Kinomagie

2015.KinomagieDie Sammlung der Geräte und Objekte aus der Vorgeschichte des Kinos von Werner Nekes ist legendär. Sie wurde in unterschied-licher Form schon in vielen Städten präsen-tiert. Jetzt ist sie (noch bis zum 30. März 2016) im Metro Kinokultur-haus in Wien zu sehen. Und es gibt erstmals einen großen, beeindruckenden Katalog dazu, für den Nekes zusammen mit Ernst Kieninger als Herausgeber verantwortlich ist. Auf mehr als 500 Seiten sind Geräte, Bilder und Dokumente auch für jene zu sehen, die nicht zur Ausstellung nach Wien fahren können (sich das aber sicher noch einmal überlegen, wenn sie den Katalog angeschaut haben). 19 lesens-werte Texte vertiefen den Bereich der Abbildungen. Ich greife einige, mir besonders wichtige heraus. Ernst Kieninger würdigt den Sammler Nekes als Archäologen der bewegten Bildwelt. Für Bazon Brock ist Nekes ein „Meister des Zaubers der Entzauberung“. Siegfried Zilinski reflektiert über die Bedeutung der Schatten in der Philosophie-, Kunst- und Theatergeschichte und projiziert diese Erkenntnisse in die neue Welt des Kinos. Stephan Oettermann schlägt den Bogen „Von den Engelbrechtschen perspektivischen Vorstellungen zum Teleorama“. Thomas Hensel referiert über die „Darstellbarkeit des Undarstellbaren“ und denkt dabei an die „Gottmedien“. Bei Richard Balzer geht es um den „Guckkasten“, bei Deac Rossell um die Laterna magica, bei David Robinson um „Transparente“ vor allem im Theater. Simon Stampfer informiert uns „Über die optischen Täuschungs-Phänomene, welche durch die stroboskopischen Scheiben hervorgebracht werden“. Carsten Jöhnk erweitert dies mit dem Blick auf die „Abbildung in der 3. Dimen-sion“. Klaus Kreimeier erinnert sich an seine Wahrnehmung der Filme von Werner Nekes und geht speziell auf ULIISSES (1980-82) ein. Ein vorbildlicher Katalog. Mehr zum Buch: kinomagie-katalog/

David Lynch 70

2016.David LynchHeute wird der Autor, Regis-seur, Maler und Fotograf David Lynch siebzig Jahre alt. Er gilt als Künst-ler, der in vielen Berei-chen zuhause ist. Fürs Kino hat er längere Zeit nicht gearbei-tet, aber vielleicht gibt es 2017 eine Fort-setzung von TWIN PEAKS. Lynch ist ein Mystiker. Manche seiner Filme – zum Beispiel BLUE VELVET, WILD AT HEART, MUL-HOLLAND DRIVE – gefallen mir gut. Manche sind mir zu verrätselt. Im Alexander Verlag ist gerade das Buch „Catching the Big Fish“ erschienen, eine Sammlung von 85 Texten, in denen er sich zu seinem Leben und seinem Werk äußert. Einige sind speziell seinen Filmen gewidmet, andere der Arbeit (Idee, Casting, Ton, Licht, Musik, Probe, Final Cut, Testpublikum), zwei sind Hommagen an große Kollegen (Fellini, Kubrick), viele handeln von existentiellen Befindlichkeiten (Sehnsucht, das Tempo des Lebens, Angst, Leiden, Schlaf, Mitgefühl), übergreifenden Themen (Leben für die Kunst, Bewusstsein, Identität, Religion, Schönheit) und von der Zukunft (wahrer Frieden, der Tod des Films, die Zukunft des Kinos). Lynchs zentrales Thema – neben seinen Filmen – ist transzendentale Meditation. Seine Gedankenspiele sind zuweilen sehr interessant, gelegentlich gleiten sie ins Nirgendwo. Für seine Fans ist das Buch natürlich Pflichtlektüre. Mehr zum Buch: Catching_The_Big_Fish.html

