Hipster, Gangster, Femmes fatales

2016-hipster-kleinEine Dissertation, die an der Musikhochschule Dresden entstanden ist. Konstantin Jahn ist Musikwissenschaftler und hat eine große Affinität zum Film. Die ist auch gefordert, wenn man sich auf die Suche nach dem Jazz in der internationalen Filmgeschichte macht. Zunächst werden vom Autor die theoretischen Voraussetzungen und die Methodik geklärt. Dann folgen in 13 Kapiteln die konkreten Ergebnisse: Jazz und früher Stummfilm – Exzess, Emanzipation und Kunst im Jazz Age – Jazz und der frühe amerikanischen Tonfilm (THE JAZZ SINGER und KING OF JAZZ) – Das jazzige Hollywood-Musical (42ND STREET, TOP HAT, HALLELUJAH) – Der Swing Craze – Deutscher Exkurs: Jazz und Ideologie im swingenden Schlagerfilm (von der Weimarer Republik bis in die 1960er Jahre) – Die Stadt, der Sex und der Rausch (Film noir, sozialer Problemfilm und der „Hollywood Jazz“ der 1950er Jahre) – Die Etablierung des Jazz in der Filmmusikkomposition (Henry Mancini, Space-Age-Jazz und europäische Jazzsoundtracks) – Action, Horror, Porno und Science-Fiction (Jazz im Genre-Kino) – Jazz-Cartoons (Carl Stalling, Raymond Scott und Jazz als postmodernes Konzept) – Abstraktion und absolute Nähe (Experimentalfilm und Dokumentation) – Bedeutungsverlust und Verdichtung der Klischees (Jazz im Film seit den 1980er Jahren) – Conclusio (Jazz in Film und Filmmusik als Spiegel sozialer und ästhetischer Entwicklungen). 80 Abbildungen zeigen faksimilierte Partiturausschnitte. Es ist erstaunlich, dass man auch ohne musiktheoretische Kenntnisse die meisten Ausführungen versteht. Insofern: Basisliteratur für Filmfreunde. Mehr zum Buch: 9783869165011#.WAoeNyiJbV4

Alfred Kerr – Die Biographie

2016-alfred-kerrEr war der herausragende Theaterkritiker in Deutschland von 1900 bis 1933. Seine pointierten, oft sarkastischen, aber auch entdeckungsfreudigen Texte – jeweils römisch nummerierte Absätze – waren bei der Leserschaft beliebt und teilweise umstritten. Er galt als eitel und duldete keinen Widerspruch. Seine heftigsten Kontroversen hatte er mit Karl Krauss und Siegfried Jacobsohn. Von 1900 bis 1919 schrieb er vor allem für die Zeitung Der Tag, dann für das Berliner Tageblatt. Der Film wurde von ihm respektiert, es gibt einige interessante Texte, darunter einen Essay über den „Russenfilm“ (Eisenstein), aber keine Filmkritiken. Alfred Kerr (1867-1948) musste 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft ins Exil gehen. Er lebte und arbeitete ab 1935 in London. Die Biographie von Deborah Vietor-Engländer, Herausgeberin von zwei Bänden der Alfred Kerr-Werkausgabe, ist hervorragend recherchiert und spannend zu lesen. Die vier Teile (Der Junge aus Breslau – Die Eroberung der Pankestadt – In der Republik – Der Sturz ins Nichts) erzählen weitgehend chronologisch das Leben des Weinhändler-Sohns, der mit zwanzig Jahren nach Berlin geht und nach seiner Promotion schnell als Autor und Journalist Karriere macht. Neben dem Theater waren ihm Reisen – und das Schreiben darüber – besonders wichtig. Vietor-Engländer zitiert in ihrer Biographie ausführlich aus Kerrs Texten, sie hat viele kleine Kapitel gebildet, die thematische Zusammenhänge schaffen; eines, „Das Alte und das Neue“ (S. 350-353), handelt vom Film und Kerrs Tätigkeit als Juror für die Film-Oberprüfstelle. Auch sein Privatleben kommt zur Sprache. Ich habe Texte von Alfred Kerr immer gern gelesen, wusste aber bisher wenig über sein Leben. Das hat sich nach der 640-Seiten-Biographie geändert. Mehr zum Buch: alfred-kerr.html

