Tanz im Film

Zwischen Tanz und Film gibt es schon immer eine enge Verbin-dung. Vier Herausgeber*innen – Sarah Binder, Sarah Kanawin, Simon Sailer und Florian Wagner, die 2012 den Verein zur Förderung Kritischer Theater-, Film- und Medienwissenschaft (KritTFM) gegründet haben – sind für die vorliegende Publikation verantwortlich, bei der es um „Das Politische in der Bewegung“ geht. 18 Textbeiträge sind hier versammelt. Ich verweise auf neun, die ich besonders interessant finde: Ladina Bucher richtet den Blick auf „Flamencotanz im Spielfilm“. Lisanne Wiegand untersucht die Konfliktaustragung durch Tanz im Musicalfilm von WEST SIDE STORY zu SMASH. Simon Gansinger beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Tanz und Gewalt in den Filmen von Quentin Tarantino. Bei Alina Tretinjak geht es um die Tanzdarstellung im indischen Spielfilm. Nitya Koch verbindet Tanz und Reichtum im amerikanischen Filmmusical. Von Judith Wiemers stammt ein Beitrag über den amerikanischen Tanz im deutschen Musikfilm der 1930er Jahre. Bernhard Frena entdeckt den Tanz als hysterisches Element im Film. Loic Kurzweil stellt Überlegungen an zum Verhältnis von Maschine und Individuum in den Filmen MODERN TIMES (1936) von Charles Chaplin und DANCER IN THE DARK (2000) von Lars von Trier. Sarah Kanawin erinnert an den Film JUST A GIGOLO (1978) von David Hemmings: Wenn Marlene Dietrich David Bowie tanzen lässt. Alle Beiträge haben ihre Qualitäten. Erschienen ist das Buch im Verbrecher Verlag. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: book/detail/896

Indischer Dokumentarfilm

Eine Ph.D.-Arbeit, die an der Bauhaus-Universität Weimar entstanden ist, verbunden mit dem Dokumentarfilm WOMEN’S POLICE STATION. Ulrike Mothes beschäftigt sich in ihrem Text mit Experimenten im zeitgenössischen indischen Dokumentarfilm, der sich deutlich von den Spielfilm-formen unterscheidet. Zunächst werden von der Autorin die spezifischen Arbeitsbedin-gungen und die Rolle der Zensur dargestellt, dann unternimmt sie eine filmgeschichtliche Einordnung. Im zweiten Kapitel definiert sie das „offene“ Erzählen: die semiotische und filmästhetische, Offenheit, die Offenheit der Erzählstruktur und die Kombination struktureller und filmästhetischer Offenheit. Im Mittelpunkt stehen dann vier Filmbeispiele, die genauer analysiert werden: THERE IS SOMETHING IN THE AIR (2011) von Iram Ghufran, STRAIGHT 8 (2005) von Ayisha Abraham, IN CAMERA. DIARIES OF A DOCUMENTARY CAMERAMAN (2009) von Ranjan Palits und das BEHIND THE TIN SHEETS-PROJECT von Yashaswini Raghunandan und Ekta Mittal (2009ff). Die Autorin ist bestens vertraut mit der Literatur zum indischen Dokumentarfilm, ihre Analysen sind anschaulich und konkret, so dass man viel über die Filme erfährt, auch wenn man sie nicht gesehen hat. Beeindruckend! Das Coverfoto stammt aus dem Film LAKSHMI AND ME (2007) von Nishta Jain. Mehr zum Buch: offenes-erzaehlen

DAS LIED DER MATROSEN (1958)

