Rudolf Thome 75

2014.ThomeDer Filmemacher Rudolf Thome wird heute 75 Jahre alt. Er hat seit 1964 mit großer Kreativität und bewundernswertem Eigensinn sechs Kurzfilme und 28 abendfüllende Filme realisiert. In ihren Themen und Formen waren sie nie so etwas wie deutscher Mainstream, ökonomisch gehörten sie immer in den low-budget-Bereich, aber sie hatten und haben ihre Fans nicht nur in Deutschland. Mit seinen frühen Filmen DETEKTIVE, ROTE SONNE, SUPERGIRL und FREMDE STADT hat er zusammen mit dem Drehbuchautor Max Zihlmann einen an amerikanischen Vorbildern orientierten neuen Stil ins westdeutsche Kino gebracht, in einer lockeren Verbindung mit Klaus Lemke. 1973 verlagerte er  seinen Lebensmittelpunkt von München nach Berlin. Er hat viele lesenswerte Filmkritiken geschrieben, für die Süddeutsche Zeitung, die Filmkritik und den Tagesspiegel. Mein persönlicher Lieblingsfilm von Rudolf ist BERLIN CHAMISSOPLATZ mit Hanns Zischler und Sabine Bach, die Liebesgeschichte zwischen einem Architekten und einer Studentin in den späten 1970er Jahren. Einmal hatte ich das Vergnügen, in einem Film von Rudolf eine kleine Rolle zu spielen: den Professor Stubenrauch in LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK. Viele Filme hat er für die ARD-Tochter Degeto mit seiner Firma „moanafilm“ realisiert, zuletzt den Film INS BLAUE mit Vadim Glowna. Jahrelang konnte man im Netz an der Entstehung seiner Drehbücher teilhaben, denn er ist ein Internet-Freak. Auf seiner Website www.moana.de führt er ein Blog-Tagebuch. Und morgen beginnt er mit der Arbeit an seiner Autobiografie. Er lebt in Berlin-Kreuzberg und auf einem Bauernhof in Niendorf/Südbrandenburg. Wo auch immer gefeiert wird: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Rudolf, und noch viele produktive Jahre als Autor und Filmemacher. (Foto: Frauke Haß, 2014)

Autorenserien II

474192a440Christoph Dreher, Absolvent der dffb, inzwischen Professor für Film und Video an der Merz Akademie in Stuttgart, hat jetzt den zweiten Band zu den Autorenserien herausgegeben, der sich mit Quality TV in den USA und Europa beschäftigt. Die Texte basieren auf einer Tagung, die im Januar an der Merz Akademie stattfand. Sie sind in der Publikation zweisprachig dokumentiert (linke Seite in Englisch, rechte Seite in Deutsch). Vom Herausgeber selbst stammt der informative Text „Perspektiven der Autorenserie: USA, Skandinavien, Deutschland“. Cathryn Humphris berichtet über ihre Erfahrungen als Serien-Autorin bei MAD MEN. Stewart Lyons blickt auf seine langjährigen Erfahrungen als Line Producer im amerikanischen TV-Geschäft zurück. Der Autor Lolis Eric Elie erzählt, wie die Serie TREME bei HBO entstand. Christine Lang beschäftigt sich mit den Enden in Serien am Beispiel von THE SOPRANOS, BREAKING BAD und MAD MEN. Kerstin Stutterheim porträtiert skadinavische Ermittlerinnen in Serien wie KOMMISSARIN LUND und ARNE DAHL. Bei Diedrich Diedrichsen geht es um den Autor und Showrunner David Milch und seine nicht sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Sender HBO. Jane Feuer untersucht die Darstellung von Psychoanalyse und -therapie in den Serien THE SOPRANOS und IN TREATMENT. Auszüge aus der Podiumsdiskussion über die Produktion von Autorenserien in Deutschland (mit Marcus Ammon, Alain Bieber und Wolfgang Feindt, moderiert von Christoph Dreher) beenden den Band. Die Publikation ist ein sehr interessanter Beitrag zur aktuellen Diskussion über Fernsehserien. Mehr zum Buch: 978-3-7705-5812-4.html

