Die Suche nach dem Stillen Ort

Ralf Zwiebel ist Psychoanaly-tiker in Kassel, Gerald Wei-schede arbeitet als Zen-Meister in Göttingen. Gemeinsam haben sie in diesem Buch filmpsycho-analytische Betrachtungen zum Buddhismus formuliert. In einer kurzen Einführung äußern sie sich zur Filmpsychoanalyse und zum Verhältnis zwischen Buddhismus und Psychoana-lyse. Drei Filme stellen sie in den Mittelpunkt ihrer Unter-suchung: WARUM BODHID-HARMA IN DEN OSTEN AUFBRACH (1989) von Yong-Kyun Bae, FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER…UND FRÜHLING (2003) von Kim Ki-Duk und SAMSARA (2001) von Pan Nalin. Es geht jeweils um den buddhistischen Hintergrund, um die Visualisierung menschlicher Problemlagen, die Darstellung von Wandlungsprozessen und die Filme als Spiegel der eigenen Subjektivität. Die Analysen sind sehr konkret und gut verständlich. Die Filme werden anschließend mit psychoanalytischen Wirkungsmodellen konfrontiert. Ganz am Ende beschreiben die beiden Autoren individuell ihren Zugang zum Buddhismus und ihre persönlichen Erfahrungen. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverfoto aus dem Film von Kim Ki-Duk. Mehr zum Buch: t-0/1091581/

Eine neue Heimat im Kino

Eine Dissertation, die an der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden ist. Verena Feistauer untersucht darin „Die Integra-tion von Flüchtlingen und Vertriebenen im Heimatfilm der Nachkriegszeit“. Sie definiert zunächst die Begriffe „Heimat“ und „Identität“ sowie das Genre „Heimatfilm“. Dem Hauptteil ist ein Exkurs über Flüchtlinge und Vertriebene in sieben „Trüm-merfilmen“ vorangestellt, darunter IRGENDWO IN BERLIN, IN JENEN TAGEN, ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN, FILM OHNE TITEL und LIEBE 47. Fünf detaillierte Filmanalysen bilden den Mittelpunkt der Untersuchung, es handelt sich um GRÜN IST DIE HEIDE (1951) von Hans Deppe, WENN AM SONTAGABEND DIE DORFMUSIK SPIELT (1953) von Rudolf Schündler, ÄNNCHEN VON THARAU (1954) von Wolfgang Schleif, WALDWINTER (1955/56) von Wolfgang Liebeiner und HEISSE ERNTE (1956) Hans H. König. Zwölf weitere Filme, darunter DER FÖRSTER VOM SILBERWALD, DIE MÄDELS VOM IMMENHOF, JOHANNISNACHT, WENN DIE HEIDE BLÜHT und WILDE WASSER, werden im letzten Kapitel behandelt. Die Autorin verirrt sich in ihrem Text nie im Labyrinth von Definitionen, ihre Analysen sind sehr genau, vermitteln konkrete Erkenntnisse, die man mit Gewinn liest. Aus meiner Sicht: eine vorbildliche Publikation, bei der man es auch nicht bedauert, dass auf Abbildungen verzichtet wurde. Mehr zum Buch: 48259445/

Carmen Cartellieri

Ihr Name war mir bisher nicht bekannt. Sie gehörte in den 1920er Jahren zu den meistbeschäf-tigten Darstel-lerinnen des österreichi-schen Kinos, aber ihre Karriere ging mit dem Beginn des Tonfilms zu Ende. Carmen Cartellieri (1891-1953) hat vor allem von der Zusammenarbeit mit dem Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann Cornelius Hintner profitiert. Armin Loacker hat intensiv über die Darstellerin geforscht und jetzt in der Reihe „Film Geschichte Österreich“ ein interessantes Buch über sie publiziert. Es enthält viele bisher unbekannte Informationen über die frühen Jahre von Franziska Cartellieri, den Weg von Cornelius Hintner zum Film, die ungarischen Filme des Duos, und die steile Karriere im Wien der frühen 20er Jahre und die Filmarbeit der Darstellerin nach dem Tod von Hintner. Der Anhang enthält eine Filmografie von Hintner und Cartellieri. Mit zahlreichen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: carmen-cartellieri/

GESCHICHTEN AUS TEHERAN (2014)

