DEKALOG von Krzysztof Kieślowski

Bild 1Als bekennender Christ ist der polnische Filmemacher Krzysztof Kieślowski (1941-1996) nicht in Erscheinung getreten, aber als eines seiner Hauptwerke gilt die „Verfilmung“ der Zehn Gebote. Unter dem Titel DEKALOG hat er sie in den Jahren 1987/88 als Fernsehzyklus realisiert, mit finanzieller Unterstützung des damaligen SFB. Gesendet wurden die zehn jeweils knapp 60 Minuten langen Filme in den Dritten Programmen der ARD. Jetzt sind sie bei Absolut Medien als DVD-Box erschienen. Natürlich handelt es sich nicht um eine „Verfilmung“ der Zehn Gebote. Sie dienen dem Regisseur als Versuchsanordnung, als Ausgangspunkt für zehn extreme Schicksalsgeschichten. Schauplatz aller Episoden ist eine Hochhaussiedlung in Warschau, jede Geschichte beginnt in einer Wohnung und endet dort auch. Die Schauplätze zwischendurch sind weit verstreut: ein Bahnhof, ein Krankenhaus, ein Flughafen, ein zugefrorener See, ein Ort in den Bergen, eine Brücke, ein Gerichtssaal. Zehn Geschichten, zum Teil sehr pessimistisch im Grundton. Der Wissenschaftler Krzystof verliert seinen Sohn, weil er die Stärke des Eises falsch berechnet hat, auf dem der Junge seine neuen Schlittschuhe ausprobieren will. Krzystof hat dem Computer mehr geglaubt als dem lieben Gott. – Die Violinistin Dorota ist schwanger von ihrem Geliebten, ihr Ehemann Andrzej ist krebskrank. Sie will das Kind abtreiben lassen, wenn Andrzej überlebt. Der Chefarzt diagnostiziert den Tod des Mannes, sie treibt nicht ab, der Mann überlebt. – Der Taxifahrer Janusz feiert mit seiner Familie den Heiligen Abend. Das Fest wird gestört, als seine ehemalige Geliebte Eva ihn bittet, ihr bei der Suche nach ihrem verschwundenen Mann zu helfen. In Wahrheit will Eva Janusz zurückgewinnen. Der kehrt aber zu seiner Familie zurück. – Die Schauspielschülerin Anka konfrontiert ihren Vater mit einem geheimnisvollen Brief ihrer verstorbenen Mutter. Darin steht, dass er nicht ihr leiblicher Vater sei. Die nächtliche Aussprache ist dramatisch. Am Morgen gesteht Anka, dass sie den Brief gefälscht habe. – Der Jurist Piotr muss in seinem ersten Prozess den Mörder Jacek pflichtverteidigen. Er erkennt in einem letzten Gespräch die unheilvollen Verstrickungen des Angeklagten. Der wird zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung ist grausam. – Der junge Postangestellte Tomek beobachtet durchs Fernrohr die attraktive Nachbarin Magda, verliebt sich in sie und wird von ihr, die keine Liebe, sondern nur sexuelle Lust kennt, in den Suicid getrieben. Tomek überlebt, aber er hat für Magda nur noch Verachtung übrig. – Die 21jährige Maika hat mit 16 ein Kind geboren, das von Maikas Mutter als Kind einer anderen Frau angemeldet wurde. Sie will ihr Kind zurück, entführt es, leistet aber am Ende Verzicht. – Die Ethikprofessorin Zofia arbeitet mit der jüdischen Wissenschaftlerin Elzbieta aus den USA zusammen und erfährt, dass sie sich 1943 geweigert hat, die damals sechsjährige Elzbieta vor den Nazis zu verstecken. Die Aussprache wird schwierig. – Der Chirurg Roman erfährt, dass er impotent sein wird. Er findet einen Lebenskompromiss mit seiner Frau Hanka, der jedoch durch deren Beziehung zu einem Physikstudenten in Gefahr gerät. Roman unternimmt einen Selbstmordversuch. – Der Streit um die Erbschaft einer wertvollen Briefmarkensammlung vereint die beiden Brüder Jerzy und Artur, entzweit sie aber endgültig, als die Sammlung gestohlen wird und Jerzy und Artur sich gegenseitig verdächtigen. – Die Episoden wurden von unterschiedlichen Kameraleuten aufgenommen. Aus zwei Episoden wurden lange Spielflme entwickelt (EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN / EIN KURZER FILM ÜBER DIE LIEBE). Das Booklet zur DVD-Box wurde redaktionell von Rainer Niehoff betreut. Zur DVD-Box gehört der Dokumentarfilm STILL ALIVE von Freunden und Mitarbeitern Kieslowśkis und ein 40-Minuten-Fernsehgespräch aus dem Jahr 1989. Mehr zur DVD-Box: Dekalog++%286+DVD%29

