Der Schock des Wirklichen

2015.SchockDer Text ist Christian Hadorns Lizenziatsarbeit an der Universität Zürich. Er stellt in seinen Beschreibungen und Analysen die Verbindung her zwischen den wissenschaftlichen Filmen, die zwischen 1903 und 1914 zu den Attraktionen in Pariser Varieté-Theatern gehörten, und der französischen Avantgarde in den 1920er Jahren. Es waren vor allem die Tierporträts, die das Publikum beeindruckten (u.a. UNE VISITE CHEZ LES ARAIGNÉES/EIN BESUCH BEI DEN SPINNEN, 1914), weil es zum Beispiel in der Welt der Insekten besonders grausam zugeht. Der Zusammenhang zwischen Wissenschaftsfilm und Avantgarde wird dann an konkreten Beispielen deutlich gemacht, an Jean Epsteins universeller Konzeption von Zeitlupe und Zeitraffer, an Colette und dem edukativen Film, an Émile Vuillermot und der Mikrokinematographie, an Germaine Dulac und der „rein visuellen Emotion“. Zum Schluss erfolgt eine Fokussierung auf den Surrealismus. Der Anhang enthält interessante Texte von Vuillermot, Epstein, Dulac, Salvador Dalí, Lluis Montanyà und Sebastià Gasch, André Bazin und Jean Painlevé (jeweils im Original und in deutscher Übersetzung). Die Bibliografie ist umfangreich, die 22 Abbildungen haben eine akzeptable Qualität. Eine sicherlich spezielle, aber interessante Publikation. Mehr zum Buch: schock-des-wirklichen.html

Auftritte

2015.AuftritteEs gibt sie natürlich vor allem auf der Bühne, aber auch im Konzertsaal oder in der politischen Arena: die Auftritte von Schauspie-lerinnen und Schauspielern, Sängerinnen und Sängern, Rednerinnen und Rednern. Was passiert, wenn sich jemand in einer speziellen Rolle vor einem Publikum exponiert? Der vorliegende Band, Resultat einer Tagung in Hildesheim, versammelt zwölf Texte, die sich dem „Auftritt“ sehr unter-schiedlich nähern, teils abstrakt-reflexiv, teils konkret und beispielhaft. Fünf Texte haben mir besonders gut gefallen: Gerald Siegmunds Erinnerung an die (vom Regisseur gewollt) verstolperten Auftritte von Bruno Ganz in Peter Steins „Torquato Tasso“, Jens Roselts „Phänomenologie der Rampensau“ (exemplifiziert am Schauspieler Fabian Hinrichs in „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Zusammenhang“ von René Pollesch in der Berliner Volksbühne), Geesche Wartemanns Beobachtungen der Auftritte von Kindern in verschiedenen Inszenierungen, Stefanie Diekmanns Reflexionen über das „Off“ am Beispiel des Films SUBSTITUTE (2007) von Vikash Dhorasoo und des Theaterstücks „Rosencrantz and Guildenstern“ von Tom Stoppard und Bettine Menkes Überlegungen zu Auftritts-Verweigerungen in G. W. Pabsts BÜCHSE DER PANDORA (1929) und in René Polleschs „Schmeiß dein Ego weg!“ (2011/12 in der Volksbühne). Das Buch konzentriert sich weitgehend auf den Bereich des Theaters, erfüllt aber den Anspruch des Untertitels „Strategien des In-Erscheinung-Tretens in Künsten und Medien“.Coverfoto: Bild aus der Produktion „My Heart Will Go on“ des Theaterhauses Jena. Mehr zum Buch: auftritte

Filmpräferenzen der Europäer 1896-1939

2015.Wechselnde VorliebenDas Kinopublikum steht eher selten im Mittelpunkt einer filmhistorischen Untersuchung. Bei Joseph Garncarz geht es um die Filmpräferenzen der Europäer von 1896 bis 1939. Der Autor konstatiert „Wechselnde Vorlieben“. Auf der Basis von „Film-erfolgsranglisten“ hat er feststellen können, wie sich die Vorlieben in acht europäischen Ländern verändert haben, in Groß-britannien, Frankreich, Deutschland, den Nieder-landen, Österreich, der Tschechoslowakei, Polen und Norwegen. Um 1900, als das Kino vor allem auf dem Jahrmarkt anzutreffen war, war es dem Publikum ziemlich egal, aus welchen Ländern die gezeigten Filme stammten, wichtig war zunächst die Vielfalt der Sujets, die durch das Kurzfilmprogramm garantiert war. Eine kulturelle Differenzierung der Filmpräferenzen setzte in den 1910er Jahren ein. Es etablierten sich die Kinodramen in größerer Länge, die inzwischen in eigenen Lichtspielhäusern präsentiert wurden. Um die Dialoge im Stummfilm zu vermitteln, arbeitete man mit Zwischentiteln, die sich auch in andere Sprachen übersetzen ließen. In den größeren Ländern entwickelte sich eine Vorliebe für die Filme der nationalen Produktion, nur Hollywood war davon ausgenommen, das sich in den zwanziger Jahren den europäischen Markt eroberte und eine wichtige Rolle spielte. Deutsche Filme hatten in Europa relativ großen Erfolg, bis in den 1930er Jahren die Nazis an die Macht kamen. Die Studie von Garncarz orientiert sich an den nationalen Ranglisten, aber er untersucht auch demografische Entwicklungen, Bildungsunterschiede und die Einflüsse politischer Spannungen. Insgesamt eine interessante Publikation. Mehr zum Buch: buecher_W_694_1/

