Storyboarding

Storyboards sind erste Visualisie-rungen eines Drehbuchs, Ideen-skizzen, manchmal stammen sie vom Regisseur, manchmal von beauftragten Spezialisten. Sie haben ihre eigene Geschichte. 2011 gab es eine beeindruckende Ausstellung zu diesem Thema im Museum für Film und Fernsehen („Zwischen Film und Kunst. Storyboards von Hitchcock bis Spielberg“); im Kerber Verlag erschien ein Katalog. Anna Häusler und Jan Henschen haben jetzt im Schüren Verlag ein neues Buch über „Storyboarding“ herausgegeben, das einerseits die medienwissen-schaftlichen Aspekte vertieft, andererseits die Filmbeispiele erweitert. Das Vorwort des Herausgeberduos legt den Rahmen fest. Kristina Jaspers, an der Berliner Ausstellung als Kuratorin beteiligt, formuliert in ihrem Essay die filmhistorischen Grundlagen. Chris Pallant erinnert an das Storyboarding bei Walt Disney. Steven Price unternimmt „Lektüren der PSYCHO-Storyboards“. Aus dem Archiv der Deutschen Kinemathek stammen Abbildungen von Guido Seeber (DIE GEHEIMNISVOLLE STREICHHOLZDOSE), Fritt Maurischat (DAS SCHIFF DER VERLORENEN MENSCHEN und IM BANN DES EULENSPIEGELS), Emil Hasler (M) und Karl Ritter (STUKAS). Bei Rembert Hüser geht es um Rahmenhandlungen, um Filme von Woody Allen und Jean-Luc Godard und schließlich um DAS CABINET DES DR. CALIGARI und DIE BERGKATZE. Kalani Michell entdeckt Zusammenhänge zwischen den Filmen von Christian Petzold und dessen Vorliebe für den Zeichner Adrien Tomine („Hawaiian Getaway“). Annette Urban untersucht Drehbuchfunktionen in der Kunst um 1970 und in der Gegenwart. Der Storyboarder Benjamin Kniebe beantwortet 13 Fragen zu seiner Profession. Noch einmal um Walt Disney geht es in einem Beitrag von Jan Philip Müller über STEAMBOAT WILLIE. Marc Bonner beschäftigt sich im letzten Beitrag mit dem Storyboard als Entwurfs- und Notationsmedium des Computerspiels. Mit vielen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: 553-storyboarding.html

Konrad Wolf-Preis

Heute Abend wird in der Akademie der Künste am Hanseatenweg der Konrad Wolf-Preis verliehen. In diesem Jahr ist dafür wieder die Sektion Film- und Medienkunst zuständig. Die Jury – ihr gehörten Bettina Böhler, Tamara Trampe und Gisela Tuchtenhagen an – hat die ungarische Regisseurin Márta Mészáros als Preisträgerin ausge-wählt. Das finde ich eine sehr gute Entscheidung. Um 19 Uhr wird unsere Präsidentin Jeanine Meerapfel die Gäste der Veranstaltung begrüßen. Bettina Böhler und Tamara Trampe halten die Laudatio. Gezeigt wird der Film DAS MÄDCHEN (1968). Barbara Wurm spricht anschließend mit Márta Mészáros. Und dann wird gefeiert. Mehr zur Preisverleihung: D=57254

HAPPY END (Drehbuch)

Der neue Film von Michael Haneke hatte seine Urauffüh-rung beim Festival in Cannes und ist jetzt in unseren Kinos zu sehen. Er erzählt Geschichten aus einer Unternehmerfamilie in Calais. Der Großvater heißt Georges, ist uns aus AMOUR bekannt und wird von Jean-Louis Trintignant gespielt. Er will sich möglichst bald aus dem Leben verabschieden. Die Tochter Anne (Isabelle Huppert) leitet das Bauunternehmen, das sehr gefährdet erscheint. Ihr Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) und ihr Sohn Pierre (Franz Rogowski) gehen eigene Wege. Eine Schlüsselfigur ist die 13jährige Eve (Fantine Harduin), Tochter von Thomas aus erster Ehe, die zwanghaft mit ihrem Handy filmt. Es gibt absurde Momente in dem Film, immer neue Abgründe öffnen sich. Im Zsolnay Verlag ist das Drehbuch zum Film veröffentlicht worden. Die Lektüre lohnt, weil die Struktur des Films deutlich wird, das Wechselspiel der Gefühle und Beziehungen, die Figurenkonstellation, die Präzision der Dialoge. Mit einem Nachwort von Ferdinand von Schirach. Die Abbildungen sind zum Teil zu dunkel. Mehr zum Buch: 978-3-552-05859-0/

