Amateurfilm in der DDR

„Greif zur Kamera, gib der Frei-zeit einen Sinn“ ist das wohl definitive Buch zum Amateur-film in der DDR. Der Autor Ralf Forster ist Filmtechnikhisto-riker, arbeitet in verantwort-licher Stelle am Filmmuseum Potsdam und legt mit dieser Publikation seine Habilitations-schrift vor, die an der Philipps-Universität Marburg entstanden ist. Mehr als 10.00 Amateur-filme sind in der DDR entstan-den, sie spiegeln auf eigene Weise den Zustand und die Veränderungen der Gesellschaft, weil sie nicht in die staatliche Filmgesellschaft DEFA eingebunden waren, sondern eigene Weg gehen konnten. Sie zeigten Sehnsüchte und Hoffnungen, aber auch die Anpassungen an die Realität der DDR. Der Autor beschreibt die Strukturen des Amateurfilms im politischen Gefüge der DDR, die Produktions- und Freizeitpraxis des DDR-Amateurfilms, die internationalen Verbindungen und eine große Zahl ausgewählter Filme in den Genres Dokumentarfilm, Spielfilm, Film-Satire und Belehrungsfilm. Eine beigefügte DVD präsentiert 16 Filmbeispiele, die im Buch genauer analysiert werden. Mit Abbildungen in guter Qualität. Band 3 der Reihe „Film-Erbe“. Mehr zum Buch: .XDcSR-kqtW8 

Familienbilder

Der Band dokumentiert die Bei-träge zu einer Tagung, die im Mai 2016 in der Katholischen Akademie Schwerte stattgefun-den hat. Vier Texte richten ihren Blick auf einzelne Filme. Ulrike Volkmer untersucht den Film ELTERN (2013) von Robert Thalheim („Wie die Liebe zu Kindern Gestalt wird“), Peter Hasenberg befasst sich mit Struktur und Themen in Philip Grönings DIE FRAU DES POLIZISTEN (2013; „Die Familie als Liebesraum und Gewaltherd“), Reinhold Zwick reflektiert über Ruben Östlunds HÖHERE GEWALT (2014; „Schnee-balleffekt im Familienkosmos“), Markus Leniger äußert sich zu dem Film SCHWESTERN von Anne Wild (2014; „Eine Sommerkomödie über Familie, Berufung und Sehnsuchtsorte“). Von Franz Günther Weyrich stammt ein Beitrag über Familien im Kurz(spiel)film („Family Shots“). In zwei Texten geht es um Familienbilder in TV-Serien: Peter Hasen-berg untersucht die britische Serie DOWNTON ABBEY („Eine ein-fachere Welt?“), Stefan Leisten die Daily Soap GUTE ZEITEN, SCHLECHTE ZEITEN („Es bleibt doch alles in der Familie“). Stefan Ort resümiert, was Kirche und Pastoral(theologie) mit Blick auf die Familie vom Film lernen können („Überall Enge?“). Die Texte haben ein hohes Niveau. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: familienbilder.html

Aufruf zur Solidarität

Der Sänger und Schauspieler Ernst Busch (1900-1980) hatte in den letzten Jahren der Wei-marer Republik eine große Prä-senz und engagierte sich für das proletarische Kino. Anna Weber untersucht in ihrer Master-arbeit, die an der Universität Zürich entstanden ist, in zwei Fallstudien die Filme NIE-MANDSLAND von Victor Trivas und KUHLE WAMPE ODER WEM GEHÖRT DIE WELT? von Slatan Dudow. Es geht dabei um die Filmmusik von Hanns Eisler und um Ernst Busch als Sänger und Schauspieler. In einem abschließenden Kapitel konfrontiert die Autorin die ästhetischen Ideen von Georg Lukács („NIEMANDSLAND und das mitfühlende Publikum“) mit dem filmästhetischen Konzept von Bertolt Brecht („KUHLE WAMPE und das distanzierte Publikum“). Ihr Text ist erkenntnisreich und führt zu einem sehr differenzierten Bild der Persönlichkeit von Ernst Busch. Mit kleinen Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: weimarer-republik.html