Lars von Trier / Jacques Derrida

2014.Lars von TrierAndreas Jacke ist Filmwissen-schaftler, er lebt in Berlin. Er hat 2002 mit einer Arbeit über Marilyn Monroe promoviert und Mono-grafien über Stanley Kubrick, Roman Polanski, David Bowie und Walter Benjamin publiziert. In seinem neuen Buch konfrontiert er das Werk von Lars von Trier mit der Filmphilosophie von Jacques Derrida. Das kann man als Versuchsanordnung lesen oder als Interpretationsbrücke. Seine Ausgangsthese: Lars von Trier neigt zur Depression, die Haltung des feministischen Philosophen Derrida ist hoffnungsvoll. Das führt in der Analyse zu neuen Erkenntnissen. Nach einer biografischen Spurensuche mit den Dominanten Angst, Depression und Todestrieb entschlüsselt der Autor das Werk von Lars von Trier in sechs Kapiteln: „1. Die ungewöhnliche Aufarbeitung des Bösen in der europäischen Geschichte: die Europa-Trilogie – THE ELEMENT OF CRIME (1984), EPIDEMIC (1987), EUROPA (1991). 2. Ghost Dance – Heim-suchungen: RIGET I und II (1994(97). 3. Eigenwillige Liebesopfer in der Goldherz-Trilogie: BREAKING THE WAVES (1996), IDIOTERNE (1998), DANCER IN THE DARK (2000). 4. Vor dem Gesetz: Der Dogma-Film IDIOTERME, THE FIVE OBSTRUCTIONS (2004) und THE BOSS OF IT ALL (2006). 5. Der Ruf einer kommenden Demokratie: Die unabgeschlossene U.S.A.-Land of Opportunities-Trilogie, DOGVILLE (2003) und MANDERLAY (2005). 6. Persönliche Filme über die Existenz, die Trilogie der Depression: ANTICHRIST (2009), MELANCHOLIA (2011) und NYMPHOMANIAC Vol I u. II (2013).“ Andreas Jacke ist mit dem Werk von Lars von Trier gut vetraut, er knüpft die Verbindungen zur Filmphilosophie von Jacques Derrida sehr konkret. Die Erkenntnisse sind erstaunlich. Mehr zum Buch: 39-80.html

„Film/Arbeit“ in der Kinemathek

2014.Film:ArbeitHeute Abend wird im Veranstaltungsraum der Deutschen Kinemathek (19 Uhr, Filmhaus, 4. Stock) das Buch „Film/Arbeit“ mit Texten, Dokumenten und Arbeitsnotizen von Christoph Hübner und Gabriele Voss, heraus-gegeben von Bert Rebhandl, präsentiert. Rainer Rother wird in den Abend einführen. Bert Rebhandl kommentiert den Band, Christoph und Gabriele zeigen einige Kurzfilme aus den EMSCHER SKIZZEN (2006-2013) und lesen ausgewählte Texte ihres Buches. Anschließend moderiere ich eine Gesprächsrunde der Beteiligten. Da wird es auch um die Veränderungen im Dokumentarfilm der letzten Jahre und Jahrzehnte gehen. Anlass der Veranstaltung, die von Werner Sudendorf vorbereitet wurde, ist die Teilübergabe des Archivs von Christoph und Gabriele an die Deutsche Kinemathek. Darüber freue ich mich auch persönlich, denn ich fühle mich mit den beiden Filmemachern aus Witten seit langer Zeit befreundet. Mehr zum Buch: film-arbeit/

NOVEMBERTAGE

2014.OphülsEin gutes halbes Jahr nach der Öffnung der Mauer, im Sommer 1990, hat Marcel Ophüls in Berlin einen Dokumentarfilm gedreht, in dem er Menschen – bekannte und unbekannte – nach ihren Erinnerungen an den Fall der Mauer fragte. Der Film NOVEMBERDAYS entstand im Auftrag der BBC, die Produzentin Regina Ziegler beteiligte sich an der Produktion, die am 9. November 1990 von RTLplus und dem noch existierenden DDR-Sender DFF ausgestrahlt wurde. Die Resonanz war hervorragend, die Kriker jubelten, es gab einen Grimme-Preis in Gold, und Ophüls hätte gern eine Drei-Stunden-Fassung fürs Kino hergestellt, aber das scheiterte an der Rechteinhaberin Ziegler, die kein zusätzliches Geld investieren wollte. Der streitlustige Ophüls hat die Konflikte eher verstärkt, eine mögliche Beteilgung des NDR an einer neuen Fassung kam nicht zustande, und so schlummerte der 130-Minuten-Film weitgehend im Archiv. Dass jetzt bei Absolut Medien eine DVD erschienen ist, finde ich wunderbar, denn zwischen all den aktuellen Dokumentationen behauptet sich der 24 Jahre alte Film weiterhin als grandioses Meisterwerk. Das ist vor allem den oft frechen Fragen von Ophüls zu verdanken und einer Montage, die nicht vor Entlarvungen zurückschreckt. „Opfer“ sind dabei in erster Linie die damals aktiven Politiker (Egon Krenz, Günter Schabowski, auch Walter Momper), die Intellektuellen und Künstler (Stephan Hermlin, Heiner Müller, Barbara Brecht-Schall). Kurt Masur ist mutig und verweigert sich den Fragen von Ophüls, Barbel Bohley spielt als „Mutter der Revolution“ eine eher zwiespältige Rolle. Für einen gewissen Unterhaltungswert sorgen die Songs, gesungen von Fred Astaire, Bing Crosby, Marlene Dietrich und Joseph Schmidt. Auch Filmausschnitte aus dem BLAUEN ENGEL, STAGECOACH, JULIUS CAESAR, TO BE OR NOT TO BE oder CABARET sind provokant einmontiert. In ihrer Grundstimmung sind die NOVEMBERTAGE – und das ist für Marcel Ophüls durchaus ungewöhnlich – fast eine Komödie. Der Regisseur ist gerade 87 Jahre alt geworden. Man wünscht ihm noch ein langes Leben. Das Booklet zur DVD hat Ralph Eue zusammengestellt. Mehr zur DVD:  https://absolutmedien.de/film/4028/Novembertage+-+Stimmen+und+Wege

