THE SALVATION HUNTERS (1925)

Bevor Josef von Sternberg 1929/30 in Deutschland den BLAUEN ENGEL mit Marlene Dietrich und Emil Jannings realisiert hat, drehte er in den USA acht Filme als Regisseur. Der erste war THE SALVATION HUNTERS (1925), ein unab-hängig produziertes Sozial-drama, das vor allem in der Bildgestaltung große Qualitäten hat. Erzählt wird die Geschichte eines arbeitslosen jungen Mannes, einer selbstbewussten jungen Frau und eines Waisen-kindes, um das sich die beiden kümmern. Der erste Teil spielt im Hafen von L.A., dann geht es in die Stadt und am Ende ins Valley, wo ein großes Schild verkündet: „Here Your Dreams Come True“. Eine sichere Zukunft gibt es natürlich für die kleine Familie nicht, aber ein gefühltes Happyend. Obwohl Charles Chaplin sich damals sehr für den Film eingesetzt hat, war er im Kino nicht erfolgreich. Der WDR hat ihn 1975 unter dem Titel DIE HEILSJÄGER ausgestrahlt. In der „Edition Filmmuseum“ ist jetzt eine DVD erschienen, die sehr zu empfehlen ist. Die Musik stammt von dem österreichischen Komponisten Siegfried Friedrich und passt wunderbar zu den poetischen Bildern. Auch wenn zunächst die Zwischentitel dominieren, gewinnen die Bilder zunehmend an Bedeutung. Vor allem der Umgang mit dem Licht ist beeindruckend. Georgia Hale spielt die junge Frau; Chaplin hat sie anschließend für seinen Film THE GOLD RUSH engagiert. Die DVD enthält außerdem ein Fragment des Sternberg-Films THE CASE OF LENA SMITH (1929) und einen sehenswerten Filmessay von Janet Bergström über THE SALVATION HUNTERS (32 min.). Die Texte im Booklet stammen von Alexander Horwath und Janet Bergström. Mehr zur DVD: The-Salvation-Hunters.html

Lexikon des internationalen Films 2016

Es ist zu befürchten, dass dies die letzte Print-Ausgabe des „Lexikons des internatio-nalen Films“ ist. In seinem Vorwort bestätigt Peter Hasenberg die Information, dass der Film-dienst ab 2018 nur noch als Online-Angebot weitergeführt wird. Und davon ist auch das letzte Jahrbuch betroffen, dass es in der Bundesrepublik noch gibt. Wenn man die neue Ausgabe liest, macht einen der Abschied sehr traurig. Horst Peter Koll hat wieder eine Chronik der wichtigsten Filme, der großen Ereignisse und der Nachrufe zusammengestellt. Das „Special“ – mit Beiträgen von Felicitas Kleiner, Karsten Essen, Olaf Brill, Stefan Stiletto und Alex Schmidt – ist diesmal TV-Serien gewidmet. Das Lexikon der Filme 2016 liefert auf 360 Seiten Kurzkritiken und Informationen zu rund 2.000 Titeln. Dokumentiert sind wie immer die „Silberlinge 2016“ (herausragende DVD- und Blu-ray-Editionen) und die Preise der wichtigsten Festivals und Länder. Die Auflage des Jahrbuchs sind immerhin 4.000 Exemplare. Wie schade, dass nun Schluss sein soll. Danke, Horst Peter Koll, für die in den letzten Jahren geleistete Arbeit! Coverfoto: FRANTZ. Mehr zum Buch: filmjahr-2016.html

Peter Nestler 80

Seine Dokumentarfilme gehören für mich zum Besten, was es in diesem Bereich gibt. Sie wurden für das Fernsehen gedreht, in Deutschland und in Schwe-den. Sie zeigen Menschen in vielen Ländern, oft in Krisensituationen, sie erinnern an Konflikte und suchen nach Möglichkeiten, sie zu überwinden. Peter Nestler hat zunächst in der Bundesrepublik gearbeitet und als er keine Sendeplätze mehr bekam, ist er nach Schweden emigriert. Dort war er viele Jahre fest angestellt beim Schwedischen Fernsehen. Die Firma Strandfilm (Dieter Reifarth) und der WDR (Werner Dütsch) waren später seine Verbindungsstationen in Deutschland. Im vergangenen Jahr ist er endlich Mitglied unserer Sektion „Film- und Medienkunst“ der Akademie der Künste geworden. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Vor 14 Tagen gab es im Dokumentationszentrum der Sinti und Roma in Berlin eine Veranstaltung, bei der sein Film ZIGEUNER SEIN gezeigt und einige Reden gehalten wurden. Peter konnte aus Krankheitsgründen nicht dabei sein. Hier ist – mit einem herzlichen Gruß nach Schweden – meine Laudatio: peter-nestler-zum-80-geburtstag/

