Fernseh- und Gesellschaftsgeschichte im TATORT

2015.TatortÜber die inzwischen 40jäh-rige TATORT-Reihe der ARD wird seit einiger Zeit viel geforscht und publiziert. Der vorliegende Band dokumen-tiert die Beiträge einer wissenschaftlichen Tagung, die im Sommer 2013 in Göttingen stattgefunden hat. In 16 Texten blicken die Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Perspektiven auf den TATORT. Ich nenne hier zehn Beiträge, die mich besonders interessiert haben. Thomas Weber führt mit Überlegungen zur kommunikativen Figuration der Reihe und der Darstellung der Protagonisten in den Band ein. Joan Kristin Bleicher macht sich Gedanken über die Veränderung von Täterprofilen, die über die Jahrzehnte mehr in ihren Erscheinungsformen und weniger in ihrem Kern (zum Beispiel den Tatmotiven) deutlich werden. Bei Stephen Völlmicke geht es um die Inszenierung des Todes im TATORT und um die sozialen Subtexte. Besonders originell finde ich den Beitrag von Rolf Parr, der die Autos der Kommissare und ihren Umgang mit den Dienstfahrzeugen untersucht. Christian Hißnauer erinnert an die Frühgeschichte bundesdeutscher Krimiserien, an STAHLNETZ und DER KOMMISSAR. Sehr informativ ist das Gespräch mit der SWR-Redakteurin Melanie Wolber, die für die Lena Odenthal-Folgen zuständig ist. Natürlich wird der Münster-TATORT genauer untersucht; im einen Text sieht Andreas Blödorn „Münster als Raum exzessiver Selbstreflexion“ des Krimi-Formats, im anderen verortet Thomas Klein das komödiantische Niveau „zwischen Wortwitz und Klamauk“. Tina Welke hat sich auf den MDR-TATORT der Jahre 1992 bis 2007 konzentriert und fragt, wie konkret sich die Lebensverhältnisse in den Neuen Bundesländern dort widerspiegeln. Julika Griem stellt den TATORT in einen internationalen Kontext und fordert zum Vergleich mit amerikanischen Serien auf. Wenige Abbildungen, viel Lesestoff. Mehr zum Buch: /zwischen-serie-und-werk?c=738

PRAUNHEIM MEMOIRES

2014.PraunheimHeute Abend hat der Film PRAUNHEIM MEMOIRES in der Volksbühne in Berlin Premiere. Er kommt am Donnerstag in die Kinos. Eine Voraufführung gab es bereits vor einigen Monaten in Frankfurt. Denn dort ist der Film entstanden. Praunheim ist ein Stadtteil von Frankfurt. Dort wuchs der junge Holger Mischwitzky ab 1954 bei seinen Eltern auf, die mit ihm zuvor in der DDR gelebt hatten und von dort in den Westen geflüchtet waren. Wie schon Rosas Film MEINE MÜTTER ist auch PRAUNHEIMS MEMOIRES eine Spurensuche. So trifft er, eine berührende Überraschung, seinen inzwischen 86jährigen Deutschlehrer wieder, der ihn sehr gefördert hat, und die Witwe seines Malerfreundes Marek und seine mütterliche Freundin Nora Gräfin Stollberg, mit der er sein Leben lang verbunden blieb. Der Film macht auf seine Weise klar, wie schwierig es war, in den 50er Jahren als Schwuler in Deutschland zu leben. Kein Wunder, dass Rosa sich in den Sechzigern in der Schwulenbewegung engagierte und mit seinem Film NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS, SONDERN DIE SITUATION, IN DER ER LEBT (1971) auch Fernsehgeschichte geschrieben hat. Natürlich gibt es heute Abend in der Volksbühne nicht nur den Film zu sehen, es wird auch ein Fest gefeiert. Das Film-Team ist anwesend. Und es spielt die Band „Baby of Control“. Mehr zum Film: detailliert&Itemid=68

