Signaturen der Erinnerung

ballhausen_cover.indd„Über die Arbeit am Archiv“ heißt, relativ nüchtern, der Untertitel dieser Publikation. Ihr Autor, Thomas Ball-hausen (*1975), leitete das Studienzentrum des Film-archiv Austria, ist  auch in den Bereichen Literatur und andere Künste tätig, war vor fünf Jahren zum Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen, schreibt Prosa, gibt Phantastikliteratur heraus, übersetzt, zeichnet Comics. Er ist alles andere als ein prototypischer Archivar. Sein weiter Horizont und sein kreativer Anspruch prägen auch diese Publikation. Sie beginnt und endet mit einem Song („on the different meanings of being framed“). Dann reflektiert sie im ersten Kapitel („Aufrisse und Plateaus“) Aspekte der Theorie, Geschichte und Funktion der (Film-)Archive, formuliert Konditionen des Bewahrens, verbindet Erinnerungsdiskurs und Archivsystem, referiert kurz die internationale Geschichte der Filmarchive, blickt auf „audio-visuelle Bestände“, formuliert Gedanken zur „Politik des Archivs“, trennt Preservation und Präsentation, erinnert an den „Brighton-Effekt“ mit der Rückbesinnung auf den frühen Film und schließt mit den Begriffen „Narrativität“ und „Temporalität“. Das zweite Kapitel betitelt der Autor „Regeln und Relationen“. Es beginnt 1895 mit Pöch, Freud, Röntgen und dem Kino. Der folgende Teil über „Filmzensur als historisches und quellenkundliches Element“ ist relativ umfangreich. Um den Horrorfilm geht es dann mit dem „Körper als Austragungsort“. Mit dem Film FANTOMAS (1931) von Paul Fejos und seiner Vorgeschichte (Louis Feuillade) wird das Verhältnis Stummfilm/Tonfilm thematisiert. Es folgen: der Pornofilm, der Avantgardefilm, der Film Noir, der Punk Film, eine kurze Analyse von 28 DAYS LATER und ein Blick auf den aktuellen japanischen Horrorfilm. Im dritten, abschließenden Kapitel („Prophetie und Poetik“) verknüpft Ballhausen Choreografie und Archiv. Seine Absicht insgesamt: das Archiv aus einer Enge zu befreien, neue Verbindungen herzustellen, das Denken zu erweitern. Er nimmt uns auf eine interessante Reise mit. Man muss ihm nur folgen. Mehr zum Buch: signaturen-der-erinnerung.html

Die Fotografin Eve Arnold

2015.Eve ArnoldSie war eine der großen Fotografinnen des 20. Jahr-hunderts. Als Eve Arnold am 4. Januar 2012 in London starb, war sie 99 Jahre alt. In München, London und San Francisco wurden Aus-stellungen zu ihrem 100. Geburtstag vorbereitet. Die hat sie knapp verpasst. 1951 wurde sie als erste Frau Mitglied bei der Fotoagentur „Magnum“. Manchen Männern war das damals wohl nicht recht. Heute gilt sie als Star. „Magnum Legacy“ heißt eine neue Publikations-reihe im Prestel Verlag, und der erste Band ist Eve Arnold gewidmet. Er erscheint mir vorbildlich in der Balance zwischen Text und Bildern. Wir haben es hier nicht mit einem klassischen Fotobuch zu tun, sondern mit einer Werkbiografie, in der dem Text eine große Bedeutung zukommt. Er stammt von der amerikanischen Kriegsreporterin Janine di Giovanni, die sich intensiv in das Privatarchiv von Eve Arnold eingearbeitet hat, Tagebücher, Briefe und Dokumente auswerten durfte und sechs sehr kluge, zugeneigte Kapitel verfasst hat: 1. Born Poor in America. 2. A Passionate Personal Approach. 3. A New Life in London. 4. At Home in the World. 5. Think in Chinese, Look in Chinese. 6. A Broad Sende of Life. Natürlich sind Arnolds Fotos von Marlene Dietrich, Joan Crawford und Marilyn Monroe bekannt. Sie war zwei Monate bei den Dreharbeiten zu THE MISFITS vor Ort in der Wüste von Nevada und genoss das Vertrauen von Marilyn wie keine andere Fotografin. Aber sie interessierte sich auch für ganz andere Themen, für das Leben in China, für Prostituierte in Kuba, für südafrikanische Minenarbeiter. Sie hatte ein Herz für Benachteiligte. Andererseits standen vor ihrer Kamera auch Jacqueline Kennedy, Malcolm X, Margaret Thatcher und die Queen. Sie fotografierte zunächst in Schwarzweiß, dann in Farbe, dann digital. Und meist sind es die Augen, die uns auf den Fotos besonders faszinieren. Ein tolles Buch! Mehr dazu: 452588.rhd?pub=58500

