Angewandte Ethik und Film

Der Film ist auch Gegenstand der Ethik, thematisiert Moral und Unmoral der Gesellschaft. In elf beispielhaften Filmana-lysen geht es in diesem Buch aus christlicher Sicht um Bioethik (GATTACA von Andrew Niccoll, analysiert von Thomas Lau-bach), Organtransplantation (MY SISTER’S KEEPER von Nick Cassavetes, analysiert von Dagmar Fenner), Sterbehilfe (MAR ADENTRO von Alejandro Amenábar, analysiert von Jochen Sautermeister), Wirt-schafts- und Unternehmensethik (MARGIN CALL von Jeffrey C. Chandor, analysiert von Michael Schramm), Menschrechte (UNTHINKABLE von Gregor Jordan, analysiert von Matthias Reichelt), Medienehtik (WAG THE DOG von Barry Levinson, analysiert von Alexander Filipovic), Technikethik (EX MACHINA von Alex Garland, analysiert von Jessica Heesen und Marc Sehr), Sportethik (GOAL! THE DREAM BEGINS von Danny Cannon, analysiert von Christoph Hübenthal), Familien- und Geschlechterethik (TURIST von Ruben Östlund, analysiert von Werner Veith), Umweltethik (PROMISED LAND von Gus Van Sant, analysiert von Sebastian Kistler), Tierethik (PLANET OF THE APES: PREVOLUTION von Rupert Wyatt, analysiert von Thomas Bohrmann). Die einzelnen Filme sind sehr sachkundig dargestellt. Es gibt Hinweise auf weitere Filme und jeweils eine Literaturliste. Eingeleitet wird das Buch mit Hinführungen zum Themenfeld der Angewandten Ethik. Mehr zum Buch: 3658203900

Akira Kurosawa

Beim Mannheimer Symposium 2017 ging es um den japani-schen Regisseur Akira Kuro-sawa (1910-1998). 16 Beiträge sind im Buch dokumentiert. Gerhard Schneider leitet ein und gibt einen Überblick. Marcus Stiglegger verfolgt Kurosawas Resonanz im Weltkino. Jörg von Brincken beschäftigt sich mit Kurosawas Ästhetik der Gewalt. Bei den dann folgenden Texten geht es um einzelne Filme: Sabine Wollnik äußert sich zu ENGEL DER VERLORENEN, Ralf Zwiebel zu RASHOMON, Sascha Schmidt zu DIE SIEBEN SAMURAI, Isolde Böhme zu DAS SCHLOSS IM SPINNWEBWALD, Peter Bär zu YOJIMBO, Dirk Blothner zu ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE, Karsten Visarius zu ROTBART, Andreas Hamburger zu DODESKADEN, Eva Berberich zu KAGEMUSHA, Kai Naumann zu RAN, Dietrich Stern speziell zur Musik in diesem Film, Christoph E. Walker zu AKIRA KUROSAWAS TRÄUME und Dorothee Höfert reflektiert am Ende aus kunst-historischer Perspektive über Verbindungen zwischen Kurosawa und Vincent van Gogh („Wie kommt der Betrachter ins Bild?“). „Die Konfrontation des Eigenen mit dem Fremden“ ist der Untertitel der Publikation. Filmhistoriker und Psychoanalytiker wechseln in der Sichtweise auf die Filme. Die Texte haben wieder eine hohe Qualität. Die Abbildungen sind akzeptabel. Band 14 der Reihe „Im Dialog“, veröffentlicht im Psychosozial-Verlag. Coverfoto: Kurosawa beim Dreh von KAGEMUSHA (1980). Mehr zum Buch:_id/2715

Abschied von Helmut Merker

Mehr als dreißig Jahre war er Filmredakteur beim WDR in Köln und hat dort als bekennen-der Cineast zusammen mit Georg Alexander, Werner Dütsch, Wilfried Reichart und Roland Johannes Aufbauarbeit für den Umgang mit künstlerischem Film im Fernsehen geleistet. Die von ihm seit Januar 1978 be-treuten „Filmtips“ sind legendär, sie waren für ihn „eine Autoren-sendung, in der ein Kritiker im Sinne Bazins dem Zuschauer ‚den Schock des Kunstwerks’ vermittelt“. Sein Interesse galt auch entfernten Regionen, zum Beispiel Asien, und er war kampflustig bei der Debatte über die Qualität von Kinofilmen. 2007 ging er in den Ruhestand, zog nach Berlin in die Pariser Straße, schrieb Texte für die taz und den Tagesspiegel (vor ein paar Wochen noch ein schönes Porträt von John Cassavetes). Er war Stammgast in Pressevorführungen und liebte das Kino bis zuletzt. Seine zweite Leidenschaft galt dem Fußball. Die Erfolge und Misserfolge seiner Arminia Bielefeld hat er in Zeitungsartikeln archiviert, seit dem 19. August 1956, also seit seinem 14. Lebensjahr. Er war ein obsessiver Leser, seine Bibliothek umfasste drei- bis viertausend Bände. Und er konnte sehr gut Skat spielen – zu einer festen Runde mit ihm ist es leider nicht gekommen. Am Wochenende ist Helmut Merker im Alter von 76 Jahren gestorben. Wir werden ihn nicht vergessen.