Proteste und Demonstrationen haben vor zehn Tagen den Iran in den Fokus publizistischer Beachtung gerückt, aus dem er längere Zeit verschwunden war. Das ist ein guter Zeitpunkt, um auf einen wichtigen Film hinzuweisen, der jüngst als DVD bei Absolut Medien erschienen ist: GESCHICHTEN AUS TEHERAN von Rakhshan Bani-Etemad, die seit 30 Jahren als Drehbuchautorin und Regisseurin tätig ist. Sie hat Spiel- und Dokumentarfilme realisiert, die eng mit dem realen Leben im Iran verbunden sind. Ihr jüngster Spielfilm wurde 2010/11 gedreht, kam 2014 im Iran ins Kino, war in Deutschland 2016 zu sehen und vermittelt in episodisch erzählten Geschichten ein Stimmungsbild des Landes. Es beginnt in einem Taxi, aus dem heraus ein Filmemacher Impressionen der Stadt aufnimmt. Am Steuer sitzt ein ehemaliger Drogendealer, dessen Frau in einem Wohlfahrtszentrum für drogenabhängige Frauen arbeitet. Um das gemeinsame Kind kümmert sich tagsüber die Großmutter. Neue Schauplätze öffnen sich: ein Amt, in dem viele Menschen Schlange stehen, um Unterstützung zu beantragen, zum Beispiel für die Bezahlung von Arztrechnungen, die nicht anerkannt werden, für die Auszahlung von Lohn nach der Schließung einer Fabrik; aber der Amtsleiter setzt persönliche Prioritäten. In einer U-Bahn lernen wir ein junges Paar kennen, das sich über die Zukunft Gedanken macht, und einen älteren Mann, der sich als Arzt entpuppt; er hat im Krieg einen Arm verloren. Dramatisch sind die Momente im Wohlfahrtszentrum, wo ein Mann seine Frau sucht, die er zuvor misshandelt hat. In der Wohnung eines analphabetischen Mannes spielen sich Szenen der Eifersucht ab. Am Ende sind wir wieder im Taxi und erleben die endgültige Trennung des Fahrers von seiner Frau. Die Kamera ist stark auf die Gesichter der Menschen konzentriert, oft dauern die Einstellungen relativ lange, es gibt Monologe und Dialoge, eine große Rolle spielt die Musik. Man spürt immer die existentielle Situation, auch wenn es zwischendurch komische Momente gibt. Ein beeindruckender Film. Mehr zur DVD: https://absolutmedien.de/film/7022/Geschichten+aus+Teheran

Renate Holm

Eigentlich hieß sie Renate Franke, aber es gab in den 50er Jahren die populäre Schlager-sängerin Renée Franke, mit der sie nicht verwechselt werden wollte. So nannte sie sich Renate Holm, wurde berühmter als ihre Namenskonkurrentin und war ein Star der Wiener Staatsoper von den 60er bis in die frühen 90er Jahre. Sie ist mir in bester Erinnerung aus den 50er Jahren, als ich mehrere Filme mit ihr gesehen habe, unter anderem FRÄULEIN VOM AMT von Carl-Heinz Schroth, WUNSCH-KONZERT von Erik Ode, WO DIE LERCHE SINGT von Hans Wolff, SCHÖN IST DIE WELT von Géza von Bolváry, und sie sehr geschätzt habe. Dafür muss ich mich nicht schämen, auch wenn diese Filme eher trivial waren. Aus der Berlinerin ist eine Österreicherin geworden, die viel erlebt hat und jetzt unter dem Titel „Wer seiner Seele Flügel gibt…“ ihre Autobiografie publiziert hat. Sie basiert auf Gesprächen mit der Journalistin Christine Dobretsberger, die mehre eigene Texte eingefügt hat, sodass ein Buch mit einem breiten Spektrum entstanden ist, das nicht nur von der Gesangskunst, sondern auch von Renate Holms Tierliebe erzählt. Mit vielen Abbildungen. Mehr zum Buch: wer-seiner-seele-fluegel-gibt/

