Verlustkino

2015.VerlustkinoGekürzte und über-arbeitete Version einer Dissertation am Lehrstuhl für Medien-wissenschaft der Universität Regensburg. Sascha Keilholz hat von 2000 bis 2011 als Lektor für die Redaktion Fernsehfilm / Sonder-projekte des NDR gearbeitet und war Stellvertretender Chefredakteur von „critic.de“. Thema seiner Arbeit ist „Trauer im amerikanischen Polizei-film seit 1968“. Der sehr reflektierte Prolog ist inspiriert von Robert Lebecks bekannter Fotografie „Jackie Kennedy and Lee Radziwill“. Sie zeigt die beiden Schwestern bei der Trauerfeier für Robert F. Kennedy. Es ist das Jahr 1968. Keilholz thematisiert die Bilderproduktion in Kriegszeiten, es geht, zunächst auf einer theoretischen Ebene, um Dispositive der Macht, um Verlust-Diskurse, um amerikanische Mythologie. Diese drei Blickwinkel stehen auch bei fünf konkreten Filmanalysen im Mittelpunkt. Mit großer Genauigkeit und erstaunlichem Erkenntnisgewinn untersucht der Autor die Filme POINT BLACK (1967) von John Boorman, THE WILD BUNCH (1969) von Sam Peckinpah, COOGAN’S BLUFF (1968) und DIRTY HARRY (1971) von Don Siegel und ELECTRA GLIDE IN BLUE (1973) von James William Guercio. Er konstatiert eine Hybridisierung der Genres Western, Kriegsfilm und Polizeifilm und, das ist die zentrale These, eine Zäsur in der amerikanischen Kultur. Der progressive Blick in die Zukunft wird damals zerstört, viele Ideale einer freien Gesellschaft gehen verloren. Zeitgleich lässt sich das in den Filmen des „New Hollywood“ beobachten. In seinem Epilog schlägt Keilholz eine Brücke in unsere Zeit, wenn er den Film MIAMI VICE (2006) von Michael Mann auf dessen Umgang mit amerikanischer Mythologie, mit Dispositiven der Macht und mit Verlust-Diskursen untersucht. Im „Ausblick“ werden natürlich auch die aktuellen amerikanischen TV-Serien erwähnt. Ein interessanter Text zum amerikanischen Kino. Mit Abbildungen in guter Qualität. Umschlagzeichnung: Tony Stella. Mehr zum Buch: 1968.html

Tristan und Isolde im Film

2015.Tristan + IsoldeSabine Sonntag hat 2013 ein schönes Buch über Opernbesuche im Kino publiziert (opernbesuch-im-spielfilm/ ). In ihrem neuen Buch „Seht ihr’s, Freunde!“ geht es um Wagners „Tristan und Isolde“ im Film. Die Autorin untersucht den Umgang mit der Oper, mit dem Stoff und vor allem mit speziellen Musikmotiven. 86 Titel nennt der Anhang, acht davon sind Fernseh-übertragungen. Ihnen ist auch das erste Kapitel gewidmet. Das zweite handelt von der „arthurianischen Filmwelt“, in der Tristan und Isolde eher eine Nebenrolle spielen. Dann geht es aber mitten hinein in die Wagner-Welt mit den Biopics über Richard Wagner und Ludwig II., die aufs engste mit Tristan verbunden sind. Sie werden von Sabine Sonntag sehr differenziert gewürdigt. „Tagesgespenster! Morgenträume!“ heißt das Kapitel über Irreales und Surreales, in dem (sehr beeindruckend) MELANCHOLIA von Lars von Trier, UN CHIEN ANDALOU, L’AGE D’OR und ABISMOS DE PASIÓN von Luis Bunuel, BLACK MOON von Louis Malle und DUETT FÖR KANIBALER von Susan Sonntag als Beispiele analysiert werden. Für Ironie, Satire, Comedy stehen u.a. LOVE IN THE AFTERNOON von Billy Wilder, HOLIDAY IN MEXICO von George Sidney und ROYAL FLESH von Richard Lester. Relativ kurz ist das Kapitel über „Tristan und Isolde als Marker für das Dritte Reich“ mit den Beispielen LA CADUTA DEGLI DEI von Luchino Visconti, SCHTONK von Helmut Dietl, SHINING THROUGH von David Setzer, ESCAPE von Mervyn LeRoy, APT PUPIL von Bryan Singer und LEBENSBORN von David Stephens. Für die Bereiche Liebe, Betrug und Mord werden elf Filme herangezogen, darunter CHRISTMAS HOLIDAY von Robert Siodmak, THE BLUE GARDENIA von Fritz Lang und der Tatort DER SANFTE TOD von Alexander Adolph mit Maria Furtwängler. Im letzten und umfangreichsten Kapitel „Ekstase, Erlösung, Tod“ (19 Filme) gibt es eindrucksvolle Analysen zu HUMORESQUE von Jean Negulesco (Liebestod im Wasser) und VERTIGO von Alfred Hitchcock (Tristan und Suspense; Musik: Bernard Herrmann). Sabine Sonntag hat 2010 mit einer Arbeit über Richard Wagner im Kino promoviert. Ihre große Stärke ist die Sensibilität für den Zusammenhang von Bildern und Tönen. Coverfoto: MELANCHOLIA. Mehr zum Buch: 1bfrbh2te3p6

