Manfred Neuwirth

2014.NeuwirthEr dreht Dokumen-tarfilme und experimentelle Videos, er ist auch ein Fotokünstler und abeitet natürlich unabhängig vom kommerziellen Kinomarkt. Manfred Neuwirth (*1954) ist Österreicher, aber er hat auch in Tibet gefilmt, in Hamburg eine Videoinstallation realisiert und in New York fotografiert. In seinem Werk spielt die Geschichte eine große Rolle, es geht um Bilder und um Menschen. Bei Synema in Wien ist jetzt, herausgegeben von Brigitte Mayr und Michael Omasta, die erste Monografie über Neuwirth erschienen. Sie enthält – nach einem schönen, sehr persönlichen Vorwort der beiden Herausgeber – zwei Gespräche, zwei Essays und ein Werkverzeichnis. Die Gespräche stammen von Stefan Grissemann und Karin Berger, die Texte von Olaf Möller („Auf fünf Wegen durch Neuwirths filmisches Werk“) und Nico de Klerk („Manfred Neuwirths experimentelle Reisefilme“). Das Werkverzeichnis hat Michael Omasta zusammengestellt. In die Textbereiche sind als visuelle Anschauung fünf Fotokomplexe einmontiert, die Neuwirths individuellen Bildstil dokumentieren. Die Druckqualität ist, wie immer bei Synema, hervorragend. Mehr zum Buch: manfredneuwirth.at/buch/index.html

Ufa-Filmnächte in Berlin

2014.Ufa-FilmnächteAb heute finden an drei Tagen in Berlin-Mitte zum vierten Mal die „Ufa-Filmnächte“ statt. Schauplatz ist diesmal der Kolonadenhof vor der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel. Als Eröffnungsfilm wird DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920) von Paul Wegener und Carl Boese präsentiert. Die Hauptrollen spielen Paul Wegener, Albert Steinrück, Lyda Salmonova und Ernst Deutsch. Das Deutsche Filmorchester Babelsberg spielt unter der Leitung von Helmut Imig. Für die Einführung ist Joachim Król zuständig. Am zweiten Abend wird Friedrich Wilhelm Murnaus FAUST (1925/26) mit Gösta Ekman, Emil Jannings und Camilla Horn gezeigt, musikalisch begleitet von Stephen Horne und Kristoff Becker. Armin Rohde ist für die Einführung angekündigt. Und am dritten Abend gibt es DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1919/20) von Robert Wiene mit Werner Krauß, Conrad Veidt und Lil Dagover. Helmut Imig leitet das Solistenensemble des Deutschen Filmorchesters Babelsberg, und Maria Schrader führt ein. Gezeigt wird die digital restaurierte Fassung, die bei der letzten Berlinale Premiere hatte. Die Reihe wird von Friedemann Beyer kuratiert, Veranstalter sind Ufa und Bertelsmann. Mehr zum Programm: http://ufa-filmnaechte.de/

Filmwerbung und Filmvermarktung

2014.FilmwerbungVor drei Jahren hat  Anke J. Hübel im Schüren Verlag das Buch „Big Bigger Cinema“ publiziert, eine Untersuchung über Film- und Kinomarketing in Deutschland 1910 bis 1933. In ihrem neuen Buch internationalisiert sie ihr Thema und erweitert den zeitlichen Rahmen bis in die Gegenwart. Ihre dramaturgische Strecke beginnt mit den ersten Informationen über einen neuen Film mit Starbesetzung und endet mit seiner Premiere. Ihre Metapher dafür ist – in einer Analogie zur FRAU IM MOND von Fritz Lang – der „Countdown“. Die Werbekampagnien verlaufen inzwischen global in einem Zusammenspiel aller Medien. Sie haben – je nach Film, Genre und Zielgruppe – unterschiedliche Botschaften bis hin zum Geheimnis („Mystifikationswerbung“). Auch wenn die Autorin zahllose Beispiele aus allen Phasen der Filmgeschichte mit dem Schwerpunkt auf der amerikanischen Filmgeschichte nennt, ist wenig Überraschendes dabei. Ein eigenes Kapitel ist am Ende der Filmpremiere gewidmet, dem Medienereignis, dem gesellschaftlichen Ereignis, dem Fest. Das Buch enthält viele Abbildungen, aber leider kein Filmtitelregister. Das Umschlagfoto ist eine Bildmontage aus Filmecho/Filmwoche vom 9.1.79 mit Bezug auf KING KONG. Mehr zum Buch: werfen-ihre-schatten-voraus.html

