Ernst Haas: On Set

Bild 2Er war einer der großen Foto-grafen des 20. Jahrhunderts. Ernst Haas (1921-1986), geboren in Wien, gehörte ab 1950 zur Magnum-Agentur, hat sich vielen Themen gewidmet, in Schwarzweiß und Farbe gearbeitet, war für renommierte Zeitschriften und Magazine als Reporter unterwegs. Bei Steidl ist jetzt ein schöner Band mit Set-Fotografien von ihm erschienen, herausgegeben von John P. Jacob (der auch die Einleitung geschrieben hat), mit einem würdigenden Essay von Walter Moser. Aufnahmen zu 23 Filmen sind hier in bester Qualität dokumentiert, beginnend mit THE THIRD MAN (1949) von Carol Reed, über LAND OF THE PHARAOS (1955) von Howard Hawks, MOBY DICK (1956) von John Huston, THE BIG COUNTRY (1958) von William Wyler, THE MISFITS (1961) von John Huston, THE TRAIN (1964) von John Frankenheimer, HELLO, DOLLY! (1969) von Gene Kelly, LITTLE BIG MAN (1970) von Arthur Penn, LOVE AND DEATH (1975) von Woody Allen, endend mit QUEST FOR FIRE (1981) von Jean-Jacques Annaud. Es sind zum Teil sehr eigenwillige, bis in die komplette Unschärfe gehende Fotos, die eine Stimmung am Set wiedergeben, die Stars nicht nur in ihren großen Momenten zeigen, sondern auch in der Erschöpfung, die auf die Anforderungen der Genres reagieren und auf die Hierarchien bei den Dreharbeiten. Besonders gelungen sind für mich die Beobachtungen bei THE PRIDE AND THE PASSION von Stanley Kramer mit Sophia Loren und Cary Grant. In einer Fotosequenz zu THE GREATEST STORY EVER TOLD von George Stevens sieht man Max von Sydow als Christus am Kreuz – und in einer Aufnahme lacht er in die Kamera von Ernst Haas. Coverfoto: PONTIAC STAR PARADE (1959). Mehr zum Buch: https://steidl.de/Buecher/On-Set-0608192644.html

Bewegte Männer

2015.Bewegte MännerDies ist die überarbeitete und ergänzte Fassung der Dissertation, mit der Christopher Treiblmayr 2009 an der Universität Wien promoviert wurde. Sie entstand dort am Institut für Geschichte und geht von der These aus, „dass die vermehrte Sichtbarkeit männlicher Homosexualitäten und die starke Beschäftigung damit, wie sie im deutschen Kino der 1990er Jahre nachzu-weisen ist, nicht ohne allgemeine ‚Krise der Männlichkeit’ denkbar gewesen wären, die nicht nur von den Homosexuellenbewegungen, sondern vor allem auch von der ‚Zweiten Frauenbewegung’ ausgelöst und später in der sogenannten ‚Männerbewegung’ explizit thematisiert wurde“. Treiblmayr klärt zunächst die Rolle des Films als Gegenstand wissenschaftlicher Analysen und die Methode seiner Untersuchung (33 Seiten), referiert dann über Männlichkeiten und Homosexualität in Deutschland (80 Seiten) und informiert über die Situation des deutschen Kinos in den 1990er Jahren (25 Seiten). In seinem Hauptteil (150 Seiten) analysiert er 14 Filme: VIA APPIA (1990) von Jochen Hicks, PRINZ IN HÖLLELAND (1993) von Michael Stock, DER BEWEGTE MANN (1994) von Sönke Wortmann, KEINER LIEBT MICH (1994) von Doris Dörrie, NEUROSIA – 50 JAHRE PERVERS (1995) von Rosa von Praunheim, STADTGESPRÄCH (1995) von Rainer Kaufmann, ECHTE KERLE (1996) von Rolf Silber, KONDOM DES GRAUENS (1996) von Martin Walz, DAS TRIO (1997) von Hermine Huntgeburth, LOLA UND BILIDIKID (1998) von E. Kutlug Ataman, DER EINSTEIN DES SEX (1999) von Rosa von Praunheim, OI!WARNING (1998/2000) von Dominik und Benjamin Reding, ZURÜCK AUF LOS (2000) von Pierre Sanoussi-Bliss und NO ONE SLEEPS (2000) von Jochen Hick. Der Plot und markante Szenen werden vom Autor auf die jeweilige Darstellung von Männlichkeit und Homosexualität untersucht. Dies geschieht sachkundig und mit der notwendigen Genauigkeit. 1.878 Quellenhinweise sichern die Arbeit wissenschaftlich ab. Jedem der 14 Filme ist ein spezielles Bild zugeordnet, sonst keine Abbildungen. Coverfoto: NO ONE SLEEPS. Mehr zum Buch: /978-3-412-20656-7.html