Klassik, Moderne, Nachmoderne

2015.Klassik, Moderne...Der Umfang des Buches schüchtert ein: 828 Seiten. Aber Michaela Krützen ist eine Autorin, die viel weiß und gut schreibt. Ihr Anspruch macht neugierig: eine Film-geschichte an drei Beispielen zu erzählen, einem Film der Klassik, der Moderne und der Nachmoderne. Sie untersucht die drei Filme an 16 Merkmalen und erhält auf-schlussreiche Ergebnisse zu Dramaturgie und Form. Die drei Filme sind CASABLANCA (1942) von Michael Curtiz, L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD (1961) von Alain Resnais nach einem Drehbuch von Alain Robbe-Grillet und ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND (2004) von Michel Gondry nach einem Drehbuch von Charlie Kaufman. Und dies sind die Merkmale, die bei CASABLANCA untersucht werden: 1. Die Folgerichtigkeit der Handlung. 2. Der Flashback der Hauptfigur. 3. Die Redundanz der Hauptfigur. 4. Die Orientierung in der Zeit. 5. Die Etablierung von Orten. 6. Die Unsichtbarkeit von Schnitten. 7. Das Verbergen von Produkthaftigkeit. 8. Die Veröffentlichung über die Produktion. 9. Die Spannungsbögen der Erzählung. 10. Der Vertrag mit dem Zuschauer. 11. Die Einteilung in Akte und Stränge. 12. Die Fokussierung auf die Hauptfigur. 13. Die Reise des Helden. 14. Die Abschätzbarkeit der Handlung. 15. Die Geschlossenheit der Handlung. 16. Die Verständigung der Hauptfiguren. Diese Merkmale werden bei den folgenden Filmen leicht variiert, um die Veränderungen in der Moderne und Postmoderne deutlich zu machen. Michaela Krützen nennt drei Filme als alternative Beispiele: REBECCA (1940) von Alfred Hitchcock für die Klassik, SOLJARIS (1972) von Andrei Tarkowski für die Moderne und INCEPTION (2010) von Christopher Nolan für die Postmoderne. Es ist natürlich für die Lektüre des Buches hilfreich, die drei ausgewählten Filme zu kennen. Die Beobachtungen, die sich aus den Merkmalen entwickeln, sind spannend erzählt. Ich habe auch die vorangegangenen Publikationen von Michaela Krützen hoch geschätzt und bin von ihrem neuen Buch sehr beeindruckt. Mehr zum Buch: eine_filmgeschichte/9783100405043

MÄDCHENJAHRE EINER KÖNIGIN (1936)

2015.DVD.MädchenjahreIn dieser ersten Verfilmung des Drehbuchs von Ernst Marischka spielt Jenny Jugo die 17jährige Victoria, die 1837 zur Königin von Großbritannien und Irland gekrönt wird, eine gute Verbindung zum amtie-renden Ministerpräsidenten Lord Melbourne hat und – das ist die Geschichte, die der Film vor allem erzählt – bei der Wahl des Ehemannes eigene Wege geht. Eine heimliche Reise nach Paris endet in Dover, ein junger Student, den sie dort kennen lernt, entpuppt sich bald als Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, und einem Happyend steht kaum etwas im Wege. Der Regisseur Erich Engel setzt auf Komik und Gefühl, von Bruno Mondi stammen die schönen Schwarzweiß-Bilder, und Jenny Jugo ist eine souveräne Hauptdarstellerin, die den Film sehenswert macht. Das informative Booklet zur DVD stammt von Friedemann Beyer. – 1954 hat Ernst Marischka ein Remake in Farbe gedreht, mit Romy Schneider in der Hauptrolle. Die erste Verfilmung finde ich origineller. Mehr zur DVD: mädchenjahre+einer+königin+1936+dvd