Robert Warshow

v8.warshowPR.inddNachdem ich 1958 den Text „Der Westerner – ein amerikanischer Mythos“ von Robert Warshow gelesen hatte, veränderte sich meine Einschätzung des Western-Genres fundamental. Was ich bis dahin nur naiv bewundert hatte, bekam plötzlich ein theoretisches Fundament. Der Text war in der Zeitschrift Film 58 publiziert worden, die kurzfristig parallel zur Filmkritik von Enno Patalas, Wilfried Berghahn und Ulrich Gregor herausgegeben wurde, und damit als seriös authorisiert. Mir hat Warshows Genrebetrachtung eine wichtige Brücke gebaut zur großen Western-Retrospektive in Oberhausen 1965, in der ich dann erstmals die filmhistorischen Zusammenhänge entdecken konnte. Im Verlag Vorwerk 8 sind jetzt alle Filmtexte von Robert Warshow und viele seiner Beiträge zur Populärkultur in Amerika erschienen. Wer den Autor bisher nicht kennt, kann wirklich Entdeckungen machen. Es sind Texte aus den 1940er und 50er Jahren, die hier versammelt sind. Zum Beispiel sein Essay „Der Gangster als tragischer Held“, erstmals 1948 publiziert, der ebenfalls eine große Genrewürdigung ist. Oder seine Rezension des Films THE BEST YEARS OF OUR LIVES von William Wyler aus dem Jahr 1947. Oder die scharfe Kritik an dem Film MY SON JOHN von Leo McCarey, dem Warshow schlicht Dummheit vorwirft. Oder der interessante Vergleich der Bühnenaufführung mit der Verfilmung von Arthur Millers DEATH OF A SALESMAN, verfasst 1952. Zwei bewundernde Texte sind Charles Chaplin gewidmet. Und auch dem europäischen Film schenkte Warshow große Aufmerksamkeit, bespielhaft seien hier die Gedanken zu Rossellinis PAISÀ, zu Dreyers VREDENS DAG und der Rückblick auf eine Filmreihe mit russischen Filmen der 1920er Jahre genannt. Ein sehr lesenswerter Text von David Denby, ein kurzes Vorwort der Herausgeberin Sherry Abel und eine informative Einführung von Lionel Trilling leiten den Band ein. Der Autor Robert Warshow lebte von 1917 bis 1955, er wurde nur 37 Jahre alt. Mehr zum Buch: titel-ansicht.php?id=191

DER GREIFER (1930)

2014.DVD.GreiferIn der Stummfilmzeit war Hans Albers überwiegend in Nebenrollen besetzt und spielte vor allem zwielichtige Charaktere. Mit dem Tonfilm wurde er zum Helden-darsteller. Ein frühes Beispiel ist der Kriminalfilm DER GREIFER (1930) von Richard Eichberg. Wir sehen Albers als Scotland Yard-Sergeanten Harry Cross, der mit Unterstützung der Sängerin Dolly Mooreland (gespielt von Charlotte Susa) den Gangster Messer-Jack zur Strecke bringt. Er muss dabei ungewöhnliche Mittel anwenden. Eine besonders spannende Szene spielt im Coliseum-Theater, wo Cross/Albers durch einen Sprung in die Proszeniumsloge einen Juwelenraub verhindern kann. Allerdings entkommen die Täter über die Dächer von London. In Nebenrollen beeindrucken u.a. Harry Hardt, Margot Walter, Karl Ludwig Diehl und Hertha von Walther. Der Regisseur Richard Eichberg war in den 1920er und 30er Jahren eine zentrale Figur des deutschen Genrekinos. Seine Sensations-Melodramen, Historien- und Abenteuerfilme, Kriminal- und Spionagefilme, aber auch seine Operetten- und Varietéfilme hatten internationales Niveau. Michael Wedel hat 2007 in der Reihe der Filmblatt-Schriften von CineGraph Babelsberg eine sehr lesenswerte Monografie über Eichberg publiziert. DER GREIFER ist – wie die jetzt erschienene DVD beweist – ein bis heute wirkungsvoller früher Tonfilm. Das informative Booklet stammt von Friedemann Beyer. Im Remake von 1957 spielte Hans Albers ebenfalls die Hauptrolle, war aber nicht mehr so einsatzfreudig. Mehr zur DVD: Filmjuwelen/dp/B00F6EJGUU

