Curd Jürgens 100

2015.Curd JürgensEr gehörte nie zu den Schau-spielern, die ich besonders geschätzt habe. In den 1950er Jahren gab es immerhin vier Filme mit ihm, die ich beein-druckend fand: DES TEUFELS GENERAL von Helmut Käutner, DIE RATTEN von Robert Siodmak, TEUFEL IN SEIDE von Rolf Hansen und SCHACH-NOVELLE von Gerd Oswald. Seine internationale Karriere hat ihm einige interessante Rollen beschert, u.a. den Raketen-ingenieur Wernher von Braun in I AIM AT THE STARS von J. Lee Thompson, den portugiesischen Manager Cornelius in LORD JIM von Richard Brooks, den größenwahnsinnigen Reeder Karl Stromberg in dem James Bond-Film THE SPY WHO LOVED ME von Lewis Gilbert. Morgen wäre der 100. Geburtstag des Schauspielers zu feiern. Im Aufbau Verlag ist gerade die Curd Jürgens-Biografie von Heike Specht (Autorin einer Lilli Palmer-Biografie) erschienen. Sie erzählt sein Leben „zwischen Set und Jet-Set“. Die Filme (etwas zu oft heißen sie bei ihr „Streifen“) spielen dabei die sekundäre Rolle. Das Privatleben mit fünf Ehen und vielen Affären steht im Vordergrund. Autobiografie und Tagebücher von Curd Jürgens sichern die Autorin ab – sofern man ihm alles glauben will. Immer wieder geht es ums Geld. Weil er für sein Luxusleben viel davon brauchte, nahm er auch Angebote an, in denen er sich unter Wert verkaufte. Die Filmografie am Ende des Bandes liest sich wie ein Auf und Ab. Ja: er war ein internationaler Star. Aber: er hat Filme gedreht, die unter seinem Niveau waren. Er starb 1982 – im selben Jahr wie Rainer Werner Fassbinder, Romy Schneider und Konrad Wolf. Mehr zum Buch: curd-jurgens.html

Frank Sinatra 100

2015.Sinatra.kleinDrei Filme in den 1950er Jahren, in denen er Hauptrollen spielte, haben mich tief beein-druckt: FROM HERE TO ETERNITY (1954) von Fred Zinnemann, THE MAN WITH THE GOLDEN ARM (1955) von Otto Preminger und SOME CAME RUNNING (1958) von Vincente Minnelli. Den kleinen Italiener Angelo Maggio, den heroinsüchtigen Spieler Frankie Machine und den erfolglosen Schriftsteller Dave Hirsh werde ich als Filmfiguren nie vergessen. Damals wusste ich noch nicht, dass Frank Sinatra auch ein begnadeter Sänger war: The Voice. Morgen wäre er 100 Jahre alt geworden. Im Knesebeck Verlag ist gerade ein Bildband über ihn erschienen, herausgegeben von Andrew Howick, der über die größte und exklusivste Sammlung von Sinatra-Fotos verfügt. Aufnahmen von Sid Avery, Bob Willoughby und Ted Allen haben das Bild von Sinatra geprägt: das öffentliche und das private. Zitate von Wegbegleitern und Freunden fügen sich zu einem komplexen Porträt. Die Einleitung des Bandes stammt von Barbara Sinatra, die von 1976 bis zu seinem Tod, 1998, mit ihm verheiratet war. Eine schöne Hommage zum 100. Geburtstag. Mehr zum Buch: frank_sinatra/t-1/389

Best Actress

2015.Best ActressHeute Abend wird im Museum für Film und Fernsehen die Ausstellung „Best Actress – Oscars: Rollen. Bilder“ eröffnet. Sie ist eine Hommage an die bisher 73 weiblichen Hauptdarstellerinnen, die seit 1929 mit einem Academy Award ausgezeichnet wurden. Zu sehen sind mehr als 400 Exponate von internationalen Leihgebern und aus den Sammlungen der Deutschen Kinemathek. Zur Eröffnung sprechen der künstlerische Direktor Rainer Rother, der Chef der Senatskanzlei des Landes Berlin, Björn Böhning, der Direktor des Museo Nazionale del Cinema Turin, Alberto Barbera, und die beiden Kuratoren Daniela Sannwald und Nils Warneke. Teile der Ausstellung waren zuvor in Turin zu sehen. In Berlin ist sie bis zum 1. Mai 2016 geöffnet.

