Eine offene Geschichte des Kinos

2014.Brombach 2Gestützt auf das theoretische Gedankengerüst des Philosophen Jacques Rancière und seinen Schlüsseltext „Die Aufteilung des Sinnlichen“ (2006) unternimmt die Filmwissenschaftlerin Ilka Rombach eine Neulektüre des westdeutschen Autorenfilms, speziell von Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders, verbindet deren Filme der 1960er und 70er Jahre mit der Analyse von Filmen von Christian Petzold, Thomas Arslan und Michael Haneke und öffnet damit einen gedankenreichen Blick in zwei Phasen deutscher Filmgeschichte. Sie beginnt mit dem Film DEUTSCHLAND IM HERBST und widmet sich vor allem den Beiträgen Kluges und Fassbinders, ihren Bildern, ihrer Form. Das Buch gliedert sich dann in vier Teile. Teil I legt die Basis mit den Überlegungen von Rancière über das Kino als „unreine Kunst“. Teil II konfrontiert Alexander Kluges ABSCHIED VON GESTERN (1966) mit Christian Petzold BARBARA (2012) und stellt die beiden weiblichen Hauptfiguren gegenüber. Teil III beschäftigt sich zunächst umfassend mit Kritik und Ästhetizismus bei Rainer Werner Fassbinder und sucht anschließend nach Verbindungen zwischen Fassbinders FONTANE EFFI BRIEST (1972) und Hanekes DAS WEISSE BAND (2009). Im Teil IV geht es vor allem um das „cinephile Kino“ bei Wim Wenders, um seinen Film ALICE IN DEN STÄDTEN (1972), seine Formen des Zitierens großer Regisseure (John Ford, Alfred Hitchcock), die Dramaturgie der Abschweifung, das Sujet der Reise. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit einer Gegenüberstellung von Raoul Walshs THE BIG TRAIL (1930) mit Thomas Arslans GOLD (2013). Es ist beeindruckend, wie konkret und überzeugend der Text von Ilka Rombach insgesamt wirkt, wie sie wichtige Sekundärliteratur mit ihren eigenen Wahrnehmungen verbindet und daraus in der Tat eine „offene Geschichte des Kinos“ entstehen lässt. Coverfoto: DAS WEISSE BAND. Mehr zum Buch: ansicht.php?id=181

KREUZER EMDEN

2014.DVD.Kreuzer EmdenKurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, am 9. November 1914, wurde der deutsche Kreuzer „Emden“ vor den Kokos-Inseln von dem australischen Kreuzer „Sydney“ unter Feuer genommen und zur Landung gezwungen. Ein Teil der Besatzung wurde gefangen genommen, ein anderer Teil unternahm eine abenteuerliche Rück-reise, die im Mai 1915 in Konstantinopel endete. Über die Geschichte des Kreuzers Emden entstanden in den 1920er und 30er Jahren mehrere Filme, die jetzt bei Absolut Medien auf einer DVD publiziert wurden. Zunächst gab es 1926 den Stummfilm UNSERE EMDEN. Es war der erste deutsche Spielfilm über den Weltkrieg zur See, produziert von der Münchner Firma „Emelka“, Regie führte Luis Ralph, die meisten Rollen wurden von Kapitänleutnants a. D. und ehemaligen Marinesoldaten gespielt. Der technische Aufwand für die Realisierung des Films war groß, er soll beim Publikum sehr erfolgreich gewesen sein. 1928 entstand der australische Film THE EXPLOITS OF THE EMDEN von Ken G. Hall, der das Schicksal der Emden aus anderer Perspektive zeigte und Aufnahmen aus der Sicht des Kreuzers Sydney mit deutschem Material des Emden-Films kombinierte. 1932 realisierte die Emelka den KREUZER EMDEN als Tonfilm, es wurden sehr viele neue Szenen gedreht, Regie führte wieder Louis Ralph, einige neue Darsteller waren an Bord (Werner Fuetterer, Renée Stobrawa, O.E. Hasse), es wurde ein kommerzieller Erfolg angestrebt, den es wohl auch gab. 1934 wurde der Film zurückgezogen und eine neu vertonte Fassung des Stummfilms hergestellt, die unter dem Titel HELDENTUM UND TODESKAMPF UNSERER EMDEN mehr den Kriterien des Nationalsozialismus entsprach. Von den Filmen der Jahre 1926, 1928 (Australien) und 1934 (Nazi-Fassung) sind nur Fragmente erhalten. Aber es ist interessant, diese Ausschnitte mit dem vollständigen KREUZER EMDEN zu vergleichen. Geradezu vorbildlich ist das Booklet, das der DVD beigefügt ist. Die Texte von Guido Altendorf, Stephan Huck, Philipp Stiasny, Simon During und Paul Byrnes geben alle notwendigen Informationen zu den verschiedenen Fassungen und liefern viel Stoff zum historischen Hintergrund. Mehr zur DVD: https://absolutmedien.de/film/