Soldatenkörper unter Beschuss

Eine Dissertation, die an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg entstanden ist. Patricia Mühr untersucht darin die „(Trans-)Nationalen Narra-tionen und Geschlechterkon-struktionen im US-amerikani-schen Kriegsfilm“. Im ersten Kapitel gibt sie auf 60 Seiten einen sehr sachkundigen Literaturbericht über das Genre Kriegsfilm. Das zweite Kapitel liefert methodologische und theoretische Begründungen für ihre intermedialen Lektüren, denn die Autorin ergänzt ihre Filmanalysen immer wieder mit Hinweisen auf die Kriegsdarstellung in Malerei und Fotografie; der Film WE WERE SOLDIERS von Randall Wallace steht hier im Mittel-punkt. Im dritten Kapitel geht es um Schreckensbilder, ausgelöst durch 9/11, als Filmbeispiel dient APOCALYPSE NOW/REDUX (1979/2001) von Francis Ford Coppola. Authentizitäts- und Wahrheitsversprechen werden im vierten Kapitel im Zusammenhang mit dem Film SAVING PRIVATE RYAN von Steven Spielberg untersucht („Die Zeugenschaft der Augenzeugenschaft“); wie lassen sich Nähe und Unmittelbarkeit herstellen? Malerei (Goya) und Fotografie (Capa) sind interessante Bezugspunkte. Orte und Landschaften werden oft als Zäsuren für die Bilder des Schreckens genutzt; im fünften Kapitel analysiert die Autorin beispielhaft dafür die beiden Filme THE THIN RED LINE von Terrence Malick und BLACK HAWK DOWN von Ridley Scott. Zentrale Bedeutung hat das sechste Kapitel, „in dem die in den vorangegangenen Kapiteln bereits diskutierten Zusammenhänge zwischen Geschlecht, Nation und Weltgemeinschaft zusammenlaufen“ (Mühr) und die „family values“ ins Spiel kommen; hier richtet sich der Blick speziell auf Frauenfiguren und Geschlechterdifferenzen. Die Analysen von Patricia Mühr sind sehr präzise und konkret, das Spektrum der Filme geht weit über die genannten Titel hinaus, man kann das Buch durchaus der Basisliteratur zum Thema Kriegsfilm hinzufügen. Mit 176 sehr kleinen Abbildungen auf 14 separaten Seiten, ausgewiesen als „Bilderatlas“. Mehr zum Buch: soldatenkoerper-unter-beschuss

CITIZEN KANE und die Filmtheorie

In 16 Texten wird der Film CITIZEN KANE aus jeweils einer grund-legenden Position der Filmtheorie und Filmanalyse ins Visier genom-men. Bei Vinzenz Hediger (Frank-furt am Main) geht es um Film-geschichte („Vor dem Gericht der Fakten“), bei Tanja Prokic (Dres-den) zunächst um Neoformalismus „De-constructing Rosebud“) und später um Intermedialität („Von Medien und Mogulen“), bei Ivo Ritzer (Bayreuth) um die Autoren-theorie („Auteurismus“) bei Stefanie Kreuzer (Kassel) um Filmnarrato-logie („Wer erzählt eigentlich den Blick durch die Schneekugel?“), bei Klaus Kanzog (München) um Filmrhetorik („Faustregeln für eine Filmrhetorik“), bei Michael Braun (Köln) um Film und Erinnerung („Die Wahrheit der Erinnerung und biografisches Erzählen im Film“), bei Michaela Krützen (München) um Filmdramaturgie („Charlies Reise“), bei Ulrich Meurer (Wien) um Raumtheorie („Schneekugel/ Lustschloss“), bei Marcus Stiglegger (Berlin) um Körpertheorie („Die Inszenierung des mythischen Körpers“), bei Fabienne Liptay (Zürich) um Bildtheorie („A Rosebud Is…“), bei Melanie Letschnig (Wien) um Gender Studies („Susan doesn’t live here anymore“), bei Sulgi Lie (Basel) um Psychoanalyse („Rosebud ist nicht Rosebud“), bei Oliver Fahle (Bochum) um Filmphilosophie („Wissen, Medien, Zeit“) bei Guido Kirsten (Mainz) um Semiopragmatik („CITIZEN KANE und die Modi seiner Lektüre“), bei Birk Weiberg (Zürich) um Technikgeschichte („Playing with a jigsaw puzzle“). Die fünf Autorinnen und zehn Autoren sind alle sehr kompetent und fachlich ausgewiesen. Am besten gefallen haben mir persönlich die Beiträge von Michael Braun, Stefanie Kreuzer, Michaela Krützen und Fabienne Liptay. Die Qualität der Abbildungen ist grenzwertig. Mehr zum Buch: Kane___und_die_Filmtheorie

Meine Filme des Jahres

Hier sind die für mich wichtigsten Filme des Jahres 2017. Unter den ausländischen Filmen ist meine Nr. 1 der ungarische Film ON BODY AND SOUL von Ildikó Enyedi, der Berlinale-Sieger, der auf wunderbare Weise zwei Traumgeschichten miteinander verbindet, die zwei Menschen zusammenführen, die auf einem Schlachthof in Budapest arbeiten. Meine Nr. 2 ist der amerikanische Film Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan, meine Nr. 3 die finnisch-deutsche Produktion Die andere Seite der Hoffnung von Aki Kaurismäki.

