Lexikon des internationalen Films 2017

Nun ist das Lexikon des inter-nationalen Films, auf das ich im vergangenen Jahr schon einen Nachruf publiziert habe, doch noch einmal erschienen, und, wer weiß, vielleicht geschieht ja noch ein Wunder… Das Jahr-buch 2017, redaktionell letzt-malig von Horst Peter Koll verantwortet (Mitarbeit: Jörg Gerle), erfüllt alle Ansprüche, die ich an so eine Publikation habe. Horst Peter hat auf 36 Seiten wieder eine Chronik der wichtigsten Filme, der großen Ereignisse und der Abschiede formuliert. Das „Special“ – mit Beiträgen von Holger Twele, Kirsten Taylor, Margret Köhler, Wolfgang Hamdorf, Björn Hayer, Charles Martig, Petra Kammerevert und Reinhard Kleber – ist Europas Kino-filmen gewidmet. Es enthält interessante Texte u.a. über Jean-Pierre und Luc Dardenne, François Ozon, Pedro Almodóvar, Lars von Trier und Michael Haneke. Es folgt auf 376 Seiten das Lexikon der Filme des Jahres 2017. Dokumentiert sind wie immer die „Silberlinge“ (heraus-ragende DVD- und Blu-ray-Editionen) und die Preise der wichtigsten Festivals und Länder. Ein Buch, das man gern in die Hand nimmt. Coverfoto: JAHRHUNDERTFRAUEN. Mehr zum Buch: filmjahr-2017.html

Eine Partie Dame

Dieses Drehbuch der österreichi-schen Autorin Elfriede Jelinek ist nie verfilmt worden. Die erste Fassung entstand 1980, als Regis-seur war der dffb-Absolvent Rainer Boldt vorgesehen, der die Autorin Ende der 70er Jahre in Wien kennengelernt hatte. Produzieren sollte die Firma Common Film, die Boldt 1969 gegründet hatte und seit 1970 mit Helmut Wietz, ebenfalls Absolvent der dffb, unterhielt. Die Finanzierung des Jelinek-Projekts durch Förderungen und Fernseh-beteiligungen scheiterte allerdings endgültig Mitte der 80er Jahre. Jetzt liegt das Drehbuch, herausgegeben von Wolfgang Jacobsen und Helmut Wietz, in gedruckter Form vor, erschienen im Verbrecher Verlag. Es liest sich durchaus spannend. Die Handlung spielt in Wien 1979. Hauptfiguren sind der Lokalbesitzer Andzrej, polnischer Jude, Kommunist, Kopf eines Agentenrings, und die Studentin der Theaterwissenschaft Lisa, die eine obsessive Beziehung zu Andzrej beginnt und damit aus dem Gleis gerät. Es gibt interessante Nebenfiguren: Lisas bisherigen Freund Klaus, ihre Mutter, den Aushelfer in Andzrejs Lokal, Ivan, die russische Emigrantin Janka und viele andere. Die Dialoge sind oft dialektgefärbt. Und natürlich ist die Stadt Wien sehr präsent, ihre Atmosphäre, ihre Lage zwischen Ost und West. Die Geschichte endet brutal. Das Nachwort von Wolfgang Jacobsen vermittelt sehr präzise die Geschichte des Projekts, von dem ich bisher nichts wusste. Mehr zum Buch: book/detail/931