Alfred Hitchcock

2015.HitchcockÜber keinen Filmregisseur gibt es vermutlich mehr Publikationen als über ihn. Die erste erschien 1957, stammte von Eric Rohmer und Claude Chabrol und ist vor zwei Jahren endlich auch ins Deutsche übersetzt worden. Die berühmteste hat François Truffaut zu verantworten. Sein Gespräch „Le cinéma selon Hitchcock“ wurde 1966 veröffentlicht, in Deutschland 1973 unter dem Titel „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“, es ist eines der wunderbarsten Filmbücher, die ich kenne. Die Fülle der Hitchcock-Literatur ist kaum zu überschauen. Da ist es mutig, einen anspruchsvollen Band als „Einführung in seine Filme und seine Ästhetik“ zu veröffentlichen. Die Filmwissenschaftlerin Franziska Heller (Zürich) hat sich das zugetraut. Da sie mit Hitchcocks Werk gut vertraut ist und sich mit vielen Zitaten theoretischen Beistand verschafft, ist ihr das auch gelungen. Interessant sind zum Beispiel ihre Bewertungen der wichtigsten Bücher über den Regisseur: sie würdigt sehr differenziert die Publikationen von Rohmer/Chabrol, Truffaut, Robin Wood (1965), Raymond Durgnat (1974), William Rothman (1982) und vor allem von Patrick McGilligan (2003) und hat erhebliche Vorbehalte gegen die autorisierte Biografie von John Russel Taylor (1978). Ein eigenes Kapitel ist der Frage „Wie und wo sehen wir Hitchcocks Filme heute?“ gewidmet, in dem es um Fragen der digitalen Medientransition geht und um Biopics, Dokumentationen, Remakes, Parodien und künstlerisches „Kidnapping“. Im Zentrum stehen dann sieben Hitchcock-Filme, die in ihrer formalen Substanz und in der Rezeption untersucht werden: THE LODGER (1926), THE 39 STEPS (1935), REAR WINDOW (1954), VERTIGO (1958), PSYCHO (1960), THE BIRDS (1963) und FRENZY (1972). In diesem Teil wird auch mit Abbildungen operiert, die Theorie ist sehr präsent, aber die Autorin wird auch hier ihrem Einführungs-Anspruch gerecht. Das Schlusskapitel („Hitchcock morgen?“) klingt vorsichtig, die Bibliografie ist relativ umfangreich, in der Filmografie fehlen mir die Längenangaben. Bei 200 Seiten Umfang leistet sich Franziska Heller im Übrigen keine Umwege. Respekt! Mehr zum Buch: 978-3-7705-5783-7.html

