Mediensoziologie

Ein Handbuch für Wissenschaft und Studium, herausgegeben von Dagmar Hoffmann (Siegen) und Rainer Winter (Klagenfurt), erschienen im Nomos Verlag. In 29 Texten werden fünf Bereiche thematisiert: Zentrale Begrif-fe und Bezugssysteme (Inter-aktion und Kommunikation, Medien und Medienkommuni-kation, Medien und Gesell-schaft, Medien, Lebenswelt und Alltagshandeln, Mediatisie-rung), Theoretische Zugänge und Perspektiven (Meta-Theorien, Forschungsorientierte Theorien und handlungstheoretische Zugänge, Medien als Akteur-Netzwerke, Medientheorie und Öffentlichkeitsforschung, Medienspek-takel und Protest), Forschungszugänge (Bild/Bildlichkeit, Film, Fernsehen, Computer und Netzwerke, Hybridmedien, Mobile Medien, Populäre Musik), Forschungsfelder (Wissen, Partizipation und (Gegen-)Öffentlichkeit, Politik, Gender, Körper, Sport, Celebrities, Gewalt, Soziale Ungleichheiten), Methoden (Historische Entwicklung mediensoziologischer Methoden, Qualitative Methoden, Quantitative Methoden). Die 29 Autorinnen und Autoren sind vorzugsweise in deutschsprachigen Ländern im Wissenschaftsbereich tätig, formulieren so anschaulich wie möglich, aber das gelingt nicht immer. Zu jedem Beitrag gibt es am Ende drei bis fünf Literaturempfehlungen und eine längere Literaturliste. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: product=19988

Film als Forschungsmethode

Der Band dokumentiert die Bei-träge zum Bremer Symposium zum Film 2017. Es geht dabei um Produktion, Geschichte und Perspektive. Ich nenne einige Beiträge, die mich besonders beeindruckt haben: Catherine Russell beschäftigt sich mit Walter Benjamin und der Praxis des Archivfilms. Sylvie Linde-perg erinnert an den Eichmann-Prozess in Bildern und Vorstel-lungen. Bei Sven Kramer geht es um Produktion und Aneignung von Interviews mit Zeitzeugen in Claude Lanzmanns SHOAH und Eberhard Fechners DER PROZESS. Vrääth Öhner vermittelt seine Gedanken über Historiografie als Montage. Paolo S. H. Favero reflektiert über die Schnittpunkte zwischen interaktivem Dokumentarfilm und der Ethnografie. Alejandro Bachmann äußert sich zur Erschließung des Museumsraums über das Medium Film. Lena Stölzl befasst sich mit filmischer Feldforschung als Beispiel ästhetischer Intervention vor Ort. Philipp Blum beendet den Band mit seinem film-philosophischen Beitrag über den Film als sinnlichen Begriff des Films. Alle Texte haben ein hohes intellektuelles Niveau. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: filmalsforschungsmethode.html

New York

In vielen hundert Fotografien wird uns auf über 400 Seiten die Geschichte dieser ungewöhn-lichen Stadt erzählt. Das Buch von Reuel Golden ist eine Pre-tiose. Fünf Kapitel strukturieren die Chronologie: 1850-1913 – Die Stadt der Wiederfindungen. 1914-1945 – Griff nach den Sternen. 1946-1965 – Die Hauptstadt der Welt. 1966-1987 – Hexenkessel. 1988-heute – Tragödie und Triumph. Natürlich spielt der Film eine wichtige Rolle, auf den Seiten 398-405 gibt es 48 spe-zielle Filmempfehlungen (zum Beispiel THE CROWD von King Vidor, 42ND STREET von Busby Berkeley, WEST SIDE STORY von Jerome Robbins und Robert Wise, DOG DAY AFTERNOON von Sidney Lumet, MANHATTAN von Woody Allen, TAXI DRIVER und THE WOLF OF WALL STREET von Martin Scorsese), gefolgt von Musikempfehlungen (S. 406-413, u.a. „An Evening with Billie Holiday“, ein Konzert von Benny Goodman in der Carnegie Hall, „Horses“ von Patti Smith) und Literaturempfehlungen (S. 414-421, darunter sind „The Age of Innocence“ von Edith Wharton, „The Great Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald, „Underworld“ von Don DeLillo, „Exit Ghost“ von Philip Roth und „Netherland“ von Joseph O’Neill). Kein Reiseführer, sondern ein Geschichtsbuch. Coverfoto: Edward Kasper: Ein Modellfoto für Glamour (1950). Darunter verbirgt sich auf dem Leineneinband eine Illustration von Robert Nippoldt. Mehr zum Buch: taschen+verlag+new+york

