Friedhof Montparnasse

Bei unserem letzten Paris-Besuch im Dezember 2013 haben wir den Friedhof Père-Lachaise besucht. Dort sind u.a. die Filmregisseure Georges Méliès, Max Ophüls, Marcel Camus, Claude Chabrol, Maurice Tourneur, die Schauspielerin Simone Signoret, die Schauspieler Jean-Pierre Aumont, Pierre Brasseur und Yves Montand, die Sängerinnen Maria Callas und Edith Piaf, der Pantomime Marcel Marceau, der Dichter Marcel Proust und der Philosoph Gilles Deleuze begraben.

2014.Montparnsaa aus der LuftDiesmal haben wir uns für den Besuch des Friedhofs Montparnasse entschieden. Dort sind viele Regisseure, Schauspiele-rinnen und Schauspieler bestattet worden, denen wir uns verbunden fühlen. So haben wir die Gräber von Jacques Becker, Jacques Demy, Marguerite Duras, Joris Ivens, Maurice Pialat, Man Ray, Eric Rohmer, Claude Sautet, von Philippe Noiret (Skulptur eines Hundes auf der Platte), Jean Seberg (Fotos unter der Grabplatte, viele frische Blumen auf der Platte), Delphine Seyrig, von dem Komponisten Georges Auric, dem Gründer der Cinémathèque, Henri Langlois (origineller Grabstein mit einer Filmfotomontage), der Fotografin Gisèle Freund (schlicht), der Autorin Susan Sonntag (auch schlicht, Blumen) gesucht und gefunden, und weil uns ja nicht nur Filmmenschen interessieren, waren wir auch an den Gräbern von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Serge Gainsbourg (Sammelsurium von Metro-Fahrscheinen, Blumen, Liebesbriefen und anderen Devotionalien), Charles Baudelaire, Samuel Beckett und Eugène Ionesco. Der Friedhof ist ein Labyrinth, zwischen den Gräbern kann man sich in einigen Bereichen kaum bewegen, die Namen auf den Grabplatten sind oft nicht zu erkennen, kleine Wegweiser helfen bei der Orientierung oder ältere Passanten geben Ratschläge. Angeregt durch einen Text von Gerhard Midding (autorenblogs/2014/4pa2014) haben wir auch nach dem Grab von Alain Resnais gesucht und waren erfolgreich ganz in der Nähe von Philippe Noiret; die Inschrift hat noch provisorischen Charakter. Bei unserem nächsten Paris-Aufenthalt werden wir den Friedhof Montmartre besuchen. Dort ist auch François Truffaut begraben.

Michael Althen

2014.AlthenHeute wäre Michael 52 Jahre alt geworden. Er ist im Mai 2011 gestorben, aber er ist seither in keinem Moment vergessen. Sein Freund und Kollege Claudius Seidl hat jetzt im Blessing Verlag einen Band mit 75 Texten von Michael herausgegeben. Die Lektüre macht erneut klar, wie wunderbar dieser Autor die Welt des Kinos für uns öffnen konnte, wie er mit seinem liebevollen Blick die Qualitäten eines Films zu erkennen und zu beschreiben verstand. Bei dem Film DEM HIMMEL SO FERN von Todd Haynes konzentriert er sich nur auf die Hauptdarstellerin Julianne Moore und, im letzten Absatz, auf die Verbindung zu Douglas Sirk. Bei GABRIELLE von Patrice Chereau geht es ihm eigentlich nur um die Schauspielerin Isabelle Huppert, und doch ist im Text der ganze Film präsent. Seine Zuneigung zum „Universum“ von Helmut Dietl polarisiert sich in einer Eloge über die MÜNCHNER GESCHICHTEN und MONACO FRANZE und einem differenzierten Verriss von LATE SHOW. Man spürt dabei die Enttäuschung über den misslungenen Film. Michael holte – oft in der Form einer DVD-Kritik – fast vergessene Filme wie UNTER DEN BRÜCKEN von Helmut Käutner oder JONAS von Ottomar Domnik in die Gegenwart. Er fühlte sich dem klassischen Hollywood und dem New Hollywood verbunden. Er hatte Lieblingsschauspieler (zum Beispiel Dean Martin und Robert Mitchum, über beide hat er ein Buch gemacht), und er konnte seine Liebe in Worten ausdrücken, auch wenn es sich um einen Nachruf handelte, der unter Zeitdruck zu schreiben war. Zwölf Schauspielerinnen- und Schauspieler-Porträts sind im Buch nachgedruckt: Jacqueline Bisset, Marlon Brando, Tom Cruise, Catherine Deneuve, Clint Eastwood (mit Verweisen auf seine Regiefilme), Audrey Hepburn, Dean Martin, Robert Mitchum, Jeanne Moreau, Frank Sinatra, James Stewart, Sharon Stone. Es gibt Nachrufe zu lesen auf Michelangelo Antonioni, Blake Edwards, Bernd Eichinger und den Autor Jörg Fauser, zwei Essays zum Werk von Veit Harlan und Stanley Kubrick und eine Medienreflexion zum 11. September 2001. Jeder Text hat es verdient, in diesem Buch abgedruckt zu werden. Am Ende, unter der Kapitelüberschrift „Lehrer“, würdigt Michael die Publizistin Frieda Grafe (anlässlich ihrer postumen Werkedition) und verabschiedet sich mit einem Nachruf von dem SZ-Filmredakteur Peter Buchka. Tom Tykwers Vorwort ist eine sehr persönliche Verneigung vor dem Filmkritiker Michael Althen. Mehr zum Buch: Michael-Althen/e451779.rhd . Morgen wird im Deutschen Theater in Berlin zum dritten Mal der „Michael Althen-Preis“ verliehen. Ausgezeichnet wird in diesem Jahr der Journalist und Blogger Hans Hütt. Mehr zum Preisträger: 13201108.html