Schriftfilme

2014.SchriftfilmeDie Schrift ist – wie die Sprache – ein „Urmedium“, also sehr alt. Den Film gibt es bekanntlich erst seit rund 120 Jahren, und in ihm dominieren die Bilder. „Schrift-filme“ sind in der Filmgeschichte ein spezielles Kapitel, in das man sich mit Gewinn vertiefen kann. Vor einem Jahr gab es im ZKM in Karlsruhe eine Ausstellung zu diesem Thema, die inzwischen nach Liverpool gewandert ist und dort noch bis in den Februar hinein besucht werden kann. Die Publikation im Verlag Hatje Cantz war der Katalog zur ZKM-Ausstellung, aber sie ist auch ein Basiswerk zum Schriftfilm. In 21 zumeist kürzeren Texten werden zunächst die Grundlagen zum Thema gelegt. Da geht es u.a. um die Schrift als Bild in Bewegung (Autor: Bernd Scheffer), um das Spiel mit der Lesbarkeit als ästhetische Erfahrung (Marcel Schellong), um „Die Schrift als Atem des Films“ (Mario Grezeli), um die Bildhaftigkeit bewegter Zeichen (Markus Heidingsfelder), um die Intermedialität in Schriftfilmen (Michael Lentz), um die Ästhetik unlesbarer Filmschriften (Stephan Packard), um Schrift und Bild im frühen Film (Ulrich Johannes Blei), um den unkonventionellen Einsatz von Zwischentiteln (Thomas Ballhausen), um „Konkrete Schriftfilme“ (Annette Gilbert), um den Vorspann als Schriftfilm (Julia Dettke), um Kinetografische Titelsequenzen im Film (Michael Schaudig), um die Schrift in Gedichtverfilmungen (Thomas Zandegiacomo Del Bel), um die Verwendung von Schrift und Schriftbild im Poesiefilm (Thomas Wohlfahrt) und um die frühen Arbeiten des Medienkünstlers Peter Weibel (Domenika Szope). Der zweite und besonders beeindruckende Teil des Buches (er umfasst mit fast 300 Seiten rund zwei Drittel der Publikation) ist eine kommentierte Filmografie der Schriftfilme von 1895 bis heute: mehr als eine Fleißarbeit, für die vor allem die Mitherausgeberin Christine Stenzer verantwortlich ist. Fast 1.000 Abbildungen sind unverzichtbarer Bestandteil der Publikation. Coverfoto: TOUCH YELLO. THE VIRTUAL CONCERT (2009). Mehr zum Buch: schriftfilme-5944-0.html

Mein Filmbuch des Jahres

Bild 1Das Jahr 2015 hat gestern begonnen. Zwölf „Filmbücher des Monats“ habe ich 2014 den Freundinnen und Freunden der Filmliteratur empfohlen (www.hhprinzler.de/filmbuecher/ ). Eines davon soll traditionell zum „Filmbuch des Jahres“ erklärt werden. Auch wenn es durchaus mehr als drei Kandidaten gibt, ziehe ich die folgenden Titel in die engere Wahl: die Motivgeschichte „Der Tod im Spielfilm“ von Johannes Wende (Juni; der-tod-im-spielfilm/ ), die große Frauen-und-Film-Untersuchung „Wie haben Sie das gemacht?“ von Claudia Lenssen und Bettina Schoeller (Oktober; frauen-und-filme/ ) und die Biografie „Fritz Lang“ von Norbert Grob (November; fritz-lang-die-biographie/ ). Ich entscheide mich für die Lang-Biografie, weil sie als das lange erwartete Buch über einen der großen deutschen Regisseure für die Filmliteratur in diesem Land von besonderer Bedeutung ist. Natürlich kann ich in meinem Urteil als befangen gelten, weil ich mit dem Autor eng befreundet bin. Aber die Presseresonanz auf das Buch war so ungewöhnlich positiv, dass ich mich in meiner Bewertung dieser Biografie in bester Gesellschaft sehe. Fritz Göttler hat in der Süddeutschen Zeitung fast eine ganze Seite über das Buch geschrieben (und Filmbücher werden dort höchst selten rezensiert), Katja Nicodemus hat in der Zeit, Peter Körte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Hans-Georg Rodek in der Welt Norbert Grobs Buch aufs höchste gelobt, auch die Rezensionen in den deutschen Filmzeitschriften waren sehr positiv. Der Propyläen Verlag muss über diese Resonanz beglückt sein. So freue ich mich über die Urteile der Kollegen und fühle mich in der Einschätzung des Buches bestätigt. „Fritz Lang“ ist mein „Filmbuch des Jahres“.

