Der deutsche Weltkriegsfilm 1931 bis 1939

2014.Sieg! Heil?Eine Dissertation aus München (Ludwig-Maximilian-Univer-sität). Daniela Kalscheuer ana-lysiert 17 Weltkriegsfilme aus der Weimarer Republik (5) und dem ‚Dritten Reich’ (12), die alle einen national-konservativen Blick auf den Krieg haben und insofern ideologisch vergleich-bar sind. Die Autorin setzt sich zunächst mit den Deutungs-spektren des Weltkriegs in der Weimarer Republik auseinander und untersucht den Stellenwert des Kriegsfilms in der Filmwirt-schaft (100 Seiten). Den Haupt-teil (350 Seiten) nehmen die Filmanalysen in Anspruch. Sie trennt zwischen quantitativer und qualitativer Analyse. Quantitativ: das sind Informationen über die Handlung des Films, die Produktion, die Werbung und die Rezeption, also die Publikumsreaktionen und die Kritik in der Presse. Die entsprechenden Recherchen wirken sorgfältig und fügen sich zu einem detaillierten Bild. Unter den analysierten Filmen befinden sich BERGE IN FLAMMEN (1931) von Luis Trenker und Karl Hartl, MORGENROT (1933) von Gustav Ucicky, EIN MANN WILL NACH DEUTSCHLAND (1934) von Paul Wegener, PATRIOTEN (1937), UNTERNEHMEN MICHAEL (1937), URLAUB AUF EHRENWORT (1938) und POUR LE MÉRITE (1938) von Karl Ritter und AUFRUHR IN DAMASKUS (1939) von Gustav Ucicky. In der qualitativen Analyse geht es dann um die Darstellung der Kriegsschuldfrage und der „Dolchstoßlegende“, um Feindbilder, Frauenbilder, Rassismus und Antisemitismus, um Kampfdarstellungen, Opfertod und das Verhältnis zwischen Einzelschicksal und Massenschicksal. Während die quantitative Analyse eher wie eine Fleißarbeit wirkt, erweist sich die Autorin in der qualitativen Analyse als kompetente Interpretin vieler Details der Inszenierung und Bildauflösung. Der Text insgesamt ist flüssig zu lesen, auch wenn die insgesamt 2.642 Fußnoten kleine Stolpersteine sind. Keine Abbildungen. Dem Buch ist eine CD-ROM beigelegt, die Sequenz- und ausgewählte Einstellungsprotokolle der behandelten Filme sowie Erfolgsmeldungen aus dem Filmkurier enthält. Mehr zum Buch: 62669#.U0lVfxzdJgs

BACKLASH (1956)

2014.SturgesSein berühmtester Film ist THE MAGNIFICENT SEVEN (1960). Aber John Sturges (1910-1992) hat in den 1950er Jahren viele eindrucksvolle Western gedreht, ich erinnere nur an GUNFIGHT AT O.K. CORRAL (1957) oder LAST TRAIN FROM GUN HILL (1958). BACKLASH (dt.: DAS GEHEIMNIS DER FÜNF GRÄBER) ist ein Western und gleichzeitig ein Kriminalfilm, weil es um die Suche nach einem Täter geht, der erst am Ende entlarvt wird. Und da es der Vater des Helden ist, sprechen manche auch von einem „Ödipus-Western“. Die Geschichte von den fünf Männern, die Opfer eines Verräters werden, von Jim Slater (Richard Widmark), der auf der Suche nach seinem Vater (John McIntire) ist, und von Karyl Orton (Donna Reed), die ihren Mann verloren hat und seinen Mörder finden will, ist spannend erzählt, hat eine psychologische Tiefe und enthält viele traditionelle Westernelemente: Zweikämpfe, Verfolgungsjagden, geraubtes Gold, die Weite der texanischen Prärie und im Hintergrund die Apachen. Die DVD von „explosive media“ ist Resultat einer Restaurierung und Neuabtastung, enthält ein schmales Booklet mit einem Text von Markus Tschiedert und kann wahlweise in deutscher oder originaler Fassung gespielt werden. Mehr zur DVD: artikel&ArtikelNr=6414931

