Lebenserfahrungen

Fast fünfzig Jahre hat Hans-Dieter Grabe für die ZDF-Reihe „Lebenserfahrungen“ dokumen-tarische Filme realisiert. Es waren insgesamt 33. Neun Filme sind jetzt auf zwei DVDs zugänglich, die bei Absolut Medien erschienen sind. In ES GIBT SCHWIERIGE VATER-LÄNDER, EINS DAVON IST DEUTSCHLAND (1970) begleitet Grabe den Bundes-präsidenten Gustav Heinemann auf der Reise in Länder, die von Deutschland im Zweiten Weltkrieg überfallen wurden. GISELA BARTSCH ODER WARUM HABEN SIE DEN MÖRDER GEHEIRATET? (1976) porträtiert eine Krankenschwester, die einen Kindermörder geheiratet hat. In SIMON WIESENTHAL ODER ICH JAGTE EICHMANN (1978) macht sich ein KZ-Überlebender nach dem Ende der Nazi-Zeit auf die Suche nach Verbrechern. TYTTE BOTFELDT: AUFS STERBEN FREU’ ICH MICH (1979) zeigt eine an Krebs erkrankte dänische Adoptionsvermittlerin. DAS WUNDER VON LENGEDE ODER ICH WÜNSCH’ KEINEM, WAS WIR MITGEMACHT HABEN (1979) dokumentiert die seelischen Verwundungen der betroffenen Bergmänner. BERNAUER STRASSE 1 BIS 50 (1981) lässt Mauerflüchtlinge zur Wort kommen. FRITZ TEUFEL ODER WARUM HABEN SIE NICHT GESCHOSSEN? (1982) ist ein persönlicher Rückblick des APO-Kommunarden, der fast acht Jahre im Gefängnis verbracht hat. RAIMUND – EIN JAHR DAVOR (2013) beobachtet Grabes Nachbarn beim Holzfällen; er nimmt sich das Leben, nachdem seine Frau an Krebs gestorben ist. ANTON UND ICH (2017) porträtiert einen alten Bauern und Pensionswirt im Berchtesgadener Land. Hans-Dieter Grabe ist einer der großen Dokumentaristen der Bundesrepublik. Seine Filme sind bewegende Zeitzeugnisse. Mit einem ausführlichen PDF-Booklet. Coverfoto: Fritz Teufel. Mehr zur DVD: Grabe+1970+–+2017

303

In einem Wohnmobil Mercedes Hymer 303 macht sich die Biologiestudentin Jule, nach-dem sie die letzte Prüfung vor Ende des Sommersemesters nicht bestanden hat, auf den Weg nach Portugal. Dort schreibt ihr Freund Alex gerade seine Doktorarbeit. Jule will Alex persönlich darüber informieren, dass sie von ihm schwanger ist. Kurz nach Berlin trifft sie auf den Politikstudenten Jan, der nach Nordspanien reisen möchte, um dort seinen biologischen Vater kennenzulernen. Sie nimmt ihn mit auf die Reise, die zu einem Roadmovie wird. Jan ist davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus egoistisch ist. Jule dagegen glaubt, dass die Menschen im Kern empathisch und kooperativ sind. Da gibt es viel Gesprächsstoff für den gemeinsamen Trip durch Westeuropa. Der Film von Hans Weingartner dauert 145 Minuten, er nimmt uns mit auf eine Reise, die Ansprüche an unser Denkvermögen stellt und natürlich zu einer immer engeren Verbindung zwischen Jule und Jan führt. Ich finde den Film interessant, weil die Verknüpfung von Dialog und Bildern sehr gelungen ist. Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises hat er leider keine Rolle gespielt. Mala Emde (Jule) und Anto Spieker (Jan) spielen die Hauptrollen. Bei Alamode ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die ich sehr empfehle. Mehr zur DVD: 303.html

