Die visuelle Kultur der Migration

Eine Dissertation, die an der Universität Düsseldorf entstan-den ist. Ömer Alkin untersucht darin Geschichte, Ästhetik und Polyzentrierung des Migrations-kinos. Im Mittelpunkt steht das deutsch-türkische Kino, speziell das Yeşilçam-Kino der 1970er Jahre. Der Text ist mit rund 600 Seiten voluminös. Der Autor plädiert für eine Anerkennung der türkischen Kultur und argumentiert mit zahlreichen Beispielen gegen das simple Integrationskino mit der kategorialen Trennung in Herkunfts- und Ankunftsorte, Herkunfts- und Aufnahmekulturen. Hervorragend gelingt ihm das mit der Analyse des Films MEMLEKETIN (1974) von Yücel Çakmakli. Erzählt wird die Beziehungsgeschichte des angehenden Arztes Mehmet mit der jungen, liberal denkenden Leyla aus Istanbul, die in Wien beginnt und zu Konflikten führt, weil Mehmed nach Ende seiner Ausbildung nach Anatolien zurückkehren will, während Leyla in Österreich oder Deutschland leben möchte. Auf der Website von Ömer Alkin kann man ausgewählte Szenen des Films sehen, die mit beeindruckender Präzision interpretiert werden. Dies gilt auch für eine Reihe anderer Filme. In einem ersten Teil setzt sich der Autor mit der Polyzentrierung des „deutsch-türkischen Kinos“ auseinander. Alkin lebt als Kulturwissenschaftler und Filmemacher in Nordrhein-Westfalen. Mehr zum Buch: 978-3-8376-5036-5

EASTER PARADE (1948)

Der Film spielt zwischen den Osterfesten 1912 und 1913 in New York. Der berühmte Revuetänzer Don Hewes wettet mit seinem Freund, dass er aus jeder jungen Tänzerin einen Star machen kann. Seine Elevin wird Hannah Brown, er macht bei der Ausbildung viele Fehler, aber nach einem Jahr gibt es ein Happyend. Fred Astaire und Judy Garland spielen die Hauptrollen, Regie führte Charles Walters. Die brillanten Tanznummern und Gesangs-duette kann man gar nicht oft genug sehen. Die Musik stammt von Irving Berlin. Man kann eine DVD aus seinem Regal holen oder für eine geringe Gebühr YouTube nutzen. Ein Vergnügen, wann auch immer man es sich heute zuhause gönnt.

Wir wünschen allen FROHE und GESUNDE OSTERN

mit oder ohne Spaziergang!

Hans Helmut Prinzler + Antje Goldau

GELOBT SEI GOTT (2019)

François Ozon ist einer der großen französischen Autoren-filmer. GELOBT SEI GOTT lief im Wettbewerb der Berlinale 2019 und gewann den „Großen Preis der Jury“. In der Form eines Dokudramas erzählt der Film von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche im Bereich von Lyon. Drei Männer stehen im Mittelpunkt, die auf unterschiedliche Weise Leidensgeschichten erlebt haben und jetzt Gerechtigkeit verlangen. Für Ozon sind manche formalen Mittel (Voice over, Website, Dokumente) ungewöhnlich. Aber gespielte Szenen und reale Materialien sind gut miteinander verbunden. Die Vorwürfe gegen Père Preynat und den ihn schützenden Kardinal Barbarin sind gravierend, der Film von Ozon hat viel zur Solidarität bei der Aufklärung beigetragen. Jetzt gibt es bei Pandora die DVD. Mehr zur DVD: pandorafilm.de/filme/gelobt-sei-gott.html

Christian Rischert

Er hat seit den späten 6oer Jahren vor allem Dokumentar-filme gedreht. Herausragend: VENEDIG – DIE INSEL DER GLÜCKSELIGEN AM RANDE DES UNTERGANGS (1976) mit Michael Ballhaus hinter der Kamera. Das Zeughauskino hat ihm vor zwei Jahren eine Werk-schau gewidmet, jetzt ist eine Doppelnummer der Zeitschrift Filmblatt über ihn erschienen. Zehn Textbeiträge sind dort zu lesen. Ich nenne einige, die mir besonders gut gefallen haben. Stefanie Mathilde Frank und Frederik Lang würdigen Rischerts Werk insgesamt („Mit stiller Beharr-lichkeit“). Kay Hoffmann richtet seinen Blick auf die Produktionsbe-dingungen von Rischerts Fernseharbeiten. Martin Koeber vermittelt den technischen Zustand der Filme. Stefanie Mathilde Frank beschäf-tigt sich mit den Spielfilmen KOPFSTAND, MADAM! (1967) und LENA RAIS (1980). Bei Fabian Tietke geht es um die frühen Dokumentar-filme. Gerrit Bogdahn macht Anmerkungen zur Musik in Rischerts Œvre („Geklimper, Wagner und Mahler“). Frederik Lang erinnert an Rischerts Dokumentarfilme über Essen und Wein. Michael Omasta befasst sich mit Rischerts Wienfilmen („Lust und Frust“). Insgesamt eine wunderbare Würdigung des Werks von Christian Rischert (*1936). Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverfoto: Miriam Spoerri und Heinz Bennent in KOPFSTAND, MADAM!. Mehr zur Zeitschrift: winter-2019-20-christian-rischert/