Kannibalen im Film

2013.KannibalenAnthropophagie – also der Verzehr von Menschenfleisch durch Menschen – ist tabuisiert. Also ein Filmthema, bei dem auch gern die Grenzen über-schritten werden. Es geht in diesem Buch von Paul Drogla – ursprünglich eine Staats-examensarbeit an der Universität Dresden – um die „filmische Rezeption und Re-Inszenierung des wilden Kannibalen“, aber andererseits werden auch aus der Zivilisation hervorgegangene Degenerationen behandelt (DOCTOR X, 1932, von Michael Curtiz). 137 Titel nennt die Filmliste im Anhang, auf 38 geht der Autor detaillierter ein. So gibt es eigene Kapitel über den Kannibalen in der Robinsonade, über den Zombie als kannibalische Metapher, über den dokumentarischen Blick auf die kannibalische Welt (beispielhaft: MONDO CANE, 1962) und über den erfolgreichsten Kannibalenfilm, CANNIBAL HOLOCAUST (1980) von Ruggero Deodato, dem die ausführlichste Analyse im Buch vorbehalten ist (Titelfoto). Auch der Kannibale im historischen Film wird thematisiert, zum Beispiel in 1492 : CONQUEST OF PARADISE (1992) von Ridley Scott und in HANS STADEN (1999) von Luis Alberto Pereira. Kleinere Kapitel handeln von Cartoon-Cannibals und Comedy-Cannibals. Keine Abbildungen, gut lesbarer Text. Mehr zum Buch: vom-fressen-und-gefressenwerden.html

Gender und Raum im Shakespeare-Film

2014.UnsexEine Dissertation aus Bremen aus dem Umfeld der „Textualität des Films“. Sie beginnt mit einem historischen Überblick über 100 Jahre Shakespeare-Film (das ist passend zur gerade stattfindenden Würdigung von Shakespeares 450. Geburtstag). Dann geht es um Filmwissenschaft und Geschlechterstudien, um die Interdependenz von Geschlecht und Raum in der Literatur und im Film und um ein synthetisches Konzept zum Gender-Raum. Das sind die notwendigen Präliminarien zur wissenschaftlichen Verortung auf rund 80 Seiten. Es folgt der Hauptteil (200 Seiten) mit beeindruckend genauen Analysen von neun zeitgenössischen Shakespeare-Filmen. Das sind drei Komödien (MUCH ADO ABOUT NOTHING, 1993, von Kenneth Branagh, 10 THINGS I HATE ABOUT YOU, 1999, von Gil Jungers und SHE’S A MAN, 2006, von Andy Fickman), drei Historien (HENRY V, 1989, von Kenneth Branagh, RICHARD III, 1995, von Richard Loncraine und LOOKING FOR RICHARD, 1996, von Al Pacino) und drei Tragödien (OTHELLO, 1995, von Oliver Parker, WILLIAM SHAKESPEARE’S ROMEO + JULIET, 1996, von Baz Luhrmann und MACBETH, 2006, von Geoffrey Wright). Jennifer Henke hat einen guten Blick für Aspekte der Inszenierung und filmischen Auflösung. Die daraus folgenden Interpretationen klingen überzeugend. Viele farbige Abbildungen in ausgezeichneter Qualität, die in den Bildunterschriften analytisch genutzt werden. Für Liebhaber von Shakespeare-Verfilmungen fast so etwas wie Pflichtlektüre. Der Titel des Buches „Unsex Me Here“ zitiert Lady Macbeth (Akt 1, Szene 5). Auch das Titelbild stammt aus MACBETH. Mehr zum Buch: http://www.wvttrier.de  (und dann das Buch suchen).

MAD MEN

2014.Mad MenEs ist eine der berühmtesten und erfolgreichsten amerikanischen Fernsehserien. Die erste Staffel wurde 2007 von AMC ausgestrahlt, und gerade hat in den USA die siebte und letzte Staffel begonnen. Der MAD MEN-Erfinder Matthew Weiner hat schon an den SOPRANOS mitgearbeitet. Das kleine Buch von Daniela Sannwald ist mehr als eine Einführung in die Serie. Es ruft den zeitlichen Hintergrund, die 1960er Jahre, in Erinnerung und porträtiert acht Hauptfiguren, vier Männer und vier Frauen, die in der Mehrzahl schon von der ersten Folge an dabei sind: Peter Campbell (Kapitelüberschrift: „Verlorene Jugend“), Roger Sterling („Der Veteran“), Don Draper („Männlichkeit in der Krise“), Peggy Olsen („Die Karrierefrau“), Joan Holloway, vormals Harris („Wehrhafte Weiblichkeit“), Betty Draper-Francis („Elend in Suburbs“); dazu: Lane Pryce („Der Brite im Exil“, Staffel 4+5) und Dawn Chambers („Schwarz und weiß“, ab Staffel 5). In jedes Porträt ist eine zeitgenössische Anzeige mit inhaltlichem Bezug eingefügt. Danielas Text rekapituliert die Entwicklung der jeweiligen Person im Zusammenhang der Serie und hat große analytische Qualitäten. Mit Abbildungen, Anmerkungen und Kurzfilmografie. Band 1 der Bertz + Fischer-Reihe „Prime Time“. Mehr zum Buch: 42&products_id=383