Focus on BLOW-UP

Der Film von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1966 gilt noch immer als Schlüsselwerk zur Wechselbeziehung zwischen Fotografie und Film. In seiner Reihe „Fundus“ widmet ihm der Verlag Philo Fine Arts einen Band, den Michael Diers, Denis Grünemeier und Beat Wyss herausgegeben haben. In zehn lesenswerten Beiträgen geht es um Form und Technik, Werkstatt und Dingwelt, einen Medienvergleich und Reminiszenzen. Sonja M. Schultz reflektiert über Stillstand und Bewegung, Sinn und Skrupel in Antonionis Film. Denis Grünemeier sieht BLOW-UP als Paradigma einer filmischen Malerei mit Licht und Farbe. Mit drei Beiträgen ist Michael Diers im Buch vertreten: sie beschäftigen sich mit dem Fetisch und seinem (Kunst-)Charakter, dem Aufstand der Zeichen im Studio des Fotografen und mit Musik, Tanz und Bild in BLOW-UP. Volker Pantenburg stellt eine Verbindung zwischen Godard und Antonioni im Jahr 1966 her. Martin Seel untersucht gezielt das Verhältnis von Fotografie und Film in BLOW-UP. Gabriele Brandstetter richtet ihren Blick auf die foto-choreographischen Aktionen im Film. Vera Lehndorff („Veruschka“) erinnert sich in einem Gespräch an die Arbeit mit Antonioni, gefolgt von Auszügen aus dem Film DIE ZEIT MIT ANTONIONI von Wim Wenders. Denis Grünemeier hat eine umfangreiche Literaturliste zu BLOW-UP zusammengestellt. Mehr zum Buch: focus-on-blow-up.html

Zur Morphologie und Rezeptionsästhetik des anthropomorphen Bösen im Spielfilm

Eine Dissertation, die an der Universität Bonn entstanden ist. Nadia Hamdi Bek untersucht darin in einem dreistufigen Ver-fahren die Reaktion ausgewähl-ter Versuchspersonen auf amo-ralische Filmfiguren. Auf 75 Seiten wird zunächst der theore-tische Hintergrund geklärt. In der Studie I haben dann 23 Versuchspersonen 30 amora-lische Filmcharaktere ausge-wählt, die in den folgenden Stufen von anderen Versuchs-personen, die sich via Internet beteiligten, auf spezielle Merkmale befragt wurden. Zu den „Bösen“ gehören u.a. Anton Chigurth (gespielt von Javier Bardem) in NO COUNTRY FOR OLD MEN (2005) von Joel & Ethan Coen, „The Butcher“ (gespielt von Daniel Day-Lewis) in GANGS OF NEW YORK (2002) von Martin Scorsese, Frank Booth (gespielt von Dennis Hopper) in BLUE VELVET (1986) von David Lynch, Hannibal Lecter (gespielt von Anthony Hopkins) in THE SILENCE OF THE LAMBS (1991) von Jonathan Demme, Michael Myers (gespielt von Nick Castle) in HALLOWEEN (1978) von John Carpenter, Nurse Ratches (gespielt von Louise Fletcher) in ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST (1975) von Milos Forman, Norman Bates (gespielt von Anthony Perkins) in PSYCHO (1960) von Alfred Hitchcock, „The Joker“ (gespielt von Heath Ledger) in THE DARK KNIGHT (2008) von Christopher Nolan. In der Studie II wurden die Versuchspersonen zu den Merkmalen Moral, Realismus und Attraktivität befragt. In der Studie III geht es um Involvement, Distanz, Appreciation und Faszinationspotential. Das ist, dem Anspruch einer Dissertation folgend, sehr theoretisch und für mich nicht immer zu verstehen. Ohne Abbildungen aus Filmen, mit zahlreichen Tabellen und Pfaddiagrammen. Mehr zum Buch: /365824979X

Filmische Raumkonstruktion und Inszenierung städtischen Raums

Eine Masterarbeit, die an der Universität Basel entstanden ist. Jacqueline Maurer analysiert darin die Figurenkonstellation von Michelangelo Antonionis Film L’ECLISSE (1962) in Innen- und Außenräumen. Der Film beginnt mit der Trennung der Übersetzerin Vittoria (Monica Vitti) von ihrem langjährigen Freund Riccardo (Francisco Rabal). Sie lernt den jungen Börsenmakler Piero (Alain Delon) kennen, beginnt eine Beziehung zu ihm, die aber keine Zukunft hat. Eine wichtige Rolle in Antonionis Film spielt das römische Quartier EUR, das Anfang der 40er Jahre zur geplanten Weltausstellung erbaut, aber erst in den 50er Jahren vollendet wurde. Die zum Teil monumentale Architektur hat starke bildliche Wirkungen, die von der Autorin präzise beschrieben werden. Hinter der Kamera stand damals Gianni di Venanzo. 492 Quellenverweise wirken für ein 150-Seiten-Buch etwas übertrieben. Die Analysen sind von Abbildungen in akzeptabler Qualität begleitet. Mehr zum Buch: staedtischen-raums.html