Medientheorien kompakt

2014.MedientheorienAndreas Ströhl ist Leiter der Abteilung Kultur beim Goethe-Institut in München, er hat über Vilém Flusser seine Dissertation geschrieben und von 2004 bis 2011 das Münchner Filmfest geleitet. Sein Buch „Medientheorien kompakt“ stellt in zwölf Kapiteln die wichtigsten Denker oder Denktraditionen vor, die die Geschichte der Medientheorien geprägt haben, beginnend mit Platons Ideenlehre, Höhlengleichnis und Erkenntnistheorie, gefolgt von Bertolt Brechts Radiotheorie und Walter Benjamins Reflexionen zur Reproduzierbarkeit der Kunst. In sechs Texten werden die modernen Theorien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorgestellt: Marshall McLuhan, die Frankfurter Schule und die Kritische Theorie (hier finden wir Adorno und Horkheimer, Enzensberger und Habermas als Medientheoretiker), Roland Barthes und Susan Sonntag (das Kapitel heißt „Melancholische Meditationen über die Fotografie“), Niklas Luhrmann, Neil Postman und Vilém Flusser. Im Bereich Postmoderne und Gegenwart kommen schließlich noch Jean Baudrillard, Paul Virilio und Friedrich Kittler zu Wort. Die Auswahl erscheint mir klug, die Texte sind verständlich geschrieben, sie eignen sich auch zur schnellen Information. Und man spürt, dass dem Autor das Schreiben, wie er in seinem Vorwort bekennt, „Spaß gemacht hat“.  Mehr zum Buch: d4f00c8458c/

Nordic Noir

2014.Nordic NoirAuch wenn die amerikanischen Serien weltweit die Number one sind – seit einiger Zeit gibt es eine auch international wachsende Fangemeinde der skandinavischen Fernsehserien. Lea Gamula und Lothar Mikos nennen in ihrem Buch „Nordic Noir“ die wichtigsten Beispiele und können eine Reihe guter Gründe für den Erfolg und die Qualität dieser Serien auflisten. Sie beginnen ihre Publikation mit einer kurzen globalen Seriengeschichte, gehen dann auf die bekanntesten amerikanischen Serien ein und beschreiben sehr konkret den skandinavischen Weg der Serien-produktion mit der Internationalisierung des Contents, den Innovationen, dem Prinzip der Double Stories, der Nachwuchs-ausbildung und dem speziellen Produktonssystem in Schweden und Norwegen. Vier Serien werden schließlich genauer analysiert: FORBRYDELSEN (dt.: KOMMISSARIN LUND), BRON/BROEN (dt.: DIE BRÜCKE – TRANSIT IN DEN TOD), BORGEN (dt.: BORGEN – GEFÄHRLCHE SEILSCHAFTEN) und LILYHAMMER . Die Besonderheiten der skandinavischen Serien – das beschreiben Gamula und Mikos sehr einleuchtend – sind ihre Mehrdimensionalität und ihr multithematischer Ansatz, ihre Dramaturgie und Narration, die Formatwahl der Miniserie, der Fokus auf den Frauencharakteren, ihr Realismus und ihre Authentizität, ihre Ästhetik und Gestaltung und – aus all dem resultierend – ihr internationaler Erfolg. Titelfoto: Sofie Gråbøl als Kommissarin Lund in FORBRYDELSEN. Mehr zum Buch: 58961602f5950b2/

FilmBildung

2014.FilmBildungBand 4 der „Bremer Schriften zur Filmvermittlung“. Er dokumentiert zwei Seminare eines Master-Studienmoduls, das im Sommer 2013 an der Bauhaus-Universität Weimar stattgefunden hat. Die Herausgeberinnen Lena Eckert und Silke Martin sind im Bereich der Gender- und Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaft tätig. Ihr Vorwort definiert die Ziel-setzung des Buches: theoretische Überlegungen und praktische Erfahrungen bei der Filmvermittung vor allem für Kinder miteinander zu verbinden. Fünf Textbeiträge sollen das leisten. Bettina Henzler knüpft an die Vorgaben von Alain Bergala und Roland Barthes an und stellt die Montage als Denkbewegung in den Mittelpunkt ihres Konzepts. Volker Pantenburg und Stefanie Schlüter operieren im Umfeld des experimentellen Films und formulieren „Zehn Anmerkungen zur Filmbildung“ – die zehnte lautet: „Man hört in pädagogischen Kontexten oft die Maxime, die Schüler müssten ‚da abgeholt werden, wo sie stehen’. Uns scheint es vielversprechender, sie ohne Umwege dahin zu bringen, wo sie noch nicht gewesen sind.“ Wenke Wegner nutzt die Berliner Schule und speziell den Film PLÄTZE IN DEN STÄDTEN von Angela Schanelec, um didaktische Alternativen zu vermitteln. Bei Manuel Zehn geht es um „Filmbildungstheoretische Überlegungen für eine Praxis ästhetischer Filmvermittlung“. Und abschließend verarbeiten die Studierenden ihre Erfahrungen in den beiden Weimarer Seminaren. Mehr zum Buch: filmbildung.html