Ernest Borneman: zwei Bücher

2015.Borneman 1Ernest Borneman (1915-1995) war ein politisch engagierter, vielseitig begabter Autor, der in Berlin geboren wurde, mit 18 Jahren ins Exil nach London ging, dort in vielen Funktionen tätig war, 1940 nach Kanada gebracht und dort interniert wurde, für das National Film Board of Canada Dokumen-tarfilme drehte, 1946 in London ein Buch über die Geschichte des Jazz publizierte, 1948 in Paris Chef der Unesco-Filmabteilung wurde, 1949 bei CBS als Fernsehspielleiter tätig war, in den 50er Jahren als Autor für die BBC, CBS und andere Anstalten arbeitete, Drehbücher und Romane schrieb, 1960 Programmchef der „Freies Fernsehen GmbH“ in Eschborn wurde, 1961 zum Film & Radio Department der Agentur Foote, Cone and Belding wechselte, 1970 nach Österreich umzog und fortan vor allem als Sexualwissenschaftler reüssierte. Er starb im Juni 1995 in Scharten (Österreich) durch Suizid. So einen wechselhaften und kreativen Lebenslauf (ich habe nur die wichtigsten Stationen genannt) würde man kaum für möglich halten, wenn er nicht in zwei gerade erschienenen Publikationen dokumentiert und beglaubigt würde. Im Wallstein Verlag ist die Biografie „Moderne Lüste. Ernest Borneman – Jazzkritiker, Filmemacher, Sexforscher“ erschienen, in der Detlef Siegfried auf mehr als 400 Seiten Bornemans Leben erzählt. Seine drei Kapitel haben die Überschriften „Hören“ („Die Ethnologie des Jazz“), „Sehen“ („Das Leben auf der Leinwand“), „Berühren“ („Sex und Gesellschaft“). Sie sind durch 1.351 Quellenverweise abgesichert, lesen sich aber sehr flüssig, weil der Autor seinen Text nicht als wissenschaftliches Werk sondern als Biografie konzipiert hat und die Spielregeln dieser literarischen Gattung bestens beherrscht. So lernt man viel über ein ungewöhnliches Leben und speziell die drei Gebiete, auf die Detlef Siegfried sich besonders konzentriert: Jazz, Film, Sex. Ich bin beeindruckt. Mehr zum Buch von Siegfried: moderne-lueste.html

2015.Borneman 3Die beiden Autoren Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen haben mit Detlef Siegfried offenbar gut kooperiert, die Publikationen kommen sich auch nicht in die Quere. Aurich und Jacobsen konzentrieren sich in ihrem Buch (128 Seiten), weitgehend auf die Bereiche Film, Fernsehen und Exil, sie begnügen sich mit 165 Anmerkungen und Quellenverweisen, auch ihr Text bleibt immer konkret am Leben und Werk von Borneman, verlagert manche Informationen in die nützliche Chronik und in die Filmografie. In beiden Auflistungen werden die recherchierten Fakten unterschieden von Aussagen und Angaben von Borneman, für die es keine Absicherung gibt. Das schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit, die man bei der Darstellung dieses überquellenden Lebens herstellen muss. Die Abbildungen sind akzeptabel. Mehr zum Buch von Aurich/Jacobsen: 9783869164069#.VUTaYByWFgs