Zwangsmigration im Film

2015.ZwangsmigrationDrei Hochschulen haben bei dieser Publikation zusammen-gearbeitet: die Pädagogische Hochschule Heidelberg, die Palacky-Universität Olomouc (Tschechien) und die Universität Opole (Polen). Es ging bei dem Projekt um die Aussagekraft der jeweiligen Erinnerungskultur im Rückblick auf die Zwangs-migration im Umfeld des Zweiten Weltkriegs. Acht Filme wurden dafür herangezogen: GRÜN IST DIE HEIDE (BRD 1951) von Hans Deppe, UNSERE LEUTE (Polen 1967) von Sylwester Checinski, SCHLESIENS WILDER WESTEN (Deutschland 2002) von Ute Bandura, DIE EISERNEN HUNDERT (Ukraine 2004) von Oles Yanchuk, ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT (Tschechien 2006) von Jiří Menzel, HABERMAN (Tschechien 2010) von Juraj Herz, ALOIS NEBEL (Tschechien 2011) von Tomás Lunák und SIEBEN SÜNDIGE TAGE (Tschechien 2012) von Jiří Chlumsky. Es sind vier „Überblicksbeiträge“, fünf „fachwissenschaftliche ausgerichtete Beiträge“ und acht „didaktische Beiträge“ zu lesen. Die Einleitung der Herausgeberin Bettina Alavin schlägt eine Brücke zwischen filmischer Darstellung der Geschichte und aktueller Flüchtlingsproblematik. In den Beiträgen werden die einzelnen Filme so genau beschrieben, dass man die Bewertungen nachvollziehen kann, auch wenn man nicht alle Filme gesehen hat. Drei Texte haben mir besonders gut gefallen: „Wie viel Erfindung verträgt die Geschichte?“ von Michael Braun über Zwangsmigration im aktuellen Erinnerungsroman und Erinnerungsfilm, „Darf man über ‚Vertreibung’ lachen?“ von Bettina Alavi über die Rolle des Komischen in Filmen zur Zwangsmigration und „Filmsprache im Geschichtsunterricht am Beispiel des Films HABERMANN“ von Nina Bolek. Mehr zum Buch: 978-3-86809-098-7.html

Kurzfilme von Michael Klier

2015.DVD.Kurzfilme KlierSeine Filme ÜBERALL IST ES BESSER, WO WIR NICHT SIND (1990), OSTKREUZ (1992), HEIDI M. (2001), FARLAND (2004) und ALTER UND SCHÖNHEIT (2009) sind subtile Stimmungsbilder aus dem Leben in unserem Land, oft am Rande, in prekärer Situation. Michael Klier ist kein Liebling der Filmförderer. Das macht für ihn die Arbeit schwer. Wenig bekannt sind seine Kurzfilme, die er seit 1963 ziemlich kontinuierlich gedreht hat. Zehn sind jetzt auf einer interessanten DVD der filmgalerie 451 publiziert worden, darunter sein erster, PROBEAUFNAHMEN, eine Produktion von Hans Jürgen Pohland mit Rolf Zacher; er zeigt die verpassten Begegnungen zwischen Hans und Annarella, die beide zum Film wollen, er beobachtet Hans, wie er bei Marga Schoeller ein Filmbuch klaut, als ihr Laden noch am Kurfürstendamm war, er unternimmt eine kleine Reise auf den Funkturm und dokumentiert die Fassade der Filmbühne am Steinplatz, über weite Strecken als Stummfilm mit Musik. Vier Filme hat Klier 1965 für den SFB realisiert: die Geschichte einer Autoleidenschaft (FERRARI, 7 1/2 min), das Porträt einer Sekretärin, die sich für den zweiten Bildungsweg entscheidet (DAS ABITUR, 7 1/2 min), Beobachtungen im Büro von Hans Jürgen Pohland vor seiner Reise nach Danzig (PROJEKT KATZ UND MAUS, 8 1/2 min) und Aufnahmen von der Sängerin Petra Prinz (YEAH YEAH, 7 1/2 min). 1982 entstand der Kurzfilm SCHAUSPIELEREI, der – mit einem kritischen Kommentar – Gesichter und Gesten aus Hollywood und aus Deutschland konfrontiert. Alle diese Filme wurden in Schwarzweiß gedreht. Axel Prahl und Julia Hummer spielen die Hauptrollen in EIN MANN BOXT SICH DURCH (2001), der zeigt, wie schmerzhaft das Geldverdienen am Alexanderplatz sein kann. Die letzten drei Filme zeigen uns Dresden: KURZTRIP (12 min.) zeigt Nicolette Krebitz und Felix Klare auf dem beschwerlichen Weg mit dem Fahrrad auf den Berg zum Weißen Hirsch, HUNG beobachtet einen Vietnamesen bei der Ladensuche am Tag und bei Nacht (12 min.), beide entstanden 2012 für Arte. Den Abschluss macht Kliers FILMTAGEBUCH (2013, 9 min.) mit autobiografischen Reflexionen. Lohnenswert wäre eine DVD mit Kliers WDR-Filmen u.a. über Jean-Marie Straub, Roberto Rossellini, François Truffaut und Godards Kameramänner. Mehr zur DVD: 10-kurzfilme/

