DER BARBAR UND DIE GEISHA (1958)

Der New Yorker Kaufmann Townsend Harris wird 1856 amerikanischer Botschafter in Japan und soll die Handels-beziehungen mit dem weit entfernten Land verbessern. Er ist der erste Konsul vor Ort und hat eine schwierige Aufgabe, denn sowohl die Bewohner wie der Gouverneur stehen ihm ablehnend gegenüber. Als rechte Hand und Übersetzer hat Harris den charmanten Hendrick Heusken an seiner Seite. Beide sind aber für die Einheimischen „Barbaren“ aus einer fremden Welt. Die Konflikte spitzen sich immer wieder zu, der Gouverneur engagiert zur Vermittlung die Geisha Okichi, die in der Botschaft spionieren soll, aber ein Vertrauensverhältnis zu Harris entwickelt und ihn am Ende vor einer geplanten Ermordung warnt. Der Gouverneur begeht Harakiri. John Huston hat den Film auf der Basis einer überlieferten Geschichte spannend inszeniert, es gibt malerische Bilder aus Japan, aber an John Wayne in der Rolle des Diplomaten Harris muss man sich erst gewöhnen. Der Film war Ende der 1950er Jahre ein großer Flop, jetzt sind bei Koch Media DVD und Blu-ray erschienen. Interessant, weil mir bisher unbekannt. Mehr zur DVD: der_barbar_und_die_geisha_dvd/

DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT (2018)

Der Film von Caroline Link war im Jahr 2018/19 der besucher-stärkste in der Bundesrepublik, und er hat mir außerordentlich gut gefallen. Ausgangspunkt ist, wie allseits bekannt, die Auto-biografie von Hape Kerkeling. Wir sind Augenzeugen der Jugend von Hans-Peter im Ruhrgebiet der frühen 1970er Jahre, als er neun Jahre alt war, etwas pummelig, aber ausge-stattet mit einem großen Selbstvertrauen. Im Laden seiner Großmutter unterhält er die Kunden, im Verwandtschaftskreis liebt er Auftritte. Eine Heraus-forderung wird die Depression seiner Mutter nach einer schwierigen Operation. Da unternimmt der Großvater eine Reise mit Hans-Peter, denn der Junge muss an die frische Luft. Das Drehbuch zum Film stammt von Ruth Toma und hat große Stärken durch die psycholo-gischen Zwischentöne. Hinter der Kamera stand Judith Kaufmann, ihre Bilder sind wie immer sehr stark. Und Caroline Link hatte ein wunderbares Ensemble zur Verfügung: Julius Weckauf als Hans-Peter, Luise Heyer als seine Mutter, Sönke Möhring als seinen Vater, Hedi Kriegeskotte und Joachim Król als Oma Anne und Opa Willi. Die Musik stammt von Niki Reiser. Bei Warner Home Movies ist jetzt eine DVD des Films erschienen, da kann man ihn sich mit großem Vergnügen zum zweiten Mal ansehen. Mehr zur DVD: EAAYASAAEgLnA_D_BwE

Grenz-Übergänge

Der von Matthias Bauer, Martin Nies und Ivo Thiele herausgege-bene Band dokumentiert 15 Bei-träge zu einer Tagung mit dem Thema „Europa im Übergang“, die 2017 an der Europa-Univer-sität in Flensburg stattgefunden hat. Es geht um Flucht und Asyl, Migration und Mehrspra-chigkeit, Exil und Diaspora. Drei Texte befassen sich mit dem Film. Bei Friederike Heinz geht es um den Einsatz von dokumentarischen Filmen in landeskundlichen Seminaren in Benin am Beispiel von ALS PAUL ÜBER DAS MEER KAM (2017) von Jakob Preuss. Atre Sonal, Dindore Gauri und Parkhe Aditi informieren über Mumbai und Mehrsprachigkeit in indischen Filmen. Matthias Bauer äußert sich zum Sprachverlust im Exil und Mehrsprachigkeit im Film mit Überlegungen über das Stefan-Zweig-Biopic VOR DER MORGENRÖTE (2016) von Maria Schrader. Auch einige Texte zum Thema Literatur sind sehr lesenswert. Mehr zum Buch: grenz-uebergaenge/