Anita Berber

2014.Anita BerberSie war Tänzerin und Schauspielerin, sie galt als alkohol- und drogensüchtig, sie wurde nur 29 Jahre alt, aber sie ist bis heute unvergessen. Anita Berber (1899-1928) stammte aus einer Künstlerehe: ihr Vater war ein offenbar begnadeter Geiger, ihre Mutter Chansonsängerin und Diseuse. Die Ehe wurde geschieden, als Anita drei Jahre alt war. Sie wuchs bei der Großmutter in Dresden, später bei der Mutter in Berlin auf, nahm mit 16 Jahren Schauspiel- und Tanzunterricht und war schon vor Kriegsende ein Star auf Berliner Bühnen. Der Kunsthistoriker und Autor Lothar Fischer, der 1984 ein erstes Buch über Anita Berber publiziert hat („Tanz zwischen Rausch und Tod“, Verlag Haude & Spener), hat eine sehr lesenswerte Biografie über die Künstlerin geschrieben, die gerade im Bäßler Verlag erschienen ist. Sie fundiert viele bekannte Ereignisse im Leben von Anita Berber mit Aussagen von Zeitzeugen, Zitaten der Zeit und neuen Daten und Fakten. Beeindruckend ist das Kapitel „Film und Bühne“, in dem die wichtigen Rollen charakterisiert werden, die sie zum Beispiel in den frühen Filmen von Richard Oswald gespielt hat, u.a. in NACHTGESTALTEN (1919/20) mit Conrad Veidt, Reinhold Schünzel und Paul Wegener. Leider ist keine Kopie des Films erhalten. Natürlich schildert der Autor nicht nur den künstlerischen Werdegang von Anita Berber, sondern auch die persönlichen Verbindungen, die frühe Ehe mit dem wohlhabenden Adligen Eberhard von Nauthusius, die nur drei Jahre dauerte, die anschließende Heirat mit dem Tänzer Sebastian Droste, die dritte Ehe mit dem amerikanischen Tänzer Henri Chatin Hoffmann und die zahlreichen Affären mit Männern und Frauen in Berlin, Wien und Budapest. Zu den großen Qualitäten des Buches gehören die vielen Abbildungen, die in hervorragender Qualität reproduziert sind. Mehr zum Buch: ein-getanztes-leben.php – Und mit dieser Empfehlung endet meine Passage durch neue Filmbücher im Jahre 2014. Fortsetzung folgt…

