Spike Jonze

2015.Spike JonzeMit seinem Film HER ist Spike Jonze (*1969) in der oberen Liga des unabhängigen Hollywoodkinos angekommen. Für sein Drehbuch einer Liebesgeschichte zwischen Mensch und Computer-Betriebssystem bekam er 2014 einen Oscar und einen Golden Globe. Es war sein vierter Regiefilm. Johannes Wende hat jetzt (als Nummer 37) ein Heft der „Film-Konzepte“ über Spike Jonze herausgegeben, das höchst lesenswert ist. Sieben Beiträge öffnen den Blick auf ein vielseitiges Werk, das auch im Bereich der Musikvideos Bedeutung erlangt hat. Henry Keazor & Thorsten Wübbena unternehmen den „Versuch einer Spektralanalyse“ von Spike Jones. Sie liefert die Basis auch für die folgenden Texte. Hans Krah reflektiert über „Bewegung und Stillstand in Spike Jonzes Musikvideos“. Der Herausgeber Johannes Wende verortet Jonze im Independentkino. Bei Marie-Luise Angerer geht es um die „akusmatische Liebesbeziehung“ in HER, bei André Wendler um „Medien, Netzwerk, Liebe“, bei Anna Steinbauer um das Verhältnis von Sehen und Hören („Kameraauge und Ohrstöpsel“). Das ist immer theoretisch abgesichert und mit Zuneigung formuliert. Nicolas Freund begibt sich im letzten Text auf Motiv- und Spurensuche in Jonzes zweitem Film ADAPTION. Was mir fehlt, ist eine Analyse von Jonzes erstem Film BEING JOHN MALKOVICH, der ja sein Einstieg in die Kinowelt war. Dennoch: wieder eine Bestätigung der großen Qualität der „Film-Konzepte“. Mehr zur Publikation: VOToARzxmT0

Babelsberger Kameramänner

2015.Babelsberg 1In Babelsberg wurde deutsche Film-geschichte geschrieben, von Regis-seuren, Schauspie-lerinnen und Schauspielern, aber vor allem auch von Kameraleuten. Uwe Fleischer und Helge Trimpert porträtieren sechs heraus-ragende Persönlich-keiten, die hinter der Kamera, zum Teil als Erfinder oder Trickspezialisten, in den vergangenen hundert Jahren für die Filmstadt Großes geleistet haben: Guido Seeber (1879-1940), Eugen Schüfftam (1886-1977), Gerhard Huttula (1902-1996), Ernst Kunstmann (1898-1995), Kurt Marks (1933-2011) und Erich Günther (*1923). Bei Seeber, Schüfftan und Kunstmann handelt es sich um fiktive Interviews mit sehr sachkundigen Fragen, bei Gerhard Huttula ist Rolf Giesen der informierende Gesprächspartner, bei Marks und Günther sind es reale Interviews, die hier zu lesen sind. In einem Gespräch mit Uwe Fleischer, der ab 1970 im Studio Babelsberg gearbeitet hat und von 1981 bis 1994 Chef der DEFA-Trickabteilung war, geht es schließlich um den Übergang ins digitale Zeitalter. Und das Buch schließt mit einem Gespräch mit Michael Düwel, dem Geschäftsführer des Art Departments im Studio Babelsberg. Eine Chronik am Anfang und ein Glossar am Ende bieten einen informativen Rahmen. Herausragend ist die Qualität der Abbildungen, teils in Schwarzweiß, teils in Farbe. Auch auf kleineren Abbildungen sind noch Details erkennbar. Coverfoto: Vorsatzmodell für den DEFA-Film RAT DER GÖTTER von Kurt Maetzig, realisiert von dem Trickspezialisten Ernst Kunstmann. Mehr zum Buch: trickkiste.html