Das Buch über Kieślowski

2014.KieslowskiEs gibt mehrere Bücher über den polnischen Regisseur, das beste stammt von Margarete Wach. Es war die Dissertation der Autorin an der Gutenberg-Universität in Mainz, erschien 2001 in einer Zusammenarbeit des Kölner KIM Verlages mit dem Marburger Schüren Verlag in der „Edition film-dienst“ und liegt jetzt in einer zweiten, überarbeiteten Auflage vor. Die Autorin hat ihre Monografie um über hundert Seiten erweitert, der neue Untertitel „Zufall und Notwendigkeit“ verweist auf Bezüge zum episodischen Erzählkino, wie es in den letzten Jahrzehnten von Tom Tykwer, Jean-Pierre Jeunet oder Paul Thomas Anderson entwickelt wurde. In der Terminologie der Autorin heißt das: „So sind Zufallskombinationen und Zwangslagen für Kieslowśkis Poetik eines narrativen Netzwerks der offenen Lebenswege wie für sein ethisches Paradoxon einer indeterminierten Determiniertheit konstituierend.“ Hinzugekommen sind neue Erkenntnisse zur Farbästhetik, zur Rolle der Fotografie, zu den Analogien mit Filmen von Robert Altman und Michael Haneke. Auch die Wiederentdeckung von Kieslowśkis frühem Film Zdjęcie / DAS FOTO (1968) hat den Interpretationshorizont vergrößert. Schier atemberaubend ist der Umgang mit Fotos, mit Standfotos, Screenshots und Sequenzen-Stills, die den Analysen eine zusätzliche Beweiskraft geben. Das Buch ist Pflichtlektüre für Anhänger des Autorenkinos. Coverfoto: Kieslowśki auf dem Set von DREI FARBEN: WEISS. Mehr zum Buch: 172–krzysztof-kieslowski.html

Nicolas Roeg

2014.RoegEr ist ein Lieblingsregisseur von Dominik Graf. Ihm müsste vor allem der Titel dieses Buches gut gefallen. Dominik, der so wunderbar über das Werk von bestimm-ten Kollegen schreiben kann, hat sechs Texte über Roeg publiziert, in der SZ und in der FAZ. Für ihn ist DON’T LOOK NOW sein Meister-werk. Keyvan Sarkhosh hat in Wien mit einer Disserta-tion über Roeg promoviert, die jetzt bei transcript als Buch erschienen ist. Nicolas Roeg (*1928) war zunächst als Kameramann u.a. für Clive Donner, Richard Lester, François Truffaut und John Schlesinger tätig. Seit 1970 hat er in 14 Kinofilmen und verschiedenen Kurzfilmen und TV-Filmen Regie geführt. Sarkhosh unternimmt eine analytische Reise durch Roegs Werk, die in drei Kapiteln strukturiert ist: „Die (Eisen-)Bahnen des narrativen Realismus / Spiegelwelten und Zeitlabyrinthe / Wege des Erzählens – und ihre Verzweigungen“. Es geht dabei vor allem um den eigenwilligen Umgang mit Zeit und Raum, um Ereignisse und Kausalitäten, um Spiegel, Doppelgänger und die „Fragilität des Selbst“, um Roegs labyrintische Welten. Seine Filme sind narrative Puzzlespiele. Sie fordern vom Zuschauer eine intensive Mitarbeit. Die Analysen von Sarkhosh sind profund, sie stützen sich auf subjektive Beobachtungen und eine intensive Auswertung der Sekundärliteratur. Es kommen dabei Wissenschaftler und Filmkritiker zu Wort (das Literaturverzeichnis umfasst 38 Seiten), es gibt weit über 1.000 Quellenverweise. Eine erkenntnisbringende Lektüre ist allerdings nur möglich, wenn man mit dem Werk von Nicolas Roeg einigermaßen vertraut ist. Die zahlreichen Abbildungen sind natürlich hiilfreich, ihre drucktechnische Qualität ist akzeptabel. Coverfoto: THE MAN WHO FELL TO EARTH. Mehr zum Buch: kino-der-unordnung?c=738