Ohne Liebe trauern die Sterne

Hannelore Hoger (*1942) ist Schauspielerin und Regisseurin. Ihre Präsenz auf der Bühne und im Kino war besonders in den 1960er und 70er Jahren groß. Populär wurde sie in der Titel-rolle der ZDF-Serie BELLA BLOCK, von der seit 1993 bisher 36 Folgen gesendet wurden. Jetzt hat sie im Rowohlt Verlag ihre Erinnerungen publiziert. Drei Kapitel sind monologische Erzählungen: „Meine Familie und ich“, „Schauspielerleben“ und „Leidenschaften“. Hier geht es um ihre Kindheit und Jugend in Hamburg, ihre Arbeit für das Theater und den Film, ihr Hobby: die Malerei. Drei Kapitel sind Gespräche: mit Alexander Kluge über ihr Leben, mit Thilo Wydra über die Kommissarin Bella Block und, noch einmal, über ihr Leben. Auch wenn es im Text manche Redundanzen gibt, er liest sich gut, weil Hannelore Hoger eine kluge, selbstkritische Autorin ist, die assoziativ formuliert und viel mitzuteilen hat. Mir persönlich hat vor allem das Kapitel „Schauspielerleben“ gefallen, weil es interessante Informationen über Kolleginnen und Kollegen enthält, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Abbildungen in allen Kapiteln – auch Reproduktionen ihrer Bilder – geben dem Buch eine zusätzliche Ebene. Das Werkverzeichnis im Anhang hat ein paar Lücken. Ich freue mich auf die beiden letzten Folgen von BELLA BLOCK. Mehr zum Buch: ohne-liebe-trauern-die-sterne.html

Germaine Dulac

Sie war Regisseurin, Filmtheoretikerin und aktive Feministin. Das Werk von Germaine Dulac (1882-1942) wird seit einigen Jahren von der Frankfurter Kinothek Asta Nielsen präsentiert. Im Wiener Metro Kino-kulturhaus fand kürzlich eine Retrospektive statt. Aus diesem Anlass hat Synema eine Broschüre publiziert, in der fünf Texte von Germaine Dulac zu lesen sind: „Das Kino der Avantgarde“ (1932), „Das Wesen des Films: Die visuelle Idee“ (1925), „Von der Empfindung zur Linie“ (1927), „Die Musik der Stille“ (1928) und „Unabhängigkeit“ (1931). Heide Schlüpmann informiert in einem einleitenden Text über Germaine Dulacs Filme, ihre Theorie und ihre Geschichte. Eine kommentierte Filmographie (Texte: Heide Schlüpmann, Credits: Brigitte Mayr) erschließt die zwischen 1917 und 1936 produzierten Werke. Eine nicht nur für Frauen interessante Publikation. Mehr zur Broschüre: 9783901644726

New Hollywood

Dies ist der vierte und wieder sehr lesenswerte Band der Reihe „Stilepochen des Films“, dies-mal herausgegeben von Norbert Grob, Bernd Kiefer und Ivo Ritzer. Vierzig Filme werden von dreißig Autorinnen und Autoren auf jeweils sechs bis zehn Seiten in chronologischer Reihenfolge vorgestellt, beginnend mit BONNIE AND CLYDE (1967), endend mit HEAVEN’S GATE (1980). Der einleitende Essay der Herausgeber ist exzellent. Dies sind die zwölf Texte, die mir am besten gefallen haben: Isabella Louise Bastian über BONNIE AND CLYDE von Arthur Penn, Manuela Reichart über THE GRADUATE von Mike Nichols, Wilfried Reichart über TWO-LANE BLACKTOP von Monte Hellman, Karlheinz Oplustil über A SAFE PLACE von Henry Jaglom, Thomas Koebner über THE LAST PICTURE SHOW von Peter Bogdanovich, Elisabeth Bronfen über THE GODFATHER I/II von Francis Ford Coppola, Norbert Grob über BADLANDS von Terrence Malick, Johannes Binotto über SERPICO von Sidney Lumet, Marion Löhndorf über THE DAY OF THE LOCUST von John Schlesinger, Helmut Merker über THE KILLING OF A CHINESE BOOKIE von John Cassavetes, Bernd Kiefer über NEW YORK, NEW YORK von Martin Scorsese, Ivo Ritzer über BIG WEDNESDAY von John Milius. Der einzige Schwachpunkt der Publikation ist die Qualität der Abbildungen. Mehr zum Buch: New_Hollywood

