DEFA-Filme vom Mauerbau

2015.DVD.Und deine Liebe auchAm 13. August 1961 begann in Berlin der Bau der Mauer. Aus DDR-Perspektive hieß sie damals „antifaschisti-scher Schutzwall“. Es gibt vier DEFA-Filme, die den Mauerbau unmittelbar thematisieren. Zwei-einhalb davon sind jetzt auf einer DVD in der Edition Filmmuseum verfügbar. Der erste ist …UND DEINE LIEBE AUCH von Frank Vogel. Er erzählt eine Dreiecks-geschichte: wie sich die Briefträgerin Eva (Kati Székely) zwischen dem Elektromonteur Ulli (Armin Mueller-Stahl) und dem Taxifahrer Klaus (Ulrich Thein) entscheiden muss. Ulli ist staatstreu und sichert in der Nacht zum 13. August die Grenze, Klaus arbeitet in West-Berlin und ist ein Hallodri. Natürlich entscheidet sich Eva für Ulli. Formal ist der Film sehr interessant, er wurde ohne festes Drehbuch gedreht, wirkt streckenweise wie ein Dokumentarfilm und hat durch die Kameraführung (Günter Ost) eine große Authentizität. Die Uraufführung fand im September 1962 statt. Der zweite ist SONNTAGSFAHRER von Gerhard Klein. Er erzählt – in satirischer Form – von einer Gruppenreise am 12. August 1961 aus der DDR nach West-Berlin, die durch den Mauerbau verhindert wird. Das Drehbuch stammte von Karl Georg Egel und Wolfgang Kohlhaase. Die Schauspieler (darunter Harald Halgardt, Herwart Grosse, Irene Korb, Gerd Ehlers und Angelica Domröse) unternehmen dabei einen schwierigen Drahtseilakt, um nicht sofort in einen komischen Abgrund zu fallen. Die Premiere des Films fand im August 1963 statt. Von dem Episodenfilms GESCHICHTEN JENER NACHT (1967) ist auf der DVD nur die Hälfte enthalten; es handelt sich um die Episoden MATERNA von Frank Vogel mit Ulrich Thein und Angelika Waller (15 Minuten) und DER GROSSE UND DER KLEINE WILLI von Gerhard Klein mit Erwin Geschonneck und Jaecki Schwarz (32 Minuten, relativ originell); es fehlen die Episoden von Karlheinz Carpentier und Ulrich Thein. Zum Bonusmaterial gehört stattdessen der Dokumentarfilm SCHAUT AUF DIESE STADT (1962) von Karl Gass, der sich aus heutiger Perspektive als kaum zu ertragendes Propagandastück erweist. Hilfreich und informativ ist das Booklet mit einer Chronik von Ralf Schenk („Mauerbau und DEFA-Kino“), einem Interview mit Frank Vogel und dem Drehbuchautor Manfred Freitag und Pressestimmen zu den vier Filmen. – Nicht auf der DVD enthalten ist der Mauerbau-Film DER KINNHAKEN (1962) von Heinz Thiel mit Manfred Krug. Mehr zur DVD: und-deine-Liebe-auch—Sonntagsfahrer.html