Bud Spencer

Sein bürgerlicher Name war Carlo Pedersoli, er wurde zu-nächst als Schwimmer bekannt und machte ab den späten 1960er Jahren unter dem Namen Bud Spencer als Partner von Terence Hill (eigentlich: Mario Girotti) Karriere. Ihr erster großer Hit war der Film VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELU-JAH (1972). Die Abenteuer- und Western-Komödien des Duos hatten eine große Fangemeinde auch in Deutschland. Spencer war in der Regel der gutherzige, dickköpfige, aber sehr schlag-kräftige Typ, die Schauplätze wechselten von Film zu Film, manchmal ging es auch um ernste Themen, und gelegentlich fehlte der Partner Terence Hill. 2011 hat Friedemann Beyer fürs Babylon-Kino eine große Bud Spencer-Retrospektive kuratiert und es geschafft, dass Spencer nach Berlin kam. – Zusammen mit Lorenzo De Luca und David De Filippi publizierte Bud Spencer ab 2011 eine vierbändige Autobiografie, die jetzt bei Schwarzkopf & Schwarzkopf als preiswerte Paperback-Ausgabe neu erscheint. Sie ist sehr unterhaltsam, vor allem wenn man Spencers Filme kennt und mag. Ich war nie ein großer Fan von ihm, habe aber Respekt vor seiner persönlichen Leistung. Im Juni 2016 ist Bud Spencer im Alter von 86 Jahren in Rom gestorben. Mehr zum ersten Band der Autobiografie: D=11000522

The Real Eighties

Ein Lexikon zum amerika-nischen Kino der 80er Jahre, herausgegeben von Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky in der Synema-Buchreihe. 47 Texte zu Namen, Filmen, Begriffen. Sechs Begriffe: Cannon Films (Text von Christoph Huber), Country (Lukas Foerster), Klassenverhältnisse (Nikolaus Perneczky), Teen Movies (Alexandra Seibel), VHS (Alejandro Bachmann), Whiteness (Drehli Robnik). 26 Filme, darunter BODY DOUBLE von Brian De Palma (Text von Hans Schifferle), COLORS von Dennis Hopper (Diedrich Diedrichsen), FALLING IN LOVE von Ulu Grosbard (Alexander Horwath), HEAVEN’S GATE von Michael Cimino (Hartmut Bitomsky), LOVE STREAMS von John Cassavetes (Friederike Horstmann), NO WAY OUT von Roger Donaldson (Dominik Graf), RUMBLE FISH von Francis Ford Coppola (Frieda Grafe), TERMS OF ENDEARMENT von James L. Brooks (Bert Rebhandl), THE LAST TEMPTATION OF CHRIST von Martin Scorsese (Fritz Göttler), WORKING GIRL von Mike Nichols (Leonie Seibold). 15 Namen, darunter Tom Cruise (Text von Michael Althen), Jonathan Demme (Hannes Brühwieler), Harrison Ford (Brigitte Desalm), Stephen King (Michelle Koch), Michael Mann (Johannes Binotto), Silvester Stallone (John Lehtonen), Debra Winger (Elena Meilicke). Da vermisst man viele, aber die Texte sind sehr gut ausgewählt, sie fügen sich zu einem Spektrum der Zeit, an die man sich immer wieder erinnern sollte. Mit Abbildungen in guter Qualität. Coverfoto: JOHNNY HANDSOME von Walter Hill. Mehr zum Buch: 1522278789885

DIE NEUE NATIONALGALERIE

Zurzeit ist sie eine Baustelle. Auf dem Weg zum Filmhaus fahre ich regelmäßig daran vorbei. Die Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie an der Pots-damer Brücke soll 2019 erfol-gen. Wer sich über die Ge-schichte dieses Gebäudes informieren will, sollte sich unbedingt den Dokumentarfilm von Ina Weisse anschauen, der jetzt bei Absolut Medien als DVD erschienen ist. Fünfzig Jahre nach der Eröffnung des Hauses erzählt er, wie das legendäre Bauwerk entstanden ist. Er ist auch ein Porträt des Architekten Mies van der Rohe mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen aus den 1960er Jahren. Protagonisten des Films sind die Architekten David Chipperfield (mit der Sanierung beauftragt), Dirk Lohan (Enkel von Mies van der Rohe), Rolf Weisse (Vater der Filmemacherin) und Fritz Neumeyer, der damalige Projektleiter Heinz Oeter, der Architekturhistoriker Wolfgang Schäche und der Stadtführer Fred Riedel. 65 spannende Minuten Architekturgeschichte. Mehr zur DVD: Die+Neue+Nationalgalerie