Cannes

Heute wird mit dem Film THE DEAD DON’T DIE von Jim Jarmusch das 72. Film-festival in Cannes eröffnet. Es dauert bis 25. Mai. Auf dem Programm stehen viele neue Filme berühmter Regisseure und vier Filme von Regisseurinnen. Zu sehen sind u.a. DOLOR Y GLORIA von Pedro Almodóvar, IL TRADITORE von Marco Bellocchio, AHMED von den Brüdern Dardenne, MATTHIAS ET MAXIME von Xavier Dolan, LITTLE JOE von Jessica Hausner, MEKTOUB, MY LOVE: INTERMEZZO von Abdellatif Kechiche, SORRY, WE MISSED YOU von Ken Loach, A HIDDEN LIFE von Terrence Malick, FRANKIE von Ira Sachs, ONCE UPON A TIME…IN HOLLYWOOD von Quentin Tarantino, SIBYL von Justine Triet. Jury-Präsident ist der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu. Alain Delon wird mit einer Ehrenpalme ausgezeichnet. Das Plakat erinnert an die jüngst verstorbene Regisseurin Agnès Varda – es zeigt sie auf dem Rücken eines Technikers bei den Dreharbeiten zu LA POINTE COURTE 1954. Mehr zum Festival: www.festival-cannes.com/en/

DAS ZWEITE GLEIS (1962)

Ein DEFA-Film, der sich mit der deutschen Vergangenheit in der NS-Zeit beschäftigt. Ungewöhn-lich: Schauplatz ist die DDR. Auf einem Güterbahnhof passiert ein Diebstahl, der Fahrdienstleiter Brock lässt einen der Täter, er heißt Runge, davonkommen, denn er hat ihm gegenüber einmal schuldhaft versagt: während des Zweiten Weltkriegs hat Brocks Frau einen jüdischen Flüchtling versteckt. Runge hat den Flüchtling erschossen und Brocks Frau der Gestapo ausgeliefert. Brock hat sich damals nicht dagegen gewehrt. Brocks Tochter Vera und der junge Schlosser Frank, ein Kumpel von Runge, stellen Nachforschungen zum damaligen Tatbestand an. Frank wird am Ende von Runge umgebracht, Brock befreit sich durch ein Geständnis von der alten Schuld. Der Schwarzweiß-Film (Regie: Joachim Kunert, Kamera: Rolf Sohre) hat erstaunliche formale Stärken, die Schauspieler Albert Hetterle (Brock), Annekathrin Bürger (Vera), Host Jonischkan (Frank), Walter Richter-Reinick (Runge) und Helga Göring (Frau Runge) sind beeindruckend. Ein ungewöhnlicher Film, der jetzt bei Icestorm als DVD erschienen ist. Mehr zur DVD: das-zweite-gleis.html

DER TRAFIKANT (2018)

Die Schlüsselfigur dieses histo-rischen Filmdramas ist der Wiener Tabakwarenhändler Otto Trsnjek, Kriegsinvalide aus dem Ersten Weltkrieg, zu dessen Stammkunden der 82jährige Sigmund Freud gehört. Haupt-figur ist der 17jährige Franz Huchel, der beim Trafikanten in die Lehre geht, sich in die böh-mische Varietétänzerin Anezka verliebt und psychologische Beratung bei Freud sucht. Nach der Annektion Österreichs durch Nazi-Deutschland geht die Freud-Familie ins Exil nach London. Trsnjek wird von einem benachbarter Fleischhändler bei der Gestapo denunziert, sein Laden demoliert, er selbst verhaftet. Später wird Franz informiert, dass sein Chef an einem Herzinfarkt gestorben sei. In einem symbolischen Akt installiert er eine Hose des Trafikanten wie eine Flagge vor dem Gestapo-Hauptquartier. Am nächsten Morgen wird er verhaftet. Anezka findet am Ende am Fenster des geschlossenen Geschäfts eine Botschaft von Franz. – Die Verfilmung des Romans von Robert Seethaler durch Nikolaus Leytner ist nicht wirklich geglückt, zu viele Szenen wirken kulissenhaft, aber die Besetzung mit Simon Morzé als Franz, Bruno Ganz (in seiner vorletzten Rolle) als Sigmund Freud, Emma Drogunova als Anezka, Johannes Krisch als Otto Trsnjek und Karoline Eichhorn als Anna Freud ist überzeugend und führt zu vielen beeindruckenden Momenten. Bei Tobis ist jetzt eine DVD des Films erschienen. Mit 40 Minuten interessantem Bonusmaterial. Mehr zur DVD: film/der-trafikant