Helmuts Thesen zur Filmkritik im Fernsehen kann man hier nachlesen: verstehen-als-sinnliches-vergnugen/

ZUGVERKEHR UNREGELMÄSSIG (1951)

Ein DEFA-Film, den ich bisher nicht kannte. Er wurde 1951 gedreht und spielt im geteilten Berlin. Erzählt wird die Geschichte des Aufsichts-beamten Jochen (Claus Holm), der bei der S-Bahn arbeitet und sich von der West-Agentin Ellen (Inge Keller) anwerben lässt. Er beteiligt sich an Sabotageakten, wird dafür gut bezahlt, macht sich damit aber bei seiner neuen Freundin Inge (Brigitte Krause) und seinem langjährigen Freund Erich (Peter Lehmbrock) verdächtig. Die beiden vereiteln einen geplanten Anschlag, Jochen kommt dabei ums Leben. Interessante Schauplätze, gute Schauspiele-rinnen und Schauspieler, bemerkenswerte Kameraführung (Willi Kuhle). Der Regisseur Erich Freund war 1933 ins Exil geflohen, hatte in London die NS-Zeit überlebt und kehrte 1946 nach Ostberlin zurück. Zusammen mit Wolfgang Schleif inszenierte er 1947/48 das historische Drama GRUBE MORGENROT, ebenfalls mit Claus Holm in der Haupt-rolle. ZUGVERKEHR UNREGELMÄSSIG war sein zweiter, aber auch letzter Film. Freund starb 1958 in Schöneiche bei Berlin. Eine DVD des Films ist jetzt bei Icestorm erschienen. Mehr zur DVD: zugverkehr-unregelmaessig.html

Ornamentale Oberflächen

Eine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Evelyn Echle hat sich darin auf eine „Spurensuche zu einem ästhetischen Phänomen des Stummfilms“ begeben: Orna-mentale Oberflächen. Es handelt sich dabei um Vorhänge, Teppiche, Tapeten, Möbel, Lampen, aber auch um Kostüme der Hauptfiguren. Sie haben Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung von Fläche und Raum, stellen Spannungen her, korrespondieren mit der Inszenierung. Die Autorin strukturiert ihren Text in vier Kapitel. Sie verortet das Ornament zunächst zwischen Kunst- und Filmtheorie, bringt Heinrich Wölfflin, Alois Riegl, Adolf Loos, Wilhelm Worringer, Rudolf Arnheim und Siegfried Kracauer ins Spiel. Dann stellt sie filmische Ordnungen des Ornamentalen im Kino der 1910er Jahre her. Ihre wichtigsten Filmbeispiele sind: DON JUAN HEIRATET von Heinrich Bolten-Baeckers, SUMERKI SCHENSKOI DUSCHI und POSLE SMERTI von Jevgeni Bauer und MODE DE PARIS. Anschließend erfolgt der „Avantgardistische Transit“ in die 20er Jahre. Besonders lesenswert sind die Passagen über SUMURUN von Ernst Lubitsch, AZ ARANYEMBER von Sándor Korda, DER MÜDE TOD von Fritz Lang und L’INHUMAINE von Marcel L’Herbier. Das letzte Kapitel ist dem Verhältnis von Fotografie und Film gewidmet, der Werkbund-ausstellung 1929, dem Film MANHATTA von Charles Sheeler und Paul Strand, den IMPRESSIONEN VOM ALTEN MARSEILLER HAFEN von Lászlo Moholy-Nagy, dem Werk von Werner Graeff und schließlich dem Film BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT von Walter Ruttmann. Ein beeindruckendes Buch mit Abbildungen in hoher Qualität. Band 41 der „Zürcher Filmstudien“. Mehr zum Buch: ornamentale-oberflaechen.html