Vom Film zur Literatur

2015.Vom Film zur LiteraturDie Zielgruppe für dieses Buch sind Schülerinnen und Schüler. Es geht um die Filmbildung. Sieben Literaturverfilmungen werden von Klaus Maiwald, Professor an der Universität Augsburg, analysiert. Vier Aspekte stehen im Blickpunkt: Die Story, Hintergrundinforma-tionen, Transformationen, Lernperspektiven. Ausgangs-punkt sind die Bücher „Emil und die Detektive“ (1929) von Erich Kästner, „Die Vorstadtkrokodile“ (1976) von Max von der Grün, „Krabat“ (1971) von Otfried Preußler, „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ (1999) von Thomas Brussig, „Die Entdeckung der Currywurst“ (1993) von Uwe Timm, „Der Vorleser“ (1995) von Bernhard Schlink und „Das Parfüm“ (1985) von Patrick Süskind. Die Verfilmungen stammen von Franziska Buch (2001) – mit einem Rückblick auf die Filme von Gerhard Lamprecht und R.A. Stemmle – , Christian Ditter (2009), Marco Kreuzpaintner (2008), Leander Haußmann (1999), Ulla Wagner (2008), Stephen Daldry (2008) und Tom Tykwer (2006). Die analytischen Hinweise des Autors sind sehr konkret, gut verständlich und machen die Unterschiede zwischen Literatur und Film plausibel. Mit Abbildungen und Literaturhinweisen. Mehr zum Buch: Vom_Film_zur_Literatur

MAD MEN

2015.Mad MenDies ist eine der populärsten Qualitätsserien des amerika-nischen Fernsehens, die auch in Deutschland (ausgestrahlt von FOX und ZDFneo) viele Fans hat. Sie spielt in den 1960er Jahren in New York, handelt von der Werbeagentur Sterling Cooper und hat in dem Werbefachmann Don Draper auch eine Zentralfigur. Zwischen 2007 und 2015 wurden sieben Staffeln der Serie produziert. In der Serien-Reihe von diaphanes ist jetzt ein Band von Elisabeth Bronfen über MAD MEN erschienen, der mit seinen sieben klugen Analysen sehr lesenswert ist. Die Autorin beschäftigt sich intensiv mit dem Vorspann der einzelnen Episoden und dem Entstehen der Serie („Der Schwindel des amerikanischen Traums“), mit dem Pitchen („We’re Selling America“), der Figur Don Draper („Jenseits des Glücksprinzips“), dem Kommunikationsort Fahrstuhl („Heterotopie Fahrstuhl“), der Militarisierung der Arbeitswelt („Heimsuchungen einer Nation“), der Mondlandung („Ein Mann auf dem Mond“) und den Visionen am Ende der Serie („Geoing to Commercial“). Sie gibt zum Schluss „Fünf Anspieltipps“. Mit der siebten, zweigeteilten Staffel ist die Serie inzwischen zu ihrem Abschluss gekommen. Mehr zum Buch: mad-men-2617

DAHEIM STERBEN DIE LEUT’ (1985)

2015.DVD.Daheim...Vor 30 Jahren wurde dieser Film zu einem überraschen-den Kinoerfolg. Ein Bauer im Allgäu – er heißt Allgeier – kämpft gegen den Landrat, der ihn zwingen will, das neue kommunale Wassernetz zu nutzen, statt aus eigenen Quellen zu schöpfen. Ein Gesundbeter wird engagiert, der im Dorf für  Zwischen-fälle sorgt. Die Duelle zwischen Stadt und Land, Behörden und Bauern, Alt und Jung eskalieren im Laufe des Films. Der Landrat verliert seine Autorität, der Bauer wird für verrückt erklärt, ein Bauwagen explodiert, eine Wunderquelle tut sich auf, der Teufel persönlich erscheint auf der Bildfläche. Die Komödie von Klaus Gietinger und Leo Hiemer ist streckenweise sehr originell, profitiert von vielen grotesken Aktionen und hat natürlich ein Happyend für den Bauer Allgeier. Gespielt wurde das von Laien und Profis, die Kamera führte damals Marian Czura. Bei Absolut Medien ist jetzt eine DVD des digital restaurierten Films erschienen. Zu den Extras gehören zwei Kurzfilme von Michael Kreitmer über die Dreharbeiten und über die Situation im Allgäu zehn Jahre später. Mit einem informativen Booklet. Mehr zur DVD: %28remasterte+Fassung%29

