John Ford

2014.FordNatürlich müsste man jetzt in Wien sein und die Filme der diesjährigen Retrospektive der Viennale sehen. Sie ist dem großen John Ford gewidmet. 48 Filme von ihm werden gezeigt, einige frühe aus den 1920er Jahren kenne ich nicht, aber auch die späteren, die ich oft gesehen habe, würde ich gern auf einer Leinwand wieder-sehen. Aber Wien ist zurzeit weit von Berlin entfernt, und so muss ich mich mit der Lektüre des Katalogs begnügen. Es ist ein wunderbares John-Ford-Buch, es wird eröffnet mit einem grandiosen Essay von Hartmut Bitomsky, dem vierten Teil seiner „Passage durch die Filme von John Ford“, geschrieben im Sommer 2014, als Konklusion der ersten drei Teile, die 1978-80 in der Zeitschrift Filmkritik erschienen sind. Bitomsky verknüpft amerikanische Geschichte mit seinen Beschreibungen der Ford-Filme, beginnend mit der Episode THE CIVIL WAR in dem Film HOW THE WEST WAS WON, endend mit THE SEARCHERS, und die in der Chronologie springenden Beschreibungen sind in ihrer Genauigkeit, ihrem Gedankenreichtum, ihrer Ford-Nähe schlicht phänomenal. Sie stellen zwischen den Filmen, den Haupt- und Nebenfiguren, den Räumen, den dramaturgischen Konstellationen und den historischen Hintergründen Verbindungen her, die mich immer wieder überrascht haben. Besonders eindrucksvoll: die Passagen über THEY WERE EXPENDABLE und SEVEN WOMEN. Auf Bitomskys Text folgt eine kürzere, schöne Reminiszenz an MY DARLING CLEMENTINE von Susanne Röckel. Und Harry Tomicek nimmt in seinem Essay „The Old Masters: John Ford, John Ford and John Ford“ THE SEARCHERS zum Ausgangspunkt für eine ebenfalls sehr lesenswerte Hommage. Die Filme der Retrospektive werden in der zweiten Hälfte des Buches mit Texten aus vielfältigen Quellen vorgestellt (Redaktion Stefan Flach, Claudia Siefen). Die Fotos, alle in Schwarzweiß im Format 12 x 8,8 cm, sind sehr gut ausgewählt. Ein großes Kompliment an die Viennale für diesen „Katalog“. Mehr zur Retrospektive: retrospektive

Tag des audiovisuellen Erbes

2014.Geteilte HimmelSeit 2005 gibt es den von der UNESCO ausgerufenen „Tag des audiovisuellen Erbes“, seit 2007 wird er auch in Deutschand begangen. Die landesweite Programm-Koordination liegt hier bei der Deutschen Kinemathek. So kann man heute Abend im Berliner Kino Arsenal relativ unbekannte Kurzspielfilme aus den Jahren 1909 bis 1913 sehen, darunter SCHÖNHEITSKONKURRENZ IN DER KINDERWELT aus Italien, WEM GEHÖRT DAS KIND? mit Henny und Rosa Porten, DER CLOWN UND DER NERVENSCHWACHE PASCHA aus Frankreich mit Charles Prince und Mistinguette und MAXENS VEREHRERINNEN von Max Linder. Durch das Programm führt Mariann Lewinsky, am Klavier werden die Filme von Eunice Martins begleitet. Im Zeughauskino präsentiert die DEFA-Stiftung erstmals den Film SOMMERWEGE von Hans Lucke (1960), der damals von der Abnahmekommission wegen „gravierender künstlerischer Schwächen“ nicht freigegeben wurde und jetzt in einer rekonstruierten Fassung zu sehen ist. Anschließend wird unter der Leitung von Ralf Schenk über den Film diskutiert. Im inzwischen wiedereröffneten Filmmuseum Potsdam wird eine restaurierte Fassung des Films METROPOLIS von Fritz Lang gezeigt, und Chris Wahl informiert darüber, warum der Film als erster Film überhaupt ins Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde. In der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg spricht Karl Griep, Leiter der Abteilung Filmarchiv im Bundesarchiv, über “Das Film-Erbe der Zukunft – Digitalisierung als Rettung?”. Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt zeigt den Film HARRY WIRD MILLIONÄR von Emil Albes (1918) mit einer Einführung von Rudolf Worschech. Das Münchner Filmmuseum hat leider montags geschlossen. Und ich fahre heute nach Halle, wo im „Puschkino“ der Konrad Wolf-Film DER GETEILTE HIMMEL gezeigt wird, über den ich anschließend mit der Hauptdarstellerin Renate Blume sprechen darf (Foto 1964). Mehr zum Tag des audiovisuellen Erbes: memento-movie.de/faq/