Anachronismen

2014.AnachronismenHistoriker haben ihre eigene Haltung zum Kino und zur Geschichte. Bei Botho Strauß (in seinem neuen Buch „Herkunft“) steht die schöne Einschätzung: „Sie sehen mit ihren aktuellen methodischen Klugheiten, ihrem habituellen Besserwissen unvermeidlich herab auf die frühere Epoche, die sie untersuchen. Anachro-nistisches Wissen ist der Fluch ihrer Profession.“ Das betrifft auch ihren Blick auf die Darstellung der Historie im Spielfilm. André Wendler thematisiert dies in seiner Dissertation, die an der Universität Weimar entstanden ist und jetzt im Wilhem Fink Verlag publiziert wurde: „Anachronismen: Historiografie und Kino“. Der Autor hat sechs Filme ausgewählt, an denen er die unterschiedlichsten Zeit- und Bildinformationen analysiert: SHUTTER ISLAND von Martin Scorsese, CHRONIK DER ANNA MAGDALENA BACH von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, CLEOPATRA von Joseph L. Mankiewicz mit Elizabeth Taylor und CARAVAGGIO von Derek Jarman. Er nutzt jeweils eine Sequenzanalyse, um die Widersprüche deutlich zu machen. Scorseses Film dient ihm dabei als Ausgangspunkt für die Darstellung von akustischen Erinnerungen, Geschichtston und den Umgang mit Bild und Geschichte. Im Einleitungskapitel entwickelt er auch eine kleine Genealogie der Anachronismen. Bei der CHRONIK DER ANNA MAGDALENA BACH arbeitet er mit Referenzfiguren, problematisiert die technischen Bedingungen der Musik und den Musik-Historismus und positioniert Bach historiografisch in Berlin und Potsdam. Bei CLEOPATRA, dem am weitesten zurückliegenden Geschichtsepos, geht es vor allem um Zeittechnologien, den Cleopatra Look und ihr Netzwerk. Für CARAVAGGIO nutzt er theoretische Vorgaben von Siegfried Kracauer („Dinge des Films“) und konfrontiert sie in der Sequenzanalyse mit „Dingen der Gemälde“. Hier ist der Umgang mit den Bildern besonders konkret und deshalb auch der Anteil der Abbildungen am größten, zumal Jarman sehr frei ist in der Platzierung von anachronistischen Geräten aus dem 20. Jahrhundert. Die Lektüre des Buches müsste im Übrigen auch für Historiker interessant sein. Mehr zum Buch: 978-3-7705-5711-0.html