CHARLEY VARRICK (1973)

2015.DVD.Charley VarrickCharley Varrick (gespielt von Walter Matthau) war mal ein Kunstflieger, jobbt jetzt als Schäd-lingsbekämpfer und besorgt sich ein bisschen zusätzliches Geld durch kleine Banküberfälle. Ein geplanter Raub in New Mexiko gerät außer Kontrolle, als Varricks Frau Nadine und zwei Kumpel unvermittelt mit der Polizei in Konflikt kommen. Nadine erschießt zwei Polizisten, ein Kumpel und ein Wachmann werden getötet, Charley kann mit dem anderen Kumpel entkommen. Ihre Beute: mehr als 750.000 $. Das Geld wird für sie gefährlich, weil es für die mafiöse Cosa Nostra bestimmt war. Und die beiden bekommen es nun mit dem Auftragsmörder Molly zu tun. Dieser Thriller von Don Siegel, gedreht unmittelbar nach DIRTY HARRY, wurde in den 70er Jahren leider unterschätzt. Er hat viele formale Qualitäten, ist spannend bis zum Ende und hat mit Matthau einen interessanten Hauptdarsteller, der hier keinerlei Faxen macht. Koch Media hat CHARLEY VARRICK (deutscher Titel: DER GROSSE COUP) jetzt als DVD in einer Special Edition veröffentlicht. Neben dem digitalisierten Film gehört dazu eine 72minütige Dokumentation von Robert Fischer: LAST OF THE INDEPENDENTS (das war im Übrigen auch der Arbeitstitel des Films). Fischer hat Interviews geführt mit Don Siegels Sohn Kristoffer Tabori, dem Stunt-Director Craig R. Baxley, dem Drehbuchautor Howard A. Rodman, dem Komponisten Lalo Schifrin, dem Darsteller Andy Robinson (er spielt den Kumpel Harman, mit dem Charley relativ lange unterwegs ist) und der Schauspielerin Jacqueline Scott (sie spielt Varricks Frau Nadine). Die Interviews sind gut strukturiert, öffnen den Blick für Produktionshintergründe und sind von einem großen Respekt für die Regieleistung von Don Siegel geprägt. Mehr zur DVD: 1009222&nav1=FILM

DIE LANGEN HELLEN TAGE (2014)

2015.Die langen hellen TageDies ist ein Film aus Georgien, der im vergangenen Jahr dreißig Festivalpreise erhielt und sogar für den Oscar nominiert wurde. Ich habe ihn im Kino versäumt und jetzt erst – dank der DVD von Absolut Medien – gesehen. Ich bin sehr beeindruckt, wie Nana Ekvtimishvili und Simon Groß die Geschichte der beiden Freundinnen Eka und Natja aus dem Sommer 1992 in Tiflis erzählen: in weitgehend ruhigen Einstellungen, genau beobachtend, in einer großen Nähe zu den beiden Protagonistinnen. Eka und Natja sind 14, selbstbewusst, auf der Suche nach einer eigenständigen Zukunft. Sie haben auch miteinander Konflikte, aber die Freundschaft zwischen ihnen ist eng. Eine Pistole, die Eka von einem Freund geschenkt bekommt, wird zum Austauschobjekt. Denn Gewalt ist im postsowjetischen Georgien eine Grundstimmung. Da sie in ihren Familien nicht beschützt werden, halten sich Eka und Natja aneinander fest in ihrer Freundschaft. In den Familien, auf den Straßen, in der Schule sind ständig Aggressionen zu spüren. Ekas Vater sitzt im Gefängnis, am Ende des Films besucht sie ihn dort. Natjas große Liebe, der sanfte Lado wird zu einem Opfer der Gewalt. Die Darsteller sind weitgehend Laien. Lika Babluani (Eka) und Mariam Bokeria (Natja) wurden in der Schule gecastet. Sie sind faszinierend im Zusammenspiel, aber auch in ihren Einzelszenen. Der rumänische Kameramann Oleg Mutu hat daran einen hohen Anteil. Nana Ekvtimishvili stammt aus Georgien und hat an der HFF ‚Konrad Wolf’ in Potsdam studiert, Simon Groß ist Berliner und hat die HFF München absolviert. Ich hoffe, sie können weitere Filme machen. Mehr zur DVD: 7014/Die+langen+hellen+Tage