Das Oktoberfest im Film

2014.DVD.OktoberfestDas diesjährige Oktoberfest ist natürlich längst vorbei, es findet ja vorwiegend im September statt. Aber die Beliebtheit des Festes ist ungebrochen, auch wenn der Bierkonsum von Jahr zu Jahr offenbar schwankt. In der Edition Filmmuseum sind jetzt zwei DVDs mit filmischen Dokumenten vom Oktoberfest und dem Spielfilm BIERKAMPF von Herbert Achternbusch erschienen. Das älteste erhaltene Material stammt aus dem Jahr 1910, als das Oktoberfest seinen 100. Geburtstag beging. Für die DVD wurde der Film WIE MÜNCHEN SEINE FESTE FEIERT (18 min.) soweit wie möglich rekonstruiert. Sehr originell ist natürlich VALENTIN AUF DER FESTWIESE (1921), ebenfalls 18 min. lang, mit Liesl Karstadt als Partnerin. Die weiteren Kurzfilme stammen aus den Jahren 1925, 1929, 1935 (125 JAHRE MÜNCHNER OKTOBERFEST, 10 min.), 1939, 1948, 1949, 1950, 1954 (PLASTISCHER WIESN-BUMMEL, mit Margot Hielscher und Wastl Witt, in 3-D, Brille liegt bei), 1955 (AUF GEHT’S, Regie: Ferdinand Khittl, 11 min.), 1957 (mit Michl Lang), 1959, 1969 (WIES’N-MELODIE, Regie; Bernd Schmid, 14 min.), 1972 und 1974 (DER WIESNPOSTBOTE, Regie: Percy Adlon). Von Percy Adlon stammt auch das 43-Minuten-Porträt eines Rummelplatzarbeiters: DER ECHTE LILIOM aus dem Jahr 1978. Und ein Höhepunkt der DVD ist natürlich Achternbuschs BIERKAMPF (1976); das war sein dritter Film, er spielte wie immer die Hauptrolle, mischte in einer geklauten Polizistenuniform das Fest auf (berühmt ist vor allem sein achtminütiger Gang durch die Massen in einer einzigen Einstellung; Kamera: Jörg Schmidt-Reitwein) und starb am Ende. Zu sehen sind in Nebenrollen Annamirl und Sepp Bierbichler, Heinz Braun und Margarethe von Trotta. Frieda Grafe 1983 über Achternbusch und BIERKAMPF: „Er macht Filme entsprechend den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Sie haben die Form dieser Mittel, das hebt die alte Grenze zwischen dokumentarisch und fiktiv auf, und deshalb ist ihre Sprache authentisch, einheimisch.“ Mehr zur DVD: Oktoberfest-M-nchen-1910-1980.html