Joan Baez

2014.DVD.BaezSie ist die wohl berühmteste amerikanische Folk-Sängerin, ihre Verehrerinnen und Verehrer lieben sie aber auch für ihr politisches Engament. Schon früh hat sie für Pazfismus und gegen Rassentrennung demonstriert und ließ sich dafür ins Gefängnis einsperren. Joan Baez (*1941) ist längst ein Mythos, aber es gibt bisher nur einen Dokumentarfilm über sie. Er stammt von Mary Wharton, wurde 2008/09 während einer Welttournee von Baez realisiert, 2010 von Arte ausgestrahlt und liegt jetzt auf einer DVD von Absolut Medien vor. In einem ausführlichen Interview, das den Film strukturiert, erzählt die Sängerin von ihrer Kindheit und Jugend, vom künstlerischen Aufstieg, vom Engagement in der Bürgerrechtsbewegung, von der Zeit mit Bob Dylan, von ihrer Mutterschaft, der Heirat mit dem Bürgerrechtler David Harris, der Scheidung, von ihren Auftritten als Sängerin und als Kämpferin für Gewaltlosigkeit. Sie engagierte sich gegen den Vietnamkrieg, für humanitäre Aktionen in Kambodscha, gegen Diktaturen in Lateinamerika, für die friedliche Revolution in der Tschechoslowakei. Die Verbindung von Musik und Politik hat ihr Leben geprägt. In dem 90-Minuten-Film, in der Mischung von Liedern, Interviews und Dokumentaraufnahmen, wünschte man sich manchmal mehr Zeit für die Musik. Aber im Leben von Joan Baez gab es zu viele wichtige Ereignisse und zu wenig Ruhepunkte. „How Sweet the Sound“ ist der zweite Titel des Films. Aber es ist nur die eine Seite ihres Lebens. In der deutschen Fassung wird mit Off-Stimmen und Untertiteln gearbeitet. Die DVD enthält natürlich auch Extras: Interviews und eine Performance in Cambridge 1958. Mehr zur DVD: thema&list_item=53