Drei Filme von Antonio Skármeta

2015.DVD.SkármetaDer Schriftsteller Antonio Skármeta (*1940) war ein Anhänger Salvador Allendes, musste nach dem Militärputsch 1973 Chile verlassen und lebte bis 1989 im Exil in Westberlin. Er schrieb Drehbücher für Peter Lilienthal (LA VICTORIA, ES HERRSCHT RUHE IM LAND), war Dozent an der DFFB (dort lernte ich ihn 1974 kennen) und konnte mit Unterstützung des Produzenten Joachim von Vietinghoff in den 1980er Jahren drei Filme realisieren, die jetzt in der „Edition Filmmuseum“ auf DVD erschienen sind. MIT BRENNENDER GEDULD (1983) erzählt poetisch und humorvoll von der Freundschaft des chilenischen Dichters Pablo Neruda zu einem Dorfbriefträger. Sie endet 1973 mit Nerudas Tod und der Verhaftung des Briefträgers. Die beiden Hauptdarsteller Roberto Parada (Neruda) und Óscar Castro (der Briefträger Mario) sind beeindruckend. Gedreht wurde der Film in Portugal. Skármeta hat aus dem Stoff noch einen Roman gemacht, der 1994 von Michael Radford mit Philippe Noiret und Massimo Troisi verfilmt wurde (IL POSTINO). – In dem Familiendrama ABSCHIED IN BERLIN (1984) unternimmt ein gelähmter Großvater mit seiner Frau den vergeblichen Versuch, aus der Berliner Exilwohnung auszubrechen und in sein Heimatland zurückzukehren. Die Odyssee durch Westberlin endet mit der Rückkehr in die Familie. Auch hier gibt es – bei aller Dramatik der Geschichte – viele poetische und humorvolle Szenen. – WENN WIR ZUSAMMEN-LEBTEN (1983) ist ein Tagebuchfilm, der von Skármetas Begegnungen mit lateinamerikanischen Künstlern in Europa erzählt und Fragen nach den Arbeitsmöglichkeiten im Exil stellt. Es ist der persönlichste der drei Filme. Die DVD-Edition ist der Zusammenarbeit des Goethe-Instituts mit dem Filmmuseum München zu verdanken. Das Booklet enthält vier Texte von Antonio Skármeta, der im Übrigen von 2000 bis 2003 chilenischer Botschafter in Berlin war. Mehr zur DVD: Abschied-in-Berlin.html

Gespenster der Technokratie

2015.GespensterEine Dissertation der Universität Hildesheim. Lars Robert Krautschick untersucht, wie in Horror-filmen vor allem aus Japan in den letzten Jahren die neuen technischen Medien – Video, Mobiltelefon, Internet – zur Angst-erzeugung eingesetzt werden. Speziell das Telefon spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Wichtige Filmbeispiele sind für den Autor verschiedene RING-Filme von Hideo Nakata aus den Jahren 1998 bis 2005, KAIRO (2001) von Kiyoshi Kurosawa und CHAKUSHIN ARI (2003) von Takashi Miike. Die Szenenbeschreibungen sind jeweils sehr genau und konkret, sie werden immer wieder in den größeren Zusammenhang von Medienreflexionen gestellt, mit vielen Beispielen aus der Filmgeschichte verglichen und mit der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur konfrontiert. In die 826 Quellenverweise sind häufig noch spezielle Beobachtungen oder Erkenntnisse verlagert. Auch wenn mir die aktuellen Produktionen des Horror-Genres eher fremd sind: ich habe bei der Lektüre viel gelernt. Die Auflistung der Sekundärliteratur am Ende des Bandes ist umfangreich (52 Seiten). Die Abbildungen haben (wie immer bei Bertz + Fischer) eine beeindruckende Qualität. Band 10 der von Marcus Stiglegger herausgegebenen Reihe „Medien/Kultur“. Coverfoto: JU-ON von Takashi Shimizu. Mehr zum Buch: 101&products_id=448