Das Ende des Krieges – die Befreiung

2015.1945Das Buch „1945. Ikonen eines Jahres“ erzählt die Geschichte der letzten Kriegs-monate in Europa und Deutschland, der Momente der Befreiung und ersten Orientierung in 108 Photo-graphien, von denen ich viele kenne, die aber in der chronolo-gischen Folge und im komprimierten Zusammenhang mich tief berührt haben. Ich war damals sechs Jahre alt, lebte mit meiner Mutter und meiner älteren Schwester in der Evakuierung in einem Dorf in Anhalt. Im April 1945 hatten wir dort einen Tieffliegerangriff überlebt, den ich nie vergessen werde. Im Oktober kehrten wir nach Berlin zurück, im Dezember kam mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft heim. Das geschah alles vor 70 Jahren. Aber ich habe tiefe Erinnerungen an diese Zeit. Wenn ich mir jetzt die Photographien anschaue, sehe ich Konzentrationslager, Leichen, zerstörte Städte, Soldaten, Gewalt, die damals mächtigen Politiker und die Folgen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, aber ich sehe auch: ein kleines Mädchen, das Brennholz sammelt in den Trümmern des zerstörten München (Foto: Herbert List), befreite sowjetische Zwangsarbeiter in einem Zug vor der Rückkehr in die Heimat (Foto: Henri Cartier-Bresson), Frauen und Kinder bei der Trümmerräumung in Berlin (Foto: Georgi Petrussow), Jungen mit Schulranzen im Sommer 1945 in Berlin (Foto: Robert Capa), einen Marinesoldaten, der am V-J Day in New York ein weiß gekleidetes Mädchen küsst (Foto: Alfred Eisenstaedt). Das sind Hoffnungsfotos. Und viele Hoffnungen haben sich erfüllt, auch für mich persönlich. Dies sind Gedanken und Gefühle am 8. Mai im Zusammenhang mit einem Buch, das Lothar Schirmer herausgegeben hat. Ihm sei dafür gedankt. Mit einem Einführungstext des Historikers Norbert Frei. Coverfotos: Hubert Strickland, der Fahrer des Fotografen Robert Capa, auf der Ehrentribüne des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes beim ironischen Hitlergruß (oben), Sowjetsoldaten hissen am 2. Mai die Sowjetfahne auf dem Dach des Reichstags in Berlin (Foto: Jewgeni Chaldej). Mehr zum Buch: Ikonen_1945.pdf

Western global

2015.WesternWestern – das ist das amerikanische Filmgenre schlechthin, auch wenn er in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat. Der erste Western war THE GREAT TRAIN ROBBERY (1903). Und die schönsten Western sind für mich die Filme von John Ford. Seit den 1960er Jahren gibt es den Italowestern. Und Thomas Klein durfte, finanziert von der Deutschen Forschungs-gemeinschaft, die Globalisierung des Western auch in anderen Ländern untersuchen. Sein Länderfokus waren vor allem: Mexiko, Australien, Brasilien, Japan. Im mexikanischen Kino sind es die Revolutionsfilme, im australischen Kino die Bushranger-Filme, im brasilianischen Kino die Cangaceiro-Filme, im japanischen Kino die Samurai-Filme, die eine Affinität zum Western haben. Zunächst beschäftigt sich Klein mit den Western-Stereotypen im kulturellen Kontext. Dann untersucht er die Folgen fürs Genrekino im Zusammenhang mit dem Postkolonialismus. Eine dominierende Rolle spielt in diesem Genre die Landschaft. Eine eigene Kategorie sind die Standardsituationen. Ausführlich widmet sich der Autor den nationalen Western-Diskursen in Australien und Lateinamerika. Den größten Raum nehmen aber die bösen Protagonisten ein, die Outlaws und Sozialbanditen. In Australien sind es die „Wild Colonial Boys“, in Mexiko die „Charro-Outlaws“, in Brasilien die „Cangaceiros“, in Argentinien die „Gaucho Outlaws“, in Japan „Ronin“ und „Yakuza“. In diesem Kapitel werden viele Filmbeispiele genannt, die sich auch in den (technisch hervorragenden) Abbildungen wiederfinden. Das Literaturverzeichnis ist umfangreich. Eine beispielhafte Genreuntersuchung. Coverfoto: SUKIYAKI WESTERN DJANGO (2007). Mehr zum Buch: 42&products_id=427