Twist Endings

2014.Twist EndingsEine Dissertation aus Kiel. Willem Strank hat sich in die Geschichte jener Film-Enden vertieft, die den gesamten Film zum Schluss durch eine oder mehrere Informationen umdeuten und die Zuschauer damit überraschen. Ein Musterbeispiel ist der Film THE SIXTH SENSE (1999). In der Kommentierten Filmografie am Ende des Buches gibt es 448 Titel, die der Autor unter den Kategorien „Twist Endings“ oder „Surprise Endings“, als Sonderfälle oder Grenzfälle einstuft, 146 davon definitiv als Twist Endings. In den letzten Jahren ist ihre Zahl steigend. In der Dissertation von Thomas Christen („Das Ende im Spielfilm, Schüren 2001) kommt das Twist Ending noch gar nicht vor. Willem Strank schafft zunächst die theoretischen Grundlagen des Begriffs und schildert die historische Entwicklung an acht Beispielen, darunter DAS CABINET DES DR. CALIGARI, DEAD OF THE NIGHT, LES DIABOLIQUES, THE SIXTH SENSE und SHUTTER ISLAND. Sein umfangreichstes Kapitel ist den Typen des Twist Endings gewidmet. Er unterscheidet zwischen „Wake-up Twist“ (zum Beispiel in JACOB’S LADDER von Adrian Lyne), „Set-up Twist“ (THE GAME von David Fincher), „Perziptivem Twist“ (THE OTHERS von Alejandro Amenábar) und „Narrativem Twist“ (THE VILLAGE von M. Night Shyamalan). Natürlich gibt es auch Mischformen und Sonderformen, Grenzgänge und erzählerische Varianten. Bei seinen Recherchen hat der Autor über 3.000 Titel geprüft und über 400 Filme gesichtet. Man spürt beim Lesen seine Fähigkeit, konkret zu erzählen, Bilder zu beschreiben, Handlungen zu komprimieren und an Protagonisten fest zu machen. Das gelingt ihm sogar am theoretisierenden Schluss, als es um „Twist Ending als intertextuelles Phänomen“ geht – und er die drei filmischen Adaptionen von Ambros Bierce’ „An Occurence at Owl Creek Bridge“ (Regie: Charles Vidor, Robert Stevenson, Robert Enrico) beispielhaft analysiert. Und niemand wird nach Lektüre des Buches annehmen, dass der Autor generell nur an den Enden der Filme interessiert ist. Coverfoto: SHUTTER ISLAND. Mehr zum Buch: twist-endings.html

François Truffaut

2014.Truffaut neuIn der Cinémathèque française in Paris ist seit gestern eine Ausstellung über Leben und Werk von François Truffaut zu sehen. Er starb vor dreißig Jahren, im Oktober 1984. In den 60er und 70er Jahren gehörte er natürlich zu meinen Lieblingsregisseuren. Für den ersten Band der blauen „Reihe Film“ habe ich die Daten recherchiert, sein Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ ist noch immer ein Klassiker der Filmliteratur. Aber ich habe lange keinen Truffaut-Film gesehen. Das wird sich jetzt ändern, denn die Ausstellung macht die Filme so präsent, dass ich sie mir alle in den nächsten Wochen anschauen möchte. Wenn man durch die Räume in der fünften Etage der Cinémathèque in der Rue de Bercy wandert, sieht man unendlich viele Exponate, die sich weitgehend auf Truffauts Arbeiten konzentrieren. Ein bisschen Kindheit und Jugend und schon nimmt das Kino Besitz von seinem Leben, zunächst als Filmkritiker (eine Wand zeigt nur Umschläge der Cahiers du Cinema), dann als Regisseur, Autor und Produzent. Das Büro seiner 1957 gegründeten Firma „Les Films du Carosse“ wirkt in der Rekonstruktion authentisch, es wird von Filmfotos und einem Schreibtisch dominiert. Seine Schreibmaschine hat fast überdimensionale Ausmaße. Und schon sind wir mit Ausschnitten aus LES QUATRE CENTS COUPS konfrontiert, mit Filmfotos, Briefen, Drehbuchseiten, Arbeitsfotos. Ein Raum stellt Truffaut in den Zusammenhang der Nouvelle Vague, er verweist auf Godard, Chabrol, Rivette, Rohmer. Dann richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Antoine Doinel-Zyklus. Es folgt der zentrale Raum mit dem Titel „Passions amoureuses“, der an elf Filme erinnert, von TIREZ SUR LE PIANISTE bis LE DERNIER METRO. Auch hier sieht man Fotos, Dokumente, Filmausschnitte. Ein kleiner Nebenraum thematisiert Truffauts Beziehung zur Musik, ein anderer seine Arbeit mit Kindern. Dann geht es um „London, New York, Los Angeles, Tokio“, um Truffauts Arbeit und Präsenz im Ausland, um FAHRENHEIT 451, den Oscar für LA NUIT AMERICAINE, die Ehrung des AFI für sein Hitchcock-Interview, die Zusammenarbeit mit Steven Spielberg 1977 bei CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND (dokumentiert in Fotos und einem Spielberg-Interview). Im letzten Raum sagen 14 junge Schauspielerinnen und Schauspieler im Jahr 2014 auf großer Leinwand, was sie von Truffaut wissen und warum sie ihn verehren. Eine Thematisierung seines Todes 1984 ist ausgespart, ein paradigmatischer Nachruf fehlt. Vielleicht sollte man am Ende noch einmal zurück durch alle Räume gehen. Aber man verlässt das Haus ohnehin mit dem Gefühl, Truffaut sei noch am Leben, er habe nur drei Jahrzehnte keinen Film mehr gemacht. Mehr zur Ausstellung: /francois-truffaut/