Live-TV

UVK_GR_Live-TV_Lanzenberger_Umschlag_150907.inddDer Autor, Wolfgang Lanzenberger, ist Leiter der Regie bei ProSiebenSat1, also ein Profi. Sein Buch über „Produzieren und Senden in Echtzeit“ gliedert sich in acht Hauptkapitel: 1. Die Wirkung von Live-Sendungen. Warum Live-Sendungen anders sind. Die wichtigsten Live-Genres. 2. Faszination am laufenden Band: Wer macht was bei einer Live-Sendung? Die Technik. Was Redaktionen leisten müssen. Arbeiten im Live-Modus. 3. Das Herz-stück der Sendung: die Studio-Moderatoren. Ihre Rolle, was sie können müssen, die visuelle Umsetzung von Moderationen. 4. Sendung planen: nah am Publikum, den Zuschauer bei der Stange halten, Erfolgskontrolle. 5. Sendung gestalten: Design, Briefing, Kamerastandpunkte, Bildschnitt, Licht. 6. Sendung fahren: Steuerung des Sendeablaufs, Pleiten, Pech und Pannen. 7. Live handeln: Außenübertragung, Events, Rahmen-bedingungen der Produktion. 8. Fernsehen anders denken – Next-Level-TV: Internet und digitaler Content. Mit vielen Abbildungen und persönlichen Tipps. Dies ist in der Reihe „Praxis Film“ des Konstanzer UVK-Verlages bereits Band 93. Mehr zum Buch: ba073308fd16f/

Franzobel: Zarah

2016-franzobel-zarahDer österreichische Schrift-steller Franzobel (eigentlich: Franz Stefan Griebl) hat ein Theaterstück über Zarah Leander geschrieben, das 2014 im Vorarlberger Landestheater uraufgeführt wurde und jetzt im Passagen Verlag als Buch erschienen ist. Es handelt sich um einen sehr facettenreichen Text, den man mit Neugier und auch mit Vergnügen lesen kann. Eine Kunstfigur der Gegenwart mit dem beziehungsreichen Namen Lazarus Modriach erweckt Zarah zum Leben und führt sie durch die entschei-denden Phasen ihres künstleri-schen Wirkens. Das sind die Jahre 1929, 1936, 1941 und 1949. Auf der Bühne sind außerdem ihr Mann Nils und dessen Schwester Bertha präsent, die jeweils mehrere Rollen spielen. In einem Zwischenspiel tauchen Goebbels, Göring und Hitler auf, später auch Marlene Dietrich und Heinz Rühmann. Die Dialoge sind pointiert, die Perspektiven wechseln immer wieder. Das alles auf 70 Seiten mit Abbildungen aus der Uraufführung. Mehr zum Buch: 9783709202296&L=0

ESKAPADE (1936)

2015.DVD.EskapadeParis und Petersburg 1910, die Eisenbahn und der russische Grenzort Wir-ballen sind die Schauplätze dieses Agentenfilms, der auch komödiantische Elemente hat. Dafür sorgt unter anderem Grete Weiser als Ehefrau des ameri-kanischen Colonel Lenox (Georg Alexander), der in Erbschaftsangelegenheiten nach Russland fährt und auf der Reise die polnische Spionin Hélène Polawska (Renate Müller) kennen lernt, die sich in seine Obhut begibt. Eine dominante Rolle spielt der Chef der russischen Geheim-polizei Rakowski (Walter Frank). Der Film ist über weite Strecken sehr spannend. Ein gewisses Overacting der Darsteller wirkt zeitbedingt. Davon ausgenommen: Renate Müller, ein Star des frühen deutschen Tonfilms; es war ihr vorletzter Film, sie starb 1937 unter traurigen Umständen im Alter von nur 31 Jahren. Sie war der Prototyp der selbstbewussten Frau, spielte vor allem unter der Regie von Reinhold Schünzel und steht auch in ESKAPADE im Zentrum der Aufmerk-samkeit. Der Regisseur Erich Waschnek galt als Routinier, die Inszenierung ist auch nicht gerade subtil, am Drehbuch hat Thea von Harbou mitgearbeitet. Interessant wirkt noch heute die Kamera-führung, für die Friedl Behn-Grund verantwortlich war. Eine DVD des Films ist jetzt bei den „Filmjuwelen“ erschienen. Das sehr informative Booklet stammt von Friedemann Beyer. Der originale Filmtitel (so im Vorspann zu sehen) hieß GEHEIMAGENTIN HÉLÈNE. Mehr zur DVD: filmjuwelen%22

