Michael Mann

2015.Michael MannDer „Professional“ ist eine Figur mit speziellen Fähigkeiten, mit Selbstbewusstsein und Haltung. Er ist uns aus der Literatur und, seit hundert Jahren, aus der Filmgeschichte bekannt, vor allem aus der amerikanischen Filmgeschichte, aus dem Western, dem Film Noir, dem Gangsterfilm, auch aus der Komödie. Ingo Stelte stellt fünf Filme von Michael Mann in den Mittelpunkt seiner Unter-suchung, bei denen Professio-nals eine entscheidende Rolle spielen. Sein Text ist in englischer Sprache publiziert, beginnt mit Überlegungen zum „Historical Development of Professionalism in America“ und „Historical Development of Concepts of Masculinity in America“, beschäftigt sich dann mit zwei Exponenten des amerikanischen Professionalismus, Cotton Mather und Benjamin Franklin, mit dem Professionalismus in literarischen Werken („The Great Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald, „Absalom, Absalom“ von William Faulkner, „The Virginian“ von Owen Wister, „For Whom the Bell Tolls“ von Ernest Hemingway, „The Big Sleep“ von Raymond Chandler) und im Film (Westerns, Cops, Killers). Eine detaillierte Analyse wird den Filmen THIEF (1981), MANHUNTER (1986/2003), THE LAST OF THE MOHICANS (1992), HEAT (1995) und COLLETERAL (2004) gewidmet. Sie ist an den Bildern und der Inszenierung der Filme orientiert, zieht auch andere Quellen zurate und vermittelt konkrete, überzeugende Erkenntnisse. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: mann-s-movies.html

VARIETÉ

4260213911012Nach zehn Jahren Haft erzählt der frühere Trapezartist Boß (Emil Jannings) dem Gefängnis-direktor seine Lebens-geschichte, die in einem Eifersuchtsdrama kulminierte. Er hat seinen Nebenbuhler (Warwick Ward) erstochen. Lya de Putti ist als Tänzerin Berte-Marie die Frau zwischen den beiden Männern. Für den Regisseur E. A. Dupont war der Film der Einstieg in eine kurzfristige internationale Karriere. Der Kritiker Herbert Ihering schrieb 1925: „Ein Erfolg der Regie, der Photographie, der Darstellung. Es gibt in Varieté Bildfolgen, die geradezu beispielhaft für den Film überhaupt sind; beispielhaft für seine Sondergattung, für seinen Unterschied vom Wortdrama. Herrlich die Luftaufnahmen im Wintergarten. Herrlich die Gegensätze von Rummelplatz und elegantem Varieté. Eine phänomenale Leistung von Karl Freund.“ Jahrelang gab es von dem Film nur schlechte Kopien, im vergangenen Jahr hat ihn die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria digital restauriert. Die viragierte Fassung war erstmals im Februar bei der Berlinale zu sehen und ist jetzt auch als DVD verfügbar. Sie ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend: in der Kameraführung, in der Montage, im Spiel der Darsteller. Andreas Conrad hat anlässlich der Berlinale-Aufführung im Tagesspiegel einen schönen Text über den Film und seine Restaurierung publiziert: der-sternenhimmel-ueber-berlin/11334396.html. Problematisch an der Musik-Einspielung der „Tiger Lillies“ finde ich den Gesang von Martyn Jacques, der ständig den Filmtitel „Variety“ wiederholt und von den Zwischentiteln ablenkt. Im Bonusmaterial ist die amerikanische Fassung des Films enthalten (75 min.), hier spielt Peer Kleinschmidt an der Welte-Orgel eine weniger aufdringliche Begleitmusik. Das Booklet enthält Textbeiträge von Michael Wedel, Guido Altendorf und Anke Wilkening zum Film und zur Rekonstruktion. Mehr zur DVD: projekt-variete