Die Staatliche Filmdokumentation am Filmarchiv der DDR

2015.Filme für ZukunftVon der damaligen Öffentlichkeit weit-gehend unbemerkt wurde im Frühjahr 1970 in der DDR die „Staatliche Filmdokumentation“ gegründet. Sie hatte die Aufgabe, für künftige Generationen die Errungenschaften des Sozialismus in Bild und Ton zu dokumentieren, weil die Aussagekraft der DDR-Kino- und Fernsehfilms dafür als nicht ausreichend angesehen wurde. „Filme für die Zukunft“ wurden von der DEFA und vom Deutschen Fernsehfunk offenbar nicht erwartet. Die neue Institution wurde dem Staatlichen Filmarchiv der DDR als eigene Abteilung zugeordnet. Anne Barnert hat jetzt eine sehr lesenswerte Publikation über die „SFD“ herausgegeben. Sie informiert in ihrem eigenen Text über die Idee und die Geschichte der Institution, über die Gründung unter Bernhard Musall (1970/71), die erste Phase der Universalen Dokumentation unter Klaus-Detlef Bausdorf (1972-77), die zweite Phase Berlin-Totale unter Karl-Heinz Wegener (1978-1980), die dritte Phase Sozialistische Lebensweisen unter Peter Glaß (1981) und die Auflösung (1985/86). Es entstanden damals über 300 Filmdokumente, die im Anhang aufgelistet sind. Rolf Aurich informiert über die Historisierung des Films in den 1920er Jahren, das „Filmarchiv der Persönlichkeiten“ im NS-Propaganda-ministerium, das „Institut für den wissenschaftlichen Film“ in Göttingen in den 50er Jahren und die Berlin-Dokumentation in der Landesbildstelle Berlin der 60er Jahre unter der Leitung von Fritz Terveen. Texte von Matthias Braun über „Zensur in Kunst und Kultur der DDR“ und Axel Noack über die „Sonderöffentlichkeit Kirche“ in der SFD erweitern den Blickwinkel. Als Zeitzeugen kommen der Regisseur Thomas Heise, der die SFD-Filme DAS HAUS (1984) und VOLKSPOLIZEI (1985) realisiert hat, der langjährige Direktor des Staatlichen Filmarchivs der DDR Wolfgang Klaue und die Redakteurin Monika Reck zu Wort. Der Anhang enthält neben der SFD-Filmografie ein namentliches Verzeichnis der Mitarbeiter und eine Bibliografie. Zahlreiche Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: filme-fuer-die-zukunft/