Harun Farocki: Texte Band 4

107 Texte von Harun Farocki aus der Zeit von 1976 bis 1985 dokumentiert dieser Band, den Volker Pantenburg herausgege-ben hat. Rund 90 stammen aus der Zeitschrift Filmkritik, zu deren Redaktionskollektiv Farocki seit Januar 1974 ge-hörte. Das Konzept der Filmkritik hatte sich in den letzten zehn Jahren ihres Bestehens sehr verändert. In der Regel gab es ein Schwer-punktthema und nur gelegent-lich Kritiken zu einzelnen Filmen unter der Rubrik „Im Kino“. In seinem Nachwort hat Pantenburg den redaktionellen Background der Zeitschrift hervorragend charakterisiert. Farockis erster Text in diesem Band ist Filmen von Erich von Stroheim gewidmet („Zum letzten Mal Psychologie“), der vorletzte heißt „Bresson ein Stilist“, der letzte stammt aus der Zeitschrift Les Choses, thematisiert das Filmhaus am Potsdamer Platz, trägt die Überschrift „Ich habe genug!“ und beginnt mit dem Satz „Ich will keinen Filmmenschen begegnen.“ (S. 445). Viele von Farockis Texten sind mir aus jener Zeit noch gut in Erinnerung. Ich nenne nur: „Was mir das Fernsehen bedeutet“ (August 1977), „Neues vom Wixer“ (Juli 1978), über vier Filme von Peter Nestler (September 1979), „Schuß-Gegenschuß: Der wichtigste Ausdruck im Wertgesetz Film“ (Juni 1981), „Zwei Wochen in Paris“ (August 1982), „Godard, Passion“ (Juli 1983). Mehrere Beiträge aus den Jahren 1978/79 beziehen sich auf Farockis Film ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN. Die Texte über einzelne Filme haben oft einen spöttischen oder zumindest ironischen Ton. Wenn ich sie jetzt lese, höre ich fast automatisch Haruns Stimme. Wir kannten uns seit 1968. Er fehlt als Inspiration seit seinem Tod 2014. Mehr zum Buch: ich-habe-genug/

Hans Feld, Redakteur und Kulturjournalist

Hans Feld (1902-1992) war ab Mitte der 1920er Jahre als Redakteur des täglich erschei-nenden Film-Kurier eine Schlüsselfigur für die kulturelle Berichterstattung aus der deutschen Hauptstadt. Er hat nicht nur über Film, sondern auch über Theater, Oper, Litera-tur, Politik und Gesellschaft geschrieben. Eva Orbanz, die ihn 1978 kennengelernt und bis zu seinem Tod mit ihm und seiner Frau Kätie befreundet war, hat in einer jahrelangen Arbeit alle von ihm publizierten Texte bibliografisch erschlossen. Damit sind 500 Seiten des Buches gefüllt. Eine Zeittafel führt uns durch das Leben von Hans Feld. Ein sehr persönlich formuliertes Vorwort der Herausgeberin erinnert an den Publizisten, der 1933 mit seiner Familie nach Prag emigrierte und 1935 nach London übersiedelte, wo er bis zu seinem Lebensende gewohnt und gearbeitet hat. Beispielhaft sind in dem Buch 23 Texte von Hans Feld aus der Zeit zwischen 1926 und 1932 dokumentiert. Wunderbar: seine Kritiken der Filme NAPOLEON von Abel Gance (1927), MENSCHEN AM SONNTAG von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer (1930), DER WEG INS LEBEN von Nikolaj Ekk (1931), seine Kritik der Aufführung von Bertolt Brechts „Mann ist Mann“ in der Volksbühne (1928), sein Bericht über die Dreharbeiten zu G. W. Pabsts WESTFRONT 1918 (1930), seine Reflektionen über das Leben in Deutschland 1932 und den Film EMIL UND DIE DETEKTIVE von Gerhard Lamprecht. Er war ein Autor, der manchmal unterschätzt wurde. Wie schön, dass ihm nun eine Art Denkmal gesetzt wird. Band 22 der Reihe „Film & Schrift“, herausgegeben von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen, mit neuem Coverdesign. Coverfoto: Hans Feld, fotografiert von Eva Orbanz (1978). Mehr zum Buch: XV1yO-n-BW8