Zeitreisemodelle im Film

2014.ZeitreisenIm dritten Band aus dem neuen Filmbuchverlagsprogramm von Harald Mühlbeyer geht es um die Zeitreise im Film. Die Medien-wissenschaftlerin Henriette Nagel analysiert insgesamt 15 Filme eines Genres, das sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Für den theoretischen Überbau sorgen Warren Buckland, Thomas Elsaesser und David Bordwell. Die Autorin hat folgende Filme für ihre Darstellung ausgewählt: HARRY POTTER AND PRISONER OF AZKABAN (2004) von Alfonso Cuaròn, THE TIME TRAVELLER’S WIFE (2009) von Robert Schwendtke, BILL AND TED’S EXCELLENT ADVENTURE (1988) von Stephen Herek, TWELVE MONKEYS (1995) von Terry Gilliam, STAR TREK (2009) von J. J. Abrams, DÉJÀ VU (2006) von Tony Scott, THE BUTTERFLY EFFECT (2004) von Eric Bress und J. Mackye Gruber, TIMELINE (2003) von Richard Donner, BACK TO THE FUTURE (1985) von Robert Zemecki, PLANET OF THE APES (1968) von Franklin J. Schaffner, THE TIME MACHINE (1960) von George Pal, DONNIE DARKO (2001) von Richard Kelly, JUMANJI (1995) von Joe Johnston, PEGGY SUE GOT MARRIED (1986) von Francis Ford Coppola und GROUNDHOG DOG (1993) von Harold Ramis. Die Texte zu jedem Film (Inhaltsangabe, Hinweise auf die dramaturgische Struktur) sind kurz, aber präzise. Für die Darstellung der Zeitreisestruktur werden zusätzlich grafische Mittel verwendet. Mehr zum Buch: zukunft-war-gestern.html

Zwei Filme von Richard Blank

2014.DVD.BlankFRIEDLICHE TAGE (1984) erzählt die Geschichte des Henkers Robert Kern (Branko Samarovski) in einem Zukunftsstaat und seines Opfers, der jungen Frau Hanna Rinkes (Katharina Thalbach), die gemeinsam in die Freiheit fliehen und nach vielen Zwischenstationen in die „Pension Elvira“ kommen, deren Besitzerin (Hannelore Schroth) eigene Utopien verfolgt. PRINZENBAD (1993) schildert den Kosmos einer Männerwelt im Bad des Budapester Hotels Gellért, mit eigenen Hiercharchien, mit Abhängigkeiten, Betrug, Korruption, Liebe, Eifersucht und Kriminalität. Ein Schauspieler (Ulrich Wildgruber) spielt monologisierend einen Schauspieler. Und nur der Bademeister (Bernhard Wicki) behält den Überblick. Gegen Ende kommen sogar zwei Frauen ins Spiel, die sich erfolgreich gegen die Männer zur Wehr setzen. Die Verknüpfung der Geschichten eines Tages wirkt wie ein spezieller Reigen. Die Filme von Richard Blank (*1939) stellen in ihren Stoffen und in ihrer Inszenierung Endzeitstimmungen dar. Sie fügen sich aus unendlich vielen schönen Details zusammen, sie lassen Ambivalenzen ihren Raum und muten dem Zuschauer Beobachtungsarbeit zu. Das Filmmuseum München – und das sollte unbedingt gelobt werden – hat jetzt für eine Doppel-DVD in der „Edition Filmmuseum“ die Verantwortung übernommen. Im Booklet kann man interessante Produktionserinnerungen von Richard Blank lesen und zwei sehr zugeneigte Texte von Helmut Schödel. (Eine persönliche Erinnerung: 1983 unternahm unsere Skatgruppe eine Reise nach Budapest. Wir haben damals im Hotel Gellért gewohnt und waren vom legendären Bad tief beeindruckt. Das hat die Sicht auf den Film PRINZENBAD zehn Jahre später natürlich intensiviert.) Mehr zur DVD: Friedliche-Tage—Prinzenbad.html