Ufa Filmnächte in Berlin

2015.UfaAuf der Berliner Museumsinsel vor der Alten National-galerie finden auch in diesem Jahr wieder die UFA Filmnächte statt, die heute mit der Vorführung von Friedrich Wilhelm Murnaus TABU (1931) eröffnet werden. Die Neuvertonung stammt von Florian C. Reithner, sie wird vom UFA Filmorchester gespielt. Morgen ist die Gaunerkomödie IHR DUNKLER PUNKT (1928) von Johannes Guter mit Lilian Harvey (Foto) und Willy Fritsch zu sehen, begleitet von Neil Brand am Flügel. Zum Abschluss wird der abendfüllende Animationsfilm DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED (1926) von Lotte Reiniger gezeigt, live begleitet von TRIOGLYZERIN. Als Paten der drei Abende fungieren Johannes Król, Tom Wlaschiha und Natalia Wörner. Das Programm hat wie in den vergangenen Jahren Friedemann Beyer zusammengestellt, die Gastgeber sind wieder Bertelsmann und UFA. Mehr zum Programm: www.ufa-filmnaechte.de/

Handbuch Angewandter Dramaturgie

2015.Handbuch DramaturgieDramaturgie ist – theoretisch und praktisch – ein Schlüssel-begriff für die Erzählstruktur von Kino- und Fernsehfilmen. Die Literatur zu diesem Thema ist seit Jahren inflationär, sie gibt Spielregeln vor, fordert Innova-tionen, erteilt Ratschläge. Kerstin Stutterheim, Professorin für AV-Mediendramaturgie und -Ästhetik an der Filmuniversität Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg, hat jetzt ein „Handbuch“ publiziert, das man wohl für einige Zeit als Standardwerk bezeichnen kann. Die Autorin verfügt über große theoretische Kenntnisse und praktische Erfahrungen, konkretisiert ihren Leitfaden mit vielen Filmbeispielen und öffnet den Blick auch für alternative Möglichkeiten. Sie beginnt mit einem historischen Rückblick („Dramaturgie als Theorie und Methode“), formuliert dann Basiskenntnisse zum „Praxisbasierten Wissen der Dramaturgie“, widmet sich der „Personage“ (Charaktere und Figuren), unternimmt eine „Heldenreise“, kommt auf neue Formen zu sprechen („Modern, poetisch und offen“), beschreibt „Intrigen und Gegenintrigen“, erinnert an die Entwicklung des epischen Films („Die Poesie mäandernder Erzählungen“), charakterisiert die Besonderheiten der Komödie („Das Einfache, das so schwer zu machen ist“) und endet mit den Kapiteln „Dramaturgie im Dokumentarfilm“ und „Dramaturgie im Fernsehen“. Eingefügt sind drei beeindruckende „Case Studies“, in denen beispielhaft drei Filme analysiert werden: THE SHINING (1980) von Stanley Kubrick, COLLATERAL (2004) von Michael Mann und SPELLBOUND (1945) von Alfred Hitchcock. Das Film-Verzeichnis am Ende des Buches listet 146 Titel auf, die im Text verarbeitet sind. Als schnell zu handhabende Gebrauchsanweisung fürs Storytelling ist die Publikation ungeeignet, man muss sich schon auf die größeren Zusammenhänge, die hier dargestellt werden, einlassen. Dann bringt die Lektüre großen Gewinn. Mit umfangreicher Bibliografie und wenigen Abbildungen. Mehr zum Buch: 75431&cid=348