Woody Allens Autobiographie

Er hat in den vergangenen fünfzig Jahren 48 Filme als Autor, Regis-seur realisiert und oft auch die Hauptrolle gespielt. Viele Filme finde ich herausragend, zum Beispiel ANNIE HALL, MAN-HATTAN oder HANNAH AND HER SISTERS. Seit fast dreißig Jahren ist er mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert, die aber zu keinen rechtlichen Konsequenzen geführt haben. Jetzt hat Woody Allen (*1935) seine Autobiographie publiziert, in der seine Arbeit und sein Privatleben thematisiert werden. Der Titel „Ganz nebenbei“ (OT: „Apropos of Nothing“) ist ein Understatement, das auch den Tonfall seines Textes charakterisiert: Ironie, Selbstkritik, Stolz. Wer sich nur für die Missbrauchsvorwürfe interessiert, muss die Seiten 240 bis 320 lesen. Sie sind präzise formuliert und wirken glaubhaft. Seine Kindheit, Jugend und Ausbildung, seine erste Ehe und der Weg bis zum ersten Film werden ausführlich auf den ersten 160 Seiten erzählt. Vieles klingt, weil im Plauderton erzählt, lustig, manche Situationen haben eine Absurdität, die nicht wirklich komisch ist. Interessant sind die Passagen über die Filmarbeit: über die Zusammenarbeit mit seinen Kameramännern Gordon Willis, Carlo Di Palma, Sven Nykvist und Vilmos Zsigmond, mit seinen Darstellerinnen und Darstellern, über das Casting, über den Umgang mit Schwarzweiß und Farbe, über den Wechsel der Genres. Als Darsteller hat er mit mehren Regisseuren zusammengearbeitet, die er respektvoll würdigt: Herbert Ross, Martin Ritt, Paul Mazursky. Natürlich spielt auch die Musik eine große Rolle, die ihn durch sein ganzes Leben begleitet hat. Regisseure, die er bewunderte, waren Ernst Lubitsch (nur TO BE OR NOT TO BE mochte er nicht) und Charles Chaplin (nur THE GREAT DICTATOR fand er nicht gut). Er liebte das Genre Musical, aber nicht AN AMERICAN IN PARIS. Begründet wird das nicht. Das Buch hat viele Schwächen, aber ich habe es mit Interesse gelesen. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: allen-ganz-nebenbei.html

Filmjahr 2019/20

Der Filmdienst ist jetzt ein Portal, aber den Rückblick auf das vergangene Jahr gibt es weiterhin in Printform, publi-ziert im Schüren Verlag, redak-tionell betreut von Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle und Marius Nobach. Es beginnt mit dem Rückblick auf das Kinojahr („Zwischen Netflix & #MeToo“). Dann werden die 20 besten Kinofilme und 15 bemer-kenswerte Serien des Jahres 2019 vorgestellt. Es gibt Beiträge zu den Themen „Filmbranche und Politik“, „Themen und Motive“, „Filmemacher im Porträt“, sechs Interviews zum deutschen Kino (mit Jan-Ole Gerster, Heidi Handorf, Nora Fingscheidt, Susanne Heinrich, Volker Schlöndorff und Ilker Catak) und sieben Gespräche zum internationalen Kino (mit François Ozon, Danny Boyle, Céline Sciamma, Teona Strugar, László Nemes, Richard Billingham und Yorgos Lanthimos). Acht Nachrufe sind D. A. Pennebaker, Doris Day, Hannelore Elsner, Agnès Varda, Václav Vorlicek, Jonas Mekas, Peter Fonda und Bruno Ganz gewidmet. Das Lexikon selbst hat einen Umfang von 260 Seiten. Im Anhang findet man auf 20 Seiten die Auflistung der wichtigsten Preise. Das Jahrbuch ist für mich weiterhin unverzichtbar. Aber wie wird der Rückblick auf das Filmjahr 2020 aussehen? Coverfoto: Natalie Portman in VOX LUX. Mehr zum Buch: lexikon-des-internationalen-films.html

Komm mit ins Kino!