Drei Jahre neues Bundesplatz-Kino

2014.BundesplatzMorgen wird am Bundes-platz in Berlin gefeiert. Dann gibt es das Kino unter dem neuen Triumvirat (Martin Erlenmeier, Peter Latta, Karlheinz Opitz) bereits seit drei Jahren. Und das Ver-sprechen, ein Filmpro-gramm auf hohem Niveau zu präsen-tieren, ist bisher eingelöst worden. Zum kleinen Jubiläum gibt es ein vielfältiges Angebot: in der Matinée um 11 Uhr sind Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm mit dem letzten Teil ihrer Langzeit-Beobachtung BERLIN – ECKE BUNDESPLATZ mit dem Titel SCHÖN IST DIE JUGEND zu Gast und bringen außerdem eine Überraschung mit. Um 13.30 Uhr wird in einer Preview für die Kinder DER KLEINE MEDICUS von Peter Claridge gezeigt. Um 15.30 Uhr – dem traditionellen Termin dieses Kinos für Filmgeschichte – ist der späte Stummfilm MENSCHEN AM SONNTAG (1929) von Robert Siodmal und Edgar Ulmer zu sehen. Um 18 Uhr gibt es – wiederum in einer Preview – den neuen Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne zu sehen: DEUX JOURS, UNE NUIT; im Original mit deutschen Untertiteln. Und um 20.30 Uhr steht PHÖNIX von Christian Petzold auf dem Programm, den ich sehr beeindruckend finde. Um 18 Uhr werde ich Peter Latta zum Kino-Geburtstag gratulieren und mir dann den Film der Dardennes ansehen. Mehr zum Programm: www.bundesplatz-kino.de/

Wolfgang Kohlhaase: Texte

2014.KohlhaaseWir haben uns 1988 auf einer Konferenz zum deutschen Film in Chicago kennengelernt und sind uns Mitte der 90er Jahre als Mitglieder der Akademie der Künste näher gekommen. Seine lakonische, nachdenkliche und immer wieder spontane Art des Redens gefällt mir. Natürlich wusste ich, welche Bedeutung Wolfgang Kohlhaase (*1931) für den DDR-Film und speziell für Konrad Wolf hatte, denn die Filme ICH WAR NEUNZEHN, DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ, MAMA, ICH LEBE und SOLO SUNNY waren mir vertraut. In unserem Film AUGE IN AUGE hat er über Robert Siodmaks und Edgar Ulmers späten Stummfilm MENSCHEN AM SONNTAG gesprochen. Im Verlag „Neues Leben“ ist jetzt ein Band mit Texten von Wolfgang Kohlhaase erschienen: „Um die Ecke in die Welt. Über Filme und Freunde“, herausgegeben von Günter Agde. 36 Texte handeln „von eigenen und anderen Filmen“, von „Film und Leben, Kunst und Geschichte“, 33 Texte sind Hommagen und Erinnerungen an Kollegen und Freunde. Ganz egal, ob es sich um Interviews, Werkstattgespräche, Diskussionsbeiträge auf Kongressen, um Dankesreden, Briefe oder heutige Erinnerungen an frühere Ereignisse handelt: immer ist eine Haltung spürbar, ein Verantwortungsbewusstsein, eine Subjektivität, die glaubwürdig ist und nie im Formelhaften verharrt. Seine Drehbücher sind ja an relevanten Inhalten wie an neuen Formen orientiert, die jetzt publizierten Texte, wenn man sie hintereinander liest, machen noch einmal deutlich, wie konkret und weltoffen, wie komplex und pointiert Wolfgang denkt und schreibt. Ich hoffe sehr, dass dieses Buch viele Leserinnen und Leser findet, die mit den Texten auch neugierig auf die Filme werden, zu denen er die Drehbücher verfasst hat. Es sind mehr als dreißig, beginnend mit DIE STÖRENFRIEDE (1953) von Wolfgang Schleif und hoffentlich nicht endend mit ALS WIR TRÄUMTEN (2015) von Andreas Dresen, auf den ich sehr gespannt bin. Mehr zum Buch: 1771-um-die-ecke-in-die-welt.html