Nickolas Muray

2015.MurayEr war einer der großen amerikani-schen Porträt- und Werbe-fotografen. Nickolas Muray (1892-1965) lebte und arbeitete in New York, er fotografierte für die Magazine Vanity Fair, Vogue und Time, bis in die 1930er Jahre waren seine Bilder schwarzweiß, dann wechselte er zur Farbe. Natürlich hat er fast alle großen Hollywood-Stars porträtiert, vor allem die weiblichen: June Allison, Joan Crawford, Marlene Dietrich, Greta Garbo, Lilian Gish, Jean Harlow, Carole Lombard, Mary Pickford, Gloria Swanson, Elizabeth Taylor, Anna May Wong und vor allem: Marilyn Monroe. Aber er hatte auch einen Blick für die anderen Künste, für die Malerei (es gibt eine Bildserie von ihm über Claude Monet in den 20er Jahren und zahlreiche Aufnahmen aus den 30er und 40er Jahren von Frida Kahlo), die Literatur, den Tanz. In Deutschland war Muray bislang wenig bekannt. Im Frühjahr wurde ihm eine große Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg in Halle gewidmet. Den beeindruckenden Katalog hat der Hirmer Verlag publiziert. Im Zentrum stehen über 250 Fotos von den 20er bis in die 60er Jahre, in hervorragender Qualität reproduziert. Vom Kurator Salomon Grimberg stammen ein lesenswerter 50-Seiten Essay über Leben und Werk von Muray, sowie Texte über Murays Begegnung mit Monet, über die Arbeit mit Marilyn Monroe und die Beziehung zu Frida Kahlo. Dokumentiert sind drei interessante Texte von Muray: „Über das Porträt“, „Der Amateurfilmer“ und „Menschen in Farbe fotografieren“. Michael Hager schreibt über den Verfall von Murays Nitratnegativen. Eine tabellarische Biografie des Fotografen schließt den Band ab. Aus meiner Sicht: ein vorbildlicher Katalog. Mehr zum Buch: nickolas_muray-1229/

Werner Sudendorf

2015.SudendorfHeute ist sein letzter Arbeitstag. Werner Sudendorf, Leiter der Abteilung Sammlungen in der Deutschen Kine-mathek, verabschiedet sich in den Ruhestand. Seit Oktober 1981, also seit fast 34 Jahren, ist Werner ein engagierter Mitarbeiter des Hauses. In seiner Amtszeit haben sich die Bestände vervielfacht, sind neue Bereiche entstanden (Dreidimensionale Objekte, Kostüme, Marlene Dietrich-Collection), hat sich die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vergrößert. Vor 15 Jahren, mit der Eröffnung des Filmmuseums am Potsdamer Platz, wurden Teile der Sammlungen auch für die Öffentlichkeit sichtbar. Die Übernahme des Marlene Dietrich-Nachlasses im Oktober 1993 war für Werner ein Höhepunkt in seinem Leben. Die Aufarbeitung fand in einer Außenstelle in Spandau statt, bei der Filmausstellung „Kino – Movie – Cinéma“ im Martin Gropius-Bau 1995 wurden die ersten Objekte gezeigt. In Sonderausstellungen wandert Marlene seither um die ganze Welt. 2001 hat Werner ihr ein von ihm geschriebenes Buch gewidmet, das bei dtv erschienen ist. Er hat – parallel zu seiner Tätigkeit als Leiter der Sammlungen – in den vergangenen Jahrzehnten viel publiziert, zuerst (1975) einen Band mit Materialien zu Sergej M. Eisenstein, dann (1977/78) die zweibändige Begleitpublikation zur Marlene Dietrich-Retrospektive der Berlinale, 1984 ein Heft über den Stummfilmmusiker Edmund Meisel, 2000 (gemeinsam mit Wolfgang Jacobsen) ein großes Buch über den Film METROPOLIS, 2009 einen beeindruckenden Band über den Filmarchitekten Erich Kettelhut und 2013 die sehr lesenswerte Biografie über Horst Buchholz („Verführer und Rebell“). Zu Zeiten von Werner Sudendorf kamen viele neue Nachlässe in die Kinemathek, u.a. die von Fritz Lang, G. W. Pabst, Erich Pommer, Paul Kohner, Hildegard Knef, Heinz Rühmann, Horst Buchholz. Werner war mit seiner filmhistorischen Kompetenz ein Glücksfall für die Kinemathek. Er wird dem Haus verbunden bleiben. Sein Nachfolger ist Peter Mänz, dessen Ausstellungsabteilung mit den Sammlungen fusioniert wird.

