Gespenster

2014.Gespenster 1Die Reihe „Projektionen – Studien zu Natur, Kultur und Film“ gibt es seit 2009. Thomas Koebner hat sie gegründet und bisher herausgegeben. Zuletzt erschienen Bände über Indianer, Mythopoetik, Ekstase und Kindheiten im Film. Mit dem achten Band verabschiedet sich der bisherige Heraus-geber und übergibt an den Berliner Germanisten Hans Richard Brittnacher. Im Mittelpunkt des „Gespenster“-Buches steht ein wunderbarer Aufsatz von Thomas über „Spukhaus-Filme“, in denen die konkrete Verortung von Gespenstern die Regel ist. Auf zwölf Filme geht der Autor genauer ein: THE HOUSE OF USHER (1960) von Roger Corman, THE INNOCENTS (1961) von Jack Clayton, THE HAUNTING (1963) von Robert Wise und das Remake THE HAUNTING (1999) von Jan de Bont, THE SHINING (1980) von Stanley Kubrick, THE CHANGELING (1980) von Peter Medak, BURNT OFFERINGS (1976) von Dan Curtis, POLTERGEIST (1982) von Tobe Hooper, BELOVED (1998) von Jonathan Demme, THE OTHERS (2001) von Alejandro Amenábar, THE SKELETON KEY (2005) von Iain Softley und THE CONJURING (2013) von James Wan. Es sind vor allem die Ortsbeschreibungen und die Charakterisierungen der involvierten Personen, die den Text so faszinierend machen. Auf sieben andere interessante Texte des Buches will ich zumindest hinweisen: auf Roman Mauers Reflexionen über Doppelbelichtung in Geisterfotografien und Stummfilm, Hans Richard Brittnachers Gedanken zu Doppelgängern und Spiegelbildern in Literatur und Film, René Rupperts Erinnerungen an Gespenster in der Filmkomödie, Daniel Illgners Informationen zu Mario Bava und den Gespenstern des italienischen Horrorfilms, Marcus Stigleggers Entdeckungsreise zu den mythologischen Wurzeln des japanischen Geisterfilms, Andreas Rauschers Überlegungen zu Tim Burton und dem Genrekino und Sascha Koebners kurze Analyse der Geschichte des Zombies im Film. Also: viel Irreales zum Abschied des bisherigen Herausgebers und ein Willkommensgruß an den neuen. Mehr zum Buch: SBN=9783869162355#.VADiUxyWGT0

Hanna Schygulla

2014.SchygullaDies ist der neunte Band der BFI-Reihe über Filmstars. Es gibt sie seit 2012, unter den Porträtierten findet man bisher u.a. Nicole Kidman, Elizabeth Taylor, Barbara Stanwyck, Brigitte Bardot und Mickey Rourke. Mit Hanna Schygulla ist der erste deutsche Star in die Reihe aufgenommen. Die Autorin Ulrike Sieglohr ist „Honorary Reasearch Associate in Film, Television and Radio Studies at Staffordshire University“. Angeregt durch Thomas Elsaessers Buch „New German Cinema“, hat sie sich intensiv mit Rainer Werner Fassbinder beschäftigt und ist dabei auf die besondere Spielweise von Hanna Schygulla aufmerksam geworden. „I increasingly admired Schygulla’s intelligence in managing her performance skills, particularly a capacity to turn what critics have perceived as her manneristic limitation to her own advantage. Consequently, my study bears witness to Schygulla’s increasing versatility and the fact that her work with a wide range of distinguished international directors has afforded the actor greater agency, as well as producing a more naturalistic acting style.“ Sieglohrs Text ist weit entfernt von traditionellen Starmonografien. Sie beschreibt mit vielen Zitaten die ganz unterschiedlichen Stilmittel, mit denen Schygulla unter so wichtigen Regisseuren und Regisseurinnen wie Jean-Luc Godard, Andrzej Wajda, Margarethe von Trotta, Amos Kollek, Agnès Varda, Fatih Akin oder Aleksandr Sokurov vor der Kamera agiert. Ein verspätetes Präsent zum 70. Geburtstag der Schauspielerin, der im vergangenen Dezember gefeiert wurde. Coverfoto: Schygulla in RIO DAS MORTES (1971). Mehr zum Buch: hanna-schygulla.html#.VAV9yByWGT0

