„Zugabe!“ von Mario Adorf

Als Schauspieler hat er mich mehr als sechzig Jahre durch mein Kino- und Fernsehleben begleitet. Im Herbst 1957 habe ich NACHTS, WENN DER TEUFEL KAM gesehen, dafür bekam er ein Filmband in Gold als bester Nachwuchsdarsteller. Inzwischen ist er 88 Jahre alt… 2002 habe ich ihn durch die Ständige Ausstellung des Film-museums am Potsdamer Platz geführt, wo er im letzten Raum sehr präsent war. Auch danach sind wir uns mehrfach begegnet. Seine Erinnerungen hat er unter den Titeln „Himmel und Erde“ 2004 und „Schauen Sie mal böse“ 2015 publiziert, jetzt gibt es eine „Zugabe!“, die dem Münchner Journalisten Tim Pröse zu verdanken ist. Er hat Mario Adorf ein Jahr begleitet, zahlreiche Gespräche mit ihm geführt und Skizzen zu einem Porträt aufgeschrieben. In einem Wechselspiel zwischen Interview und Autorentext fügen sich die 35 Kapitel zu einer sehr lesenswerten Würdigung des Menschen und des Schauspielers. Besonders beeindruckend: „Mario, der Zauberer“, „Unterwegs mit einem Unentwegten“, „Seine Fehler“, „The Voice“, „Die Adorf-Ambivalenzen“, „Mario und die Männer“. Gut recherchiert, genau beobachtet, mit Empathie formuliert. Respekt! Auf Abbildungen konnte verzichtet werden. Mehr zum Buch: 978-3-462-31963-7/

„Zugabe“ von Ursula Karusseit

Sie war zu DDR-Zeiten und danach eine beeindruckende Schauspielerin auf der Bühne, im Film und im Fernsehen. Ich habe sie in der Volksbühne gesehen und natürlich in dem Mehrteiler WEGE ÜBERS LAND (1968), in den Filmen DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1974) von Konrad Wolf oder OLLE HENRY (1983) von Ulrich Weiß. Vor zehn Jahren erschien das Buch „Wege übers Land und durch die Zeiten“, in dem sie dem Journalisten Hans-Dieter Schütt ihre Lebensgeschichte erzählte. Am 1. Februar 2019 starb Ursula Karusseit im Alter von 79 Jahren. Posthum ist jetzt – unter dem Titel „Zugabe“ – ein zweiter Rückblick auf ihr Leben und ihre Arbeit erschienen, formuliert mit einer gewissen Altersweisheit, lesenswert, weil er an viele Weggefährten erinnert, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Zum Beispiel an ihren späteren Ehemann, den Regisseur Benno Besson und die Inszenierung von „Moritz Tassow“ von Peter Hacks (ich habe sie im November 1965 in der Volksbühne gesehen), an Fred Düren, Rolf Ludwig, Wolf Kaiser oder Henry Hübchen. Sie hat mehrfach im Theater Regie geführt, war ab Mitte der 80er Jahre sowohl in Ostberlin wie in Köln beschäftigt und ab 1998 zwanzig Jahre lang in der Fernsehserie IN ALLER FREUNDSCHAFT. Auch darüber hat sie viel zu erzählen. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: zugabe.html

Blockbuster Culture

Warum fasziniert Jugendliche das Mainstream-Kino? Der Produzent, Autor und Drama-turg Werner C. Barg, zurzeit vertretend auf der Professur für „Audiovisuelle Medien“ an der Universität Halle-Wittenberg tätig, hat sich mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt. Er konstatiert Zusammenhänge zwischen der Identitätsfindung junger Menschen und Themen populärer Filme, die häufig von „Heldenreisen“ erzählen. Zwei Kapitel mit vier Filmbeispielen stehen im Mittelpunkt der Publikation: 1. Die Blockbuster-Erzählung als fiktionale Transformation psychosozialer Entwicklungssituationen. SPIDER-MAN (2002) von Sam Raimy und DIE TRIBUTE VON PANEM – THE HUNGER GAMES (2012) von Gary Ross werden auf die Aspekte Körperlichkeit, Selbstfindung, Werteorientierung, Zukunftsvorstellun-gen, Verhältnis zur Erwachsenenwelt, Strukturen von Peergroups, Beziehungsverhältnisse untersucht. 2. Die Hauptfiguren im Blockbuster als Ausdruck jugendlicher Wahrnehmung. Hier geht es speziell um den ersten Teil der „Mittelerde“-Trilogie DER HERR DER RINGE: DIE GEFÄHRTEN (2001) von Peter Jackson und den ersten Teil der MATRIX-Trilogie (1999) von Larry & Andy Wachowski. Der Autor beschreibt jeweils das filmische Gestaltungsprofil und die „Heldenreise“ der Hauptfigur als Weg zum Erwachsenwerden. Ein eigenes Kapitel ist den Funktionen des Düsteren für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gewidmet. Bargs Filmbeschreibungen sind sehr konkret, die vorliegende wissenschaftliche Literatur wird ausgewertet, die Zusammenfassungen sind ergebnisorientiert. Der Anhang enthält ein Literaturverzeichnis und Segmentierungen der vier Analysebeispiele. Die Abbildungen haben eine gute Qualität. Erschienen bei Bertz + Fischer. Coverfoto: DIE TRIBUTE VON PANEM. Mehr zum Buch: blockbusterculture.html