Kracauer. Fotoarchiv

2014.KracauerEr war Soziologe, Filmkritiker, Filmhistoriker, Filmtheoretiker. Siegfried Kracauer (1889-1966) hat die Filmrezeption in Deutschland seit den 1960er Jahren stark beeinflusst. Vor allem die Mitarbeiter der Zeitschrift Filmkritik fühlten sich sehr mit ihm verbunden. Sein Buch „Von Caligari bis Hitler“ habe ich als Rowohlt-Taschenbuch 1958 mit großer Neugier gelesen, seine „Theorie des Fims“ hat mich 1964 intensiv beschäftigt. Mit Interesse habe ich verfolgt, wie Karsten Witte in den 70er Jahren Kracauers Schriften zu edieren begann. Natürlich war Kracauer auch ein beispielhafter Exilant: 1933 nach Paris emigriert, 1939 interniert, 1941 über Lissabon nach New York ausgereist. Dort entstanden seine wichtigsten Publikationen. Ab 1956 war er regelmäßig zu Gast in Europa, auch in Deutschland. Im November 1966 starb er in New York. Ich habe mich eher mit seinen Texten als mit seinem „Leben“ beschäftigt. So hat sich für mich mit dem Buch „Kracauer. Fotoarchiv“, das Maria Zinfert beim Züricher Verlag diaphanes herausgegeben hat, ein neuer Kosmos geöffnet. Sorgfältige Recherchen im Marbacher Kracauer-Archiv haben zu einer Erschließung des Foto-Nachlasses geführt, die uns viel von der Realität in Kracauers Biografie vor Augen führt. Eine Schlüsselrolle hat in diesem Zusammenhang Lili Kracauer, seine Ehefrau und engste Mitarbeiterin seit 1930, von der die meisten Fotos stammen. Es sind vor allem Reisefotos und Porträts aus den 30er Jahren in Paris, aus den 40er und 50er Jahren in den USA, aus den 50er und 60er Jahren in Europa, die in Kontakt- oder Papierabzügen in diesem Buch reproduziert sind. Mitzubedenken ist, dass sich Siegfried und Lili Kracauer über das Fotografieren auch theoretisch viele Gedanken gemacht haben. In ihrem begleitenden Text stellt Maria Zinfert sehr einleuchtende Verbindungen zwischen den fotografischen Motiven, den technischen Gegebenheiten und den gewählten Blickwinkeln her. Besonders interessant finde ich ihre biografische Skizze von Lili Kracauer, die als Exkurs eingefügt ist. Auch die Lebenschroniken von Siegfried und Lili Kracauer im Anhang sind sehr informativ. Zu den außerordentlichen Qualitäten des Buches gehören der reflektierte Umgang mit den Fotos und die Empathie, die mich zunehmend erfasst hat, als ich die Texte gelesen und die Bilder angeschaut habe. Mehr zum Buch: buch/detail/2471

Wörterbuch des Mediengebrauchs

2014.Wörterbuch MediengebrauchIn der schönen Form eines traditionellen Handbuchs (gebunden, 720 Seiten Umfang) werden wir über Geschichte und Gegenwart des Mediengebrauchs informiert. Die 46 Texte, alphabetisch geordnet, handeln u.a. vom Archivieren, Aufzeichnen, Blättern, Bloggen, Digitalisieren, Fernsehen, Filmen, Gamen, Klicken, Kopieren, Lesen, Löschen, Schreiben, Serialisieren, Speichern, Surfen, Textverarbeiten, Twittern, Zappen, Zitieren. Jeder Text hat eine vorgegebene Struktur, er beginnt mit einer Anekdote oder Story, untersucht die Herkunft des Wortes (Etymologie), stellt den jeweiligen Begriff in Kontexte, sucht nach seinen Konjunkturem, konfrontiert ihn mit Gegenbegriffen, spekuliert über mögliche Perspektiven, stellt den Stand der Forschung dar und endet mit Literaturempfehlungen bzw. einer Bibliografie. Die je zehn- bis 20seitigen Texte sind konkret in ihrem Sprachgebrauch, also in der Regel gut lesbar, es wird auch der Autor/die Autorin genannt, allerdings ohne biografischen Hintergrund. Die Herausgeber sind Heiko Christian, Professor für Medienkulturgeschichte an der Universität Potsdam (von ihm stammt auch ein kluger einleitender Essay), Matthias Bickenbach, der zurzeit eine Professur für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Köln vertritt, und Nikolaus Wegman, Professor am German Department der Princeton University. Ihr gedanklicher Ansatz ist mutig und wichtig, nicht nur für die Ausbildung im Medienbereich. Im Übrigen sollte man auch ruhig die Texte zu Begriffen lesen, mit denen man sich gut vertraut fühlt. Man kommt dabei immer wieder zu neuen, überraschenden Erkenntnissen. Mehr zum Buch: 978-3-412-22152-2.html.