Postsowjetische Protagonisten

Lange_350x497Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin entstanden ist. Bettina Lange schreibt über „Selbstentwürfe im russischen Film nach der Jahrtausendwende“. Im ersten Teil ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Protagonisten der Perestrojka: „Figuren-konzeptionen im spät-sowjetischen und frühen postsowjetischen Film“ (S. 27-59). Dann kon-zentriert sie ihre Analyse auf insgesamt fünf Filme: den Film noir DER KLAVIERSTIMMER (2004) von Kira Muratowa, den Märchenfilm RUSALKA (2007, dt.: ALISA, DAS MEERMÄDCHEN) von Anna Melikjan (beide Filme unter der Fragestellung „Kollektive Identitäten und individuelle Selbst-entwürfe“), die Reisefilme UNTERES KALEDONIEN (2007) von Julija Kolesnik und MENSCHEN ZWEITER KLASSE (2001) von Kira Muratowa („Reise als Suche nach Sinn und Selbstverortung“) und das Melodram FREE FLOATING (2006) von Boris Khlebnikov („Tendenzen zu einem Kino des Sozialen“). Die Analysen sind sehr genau, sie stellen Zusammenhänge zur sowjetischen Filmgeschichte her und machen neugierig auf die genannten Filme. Wenige, aber technisch gute Abbildungen. Coverfoto: FREE FLOATING. Mehr zum Buch: postsowjetische_protagonisten.htm

THE MEMORY OF JUSTICE

2015.Ophüls großBei dieser Publikation haben die Wiener Gesellschaft SYNEMA und die Berliner Uni-versität der Künste zusammengearbeitet. Sie ist speziell dem Film THE MEMORY OF JUSTICE von Marcel Ophüls gewidmet. Von Ralph Eue, der sich mit der Präsentation und Würdigung der Ophüls-Filme große Verdienste erworben hat, stammen drei Texte: eine Ein-leitung, Hinweise zur Geschichte des genannten Films und Kommentare zu ausgewählten Filmen über die Nürnberger Prozesse. Dokumentiert ist außerdem die kluge Laudatio von Katja Nicodemus anlässlich der Verleihung der Berlinale-Kamera an Ophüls im Februar 2015. Lukas Foerster unternimmt eine analysierende Beschreibung von THE MEMORY OF JUSTICE. Ein Text von Michel Ciment aus dem Jahre 1975 erinnert an die Schwierigkeiten der Produktion. Brigitte Mayr gibt biografische Hinweise zu den 48 Protagonisten des Films und Ophüls’ Interviewpartner/innen in der Reihenfolge des Auftretens. Ein faksimiliertes Fax von 1995 und zwei Texte von Marcel Ophüls vertiefen den Produktionshintergrund. Von Erika Mann stammt ein kurzer Text über KZ-Filme. Eine vorbildliche Publikation über einen großen Dokumentarfilm. Mehr zum Buch: 0519&ss1=y

Vom brasilianischen Modernismo zum Cinema Novo

2015.Strategien kultureller KannibalisierungEine Dissertation, die an der Universität Mainz entstan-den ist. Peter W. Schulze nimmt das „Anthropopha-gische Manifest“ von Oswald de Andrades (1928) zum Ausgangspunkt für einen Brückenschlag vom Anti-kolonialismus zum Post-kolonialismus und beschäftigt sich in diesem Zusammen-hang ausführlich mit drei brasilianischen Filmen: ANTONIO DAS MORTES (1968) von Glauber Rocha, MACUNAÍMA (1969) von Joaquim Pedro de Andrade und COMO ERA GOSTOSO O MEU FRANCêS (1971) von Nelson Pereira dos Santos. Die sehr detaillierten Analysen verdeutlichen die kritische Darstellung der brasilianischen Geschichte durch die drei genannten Filmemacher. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: strategien-kultureller-kannibalisierung