Mata Hari

Am 15. Oktober 1917, also heute vor 100 Jahren, wurde die Spionin Mata Hari im Festungsgraben des Schlosses Vincennes im Süden von Paris von einem Exekutionskom-mando erschossen. Sie ist zu einem Mythos geworden. Berühmt wurde Margaretha Zelle – geboren am 7. August 1876 in Leeuwarden/ Nie-derlande – als Tänzerin in Paris, wo sie 1905 ihren Künstlernamen Mata Hari (javanisch: Auge des Tages) annahm und einige Jahre große Erfolge hatte. Vorausgegangen waren eine konfliktreiche Ehe mit einem Kolonialoffizier, schwierige Jahre auf Java und Sumatra, die Geburt von zwei Kindern, die Rückkehr nach Europa, die Trennung von ihrem Ehemann und viele Versuche, eine eigenständige Existenz aufzubauen. Nach dem Ausbruch des Weltkriegs geriet sie eher durch Zufall zwischen die Fronten und wurde unter dem Decknamen H 21 zur Spionin für den deutschen Geheimdienst. In der Reclam-Reihe 100 Seiten hat die Historikerin Claudia Mocek ein materialreiches Büchlein publiziert, das viele Informationen enthält, leider auf Seite 1 auch die falsche, dass Marlene Dietrich sie in einem Film verkörpert habe; MD hat in dem Film DISHONORED die Geheimagentin X 21 gespielt und war die Antwort von Paramount auf den Garbo-Film von MGM. Dennoch: das Buch ist spannend zu lesen. Mit Abbildungen und einer Literaturliste. Mehr zum Buch: Mata_Hari__100_Seiten

Unter den zahlreichen Verfilmun-gen des Mati Hari-Stoffes ist der frühe Tonfilm von George Fitz-maurice der bekannteste. Vor allem, weil Greta Garbo die Titelrolle spielt. Und sie ist wirklich grandios. Den Film MATA HARI, AGENT H 21 (1964) von Jean-Louis Richard mit Jeanne Moreau finde ich akzeptabel, die späteren Filme von Paul Verhoeven (1966) mit Louise Martini, David Carradine (1978) mit Calista Carradine und von Curtis Harrington (1985) mit Sylvia Kristel fand ich interessant. Den Fernsehfilm MATA HARI – TANZ MIT DEM TOD (2017) von Kai Christiansen mit Natalia Wörner habe ich nicht gesehen. Natürlich gibt es den Greta Garbo-Film auf DVD: mata+hari+dvd .

Stummfilmmusik

Eine Dissertation, die am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Wien entstanden ist. Maria Fuchs stellt das „Allgemeine Hand-buch zur Film-Musik“ aus dem Jahr 1927 in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Sie referiert zunächst den Stand der For-schung zur Filmmusikgeschich-te in Deutschland und informiert über die Entwicklungen der Stummfilmmusik. Die Heraus-geber des Handbuchs, Giuseppe Becce, Hans Erdmann und Ludwig Brav, werden in diesem Zusammenhang biografisch vorgestellt. Ein eigenes Kapitel ist dem „Entstehungskontext der musikalischen Hermeneutik“ gewidmet; große Bedeutung hat hier der Musikwissenschaftler Hermann Kretzschmar. Sehr differenziert werden dann zeitgenössische Schriften zur Stumm-filmmusik in Deutschland dargestellt. Der Blick richtet sich schließlich auf das „Allgemeine Handbuch der Film-Musik“, auf dessen Repertoire-auswahl des „Thematischen Skalenregisters“ und seine Gliederung. Ein spezielles Kapitel ist schließlich dem Komponisten Ernö Rapée vorbehalten, der von Hans Erdmann unangemessen scharf kritisiert wurde, was man aus heutiger Sicht als Antiamerikanismus bezeichnen kann. Abbildungen sind vor allem Notenbeispiele. Faksimilierte Dokumente werden als „Beilagen“ dokumentiert. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis schließt den Band ab. Für die Beschäftigung mit Stummfilmmusik ist das Buch unabdingbar. Mehr zum Buch: 554-stummfilmmusik.html

