opern (Carmen, Samson und Delila, Margarethe), Amerika ist Background und Schauplatz, ein Mann (Michael O’Daniels) wird zum begehrten Objekt, und am Ende erschießt Magdalena Christine, Ila und den jungen Mann. So gewinnt das Matriarchat im Überlebenskampf. Kamera: Schroeter. Produziert fürs ZDF. Im TAG DER IDIOTEN geht es um die jungen Frau Carol, die sich in eine Nervenheilanstalt einliefern lässt, um dem Wahnsinn des Alltags zu entkommen. Aber das erweist sich nicht als Rettung, sie begeht am Ende Selbstmord. Der Kinofilm (Kamera: Ivan Slapeta, Musik: Peer Raben, Hauptrolle: Carole Bouquet) ist ein stilisiertes Kammerspiel, hat theatralische Elemente, interessante Nebendarstellerinnen (Ida di Benedetto, Ingrid Caven, Christine Kaufmann) und gewann 1982 den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Regie.  Die DVD enthält als Zusatzmaterial den Schroeter-Film AGGRESSION (1968), ein Gespräch von Dietrich Kuhlbrodt mit Werner Schroeter (2010), eine Laudatio von Wolf Wondratschek (2011) und einen Film von Klaus Wyborny über Schroeter (2008). Das Booklet mit Texten von Schroeter und Wolfram Schütte ist informativ. Mehr zur DVD: Willow-Springs—Tag-der-Idioten.html