Münchner Filmfest

2015.FilmfestHeute wird das 33. Münchner Filmfest eröff-net. In neun Programm-reihen werden rund 200 Filme gezeigt. „Cinemasters“ heißt der Wettbewerb um den besten internationalen Film; zu gewinnen ist der ARRI / Osram Award. Zwölf Filme sind hier zu sehen, darunter ARABIAN NIGHTS von Miguel Gomes, PASOLINI von Abel Ferrara, ASTRAGAL von Brigitte Sy und LOUDER THAN BOMBS von Joachim Trier. „Cinevision“ nennt sich der Wettbewerb um den besten internationalen Nachwuchsfilm; elf Filme bewerben sich. „Spotlight“ nennt sich eine Reihe, in der nicht konkurriert wird; gezeigt werden 53 Filme „mit Stars vor und hinter der Kamera“. Eine große Tradition hat in München die Reihe „International Independents“; hier stehen 43 Filme auf dem Programm. „Neues Deutsches Kino“ präsentiert 18 Premieren, darunter sind neue Produktionen von Dietrich Brüggemann, Lutz Dammbeck, Axel Ranisch und Marie Wilke; es gibt Förderpreise für Schauspiel, Regie, Drehbuch und Produktion. In der Reihe „Neues Deutsches Fernsehen“ sind 18 Filme zu sehen, die sich um den „Bernd Burgemeister Fernsehpreis“ bewerben. Außerdem gibt es natürlich ein „Kinderfilmfest“, verschiedene Hommagen (zum Beispiel für Andy Warhol, Alexander Payne – ihm ist eine große Retrospektive gewidmet – , Joe Hembus sowie Jean-Jacques Annaud und Rupert Everett, die den CineMerit Award erhalten) und Special Screenings. Die Kinos sind über die Stadt verteilt: der Carl-Orff-Saal im Gasteig, das ARRI, das Filmmuseum, drei Säle im „City“, drei in der HFF, vier in der Münchner Freiheit, das Rio I und II und das Filmtheater am Sendlinger Tor. Da ist es gar nicht so einfach, alle Wunschfilme zu sehen. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren fahren wir wieder zum Filmfest. Eröffnet wird heute Abend im Mathäser mit dem Film DEN MENSCHEN SO FERN von David Oelhoffen mit Viggo Mortensen und Reda Kateb. Mehr zum Programm: programm/filme/?cat=1#titel

Hinter den Bildern die Welt

2015.Hinter den BildernAntje Vollmer (*1943) ist Politikerin und Autorin, sie hat Evangelische Theologie studiert, war zehn Jahre lang Vizepräsi-dentin des Deutschen Bundestages und ist seit dreißig Jahren Mitglied der Partei „Die Grünen“. Hans-Eckardt Wenzel (*1955) ist Musiker, Autor und Regisseur, er hat Kulturwissenschaft und Ästhetik studiert, seine Diskographie enthält mehr als 35 Titel. Er erhielt viele Preise. Antje Vollmer und Hans-Eckhardt Wenzel haben vom Juni 2014 bis Januar 2015 in der Alten Kachelofenfabrik in Neustrelitz gemeinsam das Gesamtwerk von Rainer Werner Fassbinder besichtigt und darüber einen Briefwechsel geführt, der kürzlich im matrosenblau Verlag publiziert wurde. In den Briefen kommentieren die beiden die gesehenen Filme, setzen sie in Bezug zu der Zeit, in der sie entstanden sind, aber auch zu politischen Ereignissen der Gegenwart (Charlie Hebdo), kommentieren sie aus der Perspektive ihrer unterschiedlichen Erfahrungen (Vollmer mit West-Hintergrund, Wenzel mit Ost-Biografie). Weil sich beide auch intensiv mit der Form der Filme auseinandersetzen und weil Fassbinders Werk unendlich viele Fragen stellt, ist die Lektüre des Buches spannend und kurzweilig, wenn man mit den Filmen gut vertraut ist. Die hohe Intelligenz der Briefpartner ist von Beginn an spürbar, sie nehmen ihre Begegnungen und den Erkenntnisaustausch ernst, aber es gibt natürlich auch Momente der Ironie und manchmal auch der Ermüdung. Zwölf Tage, verteilt auf sieben Termine, haben die Vorführungen gedauert. Es hat sich, aus meiner Sicht, gelohnt. Mehr zum Buch: hinter-den-bildern-die-welt/