Lubitsch

2014.LubitschGestern ging es in meiner „Tageskritik“ um Erzähl-strukturen der Hollywood-Komödie, das Beispiel der Autorin Selma Alic war der Film HANGOVER. Heute empfehle ich eine Publi-kation über die amerika-nischen Komödien von Ernst Lubitsch. Sie ist das Resultat einer Tagung, die im Oktober 2012 in Ljubljana stattfand. Die Slovenian Cinematheque hat den Band veröffentlicht und vertreibt ihn über Columbia University Press. Herausgeber(innen) sind Ivana Novak, Jela Krečič und Mladen Dolar. Der Titel spielt ironisch mit Lubitschs Film HEAVEN CAN WAIT. Die Einleitung von Novak und Krečič („The Importance of Being Ernest“) beschreibt die Richtung der folgenden Aufsätze: Lubitschs Bedeutung aus dem Zusammenspiel von Zeitgeschichte und Filmgeschichte abzuleiten und für die Gegenwart verständlich zu machen. Zwei Autoren beschäftigen sich mit dem Film TROUBLE IN PARADISE (Aaron Schuster: „Comedy in Times of Austerity“ und Russell Grigg: „The Joyful Art of Ernst Lubitsch). Bei Robert Pfaller geht es um die Dreiecksbeziehungen in mehreren Filmen („What is so Funny About Multiple Love? The Polygamous Lubitsch Touch“). Tatjana Jukić analysiert in beeindruckender Weise NINOTCHKA (Garbo Laughs: Revolution and Melancholia“). Gleich dreimal geht es um TO BE OR NOT TO BE, bei Mlasden Dolar („To Be or Not to Be? No, Thank You“), Elisabeth Bronfen („Lubitsch’s War: Comedy as Political Ploy“) und Gregor Moder („The Beard, the Bust, and the Plumed Helmet“). Alenke Zupančič untersucht Lubitschs letzten Film, CLUNY BROWN („Squirrels to the Nuts, or, How Many Does it Take to Not Give up Your Desire?“). Den Abschluss bildet ein Text von Slavoj Žižek („Lubitsch, The Poet of Cynical Wisdom?), der sich auch auf andere Lubitsch-Filme einlässt (DIE PUPPE, THE MAN I KILLED und HEAVEN CAN WAIT) und dabei zu immer wieder erstaunlichen Fragen und Erkenntnissen kommt. Mehr zum Buch: cup.columbia.edu/book/978-961-6417-84-6/lubitsch-cant-wait

Erzählstrukturen der Hollywood-Komödie

2014.ComedySelma Alic hat mit dieser Arbeit ihr Studium an der Universität Wien abgeschlossen. Aus-gehend vom Bedeutungsspektrum der Narration, von Plot und Story, vom Wesen des Komischen (belegt mit psycho-logischen und soziologischen Theorien) unternimmt sie zunächst einen Exkurs ins klassische Hollywood-Kino, beschreibt den Wandel der Filmkomödie von den Pionieren bis in die letzten Jahrzehnte, definiert nach Gerald Mast die wichtigsten Plot-Formen der Komödie (u.a. Young Lovers, Genreparodie, reductio ab absurdum, Gesellschaftsdiskurs, pikaresker Held, Gag-Serie, Erkenntnis/ Wiedergutmachung) und nach Stuart Voytilla und Scott Petri die Plot-Strukturen („Fish-Out-of-Water“, romantische Komödie, Sportkomödie, Krimikomödie, Militärkomödie, Coming-of-Age-Comedy, Ensemble Comedy, Farce, Black Comedy, Satire und Parodie). Dann folgen die Elemente der Komik: Komik der Formen, Komik der Bewegungen, Situationskomik, Wortkomik, Charakterkomik und Starkomiker, Bildkomik und Komik des Akustischen. Mit diesem theoretischen Handwerkszeug untersucht die Autorin schließlich ihr Filmbeispiel THE HANGOVER (2009) von Todd Phillips, die Geschichte eines Junggesellen-Abschied, mit einer folgenreichen Reise nach Las Vegas und vielen überraschenden Wendungen. Die Beschreibung der Makro- und Mikroelemente der Komik ist konkret und knapp, vermittelt aber die wichtigsten Faktoren. Mit 18 Abbildungen und einem Literaturverzeichnis. Der Anhang enthält auf 130 Seiten eine detaillierte Sequenzanalyse von HANGOVER. Mehr zum Buch: comedy-narrative.html

Reiseführer “on location”