Zwei Protagonisten der DEFA, Kurt Maetzig und Günter Reisch, haben bei diesem Film gemeinsam Regie geführt. Er entstand zum 40. Jahrestag der Novemberrevolution. Das Dreh-buch zu dem Film stammte von Karl Georg Egel und Paul Wiens, die für ihre traditionelle Erzählweise bekannt waren, hinter der Kamera standen Joachim Hasler und Otto Merz, die zum Teil interessante Einstellungen gewählt haben. Erzählt wird die Geschichte von sieben Matrosen des Schlachtschiffes Friedrich der Große im Jahr 1917. Es sind die Maschinisten Erich Steigert (Günter Simon) und Henne Lobke (Ulrich Thein), der Oberheizer August Lenz (Raimund Schelcher), der Heizer Jens Kasten (Horst Kube), der Funker Ludwig Batuschek (Hilmar Thate), die Matrosen Jupp König (Stefan Lisewski) und Sebastian Huber (Jochen Thomas). Sie sind auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Ein Klassiker der DEFA mit guten Darstellern. Bei Icestorm ist jetzt die DVD des Films erschienen. Zum Bonus-Material gehört eine Dokumentation von Günter Jordan mit Original-Archivaufnahmen MATROSEN IN BERLIN (51 min.). Mehr zur DVD: das-lied-der-matrosen.html

Gisela Stein

Der Schauspielerin Gisela Stein (1934-2009) ist eine Ausstellung im Deutschen Theatermuseum in Mün-chen gewidmet, die dort noch bis zum 15. Oktober zu sehen ist. Die Kurato-rin Birgit Pargner hat auch den Katalog heraus-gegeben, der im Henschel Verlag erschienen ist. Er macht noch einmal ihre große Bedeutung für das deutschsprachige Theater klar, die sie sich von den 60er bis in die 90er Jahre in großen Inszenierungen in Berlin und München erspielt hat. Sie war vor allem auf der Bühne präsent, kaum im Film oder Fernsehen. Ich habe sie in den 60er Jahren rund 20mal im Schiller- und Schloßparktheater gesehen, u.a. als Pauline Piperkarcka in den „Ratten“ von Gerhart Hauptmann, inszeniert von Boleslav Barlog, als Prinzessin Eboli in „Don Carlos“ von Friedrich Schiller, inszeniert von Gustav Rudolf Sellner, als Klara in „Maria Magdalene“ von Friedrich Hebbel, inszeniert von Fritz Kortner, als „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller, inszeniert von Rolf Henniger. Sie hat mich damals sehr beeindruckt. Birgit Pragner dokumentiert in ihrem Text die Bühnenkarriere von Gisela Stein, die 1953 in Koblenz begann und 2006 in München endete. Zu ihren wichtigsten Regisseuren gehörte Hans Lietzau. Über Gisela Stein äußern sich die Regisseure Niels-Peter Rudolph, Günter Krämer, Dieter Dorn, Robert Wilson und Elmar Goerden, ihre Kolleginnen und Kollegen Cornelia Froboess, Michael von Au, Manfred Zapatka, Jens Harzer, Daphne Wagner und Sophie von Kessel, der Kostüm- und Bühnenbildner Jürgen Rose, der Maskenbildner Michael Wachsmann, die Theaterfotografin Oda Sternberg. Sehr berührend ist der Text ihrer Tochter Katharina Hinze-Kertész. Wenn wir demnächst in München sind, werden wir die Ausstellung mit Sicherheit besuchen. Mehr zum Buch: Hinter-den-Worten-9783894877958

Horror Cinema

Die Erstausgabe des Buches von Jonathan Penner und Jay Schneider, herausgege-ben von Paul Duncan, erschien bei Taschen 2008 mit einem Umfang von 192 Seiten. Jetzt wurde in der „Bibliotheca Universalis“ eine erweiterte Neuausgabe publiziert, Jürgen Müller ist als zweiter Herausgeber hinzugekommen, und der Umfang hat sich auf 624 Seiten erweitert. Zunächst geht es um die Frage „Was ist Horror?“. Dann kommen die verschiedenen Varianten ins Spiel: Slasher und Serienmörder, Kannibalen, Freaks und Hinterwäldler, Die Rache der Natur, Science-Fiction-Horror, Die lebenden Toten, Geister und Spukhäuser, Besessene, Dämonen und teuflische Bösewichte, Voodoo, Sekten und Satanisten, Vampire und Werwölfe, Ungeheure in Frauengestalt (S. 20-250). Im zweiten Teil werden auf jeweils sechs oder acht Seiten „Taschens Top 50 Horrorfilme“ in chronologischer Reihenfolge vorgestellt, beginnend mit DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920) von Paul Wegener und Carl Boese, endend mit THE OTHERS (2001) von Alejandro Amenábar. Dass hier zwischen Klassikern wie DRACULA und KING KONG auch Murnaus FAUST auftaucht, ist etwas überraschend. Die Texte sind sachkundig, die filmografischen Informationen korrekt. Zu jedem Film ist ein Plakat reproduziert, die Abbildungen haben eine hervorragende Qualität. Die Chronologie am Ende des Bandes reicht bis ins Jahr 2014. Für 14,99 € sehr preiswert. Mehr zum Buch: horror_cinema.htm