Verfolgungsjagden

Eine Dissertation, die an der Universität Hildesheim ent-standen ist. Volker Pietsch untersucht darin die Medien-konkurrenz zwischen Literatur und Film. Hat der Film die Literatur gejagt? Drei Teile strukturieren das Buch. Im ersten Teil – Film und Literatur – wird in filmtheoretischen Texten nach Definitionen der „Filmkunst“ gesucht, in denen die Literatur zum Vergleich herangezogen wird. Eine Schlüsselrolle spielt hier die Publikation von Joachim Paech „Literatur und Film“ (1997). Besonders interessant sind die Abschnitte über „Ablenkung und Lenkung des Blickes im Bilderfluss“ und „Abmischung von Ton und Bild“, weil hier konkrete Filmbeispiele ins Spiel gebracht werden. Im zweiten Teil – „Film und Bildung“ – steht der filmpädagogische Diskurs im deutschsprachigen Raum zwischen 1978 und 2014 im Mittelpunkt. Hier verweist der Autor speziell auf einen Text von Matthias Schönleber, „Schnittstellen. Modelle für einen filmintegrativen Literaturunterricht“ (2012). Der dritte Teil – „Literatur im Film“ – ist in fünf Abschnitte unterteilt: „Konventionelle Darstellungen literarischer Werkgenese im Film“, „Leser als Filmfiguren“, „Die Unzulänglichkeit der Literatur“, „Die Legitimation des Films durch die Literatur“ und „Bücher als filmische Motive“. Auch hier sind die konkreten Filmbeispiele sehr hilfreich. Der Autor macht am Ende einen Vorschlag für die Praxis: „Spuren im Film lesen und legen“, der interessante Empfehlungen enthält. Abbildungen am Ende jedes Kapitels. Umfangreiche Literaturliste. Mehr zum Buch: verfolgungsjagden/

Filmblatt 63

Mit etwas Verspätung ist jetzt die Nummer 63 der Zeitschrift Filmblatt von CineGraph Babelsberg erschienen. Das Warten hat sich gelohnt, denn es gibt einige besonders interes-sante Texte zu lesen. Zum Beispiel den Beitrag von Joel Westerdale über Oskar Kalbus, die beiden Bände „Vom Werden deutscher Filmkunst“ (1935) und den jetzt gefundenen, nicht veröffentlichten dritten Band „Der Film im Dritten Reich“ (1937). Oder die Würdigung des deutschen Autors und Regisseurs Hans H. Zerlett von Friedemann Beyer. Anke Wilkening informiert über die neue Farbrestaurierung von Veit Harlans OPFERGANG (1944) und die verschiedenen Fassungen des Films. Raff Fluri beschäftigt sich mit der Auffindung und Rekonstruktion von Karl Ulrich Schnabels DAS KALTE HERZ (1933). Frederik Lang erinnert an die beiden Filme BIS ZUM HAPPY END (1968) und OHNE NACHSICHT (1971) von Theodor Kotulla. Bei Chris Wahl geht es um Paul Rothas Dokumentarfilm DAS LEBEN VON ADOLF HITLER (1961). Adelheid Heftberger macht auf das Online-Archiv der DFFB aufmerksam, wo 2.300 Studentenfilme zu sehen sind. Frederik Lang resümiert Ausstellung und Retrospektive von Straub-Huillet, die im vergangenen Jahr in Berlin stattgefunden haben. DVD- und Buchrezensionen runden das inhaltsreiche Heft ab. Coverfoto: Irene von Meyendorff in OPFERGANG. Mehr zum Heft: filmblatt-aktuell