2014.on location„on location“ heißt eine neue Film-buchreihe des Schüren Verlages. Sie führt uns zu bekannten oder bisher unbekannten Orten, an denen berühmte Filme gedreht wurden. Der erste Band ist den Ländern Kambodscha, Vietnam und Thailand gewidmet. Die „Top-Locations“ sind Angkor, Pnom Penh, Bokor Hill Station (Kambodscha), Saigon, die Halong-Bucht und Hanoi (Vietnam), Bangkok, der National-Park Phang Nga, Ayutthaya, Surin, Phuket und die Brüke am Kwai (Thailand). Die beiden Autoren Michael Scholten und Wolf Jahnke lokalisieren und beschreiben 69 Filme, die in den drei Ländern Südostasiens gedreht wurden. Es sind zumeist amerikanische Filme vor allem aus der Zeit seit 1990. Mit jeweils 1 – 5 Filmrollen und 1 – 5 Flaggen wird die Qualität des Films bewertet und die Nutzung der Drehorte im jeweiligen Land. Die fünf Rollen erreichen allerdings nur zwei Filme: THE DEER HUNTER von Michael Cimino und KILLING FIELDS von Roland Joffé. Eine eigene Rubrik ist Kambodscha-, Vietnam- und Thailand-Filmen gewidmet, die nicht vor Ort gedreht wurden (so entstand zum Beispiel THE BRIDGE ON THE RIVER KWAI mit Alec Guiness in Sri Lanka). Eingefügt in den Text sind drei Interviews (mit dem Schauspieler Sereyvuth Kem, dem Autor Benjamin Prüfer und dem Bar-Besitzer Tony Douglas), die mir etwas überflüssig erscheinen. Die Abbildungen sind oft relativ klein, aber insgesamt akzeptabel. Coverfoto: L’AMANT von Jean-Jacques Annaud. Im nächsten Band soll Paris der Filmschauplatz sein. Mehr zum Buch: thailand-kambodscha-vietnam.html

HITLERKANTATE

2014.DVD.HitlerkantateIhr Fokus sind: die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Situation der Frauen und filmisches Erzählen ohne die Effekte des Mainstreams. Jutta Brückner hat Politische Wissenschaft, Philosophie und Geschichte studiert, bevor sie in den 1970er Jahren zur Filmemacherin wurde. Ihre Filmografie nennt zehn Titel, zuletzt hat sie vor zehn Jahren HITLER-KANTATE gedreht. Der Film ist jetzt bei Absolut Medien als DVD erschienen. Er erzählt die Geschichte der jungen Musikschülerin Ursula in den späten 1930er Jahren, die eine glühende Verehrerin des ‚Führers’ ist. Sie erhält den Auftrag, dem arrivierten Komponisten Hanns Broch bei der Realisierung eines Kompositionsauftrags zu helfen: einer Kantate zu Hitlers 50. Geburtstag. Broch und die junge Frau ziehen sich zur schöpferischen Arbeit in sein Landhaus in Finnland zurück. Es beginnt eine Liebesgeschichte, die zu einer politischen Bewusstwerdung bei Ursula, zu künstlerischen Problemen bei Broch und zu Konflikten mit Ursulas in Berlin gebliebenem Partner und mit Brochs jüdischer Lebensgefährtin führt. Für das Gelingen des Films waren mehrere Faktoren ausschlaggebend: Buch und Regie von Jutta Brückner, die aus der erzählten Geschichte alle falschen Klischees entfernt hat; die hervorragende Kameraarbeit des erfahrenen Thomas Mauch; die kluge Montage der Schnittmeisterin Monika Schindler; die spannungsvolle Musik des Komponisten Peter Gotthardt; und vor allem die beiden Hauptdarsteller: Hilmar Thate (Hanns Broch) und Lena Lauzemis (Ursula), die differenziert und glaubhaft agieren. Die Produktion stand leider unter einem unglücklichen Stern, weil es Streit gab mit dem Verleih. Der internationalen Anerkennung auf Festivals stand insofern eine schlechte Kinoauswertung in Deutschland gegenüber. Der Film wurde vom WDR und von Arte ausgestrahlt. Schön, dass es jetzt die DVD gibt. Und Jutta arbeitet seit geraumer Zeit an mehreren Projekten. Wir sind gespannt. Mehr zur DVD: Mehr zur DVD: https://absolutmedien.de/film/7011/Hitlerkantate