Synchronstimmen

2014.SynchronstimmeDiese Dissertation entstand an der Technischen Universität Berlin, Fakultät 1: Geisteswissenschaften. Sie ist das Ergebnis theoretischer Forschungen und empirischer Untersuchungen, konkret unterstützt von Prof. Walter Sendlmeier. Die Autorin Dagny Trägler hat eine sehr gute Arbeit vorgelegt. Sie informiert zunächst über die Geschichte der Filmsynchronisation, über die Formen der Synchronität, den Beruf des Synchronsprechers, den Synchronisationsprozess und die Filmsynchronisation in verschiedenen Genres. Ein zweites Kapitel widmet sich generell der Stimme, der Sprechweise und der Sprach-wahrnehmung. Dann geht es in den Bereich der empirischen Untersuchungen. Die erste und umfänglichste ist dem amerikanischen Film AGAINST THE ROPES (2003) von Charles S. Dutton gewidmet, der in Deutschland den Titel DIE PROMOTERIN hatte. Er erzählt die Lebensgeschichte der Boxpromoterin Jackie Kallen, die im Film von Meg Ryan gespielt wird. Ihre deutsche Synchronsprecherin war Ulrike Möckel. Mit großer Sensibilität untersucht die Autorin u.a. die Sprechstimmlage und den Intonationsverlauf von Ryan und Möckel, ihre Sprechdeutlichkeit, ihre Betonungen und die Vokalqualität, Sprechgeschwindigkeit und Pausengestaltung, Stimmstabilität und Energieverteilung. Daraus ergeben sich deutliche Unterschiede in der Charakterdarstellung. Dies wird durch einen Perzeptionstest mit 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bestätigt. Als zweites Beispiel dient der Film HANGING UP! / AUFGELEGT! (2000) von Diane Keaton. Auch hier wurde ein Perzeptionstest durchgeführt. Die empirische Untersuchung wird mit drei weiteren Filmbeispielen fortgeführt. Basismaterial sind hier die Filme CITY OF ANGELS (1998) von Brad Silberling, ADAPTION (2002) von Spike Jonze und THE WEATHER MAN (2005) von Gore Verbinski. In allen drei Filmen spielte Nicolas Cage die Hauptrolle. Er wurde jeweils von einem anderen deutschen Sprecher synchronisiert. Wieder wurden die Stimmanalysen der Autorin von Testpersonen überprüft. Die Sorgfalt der Untersuchung und die konkreten Ergebnisse haben mich sehr beeindruckt. Zum Thema Synchronisation ist dies eine Arbeit, die Maßstäbe setzt. Unabhängig davon sehe ich amerikanische Filme am liebsten in Originalfassung mit deutschen Untertiteln. In Berlin ist das gottlob möglich. Mehr zum Buch: 3675&lng=deu&id=