BildFilmRaum

Band 3 der „Studien zur Film-szenographie“. Im Fokus steht der Dialog zwischen den ver-schiedenen Bereichen der Kunst im Blick auf den Film. 19 Text-beiträge sind zu lesen. Sechs richten ihren Blick exempla-risch auf den Film NORTH BY NORTHWEST von Alfred Hitchcock, sie sind alle lesens-wert. Ich nenne neun weitere, die mir gut gefallen haben: Barbara Schrödl befasst sich mit der Architekturgeschichte und der Hoffnung auf eine Korrektur des kunsthistorischen Blicks durch den Film. Annette Dorgerloh erinnert an die Nachkriegsmoderne als Argument in Spielfilmen der 1950 und 60er Jahre. Marcus Becker macht Entdeckungen zum Berliner Hinterhof im Bild- und Motiv-Archiv der DEFA. Kristina Jaspers platziert das Werk des Production Designers Ken Adams zwischen visionärer Fantasie und bildhistorischer Referenz. Angela Lammert fragt nach den Möglichkeiten, Filme auszustellen: Kino oder Museum? Michael Wedel äußert sich zu Nosferatus Nachleben von Murnau zu Hitchcock. Stefanie Mathilde Frank beschäftigt sich mit Remakes in der Bundesrepublik der Adenauer-Zeit, speziell mit DER JÄGER VON FALL (1957) im Berchtesgadener Land. Wolfgang Mühl-Benninghaus resümiert die Entwicklung der deutschen Filmproduktion seit den 1990er Jahren. Bei Anett Werner-Burgmann geht es um Filmpublikationen im digitalen Zeitalter („Print, hybrid oder online?“). Mit 144 Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: 2031.html

Abschied von Gero Gandert

Er war – über viele Jahrzehnte als Kustos der Deutschen Kinemathek – ein leiden-schaftlicher Sammler, ein akribischer Rechercheur und fühlte sich dem Gedächtnis der Bilder verpflichtet. Ihm ist zu verdanken, dass Dokumente und Exponate zum Filmexil zu einem Schwerpunkt der Sammlungen der Kinemathek wurden. Im Museum für Film und Fernsehen ist dem Thema ein eigener Raum gewidmet. Viel Lebenszeit hat er in sein Schlüsselwerk investiert: „Der Film der Weimarer Republik. Das Jahr 1929“. Als der Band 1993 erschien, war Gero Gandert von seiner größten Last befreit, denn niemand hatte mit der Publikation wirklich gerechnet. Nach der Eröffnung des Filmmuseums am Potsdamer Platz engagierte sich Gero für den „Boulevard der Stars“ auf der Potsdamer Straße, den er mit tatkräftiger Hilfe von Georgia Tornow auch auf den Weg brachte. Vor zehn Jahren, zu seinem 80. Geburtstag, habe ich diese kleine Rede gehalten: gero-gandert-80/. In den letzten Jahren hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Am vergangenen Donnerstag ist Gero Gandert im Alter von 90 Jahren in Berlin verstorben. Wir werden ihn nicht vergessen.

DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920)

Der zweite Golem-Film. Der Architekt Hans Poelzig hat auf dem Tempelhofer Ufa-Gelände kein mittelalterliches Prag gebaut, sondern eine visionäre Golem-Welt. Die Häuserfronten, Türen, Fenster, Türme haben eine große Ausdrucksstärke, es gibt geheimnisvolle Treppen und Gänge. Regie führten Carl Boese und Paul Wegener, hinter der Kamera stand Karl Freund, in den Hauptrollen sehen wir Paul Wegener (Golem), Albert Steinrück (Rabbi Löw), Lyda Salmonova (Rabbi Löws Tochter Mirjam), Ernst Deutsch (Famulus) und Otto Gebühr (Kaiser Rudolf II.). Die jüdische Legende verbindet sich mit deutscher Romantik und Wegeners Vision vom Kino des Phantastischen. Bei Universum Film ist jetzt in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung eine Sonderedition der DVD der restaurierten Fassung des Films erschienen. Zu den Extras auf eigener DVD gehören der Hauptfilm mit neuen Musiken von Admir Shkurtaj, Stephen Horne und Lukasz „Wudec“ Poleszak, die US-Version mit Musik von Cordula Heth und ein Vergleich des Export- und des Inlandsnegativs im Split-Screen. Ein 20seitiges Booklet enthält Texte von Karsten Visarius (über den Film), Anke Wilkening (über neue Erkenntnisse und neue Rätsel bei der neuen Restaurierung) und Maria Fuchs (über die Soundtracks). Die Edition ist wieder ein wichtiger Beitrag zur deutschen Filmgeschichte. Mehr zur DVD: der-golem.html