Gustav Ucicky

786_big_ucicky_u1shop-1Dies ist das erste Buch über den österreichischen Kameramann und Regisseur Gustav Ucicky (1899-1961).  Filmhistoriker verbinden mit seinem Namen Titel aus der Zeit der Weimarer Republik (DAS FLÖTENKONZERT VON SANS-SOUCI mit Otto Gebühr und Renate Müller, YORCK mit Werner Krauß und Gustaf Gründgens, MORGENROT mit Rudolf Forster und Adele Sandrock), aus der Nazizeit (DER ZERBROCHENE KRUG mit Emil Jannings, DER POSTMEISTER mit Heinrich George und Hilde Krahl, HEIMKEHR mit Paula Wessely), aus den 1950er Jahren (BIS WIR UNS WIEDERSEH’N mit Maria Schell und O. W. Fischer, DER KAPLAN VON SAN LORENZO mit Dieter Borsche und Gertrud Kückelmann, DER PRIESTER UND DAS MÄDCHEN mit Rudolf Prack und Marianne Hold). Der Titel der Publikation formuliert eine Ambivalenz: „Professionalist und Propagandist“. Ernst Kieninger nennt ihn in seinem Vorwort einen „Mann ohne Eigenschaften“. Das Filmarchiv Austria hat in das Buch (Umfang: 568 Seiten) viel Arbeit investiert, die Recherchen und Analysen sind beeindruckend, sie wurden von Christoph Brecht, Armin Loacker und Ines Steiner geleistet. Vor allem bei der Lektüre der Analysen spürt man, wie genau die einzelnen Filme gesehen wurden, wie komplex ihre Interpretationen formuliert sind, wie ästhetische und zeitgeschichtliche Fragestellungen in einem Zusammenhang gebracht werden. Immer wieder wird dabei auf die Quellenlage verwiesen, die durch die Zusammenarbeit mit vielen Archiven hervorragend war, aber natürlich auch ihren Grenzen hatte. Texte von Ucicky selbst gibt es wenige. Er hat sich immer im Hintergrund gehalten. Das Kapitel „Persönliches von Gustav Ucicky“ stammt von seiner Witwe Ursula Ucicky: Erinnerungen an Filme, die er für sie formuliert hat, und Auszüge aus Briefen, die er ihr geschrieben hat. Zahlreiche Abbildungen in hervorragender Qualität. Mehr zum Buch: http://filmarchiv.at/ und dann zum Shop.

Berlinale – meine Bilanz

2015.Berlinale.EndeGestern Abend wurden im Berlinale-Palast die Bären verliehen. Ich finde die Entscheidungen der Internationalen Jury sehr respektabel, wenn ich sie mit den Punkten der Kritiker vergleiche und den eigenen Urteilen, soweit ich die Filme des Wettbewerbs gesehen habe. Mit dem „Goldenen Bären“ für TAXI von Jafar Panahi stimme ich voll überein. Das ist ein sehr komplexer Film, der viel über die Situation des Regisseurs und über die politischen Ambivalenzen in Teheran erzählt und dabei erstaunlich komische Momente enthält. Es gefällt mir sehr, dass die schauspielerischen Leistungen von Charlotte Rampling und Tom Courtenay mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurden. Auch den Spezialpreis der Jury für EL CLUB aus Chile kann ich nachvollziehen. Und über die Würdigung des Kameramannes Sturla Brandt Grovlen in Sebastian Schippers VICTORIA habe ich mich besonders gefreut. – Ich habe zehn Filme in der Retrospektive „Glorious Technicolor“ gesehen, darunter fünf zum ersten Mal: YOLANDA AND THE THIEF von Vincente Minnelli, WINGS OF THE MORNING von Harold B. Schuster, THIS HAPPY BREED von David Lean, AN AMERICAN ROMANCE von King Vidor und THE SHEPHERD OF THE HILLS von Henry Hathaway. Im Panorama habe ich Rosas Film HÄRTE gesehen, der mir gut gefallen hat, im Forum die Filme CINEMA: A PUBLIC AFFAIR von Tatiana Brandrup (über Naum Kleiman und die Situation seines Archivs und seines Kinos) und WAS HEISST HIER ENDE? von Dominik Graf (über das Leben und Schreiben unseres Freundes Michael Althen). Eine schöne Berlinale mit vielen Begegnungen. Es war meine 56.

Bären-Verleihung

Bild 1Heute Abend werden im Berlinale-Palast die Bären verliehen. Natürlich wird seit Tagen heftig darüber spekuliert, wie die Jury in diesem Jahr entscheidet. Im vergangenen Jahr bekam der chinesische Film BLACK COAL, THIN ICE und nicht der allgemeine Favorit BOYHOOD den „Goldenen Bären“ (was ich nach wie vor nicht verstehen kann). In diesem Jahr gibt es nicht einen großen Favoriten, sondern mehrere. Aus den Punktetabellen der Kritikerinnen und Kritiker in der Berliner Zeitung und im Tagesspiegel schälen sich drei oder vier Filme als Anwärter auf den „Goldenen Bären“ heraus: TAXI von Jafar Panahi, 45 YEARS von Andrew Haigh, UNDER ELECTRIC CLOUDS von Alexey German Jr., EL CLUB von Pablo Larrain. Und es gibt ja noch insgesamt sieben Silberne Bären (Großer Preis der Jury, Beste Regie, Alfred Bauer-Preis, Bestes Drehbuch, Herausragende Künstlerische Leistung, Beste Darstellerin, Bester Darsteller). Für mich war Charlotte Rampling die beste Darstellerin und die Kameraführung von Sturla Brandt Grovlen in Sebastian Schippers VICTORIA halte ich für eine herausragende Künstlerische Leistung. Aber ich habe zu wenige Filme im Wettbewerb gesehen, um wirklich Prognosen abgeben zu können. Und die Jury geht bekanntlich ihre eigenen Wege. Heute Abend wissen wir mehr.