Besonders wertlos

2015.Besonders wertlosEinerseits ist Jörg Buttgereit (*1963) Filmemacher, in der Horror- und Splatter-filmszene hat er einen guten Namen. Anderer-seits sitzt er (siehe Cover) häufig an seinem Computer und schreibt Texte u.a. für das österreichische Filmmagazin ray, die Zeitschrift epd Film und das Magazin Deadline. 50 seiner Kolumnen sind in dem kleinen Band des Martin Schmitz Verlages nachgedruckt. Sie lassen sich gut lesen, weil sie flott formuliert sind und das enorme Wissen des Autors im Trashbereich dokumentieren. Es ist nicht so ganz meine Welt, aber ich habe großen Respekt vor den Kennern dieser Materie. Buttgereit erzählt auch von vielen persönlichen Begegnungen, zum Beispiel mit John Carpenter, Kazuki Omori, Akira Takarada und Bin Furuya, Johannes Schönherr, Haruo Nakajima (er spielte im Gummikostüm den Godzilla), Kurando Mitsutake, Christopher Lee und Udo Kier. Ein Text handelt von Trailern, ein anderer von Filmformaten, ein dritter vom Besuch der Scorsese-Ausstellung im Berliner Museum für Film und Fernsehen und der Bewunderung der Exponate von Robert De Niro, ein vierter von De Niro-Filmen, die als misslungen gelten (Buttgereit: „Schlechte Filme mit Bob sind immer noch besser als gute Filme mit DiCaprio, Damon oder Clooney.“). Man könnte noch viele andere Provokationen zitieren. Im Anhang findet man u.a. Erinnerungen an die 3D-Retrospektive der Berlinale 1980 (mit einem Bogen zum 3D der jüngsten Zeit), einen Aufsatz über „60 Jahre Godzilla“ und ein Interview mit George A. Romero. Viele Abbildungen. Mehr zum Buch: Buttgereit/Buch.html

DER BRIEF & OBRIGKEITSFILM von Vlado Kristl

142_0Er war der wohl größte Anar-chist des Neuen Deutschen Films. Die Unberechenbarkeit war eines seiner wichtigsten persönlichen Ziele. Der Kroate Vlado Kristl (1923-2004) lebte ab 1963 vorwiegend in Mün-chen. DER BRIEF (1966) war sein zweiter langer Spielfilm. Einerseits erzählte er eine kafkaeske Geschichte: wie der Mann T. (Kristl) einen Brief findet und auf vielen Umwegen zum Empfänger bringt. Der Brief enthält das eigene Todesurteil. T. wird hingerichtet. Andererseits zeigt er aus heutiger Sicht – also fünfzig Jahre später – viele junge deutsche Filmemacher, die nicht mehr am Leben sind. Man sieht Horst-Manfred Adloff, Boris von Borresholm, George Moorse, Peter, Thomas und Ulrich Schamoni, Karl Schedereit, Detten Schleiermacher, Petrus Schloemp, Franz Josef Spieker, Hans Rolf Strobel – und auch einige, die noch leben: Peter Berling, Peter Genée, Klaus Lemke, Christian Rischert, Eckhart Schmidt. Auch drei berühmte Kameraleute sind zu entdecken: Sven Nykvist, Jörg Schmidt-Reitwein und Gérard Vandenberg. Sie alle haben sich mit ihrer Mitwirkung vor Vlado Kristl verneigt. Die unruhige Kameraführung (Wolf Wirth) gehörte zu Kristls Konzept, sie nervte damals und tut das auch heute. Dennoch: ein wichtiges Dokument der Zeit. Der zweite lange Film auf der DVD heißt OBRIGKEITSFILM, dauert 81 Minuten, wurde bei den Hofer Filmtagen 1971 uraufgeführt und macht etwas ratlos, weil man nicht versteht (verstehen soll/ verstehen kann), was sich vor der Kamera abspielt. Einmal lassen die Protagonisten die Hosen herunter. Wie auf Befehl. Und Jean-Marie Straub deklamiert vor einem Scheiterhaufen: „Es brenne hier, sprach Goethe“. Danièle Huillet schweigt dazu. Zum Bonus-Material gehören die Kristl-Filme ARME LEUTE (1963, 8 Min.), AUTORENNEN (1965, 10 Min.), DIE UTOPEN (1967, 9 Min.), 100 BLATT SCHREIBBLOCK (1968, 26 Min.) und SEKUNDENFILME (1969, 18 Min.). Mehr zur DVD: Der-Brief—Obrigkeitsfilm.html Und ich empfehle das Buch von Christian Schulte: „Vlado Kristl. Die Zerstörung der Systeme“, das 2010 im Verbrecher Verlag erschienen ist: buch/206