Schillernd grau

In dem von den Deut-schen besetzten Frank-reich der Jahre 1940 bis 1944 spielte die mit deutschem Geld finan-zierte Produktionsfirma „Continental Films Paris“ eine wichtige Rolle. Sie sollte nach den Vorstellungen des Propagandaministers Goebbels anspruchslose Unterhaltungsfilme herstellen. Aber der Firmenchef Alfred Greven verfolgte andere Ziele und ermöglichte qualitativ höherwertige Produktionen. Unter den Regisseuren findet man u.a. Henri Decoin, Maurice Tourneur, Christian-Jacque, Henri-Georges Clouzot, Georges Lacombe, André Cayatte und Jean Grémillon. 22 der damals 30 entstandenen Filme sind zurzeit im Zeughauskino zu sehen. Eine Publikation der Wiener Synema-Reihe informiert über die Filme und ihre historischen Hintergründe. Die Texte stammen von der Kuratoren Ralph Eue und Frederik Lang, Francis Courtade, Hans Peter Kochenrath und Peter H. Schröder (Kommentar zu einer arte-Produktion des Jahres 1997), François Garçon, Michael Omasta und François Truffaut. Eue und Lang haben auch ein „Kleines Who’s who der Continental“ und eine kommentierte Filmografie beigesteuert. Das Projekt wurde vom Hauptstadtkulturfonds gefördert. Mehr zum Buch: 9783901644702  

THE SALVATION HUNTERS (1925)

Bevor Josef von Sternberg 1929/30 in Deutschland den BLAUEN ENGEL mit Marlene Dietrich und Emil Jannings realisiert hat, drehte er in den USA acht Filme als Regisseur. Der erste war THE SALVATION HUNTERS (1925), ein unab-hängig produziertes Sozial-drama, das vor allem in der Bildgestaltung große Qualitäten hat. Erzählt wird die Geschichte eines arbeitslosen jungen Mannes, einer selbstbewussten jungen Frau und eines Waisen-kindes, um das sich die beiden kümmern. Der erste Teil spielt im Hafen von L.A., dann geht es in die Stadt und am Ende ins Valley, wo ein großes Schild verkündet: „Here Your Dreams Come True“. Eine sichere Zukunft gibt es natürlich für die kleine Familie nicht, aber ein gefühltes Happyend. Obwohl Charles Chaplin sich damals sehr für den Film eingesetzt hat, war er im Kino nicht erfolgreich. Der WDR hat ihn 1975 unter dem Titel DIE HEILSJÄGER ausgestrahlt. In der „Edition Filmmuseum“ ist jetzt eine DVD erschienen, die sehr zu empfehlen ist. Die Musik stammt von dem österreichischen Komponisten Siegfried Friedrich und passt wunderbar zu den poetischen Bildern. Auch wenn zunächst die Zwischentitel dominieren, gewinnen die Bilder zunehmend an Bedeutung. Vor allem der Umgang mit dem Licht ist beeindruckend. Georgia Hale spielt die junge Frau; Chaplin hat sie anschließend für seinen Film THE GOLD RUSH engagiert. Die DVD enthält außerdem ein Fragment des Sternberg-Films THE CASE OF LENA SMITH (1929) und einen sehenswerten Filmessay von Janet Bergström über THE SALVATION HUNTERS (32 min.). Die Texte im Booklet stammen von Alexander Horwath und Janet Bergström. Mehr zur DVD: The-Salvation-Hunters.html