WAS HEISST HIER ENDE?

2015.AlthenHeute Abend hat der Film von Dominik Graf über unseren 2011 verstorbenen Freund Michael Althen im Delphi seine Premiere: WAS HEISST HIER ENDE? Dominik hat es auf – für mich – beeindruckende Weise geschafft, den Kern von Michaels Schreiben und Denken über das Kino, über Kunst und über das Leben präsent zu machen. Es sind 120 schöne und zugleich traurige Minuten, in denen wir noch einmal mit Michael zusammen sind. Wir hören die Erinnerungen seines Vaters Adolf und seiner Mutter Hanna, von Bea, Artur und Teresa. Die große Nähe von Michael zu den Filmemachern Romuald Karmakar, Caroline Link, Christian Petzold, Tom Tykwer und Wim Wenders ist in ihren Gesprächen mit Dominik wirklich zu spüren. Und natürlich tragen viele Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen ganz konkret zum Blick auf Michaels Leben bei, vor allem Wolfgang Höbel, Andreas Kilb, Tobias Kniebe, Peter Körte, Doris Kuhn, Stephan Lebert, Harald Pauli, Milan Pavlovic, Evelyn Roll, Claudius Seidl und Anke Sterneborg. Schön sind die Beschreibungen von Cannes und Venedig, von München und Unterhaching, Paris und Berlin, interessant ist das Meinungs-spektrum zum Thema neue Filmkritik. Und natürlich fehlt nicht der Besuch bei Schumann’s. Tobias Streck, der 2008 den Film AUGE IN AUGE von Michael und mir montiert hat, war auch hier für den Schnitt verantwortlich. Und Joe Schroeders Preview Production hat produziert. Vielen Dank, Dominik, für diesen Film. Im Mai kommt er ins Kino. Mehr zum Film: .php?id=154

Berlinale-Kamera für Naum Kleiman

2015.KleimanDer Filmhistoriker Naum Kleiman (*1937) wird heute mit der Berlinale-Kamera ausgezeichnet. Naum, den ich seit Jahrzehnten kenne, war in den 1960er Mit-begründer des Eisenstein-Archivs in Moskau, das er fast zwanzig Jahre lang geleitet hat. 1989 wurde die Moskauer Cinema-thek von ihm gegründet, die er viele Jahre erfolgreich geleitet hat, bis das „Musey Kino“ in einen Immobilienskandal verwickelt und geschlossen wurde. Seither ist die Arbeit für ihn immer schwieriger geworden. Im vergangenen Juli wurde er entlassen. Auch internationale Solidaritätsaktionen haben nicht geholfen. Nach der heutigen Preisverleihung ist der Film CINEMA: A PUBLIC AFFAIR von Tatiana Brandrup zu sehen, der Kleimans Lebenswerk und sein Verständnis von Kino im heutigen Russland dokumentiert. In Berlin hat Naum mit Erika und Ulrich Gregor enge Verbündete. So ist auch das Forum der richtige Schauplatz für seine Ehrung. Mehr zur Auszeichnung: Alle-Detail_27161.html