Deutschsein (wieder-)herstellen

2015.DeutschseinImmer wieder steht das west-deutsche Kino der 1950er Jahre im Fokus von wissen-schaftlichen Untersuchun-gen. Die vorliegende Publi-kation ist die Dissertation, mit der Maja Figge an der Berliner Humboldt-Universität promoviert wurde. Die These der Autorin heißt: „Weiße Männlichkeit wurde als Vehikel der (Wieder-)Her-stellungsprozesse von Deutschsein benutzt.“ Im ersten Kapitel geht es dabei um das „racial melodram“ TOXI (1952) von Robert A. Stemmle, eine Familien-geschichte, in der ein „afrodeutsches Besatzungskind“ (damals sprach man von einem „Mulattenkind“) im Mittelpunkt steht. Der Film war im Kino erstaunlich erfolgreich, weil die Hauptdarstellerin Elfie Fliegert die Zuschauer (mich auch) sehr gerührt hat. Maja Figge untersucht dann zehn weitere Filme unter den Aspekten Heimat, Heldenbild, Exotik/Erotik und Körper/Bewegung: HEIMAT – DEINE LIEDER (1959) von Paul May, DIE GOLDENE PEST (1954) von John Brahm, DIE GROSSE VERSUCHUNG (1952) von Rolf Hansen, DER STERN VON AFRIKA (1957) von Alfred Weidenmann, EIN MANN GEHT DURCH DIE WAND (1959) von Geza von Radvanyi, LIANE – DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD (1956) von Edward von Borsody, MONPTI (1957) von Helmut Käutner, DIE HALBSTARKEN (1956) von Georg Tressler, DIE GROSSE CHANCE (1957) von Hans Quest und ALLE LIEBEN PETER (1959) von Wolfgang Becker. Als Forschungsschwerpunkte der Autorin sind u.a. „Race & Gender“ hervorgehoben. Ihre entsprechenden Beobachtungen werden in den Analysen konkretisiert und mit Zitaten aus der einschlägigen Literatur abgesichert. 185 Screenshots werden als Beweismittel genutzt. Die Bibliografie im Anhang ist umfänglich. Coverfoto: Screenshot aus ALLE LIEBEN PETER. Mehr zum Buch: deutschsein-wieder-herstellen?c=738

Prozessieren

2015.ProzessierenDer Medientheoretiker Friedrich Kittler (1943-2011) hat immer wieder von drei grundlegenden Medienfunktionen gesprochen: Übertragen, Speichern und Prozessieren. Übertragen heißt: räumliche Distanzen über-winden. Speichern bedeutet: Zeit überwinden und Inhalte bewahren. Über beide Phänomene ist inzwischen viel publiziert worden. Das jetzt erschienene Buch von Hartmut Winkler, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Paderborn, widmet sich der dritten Medienfunktion: dem Prozessieren. Es geht dabei – ausgelöst durch die Möglichkeiten des Computers – um Veränderung von Daten, ihre Umformung, ihre Verarbeitung, ihre Verknüpfung. Im ersten Kapitel schreibt der Autor über die „eingreifenden Veränderungen“, über Transformieren, Transkribieren, Übersetzen, über Metamorphosen und Wandlungen, über Transformation und Form, über Performativität und den Wandel durch Wiederholung, über Geformtes und Ungeformtes, über Schalten und Entscheiden, über Algorithmen und mathematische Transformationen, über die Rolle des Subjekts. Im zweiten Kapitel stellt er alle drei Medienfunktionen – also Übertragen, Speichern, Prozessieren – in ein Verhältnis und definiert ihren Zusammenhang. Im dritten Kapitel geht es um Operationen in Raum und Zeit. Winkler führt uns zielsicher durch eine Labyrinth theoretischer Meinungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse, stellt gelegentlich auch seine eigenen Thesen in Frage und beeindruckt durch den souveränen Umgang mit Begrifflichkeiten. Vor allem für Medienwissenschaftler eine nützliche Publikation. Coverabbildung: Collage nach einer Idee von Hartmut Winkler auf der Basis einer im Internet zirkulierenden Fotografie. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5841-4.html