Mein Film des Jahres: BOYHOOD

S2014.DVD.Boyhoodeit der Uraufführung des Films auf der Berlinale ist Richard Linklaters BOYHOOD für mich unvergessen, und kein anderer Film in diesem Jahr hat mich annähernd so beeindruckt. Er erzählt die Geschichte eines Jungen aus einer Patchworkfamilie in Texas; am Anfang ist Mason sechs Jahre alt, am Ende 18. Die wunderbare Idee von Linklater: er hat die Darsteller der Familie in jedem Jahr für ein paar Drehtage vor die Kamera geholt und damit, soweit ich weiß, eine erste Langzeitbeobachtung als Spielfilm realisiert. Zwei der Hauptdarsteller sind durchaus bekannt: Patricia Arquette spielt die Mutter, die viel Pech mit ihren Männern erlebt, Ethan Hawke den Vater, der die Familie verlassen hat. Ellar Colltrane als Mason ist ein Glücksfall, weil er mit seiner Rolle wächst und wir dabei zusehen können, wie er einen Platz in seiner Familie, in verschiedenen Orten von Texas sucht und findet. Seine Schwester Samantha wird von Linklaters Tochter Lorelei gespielt. Es ist kaum zu glauben, wie sich alles in diesem Film zusammenfügt, wie er uns bewegt und auch gedanklich beschäftigt. Er dauert 163 Minuten, und das ist keine zuviel. Im Juni ist der Film in unsere Kinos gekommen, jetzt gibt es bereits bei Universum eine DVD. Zwar enthält sie kein Bonusmaterial, aber es lohnt sich, die Originalfassung anzuschauen (je nach Sprachkenntnissen notfalls mit deutschen oder englischen Untertiteln). Mehr zur DVD: AodzmQAqQ

Gus Van Sant

2014.Van SantSein Thema sind die Grenzgänger, die Heimatlosen, die Außenseiter. Dabei ist Gus Van Sant (*1952) selbst ein Grenzgänger und Außenseiter im Hollywood-Kino. Er hat als Regisseur bisher 15 Filme realisiert, zunächst ganz im Independent-Bereich, dann – nach dem internationalen Durchbruch mit GOOD WILL HUNTING (1997) – im Fahrwasser des US-Mainstreams und ist mit seinen letzten Filmen zu seinen Ursprüngen im unabhängigen Kino zurückgekehrt. Die Aufmerksamkeit bei den großen Festivals, zum Beispiel in Cannes, ist ihm sicher. 2003 erhielt er für ELEPHANT die Goldene Palme. Christian Weber hat 2012 an der Universität Mainz mit der Dissertation „Looking for a Place Like Home – Identitätssuche und queere Sehnsucht im Kino von Gus Van Sant“ promoviert; das jetzt bei Bertz + Fischer publizierte Buch ist eine überarbeitete und aktualisierte Fassung der Dissertation. Im Mittelpunkt stehen gut lesbare und höchst lesenswerte Analysen der 15 Filme. Es ist erstaunlich, wie der Autor diese Filme, ihre thematische Komplexität, die filmhistorischen Vorbilder und die ästhetischen Entscheidungen des Regisseurs darstellt und entschlüsselt. Er verirrt sich dabei nie in einem theoretischen Überbau, bleibt nah an den Filmen selbst, stellt Verbindungen zu verschiedenen Genres her, verliert nicht den teils offenen, teils latenten Anspruch der „queer Authorship“ aus den Augen und wird so dem inzwischen 30 Schaffensjahre umfassenden Werk Gus Van Sants gerecht. Auch die Rezeptionsgeschichte ist klug eingearbeitet. Ein weiterer Glücksfall für diese Publikation ist die sorgfältige Bebilderung mit Screenshots, filmhistorischen Verweisfotos und einem 32-seitigen Farbteil. Mit 450 Seiten Umfang hat man ein gewichtiges Buch in der Hand, das auch für ein Wiedersehen mit den Filmen von hohem Nutzen ist. Cover: Fotos aus MY OWN PRIVATE IDAHO (oben) und GERRY (unten). Mehr zum Buch: 36&products_id=435