ALIBI (1955)

1954 haben der Regisseur Alfred Weidenmann, der Drehbuch-autor Herbert Reinecker, die Darsteller O. E. Hasse und Martin Held bei dem Film CANARIS zusammengearbeitet, der das Leben des Leiters des deutschen Militär-Geheimdien-stes während der Zweiten Weltkriegs thematisierte. Er wurde 1955 als bester Spielfilm des Jahres mit einer „Goldenen Schale“ ausgezeichnet. ALIBI versammelt erneut die vier genannten Personen, das Thema ist diesmal ein aktueller Justizfall. Wer hat die Frau des bekannten Wissenschaftlers Dr. Overbeck umgebracht? War es der Geliebte der wohlhabenden Frau, der junge Harald Meinhardt? Der Chefreporter des Hamburger Express, der sich eigentlich für den Fall gar nicht interessierte, wird überraschend zum Geschworenen im Mordprozess berufen. Er stimmt als einziger Geschworener gegen die Verurteilung des Angeklagten zu zehn Jahren Zuchthaus. Seine Recherchen führen zur Auffindung des tatsächlichen Mörders, den ich hier nicht verrate. Der Film ist sehr professionell realisiert, die Hauptdarsteller O. E. Hasse (Chefreporter), Martin Held (Dr. Overbeck), Hardy Krüger (Harald Meinhardt) spielen beeindruckend. 1956 erhielt ALIBI ein „Filmband in Silber“ als „überdurchschnittlicher abendfüllender Spielfilm“. Bei den Filmjuwelen ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die man mit Spannung anschauen kann. Das informative Booklet stammt von Roland Mörchen. Mehr zur DVD: 1-98&unfiltered=1

SEESTÜCK (2018)

Nach dem LANDSTÜCK (2016) nun das SEESTÜCK. Wieder begibt sich Volker Koepp auf die Suche nach Menschen und Bildern im Norden, diesmal an der Ostsee. Der Himmel ist oft hoch und blau, manchmal herrscht Sturm, dann dominie-ren Wolken und Wellen. Der Wind ist als Geräusch präsent. Und Menschen erzählen uns von ihren Hoffnungen, Sorgen, Erinnerungen. Viele sind in Harmonie mit der Meeresland-schaft. Aber sie reden auch von Ängsten: vor allem vor den klimatischen Veränderungen und den politischen Konfrontationen. Koepp ist durch mehrere Anrainerstaaten gereist. Er spricht mit einem Geisteswissenschaftler in Kaliningrad, einer Lehrerin auf Bornholm, einem pensionierten Oberst in den Schären nördlich von Stockholm, einer Stadtverordneten in Swinemünde, einer lettischen Mutter, einem Strandfischer auf Usedom. Verbindend wirken die Kommentare des Landschaftsökologen Michael Succow, Träger des alternativen Nobel-preises, der schon in LANDSTÜCK beeindruckende Momente hatte, nicht nur weil er mit den Ohren wackeln kann. Bei LANDSTÜCK stand Lotta Kilian hinter der Kamera, diesmal stammen die Bilder von Uwe Mann. Sie sind mehr als beeindruckend, verbinden sich bestens mit dem Ton. Der Film dauert 135 Minuten. Er ist keine Sekunde zu lang. Ich habe ihn vor einem halben Jahr auf der Leinwand gesehen und jetzt noch einmal auf dem Bildschirm, denn gerade hat die Edition Salzgeber eine DVD publiziert. Mit einem informativen Booklet. Demnächst wird Volker Koepp 75. Es ist ein schönes Geschenk, dass so viele seiner Filme verfügbar sind. Mehr zur DVD: SEESTUECK_ProdInfo.pdf