Trans*Gender im Film

Eine Dissertation, die an der Ruhr-Universität Bochum ent-standen ist. Annette Raczuhn äußert sich darin „Zur Entste-hung von Alltagswissen über Transsex* in der filmisch-nar-rativen Inszenierung“. Drei Kapitel sind den theoretischen Zugängen zu ihrem Thema ge-widmet und der Methode ihrer Untersuchung. Im Zentrum – 180 Seiten – steht der Transsex* in der filmisch-narrativen In-szenierung. 15 Filme werden relativ kurz besprochen: GLEN OR GLENDA (1953) von Ed Wood, SOME LIKE IT HOT (1959) von Billy Wilder, ROCKY HORROR PICTURE SHOW (1975) von Jim Sherman, LA CAGE AUX FOILES (1978) von Éduard Molinaro, VICTOR/VICTORIA (1982) von Blake Edwards. TOOTSIE (1982) von Sydney Pollack, YENTL (1982) von Barbra Streisand, MRS. DOUBT-FIRE (1993) von Chris Columbus, THE ADVENTURES OF PRISCILLA, QUEEN OF THE DESERT (1994) von Stephan Elliott, CONNIE AND CARLA (2004) von Michael Lembeck, BREAKFEAST ON PLUTO (2005) von Neil Jordan, DIE PÄPSTIN (2009) von Sönke Wortmann, PEACOCK (2010) von Michael Lander, GIGOLA (2011) von Laure Charpentier, ALBERT NOBBS (2011) von Rodrigo Garcia. Sehr präzise und konkret sind die Analysen der Filme BOYS DON’T CRY (1999) von Kimberly Peirce, TRANSAMERICA (2005) von Duncan Tucker, ROMEOS (2011) von Sabine Bernardi, LAURENCE ANYEAYS (2012) von Xavier Dolan, THE DANISH GIRL (2015) von Tom Hooper und MEIN SOHN HELEN (2015) von Gregor Schnitzler. Eine Konklusion „Der Gender-Film als Filmgenre“ fasst die Ergebnisse zusammen. Im abschließenden Kapitel geht es u.a. um die Dramaturgie der Vielfalt, um Trans*Personen im Spannungsfeld von Lüge und Beichte, um die Ritualisierung der geschlechtsangleichenden Operation. Eine beeindruckende Dissertation. Ohne Abbildungen. Mehr zum Buch: trans-gender-im-film/

 

Drei Filme von Helmut Herbst

Man kann diese drei Filme durchaus als Trilogie sehen, in der aus kunsthistorischer Per-spektive der Zusammenprall von Politik und Ästhetik dargestellt wird. Helmut Herbst hat diese Verbindungen selbstverständ-lich erkannt und als Basis für die Konzeption der drei Filme genutzt. DEUTSCHLAND DADA (1969) ist ein einstündiger Essay, der in sehr spielerischer Form die Entstehung und Entwicklung des Dadaismus ab 1916 vor Augen führt. Vor allem der Beginn ist in der Montage eine Attacke auf unser Wahrnehmungsvermögen. In der Struktur wird ein lexikalisches Dada-Alphabet aufgeschlagen, beginnend mit dem Buchstaben Z: Zürich, Ort der Dada-Erfindung, gefolgt von W (für Wilhelminische Ära und Weltkrieg) und V (Cabaret Voltaire). Am Ende des Films sind wir beim Buchstaben A angekommen (Auktion dadaistischer Kunstwerke). Zu sehen sind historische Filmaufnahmen, dokumentierte Werke des Dadaismus und Interviews mit Zeitzeugen, die 1968 noch gelebt haben: beeindruckend Richard Huelsenbeck, der auf einer Wiese interviewt wurde, aber auch Raoul Hausmann und Hanna Höch. Das Bonusmaterial enthält die Gespräche mit Hausmann (111 min.) und Huelsenbeck (37 min.) als Audiodokument. JOHN HEARTFIELD, FOTOMONTEUR (1976) dokumentiert die künstlerische Arbeit des Malers und Grafikers und war damals Teil einer Würdigung, die durch eine Wanderausstellung und ein Buch ergänzt wurde. Helmut Herbst hat die Heartfield-Materialien durch spezielle Effekte „beweglich“ gemacht, vor allem die Beiträge für die legendäre Arbeiter Illustrierte Zeitung bekommen dadurch eine starke Wirkung. HAPPENING, KUNST, PROTEST 1968 (1981) wurde von Helmut Herbst für die Kölner Ausstellung „Westkunst“ realisiert und in gekürzter Form im WDR-Fernsehen gezeigt. Auch hier hat die Montage des Bildmaterials und der Interviews zu einer eigenen Form geführt, die über das Dokumentarische weit hinausgeht. Zum Bonus-Material gehören Gespräche mit Joseph Beuys, Bazon Brock, Allan Kaprow, Wolf Vostell und Al Hansen (audio). Das informative Booklet enthält den sehr lesenswerten Essay von Daniel Kothenschulte „Bewahren und Dekonstruieren“. Mehr zur DVD: Kunst–Protest-1968.html