Viareggio

2014.ViareggioVor sechs Jahren, im April 2008, wurde der Film AUGE IN AUGE – EINE DEUTSCHE FILMGESCHICHTE von Michael Althen und mir beim Festival „EuropaCinema“ in Viareggio gezeigt. Es war die erste Aufführung nach der Premiere bei der Berlinale. Der Focus  des Festi-vals in jenem Jahr war der (west)deutsche Film der 1960er und 70er Jahre. Man kann es ein Veteranentreffen nennen, zu dem unter ande-rem (Foto) Mario Adorf, Peter Berling, Ingrid Caven, Michael Fengler, Ulrich Felsberg, Peter Fleischmann, Reinhard Hauff, Edgar Reitz, Vol-ker Schlöndorff, Rudolf Thome und Margarethe von Trotta nach Italien anreisten. Sie wurden mit dem „Federico Fellini 8 ½ Award“ ausge-zeichnet. Die Gastfreundschaft des Festivalleiters Felice Laudadio war überwältigend. In Italien gewann gerade Silvio Berlusconi zum dritten Mal die Wahlen. Aber das beeinträchtigte nicht unsere Liebe zu diesem Land. Antje und ich sind jetzt von Florenz aus für einen Tag nach Via-reggio gefahren, um uns an die schönen Tage im April 2008 zu erin-nern, was vor allem auch bedeutet: an unseren vor drei Jahren gestor-benen Freund Michael zu denken. Die Stadt hat sich wenig verändert, die alten Kinos sind noch in Betrieb, nur Berlusconi hat an Präsenz eingebüßt. In der Folgezeit wurden wir mit dem Film AUGE IN AUGE u.a. nach Barcelona, Seoul, Rom, Nyon und New York eingeladen. Die Erinnerungen daran sind unauslöschlich.

Mord in Metropolis

2014.Metropolis

Ein neuer Krimi, er spielt in den 1920er Jahren in Berlin. Fiktion und Realität mischen sich. Fiktive Hauptfigur ist der Ex-Kom-missar Robert Grenfeld, den sein ehemaliger Chef, Erich Gennat (er war später real Leiter der Zentralen Mord-inspektion), zur Klärung von Verdachtsmomen-ten bei der Filmproduktion METROPOLIS zu Hilfe ruft. Die Hauptdarstellerin Brigitte Helm erhält anonyme Dro-hungen. Die Handlung beginnt am 16. Juni 1925 um 8.30 Uhr in Berlin-Grunewald, Douglasstraße 63, und endet am 19. November 1925 um 17 Uhr in Neubabelsberg. Es wird chronologisch erzählt, Ortswechsel strukturieren die Handlung, unterschiedliche Perspektiven erhöhen die Spannung. Ziemlich zu Beginn werden zwei Statistinnen ermordet, die eine im Stahlkostüm der Maschinen-Maria. Bei den Ermittlungen stellt sich die Hauptfrage: wer hat ein Interesse daran, den Film von Fritz Lang in Verruf zu bringen? Seine Produktionskosten erhöhen sich ständig, weil der Regisseur mehr Geld als geplant in das Aufgebot an Statisten, in Bauten und Kostüme investiert, dadurch seinen Produzenten Erich Pommer in die Bredouille bringt und den UFA-Aufsichtsrat zum Handeln zwingt. Es ist erstaunlich, wie genau der Autor Robert Baur (von Beruf Personalentwickler) die historischen Fakten der METROPOLIS-Produktion recherchiert hat und mit der Story seines Kriminalromans verknüpft. Immer wieder werden Passagen aus der Perspektive realer Personen erzählt: zum Beispiel Brigitte Helm, Erich Pommer, Fritz Rasp. Im Hintergrund operieren die Nazis, die „Schwarze Reichswehr“, die Berliner Ringvereine, die politische Polizei. Auch viele Schauplätze – Filmstudios, Cafés und Restaurants, Hotels und kulturelle Treffpunkte – existierten im Berlin der 20er Jahre. Eine schöne Erfindung ist die weibliche Hauptfigur, Mascha, eine Exilrussin, die zwischen den Fronten laviert und zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ein spannender „Roman aus dem Filmmilieu“ mit einem beeindruckenden, eigenwilligen Ermittler. Mehr zum Buch: mord-in-metropolis.html