Ausstellungen in London

2015.SargentAngelockt durch einen wunderbaren Text über die Ausstellung „John Singer Sargent, Portraits of Artists and Friends“ von Niklas Maak in der FAS, waren wir einige Tage in London, haben uns in der Stadt wieder sehr zuhause gefühlt und wurden mehrfach glücklich gemacht: vor allem in der National Portrait Gallery mit der Sargent-Ausstellung, in der National Gallery mit der Ausstellung „Inventing Impressionism“, bei Besuchen der Wallace Collection und der Courtauld Gallery im Somerset House. John Singer Sargent (1856-1925) war ein herausragender Porträtmaler, hat über 900 Ölgemälde und mehrere Tausend Zeichnungen produziert. 68 Gemälde sind in London zu sehen, darunter Porträts von Carolus-Duran, Auguste Rodin, Claude Monet, Edmund Gosse, Robert Louis Stevenson, Eleonora Duse, Henry James, Mary Anderson und William Butler Yeats. Ich zitiere drei Sätze aus dem Text von Maak, der für 1 € im FAZ-Archiv in ganzer Länge zu lesen ist („Dies hier also soll ich sein?“, 22.2.2015): „Vor Ort versteht man die fast gespenstische Wirkung dieser Porträts besser als auf Abbildungen: Man begreift, wie es Sargent schafft, ein mattes Grau mit dem Pinsel so über ein tiefes Schwarz hinwegzufegen, dass das auf Identifikation bedachte Auge darin nicht zwei matte Farben, sondern schimmernde schwarze Seide erkennt. Man begreift, wie Sargent das Spröde oder Weiche der Lippen in Farbe übersetzt – die Farbe imitiert hier die Oberflächenstruktur von Lippen, statt sie bloß abzubilden; dürfte man die Leinwand berühren, würde sich die gemalte Lippe so spröde anfühlen wie eine wirkliche.“ Auch wenn einige wichtige Porträts in der Ausstellung fehlen: sie hinterlässt eine tiefe Wirkung. Cover des kleinen Katalogs: „La Carmencita“ (1890).

2015.ImpressionismDie Ausstellung „Inventing Impressionism“ ist dem französischen Kunsthändler und Galeristen Paul Durand-Ruel (1831-1922) gewidmet, der zu einer Schlüsselfigur in der künstlerischen Anerken-nung des Impressionismus wurde. 90 Werke u.a. von Pierre-Auguste Renoir, Claude Monet, Camille Pissarro, Edouard Manet, Alfred Sisley und Edgar Degas sind in London zu sehen. Ihre Differenziertheit und Schönheit ist kaum zu beschreiben. Sehr beeindruckend ist der Katalog der Ausstellung (Titelbild: „Mademoiselle Legrand“ von Pierre-Auguste Renoir). Natürlich waren wir auch wieder in der Ständigen Ausstellung der National Gallery. Wir hatten zur Einstimmung den Film NATIONAL GALLERY von Frederick Wiseman gesehen und beim Gang durch die Säle erinnerten wir uns an viele Szenen des Films. Zum ersten Mal waren wir in der „Wallace Collection“ mit erstaunlichen Werken großer Meister und in der „Courtauld Gallery“ im Somerset House. Dort ist zurzeit eine Goya-Ausstellung zu sehen („The Witches and Old Women Album“), in der die Qualitäten des Zeichners und Satirikers Goya deutlich werden. London ist in den letzten Wochen für €-Touristen noch teurer geworden. Aber die Stadt hat eine große kulturelle Ausstrahlung. Und wer die Schattenseiten Londons kennen lernen will, kann auch zwei neue Thriller lesen: „London Undercover“ von Don Winslow und „London Underground“ von Oliver Harris, erschienen bei Suhrkamp (Winslow) und Blessing (Harris).