Zwei Western

THE CIMARRON KID (1951) ist der erste Western von Budd Boetticher, die Hauptrolle, spielt Audie Murphy. Er heißt im Film eigentlich Bill Doolin, wird „Cimarron Kid“ genannt und zu Beginn auf Bewährung aus dem Knast entlassen, wo er drei Jahre gesessen hat, weil er die Mitglieder der Dalton-Gang nicht verraten wollte, mit denen er einen Banküberfall begangen hatte. Bei einem Raubüberfall in der Eisenbahn gerät Bill in den Verdacht einer Mittäterschaft, flieht und wird nach kurzer Zeit nicht nur zum Mitglied, sondern zum Anführer der Dalton-Bande. Er verliebt sich in die Tochter eines Ranchers, träumt davon, mit ihr nach Argentinien auszuwandern, aber die Vergangenheit lässt ihn nicht los. Man spürt bereits bei diesem Film, wie souverän Boetticher als Regisseur agiert. Audie Murphy ist für die Rolle des ambivalenten Helden bestens geeignet. Gedreht in Technicolor, die Farben sind inzwischen remastert. Der Film ist jetzt als DVD in der Reihe der „Western-Legenden“ bei Koch Media erschienen. In der Original-fassung und in deutscher Synchronisation. Mit einem Booklet von Hank Schradolph. Mehr zur DVD: legenden_46_dvd/

Der Regisseur Harmon Jones war mir bisher eher als Schnitt-meister und als Regisseur von Fernsehserien bekannt. 1956 hat er den ungewöhnlichen Western A DAY OF FURY gedreht. Hauptfigur ist der Gunman Jagade (gespielt von Dale Robertson), der an einem Sonntagmorgen dem Marshall einer kleinen Stadt das Leben rettet, als der von einem Banditen bedroht wird. Der Marshall (Jock Mahoney) will an diesem Tag eigentlich heiraten, aber die Zeremonie wird verschoben, als Jagade in die Stadt kommt und dort für Unruhe und Konfrontationen sorgt. Der Marshall greift nicht ein, weil er Jagade sein Leben zu verdanken hat. Die Bürger sind irritiert und beginnen mit Aktionen einer Selbstjustiz. Auch die Braut (Mara Corday) gerät in eine schwierige Situation. Am späten Abend findet die Hochzeit statt, und das Paar verlässt den Ort. Zwischendurch ist der Film manchmal etwas dialoglastig, aber er hat viele überraschende Momente. Nr. 47 der „Western Legenden“ von Koch Media. In der Originalfassung und in deutscher Synchronisation. Der Text von Fritz Göttler im Booklet ist hervorragend! Mehr zur DVD: legenden_47_dvd/

100 Jahre Musikvideo

Eine Dissertation, die an der Universität Koblenz-Landau entstanden ist. Martin Lilken-dey klärt zunächst, was ein „Musikvideo“ ist. Er trennt in seiner Begriffsdefinition den technischen Träger (Video) von den vermittelten Inhalten (Musiknummern): „Ein Musik-video ist ein Musikkurzfilm der Unterhaltungsindustrie, in dem ein populäres Musikstück filmisch narrativ, performativ oder assoziativ thematisiert und gleichzeitig hörbar wird.“ (S. 24). So bezieht er auch die ersten industriellen Tonbilder in seine Untersuchung ein, die in vier Hauptkapitel strukturiert ist: Frühgeschichte, Musikkurzfilme nach 1930, Musikkurzfilme im Fernsehen (USA/Europa), Musikkurzfilme im Internet. Beispielhaft sind die drei Musikkurzfilmanalysen des Videos HEROES (1977) von Nick Ferguson mit David Bowie, des Musikkurzfilms THE CHILD (1999) von Alex Gopher und des Videos STAR ESCULATOR (1998) von Oliver Husain und Michael Klöfkorn. Ausführlich werden Filme mit den Beatles, David Bowie, Michael Jackson, Madonna und Elvis Presley gewürdigt. Die Beschreibungen sind konkret und präzise. Natürlich kommen im Text immer wieder die ökonomischen Interessen der Künstler/innen und der Musikproduzenten zur Sprache. Die Recherchen erscheinen mir gründlich, auch wenn ich mich in diesem Bereich wenig auskenne. Zahlreiche Tabellen (zum Beispiel, S. 118/19: Die teuersten Musikkurzfilme), keine Abbildungen aus Filmen. Mehr zum Buch: 100-jahre-musikvideo