 

Der Vorspann amerikanischer Fernsehserien

2014.VorspannSie stehen seit einiger Zeit in ihrer Beliebtheit auch in Deutschland ganz vorn im Medienangebot: die ameri-kanischen Fernsehserien von HBO, CBS, Showtime oder Fox. Ihre Dramaturgien gelten als innovativ, ihre Genres sind vielfältig, jede neue Staffel wird sehnsüchtig erwartet. Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die Vorspänne, ihre Bilder, ihre Musik, ihre Längen, arbeiten sie mit Variablen oder Konstanten? Der Marburger Medienwissen-schaftler Eric Buhse (zurzeit Redakteur der Zeitschrift MEDIENwissenschaft Rezensionen) hat den Vorspann als „Bedeutungsträger“ erstmals wissenschaftlich untersucht. Er stellt ihn dabei in einen historischen Kontext, beschreibt ihn als Produkt industrieller und systembedingter Entwicklungsprozesse und analysiert schließlich einige ausgewählte Beispiele: GAME OF THRONES (seit 2011, bisher drei Staffeln, HBO), FRINGE (2008-13, nach fünf Staffeln beendet, Fox), ONCE UPON A TIME (seit 2011, die vierte Staffel wird in den USA gerade gesendet, ABC), FLASH FORWARD (2009-10, nach einer Staffel eingestellt, ABC), PERSON OF INTEREST (seit 2011, die vierte Staffel wird in den USA gerade gesendet, CBS), DEXTER (2006-13, nach acht Staffeln eingestellt, Showtime), HOW I MET YOUR MOTHER (Sitcom, 2005-14, bisher neun Staffeln, CBS). Der Autor beschreibt in seiner Analyse jeweils sehr genau die Bild- und Tonelemente der Vorspänne, die Varianten, soweit es sie gibt, und die möglichen strategischen Überlegungen der Produzenten. Für Serien-Fans eine sehr interessante Lektüre. Mehr zum Buch: programm/buhse