Dubbing

2014.DubbingSeit der Tonfilm die Kinowelt dominiert, hat der Umgang mit Schrift, Bild und Sprache große Veränderungen erfahren. Zunächst entstanden unterschiedliche Sprachversionen, dann breitete sich die Synchronisierung aus. „Dubbing“ bedeutet „audiovisuelle Übersetzung“. Ihre Praxis ist in den verschiedenen Ländern und Kulturen sehr unterschiedlich, was man an konkreten Beispielen deutlich machen kann. Der vorliegende Band, entstanden in deutsch-französischer Zusammenarbeit, enthält 13 Texte – sechs in deutscher, sieben in französischer Sprache – die sich zu einem filmhistorisch interessanten Spektrum fügen. Jean-François Cornu informiert über die ersten Jahre der Synchronisation von Filmen ins Französische (1931-1934). Audrey Hostettler analysiert die englische Version des Films DER BLAUE ENGEL von Josef von Sternberg, die zu einem Teil in deutscher Sprache gedreht wurde. Das führte zu interessanten Veränderungen der Rollen von Lola (Marlene Dietrich) und dem Lehrer Rath (Emil Jannings). François Albera, Claire Angelini und Martin Barbier vergleichen den Film M von Fritz Lang mit der französischen Adaption (LE MAUDIT), die von Roger Goupillières und André Lang realisiert wurde und 1932 in die französischen Kinos kam. Jan Henschen beschäftigt sich mit Sprachversion und Polyglottie in ATLANTIC von E. A Dupont und KAMERADSCHAFT von G. W. Pabst. Mit den „cinephilen Vorbehalten“ gegen das Verfahren der Synchronisation setzt sich sehr generell Nathalie Mälzer auseinander. Und der Übersetzungswissenschaftler Alexander Künzli hat eine Umfrage zur Untertitelungspraxis im deutschsprachigen Raum unternommen. In den französischen Beiträgen werden thematisiert: die französische Fassung von Viscontis LA TERRA TREMA, die italienische Fassung von Godards A BOUT DE SOUFFLE, die Untertitelung von Godard-Filmen, die Sprachformen im Kino von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, Körper und Sprache in neueren japanischen Filmen und der Umgang mit Voice-Over. Ein Gespräch über den Umgang mit Sprache im Film schließt den Band ab. Das Coverfoto stammt aus dem Film SINGIN’ IN THE RAIN. Mehr zum Buch: la-traduction-audiovisuelle.html

Kunst unter Kontrolle

2014.Kunst KontrollIn diesem Band sind die Beiträge des Cinegraph-Kongresses 2013 dokumentiert. Sein Thema war „Filmzensur in Europa“. In 14 Texten geht es um staatliche Kontrolle, veränderte Synchron-fassungen und Kriterien für Eingriffe in Deutschland, Österreich, der Tschechoslo-wakei und England. Günter Jordan informiert über die Filmzensur in der DDR, ergänzt von Ralf Schenk mit einem Beitrag zum SED-Verbotsplenum im Dezember 1965. Kompliziert, aber interessant ist die Konstruktion des „British Board of Film Classification“, einer privaten Organisation mit großen Befugnissen, die von Julian Petley dargestellt wird. Michael Achenbach und Thomas Ballhausen erzählen die Erfolgs- und Zensurgeschichte der Wiener Firma Saturn-Film in den Jahren 1906-1910. Ein sehr spezielles Thema behandelt Paolo Caneppele mit der Zensurpraxis bei Amateurfilmen in Österreich 1928-1938. Anna Bohn hat erfolgreich nach deutschen Filmzensur-Dokumenten aus der Weimarer Republik in russischen Archiven geforscht. Auch bei Georg Eckes geht es um den Film der Weimarer Republik, genauer: um die SPD als Gesetzgeber und als Filmproduzent; das führte zu manchen Widersprüchen. Zwei Beiträge sind dem tschechoslowakischen Film gewidmet: Ivan Klimes erinnert an das Festival in Banská Bystrica 1959 („Die Leistungsschau als Tribunal“) und Milan Klepikow berichtet über „die zaghafte, aber unvermeidliche Wiedereinführung der Zensur nach 1968“. Zweimal steht der Film CASABLANCA von Michael Curtiz im Mittelpunkt eines Textes: Carla Mereu Keating analysiert die Veränderungen in der italienischen Fassung, Joseph Garncarz die Eingriffe in die deutsche Fassung. „Ästhetische Zensur“ nennt Francesco Buono den Umgang mit Luchino Viscontis SENSO und ROCCO E I SUOI FRATELLI in den westdeutschen Fassungen. Andreas Kötzing informiert noch einmal über den „Interministeriellen Ausschuß für Ost/West-Filmfragen“ in der Bundesrepublik in den 1950er und 60er Jahren. Und Ursula von Keitz konzentriert sich in ihrem Beitrag über das Provokationspotential des Religiösen in den 70er und 80er Jahren auf drei Filme: THE DEVILS von Ken Russell, LIEBESKONZIL von Werner Schroeter und DAS GESPENST von Herbert Achternbusch. Ein sehr informativer Band in der Reihe der CineGraph-Bücher“, redaktionell betreut von Johannes Roschlau. Coverfoto: Hildegard Knef und Gustav Fröhlich in dem Film DIE SÜNDERIN. Mehr zum Buch: 9783869163727#.VLLEbxzxlgs