Florian Henckel von Donnersmarck

2015.Kino!Nach seinem international sehr erfolgreichen Film DAS LEBEN DER ANDEREN (2005) ist Florian Henckel von Donners-marck nach Hollywood ausgewandert. Sein erster amerikanischer Film, THE TOURIST (2010) mit Angelina Jolie und Johnny Depp, hatte gute Einspielergebnisse. Ein Hit war er nicht. Und für die große Karriere des Regisseurs fehlen noch manche Voraussetzungen. Im Suhrkamp Verlag ist jetzt ein kleines Buch mit 19 Texten von Henckel von Donnersmarck erschienen, in denen seine Filmleidenschaft, sein Denken und Handeln deutlich werden. Sie sind zuvor in den Zeitschriften Cicero & Philosophie Magazin und in der FAZ publiziert worden und drei Kapiteln zugeordnet: „Im Labyrinth des Minotaurus“, „Im Kino“ und „Über das Deutsche im Filmemachen“. Sehr persönlich erzählt der Autor von den Risiken eines Regisseurs und seiner Liebe zu den Filmen von Martin Brest, von der „direktesten und ehrlichsten“ Kunst der Schauspieler, von der Bedeutung des Drehbuchautors, von der nachhaltigen Wirkung alliterierender Namen (Charlie Chaplin, Federico Fellini, Roberto Rossellini, William Wyler), von der richtigen Musik für die richtigen Filme und der Brillanz des Komponisten Gabriel Yared, von der Wirkung des amerikanischen Films GROUNDHOG DAY und des deutschen Stummfilms VARIETÉ, von seinem Widerwillen gegen Trailer, von dem Hit SUPERBAD und seiner Wahrnehmung durch junge Menschen, vom Zweikampf zwischen Panda Po und Tai Lung, von der zunehmenden Mehrteiligkeit der Kinofilme, von dem Bildhauer, Fotografen und Regisseur Thomas Demand, von der unterschiedlichen Akzeptanz deutscher und amerikanischer Filme, von Tom Cruise als Stauffenberg-Darsteller, von Farben und Effekten in deutschen und amerikanischen Filmen und vom letzten Jahr des Schauspielers Ulrich Mühe. Man erfährt aus den Texten viel von der Weltsicht des Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck. Unklar bleibt, wie sich seine Karriere entwickeln wird. Coverfoto: LAST EMBRACE (1979) von Jonathan Demme. Mehr zum Buch: donnersmarck_46513.html

Die Kinder von Golzow

2015.GolzowVon 1961 bis 2007 hat der Dokumentarist Winfried Junge, ab 1992 zusammen mit seiner Frau Barbara als Co-Regisseurin, die Langzeitbeobachtung der KINDER VON GOLZOW realisiert. Über Jahrzehnte konnte man als Zuschauer miterleben, wie Schulkinder in einem kleinen Ort in der DDR erwachsen werden, Berufe erlernen, Familien gründen und Konflikte bewältigen. So sind uns Jürgen, Onkel Willy, Elke und Marieluise, Brigitte und Marcel, Dieter, Jochen und Bernd als reale Personen vertraut. Ein erster Band über die Kinder von Golzow erschien bei Schüren 2004. Jetzt haben Winfried & Barbara Junge und Dieter Wolf dort einen Folgeband publiziert, der vom Ende der Langzeitbeobachtung berichtet: „Und wenn sie nicht gestorben sind…“. Winfried Junge erzählt in seinem Text „Aus der Werkstatt“ vom Entstehen der Filme, den vielen positiven Reaktionen und den großen Schwierigkeiten zum Beispiel bei der Finanzierung. Dieter Wolf dokumentiert die vier Teile der Golzower Chronik, die 2005 und 2007 entstanden sind. Ein Überblick informiert über die früheren Filme. Besonders schön finde ich den Text von Barbara und Winfried Jungen „Über zwei ungefilmte Leben, über uns und – überhaupt“, der einen sehr persönlichen Einblick in ihre Familiengeschichte und ihre Zusammenarbeit gewährt. „Achtzehn von einst vierundzwanzig“ ist eine Auflistung der Kinder von Golzow, ihrer Familien und ihrer Berufe in alphabetischer Reihenfolge. Klaus Dieter Schmutzer gibt als Produzent Auskunft über die Realisierung der Filme, Daniel Küchenmeister informiert über das kleinste Filmmuseum der Welt in Golzow/Märkisch-Oderland, und Dieter Wolf zitiert statt eines Nachworts Zuschauer-Stimmen zum Golzow-Werk. Viele hervorragende Abbildungen (mit einem 16seitigen Farbteil). Bei Absolut Medien ist im Übrigen eine Box mit 18 DVDs in einer Gesamtlänge von 43 Stunden erschienen. Sehr zu empfehlen. Mehr zum Buch: ende-einer-langzeitbeobachtung-1961-2007.html