Plakate der Russischen Avantgarde

Die 1920er Jahre waren eine kreative Phase der russi-schen Malerei und Grafik. Das machen bis heute die Filmplakate deutlich, die damals entstanden sind. In der „Bibliotheca Universalis“ des Taschen Verlages hat jetzt die amerikanische Werbetexterin Susan Pack einen Band mit 250 Plakat-abbildungen herausgegeben. Zu großen Teilen stammen sie aus ihrer Sammlung, die sie seit den 70er Jahren mit Leidenschaft betreibt. Es sind über-wiegend russische Filme, für die auf den Plakaten auf originelle Weise geworben wurde, aber zu entdecken sind auch amerikanische Titel (Filme von Charles Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, Fred Niblo, Allen Dwan) und zahlreiche deutsche Filme, zum Beispiel DIE AUSTERNPRINZESSIN von Ernst Lubitsch, DR. MABUSE, DER SPIELER von Fritz Lang, FRÄULEIN RAFFKE von Richard Eichberg, DER LETZTE MANN von Friedrich Wilhelm Murnau, DAS WACHSFIGURENKABINETT von Paul Leni, DIE ANDERE von Gerhard Lamprecht, DÜRFEN WIR SCHWEIGEN? von Richard Oswald, DIE LETZTE DROSCHKE VON BERLIN von Carl Boese, BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT von Walter Ruttmann, DER MANN IM FEUER von Erich Waschneck, WINDSTÄRKE 9 von Reinhold Schünzel, SECHS MÄDCHEN SUCHEN NACHTQUARTIER von Hans Behrendt, LOOPING THE LOOP von Artur Robison, DER LEBENDE LEICHNAM von Fedor Ozep, DIE ROTHAUSGASSE von Richard Oswald, TRAGÖDIE von Carl Froelich. Viele Entwürfe stammen von den Brüdern Georgi und Vladimir Stenberg. Susan Pack hat ein informatives Vorwort geschrieben. Ein dreisprachiger Bildband (Deutsch, Englisch, Französisch) mit über 500 Seiten, für 14,99 € sehr preiswert. Die Coverabbildung zeigt den Plakatentwurf zum russischen Film DAS PRIVATLEBEN DES PETER WINOGRAD. Mehr zum Buch: filmposter_der_russischen_avantgarde.htm

„Texte zum Film“ von Maria Lang

Im September hat Ute Aurand im Zeughauskino eine Werkschau mit Filmen von Maria Lang gezeigt und ein Buch mit Texten von ihr ediert. Maria Lang hat von 1980 bis 1985 an der dffb studiert, ihr Abschlussfilm war ZÄRTLICHKEITEN. 1991 ist sie in ihren Heimatort Zusmars-hausen zurückgekehrt, um dort ihre pflegebedürftige Mutter zu betreuen. 2014 ist sie aus dem Leben geschieden. In ihren Texten beschäftigt sie sich mit Gertrude Stein und Hannah Arendt, mit Filmen von Frauen und über Frauen, mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung und der dffb, mit ihren Gedanken, Gefühlen und Hoffnungen. Einige Texte sind Vorträge oder Filmeinführungen. Sie sind nicht chronologisch geordnet, sondern klug montiert und bekommen dadurch einen eigenen, assoziativen Fluss. Die Lektüre macht nachdenklich, zwischendurch traurig, aber am Ende doch auch glücklich. Denn es ist ein Buch, das einen im Inneren bewegt, weil der Tonfall der Texte reflexiv, zärtlich und sensibel ist. Mit einem Vorwort von Ute Aurand. Mehr zu Maria Lang, zur Filmreihe und zum Buch: taz.de/!5447079/ . Das Buch bestellen kann man bei der Herausgeberin: uteaurand.de/kontakt.php. Es kostet 15 €.