Strawalde – Jürgen Böttcher

Dem Zeichner, Maler und Filmemacher Jürgen Bött-cher/Strawalde ist zurzeit eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Dresden gewidmet. Der Katalog, herausgegeben im Sandstein Verlag von Gisbert Porst-mann und Carolin Quer-mann, erschließt die Vielfalt eines künstlerischen Werkes, das eine intensive Verbin-dung zwischen Film und Bildender Kunst speziell in der DDR-Zeit hergestellt hat. Texte von Matthias Flügge („Essenzen von tausend Dingen“), Carolin Quermann („Bis an die Wurzeln zurück“) und Marc Bauder („Im Moment des Augenblicks“) würdigen Böttchers/Strawaldes Arbeit. Abbildungen in sehr guter Qualität dokumentieren auf 110 Seiten die Bereiche Zeichnung, Malerei, Übermalung und Film. Grußworte von Lothar Böhme, Achim Freyer, Hubertus Giebe, Peter Graf, Peter Herrmann Ricarda Horn, Mark Lammert, Helge Leiberg, Peter Makulies, Oskar Manigk, Harald Metzkes, Michael Morgner, Marion Rasche, Christine Schlegel, Cornelia Schleime, Günter „Baby“ Sommer, Fritz Straubinger und Manfred Zoller erinnern an persönliche Begegnungen. Eine Biografie datiert die wichtigsten Lebensstationen. Der Anhang enthält eine Auflistung der Einzelausstellungen, eine Auswahl-Bibliografie und eine Titelliste der Filme. Ich schätze das Werk von Jürgen Böttcher sehr und bin von dem Katalog beeindruckt. Mehr zum Buch: Strawalde

Hitchcock’s Blondes

Sie hatten meist blon-des Haar, waren ziem-lich emanzipiert und mussten sich in der Suspense-Welt von Alfred Hitchcock be-haupten. Zwölf Schau-spielerinnen porträtiert Thilo Wydra in diesem wunderbaren Bilder-buch, das kürzlich bei Schirmer/Mosel er-schienen ist. Es sind, chronologisch nach ihren Film geordnet: Joan Fontaine (REBEC-CA, SUSPICION), Ingrid Bergman (SPELLBOUND, NOTORIOUS, UNDER CAPRICORN), Grace Kelly (DIAL M FOR MURDER, REAR WINDOW, TO CATCH A THIEF), Shirley MacLaine (THE TROUBLE WITH HARRY), Doris Day (THE MAN WHO KNEW TO MUCH), Vera Miles (THE WRONG MAN, PSYCHO), Kim Novak (VERTIGO), Eva Marie Saint (NORTH BY NORTHWEST), Janet Leigh (PSYCHO), Tippi Hedren (THE BIRDS, MARNIE), Julie Andrews (TURN CURTAIN) und Karin Dor (TOPAS). Sieben von ihnen sind noch am Leben: Shirley MacLaine (inzwischen 84 Jahre alt), Doris Day (96), Vera Miles (89), Kim Novak (85), Eva Marie Saint (94), Tippi Hedren (88), Julie Andrews (83). „Hitchcock-Blondinen haben stets etwas Überirdisches. Der Regisseur überhöht sie, stilisiert sie, formt sie. Hitchcock-Blondinen sind bigger than life. Seine Filme – die der französische Philosoph Gilles Deleuze einmal wunderbar treffend ‚mentale Bilder’ nennt – sind Träume. Tag-Träume, Alb-Träume. In diesen Träumen lässt Hitchcock die Frauen auftreten und lässt sie durch die Photographie seiner Kameramänner ikonisch wirken. Hitchcock-Blondinen sind Frauen zum Anbeten, starke Frauen, oftmals von großen Emotionen geleitet und immer auch mal am schwindel-erregenden Abgrund des Lebens stehend.“ (Wydra in seinem „Vorspann“). Jeder Frau ist zunächst eine Fotostrecke gewidmet und dann ein individueller, pointierter Text. Im „Abspann“ erinnert Wydra in die Verleihung des Ehren-Oscars an Hitchcock am 7. März 1979. Es versteht sich von selbst, dass die Qualität der Abbildungen herausragend ist. Coverfoto: Publicity-Porträt von Cary Grant und Grace Kelly für TO CATCH A THIEF (1955). Mehr zum Buch: 39&products_id=892