Ostergrüße

 

2014.Florenz

Herzliche Ostergrüße aus Florenz

Hans Helmut Prinzler und Antje Goldau

 

Film und Kino in Italien

2014.ItalienIrmbert Schenk, Professor für Medienwissenschaft i.R. an der Universität Bremen, hat eine besonders intensive Beziehung zum italienischen Kino, die von großer Sachkompetenz getragen wird. In seinen Vorlesungen und Aufsätzen spürt man auch eine spezielle Liebe zum Land. Der vorliegende Band enthält acht längere Texte und einen Lexikoneintrag. Die ersten Beiträge handeln von der Frühzeit und reichen bis in die 1930er Jahre. Zweimal geht es um den italieni-schen Historienfilm, der ein spezielles Genre des Landes war, im ersten Text stehen die Jahre 1905 bis 1914 im Mittelpunkt, im zweiten wird ein Bogen von CABIRIA (1914) zu Mussolini geschlagen. Ein Essay über Walter Ruttmanns ACCIAIO (1930) verortet den Film zwischen Futurismus, Realismus und Faschismus. Dann wird das Motiv des Automobils als Subtext der Modernisierung in den Komödien der 1930er Jahre interpretiert. Ein Basistext ist Schenks Vorlesung über den italienischen Neorealismus, die bisher unveröffentlicht war (gefolgt vom Eintrag „Neorealismus“ im „Lexikon der Filmbegriffe“). Sehr informativ ist der Vergleich zwischen Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ und ihrer Verfilmung von Luchino Visconti: MORTE A VENEZIA (1971). Den schönen Text über Michelangelo Antonioni kennen wir aus dem Buch „Das goldene Zeitalter des italienischen Films“, das Thomas Koebner und Irmbert Schenk 2008 herausgegeben haben. Noch unveröffentlicht ist bisher der Text über Entstehung und Rezeption von Roberto Benignis LA VITA E BELLA (1998). Es lohnt sich, die Texte im Zusammenhang zu lesen. Viele Abbildungen in guter Qualität. Titelbild: Monica Vitti in L’AVVENTURA (1960). Mehr zum Buch: film-und-kino-in-italien.html

Mediale Inception

2014.Mediale Inception„Bewusstseinsfilme“, wie sie in Hollywood seit den 1990er Jahren vermehrt entstehen, haben Protagonisten, die oft an Amnesie oder Schizophrenie leiden. Sie können nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden und nehmen den Zuschauer auf ihre Reise ins Unterbewusstsein mit. Christian Bumeder entwickelt in seiner Dissertation (entstanden an der Ludwig-Maximilian-Universität in München) eine „Poetik“ des Bewusstseinsfilms. Im Mittelpunkt seiner konkreten Analysen stehen die Filme SHUTTER ISLAND (2010) von Martin Scorsese und INCEPTION (2010) von Christopher Nolan. Es geht um Erzählperspektiven, Personalisierungen, Wahrnehmung, Okularisierung und Aurikularisierung, Introspektion und Subjektivität. In der traditioneller Genre-Zuordnung würde man vom „Psycho-Thriller“ sprechen, aber die inhaltliche und formale Fokussierung und Vertiefung, wie sie Bumeder wissenschaftlich begründet, hat ihre Logik und überzeugt, wenn sie in Filmbeispielen konkretisiert wird. Im Anhang findet man Sequenzprotokolle der beiden genannten Filme und eine umfangreiche Bibliographie. Die Abbildungen sind relativ klein, aber akzeptabel. Mehr zum Buch: 7a85hh3m5