Klaus Maria Brandauer

2014.BrandauerVon dem österrei-chischen Autor und Theaterkritiker Ronald Pohl habe ich hier und da einen Text aus dem Standard gelesen, aber nie ein Buch. Seine Publikation über den Schauspieler Klaus Maria Brandauer ist höchst eigenwillig, über weite Strecken faszinierend, aber weit entfernt von einer Biografie. Ihre Dramaturgie bleibt unklar, weil der Autor Vor- und Rückblenden liebt und vor allem daran interessiert ist, Mimik, Gestik und Körpersprache des großen KMB in seinen verschiedenen Theaterrollen zu beschreiben. Das tut er sehr differenziert, man spürt die Verehrung für seinen Protagonisten und lässt sich notgedrungen auf das zeitliche Labyrinth ein. Ausgangspunkt ist der „König Lear“ am Wiener Burgtheater 2013 in der Regie von Peter Stein. Und schnell wird in diesem Zusammenhang das Burgtheater unter seinem Intendanten Matthias Hartmann thematisiert. Dann geht es zurück in die 1970er Jahre, in die Zeit einer Zusammenarbeit mit Friedrich und Eva Heer, in die 80er Jahre, zu „Hamlet“ und in die Zeit, als Bruno Kreisky Bundeskanzler war. Nach einem kleinen Ausflug zum Philosophen Ludwig Wittgenstein kommen wir nach Neuhardenberg, wo KMB 2013 den Krapp in Becketts „Letztem Band“ gespielt hat. Nun folgt eine lange Phase Peter Stein, seine große Zeit an der Schaubühne und seine Trennung vom Haus, alles wunderbar erzählt, wenn man sich daran erinnert. KMB kommt wieder ins Spiel mit dem zehnstündigen „Wallenstein“ (2007) und mit „Ödipus auf Kolonos“ (2010). Sehr schön ist der Exkurs zu drei großen Filmrollen von KMB unter der Regie von István Szabó: MEPHISTO (1981), OBERST REDL (1985) und HANUSSEN (1988) mit einer kurzen Erwähnung seines eigenen Regiefilms GEORG ELSER – EINER AUS DEUTSCHLAND. Auf den Seiten 112-124 wird dann auch ein „Psychogramm der Herkunft“ von KMB eingefügt, geboren 1943 in Bad Aussee. Es folgen Kapitel zu Brandauer und dem „Nationaltheater“ (Burgtheater), zur Zusammenarbeit mit Fritz Kortner und Hans Neuenfels, zu seiner „Hamlet“-Regie, seinem „Nathan“ und seinem Dorfrichter Adam im „Zerbrochenen Krug“. Es ist faszinierend, wie Ronald Pohl quasi die Einzelteile der Schauspielkunst von KMB zusammenfügt. Da ist es logisch, dass es am Ende des Buches kein Rollenverzeichnis und kein Register gibt. Wer liest, der findet. Coverfoto: Brandauer als König Lear. Mehr zum Buch: 1&navsection=2