Front – Stadt – Institut

Von 1960 bis 1968 habe ich im Nebenfach Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin studiert. Das von Peter Jammer-thal und Jan Lazardzig heraus-gegebene Buch über die Theater-wissenschaft an der FU von 1948 bis 1968 habe ich natürlich mit großem Interesse gelesen. Zwei Essays fand ich besonders interessant: die Aufarbeitung der zwiespältigen Rolle des durch seine NS-Vergangenheit belaste-ten Professors Hans Knudsen, der eine Schlüsselfigur des Instituts auch in der Nachkriegs-zeit war, durch den heutigen Institutsdirektor Jan Lazardzig und das Porträt des „unsichtbaren Ordinarius“ Wolfgang Baumgart von Mechthild Kirsch. Ich habe damals Vorlesungen von Knudsen und Baumgart besucht, hatte zu beiden ein eher distanziertes Verhältnis, fühlte mich aber eher Baumgart als Knudsen verbunden. Mein Haupt-fach war die Publizistik, ich wollte bei Professor Fritz Eberhard promovieren, dessen Nachfolger 1967 Harry Pross wurde. Aber im April 1969 habe ich mich von der FU verabschiedet und wurde Studienleiter an der DFFB. Bücher wie „Front – Stadt – Institut“ wecken Erin-nerungen an vergangene Zeiten. Das hat auch mit den guten Recherchen zu tun, die bei der Lektüre der Texte zu spüren sind. So dokumentieren 30 „Schlaglichter“ wichtige Momente der Instituts-geschichte, man findet dort Namen, Orte und Ereignisse, die mit dem eigenen Leben verbunden sind. Interessant fand ich auch die Essays über Theaterwissenschaft in Ost und West von Joachim Fiebach, über die Theaterhistorischen Sammlungen von Peter Jammerthal und über „Warten auf Godot“ in Westberlin von Ulrike Haß. Eine Ausstellung über die Theaterwissenschaft an der FU 1948 bis 1968 ist noch bis zum 31. März 2019 in der Grunewaldstraße 35 zu sehen. Mehr zum Buch: book/detail/951

Der Angriff der Zukunft auf die Gegenwart

Rolf Giesen schätze ich seit Jahrzehnten als Experten für Special Effects, Fantasy- und Science-fiction-Filme. Vor 33 Jahren haben wir bei einer Aus-stellung der Kinemathek im Kaufhaus Wertheim und bei der Retrospektive der Berlinale eng zusammengearbeitet. Sein Wis-sen über viele Aspekte der Film-geschichte hat mich immer beeindruckt. Jetzt hat Rolf im Herbert von Halem Verlag ein Buch über „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Bewegtbilder“ publiziert. Es sind „Spekulationen diesseits und jenseits der Digitalisierung“. In seinem Text erzählt er sehr assoziativ und provokant von der kulturellen Erschließung der Räume, von den Studiengängen Szenografie und Virtual Environments der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, von Geisterbildern, Walt Disney und den Menschen im Weltraum, von der Umstellung von analog auf digital, der Verflüchtigung der Bilder im Internet, den utopischen Blockbustern, der Konfrontation von DAS BOOT und STAR WARS, der ideologischen Begriffsbestimmung 2D versus 3D, den interaktiven Bilderkulturen und ihrer sozialen Bedeutung für etablierte Filmberufe, von der Filmarbeit in China, vom Homo ludens, den Brillen, dem Bildtransfer ins menschliche Gehirn, dem Traum vom ewigen Leben und der digitalen Ikonomanie. 160 lesenswerte Seiten. Der zweite Teil (S. 187-316) dokumentiert Interviews u.a. mit den Produzenten Gerhard Hahn, Tony Loeser und Georg Struck, dem Kinobesitzer Hans-Joachim Flebbe, dem Filmförderer Thomas Schäffer, dem Set Decorator Bernhard Henrich, den Special-Effects-Spezialisten Robert Blalack, Volker Engel und Joe Letteri, dem 3D-Spezialisten Karl Meyer, den Animatoren Felix Gönnert und Heinrich Sabl, dem Games-Fachmann Thomas Dlugaiczyck, Studentinnen und Studenten der Filmuniversität Babelsberg, dem digitalen Medienexperten Wolf Siegert, dem Kunst- und Medien-theoretiker Peter Weibel und dem Filmwissenschaftler Dieter Wiedemann. Mehr zum Buch: der-angriff-der-zukunft-auf-die-gegenwart/

Alles Gute für 2019

Ein gutes und gesundes Neues Jahr

wünschen 

Hans Helmut Prinzler und Antje Goldau

Bild: Kurfürstendamm, 1. Januar 2019, 0.23 Uhr

fotografiert von Anke Sterneborg.