Haneke – eine Wiener Dissertation

2014.HanekeMichael Haneke (*1942) ist ein herausragender Regisseur, für seinen Film AMOUR hat er 2012/13 die „Goldene Palme“ in Cannes, den Europäischen Filmpreis, den Bayerischen Filmpreis und den César, den Oscar und den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film gewonnen. Er ist sehr selbstbewusst, auf wissenschaftliche Analysen seines Werkes lässt er sich eher ungern ein, er findet sie in der Regel „masturba-torisch“. Katharina Müller, Medienwissenschaftlerin in Wien, hat eine ungewöhnliche Dissertation über Haneke geschrieben. Ihre zwei Teile (1. Masturbation, 2. Komposition) unterscheidet sie in der Einleitung in „einen säuberlich gewichsten Wissenschaftlichkeits-teil und einen divergent geilen zweiten Teil, der eine Versammlung von Stimmen und Material von und zu ‚Haneke’ ist, inszeniert als eine Chronik des Zufalls, von der anzunehmen ist, dass sie viel beschreibt und nichts erklärt.“ „Keine Biografie“ ist der Untertitel der Publikation. Und der Text ist natürlich auch keine klassische Werkanalyse, sondern eine sehr individuelle Mischung von subjektiven Gedanken zu Hanekes Filmen und zitierten Dokumenten der Haneke-Rezeption. Die Autorin ist bestens vertraut mit dem Werk, sie spielt damit in ihrer Struktur, wenn sie nach der „Masturbation“ (90 Seiten), die von nationalem Kino und internationalem Erfolg, vom Autorenfilm und globalem Filmmarkt handelt, im Teil „Komposition“ (270 Seiten) auf alle Haneke-Filme eingeht, beginnend mit DAS WEISSE BAND, dann weitgehend chronologisch im Rückwärtsgang ihre Gedanken mit der zeitgenössischen Rezeption verknüpft und am Ende mit AMOUR den Kreis schließt. Es gibt viele kluge Assoziationen zum österreichischen Kino, zum Verhältnis zwischen Film und Fernsehen, zu Hanekes Umgang mit Schauspielerinnen und Schauspielern. Vielleicht sollte man gleich zu Beginn den am Ende abgedruckten „Auszug aus einem Gespräch mit Michael Haneke“ lesen, weil er die Haltung der Autorin zu ihrem Protagonisten erkennbar macht. Aber man kann das Buch auch zurate ziehen, wenn man gerade irgendeinen Haneke-Film gesehen hat (und das lohnt sich ja immer), zu dem man mehr wissen möchte. So gesehen ist das Buch so etwas wie verbales Bonus-Material. Die Bibliografie ist umfangreich, auf Abbildungen wurde verzichtet. Mehr zum Buch: 978-3-8376-2838-8/haneke

Geschichte und Medienarchive

untitledIm Dezember 2012 fand im Studienzentrum des Filmarchivs Austria in Wien eine Konferenz zum Thema „Geschichte erzählen. Medienarchive zwischen Historiographie und Fiktion“ statt. Die Text- und Bldbeiträge wurden jetzt in einem Sammelband publiziert. Sie haben eine erstaunliche thematische Vielfalt. Die Kulturwissen-schaftlerin Britta Lange aus Berlin beschäftigt sich mit der populären deutschen Internetplattform www.gedaechtnis-der-nation.de, die von dem ehemaligen ZDF-Redakteur Guido Knopp und dem Mitglied der stern-Chefredaktion Hans-Ulrich Jörges initiiert wurde. Die Filmhistorikern Carolin Overhoff Ferreira analysiert drei Filme im Kontext einer Geschichtsdarstellung: den portugiesischen Film 48 (2009) von Susana de Sousa Dias, den brasilianischen Film DIARY, LETTERS, REVOLUTIONS (2010) von Flavia Castro und den chinesischen Film I WISH I KNEW (2010) von Jia Zhangke. Georg Tscholl philosophiert über Georges Bataille und das Kino. Paolo Caneppele dokumentiert in seinem originellen Beitrag die Lagerungspraktika der Filmamateure, die auch um die schönsten Behältnisse konkurrieren. Bei Michael Achenbach geht es um den Umgang mit „Bösen Bildern“, in seinem Fall mit Wochenschauen aus der NS-Zeit. Francesco Bono widmet sich der österreichisch-italienischen Kooperation in den Jahren 1935/36 und den fünf Filmen CASTA DIVA von Carmine Gallone mit Marta Eggerth, TAGEBUCH DER GELIEBTEN von Hermann Kosterlitz mit Lili Darvas und Hans Jaray, DIE WEISSE FRAU DES MAHARADSCHA von Arthur Maria Rabenalt (deutsche Fassung) und Goffredo Alessandrini (italienische Fassung) mit Isa Miranda in beiden Versionen, OPERNRING von Carmine Gallone mit Jan Kipura und BLUMEN AUS NIZZA von Augusto Genina mit Erna Sack. Die Hintergründe der Produktionen sind hervorragend recherchiert. Katharina Stöger erinnert an den Schweizer Filmemacher und Literaten Jörg Kalt (1967-2007), den es wiederzuentdecken gilt. Drei Interviews von Thomas Ballhausen mit dem Künstler Daniel Aschwanden und den Künstlerinnen Sophie Reyer und Johanna Braun sowie ein kurzer Essay von Camille R. Meyer schließen den Band ab. Mehr zum Buch: 3-643-50556-9