THE SISTERS BROTHERS (2018)

Wir befinden uns im Jahr 1851 in Oregon. Im Auftrag des ‚Commodore’ (gespielt von Rutger Hauer) sollen die Brüder Eli und Charlie Sisters (John C. Reilly und Joaquin Phoenix) den Goldsucher Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) umbringen, weil er offenbar ein Dieb ist. Auch der Detektiv John Morris (Jake Gyllenhaal) verfolgt Warm. Er trifft ihn in einem Planwagenzug und nimmt ihn zunächst gefangen, um ihn den Sisters Brüdern zu übergeben. Als die beiden Outlaws auf Morris und Warm treffen, ergeben sich überraschende Veränderungen. Mit einer von Warm erfundenen Tinktur suchen sie gemeinsam im Fluss nach Gold. Wie gefährlich das ist, bekommen Morris und Warm bald zu spüren. Die Sisters Brüder wollen dann nicht mehr als Auftragskiller tätig sein, aber im Hintergrund agiert noch der Commodore… Der Western des französischen Regisseurs Jacques Audiard gewann vor einem Jahr in Venedig den Löwen für die beste Regie. In der Tat hat er außerordent-liche Qualitäten, in der Dramaturgie, der Bildgestaltung, der Darstellung. Bei Universum ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die sehr zum empfehlen ist. Zum Bonusmaterial gehört eine Q&A-Runde mit Jake Gyllenhaal, Jacques Audiard und dem Co-Autor Thomas Bidegain. Mehr zur DVD: the-sisters-brothers.html

Lebenserinnerungen von Ellen Schwiers

Im April 2019 hat sich die Schauspielerin Ellen Schwiers im Alter von 88 Jahren aus dem Leben verabschiedet. Ihre erste Filmrolle hat sie 1949 in dem Film HEIMLICHES RENDEZ-VOUS von Kurt Hoffmann gespielt, ihre letzte 2013 in 3096 TAGE von Sherry Hormann als Großmutter von Natascha Kampusch. Jetzt sind posthum im Verlag Neues Leben ihre Erinnerungen erschienen, die sie mit der Journalistin Marte von Have erarbeitet hat. Der Titel „Dich hat der Esel im Galopp verloren“ ist ein Zitat ihrer Mutter aus der Kindheit von Ellen Schwiers. Der Text liest sich sehr gut, weil die Protagonistin offenbar über ein sehr gutes Gedächtnis verfügte, viele Situationen im Filmstudio, auf der Bühne oder im privaten Leben anschaulich erzählt und ihre Reminiszenzen ein anschaulicher Blick in das unstete Künstlerdasein in der Bundesrepublik sind. Ihre Rollencharakterisie-rungen lesen sich spannend, die Aktivitäten mit ihrem Mann Peter Jacob im Theaterbereich waren beeindruckend, vor allem die Leitung der Burgfestspiele in Jagsthausen und die Gründung des Tournee-theaters „Das Ensemble. Natürlich spielte der Film in ihrem Leben eine große Rolle, auch wenn sie ihre Bedeutung als Darstellerin verführerischer und problematischer Frauen vielleicht aus Bescheidenheit kleiner macht als sie war. Eine lesenswerte Autobiografie. Mit einem 16seitigen Abbildungsteil. Das Coverfoto stammt aus dem Jahr 2008. Mehr zum Buch: dich-hat-der-esel-im-galopp-verloren.html