Der aktuelle Kriegsfilm im historischen und medialen Kontext

Eine Dissertation, die an der Universität Augsburg entstanden ist. Shirin Packham nimmt den aktuellen Kriegsfilm der vergange-nen 20 Jahre (das Initialdatum ist der 11. September 2001) zum Ausgangspunkt für einen Blick zurück auf die filmische Darstellung des Ersten und Zweiten Weltkriegs und des Vietnamkriegs. Natürlich unterscheidet sie zwischen dokumentarischer und fiktionaler Darstellung, aber wichtig ist auch der Abstand zu den Ereignissen. Filme wie ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT von Lewis Milestone oder WESTFRONT 1918 von G. W. Pabst (beide 1930) können erst nach Einführung des Tonfilms und zwölf Jahre nach Kriegsende entstehen. Die Darstellung des Zweiten Weltkriegs in der NS-Propaganda und in Hollywood unterscheidet sich fundamental. Die medialen Repräsentationen des Vietnamkriegs während seines Stattfindens, in den ersten Jahren danach und in der Retrospektive sind sehr unterschiedlich. Schlüsselfilme sind in diesem Zusammenhang THE DEER HUNTER (1978) von Michael Cimino und APOCALYPSE NOW (1979) von Francis Ford Coppola. Rund 300 Kriegsfilme sind die Untersuchungsobjekte der Autorin. AMERICAN SNIPER (2014) von Clint Eastwood nimmt dabei eine herausragende Stellung im aktuellen Kriegsfilm ein. Das Buch erweist sich als Basiswerk für das Genre Kriegsfilm. Keine Abbildungen, 40 Seiten Literaturangaben. Mehr zum Buch: 3658241772

Audrey Hepburn

Demnächst (am 4. Mai) ist ihr 90. Geburtstag zu feiern. Es gibt viele Bücher über sie, zum Beispiel die Biografie von Donald Spoto (A.H. – Ein Leben, Frankfurt 2010), die Erinnerungen ihres Sohnes Sean Hepburn Ferrer (A.H. – Melancholie und Grazie, Berlin 2007), den Bildband bei Schirmer/Mosel (A.H -Portraits einer Ikone, 2015). Sie starb vor 26 Jahren. Bei ebersbach & simon ist jetzt eine Hommage von Daniela Sannwald erschienen, die auf beeindruckende Weise Audrey Hepburn präsent macht. In acht Kapiteln werden ihr Leben und ihre Arbeit beschrieben, beginnend mit der Kindheit in Belgien, Holland und England, früh getrennt von ihrem Vater. Die Ausbildung zur Tänzerin war eine wichtige Station. Für ihre Kleidung war immer wieder der Modeschöpfer Hubert de Givenchy verantwortlich, dessen Kreationen Daniela wunderbar zu beschreiben weiß. Ein spezielles Kapitel: Audrey und die Männer – der englische Unternehmersohn James Hanson, der Schauspieler William Holden, der erste Ehemann Mel Ferrer, der zweite Ehemann Andrea Dotti, die Schauspieler Ben Gazzara und Robert Wolders. In einem Kapitel wird an ihre Rollenbilder erinnert, in einem weiteren an die Bedeutung der Stadt Paris für ihr Leben. Am Ende war sie als UNICEF-Botschafterin unterwegs. Das letzte Kapitel trägt die Überschrift „Stilikone und Königin der Herzen“. Der Anhang enthält biografische Daten, eine Liste ihrer Filme, Fernsehrollen und Bühnenauftritte. Die jeweils ganzseitigen Abbildungen haben eine gute Qualität. Das kleine Buch ist ein sehr schönes Geschenk zum 90. Geburtstag. Mehr zum Buch: audrey-hepburn-eine-hommage