2014.Katalog TruffautDer Katalog, herausgegeben vom Direktor der Cinémathèque française, Serge Toubiana, folgt weitgehend der Struktur der Ausstellung, enthält zahlreiche Abbildungen in akzeptabler Qualität, viele eigenständige Texte und eine detaillierte Filmografie. Er ist erschienen im Verlag Flammarion und kostet in der Ausstellung 35 €. Die Ausstellung ist noch bis 25. Januar 2015 zu sehen. Man wünscht ihr Gastspielreisen in andere Filmmuseen der Welt.

 

Abbas Kiarostami

2014.KiarostamiEr gehört zu meinen Lieblings-regisseuren, seitdem ich 1990 auf dem Münchner Filmfest WO IST DAS HAUS MEINES FREUNDES? gesehen habe. 2003 haben wir ihm (Jury: Barbara Klemm, HHP, Jan Schütte) in der Akademie der Künste den Konrad-Wolf-Preis verliehen. Die Laudatio hielt damals Wolfram Schütte. Jetzt ist im Schüren Verlag als Band 50 der „Marburger Schriften zur Medienforschung“ ein Buch über den iranischen Regisseur Abbas Kiarostami (*1940) erschienen, herausgegeben von Silke von Berswordt-Wallrabe und Oliver Fahle. Es basiert auf einer Konferenz, die im November 2012 in Bochum stattgefunden hat. Sieben Texte analysieren aus unterschiedlichen Perspektiven Aspekte seines Werkes. Pedram Sadough verortet Kiarostami im Neuen Iranischen Kino, Lorenz Engell konzentriert sich auf den Film QUER DURCH DEN OLIVENHAIN, Oliver Fahle beschreibt das Dokumentarische in CLOSE-UP, Ursula Frohne reflektiert über Zeitsemantiken in DER WIND WIRD UNS TRAGEN, Silke von Berswordt-Wallrabe stellt die Verbindungen von Fotografie und Film in Kiarostamis Werk her, auch bei Annette Urban geht es um die das Fotografische mit der Erweiterung um die zeitgenössischen Konzept- und Videokunst, François Fronty analysiert die Ellipsen in Kiarostamis bisher letztem Film LIKE SOMEONE IN LOVE. Der Band wird abgeschlossen mit einem interessanten Gespräch, das Bert Rebhandl mit dem Regisseur geführt hat, fokussiert auf die Filme COPIE CONFORME und LIKE SOMEONE IN LOVE, gefolgt von einigen Nachgedanken des Autors Rebhandl. Mit diesem Buch ist ein Anfang gemacht, das Werk Kiarostamis auch für die Interessenten in unserem Land zu erschließen. Coverfoto von Abbas Kiarostami aus der Werkgruppe Rain and Wind. Mehr zum Buch: die-erzeugung-von-sichtbarkeit.html