Lana Gogoberidse

Die georgische Regisseurin – sie ist im vergangenen Jahr 90 Jahre alt geworden – hat eine wunderbare Autobiografie geschrieben, die jetzt im Mitteldeutschen Verlag auf Deutsch erschienen ist. Unter dem Titel „Ich trank Gift wie kacheti-schen Wein“ erzählt sie auf 500 Seiten ihre Lebensgeschichte, die reich an traurigen und schönen Ereignissen ist. Ich nenne neun Kapitel, die mir besonders gut gefallen haben: „Das seltsame Leben in der Sowjetunion, mit Kinderaugen gesehen“, „Georgische Heiterkeit als Antwort auf den Terror“, „Moskau, WGIK, Gerassimov und andere Begegnungen“ (über ihre Ausbildung an der Filmhoch-schule), „Das Leben im Kino, Zensur, Verbote…Und meine ersten Filme“, „Italien 1974. Aufzeichnungen“ (Begegnungen mit Fellini, Antonioni, Zavattini), „In der Heimat von Tagore, Begegnung mit Sayajit Ray“, „Filmfestivals: Berlin, Cannes, Tokio, Rio de Janeiro“ (sie war 1984 Mitglied der Berlinale-Jury), „Europarat oder Georgiens großes europäisches Abenteuer“ (sie hielt 1999 anlässlich der Aufnahme Georgiens in den Europarat eine beeindruckende Rede, die hier dokumentiert ist), „Abschied vom deutschen Leser“. Natürlich sind auch ihren vier wichtigsten Filmen eigene Kapitel gewidmet, die unbedingt lesenswert sind: ALS DIE MANDELBÄUME BLÜHTEN (1973), EINIGE INTERVIEWS ZU PERSÖNLICHEN FRAGEN (1978), DER TAG IST LÄNGER ALS DIE NACHT (1984) und DER WALZER AUF DER PETSCHORA (1992). Mit 16 Fotoseiten in der Mitte des Bandes. Die Coverabbildung finde ich zu dunkel und eintönig. Mehr zum Buch: kachetischen-wein-detail

Bilder einer besseren Welt

Eine Habilitationsschrift, die an der Universität Zürich entstan-den ist und an der Universität Bayreuth vollendet wurde. Simon Spiegel verifiziert darin an vielen konkreten Beispielen seine These, dass die Utopie im nichtfiktionalen Film besser darzustellen ist als im Spielfilm. Zunächst klärt der Autor begrifflich „Utopisches“, „Filmisches“, „Dokumentari-sches“ und „Semiopragmati-sches“. In vier Kapiteln geht es dann um die Zukunftsfilme der „defa-futurum“, Utopische Propaganda (nationalsozialistische und sowjetische Propaganda, Zionismus als Utopie, das Kalifat als islamische Utopie), Stadtutopien und Utopien der Gegenwart („Nach der Klassik“). Sehr differenziert werden u.a. die Filme ZEITGEIST: ADDENDUM (2008) von Peter Joseph, LAND OF PROMISE (1924) von Juda Leman, THE CITY (1939) von Ralph Steiner und Willard Van Dyke, TO NEW HORIZONS (1940) von General Motors, THE EPCOT FILM (1966) von Arthur J. Vitarelli, DEMAIN (2015) von Cyril Dion und Mélanie Laurent, THE MARSDREAMERS (2009) von Richard Dindo. Es handelt sich dabei zum großen Teil um nichtabendfüllende Filme, die aber im historischen Kontext sehr interessant sind. Mit 424 Seiten eine beeindruckende Publikation. Die Abbildungen haben eine sehr gute Qualität. Band 40 der „Zürcher Filmstudien“.Mehr zum Buch: bilder-einer-besseren-welt.html