Ottokar Runze

2015.RunzeIn einer Reha-Klinik an der Ostsee, ausgestattet mit Krücken und einem Rollstuhl, denkt Ottokar Runze (*1925) an wichtige Stationen seines Lebens zurück. An sein Elternhaus, die erste Liebe, den Besuch der Offiziersschule, den Einsatz in den letzten Kriegswochen, die Gefangenschaft, die Tätigkeit als Landarbeiter auf einem Hof in Vierlande, den Entschluss, nach Berlin zu gehen, wo er die Schauspielschule am Deutschen Theater besucht und erste kleine Rollen spielt, bis er sich einer Demonstration für Wilhelm Pieck verweigert und das Theater verlässt, nach Salzburg geht, das Europastudio leitet, mit einer Truppe aus Afrika großen Erfolg hat, der sich in Paris und Brüssel fortsetzt, wieder nach Berlin zieht, dort zunächst ein kleines Theater leitet, dann zum Film wechselt, als Autor, Regisseur und Produzent Erfolge und Misserfolge hat und schließlich, von der Reha nach Berlin zurückgekehrt, in seinem Archivkeller darüber nachdenkt, was mit all den dort verwahrten Dingen passieren soll. Runzes Text ist keine klassische Autobiografie, sondern eine literarische Reflexion über Haltung, Bewusstsein und Verantwortung in Deutschland in den 1940er Jahren und danach, über Schuld und Scham angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus, über die Ästhetik des Theaters und die Arbeit für den Film. In einem ständigen Wechsel zwischen „Ich“ und „Er“, zwischen Gegenwart und Vergangenheit gibt uns der Autor Einblick in sein Denken und Fühlen. Am Ende spricht er auch von seinen wichtigsten Filmen, ohne die Titel zu nennen, zum Beispiel von DER LORD VON BARMBECK und VERLORENES LEBEN und, sehr ausführlich, von dem nicht realisierten Projekt „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, nach dem Roman von Franz Werfel über den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915. Ein beeindruckender Text. Coverfoto: Ottokar Runze mit seiner Mutter im April 1945 (Foto: Gudrun Hommers). Mehr zum Buch: leselust/ und dann zum Runze-Titel scrollen.

Sinnlichkeit und Sinn im Kino

2015.SinnlichkeitBand 8 der „Schriftenreihe zur Textualität des Films“. Das Buch basiert auf einer Ringvorlesung, die im Wintersemester 2014/15 an der Universität Bielefeld stattgefunden hat. Es geht um die Beziehung von Körper-lichkeit und Textualität in der Rezeptionsforschung, der Diskurs ist entsprechend theoriebestimmt. Ich nenne neun Beiträge, die mich beeindruckt haben: Hans Jürgen Wulff reflektiert über „Funktionskreise der Tanzszenen im Spielfilm – von TOP HAT (1935) bis IM WINTER EIN JAHR (2008)“. Frank Kessler geht weit zurück in der Filmgeschichte und erinnert an LE VOYAGE DANS LA LUNE (1902) von Georges Méliès. Bei Lothar van Laak geht es um „Stille als medienästhetisches Problem in Ingmar Bergmans DAS SCHWEIGEN (1963) und Jane Campions DAS PIANO (1993)“. Für Jihae Chung ist der Film GRAVITY (2013) von Alfonso Cuarón ein „Paradebeispiel für die Ästhetik des Erhabenen im gegenwärtigen Kino“. Heinz-Peter Preußer, Herausgeber des Bandes, schreibt über „Affektive Gewaltdarstellung und moralische Wirkung“ in Volker Schlöndorffs Film über RAF-Aussteiger DIE STILLE NACH DEM SCHUSS (2000). Sophia Wege analysiert in ihrem Text „Kommunikative Gewalt“ Sprache und Körper in Christian Petzolds Film BARBARA (2012). Benjamin Moldenhauer referiert über „Somatische Empathie und Genrekritik im Horrorfilm“; seine Beispiele sind THE CABIN IN THE WOODS (2012) von Drew Goddard und PEEPING TOM (1960) von Michael Powell. Uwe Koreik beschäftigt sich mit „Sinn und Sinnerfahrungen beim deutschen Film aus der Fremdperspektive“, konkretisiert an DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI (2004) von Hans Weingärtner und DER KLEINE NAZI (2010) von Petra Lüschow. Pia Knoeferle untersucht „Körper und ‚Embodiment’ bei der Sprachverarbeitung – im Actionkino und in dialogzentrierten Filmen“; ihre Beispiele sind die Jane Austen-Verfilmung SENSE AND SENSIBILITY (1995) von Ang Lee und der James Bond-Film SKYFALL (2012) von Sam Mendes. Mit vielen Abbildungen. Mehr zum Buch: sinn-im-kino.html