Geschichte der Kinowochenschau

2014.WochenschauBis in die späten 1970er Jahre gehörte die Wochenschau zum Bestandteil eines Kino-programms, dann wurde sie endgültig ein Opfer der „Tageschau“. Noch heute erinnere ich mich gut an den Vorspann der von den Amerikanern produzierten „Fox Tönende Wochenschau“, die 1978 eingestellt wurde. In der DDR gab es die Wochenschau „Der Augenzeuge“ im Dezember 1980 zum letzten Mal. Der Historiker Bernd Kleinhans (Pädagogische Hochschule Schwäbisch-Gmünd) hat im vergangenen Jahr eine sehr fundierte Geschichte der Kinowochenschau publiziert, auf die ich hier mit kleiner Verspätung hinweise. Einzeluntersuchungen zum Beispiel zur NS-Wochenschau gab es natürlich, aber eine Gesamtdarstellung zum Thema ist mir bisher nicht bekannt. Kleinhans strukturiert sein Buch chronologisch, beginnend mit den Anfängen der Wochenschau vor dem Ersten Weltkrieg. Dann folgt ein Kapitel zum Bild des Ersten Weltkrieges in den Wochenschauen, die damals als Informationsmedium eine große Bedeutung bekamen. Die Wochenschau in der Weimarer Republik teilt sich, technisch bedingt, vor allem in Stummfilm- und Tonfilmzeit. Es konkurrierten ab 1930 die „Deulig-Tonwoche“, die „Emelka-Tonwoche“, die „Fox-Tonwoche“ und die dominante „Ufa-Tonwoche“. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus gab es noch viele Jahre diese Wochenschauen, auch wenn die Berichterstattung vereinheitlicht wurde. Der Neustart ab 1945 war von den Einflüssen der Besatzungsmächte geprägt, es dominierte in den Westzonen zunächst „Welt im Film“ (britisch-amerikanisch), die erste westdeutsche Wochenschau war „Blick in die Welt“, dann kamen „Fox Tönende Wochenschau“, „Welt im Bild“ und die „Ufa Wochenschau“ (später „Ufa dabei“); in der DDR wurde „Der Augenzeuge“ 1946 in die Kinos gebracht. Und die 1950er Jahre waren die große Zeit der Wochenschau in Ost und West. Dann drängte sich das Fernsehen in den Vordergrund, und es begann der langsame Abschied. Die Arbeit von Kleinhans ist hervorragend recherchiert (1.184 Quellenhinweise) und gut zu lesen – wenn man sich für die Geschichte der Wochenschau noch interessiert. Titelbild: Anzeige der „Messter-Woche“ in der Lichtbildbühne v. 19.10.1918. Mehr zum Buch: Ersatz-fuer-die-Wirklichkeit.html

Sommernachtsraum in Zürich

2014.SommernachtSeit dreißig Jahren gibt es auf dem Zürcher Röntgen-platz in jedem Sommer Openair-Vorführungen von Filmen. Im ersten Jahr (1985) wurden unter dem Reihentitel „Harte Männer, starke Frauen“ DER BLAUE ENGEL mit Marlene Dietrich, CASABLANCA mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman, AFRICAN QUEEN mit Bogart und Katharine Hepburn und NINOTCHKA mit Greta Garbo gezeigt. Der Ort hat inzwischen in Zürich eine fast mythische Bedeutung, weil eigentlich eine Autobahnbrücke über die Limmat gebaut werden sollte, was aber durch ausdauernde Bürgerproteste verhindert wurde. Stattdessen wurde der sogenannte „Kreis 5“ dann verkehrsberuhigt und hat eine beispielhafte urbane Entwicklung genommen. Sie ist auch der eigentliche Kern des Buches, das zwar die 30 Jahre Freiluftkino als Ausgangspunkt hat, aber vor allem ein Forum der Selbstdarstellung („Innen- und Außenblicke“) für 34 Bewohner in Wort und Bild ist. Das multikulturelle Spektrum wirkt dabei überraschend groß. Drei Aufsätze informieren über die historische Entwicklung des Röntgenplatzes von 1850 bis in die Gegenwart. Zwei Texte beschäftigen sich mit dem Kreis 5 im Film und dem Film im Kreis 5, und am Ende – schließlich ist es ein Filmbuch – werden die Leserinnen und Leser mit Erinnerungen an die Geschichte des Openairkinos in der Schweiz aus der Lektüre entlassen. Dokumentiert sind alle Plakate der 30 Jahre und alle gespielten Filme (der Film RIFF RAFF konnte im Übrigen 1992 nicht gezeigt werden, weil ein Sturm die Leinwand zerstört hatte). Mit vielen Abbildungen. Eine ungewöhnliche Publikation! Mehr zum Buch: www.limmatverlag.ch/Default.htm?/verlag/limlief.htm