Oskar Roehler: ein Buch und ein Film

2015.RoehlerZeit: die 1980er Jahre. Ort: Westberlin. Oskar Roehler erzählt in seinem Buch „Mein Leben als Affenarsch“ und in seinem Film TOD DEN HIPPIES!! ES LEBE DER PUNK die über weite Strecken identische Geschichte seines Alter Ego Robert, der vom Souterrain in Wedding aufsteigt in eine Altbauetage in Schöneberg, der als Zwanzigjähriger in Berlin beginnt, seine Identität zu suchen, als Putzmann in einer Peepshow jobbt, eigentlich ein Dichter werden will, seine ersten Drogenerfahrungen macht, sich mit einer Stripperin zusammentut, die aus Wuppertal stammt und eher eine Kleinbürgerin ist. Roberts Kleidung ist ein alter Wehrmachtsmantel, er trägt eine Irokesenfrisur, er unternimmt Gewaltmärsche durch die Stadt, er lässt sich in die Paris Bar und ins „Risiko“ mitnehmen, er hört Blixa Bargeld und die „Einstürzenden Neubauten“; er ist eine literarische Figur und eine Filmfigur, und wir stellen uns vor, dass es Oskar Roehler ist, der sich von seiner tablettensüchtigen Mutter und seinem alkoholkranken Vater emanzipiert und in einer Mischung aus Autobiografie und Fiktion Erinnerungsarbeit leistet. Das Buch ist ein „Ich“-Roman, im Film spielt Tom Schilling den Robert, Hannelore Hoger die Mutter, Samuel Finzi den Vater, Emilia Schüle die Stripperin, die im Buch Nina und im Film Sanja heißt, Alexander Scheer den Blixa Bargeld. Das zeitgleiche Erscheinen von Buch und Film macht deutlich, dass Oskar Roehler als Autor und als Filmemacher in gleicher Weise begabt ist. Er wird oft unterschätzt. Vielleicht, weil er auch Grenzen verletzten kann. Wir können noch viel von ihm erwarten. Mehr zum Buch: 9783550080425.html

DER SANFTE LAUF (1966/67)

2015.DVD.Sanfte LaufWunderbar: das Gesicht, die Körpersprache, die Stimme des 25jährigen Bruno Ganz. Dies war der erste Film des Schweizer Schauspielers in Deutschland. Er spielt den jungen Angestellten Bernhard Krahl in der Versandabteilung einer Elektrofirma, verliebt sich in Johanna, die Tochter eines Bauunternehmers (sympathisch gespielt von Verena Buss), macht Karriere in seiner Firma, unternimmt mit Johanna eine Reise in seine Geburtsstadt Prag, weil er mehr über seine Vergangenheit erfahren will, und wird am Ende des Films mit der Nachricht konfrontiert, dass er seinen Aufstieg in der Firma nicht seinen Leistungen, sondern der Fürsprache von Johannas Vater zu verdanken hat. Es bleibt offen, wie er mit dieser Nachricht umgeht. DER SANFTE LAUF war der erste Spielfilm von Haro Senft (*1928), einem der Initiatoren des „Oberhausener Manifests“, wurde vom gerade gegründeten „Kuratorium junger deutscher Film“ gefördert, war damals im Kino nicht sehr erfolgreich und ist nur Filmhistorikern in guter Erinnerung. Es ist ein sehr sensibler Film, an der Kamera stand der Tscheche Jan Čuřík, und natürlich interessieren wir uns heute vor allem für Bruno Ganz, der aus der Figur des Bernhard einen komplexen Charakter macht. Haro Senft ist später vor allem durch seine Kinderfilme (EIN TAG MIT DEM WIND, 1978) bekannt geworden. Die DVD enthält als Bonusmaterial sieben Kurzfilme von Senft, darunter sind VON 6 BIS 6 (1959), KAHL (1961) und AUTO AUTO (1964). Wilhelm Roth hat für das Booklet einen schönen Text über Leben und Werk von Haro Senft geschrieben, über den 2013 im Übrigen eine sehr fundierte Biografie von Michaela S. Ast erschienen ist (09/haro-senft/ ). Mehr zur DVD bei Absolut Medien:  film/3904/Der+sanfte+Lauf