Festschrift für Lothar Mikos

Eichner-Publikum-9783867645188.inddLothar Mikos ist Professor im Studiengang Medienwissenschaft der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ und Geschäfts-führender Direktor des Erich Pommer Instituts. Er wurde kürzlich sechzig Jahre alt und aus diesem Anlass mit einer Festschrift gewürdigt, die die Europäischen Perspektiven des Fernsehens (und die großen Verdienste des Geehrten) thematisiert. 22 Beiträge haben die Herausgeberinnen Susanne Eichner und Elizabeth Prommer akquiriert, davon sieben in englischer Sprache. Die Mischung ist bunt. Der HFF-Absolvent Lutz Warnicke erinnert sich an seinen wichtigsten Lehrer. Der Medienwissenschaftler Rainer Winter plädiert für eine globale ethnografische Medienforschung. Hanne Bruun und Kirsten Frandsen reflektieren über Television Entertainment. Bei Hugh O’Donnell und Enric Castelló geht es um „Television in the New Millenium“. Claudia Töpper stellt sich ein Castingformat mit der Suche nach dem (Super-)Professor vor, in dem Lothar Mikos als Kandidat präsentiert wird. Joan Kristin Bleicher sieht „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ als Medienwelttheater. Jasko Jockenhövel verbindet seinen Genrediskurs über Zombie-Serien mit der Auswertung von LES REVENANTS. Elke Weissmann definiert „The Transnational Aesthetics of the RIPPER STREET“. Stefanie Armbruster verknüpft die Fernsehrezeption zweier Generationen in Deutschland und Spanien unter dem Gesichtspunkt Nostalgie. Marta Perrotta und Maria Cristina Zullo nehmen das Produc Placement im italienischen Mainstream-Fernsehen aufs Korn. Conrad Heberling erinnert sich an den Beginn des Fernsehformats BIG BROTHER 1999 und an seine erste Begegnung mit Lothar Mikos. Drei weitere englische Texte thematisieren den Blick der Medienindustrie aufs Massenpublikum (Göran Bolin), die Nachrichtennutzung in einer Multiplattform-Umgebung (Kim Christian Schroder) und die Nutzung von Multiscreens während der Fernsehrezeption (Claudia Wegener). Maya Götz berichtet über ihre zahlreichen Fallstudien zur Fernsehrezeption, die von Lothar Mikos’ Haltung beeinflusst wurden. Regina Friess und Stefano Semeria stellen die Bedeutung des klassischen Fernsehens für die jüngere Generation in Frage. Besonders interessant fand ich Hans-Jörg Stiehlers Überlegungen zur Bedeutung des Fußballschiedsrichters im medialen Umfeld. Yulia Yurtaeva informiert über die institutionellen Rahmenbedingungen im Programmaustausch zwischen Ost- und Westeuropa bis 1990. Ben Bachmaier erkennt eine didaktische Annäherung zwischen Mobilität und Schule. Joachim von Gottberg macht sich Gedanken über den Jugendschutz im veränderten medialen Umfeld. Und zum Schluss erinnert sich Dieter Wiedemann an Begegnungen mit Lothar Mikos. Viel Respekt und spürbare Verehrung für einen Professor zum 60. Geburtstag. Mehr zum Buch: 40a214f20/

Joseph Roth: Texte zum Film

2014,Joseph RothDer österreichische Autor Joseph Roth (1894-1939) hat nicht nur große Romane geschrieben („Die Rebellion“, „Radetzkymarsch“, „Die Kapuzinergruft“), sondern in den 1920er und 30er Jahren als Journalist auch viele inter-essante Texte publiziert. Das damals noch neue Medium Film spielte bei Roth eine große Rolle, er war neugierig, oft skeptisch, gelegentlich auch begeistert. Helmut Peschina und Rainer-Joachim Siegel haben jetzt im Wallstein Verlag einen Band mit „Feuilletons zur Welt des Kinos“ herausgegeben: „Drei Sensationen und zwei Katastrophen“. Rund hundert Texte von Joseph Roth zum Thema Film haben die Herausgeber gefunden, sie wurden zunächst in der Wiener Zeitschrift Die Filmwelt und dann vor allem im Berliner Börsen-Courier und in der Frankfurt Zeitung veröffentlicht. Roth hat sich nicht als professionellen Filmkritiker gesehen, sondern als Beobachter der Kunstszene, in die er auch das Kino einbezog. Er konnte scharf urteilen. So schreibt er über den zweiten Teil der NIBELUNGEN: „Man hat den zweiten Teil des Nibelungenfilms mit großer Spannung erwartet. Er hat enttäuscht. Ja, er ist sogar eine Katastrophe. Denn er ist, was gerade noch ein altes Epos sein darf, ein Film aber unter keinen Umständen: langweilig. (…) Es ist hart, einem so begabten Filmregisseur wie Fritz Lang sagen zu müssen, daß seine Mühe größer war als seine Achtung vor dem Sujet.“ (Frankfurter Zeitung, 14.5.1924). Eine fast klassische Filmkritik schrieb Roth über Murnaus LETZTEN MANN, mit einer Verneigung vor dem Autor Carl Mayer und dem Hauptdarsteller Emil Jannings, skeptischen Bemerkungen zum Epilog („ironischer Konzessions-Schluß“) und dem Resümée: „einer der besten Filme nicht nur Deutschlands, sondern der Welt“. (Frankfurter Zeitung, 8.1.1925). Roths große Liebe galt Charles Chaplin, seine Verachtung den amerikanischen Erfolgsfilmen. Im Anhang enthält das Buch zwei Treatments: „Kinder des Bösen“ und „Der letzte Karneval von Wien“. 80 Seiten Anmerkungen liefern wichtige Informationen zu den Texten. Das Nachwort der Herausgeber beschreibt das ambivalente Verhältnis von Joseph Roth zum Film. Coverfoto: Kreuz-Kino in der Wiener Wollzeile, 1934; Foto: Lothar Rübelt. Mehr zum Buch: drei-sensationen-und-zwei-katastrophen.html