Roland Klick

2014.DVD.KlickEr war ein unbequemer, interessanter Regisseur des Neuen Deutschen Films. Im Juli wurde sein 75. Geburtstag gefeiert, und die Filmgalerie 451 hat aus diesem Anlass eine DVD-Box publiziert. So kann man jetzt seine kurzen Filme der 1960er Jahre und vier lange Filme der 70er und 80er wieder sehen. Klick begegnete ich zum ersten Mal bei den Mannheimer Filmwochen 1965 und 1966 und sah damals den Kurzfilm ZWEI und den mittellangen Film JIMMY ORPHEUS, dessen Impressionen aus dem Milieu von St. Pauli mir damals gut gefallen haben. DEADLOCK (1970) mit Mario Adorf und Marquard Bohm wirkt noch heute als Genrefilm – eine Mischung zwischen Western und Gangsterfilm – sehr professionell. SUPERMARKT (1973) mit Charly Wierzejewski ist für mich Klicks bester Film, einfach in der Erzählform, aber von starker Emotionalität und ganz nah bei seinem Protagonisten; hinter der Kamera stand damals Jost Vacano. Ivo Ritzer hat einen sehr zugeneigten Text im Reclam-Band zum „Neuen Deutschen Film“ darüber geschrieben. WHITE STAR (1981-83) finde ich zwiespältig, weil Dennis Hopper als abgehalfterter Musikmanager in seinem Aktionismus offenbar nicht zu bremsen war und den authentischen Rahmen sprengt. Die späte Komödie SCHLUCKAUF, gedreht in den später 80ern, erstaufgeführt 1992, ist ja ziemlich unbekannt, bereitet aber dank der beiden Hauptdarstellerinnen Irene Findeisen und Cathy Haase durchaus Vergnügen. Eine schöne Würdigung des Regisseurs Roland Klick ist der Dokumentarfilm THE HEART IS A HUNGRY HUNTER (2012) von Sandra Prechtel. Nur drei Filme von Klick (BÜBCHEN, LIEB VATERLAND, MAGST RUHIG SEIN und DERBY FEVER USA) fehlen in der Box. Aber sie ist trotzdem ein würdiges Geburtstagsgeschenk zum 75. Das Booklet enthält einen Text von Jörg Schöning, Zitate aus positiven zeitgenössischen Kritiken, ein frühes Gespräch mit Klick von Heiko R. Blum und eine Filmografie von Frank Arnold. Mehr zur DVD: roland-klick-filme/

Imaginäre Dörfer

2014.DörferBand 1 der neuen transcript-Reihe „Rurale Topografien“. In 24 Texten werden dörfliche Lebenswelten unter den Aspekten der Forschung und Gestaltung, in den Perspektiven der deutschsprachigen Literatur, der internationalen Literaturen und des Films untersucht. Im deutschen Literaturkapitel hat mir der Text von Johanna Canaris über Moritz Rinkes Roman „Der Mann, der durch die Jahrhunderte fiel“ als raumzeitliche Verdichtung deutscher Geschichte im Dorf Worpswede besonders gut gefallen. Informativ sind die Essays von Magdalena Marszalek („Das Dorf als Anti-Idylle: polnische literarische und filmische Narrative des Verdrängten“), von Meike van Hoorn („Rentner, Roma, Resignierte: slowakische Dörfer im Film“) und von Peter Grüttner („Imagination des Hinterlands: filmische Inszenierungen ruraler Lebenswelten im zeitgenössischen brasilianischen Kino“). Sehr beeindruckend fand ich schließlich den letzten Text: „Die Wahrheit des Dorfes: zu Michael Hanekes DAS WEISSE BAND“ von Ansgar Mohnkern. Seine 16-Seiten-Analyse stellt den Film in einen Raum- und Zeit-Zusammenhang, der den drohenden Ersten Weltkrieg spürbar werden lässt. Mehr zum Buch: 978-3-8376-2684-1/imaginaere-doerfer?c=738