Medienrhetorik des Fernsehens

2015.MedienrhetorikMit dieser Publikation meldet sich die Rhetorikwissen-schaft zu Wort, um aus ihrer Sicht Begriffe und Konzepte der Fernsehforschung zu klären. Es hat eine Logik, dass dieses Projekt, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in Tübingen realisiert wurde, wo 1963 von Walter Jens das Seminar für Allgemeine Rhetorik gegründet worden ist. Jens fühlte sich dem Fernsehen eng verbunden und schrieb zwanzig Jahre lang für die Zeit eine Fernsehkolumne, die er als „Momos“ zeichnete. Ihm ist auch („Momos in memoriam“) das Buch gewidmet. Die Herausgeber Anne Ulrich und Joachim Knape haben insgesamt 29 Begriffe theoretisch fundiert und drei Bereichen zugeordnet: 1. „Mediale Performanzdimension“, hier geht es um Audiovisualität, Fernsehton, Flow, Flüchtigkeit, Liveness, Programmstruktur, Serialität, Televisualität, Wiederholung. 2. „Textuelle Dimension“: Dramatisierung, Format, Infotainment, Konstruktion von Wirklichkeit, Oralität, Personalisierung, Zeit-Bild-Struktur. 3. „Adressatenorientierte Dimension“: Aktualität, Alltäglichkeit, Emotionalisierung, Ereignis, Normalität und Ausnahme, Interaktivität, Monitoring, Parasoziale Interaktion, Persona, Quote, Reality TV, Umschalten, Unterhaltung, Zerstreuung. Das klingt sehr theoretisch und ist es auch, denn die Publikation ist vor allem für Studenten der Rhetorik gedacht. Aber sie ist auch für Gasthörer interessant, die bisher wenig von der Rhetorikforschung wissen. Mehr zum Buch: medienrhetorik-des-fernsehens

LIKE SOMEONE IN LOVE

2015.DVD.KiarostamiTokio bei Nacht. Akiko studiert tagsüber Soziologie und verdient sich ihr Geld nachts als Callgirl. Sie ist müde, wird von ihrem eifersüch-tigen Freund Noriaki mit dem Telefon verfolgt, von ihrem Ver-mittler noch zu einem nächtlichen Termin gedrängt, hat ein Treffen mit ihrer Großmutter versäumt, die für einen Tag in Tokio war, und macht sich im Taxi auf den Weg zu dem Kunden. Schon die erste Sequenz in der Bar ist verwirrend in der Bildchoreografie. Glastüren und Spiegel führen in die Irre. Es dauert seine Zeit, bis man Akiko mit dem Telefon am Ohr im Bild hat. Die Taxifahrt ist ein neuer Höhepunkt: mal sieht man den geduldigen Fahrer, meist ist Akiko im Bild, die ihr Telefon abhört, mit acht gespeicherten Nachrichten; sechsmal ist die wartende Großmutter dran. Das Taxi umrundet mehrmals den Bahnhof, man sieht die Großmutter an einem Denkmal stehen, aber Akiko steigt nicht aus. Die Fahrt endet bei ihrem Kunden: einem alten Professor, der mehr am Kochen als an Sex interessiert ist. Am anderen Morgen bringt er sie zur Universität, dort wartet Noriaki, ein Automonteur, auf seine „Verlobte“. Die Verwirrungen und Ungewissheiten der Beteiligten nehmen zu. – Abbas Kiarostami hat seinen ersten Film in Japan gedreht. Tokio und verschiedene Autos sind die wichtigsten Handlungsorte. Aber es geht vor allem um Spiel und Schein, um Konstellationen und Kommunikation. Kiarostami ist einer meiner Lieblingsregisseure. Die DVD seines Films LIKE SOMEONE IN LOVE ist jetzt bei Absolut Medien erschienen. Wer den Film nicht im Kino gesehen hat, sollte schnell zugreifen. Coverfoto: Rin Takanashi als Akiko im Taxi. Mehr zur DVD: 7013/Like+someone+in+love