Schauplatz Film: New York

2015.Schauplatz Film.NY„Schauplatz Film“ ist eine neue Buchreihe in dem vergleichs-weise jungen Verlag Bückle & Böhm. Es hat eine Logik, sie mit New York zu eröffnen, denn keine Stadt der Welt war in den letzten hundert Jahren häufiger Schauplatz interessanter Filme. Wenn ich drei Titel nennen sollte, die mich als New York-Filme am meisten beeindruckt haben, dann wären das wohl SHADOWS (1959) von John Cassavetes, TAXI DRIVER (1976) von Martin Scorsese und MANHATTAN (1979) von Woody Allen. Der Autor Hannes Klug (*1966) gliedert sein Buch in vier Kapitel: „Stadtansichten“, „Amerikanische Träume und Albträume“, „New Yorker Landschaften“ und „Urban Jungle“. Jedes Kapitel enthält die Rubriken „Perspektiven“, „Film“ (einmal mit der Variante „Serie“), „Close-up“ und „Streifzug“. Close-ups sind Porträts: von Martin Scorsese, Shirley Clarke, Katja Esson, die mit dem Film FERRY TALES (2003) bekannt geworden ist, und Budd Schulberg. Die Streifzüge führen uns durch Lower Manhattan zur Staten Island Ferry, nach Uptown Manhattan zur Museum Mile und in den Central Park, durch Brooklyn nach Red Hook und nach Harlem. Immer wieder werden wir unterwegs auf Schauplätze aufmerksam gemacht, die mit berühmten (oder auch weniger berühmten) Filmen verbunden sind. Man spürt, dass der Autor gut recherchiert hat, er bringt Plots auf den Punkt, macht keine überflüssigen Umwege, nutzt auch Bildunterschriften für Informationen. An vielen Stellen sind kleine Filmlisten eingefügt (zum Beispiel: „Schattenwelten: Unterwegs in der New Yorker U-Bahn“ oder „Helden des Alltags: TV-Serien in New York“). Die drei Filme, die speziell vorgestellt werden, sind TIMES SQUARE (1980) von Allan Moyle, THE NAMESAKE (2006) von Mira Nair und SHAME (2011) von Steve McQueen, die Serie ist natürlich MAD MEN. Dies ist ein Buch, das man auf seine nächste New York-Reise mitnehmen sollte. Mehr zum Buch: new-york.html

LETZTES JAHR IN MARIENBAD

2015.MarienbadIn der Kunsthalle Bremen findet zurzeit eine Ausstellung über den Film LETZTES JAHR IN MARIENBAD von Alain Resnais und seinen Einfluss auf die Bildende Kunst statt (sie ist noch bis 13. März 2016 zu sehen). Der beein-druckende Katalog ist im Wienand Verlag erschienen. Er enthält im ersten Teil Textbeiträge vom Ausstellungskurator Christoph Grunenberg („Der Marienbad Look: Film, Kunst und Stil“), von Sarah Leperchey („Alain Resnais und Alain Robbe-Grillet. Die Umsetzung eines modernen Projekts“), Sophie Rudolph („Das Kino und die anderen Künste“), Michael Glasmeier („Rocaille. Barockes von Robbe-Grillet und Resnais“), Stefanie Dieckmann („Letztes Jahr mit Pygmalion“ – über Posen, Tableaux vivants und Statuen), Steven Jacobs („Die Skulptur in LETZTES JAHR IN MARIENBAD“) und Hunter Vaughan („Bedeutungskorridore: Zeitlichkeit. Subjektivität und die Film-Philosophie“). Alle Texte öffnen den Blick auf die vielfältigen Bezüge des Films von Resnais und Robbe-Grillet auf die Geschichte der verschiedenen Künste. Der zweite Teil dokumentiert Bilder der ausgestellten Werk, die von der Co-Kuratorin Eva Fischer-Hausdorf kommentiert werden. Neben Standfotos, Plakaten und annotierten Drehbuchseiten sind u.a. Werke von Eugène Atget, Giorgio de Chirico, René Magritte, Paul Delvaux, Howard Kanovitz, Patrick Faigenbaum, Cindy Sherman, Robert Longo, Yang Fudong, Kenneth Anger, Jeff Koons, Kota Ezawa, Marie Harnett und Manuel Outumuro reproduziert. Eine schöne Hommage an den 2014 verstorbenen Regisseur Alain Resnais. Mehr zum Buch: Kunsthalle-Bremen-Nouvelle-Vague.asp