The Use and Abuse of Cinema

2015.Use and AbuseIn zwanzig Texten durchquert mein Freund Eric Rentschler die deutsche Filmgeschichte von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart und gibt dabei auch wichtige Hinweise auf die Filmliteratur. Einige Texte waren mir bisher nicht bekannt, weil sie in den vergangenen drei Jahrzehnten in eher entlegenen Publikationen erschienen sind. Um auf das sehr lesenswerte Buch neugierig zu machen, liste ich hier die Themen der zwanzig Beiträge auf. 1. Die Tätigkeit von Rudolf Arnheim als Filmkritiker und sein theoretisches Buch „Film als Kunst“ (1932). 2. Der Essay „Erfahrungshunger“ von Michael Rutschky über die siebziger Jahre (1980) und seine Verbindung zu Siegfried Kracauers „Theorie des Films“. 3. Die Position von Karsten Witte (1944-1995) als Filmkritiker und Filmhistoriker. 4. Die Melodramen von Douglas Sirk und ihre späte Würdigung in der Bundesrepublik. 5. Das Buch „Die Ufa-Story: Geschichte eines Filmkonzerns“ von Klaus Kreimeier (1992). 6. Die Bergfilme von Arnold Fanck im Kontrast zu den „Straßenfilmen“ der 1920er Jahre. 7. Die Tonfilmkomödien der Weimarer Republik. 8. Die Trümmerfilme der Nachkriegszeit, speziell DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946) von Wolfgang Staudte. 9. Der westdeutsche Film der fünfziger Jahre. 10. Der Film BRUTALITÄT IN STEIN (1960) von Alexander Kluge und Peter Schamoni und Kluges Umgang mit deutscher Geschichte. 11. Die Filme DIE NIKLASHAUSER FART und RIO DAS MORTES (1970) von Rainer Werner Fassbinder. 12. Der Blick auf Amerika in STROSZEK (1977) von Werner Herzog und ALICE IN DEN STÄDTEN (1974) von Wim Wenders. 13. Die Bedeutung des Liedes „Ich hatt’ einen Kameraden“ in den Filmen TRIUMPH DES WILLENS (1935) von Leni Riefenstahl, MACHORKA-MUFF (1963) von Jean-Marie Straub, BERLIN ALEXANDERPLATZ (1980) von Rainer Werner Fassbinder und HEIMAT (1982) von Edgar Reitz. 14. Die Geschichten in den Kinofilmen von Alexander Kluge. 15. Die Bedeutung des Oberhausener Manifests (1962). 16. Die Wurzeln der „Berliner Schule“. 17. Der Film DREILEBEN (2011) von Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler. 18. Der Erfolg des Films DAS LEBEN DER ANDEREN (2006) von Florian Henckel von Donnersmarck. 19. Der Dokumentarfilm HARLAN – IM SCHATTEN VON JUD SÜSS (2008) von Felix Moeller. 20. Zwei Berlinalen: 1998 und 2013. In allen Texten spielen filmhistorische Verweise und Querverbindungen eine große Rolle. Immer wieder werden einzelne Filmszenen geschildert und zum Ausgangspunkt für analytische Befunde gemacht. Rick hat eine große Fähigkeit, Geschichte und Gegenwart zu verbinden. Ich bin sehr beeindruckt von der Publikation. Coverfoto: DIE MÖRDER SIND UNTER UNS. Mehr zum Buch: the-use-and-abuse-of-cinema/9780231073639

Die Leipzig-Filme von Andreas Voigt

2015.DVD.Voigt.LeipzigFünf dokumentarische Filme hat Andreas Voigt (*1953) zwischen 1986 und 97 in Leipzig gedreht, die uns ganz konkret und nah an den Menschen die gesellschaftlichen Veränderungen dieser Stadt in der Wendezeit miterleben lassen. Sie sind jetzt auf zwei DVDs bei Absolut Medien erschienen und unbedingt empfehlenswert. ALFRED (1986) porträtiert einen 76jährigen Altkom-munisten, der 1985 gestorben ist, vorwiegend mit Fotos, Tondokumenten und einer Spurensuche in den Arbeitervierteln von Plagwitz. Es war Voigts Abschlussfilm an der HFF Konrad Wolf. LEIPZIG IM HERBST (1989, realisiert zusammen mit Gerd Kroske) zeigt die Montagsdemonstrationen im Oktober 1989, vor dem Fall der Mauer, und dokumentiert Gespräche mit Vertretern der Bürgerbewegung „Neues Forum“, mit Arbeitern, Theologen, Volkspolizisten und Funktionären. LETZTES JAHR TITANIC (1990) erzählt aus der Perspektive von fünf Leipzigern, wie sie den Fall der Mauer, die ersten freien Wahlkämpfe, die Einführung der D-Mark und die „Wiedervereinigung“ erlebt haben. In GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG (1993) zeigen Voigt und sein Kameramann Sebastian Richter den Alltag von Jugendlichen, die man dem rechten und dem linken Spektrum zuordnen kann; er zeigt Aggressionen, Hoffnungen, Träume. Mit GROSSE WEITE WELT (1997) kehrt Voigt nach mehreren Jahren Unterbrechung zu Protagonisten seiner früheren Filme zurück und schildert eindrucksvoll, wie ihr Leben in der inzwischen vergangenen Zeit verlaufen ist. Was ist aus ihren Hoffnungen geworden? Wie man hört, arbeitet Andreas Voigt derzeit an dem Projekt WIEDERSEHEN, das die Leipzig-Reihe fortsetzen soll. Coverfoto der DVD: GROSSE WEITE WELT. Mehr zur DVD auf der Website von Absolut Medien: 8014/Leipzig+Filme+1986+-+1997