Bei den deutschen Filmen hat mich am meisten  WESTERN von Valeska Grisebach beeindruckt. Der Film erzählt die Geschichte des deutschen Bauarbeiters Meinhard in Bulgarien , der schon viel erlebt hat und auch im tiefen Osten seine Souveränität bewahrt. Kamera: Bernhard Keller, Montage: Bettina Böhler. Nr. 2 ist für mich Casting von Nicolas Wackerbarth, Nr. 3 Aus dem NichTS von Fatih Akin mit der herausragenden Diane Kruger.

Drei Dokumentarfilme stehen auf meiner Jahresbestenliste: Beuys von Andres Veiel, Überleben in Neukölln von Rosa von Praunheim und I AM NOT YOUR NEGRO von Raoul Peck. Ein interessantes Kinojahr!

Filmbuch des Jahres 2017

Als das Buch 1996 im Rowohlt Verlag erschien, war es mein Filmbuch des Jahres. Hanns Zischler hatte sich auf eine Spuren-suche begeben, um speziell die Kinobesuche von Franz Kafka in Prag, Paris, München, Verona und bei anderen Reisen aus Briefen und Tagebüchern zu rekonstruieren. Seine Recherchen führten zu beeindruckenden Ergebnissen. Jetzt ist das Buch, stark überarbeitet, in einer Neuauflage erschienen, und eine beigefügte DVD enthält sechs Filme, die Kafka einstmals gesehen hat und die ihn zum Weinen oder zum Lachen gebracht haben. Noch einmal erkläre ich „Kafka geht ins Kino“  zum Filmbuch des Jahres, weil die Neuausgabe noch größere Qualitäten hat als die Erstausgabe und keine Neuerscheinung damit konkurrieren kann. Mehr zum Buch: 16099&action=edit 

Filmmuseum Amsterdam: EYE

Im April 2014 hat Königin Beatrix das Filmmuseum Amsterdam eröff-net; es trägt den Namen EYE, ist ein imposanter Bau nördlich vom Hauptbahnhof, den man mit einer Fähre erreicht. Er wurde von dem Wiener Architektenpaar Roman Delugan und Elke Delugan-Meissl entworfen. Vier Stockwerke geben die Struktur vor. Ganz oben befindet sich ein großes Kino, in dem ab 10 Uhr gespielt wird und häufig auch Premieren stattfinden. Darunter ist eine sehr große Fläche für Sonder-ausstellungen reserviert, pro Jahr gibt es davon drei oder vier, zurzeit ist eine interessante Installation des dänischen Künstlers Jesper Just zu sehen. Im Erdgeschoss bietet ein großes Café einen schönen Blick auf den See; dies ist eigentlich der beeindruckendste Raum des Hauses. Zwei kleine Kinos präsentieren spezielle Vorführungen, im Museums-shop findet man Bücher, DVDs, Filmpostkarten und Souvenirs. An den Wänden sind überall Filmplakate aufgehängt. Die Dauerausstellung im Untergeschoss fanden wir eher enttäuschend, sie nennt sich „Panorama“ und versucht mit visuellen Angeboten den Mangel an Exponaten – dies sind einige Kameras und andere technische Geräte – vergessen zu machen. An kleinen Sichtplätzen kann man sich Filmausschnitte anschauen. Im Untergeschoss gibt es auch noch ein kleines Kino. Sehr viel investiert wird offenbar in die Arbeit mit Kindern. Die Direktorin des Filmmuseums Amsterdam, Sandra den Hamer, wird von ihren internationalen Kolleginnen und Kollegen sehr geschätzt. Das Gebäude fanden wir bei unserem ersten Besuch beeindruckender als die Präsentationen. Mehr über das Filmmuseum: /eye-filmmuseum