Amerikanische Komödie

2016-amerikanische-komoedieDie fünf Essays des Bandes entstanden im Rahmen des Sonderforschungsbereiches „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“ an der Freien Univer-sität Berlin. Ausgehend von drei W-Fragen – wo ist, was ist, woher kommt diese Komödie? – kartografieren sie die amerikanische Gegenwarts-komödie. Auf der Basis der langen Tradition der „Backstage Comedy“ untersucht Nikolaus Perneczky die Reflexivität der amerikanischen Unterhaltungs-industrie und fokussiert dies vor allem auf die NBC-Sitcom 30 ROCK (2006-2013). Bei Joachim Schätz geht es um den institutionellen Charakter der Sitcom, den er von BARNEY MILLER (170 Folgen von 1977-1982) bis zu BROOKLYN NINE-NINE (seit 2013) verfolgt. Lukas Foerster beschäftigt sich mit Ästhetiken und Adressierungsstrategien einiger Post-Sitcoms, bis hin zu den Web-Serien THE GUILD (2007-2013), WAINY DAYS (seit 2007), BETWEEN TWO FERNS und WEB THERAPY (seit 2008). Daniel Eschkötter informiert über den Einfluss des Produzenten, Regisseurs, Autors und „Zusammenhangstifters“ Judd Apatow (*1967) und die Codes des Ordinären. Von Simon Rothöhler stammt der für mich interessanteste Beitrag über die Komödienästhetik des Regisseurs Wes Anderson, der zuletzt GRAND BUDAPEST HOTEL realisiert hat. Es geht in dem Text um Räume & Dinge, Soundtrack & Slow Motion, Familialität & Individualität in Andersons Filmen – mit vielen bemerkenswerten Erkenntnissen. Alle Texte sind natürlich wissenschaftlich abgesichert (davon zeugen die vielen Anmerkungen und die Literaturhinweise). Bildmaterial findet man am Ende des Bandes, der im Kulturverlag Kadmos erschienen ist. Mehr zum Buch: amerikanische-komoedie.html

Das Kino von Horst Dieter Sihler

2016-mein-kinoHorst Dieter Sihler ist in vielen Funktionen bekannt geworden: als Filmkritiker des Standard, der FAZ, verschiedener anderer Zeitungen und des ORF, als Gründer der „Diagonale“ in Graz, als Leiter eines Programmkinos in Klagenfurt und als Lyriker. Aus alten Texten und neu formulierten Erinnerungen hat er jetzt das Buch „Mein Kino des 20. Jahrhunderts“ komponiert, im Untertitel heißt es „Erlebte Filmgeschichte“. Der Autor – geboren am 15. September 1938 in Klagenfurt – widmet elf Kapitel dem Film und das zwölfte seinem eigenen Leben. Aber auch das erste Filmkapitel handelt von ihm: „Erste Filmerfahrungen – von der Nazi-Wochenschau zum Cinemascope-Film“. Dann geht es um den slowenischen Film, jugoslawische Filmvisionen, polnische Filmabenteuer, ums Kino der Dritten Welt, um Filmkritiken von gestern, Filmwege ins neue Jahrtausend, den österreichischen Film und heimische Film- und Kinokämpfe. Zwischendurch unternimmt Sihler einen Ausflug in die Filmgeschichte (zu Vertov, Kurosawa, Hochbaum, Chaplin und Langdon) und blättert in seinem Filmtagebuch (publiziert in der Kulturzeitschrift Die Brücke). Die Zeitsprünge sind gelegentlich atemberaubend, aber wenn einem die Namen und Titel einigermaßen geläufig sind, ist man hier mit einem sachkundigen und scharfsinnig formulierenden Cineasten auf einer Reise kreuz und quer durch die Filmgeschichte. Ich bin acht Tage nach Sihler auf die Welt gekommen, wir sind uns leider nie begegnet, obwohl er – als Besucher des Internationalen Forums – häufig zur Berlinale kam; ich habe beim Lesen des Buches viel gelernt. Der Autor bekennt sich übrigens konsequent zur alten Rechtschreibung. Am Ende des Bandes befindet sich eine „Fotogalerie“ mit Aufnahmen aus dem Privatleben, der Kinolandschaft und faksimilierten Zeitungsausschnitten. Mehr zum Buch: mein-kino-des-20-jahrhunderts/

LANDSTÜCK (2015)