 

Jean-Patrick Manchette

2014.ManchetteEr war ein großer französischer Autor, der Erneuerer des „Roman noir“, des „Néo-polar“. Er hat zehn lesenswerte Kriminalromane geschrieben, die auch in Deutschland publiziert wurden, und, was ich bisher nicht so genau wusste, viele journalistische Texte publiziert, zum Beispiel Filmkritiken für die Zeitschriften Charlie hebdo und L’Hebdo Hara-Kiri. Sie werden in diesem Buch erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Es sind 36 Texte aus den Jahren 1979 bis 82. Jean-Patrich Manchette (1942-1995) schrieb auch als Journalist in einem sehr eigenen Stil, oft ganz nah am Leser („Wann habt ihr CITIZEN KANE das letzte Mal gesehen?“ oder „Was ihr unbedingt sehen müsst, und zwar gleich, weil er nicht mehr lange auf dem Programm stehen wird, ist DIE SIEBEN SAMURAI, ungekürzte Fassung.“) Die meisten Kritiken in seiner wöchentlichen Kolumne (ihr Titel: „Die Augen der Mumie“) galten Titeln aus der internationalen Filmgeschichte, die gerade in Paris zu sehen waren. Das beginnt mit NOW, VOYAGER von Irving Rapper mit Bette Davis, setzt sich fort mit ausführlichen Hinweisen zu G. W. Pabst, Fritz Lang (allein ihm gelten fünf Texte), Erich von Stroheim, Rainer Werner Fassbinder (drei interessante Kritiken zu DIE EHE DER MARIA BRAUN, LILI MARLEEN und LOLA), Alfred Hitchcock, Orson Welles, Howard Hawks (SCARFACE), Nicholas Ray, Elia Kazan (VIVA ZAPATA!: „Wie schwerfällig das alles ist! Wie betulich! Wie ersthaft! Wie erbärmlich!! Und wie schön ich das fand, als ich siebzehn war!“), John Cassavetes (GLORIA), Roberto Rossellini („Wir sollten die Lust an seinen Filmen, den raffinierten Einstellungen und all diesen Dingen, nicht den kopflastigen Filmologen überlassen.“), Godard, Kubrick, Kurosawa. Die Texte sind meinungsfreudig, mehr an den Formen als an den Inhalten interessiert, sie sind Dokumente eines Autors, die man mit Respekt und Vergnügen liest. Das Buch enthält außerdem ein Drehbuch von Manchette von 1968 („Irrungen und Zerfall der Todestanztruppe“), sechs Erzählungen aus den Jahren 1979 bis 85 und sieben Anmerkungen zum literarischen Krimi-Genre. Mit einem Vorwort des Herausgebers Doug Headline und einem Nachwort von Dominique Manotti. Mehr zum Buch: PORTRAIT_IN_NOIR.html