Film im Kalten Krieg

2014.KKIm Goethe-Institut in Paris wird heute das Buch „Der deutsche Film im Kalten Krieg“ präsentiert, das Christin Niemeyer und Ulrich Pfeil herausgegeben haben. Von mir stammt das Vorwort, und ich nehme an dem Gespräch teil. Das Thema ist mir seit der Berlinale-Retrospektive 1991 vertraut. – Ulrich Pfeil, Historiker an der Universität Metz, hat eine sehr informative Einführung verfasst. In drei Kapiteln sind insgesamt 16 Texte zu lesen, beginnend mit Henrike Zentgrafs Hinweisen auf die Filme über die Nürnberger Prozesse, die in Ost und West ganz unterschiedliche Akzente setzten. Thomas F. Schneider schreibt über G. W. Pabsts DER LETZTE AKT (1955) als pazifistische Positionierung im Kalten Krieg. Jens Liebich beschäftigt sich mit dem DEFA-Spionagefilm FOR EYES ONLY (STRENG GEHEIM) von János Veiczi (1963), Kathrin Nachtigall analysiert Szenen und Räume in dem zweiteiligen ERNST THÄLMANN-Film von Kurt Maetzig (1954/55), Václav Smidrkal referiert über das Filmstudio der Nationalen Volksarmee, und Christin Niemeyer informiert über Produktionshintergründe bei DEFA-Märchenfilmen, speziell bei DORNRÖSCHEN von Walter Beck (1970). Die sechs Texte stehen unter der Kapitelüberschrift „Zwischen Propaganda, Ideologieproduktion und politischer Ästhetik“. Es folgen vier Texte zum Thema „Teilung und Mauer im Film“. Christoph Classen erinnert an den Kalten Krieg in Spielfilmen und Fernsehfilmen der frühen Bundesrepubik, Matthias Steinle sieht „Die Mauer als filmischen Glücksfall“ in westdeutschen Produktionen, bei Diane Barbe geht es um die Mauer aus westlicher und östlicher Sicht, Karsten Forbrig konzentriert sich auf den späten DEFA-Film DIE ARCHITEKTEN von Peter Kahane (1989/90). Das dritte Kapitel heißt „Filmbeziehungen über den Eisernen Vorhang hinweg“ und enthält noch einmal sechs Texte. Dario Marchiori stellt die Aufbrüche im westdeutschen Film nach dem Oberhausener Manifest zur Diskussion, Andreas Kötzing berichtet über die Teinahme der DDR an den Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen in den 1950er Jahren, Caroline Moine informiert über den Umgang mit kubanischen Filmen in Europa in den 1970er Jahren, Perrine Val beschäftigt sich mit der Rezeption der Chile-Filme des DDR-Studios H & S in Frankreich, Maria Fritsche positioniert das österreichische Nachkriegskino im Kalten Krieg der Jahre 1946 bis 1955, und Corine Defrance hat das Privileg einer Konklusion. Nur der Text über die THÄLMANN-Filme enthält Abbildungen. Mehr zum Buch: ncordeid=574180

Henri Cartier-Bresson

2014.DVD.Cartier-BressonEr war einer der großen Fotografen des 20. Jahrhunderts, stilbildend in vieler Hinsicht, Mitbegründer der Fotoagentur Magnum, und er hatte ein langes Leben: geboren 1908, gestorben 2004. Pierre Assouline hat vor zwei Jahren für Arte einen Dokumentarfilm über Cartier-Bresson gedreht, jetzt gibt es bei Absolut Medien die DVD. Natürlich bilden die Fotos das Zentrum des Films, begleitet von einem Ich-Kommentar, der zunächst über die wichtigsten Lebensstationen informiert und dann eine persönliche Philosophie des Berufs entfaltet. Das sind Sätze wie: „Fotografieren heißt: den Kopf, das Auge und das Herz in eine Schusslinie zu bringen… Es ist eine Art zu leben… Es zählt nur der Augenblick… Meine Freiheit ist der Bildausschnitt…“ Cartier-Bresson wurde erst 1946 „Berufsfotograf“, aber er hatte schon seit 1930 fotografiert, geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und konnte erst nach drei Jahren fliehen. Er fuhr 1947/48 nach Indien und traf Ghandi kurz vor dessen Ermordung; er reiste 1949/50 nach China, als Mao Tse-tung die Volksrepublik ausrief. Er besuchte 1954 als einer der ersten westlichen Fotografen die Sowjetunion. Von all diesen Stationen zeigt der Film Fotos. Und es gibt Ausschnitte aus Filmen, die Cartier-Bresson gedreht hat: VICTOIRE DE LA VIE (1937), LE RETOUR (1945), SOUTHERN EXPOSURES und CALIFORNIA IMPRESSIONS (1970). Er war vor allem ein Meister der Reportage, fotografiert in Schwarzweiß, mit der Leica: Menschen, Ereignisse, auch Alltagssituationen, spezielle Gesten, Haltungen, Blicke, Symmetrien, vor allem geprägt vom Licht. Aber er liebte auch die Porträtfotografie, und der Film zeigt viele herausragende Aufnahmen von Dichtern, Malern, Politikern, Filmkünstlern. Diese Dokumentation ist das gelungene Porträt eines Jahrhundertfotografen. Mehr zur DVD: thema&list_item=53