2016-dvd-landstueckVolker Koepp zeigt die Ver-änderungen in der Uckermark in den letzten Jahrzehnten. LANDSTÜCK widmet sich Menschen und Landschaften 2015 und schlägt mit Aus-schnitten aus Volkers Filmen DAS WEITE FELD (1976) und UCKERMARK (2002) eine Brücke in die Vergangenheit. In den Gesprächen kommen Land-wirte, Dorfbewohner – vor allem ältere Frauen – und Umwelt-schützer zu Wort, die viel zu erzählen haben. Es sind lustige und auch traurige Lebens-geschichten. Viele bäuerliche Familienbetriebe haben sich auf ökologischen Anbau umgestellt. Aber parallel konkurrieren Großinvestoren mit Monokulturen und Tiermastbetrieben, die das Landschaftsbild verändern. Der Biologe und Agrarwissenschaftler Michael Succow informiert über die Konsequenzen. Man spürt, wie eng Volker mit dieser Region verbunden ist. Hinter der Kamera stand diesmal nicht Thomas Plehnert, sondern Lotta Kilian, die beeindruckende Bilder geschaffen hat. Wichtig ist auch der Ton: die Geräusche haben eine erstaunliche Präsenz, und die Musik von Ulrike Haage steigert die Intensität der Bilder. In der Edition Salzgeber ist jetzt die DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: 150&sortby=DESC

Ästhetische Emotion

6556-1 Knaller„Formen und Figurationen zur Zeit des Umbruchs der Medien und Gattungen (1880-1939)“ heißt der Untertitel der Publi-kation, die von Susanne Knaller und Rita Rieger herausgegeben wurde. Sie enthält 14 Texte in drei Kapiteln: 1. Theoretisierung ästhetischer Emotion (mit dem lesenswerten Beitrag von Nicola Gess über Poetiken des Staunens im frühen 20. Jahrhundert – Brecht, Sklovskij und Benjamin, ihre Theorien der Verfremdung). 2. Emotion als Movens und Medium des Schreibens (mit dem beeindruckenden Text von Mandy Becker „Im Wartesaal: Zu einer epochenspezifischen Stimmung der Weimarer Republik“ – er beschäftigt sich mit Kurt Tucholsky, Siegfried Kracauer, Erich Kästner, Vicky Baum und Irmgard Keun und lässt den Film nicht außer Betracht). 3. Zur Reziprozität von Kunstformen, technischen Medien und Emotion. Hier sind vier Beiträge zu lesen. Bei Hermann Kappelhoff und Matthias Grotkopp geht es um medienästhetische Neuordnungen des Verhältnisses von Affektivität und sozialer Lebenswelt bei Eisenstein und Vertov. Sabine Flach richtet den Blick auf die Avantgarde als Laboratorium der Wahrnehmung („Fühlen, Wahrnehmen, Denken“). Elisabeth Fritz erinnert an schockierende Bilder in der Zeitschrift Documents und das Erkenntnispotential des Zufalls. Von Anke Hennig stammt ein interessanter Beitrag über „Die Kinoidee Osip Briks und das ‚emotionale Szenarium’“, der die Rolle des Drehbuchs problematisiert. Abbildungen enthält nur der Beitrag über Documents. Ein interessanter Sammelband. Mehr zum Buch: Aesthetische_Emotion/

Harold Faltermeyer

2016-gruess-gott-hollywoodEr hat in Hollywood Karriere gemacht und dabei die Verbin-dung zu seinem Heimatland Bayern nie verloren. Der Kom-ponist Harold Faltermeyer (*1952) wurde berühmt mit der Musik zu dem Film BEVERLY HILLS COP (1984) von Martin Brest; die Titelmelodie „Axel F.“ war weltweit ein Hit. Giorgio Moroder hatte ihn Ende der 1970er Jahre nach Hollywood geholt, die Partnerschaft der beiden Musikbesessenen war sehr stabil. Im Lübbe Verlag hat Faltermeyer jetzt seine Auto-biografie veröffentlicht, beim Schreiben unterstützt von Janneck Herre, „der mit großem Eifer aus meinen Erzählungen etwas Lesbares gemacht und mit seinem Wissen über historische Hinter-gründe entscheidend zum Gelingen beigetragen hat.“ So erfahren wir aus diesem Buch viel über die Musikszene der letzten Jahrzehnte in Hollywood, über Konkurrenzen, Produktionsvorgaben und Starverhalten. Ein Personenregister erlaubt den gezielten Zugriff zum Beispiel auf den Produzenten Jerry Bruckheimer, die Sängerin Donna Summer oder Faltermeyers Kollegen Keith Forsey. Anderseits erzählt der Autor auch gern Geschichten aus seinem Heimatland und ist besonders stolz, dass er mit einem privaten Pilotenschein ein Flugzeug steuern darf. Die 16 Seiten mit Farbabbildungen in der Mitte des Bandes zeigen ihn im Kreis seiner Familie, enger Freunde und vieler Hollywood-Stars. Ein Leben in zwei Welten. Mehr zum Buch: Grüß+Gott%2C+Hollywood