METROPOLIS – zwei Bücher

2014.MetropolisMETROPOLIS – das ist ein Meisterwerk der 1920er Jahre von Fritz Lang. Grundlage für den Film, das wird gern vergessen, war ein Roman der Autorin Thea von Harbou (1888-1954), der damaligen Ehefrau von Fritz Lang, die auch als Drehbuchautorin des Films ihren Credit hat. Der Roman erschien erstmals 1926, also vor fast 90 Jahren, bei August Scherl und ist jetzt im Wiener Milena Verlag neu publiziert worden. Es ist interessant, den Roman heute zu lesen, wenn man die Bilder des Films im Kopf hat. Sein Beginn ist prototypisch für die Harbou-Sprache jener Zeit: „Jetzt schwoll das Brausen der großen Orgel zu einem Dröhnen an, das sich wie ein aufstehender Riese gegen die Wölbung des hohen Raumes stemmte, um sie zu zersprengen. Freder beugte den Kopf zurück; seine weit offenen, verbrennenden Augen starrten blicklos nach oben. Seine Hände formten Musik aus dem Chaos der Töne, mit den Erschütterungen des Klanges ringend und bis ins Innerste von ihm durchwühlt. Er war den Tränen so nahe, wie nie in seinem Leben, und in einer seligen Hilflosigkeit unterwarf er sich dem glühend Feuchten, das ihn blendete.“ Freder, der jugendliche Held, sitzt in einer Kirche an der Orgel und denkt an seine Mutter, die bei seiner Geburt gestorben ist. Der Roman endet mit einer Begegnung von Freders Vater, Joh Fredersen, der inzwischen ergraut ist, mit seiner uralten, gelähmten Mutter, die ihm einen Brief der Lichtgestalt „Hel“ übergibt, der mit dem Satz endet „Siehe, ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende!“ Meilenweit von aller Neuen Sachlichkeit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entfernt, findet man in der Religiosität, im Pathos und in der fast romantischen Zukunftsbeschreibung der Autorin interessante Ergänzungen und Bezüge zum Lang-Film. Mit einem Nachwort von Franz Rottensteiner. Mehr zum Roman: author=147 Gut gefallen hat mir eine Rezension von Barbara Mader im Wiener Standard: Die-Wahrheit-ist-hier-drinnen?_slide=5

2014.Franzobel„Metropolis“ – das ist auch ein neuer Dialog-Text des österreichischen Autors Franzobel (*1967), der den Plot des Romans von Thea von Harbou und des Films von Fritz Lang zum Ausgangspunkt eines sprachlich modernen, gelegentlich ins Östereichische wechselnden Liebes- und Kapitalistendramas macht, das von der Erzählerin Hel kommentiert wird und von den bekannten Protagonisten (Freder, sein Vater Joh Fredersen, der erste Sekretär Josephat, der Aufpasser „der Schmale“, Werkmeister Grot, der Erfinder Rotwang, der Arbeiter Györgi – Maria und Maschinenmaria) vorgeführt wird. Wir lesen eine Art Theatertext mit Aktionsbeschreibungen. Am Ende darf Maria verkünden: „Das Teuerste, was der Mensch besitzt, ist sein Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, daher muss jeder von euch seine Zeit nützen, vergeudet sie nicht mit sinnloser Arbeit, um euch sinnlose Ablenkung leisten zu können. Sucht keinen Zeitvertreib, sucht euch selbst. Nichts ist so wunderbar und so groß wie die Seele eines Menschen. Darum sage ich euch, rennt keinem Führer hinterher, sondern hört auf euren Bauch, pflegt eure Seele, nützt die Zeit – vertraut auf euer Herz.“ Von Thea von Harbous Sprache unterscheidet sich Franzobels Version fundamental. Sie hat satirische Momente und mahnt zur Vernunft. Fünf Fotos des Autors zeigen Rolltreppen. Vom Verlag wird Franzobel als „freischaffender Fahrradfahrer in Wien“ vorgestellt, der sich gelegentlich auch als Autor betätigt. Also doch: Satire. Mehr zum Buch: 9783709201282&L=0