Stanley Kubrick: Photographs

Im Alter von 17 Jahren begann Stanley Kubrick professionell für die Zeitschrift Look zu fotografieren. Von 1946 bis 1950 war er dort festan-gestellt. Sein Thema: New York, die Stadt und die Menschen. Im Museum of the City of New York ist seit Anfang Mai eine Ausstellung mit rund 300 Fotos von Kubrick zu sehen. Im Taschen Verlag erschien der Katalog, der Arbeiten dieses großen Regisseurs zeigt, die uns (mir) bisher nicht zugänglich waren. Es sind auch zahlreiche Fotos publiziert, die bisher nicht veröffentlicht wurden. Die Abfolge ist chronologisch nach dem Datum der Aufnahmen. Der Reproduktion ausgewählter Look-Seiten folgen jeweils Vergrößerungen der Fotos in herausragender Qualität. Ich nenne einfach zehn Stories, die mir besonders gut gefallen haben: „Life and Love in the New York Subway“ (1947, sieben Fotos), „Columbia University“ (1948, 15 Fotos), „Wash Day. A Greenwich Village Self-Service Laundry“ (1948, drei Fotos), „How the Cicus Gets Set“ (1948, 15 Fotos, eins in Farbe), „Prizefighter. Walter Cartier as a Young, Strong Middleweight“ (1949, neun Fotos), „Montgomery Clift. Glamour Boy in Baggy Pants“ (1949, fünf Fotos). „A Dog’s Life in the Big City“ (1949, vier Fotos). „Rocky Graziano. He’s a Good Boy Now“ (1950, acht Fotos). „Leonard Bernstein“ (1950, sechs Fotos). Nicht publiziert bisher: „Naked City“ (1947, sechs Fotos am Set von Jules Dassin). „Shoeshine Boy“ (1947, zehn Fotos des Schuhputzerjungen Mickey), „Rosemary Williams – Showgirl“ (1949, zehn Fotos). Die beiden Texte von Donald Albrecht & Sean Corcoran („Durch ein anderes Objektiv: Stanley Kubricks Fotografien“) und Luc Sante („Stanley Kubrick: Sehen Lernen“) sind auch in deutscher und französischer Sprache abgedruckt. Es wäre wunderbar, wenn diese Ausstellung demnächst nach Berlin käme. Mehr zum Buch: Through-Different/dp/383657232X

Gérard Depardieu

Fünf Jahre – natürlich mit Unterbrechun-gen – hat der französische Zeichner Mathieu Sapin den Schau-spieler Gérard Depardieu „am Rockzipfel“ begleitet – und am Ende ist daraus ein Comicporträt entstanden, das jetzt auch in einer deut-schen Ausgabe bei Reprint erschienen ist. Sapin war vor allem bei verschiedenen Reisen von Depardieu dabei: nach Aserbaid-schan (2012), nach Bayern, Portugal, Katalonien (2015) und nach Moskau (2016). Der Zeichner ist die kleine Person am Rande, der Schauspieler der Koloss im Zentrum. Die Zeichnungen sind originell, Dialoge, Gedanken und Bemerkungen außerhalb der Bilder machen die Lektüre zu einem komplexen Vorgang. Man muss viel lachen, aber es gibt mehr Momente, die berühren und eine erstaunliche Nähe zum Protagonisten herstellen. Essen, Politik, Kleidung, Geld, Sterben, Filmarbeit spielen eine große Rolle. Wunderbar: die Beobachtungen am Set bei den Dreharbeiten zu LE DIVAN DE STALINE von Fanny Ardant mit Depardieu als Stalin. Eine sehr lesenswerte Rezension des Buches hat Georg Seeßlen in epd Film (5/2018) publiziert. Mehr zum Buch: depardieu-kopieren/

Hilmar Hoffmann

Am Freitag ist Hilmar Hoffmann, der  für mich der interessanteste Kul-turpolitiker in Deutsch-land war, in Frankfurt am Main gestorben. Er wurde 92 Jahre alt. 1954 gründete er als Direktor der Volkshochschule in Oberhausen die „West-deutschen Kurzfilmtage“, bei denen 1962 das „Oberhausener Manifest“ verkündet wurde. Hilmar Hoffmann war von 1970 bis 1990 Kulturstadtrat in Frankfurt am Main, er initiierte damals das Kommunale Kino und war für die Gründung des Deutschen Filmmuseums verantwortlich. Sein Leitwort war „Kultur für alle“. Ich habe ihn zuletzt am 7. Dezember 2016 bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Claudia Dillmann in Frankfurt getroffen. Wir hatten – bei aller Konkurrenz zwischen Berlin und Frankfurt – immer ein gutes Verhältnis, weil ich seine Leistungen respektiert und seine Initiativen bewundert habe. Sein Buch „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit“ (1988) ist ein Schlüsselwerk über die Propaganda im NS-Film. Lesenswert sind seine „Erinnerungen“, die zuletzt 2003 in einer Überarbeitung im Suhrkamp Verlag erschienen sind. Eine Würdigung seines Lebens hat Claus-Jürgen Göpfert mit dem Buch „Der Kulturpolitiker“ 2015 publiziert (hilmar-hoffmann/).