Sport im Film

Englert-Sport-9783867644839.inddEs geschieht offenbar nicht oft, dass Sportwissenschaftler und Filmwissenschaftler unmittelbar aufeinandertreffen. Das ist im Januar 2013 am Institut für Sportwissenschaft der Goethe-Universität in Frankfurt am Main in Form einer Tagung passiert und hat jetzt zu einer Publikation geführt, die ihr Thema vielfältig erschließt. Die Sportwissenschaftler Robert Gugutzer und Barbara Englert geben in ihrer Einleitung den Rahmen vor: er soll in Zukunft international erweitert werden. Das machen drei Gastbeiträge von David Rowe, C. Richard King und Aaron Baker aus Sydney, Pullman (WA) und Phoenix (AZ) deutlich. Tullio Richter-Hansen nimmt HE GOT GAME von Spike Lee als Musterbeispiel fürs Sportfilmgenre. Thomas Waitz konfrontiert die Bowling-Komödie KINGPIN von Bobby und Peter Farrelly mit dem Sozialdrama THE LONELINESS OF THE LONG DISTANCE RUNNER von Tony Richardson und reflektiert über die filmische Produktivität des Sports. Die Mitherausgeberin Barbara Englert beschreibt, wie der US-amerikanische Sportfilm der 1970er Jahre (zum Beispiel ROLLERBALL, ROCKY, SEMI-TOUGH, SLAP SHOT) die Gesellschaft reflektiert. Auch bei Thorsten Benkel stehen amerikanische Kampfsport-Filme im Mittelpunkt. Diethelm Blecking entdeckt für uns den tschechoslowakischen Film BOXER A SMRT (1963) von Peter Solan. Andreas Becker beschäftigt sich mit den OLYMPIA-Filmen von Leni Riefenstahl, während es bei Emanuel Hübner vor allem um die Amateurfilme über die Olympischen Spiele von 1936 geht, die wenig bekannt sind In zwei Texten stehen noch einmal Boxfilme im Mittelpunkt: Günther Helmes und Jürgen Schwier konzentrieren sich dabei auf den Dokumentarfilm MUHAMMAD ALI, THE GREATEST von William Klein, Robert Gugutzer beschreibt die Entwicklungen von ROCKY I zu ROCKY VI. Moritz Böttcher analysiert den Rugby-Film INVICTUS von Clint Eastwood vor dem Hintergrund der Person Nelson Mandelas. Ivo Ritzer schlägt schließlich einen interessanten Bogen vom Kampfsportfilm (STREET FIGHTER, THE RAID) zum Videogame. Erinnert sei im Übrigen an den Band „Sportfilm“ in der Reclam-Reihe „Filmgenres“. Mehr zum neuen Buch über Sport im Film: 768d2c9c58/ In den Kinos ist derzeit der WM-Film DIE MANNSCHAFT zu sehen, eine PR-Veranstaltung des DFB.

Joachim Gottschalk

2014.SchweikartDer Schauspieler Joachim Gottschalk (*1904) beging am 6. November 1941 mit seiner jüdischen Frau Meta und dem gemeinsamen Sohn Michael Suizid, nachdem er sich geweigert hatte, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und deshalb Berufsverbot bekam. Zu seinen bekanntesten Filmen gehört AUFRUHR IN DAMASKUS (1939) von Gustav Ucicky, DAS MÄDCHEN VON FANÖ (1940) von Hans Schweikart und DIE SCHWEDISCHE NACHTGALL (1941) von Peter Paul Brauer. Der Autor und Regisseur Hans Schweikart (1895-1975) hat aus der Geschichte von Joachim und Meta Gottschalk in den vierziger Jahren einen „Filmvorschlag“ entwickelt, der 1947 von Kurt Maetzig als DEFA-Film realisiert wurde: EHE IM SCHATTEN mit Paul Klinger und Ilse Steppat in den Hauptrollen. Schweikarts Novelle wurde nie publiziert und ist jetzt unter dem Titel „Es wird schon nicht so schlimm!“, herausgegeben von Carsten Ramm, im Verbrecher Verlag veröffentlicht worden. Es ist ein lakonisch formulierter, bewegender Text über die Beziehung und die Ehe der Schauspielerin Lilly Hollmann mit ihrem Kollegen Gregor Maurer von 1933 bis 1941, der mit ihrer Beerdigung endet. Zum Verständnis der politischen und filmhistorischen Hintergründe haben Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen ein umfangreiches, hervorragend recherchiertes Nachwort geschrieben, das allen beteiligten Personen gerecht wird. Die Publikation ist eine Hommage an Joachim Gottschalk und ein wichtiger Beitrag zur deutschen Filmgeschichte der 30er und 40er Jahre. Mehr zum Buch: book/detail/756