Sichtbar machen

16 Texte, in denen auf hohem theoretischem Niveau über Politiken des Dokumentarfilms reflektiert wird. Die meisten sind Resultate von Workshops, die an der Universität Wien stattgefunden haben, initiiert von Elisabeth Büttner, die im Februar 2016 verstorben ist. Ihr ist der Band gewidmet. Ich nenne neun Beiträge, die mir besonders gut gefallen haben. Lena Stölzl richtet ihren Blick auf Leere (Filmbeispiel: CALI-FORNIA COMPANY TOWN), Grund (LE CERCLE DES NOVÈS) und Feld (REVISION) als dokumentarische Bildstrategien. Bei Anke Zechner geht es um geliehene Stimmen in dokumentarischen Filmen. Ihre beeindruckend beschriebenen Beispiele: TUE RECHT UND SCHEUE NIEMAND von Jutta Brückner, SCHILDKRÖTENWUT von Pary El-QalQili und MEIN LEBEN 2 von Angelika Levi. Ute Holl untersucht die Kontingenz-produktion als Strategie des Dokumentarischen und konkretisiert dies an Filmen von Abbas Kiarostami. Zwei Texte beschäftigen sich mit der Arbeit von Alexander Kluge: Karin Harrasser reflektiert über Film und die Darstellung der deutschen Geschichte im Futur II mit verschiedenen Beispielen, Valentin Mertes beschreibt Kluges antirealistischen Realismus am Beispiel von IN GEFAHR UND GRÖSSTER NOT BRINGT DER MITTELWEG DEN TOD. Britta Hartmann befasst sich mit Imagination und Subjektkonstruktion in suggerierten Autobiographien, ihr Beispiel ist der Schweizer Film DAY IS DONE von Thomas Imbach. Bei Nana Heidenreich geht es um das Recht auf Opazität, Illegalisierung und andere Sichtbarkeiten in Europa. Guido Kirsten erinnert an die Darstellung von proletarischer und subproletarischer Lebensrealität im Kino der Weimarer Republik, speziell bei Dudow, Hochbaum und in MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK von Phil Jutzi. Eva Hohenberger äußert sich zum Verhältnis von Dokumentarfilm und Recht. In manchen Texten nervt der hohe theoretische Anspruch, aber es gibt immer wieder beeindruckende Passagen mit neuen Gedanken. Die Abbildungen sind in der Qualität unterschiedlich. Mehr zum Buch: 238&am=8

Sommerfrauen Winterfrauen

September/Oktober 1996. Der Berliner Filmstudent Jonas Rosen wird von seinem Profes-sor Lila von Dornbusch nach New York geschickt, um eine größere Ausbildungsproduktion organisatorisch vorzubereiten. Im Flieger lernt er den sympa-thischen Fotografen Robert Polanski kennen, den er „Red-ford“ nennt. In New York findet er bei dem sehr chaotischen Filmprofessor Jeremiah Fulton eine Unterkunft. Seine Freundin Mah Kim Namgung ist in Berlin geblieben. Nele Zapp, Prakti-kantin des New Yorker Goethe-Instituts, erweist sich als attraktive „Sommerfrau“. Und Jonas entschei-det sich für das Ohr als zentrales Thema seines New York-Films. Der Autor und Filmemacher Chris Kraus hat in seinem neuen Roman eigene Erfahrungen fiktionalisiert und verbindet sie mit Aspekten der Familienvergangenheit; eine Schlüsselrolle spielt da die Malerin Paula Herzlieb (*1921). Ein spannender Roman mit vielen interessanten Figuren und einem authentischen New York-Bild jener Zeit. Neben der Hardcover-Fassung (416 Seiten, Diogenes Verlag) gibt es auch ein Hörbuch. Hier wird der Roman von Lars Eidinger und Paula Beer gelesen. Man muss sich dafür nur 8 ½ Stunden Zeit nehmen. Mehr zum Buch: 9783257070408.html

 

75. Filmfestival Venedig

Heute Abend wird mit dem Film FIRST MAN von Damien Chazelle das 75. Festival in Venedig eröffnet. Ryan Gosling ist der Hauptdarsteller des Films. Im Wettbewerb konkurrieren 21 Filme, darunter DOUBLES VIES von Olivier Assayas, THE SISTERS BROTHERS von Jacques Audiard, THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS von den Coen Brothers, 22 JULY von Paul Greengrass, der deutsche Beitrag WERK OHNE AUTOR von Florian Henckel von Donnersmarck, THE NIGHTINGALE von Jennifer Kent (als einziger Film einer Frau), PETERLOO von Mike Leigh, CAPRI-REVOLUTION von Mario Martone, NAPSZÁLTA von László Nemes und AT ETERNITY’S GATE von Julian Schnabel. Jurypräsident ist in diesem Jahr der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro, zu seiner Jury gehören u.a. Christoph Waltz und Naomi Watts. Zwei Ehren-Leoparden werden vergeben: an den kanadischen Regisseur David Cronenberg und die britische Schauspielerin Vanessa Redgrave. Das Festival dauert bis 8. September. Mehr zum Programm: /cinema/2018