Herrmann Zschoche

2014.ZschocheUnter den DEFA-Regisseuren habe ich ihn immer besonders geschätzt, weil er einige heraus-ragende Filme gedreht hat. Dazu gehören für mich vor allem KARLA (1965), SIEBEN SOMMERSPROSSEN (1978) und BÜRGSCHAFT FÜR EIN JAHR (1981). Sie erzählten viel von der Realität in der DDR, hatten einen eigenen Stil und überzeugten durch ihre differenzierten Frauenfiguren. Im vergangenen Jahr beging Herrmann Zschoche seinen 80. Geburtstag. Seinen letzten Kinofilm hat er 1991 gedreht, es folgten noch einige Fernsehfilme, seit längerer Zeit, das ist offenbar mehr als ein Hobby, schreibt er interessante Bücher über Caspar David Friedrich und die romantische Malerei. Bei CineGraph Babelsberg ist jetzt, herausgegeben von Anna Luise Kiss, in der Reihe der „Filmblatt-Schriften“ eine beeindruckende Publikation über Zschoche erschienen. Das Grußwort stammt von Ralf Schenk. Die Herausgeberin porträtiert den Regisseur und leitet den Band ein. Der Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht-Hartmann erzählt von Zschoches Ausbildung an der Filmhochschule in Babelsberg, zu deren ersten Studenten er gehörte, und von den Schwierigkeiten mit dem Verbotsfilm KARLA. Die Filmjournalistin Stella Donata Haag, Spezialistin für den Kostümbereich, widmet sich in ihrem Beitrag den Kleidern und Bildern in drei Filmen des Regisseurs, dem Gegenwartsfilm KARLA, dem historischen Hölderlin-Film HÄLFTE DES LEBENS und dem Science-fiction-Film EOLOMEA. Der Musikwissenschaftler Wolfgang Thiel macht stilistische und dramaturgische Anmerkungen zur Musik in den Spielfilmen von Zschoche. Dorett Molitor beschreibt die Sammlung Herrmann Zschoche im Filmmuseum Potsdam. Studierende der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ haben mit dem Regisseur, seiner Co-Autorin Christa Kožik, seiner Schnittmeisterin Monika Schindler und seinem langjährigen Kameramann Günter Jaeuthe im Mai 2014 ein sehr lebendiges Gespräch geführt. Der Medienwissenschaftler Marius Böttcher analysiert beispielhaft den Film INSEL DER SCHWÄNE. Anna Luise Kiss untersucht den Umgang von Zschoche mit Kinder- und Laiendarstellern. Und Dieter Chill erzählt von der Zusammenarbeit dem Regisseur bei seinem letzten Kinofilm, DAS MÄDCHEN AUS DEM FAHRSTUHL. Die unterschiedlichen Perspektiven, die in den Beiträgen zur Geltung kommen, machen den Band sehr lesenswert. Man müsste sich mal wieder einige Filme von Herrmann Zschoche anschauen. Mehr zum Buch: der-regisseur-herrmann-zschoche

Eine Nacht im Tarantella

2014.TarantellaEr ist als Gründer des Hamburger Abaton-Kinos bekannt geworden, hat an die fünfzig Filme produziert, darunter den unvergesslichen FUSSBALL WIE NOCH NIE von Hellmuth Costard, und viele selbst inszeniert, hat Filmpolitik gemacht und das alles in seiner Autobiografie erzählt: „Hinter der Leinwand“. Sie war im April 2010 mein „Filmbuch des Monats“ (film-und-kinogeschichten ). Und weil Werner Grassmann (*1926) ein guter Geschichtenerzähler ist, hat er jetzt seine Erlebnisse im Hamburg der Nachkriegszeit publiziert: „Eine Nacht im Tarantella“. 1946 konnte er aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Hamburg fliehen. Er wurde Dolmetscher beim englischen Bau-Bataillon. 28 teils schöne, teils auch schreckliche und absurde Geschichten über Arbeitssuche, Begegnungen mit attraktiven Frauen (Anneliese, Conny, Erika), über Besuche in Kinos, Kneipen und Bars, über Freunde und Familie fügen sich zu einem sehr realen Panorama der Zeit bis zur Währungsreform. Es geht um Kleidung, Geld, Ernährung, Wohnen, Arbeiten und auch ein bisschen um Kultur. Oft enden die Geschichte mit einer Pointe, manchmal aber auch im Nirgendwo. Die titelgebende „Nacht im Tarantella!“ handelt von einer Investition ohne Zukunft. Der junge Werner schenkt seiner Schulfreundin Inge einen Gutschein zum Besuch der berühmten Tarantella-Bar. Sie will das Geschenk zunächst nicht annehmen, weil sie nicht weiß, was sie anziehen soll. Dann wird das Cocktailkleid der Mutter für sie umgearbeitet. Sie fahren schließlich an einem Abend zum Dammtorbahnhof, Werner glaubt, finanziell vorgesorgt zu haben, aber die Weinpreise erweisen sich als zu hoch. 650 Mark für zwei Flaschen Rotwein überfordern ihn, als es an die Zahlung der Zeche geht. Er hat nur noch 340 in der Tasche. Ein Klavierspieler hilft im Konflikt mit dem Oberkellner, Werner und Inge dürfen noch bleiben und tanzen, bis der Frühzug nach Reinbek fährt, und haben am Ende „den schönsten Abend der Reichsmarkzeit erlebt.“ Leider wird die Schulfreundin Inge wenig später zu ihren Großeltern nach Göttingen geschickt. Der Großvater war dort Prokurist in einer Wurstfabrik. – Die erzählten Geschichten werden von vielen Fotos der Zeit begleitet. Ein schönes Buch aus dem Verlag Ellert & Richter. Mehr zum Buch: ISBN=978-3-8319-0584-3