William Dieterle

2015.DieterleWilhelm Dieterle (1893-1972) war ein deutscher Schauspieler und Film-regisseur, der 1930 zu Warner Bros. nach Hollywood ging, seinen Vornamen anglisierte und in vielen Genres, vor allem mit Biopics erfolgreich war. Er spielte eine Schlüsselrolle für das deutschsprachige Filmexil ab 1933. Die Dissertation von Larissa Schütze (Ludwig-Maximilian-Universität München) ist für mich vorbildlich in der Verknüpfung von politischen und künstlerischen Fragestellungen. Das erste Kapitel ist dem Familienunternehmen „Warner Bros. Pictures Inc.“ gewidmet, das 1923 gegründet wurde, mit Ernst Lubitschs Film THE MARRIAGE CIRCLE (1924) sofort einen künstlerischen Erfolg hatte und von vier Brüdern organisiert wurde: Harry, dem Boss, Albert, dem Verkäufer, Samuel, dem Techniker, und Jack, dem Allrounder. Das Studio gehörte schnell zu den Majors in Hollywood, es war das erste, das schon Mitte der 1930er Jahre den Nazis den Kampf ansagte und mit CONFESSIONS OF A NAZI SPY (1939) einen der bekanntesten Anti-Hitler-Filme produzierte. In ihren zwei Hauptkapiteln beschreibt die Autorin Dieterles Arbeit bei Warner, die mit deutschsprachigen Filmversionen begann, sich mit low budget-Produktionen fortsetzte und in der Zusammenarbeit mit Max Reinhardt bei MIDSUMMER NIGHT’S DREAM (1935) zu einer ersten großen Herausforderung führte. Allein dieser Produktion sind 60 Textseiten gewidmet. Dann folgt das umfangreichste Kapitel über die Jahre 1936 bis 40, das von Dieterles Filmbiografien bei Warner handelt (THE STORY OF LOUIS PASTEUR, THE LIFE OF EMILE ZOLA und ein Beethoven-Projekt mit Fritz Kortner), von Dieterles zunehmender Einbindung in die politisch aktive Emigration (1938/39), von der Zusammenarbeit mit Wolfgang Reinhardt und Paul Muni bei dem Großprojekt JUAREZ (1939), das zu einem Reinfall wurde, von ökonomischen und künstlerischen Konflikten bei Dieterles letztem Film für Warner, DR. EHRLICH’S MAGIC BULLET mit Edward G. Robinson und Albert Bassermann. Zuvor hatte ihn das Studio an RKO für die Realisierung von THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME mit Charles Laughton ausgeliehen. Im Juli 1940 wurde er von Warner gekündigt. – Die Lektüre des Buches ist spannend, man wird durch keine Fotos abgelenkt, ich bin sehr beeindruckt. Mehr zum Buch: titel/60461.html

Film und Geschichte

Bild 1Dokumentation des Bremer Film-symposiums 2014. Vier Themen strukturieren das Buch: „Archive und Archivmaterial“, „Migration von Bildern und Tönen“, „Modellierung und Aneignung von Geschichte“, „Siegfried Kracauer im Zeitalter der New Film History“. Ich nenne zehn Texte, die mich besonders interessiert haben: Thomas Elsaessers Reflexionen über den Umgang mit Archivaufnahmen in Harun Farockis AUFSCHUB (2008), Sven Kramers Hinweise auf die Differenz zwischen Geschichtsschreibung (wissenschaftlich) und Filmemachen (künstlerisch) in der Verwendung dokumentarischen Materials aus der Zeit des Shoah, Anne Barnerts Informationen über die „Staatliche Filmdokumentation“ am Filmarchiv der DDR (inzwischen hat sie darüber ein Buch publiziert), Matthias Steinles Erinnerungen an die Fernseh-Sendereihe HISTOIRE PARALLÈLE / DIE WOCHE VOR 50 JAHREN von Marc Ferro, Bernhard Groß’ Hinweise auf das Verhältnis von Film und Geschichte am Beispiel des frühen deutschen Nachkriegskinos, Winfried Pauleits Entdeckungen des Klangraums in dem Western THE THREE BURIALS OF MELQUIADES ESTRADA (2005) von Tommy Lee Jones, Sabine Mollers Interviews zu Filmwahrnehmung und Geschichtsbewusstsein beim Blick auf FORREST GUMP (1994) von Robert Zemecki, Gertrud Kochs Verortung von Siegfried Kracauer zwischen philosophischem Realismus und Historismuskritik, Nicholas Baers Konfrontation des CABINET DES DR. CALIGARI (1920) mit Grundsätzen der „New Film History“ und Mason Allreds Analyse des Lubitsch-Films MADAME DUBARRY (1919) im Umgang mit dem menschlichen Körper. Eine englische Version der Textbeträge ist als CD beigefügt. Die Abbildungen haben eine hervorragende Qualität. Mehr zum Buch: filmundgeschichte.html