Angeschlossen und gleichgeschaltet

In diesem Buch geht es um die österreichische Kinogeschichte. Klaus Christian Vögl, seit vielen Jahrzehnten in der Wirtschafts-kammer Wien tätig, hat intensiv die Struktur und Organisation der österreichischen Film- und Kinowirtschaft während der Zeit der deutschen Okkupation er-forscht. Als Geschäftsführer der Fachgruppe der Lichtspiel-theater und Audiovisionsveran-stalter in der Parte Tourismus und Freiwirtschaft hatte er 1981 Kino-Akten aus der Zeit der Reichsfilmkammer in Österreich gefunden, die in einem Stahlschrank gesichert waren und inzwischen an das Stadt- und Landesarchiv übergeben wurden. Sie sind die wichtigste Basis für die nun vorliegende Untersuchung, ergänzt durch Interviews, die der Autor mit Zeitzeugen geführt hat. In 24 Kapiteln werden wir sehr sachkundig über die Kinowirtschaft in Österreich bis 1938, über die Verflechtungen zwischen Österreich und Deutschland, über Staat, Verwaltung und Recht im „Dritten Reich“, über die „Kulturpolitik“ des nationalsozialistischen Staates, dessen Verhältnis zu Film und Kino, die Instrumentalisierung der NS-Film- und Kinopolitik, Partei und Propaganda im Kino, das NS-Wirtschafts-system und seine Auswirkungen auf Kino und Film, die Einführung der Reichskulturkammergesetzgebung in Österreich und ihre unmittelbaren Konsequenzen, über die Rahmenbedingungen der Kino- und Filmwirtschaft in technisch-gesellschaftlicher Hinsicht, die NS-Rassengesetzgebung und „Arisierung“ informiert. Das umfangreichste Kapitel ist der Kinobetriebsführung gewidmet, u.a. mit Hinweisen auf die bauliche Gegebenheiten, Ausstattung, das Personal, den Ablauf der Vorstellungen, die Wochenschau, Zensur und Prädikatisierung, Kinokarten und Eintrittspreise, Werbung. Auch die Zeit nach 1945 wird am Ende des Bandes thematisiert. Ein Anhang vermittelt in einer Chronik die wichtigsten Ereignisse in Stichworten. 866 Quellenverweise zeugen von der Sorgfalt der Recherche. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 978-3-205-20297-4.html

DIE GEZEICHNETEN (1922)

Sein bekanntester Film ist wohl LA PASSION DE JEANNE D’ARC (1928). Anfang der 1920er Jahre hat der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer (1889-1968) zwei Filme in Deutschland realisiert: DIE GEZEICHNETEN und MI-CHAEL. Sie haben beide große Qualitäten, denn Dreyer ist thematisch und stilistisch immer eigene Wege gegangen. DIE GEZEICHNETEN erzählt die Geschichte des jüdischen Mädchens Hanna in einer russischen Kleinstadt am Dnepr zu Beginn des zwanzigsten Jahrhun-derts. Sie flieht aus dem Ort, als sie dort wegen einer angeblichen Affäre mit dem Studenten Sascha angefeindet wird, und findet eine Bleibe bei ihrem Bruder in St. Petersburg. Dort trifft sie auch Sascha wieder, der inzwischen in oppositionellen Studentenkreisen verkehrt. Eines Tages wird Sascha verhaftet und Hanna in ihre Heimatstadt zurückverwiesen. Dort spitzt sich die Progromstimmung gegen die jüdische Bevölkerung zu. – Es sind vor allem russische Schauspielerinnen und Schauspieler, die Dreyers Film prägen. Er ist bei uns verhältnismäßig unbekannt, weil die deutsche Fassung als verloren gilt und die russische Fassung stark gekürzt war. Erst eine Fassung aus dem Archiv der Cinémathèque de Toulouse hat das Dänische Filmarchiv in den Stand gesetzt, eine Rekonstruierung und Restaurierung zu bewerkstelligen. Sie liegt jetzt auch als DVD vor, erschienen bei Absolut Medien. Die Musik stammt von Bernd Thewes und hat große Qualitäten. Mehr zur DVD: 281922%29