DIE SCHAUSPIELERIN

2015.DVD.SchauspielerinNoch eine neue DVD mit zwei DEFA-Filmen von Siegfried Kühn: Der Hauptfilm, DIE SCHAUSPIELERIN (1988), erzählt die melodramatische Geschichte eines Identitäts-wechsels in der frühen Nazizeit. Maria Rheine (gespielt von Corinna Harfouch) hat ein Enga-gement am Theater in Magdeburg. Sie liebt ihren Kollegen Mark Löwenthal (André Hennicke). Ihre beruflichen Wege trennen sich, Maria folgt einem Angebot aus München und wird dort zum Star, Mark geht zum jüdischen Theater in Berlin. Wir erleben, wie Mark einmal nach München fährt, Maria dort als Johanna auf der Bühne sieht, aber einer Begegnung ausweicht, und wie Maria Mark als Pantomimen im jüdischen Theater aus den Kulissen beobachtet. Trotz großer Erfolge in München ändert Maria ihren Namen in Manja Löwenthal, färbt ihr blondes Haar schwarz und findet einen Platz im Ensemble des jüdischen Theaters. Am Ende wird ihr Identitätswechsel durch eine Intrige an die Gestapo verraten. Der Film nutzt die Bühnenwelt – Proben, Aufführungen, Kostümwechsel in den Garderoben – für ein Spiel mit vielen Realitäten, politischen, kulturellen, psychologischen, geschlechtsspezifischen. Es gibt ungewöhnlich viele Spiegelszenen, die vor allem von Corinna Harfouch für die Zwiesprache mit sich selbst und mit den von ihr verkörperten Rollen genutzt werden. Sie erweist sich wieder als herausragende Darstellerin, die eine größere Wirkung entfaltet als ihre männlichen Partner (Hennicke und, als Kollege in München, Michael Gwisdek). Die Kameraführung von Peter Ziesche ist beeindruckend sowohl in den Großaufnahmen als auch in den Raumtotalen. Auch die Maskenbildner haben hervorragend gearbeitet. Als „Bonusfilm“ enthält die DVD Kühns späten Film HEUTE STERBEN IMMER NUR DIE ANDERN. Auch hier sind Schauspielerinnen die Hauptpersonen. Sie heißen Hanna, Maria und Lisa, treffen sich nach langer Zeit wieder und müssen sich damit auseinandersetzen, dass Maria an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange leben wird. So thematisiert Kühn das Thema Sterbehilfe. Es gibt viele symbolische Bildelemente, und die ständigen Erinnerungen an eine Gondelfahrt in Venedig gehen einem auf die Nerven, aber Katrin Saß (Hanna), Ulrike Krumbiegel (Lisa) und vor allem Gudrun Ritter (Maria) sind starke Darstellerinnen. – Eine dritte DVD mit Filmen von Siegfried Kühn ist angekündigt. Mehr zur DVD: die-schauspielerin-heute-sterben-immer-nur-die-andern-sparkauf.html