Kastelau – ein Roman

2014.KastelauVor drei Jahren hat der Schweizer Autor Charles Lewinsky den Roman „Gerron“ publiziert, der einige Tage des Schauspielers Kurt Gerron im KZ und im persönlichen Rückblick auch sein Leben in fiktionaler Form rekapituliert. Auch Lewinskys neuer Roman „Kastelau“ ist ein fiktiver Blick in die deutsche Filmszene 1944/45. In einer raffinierten Montage erzählt er die Geschichte eines Filmteams, das aus dem bombenbedrohten Berlin in die Idylle des bayerischen Dorfes Kastelau reist, angeblich um dort den Film „Lied der Freiheit“ zu drehen, in Wahrheit, um das Kriegsende abzuwarten. Die Dorfidylle wird zum psychischen Kriegsschauplatz, am Ende wird der Drehbuchautor offenbar von einem Schauspieler erschossen. In einem Prolog erfahren wir, dass im Juni 2011 der amerikanische Filmforscher Samuel A. Saunders, nachdem er auf dem Hollywood Boulevard in L.A. den Stern des Schauspielers Arnie Walton beschädigt hatte, von der Polizei angeschossen wurde und an einem Herzinfarkt gestorben ist. Saunders hinterließ die Fragmente einer Dissertation. Thema dieser Dissertation war das Leben des Schauspielers Arnie Walton, der unter dem Namen Walter Arnold in Deutschland 13 Filme gedreht hatte – zuletzt wirkte er an dem Filmprojekt „Lied der Freiheit“ mit – , dann in die USA emigrierte und dort zum Star wurde. Saunders hatte bei seinen Recherchen herausgefunden, dass Arnold in Kastelau wohl den Drehbuchautor Walter Wagenknecht erschossen hat. Uns Lesern wird die Geschichte aus mehreren Perspektiven erzählt: in der Form eines Interviews von Saunders mit der Schauspielerin Tiziana Adam, die zum Team in Kastelau gehörte, in Tagebucheintragungen des Drehbuchautors Wagenknecht, in Auszügen aus dem Manuskript von Saunders, in Drehbuchzitaten und verschiedenen anderen Dokumenten. Diese Montage liest sich spannend, die Einzelteile sind in ihrem jeweiligen Stil (insbesondere im Interview mit Tizi Adam) sehr prägnant, und der Blick zurück in die letzten Monate der Nazizeit ist erstaunlich informativ. – Natürlich erinnern wir uns daran, dass der Autor Erich Kästner die letzten Monate vor Kriegsende mit einem Filmteam in Mayrhofen in Tirol verbracht hat, um dort das Filmprojekt „Das falsche Gesicht“ zu realisieren. Darüber gibt es seine Tagebuchaufzeichnungen „Notabene 45“. Im Unterschied dazu sind Lewinskys Texte pure Fiktion. Mehr zum Buch: 978-3-312-00630-4/

Doris Dörrie

2014.DörrieDies ist die erste Publikation über die Autorin und Filmemacherin Doris Dörrie (*1955). Das klingt erstaunlich, denn ihre Filmografie, beginnend mit dem schönen Dokumentarfilm OB’S STÜRMT ODER SCHNEIT (1976), umfasst inzwischen 35 Titel und dazu gehören auch viele sehr erfolgreiche Filme. Fabienne Liptay hat als Herausgeberin das neueste Heft der „Film-Konzepte“ betreut, das sieben Texte und ein Gespräch enthält. Jörn Glasenapp schreibt über Regression in dem Film MÄNNER, Rudi Gaul über das Motiv der Nacktheit und das Ablegen des Kostüms in verschiedenen Filmen von Doris, Susanne Marschall über ihre Kunst, spirituelle Filme zu drehen (zum Beispiel ERLEUCHTUNG GARANTIERT und KIRSCHBLÜTEN – HANAMI), Stefan Keppler-Tasaki und Seiko Tasaki über Doris in Japan, Olga Havenetidis über die Milieustudie DIE FRISEUSE, Klaudia Wick über die Miniserie KLIMAWECHSEL und Katharina Eyssem über eine Studienreise mit Doris nach Bulgarien, in ein Dorf in Transsilvanien. Das sehr kluge Gespräch (Titel: „Die schwere Arbeit an den leichten Momenten“) führte die Herausgeberin Fabienne Liptay. Dazu: Biografie und Filmografie. Wieder ein gelungenes Heft der „Film-Konzepte“ und endlich die längst überfällige Würdigung von Doris Dörrie. Coverfoto: KIRSCHBLÜTEN – HANAMI. Mehr zum Heft: VCk26hyWFgs