Körperinszenierungen im japanischen Film

körperinszenierungen2.inddDer Band dokumentiert die Beiträge zu einer Tagung, die an der Universität Frankfurt am Main stattgefunden hat. Körpersprache spielt im japanischen Film eine herausragende Rolle. Zwölf Texte von sachkundigen Autorinnen und Autoren beschäftigen sich damit. Ich greife einige heraus, die mir besonders gut gefallen haben: bei Felix Lenz geht es um die Bewältigung von Endlichkeit in DER AAL (1997) und SCHWARZER REGEN (1989) von Shohei Imamura. Mario Kumekawa erinnert an Godzilla und die japanischen Monsterfilme. Hyunseon Lee untersucht den Martial-Body in Akira Kurosawas frühen Filmen. Andreas Becker beschäftigt sich mit Setsuko Haras Filmen in den 1950er Jahren; er unternimmt eine komparative Analyse ihrer Darstellung bei Yasujiro Ozu, Mikio Naruse und Akira Kurosawa. Kentaro Kawashima informiert über den Animationsfilm KAFKA – EIN LANDARZT (2007) von Koji Yamamura. Marcus Stiglegger richtet den Blick auf Shinya Tsukamotos Kino zwischen Ritual, Tradition und Utopie. Kayo Adachi-Rabe denkt über Shuji Terayamas Experimental-filme im Kontext der Phänomenologie und des Zen-Buddhismus nach. Sehr lesenswert ist auch ihre Einführung, die sie zusammen mit Andreas Becker verfasst hat. Coverfoto: DIE REISENDEN III (2002) von Nanaé Suzuki. Mehr zum Buch: koerperinszenierungen-im-japanischen-film

LITTLE NEMO (1989)

2016-dvd-little-nemoWeil der Animationsfilm FINDET DORIE von Andrew Stanton aus dem Pixar-Studio, der mir gut gefallen hat, zurzeit so erfolgreich ist, schauen sich viele seinen Vorgänger FINDET NEMO (2003) noch einmal an. Aber der Clownfisch Nemo hat nichts mit dem LITTLE NEMO aus dem Jahr 1989 zu tun. Auch dies ist ein Zeichentrickfilm, er stammt von William T. Hurtz und Masami Hata und ist gerade bei Koch Media als DVD erschienen. Er ist nicht ganz so originell wie die beiden Pixar-Filme, aber er erzählt auf sehr eigene Art eine Abenteuergeschichte aus dem „Schlummerland“, wohin den kleinen Nemo die Träume entführen. Zusammen mit seinen Freunden muss er sich vielen gefährlichen Herausforderungen stellen, was ihm mit Glück und Verstand gelingt. Der Film basiert auf den klassischen frühen Comics von Winsor McKay (1905-1911 täglich im New York Herald). Zum Bonus-Material gehören ein Making of, Little-Nemo-Kurzfilme von 1911 und 1921 und eine Bildergalerie mit Originalzeichnungen. Leider ist auf der DVD nur die deutsche Sprachfassung enthalten. Mehr zur DVD: page=2&id=1018282

Gebannte Bewegung

2016-gebannte-bewegungEine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Daniel Wiegand nimmt die frühe Zeit des Films zwischen 1900 und 1914 in den Blick, als „Tableaux vivants“ (oder: „lebende Bilder“) auf den Bühnen der großen Varietétheater beliebt waren und Gemälde oder Skulpturen nachgestellt wurden. Das historische Material wird in einer engen Verbindung mit dem Kino der Attraktionen, den Trickfilmen von Georges Méliès und Segundo de Chomón, den frühen Filmburlesken von Pathé und Gaumont gesehen und historisch miteinander verbunden. „Festsetzungen“ und „Kippmomente“ heißen die beiden Hauptkapitel. Es geht zunächst um „Geronnenes Leben und aufgespengtes Bild“, „Erstarrte Wirklichkeit, „Die Attraktion des Schönen im Varieté“ und „Die Attraktion des Schönen im Film“. Eingefügt ist hier der Abschnitt „Gebannte Bewegung“ über die Domestizierung des filmischen Bewegungsbildes in der frühen Filmtheorie von Hermann Häfker, Konrad Lange, Victor O. Freeburg, Béla Balázs und Theodor Heinrich Mayer. Das zweite Kapitel teilt sich in die beiden Bereiche „Das Spiel mit Stillstand und Bewegung“ und „Das Spiel mit der Illusion“. Der Autor verfügt über eine große Begabung bei der Bildbeschreibung. Hilfreich sind für ihn auch die zahlreichen Abbildungen in bester Qualität, wie wir sie von den „Zürcher Filmstudien“ kennen. Dies ist inzwischen Band 36 der Reihe. Mehr zum Buch: frueher-film-in-der-kultur-der-moderne.html