Proben für den Film

Ein „Handbuch“ für die Arbeit vor Drehbeginn eines Films. Wie können sich Regisseur*innen und Schauspieler*innen durch intensive Proben auf den Dreh am Set vorbereiten? Jan Krüger, Filmemacher und Dozent, weiß aus Erfahrung, wie schwierig dies ist, weil in der Regel nur wenig gemeinsame Zeit vorhan-den ist. Sein Leitfaden klingt sehr überzeugend, beginnt mit der „eigenen Vorbereitung“, wechselt zu „Spiel- und Szenen-proben“, führt zur „Arbeit an den Figuren“, „Recherchen“ und „Proben am Set“, endet mit Fragen zur „Besetzung“. Der Anhang enthält Beispiele für Probenpläne: 3 Stunden, 3 Tage, 3 Wochen. Der Autor hat Gespräche mit der Autorin, Regisseurin und Produzentin Maren Ade, dem Coach Frank Betzelt, dem Autor und Regisseur Florian Gärtner, den Schauspielerinnen Steffi Kühnert und Judith Weston, dem Autor und Regisseur Christian Petzold geführt, die ihre konkreten Erfahrungen einbringen. Mit Abbildungen aus verschiedenen Filmen. Mehr zum Buch: 395-proben-fuer-film.html

Günter Peter Straschek

Er war Filmemacher und Filmhistoriker. Günter Peter Straschek, geboren 1942 in Graz, gestorben 2009 in Wien, hat inten-siv geforscht – speziell über die Filmemigration aus Nazideutschland – und radikal geschrieben, sein „Handbuch wider das Kino“ (1975) ist geprägt von einer eigen-willigen Wahrnehmung der internationalen Filmgeschichte. Das Museum Ludwig in Köln widmet Straschek zurzeit eine Ausstellung („Emigration – Film – Politik“), die noch bis 15. Juli zu sehen ist. Beeindruckend finde ich den Katalog, der von der Kuratorin Julia Friedrich herausgegeben wurde. Er dokumentiert zunächst Ausstellungsansichten, führt uns mit Texten von Yilmaz Dziewor und Julia Friedrich in Leben und Werk von Straschek ein. Abbildungen erinnern an Filme von Straschek: HURRA FÜR FRAU E. (1967), EIN WESTERN FÜR DEN SDS (1967-68) und ZUM BEGRIFF DES „KRITISCHEN KOMMUNISMUS“ BEI ANTONIO LABRIOLA (1843-1904) (1970). Stefan Ripplinger beschäftigt sich mit Strascheks Schriften bis zum ‚Handbuch wider das Kino’ („Politik statt Politfilm“). Johannes Beringer erinnert an Strascheks Jahre an der Westberliner Filmakademie 1966-68 („Nicht versöhnt“). Im Faksimile ist das legendäre autobiografische Heft der Filmkritik vom August 1974 abgedruckt. Volker Pantenburg kommentiert die fünfteilige Dokumenta-tion FILMEMIGRATION AUS NAZIDEUTSCHLAND (WDR 1975), es folgen Bild und Textzitate. Elfriede Jelinek äußert sich zur dokumenta-rischen Arbeit von Straschek („Die Zeit ist auch nicht mehr, was sie einmal war“). Werner Dütsch erinnert sich an die Zusammenarbeit mit GPS („Abschweifungen“). Imme Klages hat ein Gespräch mit Karin Rausch über ihre Kooperation mit Straschek geführt („Abgemeldet nach Theresienstadt“). Zwei ertragreiche Blicke in Strascheks Archiv zeigen Dokumente der deutschsprachigen Filmemigration und Faksimiles der Briefe und Postkarten an und von Straub/Huillet. Alle Texte auch in englischer Sprache. Coverabbildung: Am Set von LABRIOLA, Carlos Bustamante, Straschek, Johannes Beringer (negativiert). Mehr zur Ausstellung und zum Buch: guenter-peter-straschek.html