Kino für Besserwisser

2014.Kino BesserwisserEin Spiel mit Daten, Fakten und Zeichnungen. Hundert Info-grafiken beant-worten so wichtige Fragen wie: wer sind Hollywoods größte männliche Stars, gemessen an den Kassen-erfolgen in Amerika? Welches waren die 40 berühmtesten Schlecht-Wetter-Filme des amerikanischen Kinos? Welches waren die erfolgreichsten Cross-Dressing-Filme aller Zeiten? War Sylvester Stallone erfolgreicher als ROCKY oder als RAMBO? Von welchen 15 französischen Filmen wurden amerikanische Remakes gedreht? Wie groß waren die Altersunterschiede zwischen Lauren Bacall und Humphrey Bogart, als sie TO HAVE OR HAVE NOT drehten, zwischen Claire Bloom und Charlie Chaplin bei LIMELIGHT, zwischen Audrey Hepburn und Fred Astaire bei FUNNY FACE? Welcher Bond war der beste? Welche Filme, die nicht aus Amerika kamen, waren international am erfolgreichsten? Welche amerikanischen Präsidenten tauchen in mehr als drei Filmen auf? Wie alt sollte ein Schauspieler sein, um ein göttliches Wesen in einem Film darzustellen? Was verdienen die Mitwirkenden hinter der Leinwand, die im Nachspann von Filmen genannt werden, zum Beispiel Tonangler, Gaffer oder Tiertrainer? 100 Infografiken geben Antwort auf interessante und weniger interessante Fragen. Ein paar Rätsel sind auch dabei. Der deutsche Film kommt natürlich nur am Rande vor. Das Buch von Karen Krizanovich ist amüsant, auch informativ und gut gestaltet. Seine Zielgruppe sind Daten- und Faktensammler. Mehr zum Buch: fuer-besserwisser/index.html