Unzuverlässiges Erzählen

2015.Unzuverlässig kleinWenn die Handlung eines Films die traditionellen narrativen Gleise verlässt und den Zuschauer damit verunsichert, spricht man von „unzuverlässigem Erzählen“. Dies hat vor allem in Amerika, aber auch in Europa eine lange Tradition. Bernd Leiendecker hat in seiner Dissertation (Universität Bochum) einen Korpus von 200 Filmen aus dem 20. Jahrhundert untersucht und elf Kategorien gebildet: 1. Die retroaktive Traummarkierung (Beispiel: THE WOMAN IN THE WINDOW von Fritz Lang). 2. Der vorgetäuschte Tod (Beispiel: VERTIGO von Alfred Hitchcock). 3. Die retroaktive Markierung von Halluzinationen, Visionen und Tagträumen (REPULSION von Roman Polanski). 4. Die retroaktiv markierte intradiegetische Fiktion (DIE FEUERZANGENBOWLE von Helmut Weiss). 5. Die unzuverlässige Rückblende (DAS CABINET DES DR. CALIGARI von Robert Wiene). 6. Der unbewusste Tod (THE SIXTH SENSE von M. Night Shyamaian). 7. Imaginäre Freunde und gespaltene Persönlichkeiten PSYCHO von Alfred Hitchcock). 8. Die retroaktiv markierte Virtuelle Realität (WELT AM DRAHT von Rainer Werner Fassbinder). 9. Die irreführende Voice-Over-Rahmung (TO BE OR NOT TO BE von Ernst Lubitsch). 10. Zuweisung einer Opferrolle durch unvollständige Exposition (BEYOND A RESONABLE DOUBT von Fritz Lang). 11. Die metaleptische Annullierung (FUNNY GANES von Michael Haneke). Sechs Einzelfilme ließen sich keiner dieser Kategorien zuordnen (darunter sind MILDRED PIERCE von Curtis Bernhardt, IMAGES von Robert Altman und THE SILENCE OF THE LAMBS von Jonathan Demme). Die genannten Filmtitel habe ich als signifikante Beispiele aus dem von Leiendecker zusammengestellten Korpus ausgewählt. Er hat für seine Analysen natürlich die 200 Filme gesichtet. Eine interessante filmhistorische Untersuchung. Mehr zum Buch: what-they-want-to-see.html

DIE FRAU DES POLIZISTEN

2015.DVD.Frau des PolzistenFür diesen Film hat Philip Gröning 2013 in Venedig den Spezialpreis der Jury erhalten. In Deutschland bekam er überwiegend gute Kritiken, aber beim Deutschen Filmpreis wurde er nicht einmal nominiert. Seine Erzählweise ist eigenwillig. Wir sehen die Situation einer dreiköpfigen Familie in der nord-deutschen Provinz. Der Vater ist Polizist, die Mutter versorgt Haushalt und Kind, die vierjährige Tochter könnte eine schöne Zukunft haben. Aber der Vater arbeitet zu viel, hat Nebenjobs, um sein Gehalt aufzubessern, ist eifersüchtig und jähzornig, es kommt zu Gewaltausbrüchen gegenüber der Frau. Die Zerstörung der Familie ist unabwendbar. Der Film dauert fast drei Stunden. Er strukturiert die Geschichte in 59 Kapiteln, die jeweils mit „Anfang“ und „Ende“ gekennzeichnet sind. Er nimmt sich Zeit. Es dominieren die Bilder (Gröning stand auch selbst hinter der Kamera). Gedreht wurde – wie eigentlich immer bei ihm – ohne vorgegebenes Drehbuch mit viel Improvisation der Darsteller. Die Eltern (David Zimmerschied und Alexandra Finder) sind beeindruckend. Es gibt keine Filmmusik, nur Geräusche. Ich hätte dem Film einen größeren Erfolg gewünscht. In der Filmgalerie 451 ist inzwischen die DVD erschienen. Sie enthält als Bonusmaterial „Deleted Scenes“ (8 Minuten), Beobachtungen „Behind the Scenes“ (9 Minuten) und ein Gespräch zwischen Philip Gröning und Karsten Visarius, das im Deutschen Filmmuseum stattgefunden hat (26 Minuten). Mehr zur DVD: die-frau-des-polizisten/