Der Schock des Wirklichen

2015.SchockDer Text ist Christian Hadorns Lizenziatsarbeit an der Universität Zürich. Er stellt in seinen Beschreibungen und Analysen die Verbindung her zwischen den wissenschaftlichen Filmen, die zwischen 1903 und 1914 zu den Attraktionen in Pariser Varieté-Theatern gehörten, und der französischen Avantgarde in den 1920er Jahren. Es waren vor allem die Tierporträts, die das Publikum beeindruckten (u.a. UNE VISITE CHEZ LES ARAIGNÉES/EIN BESUCH BEI DEN SPINNEN, 1914), weil es zum Beispiel in der Welt der Insekten besonders grausam zugeht. Der Zusammenhang zwischen Wissenschaftsfilm und Avantgarde wird dann an konkreten Beispielen deutlich gemacht, an Jean Epsteins universeller Konzeption von Zeitlupe und Zeitraffer, an Colette und dem edukativen Film, an Émile Vuillermot und der Mikrokinematographie, an Germaine Dulac und der „rein visuellen Emotion“. Zum Schluss erfolgt eine Fokussierung auf den Surrealismus. Der Anhang enthält interessante Texte von Vuillermot, Epstein, Dulac, Salvador Dalí, Lluis Montanyà und Sebastià Gasch, André Bazin und Jean Painlevé (jeweils im Original und in deutscher Übersetzung). Die Bibliografie ist umfangreich, die 22 Abbildungen haben eine akzeptable Qualität. Eine sicherlich spezielle, aber interessante Publikation. Mehr zum Buch: schock-des-wirklichen.html

Auftritte

2015.AuftritteEs gibt sie natürlich vor allem auf der Bühne, aber auch im Konzertsaal oder in der politischen Arena: die Auftritte von Schauspie-lerinnen und Schauspielern, Sängerinnen und Sängern, Rednerinnen und Rednern. Was passiert, wenn sich jemand in einer speziellen Rolle vor einem Publikum exponiert? Der vorliegende Band, Resultat einer Tagung in Hildesheim, versammelt zwölf Texte, die sich dem „Auftritt“ sehr unter-schiedlich nähern, teils abstrakt-reflexiv, teils konkret und beispielhaft. Fünf Texte haben mir besonders gut gefallen: Gerald Siegmunds Erinnerung an die (vom Regisseur gewollt) verstolperten Auftritte von Bruno Ganz in Peter Steins „Torquato Tasso“, Jens Roselts „Phänomenologie der Rampensau“ (exemplifiziert am Schauspieler Fabian Hinrichs in „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Zusammenhang“ von René Pollesch in der Berliner Volksbühne), Geesche Wartemanns Beobachtungen der Auftritte von Kindern in verschiedenen Inszenierungen, Stefanie Diekmanns Reflexionen über das „Off“ am Beispiel des Films SUBSTITUTE (2007) von Vikash Dhorasoo und des Theaterstücks „Rosencrantz and Guildenstern“ von Tom Stoppard und Bettine Menkes Überlegungen zu Auftritts-Verweigerungen in G. W. Pabsts BÜCHSE DER PANDORA (1929) und in René Polleschs „Schmeiß dein Ego weg!“ (2011/12 in der Volksbühne). Das Buch konzentriert sich weitgehend auf den Bereich des Theaters, erfüllt aber den Anspruch des Untertitels „Strategien des In-Erscheinung-Tretens in Künsten und Medien“.Coverfoto: Bild aus der Produktion „My Heart Will Go on“ des Theaterhauses Jena. Mehr zum Buch: auftritte