East German Cinema

2014.East German CinemaSebastian Heiduschke, Assistant Professor of Foreign Languages and Literatures an der Oregon State University in Corvallis, USA, nennt zu Beginn seiner Einleitung die Zielgruppe des Buches: „If you are a novice to East German Cinema, this book is for you.“ Aber auch für Leser, die mit dem DEFA-Film vertraut sind, enthält die Publikation viele im Rückblick interessante Einschätzungen zur Geschichte des DDR-Films. Nach einem 30-Seiten-Essay zur Institution DEFA konkretisiert der Autor seine Einführung an zwölf Filmbeispielen: DIE MÖRDER SIND UNTER UNS, 1946 („The Rubble Film, Wolfgang Staudte, and Postwar German Cinema“), DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK, 1953 („Faity Tales and Children’s Films as Eternal Blockbusters“), BERLIN – ECKE SCHÖNHAUSER…, 1957 („The Gegenwartsfilm, West Berlin as Hostile Other, and East Germany as Homeland“), DER SCHWEIGENDE STERN,1960 („The Birth of DEFA Genre Cinema, East German Sci-fi Films, New Technologies, and Coproduction with East Europe“), DAS KANINCHEN BIN ICH, 1965 („Film Censorship, the East German Nouvelle Vague, and the ‚Rabbit Film’“), HEISSER SOMMER, 1968 (Renegade Films, DEFA Musicals, and the Genre Cinema“), APACHEN, 1973 („More Genre Cinema, the ‚Red Western’, and Stardom in East Germany“), DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA, 1973 („Gender, Class, and Sexuality“), JAKOB DER LÜGNER, 1974 („DEFA and the Holocaust, the Antifacist Legacy, and International Acclaim“), SOLO SUNNY, 1980 („The Women’s Film, Konrad Wolf, and DEFA after the ‚Biermann Affair’“), DIE ARCHITEKTEN, 1990 („Passed by History: Dystopia, Parable, and Bookend“), LETZTES AUS DER Da-Da-eR, 1990 („The Wendeflicks, Jörg Foth, and DEFA after Censorship“). Zu jedem Film gibt es eine gut begründete Abbildung, am Ende findet man eine Bibliografie mit Hinweisen auf weiterführende deutsch- und englischsprachige Literatur. Coverfoto: DER SCHWEIGENDE STERN. Mehr zum Buch: 9781137322319