Movies and Music

2015.MoviesEin Buch zum Hören, Lesen und Schauen. Es ist vor allem ein Buch mit einem akustischen Schatz: es enthält acht CDs mit Musikstücken aus 139 Filmen, in chronologischer Folge, beginnend mit dem Jahr 1932 (THE MUSIC BOX von James Parrott, mit Laurel and Hardy, Musikstück: „Dance of the Cuckoos“ von Marvin Hatley), endend mit dem Jahr 2013 (GRAVITY von Alfonso Cuarón, mit Sandra Bullock und George Clooney, Musikstück: „Main Theme“ von Steven Price). Auf der Reise durch die amerikanische Kinogeschichte (mit kleinen Ausflügen nach England) begleiten uns fast alle prominenten Filmkomponisten, es sind zwölf Stücke von John Williams zu hören, neun von Hans Zimmer, fünf von Ennio Morricone, je vier von James Horner (darunter „My Heart Will Go On“ aus TITANIC) und Bernard Herrmann, je drei von Maurice Jarre (darunter natürlich „Lara’s Theme“ aus DOCTOR ZHIVAGO), Elmer Bernstein und Giorgio Moroder. Auch Richard Strauß (mit „Also sprach Zarathustra“ aus 2001) und Richard Wagner (mit dem „Walkürenritt“ aus APOCALYPSE NOW) sind präsent. Das längste Stück ist „Anything Is Possible“ aus THE MATRIX mit 8 Minuten, 8 Sekunden, das kürzeste „Whistle Theme“ aus KILL BILL VOL. I mit 1’, 27’’. Das Buch enthält auf über 200 großformatigen Seiten auch viel Lesestoff: Texte zu allen 139 Filmen in Englisch und Deutsch, Cast und Credits, Angaben zum Budget und den Box Office-Zahlen. Doppelseiten mit schwarzem Untergrund präsentieren Schwarzweiß- und Farb-Abbildungen zu „Kisses in the Movies“, „Cars in the Movies“, „Disney’s Heroes“, „Iconic Actresses“, „Monsters in Movies“, „Spaceships in Movies“, „Architecture in Movies“, „Super Heroes“, „Disney’s Villains“, „Bad Girls in Movies“, „Bad Guys in Movies“ und „Make-Up Transformations“. Das alles ist – der Verlagsname verpflichtet – edel gestaltet. Die Texte stammen von Stefanie Breitbarth und René Valjeur. Für das Konzept ist Jos Bendinelli Negrone verantwortlich. Kompliment! Mehr zum Buch: moviessoundscameraaction/