Der NS-Film

Der fünfte Band der Reclam-Reihe „Stilepochen des Films“ ist leider auch schon der letzte. Da der Verlag sich aus dem Bereich der Filmlitera-tur verabschiedet, wird es die ge-planten Bände über das Weimarer Kino, die Nouvelle Vague und den Realismus nicht mehr geben. Friedemann Beyer und Norbert Grob sind die Herausgeber des 460-Seiten-Buches über den Film in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Einleitung vermittelt einen sehr sachkundigen Überblick zum histo-rischen Hintergrund, speziellen Phasen, wichtigen Regisseuren (Harlan, Hansen, Käutner, Lieben-einer, Ritter, Steinhoff, Ucicky), Genre & Sujets (Komödien, Musikali-sche Lustspiele, Historienfilme, Melodramen), Stil und Literatur. In chronologischer Reihenfolge werden 55 Filme ausführlich vorgestellt, von ANNA UND ELISABETH bis KOLBERG. 22 Autorinnen und Autoren sind für die Texte verantwortlich, darunter – neben den beiden Herausgebern – Isabelle Bastian, Thomas Brandlmeier, Elisabeth Bronfen, Thomas Koebner, Marion Löhndorf, Claudia Mehlinger, Felix Moeller, Frank Noack, Karlheinz Oplustil, Manuela Reichart, Eric Rentschler, Ivo Ritzer, René Ruppert und Werner Sudendorf. Von mir stammt ein Text über den Fußballfilm DAS GROSSE SPIEL (1942) von R. A. Stemmle. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. – Das Buch ist rechtzeitig zum heutigen Geburtstag meines Freundes Norbert Grob erschienen. Glückwunsch! Cover-Abbildung: MÜNCHHAUSEN. Mehr zum Buch: Der_NS_Film

Agnès Varda 90

Morgen wird die Regisseurin Agnès Varda 90 Jahre alt. Am Donners-tag kommt ihr jüngster Film in die deutschen Kinos: AUGENBLICKE. GESICHTER EINER REISE. Er wurde im vergangenen Jahr in Cannes uraufgeführt und erzählt in dokumentarischer Form, wie die Regis-seurin zusammen mit dem Fotografen und Streetart-Künstler JR in Frankreich die unterschiedlichsten Menschen kennenlernt und ihnen durch überlebensgroße Portraits an Häuserfassaden, auf Containern oder an Eisenbahnzügen Öffentlichkeit verschafft. Wir werden Zeitzeugen, wie sich Agnès Varda und JR auf ihrer Reise anfreunden. Der Film ist eine gemeinsame Arbeit, mit der sich die Filmemacherin ein wunderbares Geburtstagsgeschenk gemacht hat. Unbedingt sehenswert! Im neue Heft von epd film (6/2018) ist ein schönes Porträt  von Marli Feldvoß über Agnès Varta zu lesen. Mehr zum Film: Augenblicke:_Gesichter_einer_Reise

Filme von James Benning

Er ist einer der großen Avant-gardisten des Kinos. James Benning (*1942) dreht seit über vierzig Jahren experimentelle Filme, meist im Alleingang, in der Regel mit minutenlangen Einstellungen, konzentriert auf Landschaften, Gebäude, Orte. In der Edition Filmmuseum – die Benning aufmerksam mit ihren DVDs begleitet – sind jetzt zwei Filme von ihm erschienen. Erstmals gibt es 11 x 14 (1977) auf DVD, der vor 41 Jahren im Forum der Berlinale zu sehen war und in diesem Jahr in digitaler Fassung präsentiert wurde. Im Arsenal-Programm hieß es: „Der erste Langfilm von James Benning, ist Filmtheorie in Bildern. Er besteht aus Einstellungen, die jede für sich etwas erzählen und den Film durch wiederkehrende Elemente zusammenhalten. Erzählt wird die Form.“ ONE WAY BOOGIE WOOGIE (1978) zeigt in 60 einminü-tigen Einstellungen das Gewerbegebiet seiner Heimatstadt Milwaukee. 2005 hat er in 27 YEARS LATER die dortigen Veränderungen dokumentiert. In ONE WAY BOOGIE WOOGIE 2012 ist der Zerfall auf den Schauplätzen weiter fortgeschritten. Die Einstellungen dauern inzwischen fünf Minuten, der gesamte Film 90 Minuten. Er stimmt einen ziemlich melancholisch. Die DVD wird vom Österreichischen Filmmuseum und dem Berliner Arsenal verantwortet. Mit einem informativen Booklet. Mehr zur DVD: One-Way-Boogie—27-Years-Later.html