Sean Penn

Eine Magisterarbeit, die an der Universität in Mainz entstanden ist. Ben Kaufmann beschäftigt sich mit den „Amerikanischen Formen der Ver- und Entwurze-lung in den Filmen von Sean Penn“. Fünf Regiearbeiten von Penn – THE INDIAN RUNNER (1991), THE CROSSING GUARD (1995), THE PLEDGE (2001), der Beitrag zum Episodenfilm 11’09’’01 – SEPTEMBER 11 (2002) und INTO THE WILD (2007) – werden auf kollektive, familiäre und persönliche Verbindungen untersucht. Besonders interessant finde ich die Entschlüsselungen des Autors im Blick auf John Cassavetes und seinen Film THE KILLING OF A CHINESE BOOKIE (1976), Charles Bukowski und seinen Gedichtband „War All the Time“ (1984), Dennis Hopper und seinen Fotografie-Band „Out of the Sixties“ (1986) und Bruce Springsteen und sein Musikalbum „Nebraska“ (1982). Die Erkenntnisse werden sehr konkret und differenziert dargestellt. Der jüngste Film von Sean Penn, THE LAST FACE (2016) mit Charlize Theron und Javier Bardem, konnte natürlich noch nicht berücksichtigt werden. Er ist übrigens seit kurzem auf DVD und Blu-ray zu bekommen. Keine Abbildungen. Coverfoto: THE INDIAN RUNNER. Mehr zum Buch: product=29579

DIE KINDER VON GOLZOW (1961-2007)

Der erste Film hieß WENN ICH ERST ZUR SCHULE GEH, er wurde 1961, kurz nach dem Bau der Mauer gedreht, dauerte 13 Minuten und war der Ausgangspunkt für die Langzeit-beobachtung einer Schulklasse im brandenburgischen Golzow, einer Gemeinde im Oderbruch. Winfried Junge (*1935), der Regisseur des Kurzfilms, blieb den Kindern von Golzow 46 Jahre verbunden. Insgesamt entstanden zwanzig Filme, 1992 wurde Barbara Junge zur Co-Regisseurin, der letzte Film hieß …DANN LEBEN SIE NOCH HEUTE – DAS ENDE DER UNENDLICHEN GESCHICHTE (2007). Ich erinnere mich, dass ich 1982 im Berlinale-Forum den Film LEBENSLÄUFE gesehen habe und nach mehr als vier Stunden tief beeindruckt war. Nach der Vorführung von DREHBUCH – DIE ZEITEN, elf Jahre später, erging es mir nicht anders. Die folgenden Filme waren jeweils einzelnen Personen gewidmet, die man als Schüler kennen gelernt hatte und nun als Erwachsene wiedersah: Jürgen, Willy, Elke, Marieluise, Brigitte und Marcel, Dieter, Jochen, Bernd. Beharrlichkeit und Geduld bei Langzeitbeobachtungen lohnen sich. Das spürt man wieder, wenn man sich als Zuschauer Zeit nimmt. Bei Absolut Medien ist jetzt in sechster Auflage eine Box mit 18 DVDs der KINDER VON GOLZOW zum Sonderpreis von 99,90 € erschienen. Neu ist der Bonusfilm DER DEFA-KOMPLEX (60 min.). Für rund 45 Stunden Film in Schwarzweiß und Farbe, mit Blicken in die DDR-Vergangenheit und die ersten Jahre der Nachwendezeit ist das sehr preiswert und lohnt sich unbedingt. Mehr zur DVD: Die+Kinder+von+Golzow+%2818+DVD+im+Schuber%29

The Great Gun of the Lantern

Eine Dissertation, die an der Universität Trier entstanden ist. Karen Eifler untersucht den Lichtbildereinsatz sozialer Organisationen in Großbritan-nien (1875-1914). „Lantern Lectures“ (Lichtbildervorträge) gehörten damals zum festen Bestandteil des Angebots öffentlicher Bildungsveranstal-tungen. Der Projektor galt als „Great Gun“, als großartige Bilderkanone. Die Massen-wirksamkeit war offenbar sehr groß. Die Autorin geht vor allem den Fragen nach: Welchen Umfang erreichte der Lichtbildereinsatz sozialer Organisationen? Auf welchen Wegen verbreiteten soziale Organisationen Lichtbilder? Wie wurden Lichtbilder präsentiert? Aus welchen Gründen waren Veranstaltungen mit Projektionsaufführungen attraktiv? Welchen Anteil hatten die Präsentationspraktiken an Erfolgen des Lichtbildereinsatzes sozialer Organisationen? Oft fanden die Projektionen im Zusammenhang mit Gottesdiensten, Speisungen und gemeinsamem Singen statt. Zwei christliche Organisationen der Temperenzbewegung, drei Organisationen christlicher Mission und Unterweisung sowie zwei säkulare sozialpolitische Organisationen bilden die Basis der Untersuchung. Ein Beitrag zu einem bisher wenig beachteten Bereich der Mediengeschichte. Mit Abbildungen. Coverfoto: Church Army Archive at Headquarters Sidcup/Sheffield. Mehr zum Buch: the-great-gun-of-the-lantern.html