André Bazin on French Cinema

2015.Bazin„Was ist Kino?“, hat André Bazin (1918-1958) immer wieder gefragt, und viele seiner Texte sind in den 1960er und 70er Jahren auch in deutscher Sprache erschienen. Bazin war Mitbegründer der Cahiers du cinéma, schrieb für Le Parisien libéré und L’Esprit, er starb im Alter von vierzig Jahren. Im Logos Verlag ist jetzt ein Band mit Texten von Bazin über das französische Kino in englischer Sprache erschienen, herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Bert Cardullo. Die Texte sind nach Regisseuren geordnet, zuerst kommt die ältere Generation (Claude Autant-Larat, Jacques Becker, Marcel Carné, André Cayatte, René Clair, René Clement, Henri-Georges Clouzot, Jean Cocteau, Roger Leenhardt, Georges Rouquier, Jean Renoir, Marcel Pagnol, Jacques Tati), dann folgt „The New French Cinema“ (Alexandre Astruc, Georges Franju, Chris Marker, Alain Resnais, Jean Rouch, Agnès Varda, François Truffaut). Ehe sich die Nouvelle Vague dann richtig zeigen konnte, war Bazin tot. Wenn man einige Texte liest, ist man darüber traurig. Der Band ist sorgfältig ediert, nur die Abbildungen sind grenzwertig in der Qualität. Mehr zum Buch: /buch/isbn/3897

Coen Brothers

2015.Coen BrothersSie sind zur Zeit das kreativste Brüderpaar des internationalen Films. Joel (*1954) und Ethan (*1957) Coen haben seit Mitte der 1980er Jahre in 16 Filmen gemeinsam Regie geführt und in der Regel auch zusammen das Drehbuch geschrieben. Das erste Buch über sie in Deutschland, herausgegeben von Peter Körte und Georg Seeßlen, erschien vor 15 Jahren bei Bertz + Fischer. Jetzt haben Dominik Schmitt und Stephanie Blum eine interessante Aufsatzsammlung bei Königshausen & Neumann ediert: „Sorry, you just got Coened“. Sie basiert auf einer Ringvorlesung, die an der Universität Saarbrücken stattgefunden hat. Beteiligt waren daran „Nachwuchswissenschaftler/ innen“ unterschiedlicher Disziplinen, von denen man interessante Erkenntnisse zur Postmodernität der Filme erwartete. Zu lesen sind jetzt 16 Aufsätze, in denen jeweils ein Coen-Film analysiert und gewürdigt wird. Ich nenne hier sieben Texte, die mir besonders gut gefallen haben, weil sie die Filme für mich nachvollziehbar entschlüsseln: „Anmerkungen zum BARTON FINK-Gefühl“ von Marc Vetter, „FARGO – das Lügenkorsett als ‚mise en abyme’“ von Marc Bonner, „O BROTHER, WHERE ART THOU? Eine ‚vielstrophige Hymne auf das Pandämonium des Südens“ von Helmut Bieg, „INTOLERABLE CRUELTY – Eine postmoderne Screwball Komödie?“ von Claudia Schmitt, „Sinnevokation und Sinnverweigerung in A SERIOUS MAN“ von Stephanie Blum, „Zum postmodernen Verständnis von Gender-Konstruktionen im Film TRUE GRIT“ von Aline Maldener und „Spiegelungs- und Abgrenzungstechniken in INSIDE LLEWYN DAVIS“ von Dominik Schmitt (der mit drei Texten im Band vertreten ist). Da ich die Coen Brothers sehr schätze, habe ich das Buch mit großem Interesse gelesen. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: Kulturwissenschaft–Bd–67-.html

Frauenfiguren im zeitgenössischen Bollywoodfilm

2015.FrauenfigurenEine Dissertation aus Mainz – und Band 70 der Reihe „Filmstudien“, die inzwischen im Nomos Verlag erscheint. Katharina Görgen hat 63 indische Mainstream-Filme der Jahre 2000 bis 2009 untersucht, um herauszu-finden, wie sich die Moralvorstel-lungen verändert haben, die in diesem Land die Lebensrealität der Frauen prägen. Sie befragt die Filme nach dem Stellen-wert von Töchtern, nach der Bewegungsfreiheit der Frauen, nach der Bildungsfreiheit, nach ihrer finanziellen Unabhängigkeit, nach der sexuellen Freiheit, nach der Freiheit, den Partner zu wählen, nach der Möglichkeit, den Partner zu verlassen und nach der Möglichkeit, sich mehrfach zu binden. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die indische Gesellschaft zwar offener geworden ist, aber radikale Veränderungen noch nicht stattgefunden haben. Dieses Ergebnis wird im Text sehr differenziert dargestellt. Ich bin mit dem Bollywoodfilm nicht eng vertraut, aber die Arbeit von Katharina Görgen erscheint mir methodisch und analytisch sehr fundiert, ihre Erkenntnisse sind durch die konkreten Filmbeispiele abgesichert, die Zahl der Quellenverweise hält sich in Grenzen, weil die Autorin ihren Beobachtungen und Bewertungen vertrauen kann. Mit über 300 Seiten eine vergleichsweise umfangreiche Arbeit. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: product=23125