Memoryscapes

2014.Memoryscapes14 Texte kreisen in diesem Buch assoziativ oder analytisch um Filmformen der Erinnerung. Sie sind das Resultat einer Tagung, die 2011 in Basel stattgefunden hat, und jetzt, teilweise über-arbeitet, vom Diaphanes Verlag in Zürich publiziert wurden. Ich nenne neun Beiträge, die mir besonders gut gefallen haben. Heike Klippel schreibt über „Gedächtnis und Kino um 1900“ und konkretisiert dies mit dem Film LE MYSTÈRE DES ROCHES DE KADOR (1912) von Léonce Perret, in dem die traumatisierte Protagonistin Suzanne ihr Gedächtnis über eine Filmleinwand wiederfindet. Perrets Film, den ich leider nicht kenne, spielt auch in Pasi Väliahos Essay „Die Gedächtnispolitik des Kinos“ eine zentrale Rolle. Die Film-im-Film-Szenen scheinen in ihrer Doppelreflexion fast avantgardistisch zu sein. Bei Matthias Wittman (sein Text trägt den Titel „You can’t put your arms around a memory“) geht es um filmische Gesten des Erinnerns, er fokussiert dies auf die Hände und wählt als wichtiges Filmbeispiel ORLACS HÄNDE (1924) von Robert Wiene. Akira Mizuta Lippit („Medium Desaster 311“) beschreibt den Umgang mit der Zukunft im jüngeren japanischen Film, bezieht sich vornehmlich auf den Film AFTER LIFE (1999) von Hirokazu Kore-eda und stellt eine Verbindung her zur Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011. Vorbildlich finde ich Daniel Eschkötters Analyse des Films SHOCK CORRIDOR (1963) von Samuel Fuller („Bilder der Welt und Inschriften von Kino und Geschichte“), weil er die schwarzweißen Filmbilder als traumatische Gegenwart interpretiert und mit den farbigen Phantomerinnerungen konfrontiert. Johannes Binotto erinnert in seinem klugen Text „There are no subbasements“ an den Film MIRAGE (1965) von Edward Dmytryk und schlägt einen Bogen zu Martin Scorseses GANGS OF NEW YORK (2002). Um Alfred Hitchcock geht es bei Sulgi Lie („Anamorphosen des Affekts“). Drei Filme werden zur Akusmatik der Erinnerung beispielhaft analysiert: REBECCA (1940), SPELLBOUND (1945) und MARNIE (1964). Empfindungen, Formen und Farben spielen hier eine große Rolle. Ute Holl widmet sich drei neueren Filmen, um die Erinnerung im post-digitalen Kino zu thematisieren: LA VIE NOUVELLE (2002) von Philippe Grandrieux, LA CAPTIVE (2000) von Chantal Ackerman und FILM SOCIALISM (2011) von Jean-Luc Godard. Auf der Basis eigener Erfahrungen beschreibt Michael Rohrwasser, was passiert, wenn man verschiedene Filme mehrfach sieht, wie sich der Blick verändert, wie Erinnerung und Gegenwart ineinander fließen. Ein wunderbarer Text und: ein sehr empfehlenswertes Buch. Mehr zum Buch:

Rausch

2015.RauschDies ist das 60. Jahrbuch zum Schweizer Film. Das ist für die Herausgeber „ein Grund sich zu berauschen an der Beständigkeit dieses Projekts“. So ist diesmal das Thema Rausch angesagt, womit einerseits der Kinorausch gemeint ist, aber auch die Wirkung vieler Drogen. Die Textbeiträge handeln vom Bilderrausch im frühen Film (Autorin: Stephanie Werder), vom binären Code des Rausches bei William Burroughs und Anthony Balch (Autor: Lars Nowak), von Rausch und Dschungel im Film („TROPICAL MALADY and beyond“ von Tina Kaiser), vom filmischen Rausch und Verfremdung (Autor: Simon Meier), von Formen audiovisueller Berauschung (Autorin: Sonja Kirschall), vom Rauschen der Vergangenheit („THE GREAT GATSBY und die Rückkehr des Melodrams“ von Rasmus Greiner), vom Rausch im Jugendfilm („Zwischen Smells Like und Teen Spirit“ von Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber), vom Rausch als filmischem Denkmodell („Zur Analogie von Film und Bewusstsein“ von Hauke Lehmann), von Bildern des berauschten Fahrens („Zur Geschichte einer audiovisuellen Metapher“ von Julian Lucks) und von dem Schweizer Film CONTRE L’ABUS DU SCHNAPS (1929), in dem damals gegen den Missbrauch des Alkohols gekämpft wurde. Viele Abbildungen in bester Qualität lockern die Texte auf. Der Anhang informiert über das Schweizer Filmschaffen 2013/2014, über Umbrüche in der Festivallandschaft (Text von Sirkka Möller) und über Schweizer Filmförderung (Text von Bettina Spoerri). Mehr zum Buch: cinema-60-rausch.html