3D

2014.3DDies ist eine Magisterarbeit der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der LMU München. Elisa Linseisen unternimmt einen wahrneh-mungstheoretischen Diskurs in die Kinowelt des 3D-Films. Sie definiert ihn so: „Der 3D-Film, oder auch stereoskopische Film, inszeniert eine bildliche Darstellung von Räumlichkeit, indem die Bildproduktion und Bildwiedergabe die menschliche, binokulare Wahrnehmung – das Sehen mit zwei Augen – mimt und zwei horizontale Halbbilder die Perspektiven des linken und des rechten Augen repräsentieren.“ Im ersten Teil der Arbeit entwickelt die Autorin eine Erkenntnistheorie der Dreidimensionalität und unterscheidet vier Faktoren: 1. Räumlichkeit der Wirklichkeit – Dreidimensionalität und Subjektivität. 2. Binokularität des Sichtbaren – Dreidimensionalität und Perzeption. 3. Unendlichkeit des Denkens – Dreidimensionalität und Wissen. 4. Planozentrismus Dreidimensionalität als Störfall. Im zweiten Teil formuliert sie eine Medientheorie der Dreidimensionalität und konfrontiert dabei Materialität mit Immaterialität, Omnivision mit Opazität und Realismus mit Hyperrealismus. Hier stehen zwei 3D-Filme im Mittelpunkt der Analyse: AVATAR von James Cameron und LIFE OF PI von Ang Lee. Dies sind die für mich interessantesten Passagen der Arbeit. Der 100-Seiten-Text ist mit rund 400 Quellenangaben abgesichert, das Literaturverzeichnis entsprechend umfangreich. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 8f42mc6ujm1

Venedig

2014.VenedigHeute wird in Venedig das 71. Internationale Filmfestival eröffnet. Im Wettbewerb laufen zwanzig Filme, darunter THE CUT von Fatih Akin, PASOLINI von Abel Ferrara, 3 COERS von Benoit Jacquot, GOOD KILL von Andrew Niccol und neue Filme von Roy Andersson, Ramin Bahrani, Andrej Konchalovsky und Wang Xiaoshuai. Eröffnet wird mit Alejandro González Inárritus BIRDMAN OR THE UNEXPECTED VIRTUE OF IGNORANCE. Zur Jury unter der Präsidentschaft von Alexandre Desplat gehören Joan Cheng, Philip Gröning, Jessica Hausner, Jhumpa Lahiri, Sandy Powell, Tim Roth, Elia Suleiman und Carlo Verdone. Außer Konkurrenz sind neue Filme u.a. von Peter Bogdanovich, Lisa Cholodenko, Joe Dante, James Franco, Ann Hui, Im Kwon-taek, Barry Levinson und Ulrich Seidl zu sehen. In einer speziellen Reihe werden restaurierte Fassungen von Filmen gezeigt, die früher einmal in Venedig im Programm waren, darunter MOUCHETTE von Robert Bresson, UMBERTO D. von Vittorio de Sica, THE MAN FROM LARAMIE von Anthony Mann und THE TALES OF HOFFMANN von Powell/Pressburger. Die Vielfalt im Angebot ist wie immer gesichert. Mehr zum Programm: 71st-festival/line-up/