Elfi, Rosa, Werner

Heute Abend wird in der Akademie der Künste am Pariser Platz die Ausstel-lung „Abfallprodukte der Liebe“ eröff-net. Sie widmet sich drei Kunstschaf-fenden, die eng miteinander befreundet waren: der Fotografin, Kamerafrau und Regisseurin Elfi Mikesch (*1940), dem Filmemacher Rosa von Praunheim (*1942) und dem Theater-, Opern- und Filmregisseur Werner Schroeter (1945-2010). Alle drei kommen aus der „Westberliner Subkultur“. Die fünf Ausstellungsräume der Akademie am Pariser Platz sind eindrucksvoll gestal-tet. Projektionen erinnern vor allem auch an frühe Filmarbeiten. Klangin-stallationen erzeugen eine sehr spezielle Atmosphäre. Man sollte sich zunächst einen Überblick über die Präsentation insgesamt verschaffen und sich dann, Raum für Raum, auf die Exponate in den Vitrinen, die Filmausschnitte an den Wänden und in den Kabinen, die Hörstationen und die Texte konzentrieren. Es gibt viele Entdeckungen zu machen, vor allem aus der Frühzeit im Werk von Elfi, Rosa und Werner. Ihm sind zwei Räume gewidmet, den einen haben Claudia Lenssen und Elfi konzipiert, hier begegnet man Magdalena Montezuma und Maria Callas, kann eine Klangcollage von Eberhard Kloke und Ausschnitte aus dem 70-Stunden-Interview von Claudia mit Werner hören. Einen zweiten Raum hat die französische Kostüm- und Bühnenbildnerin Alberte Barsacq gestaltet. Er überrascht durch die (mir) unbekannten Polaroid-Fotos von Werner in starker Vergrößerung. Auch in den zwei Holz-Kuben im Raum von Elfi gibt es viel zu entdecken: auf Fotos, in frühen Filmausschnitten und in Klängen. Zu sehen ist erstmals Material aus dem vor zwanzig Jahren projektierten Film L.A.TANGO. In Rosas Raum dominiert die Politik mit Zitaten an den Wände und dokumentarischen TV-Aufnahmen aus Talkshow, aber man kann dort auch Gedichte hören, Zeichnungen bewundern und sich in einem kleinen Mausoleum an seine weiblichen Stars erinnern. Eine schöne Ausstellung, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, die bis zum 12. August zu sehen ist. Mit einem reichhaltigen Veranstaltungs-programm. Mehr zur Ausstellung: Mikesch/praunheim/schroeter

Ein Arbeitsleben für die DEFA

Gert Golde (*1937 in Dresden) war der letzte Generaldirektor des DEFA-Spielfilmstudios und sein Leben lang mit der Film-firma der DDR eng verbunden. Über mehre Wochen hat er ein Gespräch mit der Sammlungs-leiterin des Potsdamer Film-museums, Dorett Molitor, geführt, in dem er sich an die verschiedenen Stationen und Verantwortlichkeiten seines Berufslebens erinnert. Es ist jetzt in der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung als Buch publiziert worden und erweist sich als hochinteressante Lektüre, weil man eigentlich wenig über die Produktionshintergründe des Studios weiß. Golde hat von 1955-59 die Filmhochschule in Babelsberg besucht, war als junger Produktions-leiter u.a. an den Filmen CHRISTINE (1963) von Slatan Dudow und KARLA (1965/66) von Herrmann Zschoche beteiligt, wurde 1966 „Hauptökonom“ des DEFA-Studios für Spielfilme, drei Jahre später „Direktor für Ökonomie“, arbeitete in den 1970er und 80er Jahren als Direktor für Produktion, war Erster Stellvertreter des Generaldirektors, übernahm die Generaldirektion am 1. September 1989 und wirkte verantwortlich an der Umwandlung vom Volkseigenen Betrieb in eine GmbH mit. Doritt Molitor hat sich auf das Gespräch hervorragend vorbereitet, Gert Golde verfügt über ein sehr gutes Erinnerungs-vermögen. Daraus resultiert ein Text, in dem natürlich politische Konflikte, aber auch die Rolle der Dramaturgen und der Künstlerischen Arbeitsgruppen, die technische Ausstattung, das Verhältnis zum Fernsehen der DDR, zu den westlichen Ländern, Spannungen zwischen den Regie-Generationen und die Hierarchien im Produktionsbereich zur Sprache kommen. Das geschieht sehr konkret und macht die Lektüre spannend. Umfang des Gesprächs: 240 Seiten (mit Abbildungen). Der Anhang enthält auf 100 Seiten 24 Dokumente aus der Zeit von 1957 bis 1992. Mehr zum Buch: arbeitsleben.html