Lexikon des internationalen Films 2016

Es ist zu befürchten, dass dies die letzte Print-Ausgabe des „Lexikons des internationalen Films“ ist. In seinem Vorwort bestätigt Peter Hasenberg die Information, dass der Film-dienst ab 2018 nur noch als Online-Angebot weitergeführt wird. Und davon ist auch das letzte Jahrbuch betroffen, das es in der Bundesrepublik noch gibt. Wenn man die neue Ausgabe liest, macht einen der Abschied sehr traurig. Horst Peter Koll hat wieder eine Chronik der wichtigsten Filme, der großen Ereignisse und der Nachrufe zusammen-gestellt. Das „Special“ – mit Beiträgen von Felicitas Kleiner, Karsten Essen, Olaf Brill, Stefan Stiletto und Alex Schmidt – ist diesmal TV-Serien gewidmet. Das Lexikon der Filme 2016 liefert auf 360 Seiten Kurzkritiken und Informationen zu rund 2.000 Titeln. Dokumentiert sind wie immer die „Silberlinge 2016“ (herausragende DVD- und Blu-ray-Editionen) und die Preise der wichtigsten Festivals und Länder. Die Auflage des Jahrbuchs sind immerhin 4.000 Exemplare. Wie schade, dass nun Schluss sein soll. Danke, Horst Peter Koll, für die in den letzten Jahren geleistete Arbeit! Coverfoto: FRANTZ. Mehr zum Buch: filmjahr-2016.html

Peter Nestler 80

Seine Dokumentarfilme gehören für mich zum Besten, was es in diesem Bereich gibt. Sie wurden für das Fernsehen gedreht, in Deutschland und in Schwe-den. Sie zeigen Menschen in vielen Ländern, oft in Krisensituationen, sie erinnern an Konflikte und suchen nach Möglichkeiten, sie zu überwinden. Peter Nestler hat zunächst in der Bundesrepublik gearbeitet und als er keine Sendeplätze mehr bekam, ist er nach Schweden emigriert. Dort war er viele Jahre fest angestellt beim Schwedischen Fernsehen. Die Firma Strandfilm (Dieter Reifarth) und der WDR (Werner Dütsch) waren später seine Verbindungsstationen in Deutschland. Im vergangenen Jahr ist er endlich Mitglied unserer Sektion „Film- und Medienkunst“ der Akademie der Künste geworden. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Vor 14 Tagen gab es im Dokumentationszentrum der Sinti und Roma in Berlin eine Veranstaltung, bei der sein Film ZIGEUNER SEIN gezeigt und einige Reden gehalten wurden. Peter konnte aus Krankheitsgründen nicht dabei sein. Hier ist – mit einem herzlichen Gruß nach Schweden – meine Laudatio: peter-nestler-zum-80-geburtstag/

Ohne Liebe trauern die Sterne

Hannelore Hoger (*1942) ist Schauspielerin und Regisseurin. Ihre Präsenz auf der Bühne und im Kino war besonders in den 1960er und 70er Jahren groß. Populär wurde sie in der Titel-rolle der ZDF-Serie BELLA BLOCK, von der seit 1993 bisher 36 Folgen gesendet wurden. Jetzt hat sie im Rowohlt Verlag ihre Erinnerungen publiziert. Drei Kapitel sind monologische Erzählungen: „Meine Familie und ich“, „Schauspielerleben“ und „Leidenschaften“. Hier geht es um ihre Kindheit und Jugend in Hamburg, ihre Arbeit für das Theater und den Film, ihr Hobby: die Malerei. Drei Kapitel sind Gespräche: mit Alexander Kluge über ihr Leben, mit Thilo Wydra über die Kommissarin Bella Block und, noch einmal, über ihr Leben. Auch wenn es im Text manche Redundanzen gibt, er liest sich gut, weil Hannelore Hoger eine kluge, selbstkritische Autorin ist, die assoziativ formuliert und viel mitzuteilen hat. Mir persönlich hat vor allem das Kapitel „Schauspielerleben“ gefallen, weil es interessante Informationen über Kolleginnen und Kollegen enthält, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Abbildungen in allen Kapiteln – auch Reproduktionen ihrer Bilder – geben dem Buch eine zusätzliche Ebene. Das Werkverzeichnis im Anhang hat ein paar Lücken. Ich freue mich auf die beiden letzten Folgen von BELLA BLOCK. Mehr zum Buch: ohne-liebe-trauern-die-sterne.html