Der Aufforderung des Titels darf man zurzeit nicht folgen, aber dafür hat man mehr Zeit zum Lesen. Zum Beispiel dieses kleine Buch zur Geschichte der Potsdamer Lichtspieltheater. Die Autorin Jeanette Toussaint hat vor zwei Jahren ein Buch über das Potsdamer Thalia Theater publiziert und vor sechs Jahren einen Beitrag im „Jahrbuch für Brandenburgische Landes-geschichte“ über Potsdamer Kinos veröffentlicht, der die Basis für das jetzt von CineGraph Babelberg und dem Filmmuseum Potsdam verantwortete Büchlein war. Als Herausgeber fungiert Philipp Stiasny. Auf rund fünfzig Seiten wird die Kinohistorie erzählt, beginnend mit den Wanderkinos 1901 und dem Parade-Kino-Theater 1909, dem ersten festen Spielort in der Stadt. Die Entwicklung verläuft natürlich anders als in Berlin, ist überschaubarer, wird auch von politischen Verhältnissen beeinflusst und ein bisschen von der Nähe der Filmstadt Babelsberg. Ein 30-Seiten-Kompendium der Kinos und anderen Spielstätten in Potsdam von „Alhambra“ bis „Zentrales Kulturhaus“ im Anhang ergänzt den Text. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Band 10 der „Filmblatt-Schriften“. Die parallel geplante Ausstellung im Filmmuseum Potsdam kann leider nicht stattfinden. Mehr zum Buch: die-geschichte-der-potsdamer-lichtspieltheater/

DER KAISER VON KALIFORNIEN (1936)

Ein deutscher Western von und mit Luis Trenker. Erzählt wird die Geschichte des Schweizers Johann August Suter, der 1836 nach Kalifornien auswandert, dort großen Landbesitz ansam-melt und in blutige Fehde mit Goldsuchern gerät. Trenkers Denkmal für einen eigensinni-gen Pionier wirkt trotz großer Empathie authentisch und erhielt 1936 das Prädikat „staatspolitisch und künstle-risch besonders wertvoll“. Joe Hembus lobt den Film in seinem „Western-Lexikon“: „Rhythmus und Realismus der Reise nach Kalifornien, der Massenszenen beim Aufbau von Nova Helvetia und der Szenen auf den Goldfeldern sind allem, was vergleichbare deutsche und sogar die meisten amerikanischen Produktionen der Zeit zu bieten hatten, weit voraus.“ Bei Universum hat die Murnau-Stiftung jetzt eine DVD-Deluxe-Edition des Films publiziert. Zum Bonusmaterial gehört ein 17-Minuten-Film von Hans Günther Pflaum: DER SCHÖNSTE DEUTSCHE WESTERN. Das Booklet enthält einen sehr lesenswerten Text von Heike Kühn. Mehr zur DVD: der-kaiser-von-kalifornien.html

YESTERDAY (2019)

Der bisher erfolglose indisch-britische Sänger und Songwriter Jack Malick erlebt einen globalen Stromausfall, der die Welt verändert. Plötzlich sind die Beatles aus der Erinnerung der Menschen verschwunden (ebenso wie Harry Potter und Coca Cola). Jack verliert bei dem Stromausfall zwar zwei Zähne, aber er nutzt sein gutes Gedächtnis und macht mit den Hits der Beatles Karriere. Allerdings droht ein Ende der Liebesbeziehung zu seiner Amateur-Managerin Ellie, als Jack in die USA geht. Der Film von Danny Boyle hat viele originelle Momente, wird von Songs dominiert, nutzt aber nicht die Chance, das Musikbusiness zu kritisieren. Die Hauptrollen spielen Himesh Patel (Jack) und Lily James (Ellie). Bei Universal ist jetzt die DVD des Films erschienen. Zu den Extras gehören ein Audiokommentar von Danny Boyle und Richard Curtis (Autor und Produzent), ein Feature mit nicht verwendeten Szenen und Alternativen für den Anfang und das Ende des Films. Mehr zur DVD: universalpictures.de/m/yesterday

Im Blick des Philologen

Was verbindet das literarische Erzählen mit aktuellen Fernseh-serien aus dem „Quality TV“-Bereich? 17 Beiträge von Litera-turwissenschaftler*innen geben darauf konkrete Antworten. Sie stammen von Elisabeth K. Paef-gen (Roman in Anführungszei-chen?), Wolfgang Bernhard (Aristoteles und die GILMORE GIRLS), Jürgen Heizmann (FARGO – Fast wahre Ge-schichten aus Amerika), Achim Küpper (Traumatisches und Therapeutisches aus FARGO), Volker Pietsch (Urbane Räume in BOARDWALK EMPIRE und BABYLON BERLIN), David Frühauf (Nostalgie in THE SOPRANOS und MR. ROBOT), Michael Rohrwasser (SHERLOCK – Holmes), Hans Richard Brittnacher (Das Recht ist weiblich: DAMAGES), Nadja Israel (Über das Töten sprechen: MINDHUNTER), Melanie Lörke (ONE MISSISSIPPI), Birgit Ziener (Sequels, Prequels, gender trouble), Matthias Hurst (Utopie in Wiederholungen und Variationen: STAR TREK), Jost Eickmeyer (Philologische Bemerkungen zu FIREFLY), Iulia-Karin Patrut (Androiden in der Serie ECHTE MENSCHEN), Markus May und Richard Mathieu (Ethik und Vergesellschaftung in der Zombie-Postapokalypse), Franz Kröber (Raum und Handlung in THE MAN IN THE HIGH CASTLE), Jonas Nesselhauf (Die Serialität des Bösen in JEKYLL). Hohes Niveau, keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 9783967070927#.XmQG9jvl5W8