Wörterbuch kinematografischer Objekte

2014.WörterbuchDas kleine Buch ist aus der Arbeit des Junior-Fellow-Programms am Inter-nationalen Kolleg für Kulturtechnik-forschung und Medienphilosophie (IKKM) der Bauhaus-Universität Weimar hervorgegangen. Es enthält 100 Einträge von 62 Autorinnen und Autoren. Kinematografische Objekte werden hier „als Vermittler aufgefasst, die den Übergang zwischen vorfilmischem Raum, Filmbild und apparativem Feld strukturieren“. Rund zwanzig Objekte haben einen unmittelbaren Bezug zur filmischen Technik oder Ästhetik: Close-Up, Farbe, Filmstreifen, Irisblende, Kamera, Kamerastativ, Leinwand, Licht, Lichtdouble, amerikanische Nacht, Perforation, Pillow Shot, Plansequenz, Projektor, Rückprojektion, Schwenk, Stock Shots, Ton, Überblend-zeichen, Zeitlupe, Zelluloid, Zoom. Andere assoziiert man mit Handlungsorten, Gebäuden und Einrichtungsgegenständen (Empire State Building, Fahrstuhl, Fass, Fassade, Fenster, Fernsehapparat, Flipper, Jalousie, Kühlschrank, Leuchturm, Monument Valley, San Francisco Hills, Spiegel, Swimmingpool, Tonbandgerät, Tür) oder mit den handelnden Personen (Blut, Haar, Hand, Haut, Leiche, Maske, Narbe, Nylonstrumpf, Perücke, Prothese, männliche Träne), mit dem Wetter (Nebel, Regen, Wind), mit der dramaturgischen Verbindung von Orten (Brücke, Treppe) oder der verhinderten Verbindung (Mauer, Stacheldraht). Und manche Motive stehen offenbar für sich allein: Atombombe, Diskokugel, Kaugummi, Motte, Tesla-Transformator, Unding. Zu jedem der hundert Objekte gibt es einen kurzen, prägnanten Text mit konkreten Filmverweisen, und in der Regel stehen am Ende nützliche Literaturhinweise. Die Lektüre ist anregend, auf Abbildungen wurde verzichtet, die Bilder entstehen im eigenen Kopf. Mehr zum Buch: objekte/

DER SCHWEINESTALL

2014.DVD.SchweinestallIm Martin-Gropius-Bau in Berlin ist weiterhin die Pier Paolo Pasolini-Ausstellung zu sehen. Bei der Filmgalerie 451 ist erstmals Pasolinis Film PORCILE/DER SCHWEINE-STALL (1968/69) als DVD erschienen. Er wurde 1969 in Venedig uraufgeführt, die Reaktionen der internationalen Kritik waren ambivalent. Auch heute, 45 Jahre später, ist man (oder bin ich) nach der Besichtigung zwiegespalten. Zu sehen sind zwei ineinander verwobene Geschichten, die erstens den Kannibalismus und zweitens die Sodomie thematisieren. Ein junger Mann im Mittelalter (gespielt von Pierre Clementi), zunächst einsam in der Wüste, ernährt sich von Insekten und Schlangen, tötet einen Menschen, der sich in der Einöde verirrt hat, und verspeist ihn. Andere Menschen stoßen zu ihm, es bildet sich eine Kannibalengruppe, sie wird von Soldaten verfolgt, gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Man wirft sie Hunden und Schakalen zum Fraß vor. Ein anderer junger Mann (gespielt von Jean-Pierre Léaud), ist Sohn eines ehemaligen Hitler-Anhängers, wohnt in einem Schloß in Bad Godesberg in den 1960er Jahren, ist befreundet mit einer Berliner Studentenrebellin (gespielt von Anne Wiazemsky) und bekennt, dass er sich aus Ekel vor den Menschen nur noch mit unschuldigen Tieren, speziell mit Schweinen, vergnügen kann. Am Ende berichtet ein Bote, dass der junge Mann von den Schweinen aufgefressen wurde. In der ersten Geschichte wird fast gar nicht gesprochen, in der zweiten sehr viel. Die Bilder (Kamera: Armando Nannuzzi und Tonino Delli Colli) sind unterschiedlich in Distanz und Nähe, in statischen Einstellungen und beweglicher Handkamera, aber durch die Montage eng miteinander verbunden. Es dominiert die thematische Provokanz, gelegentlich die Satire, es gibt andererseits eindrucksvolle Szenen. Georg Seeßlen hat für das beiliegende Booklet einen Essay verfasst, der den Film vielfältig erschließt und ihm große Bedeutung beimisst. Da kann ich ihm nur partiell folgen. Mehr zur DVD: der-schweinestall/