Marcel Ophüls

2015.OphülsHeute wird der Filmregisseur Marcel Ophüls (*1927) mit der Berlinale-Kamera ausgezeichnet. In einem Berlinale-Special wird sein Film THE MEMORY OF JUSTICE (1973-76) gezeigt, der die Nürnberger Prozesse thematisiert und über vier Stunden dauert. – Im Propyläen Verlag sind gerade die Erinnerungen von Marcel Ophüls erschienen: „Meines Vaters Sohn“, eine Lebens-geschichte mit vielen Stationen und Bezugs-personen, wobei der Vater Max Ophüls natürlich die wichtigste ist. Marcel war fünf Jahre alt, als die Familie vor den Nazis von Berlin nach Paris floh, es gab dann kurze Aufenthalte in Italien und in Moskau, nach Kriegsbeginn gewährte die Schweiz Asyl und 1941 gelang die Ausreise in die USA. 1949 kehrte der Vater Max nach Deutschland zurück, der Sohn Marcel studierte zunächst an der University of California, dann an der Sorbonne und wurde „eines schönen Tages“ Regieassistent von John Huston bei dem Film MOULIN ROUGE. Damit begann eine Filmlaufbahn, die von der Assistenz zur Regie führte, vom Spielfilm zum Dokumentarfilm. Auch wenn Marcel Ophüls sein Leben weitgehend chronologisch erzählt, gibt es immer wieder Zeitsprünge und Ortswechsel, die den Leser etwas atemlos machen. Die Geduld, die er in seinen Dokumentarfilmen aufbringt, um seinen großen Themen gerecht zu werden, hat er als Autor nicht. Natürlich erfährt man trotzdem viel über seine Arbeit, über die Filmbranche und über seinen Vater. Eine zweite Erzählebene des Buches bilden die 112 Fußnoten am Ende des Buches. Sie sind keine Quellenverweise, sondern liefern eigenständige Informationen, Anekdoten oder Bosheiten, die höchst lesenswert sind. Mehr zum Buch: 9783843710633.html

Hommage für Wim Wenders

2015.WendersDie Hommage der Berlinale ist in diesem Jahr dem Regisseur Wim Wenders gewidmet. Am Donnerstag (12. Februar) wird er mit dem Ehrenbären des Festivals ausgezeichnet. Den gibt es seit 1982. Der erste Preisträger war James Stewart. Wim Wenders ist der 33. Preisträger – und der erste deutsche Regisseur, der so geehrt wird. Zehn Filme stehen auf dem Programm der Hommage, darunter meine Lieblingsfilme von ihm, ALICE IN DEN STÄDTEN, DER HIMMEL ÜBER BERLIN und TOKYO-GA. Am Mittwoch führt Rainer Rother im HAU ein Gespräch mit Wenders über sein Werk. Außer Konkurrenz ist im Wettbewerb der Berlinale auch sein neuer Film EVERY THING WILL BE FINE mit James Franco und Charlotte Gainsbourg zu sehen. Wenders wird in diesem Jahr – er feiert am 14. August seinen 70 Geburtstag – vielfach geehrt. Es gibt Ausstellungen (zum Beispiel in Düsseldorf), Retrospektiven (zum Beispiel im MoMA in New York), Publikationen (im Verlag der Autoren und bei Schirmer/Mosel). Darüber informiert die Website der Wenders-Stiftung: wimwendersstiftung.de/ww2015/ . Mehr zur Hommage: hommage/index.html

AUGE IN AUGE

2015.DVD.AiAEndlich gibt es den Film AUGE IN AUGE auf DVD als Einzelstück zu kaufen. 2009, ein Jahr nach der Premiere auf der Berlinale, hatte das Goethe-Institut DVDs für den internen Gebrauch hergestellt. 2010, zur 60. Berlinale, edierte die FAZ die Box „Momente des deutschen Films“ mit zehn Spielfilmen und AUGE IN AUGE als Zugabe. Jetzt hat Absolut Medien den Film in sein DVD-Programm aufgenom-men, und dafür bin ich Molto Menz sehr dankbar. Immer wieder wurde ich in den vergangenen Jahren nach verfügbaren DVDs gefragt und konnte bisher nur mit den Schultern zucken. Jetzt ist der Film, den ich mit Michael Althen gemacht habe, wirklich verfügbar. Und es ist – ich bin natürlich befangen – einfach schön, zusammen mit Michael Ballhaus, Doris Dörrie, Andreas Dresen, Dominik Graf, Wolfgang Kohlhaase, Caroline Link, Christian Petzold, Tom Tykwer, Wim Wenders und Hanns Zischler in der deutschen Filmgeschichte unterwegs zu sein, den berühmten Schauspielerinnen und Schauspielern beim Küssen, Rauchen, Schreien, Telefonieren zuzuschauen, ihre Blicke zu verorten und darüber nachzudenken, was spezifisch „deutsch“ ist am deutschen Film. Die DVD enthält die deutsche, von Michael Althen gesprochene Fassung sowie Sprachfassungen in Englisch und Französisch (Sprecher: Mario Adorf), in Spanisch (Sprecher: Peter Lohmeyer) und Portugiesisch (Sprecherin: Christina Do Rego). Es gibt als Extras Statements der Filmemacher, Schnittbilder, eine Hörfassung für Sehbehinderte und eine ausführliche zweite Audiodeskription als reine Audiofassung. Ich hoffe natürlich, dass die DVD viele Käufer findet und der Film dadurch präsent bleibt. Mehr zur DVD: Auge+in+Auge+-+Eine+deutsche+Filmgeschichte