François Truffaut

2014.DVD.TruffautZeitgleich mit der François Truffaut-Ausstellung ist in Frankreich eine DVD-Edition mit allen seinen 21 Spielfilmen und drei Kurzfilmen erschienen. Die bei uns vor einiger Zeit veröffentlichte Arthaus-Edition enthält immerhin zwölf Spielfilme und zwei Kurzfilme; zum Bonus-Material gehören Filmeinführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Probeaufnahmen zu LES 400 COUPS, Kameratests zu TIREZ SUR LE PIANISTE, eine unveröffentlichte Szene zu LE DERNIER MÉTRO, ein Unterstützungsspot für Henri Langlois von Truffaut und Godard und Trailer zu den Filmen. – Wenn ich jetzt beginne, mir die Filme nach und nach wieder anzuschauen, dann fange ich natürlich mit dem Antoine Doinel-Zyklus an, mit LES 400 COUPS, ANTOINE ET COLETTE, BAISERS VOLÉS, DOMICILE CONJUGAL und L’AMOUR EN FUITE. Dann freue ich mich vor allem auf JULES ET JIM und LE DERNIER MÉTRO. Nicht enthalten sind in der deutschen Box FAHRENHEIT 451, LA MARIÉE ÉTAIT EN NOIR, LA SIRÈNE DU MISSISSIPPI, L’ENFANT SAUVAGE, LA NUIT AMÉRICAINE, L’HISTOIRE D’ADÈLE H., L’ARGENT DE POCHE, L’HOMME QUI AIMAIT LES FEMMES und LA CHAMBRE VERT. Sie sind aber alle als einzelne DVDs erhältlich. Einer vollständigen Truffaut-Retrospektive steht also nichts im Wege. Mehr zur Arthaus-Box: francois_truffaut_edition

„Quatre Minutes“

2014.4MinutenIm Théâtre La Bruyère in Paris ist zurzeit eine Bühnenversion des Films VIER MINUTEN von Chris Kraus zu sehen. Die Aufführung dauert 90 Minuten, konzentriert das Drama auf vier Personen und hat ihre ihre stärksten Momente natürlich in der Konfrontation der beiden Protagonistinnen, der Klavierlehrerin Traude Krüger, gespielt von Andréa Ferréol, die im Gefängnis musikalisch begabte Insassinnen unterrichtet, und der wegen Mordes verurteilten Jenny von Loeben, gespielt von Pauline Leprince, die in ihrer Aggressivität und Unberechenbarkeit zur besonderen Herausforderung für die Lehrerin wird. Vom männlichen Personal sind zwei Figuren übrig geblieben: der Aufseher Mütze (Erick Deshors) und Jennys Vater (Laurent Spielvogel), die ins Spiel kommen, um dem Drama zwischen den beiden Frauen noch eine zusätzliche Spannung zu verleihen. Schauplätze auf der Bühne sind vor allem das Gefängnis mit dem Probenraum fürs Klavierspiel und die Wohnung von Traude Krüger, in der diverse Fotos den Blick in ihre Vergangenheit öffnen. Das Ende entspricht natürlich exakt dem Film: Jenny hat ihren Vier-Minuten-Auftritt am Flügel, der zu einer atemberaubenden Performance wird, beobachtet von Frau Krüger, die mit der Leistung ihrer Schülerin sehr zufrieden sein kann. Der akustisch aus dem Off vernehmbare Beifall für Jenny überträgt sich dann aufs Publikum im Theater, das vor allem den Darstellerinnen heftig applaudiert. Es bleibt nicht aus, dass man als Zuschauer ständig den Vergleich zu den Schauspielerinnen im Film zieht. Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung hatten, unterstützt durch die Kamera von Judith Kaufmann und die Montage von Uta Schmidt, mehr Möglichkeiten, die vielen emotionalen Schichten ihrer Persönlichkeiten differenziert zu vermitteln. Andréa Ferréol strahlt eine fast bodenständige Altersgewissheit aus, Pauline Leprince wirkt in ihrer Bühnenpräsenz durchaus wie eine Borderlinerin, und es gibt auch auf der Bühne den wunderbaren Moment, wo beide miteinander tanzen und sich ganz nahe sind. Aber meine persönliche Nähe zu Traude Krüger und Jenny war im Kino doch größer als jetzt  im Theater. Natürlich wüsste ich gern, wie meinem Freund Chris diese Aufführung gefällt. Schade, dass er es bisher nicht geschafft hat, nach Paris zu fahren. Mehr zur Theateraufführung: quatre_minutes.php