Affektpoetiken des New Hollywood

Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin ent-standen ist. Hauke Lehmann untersucht das affektive Erleben im Kino, es geht ihm um die Verschränkung zwischen filmischer Bewegung und Emotion, er schreibt Film-geschichte als eine Geschichte des Fühlens. Die Basis dafür geben drei affektive Modi: Suspense, Paranoia und Melancholie. Die Konkretisie-rung erfolgt mit drei Filmen des New Hollywood-Kinos: CARRIE (1976) von Brian De Palma, THE PARALLAX VIEW (1974) von Alan J. Pakula und ELECTRA GLIDE IN BLUE (1973) von James Williams Guercio. Die Analysen sind bis in die Details genau. Sie stellen jeweils eine Sequenz in den Mittelpunkt. Bei CARRIE ist das die Prom-Night-Sequenz, bei THE PARALLAX VIEW die Eingangssequenz (der Anschlag auf den Senator), bei ELECTRA GLIDE IN BLUE das Ende des Films (der Tod des Polizisten Wintergreen). Im Suspense entdeckt der Autor Formen des filmischen Denkens, in der Paranoia Formen der Mediatisierung, in der Melancholie Formen des Geschichtsempfindens. Ein eigenes Kapitel widmet Lehmann der Poetik der Figur, hier ist der Film DAVID HOLZMAN’S DIARY (1967) von Jim McBride sein Analyse-Beispiel. Das Schlusskapitel schlägt Bögen zu anderen Genres im New Hollywood-Film, hier geht es um das Ende der Welt im Horrorfilm, um den suspendierten Suspense im Road Movie, um Paranoia und Melancholie im Neo Noir und schließlich um das Kino nach 9/11. Die Präzision der Analysen ist beeindruckend, Verweise auf andere Filme der Zeit auch in den ersten Kapiteln erweitern den Wahrnehmungshorizont. Die einschlägige Literatur ist in den Text einbezogen. Die Qualität der Schwarzweiß-Abbildungen ist akzeptabel, die wichtigsten Abbildungen werden am Ende des Bandes in Farbe wiederholt. Coverabbildung: das Auge in A SAFE PLACE von Henry Jaglom. Mehr zum Buch: 473374?rskey=JxCcUe

Trigger-happy Hollywood

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilian-Universität München entstanden ist. Lars Ludwig beschäftigt sich mit den soziokulturellen Grundlagen der Selbstjustiz im amerikanischen Film. Zunächst werden die rechtsphilosophischen Grund-lagen definiert, die Basisele-mente des Rechtsstaats, die Phänomene der Selbstjustiz, die moralphilosophischen Aspekte und die Begründung von Recht in der amerikanischen Gesell-schaftsstruktur. Dann erfolgt die soziokulturelle Einordnung der Thematik, die Klärung der Unterschiede des europäischen und angelsächsischen Rechtsverständnisses innerhalb der Gesellschaft der USA, die Charakterisierung der Selbstjustiz als „Eigenart“ Amerikas. Ein erster filmhistorischer Abriss legt die zeitlichen Strukturen fest: die Extralegalität in der Frühphase des Films, die Selbstzensur in Hollywood 1930-1967, die Aufbrüche des New Hollywood mit dem Wiederbeginn extralegaler Thematiken im Film, die Entwicklungen seit 1976 und die Tendenzen in der postmodernen Zeit. Der Autor sichert sich zwar immer wieder durch Quellenverweise ab, aber sein Text ist in den Formulierungen sehr konkret und liest sich dank vieler Filmbeschreibungen sehr spannend. Das setzt sich auch im letzten Kapitel fort. Hier geht es um die Suche nach Gerechtigkeit als zentralem Filmthema, um die Filmrealität als Mittel zur moralischen Beeinflussung des Zuschauers, um die Mittel Extralegalität zu rechtfertigen, um DEATH WISH und den Vigilantenfilm, um den Polizeifilm, den rape/revenge-Film und den Superheldenfilm. Schließlich kommen noch besondere Formen der Selbstjustiz im Film zur Sprache. Im Anhang werden über 200 Filme genannt, die im Buch zum Teil ausführlich in Erinnerung gerufen werden. Eine beeindruckende Publikation zur amerikanischen Filmgeschichte. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: trigger-happy-hollywood/