Traum und Erzählen

2014.Traum und ErzählenEine Habilitationsschrift der Universität Hannover. Sie ist im Umfang (über 700 Seiten) und in der theoretischen Vertiefung sehr beein-druckend. Stefanie Kreuzer geht es um Zusammenhänge und Differenzen zwischen wissenschaftlichen Traumtheorien und künstlerischen Traum-darstellungen. Ihr Untersuchungsfeld sind die bildende Kunst, die Literatur und der Film. Sie unter-scheidet zwischen „markierten Traum-darstellungen“, „fiktiven Welten zwischen Träumen und Wachsein“ und „unmarkierten, ‚autonomen’ Traumdarstellungen“. Natürlich nutzt sie die nahe liegende Metapher der „Traumfabrik“ Hollywood als Einstieg in ihren Einführungstext „Traum und Film“, der sich dann aber schnell zu einer grundlegenden Analyse des Themas erweitert, die bereits vorhandene theoretische Literatur aufarbeitet und erste konkrete filmische Traumdarstellungen ins Spiel bringt. In ihren drei großen Kapiteln sind den folgenden Filmen höchst lesenswerte Analysen gewidmet: THE DREAM OF A RAREBIT FIEND (1906) von Edwin S. Porter, BRAZIL (1985) von Terry Gilliam und ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND (2004) von Michel Gondry im Bereich der erzählten Träume, PERSONA (1966) von Ingmar Bergman und PLOY (2008) von Pen-ek Ratanauang als Beispiele für Filmerzählungen zwischen Traum- und Wachwelten und UN CHIEN ANDALOU (1929) von Luis Buñuel, MULHOLLAND DR. (2001) von David Lynch und BIN-JIP (2004) von Kim Ki-duk als Beispiele für mögliche filmische Traumwelten. Man spürt beim Lesen in jedem Moment die Kompetenz und das Reflektionsvergnügen der Autorin. Insgesamt nennt sie im Anhang 62 Filmtitel mit Traumbezug, von 8 ½ bis YELLA. Umschlagabbildung (inklusive Rückseite): Screenshot aus David Lynchs MULHOLLAND DR. Mehr zum Buch: 978-3-7705-5673-1.html

VATERS GARTEN

2014.DVD.Vaters GartenIm vergangenen April ist der Schweizer Filmemacher Peter Liechti im Alter von 63 Jahren gestorben. Sein letzter Film – VATERS GARTEN – lief 2013 im Programm des Forums der Berlinale und gewann den Preis der Leserjury des Tagesspiegels. Jetzt ist bei der Edition Salzgeber die DVD erschienen. Liechti hat mit großer Kunstfertigkeit ein Porträt seiner Eltern realisiert, mit denen er sich in der Vergangenheit nicht gut verstanden hatte. Vater und Mutter sind an die neunzig Jahre alt, seit über sechzig Jahren miteinander verheiratet – und eigentlich passen sie nicht zusammen. Der Vater ist eher extrovertiert, besucht Sportveranstaltungen, liebt nichts mehr als seinen Garten und ist die Inkarnation des Rollenklischees eines allein bestimmenden Mannes. Die Mutter liest vor allem Bücher, hat sich in die Religion geflüchtet, irrt mit dem Rollator durch den Supermarkt, ist zweimal in der Badewanne ausgerutscht, aber der Vater lehnt einen Haltegriff strikt ab: Löcher in die Kacheln zu bohren, lohne sich in ihrem Alter nicht mehr. Um seinen Beobachtungen eine zweite Wahrnehmungsebene hinzuzufügen, lässt Liechti seine Eltern als Hasen-Stabpuppen auftreten, sie sprechen dann Hochdeutsch (der Originalton ist Schweizerdeutsch mit Untertiteln) und bekommen damit eine fast exemplarische Bedeutung. Vieles, was die Kamera uns aus dem realen Leben der Liechti-Eltern zeigt, möchte man nicht für möglich halten, so absurd wirken manche Szenen, so unfassbar sind die individuellen Verhaltensweisen. Aber dann kippen die Aufnahmen immer wieder ins Irreale, eine wilde Musik kommentiert die Szenen, und der Regisseur greift als Kasperl-Puppe ins Geschehen ein. Am Ende fragt man sich, was an diesen Lebensläufen typisch für die Schweiz ist. Und man ist traurig, wenn sich Peter Liechti zum Schluß doch noch mit seinem Vater vor die Kamera setzt, denn es sind ja die letzten Bilder von ihm. VATERS GARTEN ist nicht nur ein Denkmal für die Eltern, sondern auch für den Filmemacher. Mehr zur DVD: index.php?aktion=artikel&id=512