Kino in Kolumbien

Eine Dissertation, die an der Universität Tübingen entstanden ist. Anne Burkhardt untersucht darin den „innerkolumbianischen Konflikt im Film zwischen Gewaltdiskurs und (trans-)nationaler Identität“. Das Kino in Argentinien, Brasilien, Mexiko oder Kuba gilt als wesentlich intensiver erforscht als das Kino in Kolumbien. Seit 16 Jahren gibt es dort eine staatliche Filmförderung, die für einen Aufschwung der Produktion und für eine internationale Wahrnehmung kolumbiani-scher Filme gesorgt hat. Die Autorin informiert zunächst über die Entwicklung des kolumbianischen Films, über Forschungsstand und Quellenlage. Sie hat hervorragend recherchiert; davon zeugen die insgesamt 2.069 Quellenverweise. Kernstück ihrer Untersuchung sind 17 sehr konkret formulierte Filmanalysen aus vier Phasen des kolumbianischen Films von 1959 bis zur Gegenwart. Das Thema „Violencia“ steht dabei im Mittelpunkt. Zu den analysierten Filmen gehören u.a. EL RÍO DE LAS TUMBAS (1964) von Julio Luzardo, AQUILEO VENGANZA (1968) von Ciro Durán, CANAGUARO (1981) von dem emigrierten chilenischen Regisseur Dunav Kuzmanich, CÓNDORES NO ENTIERRAN TODOS LOS DÍAS (1984) von Francisco Norden, LA VENDEDORA DE ROSAS (1998) von Víctor Gaviria und LA SIRGA (2012) von William Vega. Insgesamt: eine beeindruckende Publikation. Auf Abbildungen wurde verzichtet. Das Coverfoto stammt aus dem Film LA SIRGA. Mehr zum Buch: kino-in-kolumbien/

Filmjahr 2018/19

Den Filmdienst gibt es seit Januar 2018 leider nicht mehr in Printform, aber den Rückblick auf das vergangene Jahr kann man weiterhin in der bewährten Buchform erwerben, publiziert im Schüren Verlag, redaktionell betreut von Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle und Marius Nobach. Die Struktur hat sich ein bisschen verändert. Das Lexikon der Filme beginnt auf Seite 201, hundert Seiten später als früher. Es gibt zunächst den bewährten Rückblick auf das Kinojahr 2018, Fotos und Texte zu den 20 besten Kinofilmen und zehn bemerkenswerten Serien 2018, kurze Beiträge zu den Themen „Filmbranche und Politik“, „Themen und Motive“, „Fokus Filmgeschichte“, sieben Interviews mit deutschen FilmemacherInnen (u.a. mit Andreas Dresen, Werner Herzog und Margarethe von Trotta), acht Porträts und Interviews aus der internationalen Kinoszene (u.a. Spike Lee, Terry Gilliam und Agnes Varda) und sieben Nachrufe (u.a. auf Bertolucci, Forman, Robby Müller und Claude Lanzmann). Das Lexikon ist dann rund 140 Seiten kürzer als im Vorjahr. Aber das beschädigt nicht die Substanz. Im Anhang findet man auf 20 Seiten die wichtigsten Preise. Ich bin sehr erfreut, dass das „Lexikon des internationalen Films“ auf diesem Niveau fortgesetzt wird. Mit kleinen Abbildungen in relativ guter Qualität. Coverfoto: FIRST MAN. Mehr zum Buch: lexikon-des-internationalen-films.html

Frohe Ostern!

Es gibt Tage, da kann man auch mal einen Film anschauen, der nichts mit Kunst und viel mit Nostalgie zu tun hat. Zum Beispiel SCHWARZWÄLDER KIRSCH, einen Heimatfilm aus dem Jahr 1958, also mehr als 60 Jahre alt. Regie führte damals Géza von Bolváry, das Drehbuch stammte von Gustav Kampendonk und hinter der Kamera stand Georg Bruckbauer. Der berühmte Komponist Peter Benrath (Dietmar Schönherr) und sein Textdichter Freddy Weller (Boy Gobert) reisen zur Einweihung eines Denkmals in den Schwarzwald. Die Sängerin Angela Westmann (Marianne Hold) ist mit ihrer Freundin Jette (Edith Hancke) den beiden auf den Fersen. Vor Ort kommt es zu zahlreichen Verwechslungen, die manchmal ziemlich albern sind, aber die Landschaftsaufnahmen gleichen das zwischendurch aus. In Nebenrollen sind Willy Fritsch, Helen Vita, Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller zu sehen. Die Musik stammt von Lothar Olias, sie spielt eine wichtige Rolle. Eine DVD des Films ist jetzt bei den „Filmjuwelen“ erschienen. Mit einem Booklet von Roland Mörchen. Mehr zur DVD: 1-1-catcorr . Frohe Ostern!