Ken Adam-Ausstellung in München

2015.Ken AdamGestern wurde im Kunstfoyer der Versiche-rungskammer Bayern in der Maximilian-straße die Ken Adam-Aus-stellung „Bigger Than Life“ eröffnet, die zuvor im Museum für Film und Fernsehen in Berlin zu sehen war. Natürlich hat sich mit der anderen Ausstellungsfläche in München der visuelle Eindruck der Ausstellung verändert. Der legendäre „War Room“ hat auch in München eine dominante Position. Sehr gelungen sind – wie schon in Berlin – die Raumvisionen zu den Themen „Villen und Apartments“, „Verliese und Labore“, „Machtzentren und Versamm-lungsräume“, „Tempel und Kathedralen“, „Wasser und Luft“. Es gibt überzeugende Medien-Installationen und am Ende den biografischen Raum „Berlin und London“ und den in die Zukunft weisenden Bereich „Inspiration und Wirkung“. Ken Adam war auch bei der Eröffnung in München anwesend. Rainer Rother, Peter Mänz und Boris Hars-Tschachotin haben die Brücke von Berlin nach München geschlagen. Die Ausstellung wird bis zum 13. September gezeigt. Mehr zur Ausstellung: bigger-than-life-ken-adams-film-design/

Neues ostasiatisches Kino

2015.Neues ostasiatisches KinoNach „Neuer Deutscher Film“ und „Classical Hollywood“ ist jetzt in der Reihe „Stilepochen des Films“ der Band „Neues ostasiatisches Kino“ erschie-nen, herausgegeben von Ivo Ritzer und Marcus Stiglegger. 41 Filme aus Japan, Hongkong, Taiwan, China, Korea und Thailand werden als „Spotlights auf komplexe Erneuerungs-prozesse“ vorgestellt. Ivo Ritzer beklagt in seinem Vorwort die Diskrepanz zwischen der Anzahl von in Asien produzierten Filmen und ihrer Präsenz auf den Kinoleinwänden in den USA und Europa. „Mit dem vorliegenden Band soll deshalb ein erster Schritt zur Analyse und Theoretisierung des asiatischen Kinos auch von deutschen Film-, Kultur- und Medienwissenschaftlern geleistet werden.“ (Ritzer). Die Texte sind den sechs Ländern zugeordnet, jedem Land ist ein eigenes Vorwort gewidmet. 13 Filme aus Japan, neun aus Hongkong, drei aus Taiwan, acht aus China, sechs aus Korea und drei aus Thailand werden mit einem Einzeltext gewürdigt. Zu den 30 Autorinnen und Autoren gehören Kayo Adachi-Rabe (sie schreibt u.a. über BLISSFULLY YOURS von Apichatpong Weerasethakul), Elisabeth Bronfen (über SONATINE von Takeshi Kitano), Oksana Bulgakowa (u.a. über LIEBE WIE STAUB IM WIND von Hou Hsiao-hsien und ROTE LATERNE von Zhang Yimou), Lukas Foerster (u.a. über VIRGIN STRIPPED BARE BY HER BACHELORS von Hong Sang-soo), Lisa Gotto (über EAT DRINK MAN WOMAN von Ang Lee), Norbert Grob (u.a. über TAIPAI STORY von Edward Young), Jan-Christoph Müller (u.a. über TUYAS HOCHZEIT von Wang Quan’an), Kai Naumann (über DAYS OF BEING WILD von Wong Kar-wai), Andreas Rauscher (über CITY WOLF von John Woo), Ivo Ritzer (u.a. über SÖLDNER KENNEN KEINE GNADE von Tsui Hark), Marcus Stiglegger (u.a. über SEOM – DIE INSEL von Kim Ki-duk) und Bodo Traber (über DIE FRAU IN DEN DÜNEN von Hiroshi Teshigahara). Die Texte sind jeweils kluge Filmeinführungen, wirken sachkundig und bleiben konkret in ihren Interpretationen. Ein sehr lesenswerter Band. Mehr zum Buch: 978-3-15-019316-7