Deutscher Filmpreis

2015.LolaHeute Abend werden in Berlin zum 65. Mal die „Deutschen Filmpreise“ verliehen, die seit 1999 „Lola“ heißen. Über die Nominie-rungen in 16 Kategorien stimmen die rund 1.600 Mitglieder der Deutschen Filmakademie ab. Als „Bester Film“ wird – das ist meine Prognose – entweder IM LABYRINTH DES SCHWEIGENS von Giulio Ricciarelli oder VICTORIA von Sebastian Schipper gewinnen, als bester Dokumentarfilm CITIZEN FOUR von Laura Poitras oder BEYOND PUNISHMENT von Hubertus Siegert, als bester Kinderfilm RICO, OSKAR UND DIE TIEFERSCHATTEN von Neele Leana Vollmar. Ich hoffe auf Preise für Dominik Graf als besten Regisseur (DIE GELIEBTEN SCHWESTERN), für Nina Hoss als beste Hauptdarstellerin (in PHÖNIX von Christian Petzold), für Hanno Koffler als besten Hauptdarsteller (in HÄRTE von Rosa von Praunheim), für Sturla Brandth Grovlen für die beste Kameraführung (in VICTORIA). In den anderen Kategorien will ich mich nicht festlegen. Da ich kein Mitglied der Deutschen Filmakademie bin, konnte ich mich an der Abstimmung auch nicht beteiligen. Außerdem wird wie in jedem Jahr der Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises vergeben, in diesem Jahr an die Kostümbildnerin Barbara Baum, worüber ich mich sehr freue. Schließlich gibt es noch den Bernd Eichinger Preis, der von einer Jury vergeben wird, und den Publikumspreis, den der Film HONIG IM KOPF von Til Schweiger erhalten wird. Die Verleihung findet am Palais am Funkturm statt, Jan Josef Liefers wird moderieren, eine zeitversetzte Übertragung ist ab 22.45 Uhr im ZDF zu sehen. Mehr zu den Nominierungen zum Deutschen Filmpreis: die-nominierten/

Michael Degen / Oskar Werner

U1_978-3-87134-768-9.inddLiechtenstein 1983. Nach einer Gastspielaufführung von Strindbergs „Fräulein Julie“ in der Inszenierung von Ingmar Bergman wird der Schauspieler Michael Degen von seinem Kollegen Oskar Werner zu einem Drink in dessen Haus in Triesen eingeladen. Es wird eine lange Nacht, in der viel getrunken und fast pausenlos geredet wird. „Roman einer wahren Begegnung“ lautet der Untertitel des Buches. Zwei Schauspieler konfrontieren ihre Erinnerungen: die unterschiedlich verlaufenen Leben, ihre schönsten Rollen, die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren und berühmten Kollegen, die nicht zu vergessenden Höhepunkte und Krisen in ihrem Beruf. Sie wissen viel von einander, sie haben eine erstaunliche Empathie zueinander. Am Anfang dominiert Oskar Werner, der eigentlich Oskar Josef Bschließmayer hieß, zehn Jahre älter ist als sein Gesprächspartner und den Platzvorteil im eigenen Haus nutzt. Im Laufe der Nacht gewinnt Michael Degen deutlich an Punkten, weil er beruflich noch nicht resigniert hat und etwas weniger trinkt als sein Gegenüber. Teils anekdotisch, teils in differenzierter Bewertung wird über Werner Krauß, Josef Kainz, Gustaf Gründgens, Elisabeth Bergner, Käthe Reichel, Klaus Kinski, über Ingmar Bergman, François Truffaut, Jürgen Fehling, Lothar Müthel, Peter Stein, Rudolf Noelte und Harry Buckwitz gesprochen. Wie interpretiert man die großen Rollen: den Prinzen von Homburg, Don Karlos, den Ferdinand in „Kabale und Liebe“ und vor allem Shakespeares Hamlet? Es gibt Dialoge in diesem Roman, bei denen man glaubt, der Autor habe sie damals heimlich aufgezeichnet. Mit fortschreitender Zeit häufen sich natürlich auch Redundanzen, aber wenn dann, ziemlich zum Schluss, Oskar Werner über den gescheiterten Selbstmordversuch seiner Mutter spricht und Michael Degen über die Jahre 43/44/45 im Untergrund in Berlin, die er dank seiner Mutter überlebt hat, dann gewinnt der Text noch einmal an Intensität. In einem „Epilog“ werden wir über das Ende von Oskar Werner informiert, am 23. Oktober 1983 in Marburg nach einem Herzinfarkt. – Es ist mehr ein Theater- als ein Filmbuch, es handelt von Kunst, Geschichte und Politik, es ist lesenswert. Mehr zum Buch: Der_traurige_Prinz.3075208.html