VERBOTENE FILME von Felix Moeller

2015.DVD.Verbotene FilmeDer Film von Felix Moeller thematisiert den Umgang mit dem Nazi-Kino und den rund vierzig „Vorbehaltsfilmen“, die bis heute öffentlich nur mit Einführung und anschließender Diskussion gezeigt werden dürfen. Soll man alle Vorbehalte aufheben und auf die kritische Kompetenz der Zuschauer hoffen? Das ist eine Position, die der Historiker Götz Aly und – etwas naiver – der Filmemacher Oskar Roehler im Film vertreten. Differenzierter sind die Meinungen von Rainer Rother, Sonja M. Schultz, Ernst Szebedits oder Christina von Wahlert, die zumindest bei den krassen Propagandafilmen die bisherigen Einschränkungen aufrechterhalten wollen. Felix hat seinen Film sehr komplex angelegt, zeigt auch Reaktionen auf Nazifilm-Vorführungen in Frankreich und Israel und plädiert seinerseits nicht für eine radikale Lösung. Damit wird er dem Problem gerecht. Die gezeigten Filmausschnitte – vor allem aus JUD SÜSS, HEIMKEHR, DIE ROTHSCHILDS oder ICH KLAGE AN – und die dokumentierten Publikumsreaktionen machen deutlich, wie unterschiedlich die Rezeption vonstatten geht und wieviel vom historischen und filmischen Vorwissen abhängt. VERBOTENE FILME provoziert die notwendigen Diskussionen. Das macht ihn so sehenswert. Bei Edition Salzgeber ist jetzt eine DVD des Films erschienen. Das schmale Booklet enthält ein Interview mit dem Regisseur. Mehr zur DVD: VERBOTENEFILME_ProdInfo.pdf

Die Kamera als Monster

2014.Kamera MonsterDie bewegliche Kamera im Horrorfilm THE BLAIR WITCH PROJECT (1999), der man einen dokumentarischen Stil unterstellen kann, hat offenbar viel zum Erfolg des Films beigetragen. Steffen Lindinger untersucht in seiner Mainzer Diplomarbeit zunächst den Wirklich-keitsanspruch des Dokumentarfilms, die Rolle der Kamera und die Subversionen des dokumentarischen Modus („Mock-Documentary“ und „Mondo-Film“). Vier Filme des Horrorgenres werden als Vorläufer des BLAIR WITCH PROJECT genauer analysiert: HÄXAN (1922) von Benjamin Christensen, MONDO CANE (1962) von Gualtiero Jacopetti, Franco Prosperi und Paolo Cavara, THE LEGEND OF BOGGY CREEK (1972) von Charles B. Pierce und CANIBAL HOLOCAUST (1979) von Ruggero Deodato. Das letzte Kapitel ist der Weiterentwicklung des „dokumentarischen Horrors“ gewidmet, dem so erfolgreichen BLAIR WITCH PROJECT der beiden ehemaligen Filmstudenten Daniel Myrick und Eduardo Sánchez, dem spanischen Film REC (2007) von Jaume Balagueró und Paco Plaza und der amerikanischen Produktion PARANORMAL ACTIVITY (2009) von Oren Peli. Der Autor ist bei seinen Analysen nah an den Filmen. Das fördert vor allem für Horrorfilm-Fans interessante Erkenntnisse zutage. Mehr zum Buch: aspx?product=22795