16 : 9. Fürs Fernsehen in die Ferne

Elke Werry ist promovierte Kunst-historikerin, hat aber nach ihrem Studium schnell dem Drang in die weite Welt nachgegeben und dreht Dokumentationen für ARD, ZDF und Arte. In dem Buch „Fürs Fern-sehen in die Ferne“ erzählt sie von den Erfahrungen, die sie in vielen entlegenen Ländern gemacht hat. Das verdeutlichen bereits die Kapitelüberschriften: „Durch das Tor zum gelben Drachen Chinas“, „Nahaufnahmen aus Nordkorea“, „Nah bei Buddha in Anuradhapura, Sri Lanka“, „Zu Gast bei Nomaden in der Mongolei“, „Orchon-Tal, im Herzen der Mongolei“, „Lektionen in Turkmenistan“, „Schnee von vorgestern in Grönland“, „Bushmeat mit Palaversoße in Ghana“, „Bei den Konso in Äthiopien“, „Unbekanntes Libyen“, „Der Duft Sansibars“. Die Texte sind sehr lebendig geschrieben, lesen sich gut und vermitteln konkrete Eindrücke von den Schwierigkeiten, in der weiten Welt Filme zu drehen. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: fuers-fernsehen-in-die-ferne-ab-23-10-2017-im-handel.html

Film:ReStored

Heute beginnt im Filmhaus am Potsdamer Platz das zweite Filmerbe-Festival „Film:ReStored“, das von der Deutschen Kinemathek veran-staltet wird. Im Kino Arsenal werden digital restaurierte Filme gezeigt, es gibt Vorträge und Werkstattgespräche. Um 18 Uhr ist der Film OSTKREUZ (1991) von Michael Klier zu sehen, der als Gast an der Vorführung teilnimmt, um 20.30 steht der Film ALICE IN DEN STÄDTEN (1974) von Wim Wenders auf dem Programm. Morgen um 10 Uhr eröffnet Martin Koerber mit dem Statement „Lob der Standards“ eine Reihe spannender Gesprächsrunden. Michal Bregant (Filmarchiv Prag) referiert über „Archival principles regarding digital film restaura-tion“, Thomas Worschech (Deutsches Filminstitut Frankfurt) über „Digitalisierung im Dialog mit dem Filmemacher“, Wim Wenders und Laura Schmidt berichten über die Restaurierungsarbeiten der Wim Wenders Stiftung, Ralf Schenk (DEFA-Stiftung) und Ernst Szebedits (Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung) diskutieren über „Digitalisie-rungsstrategien zwischen politischer Verantwortung und Auswertungs-interesse“, Stefanie Eckert und Ralf Schenk vermitteln ihre Erfahrungen bei der Digitalisierung von DEFA 70 (1967) von Werner Bergmann, der anschließend gezeigt wird; er dauert 33 Minuten. Anke Wilkening informiert in ihrem Werkstattbericht „Versionen“ über den Umgang mit verschiedenen Fassungen bei der Digitalisierung von Filmwerken. Um 17.30 Uhr ist dann die restaurierte Fassung von AUF WIEDERSEHN, FRANZISKA! (1941) von Helmut Käutner zu sehen, eingeführt von Anke Wilkening. Nach mehr als acht Stunden (es gibt eine Mittags-pause) hat man auf jeden Fall viel über die aktuelle Situation der Digitalisierung des Filmerbes erfahren. Auch am Samstag und Sonntag hat das Programm noch Höhepunkte. Mehr zum Festival: film-restored_02

Taffe Kommissarinnen und emanzipierte Kommissare?

Eine Dissertation, die an der Ruhr-Universität Bochum ent-standen ist. Raphaela Tkotzky untersucht darin die soziale Konstruktion zeitgenössischer TV-Ermittlerteams in deutschen Krimiserien. Sie definiert zu-nächst den konzeptionellen Rahmen ihrer Analyse, positio-niert sie in der Geschlechter-forschung und Geschlechtsdar-stellung, äußert sich zu Ge-schlechterstereotypen, zu Aspekten von Geschlecht und Kleidung, Geschlecht und Sprache. Ein umfangreiches Kapitel („Bewahrer der Ordnung“, rund 80 Seiten) ist der Darstellung des deutschen TV-Kriminalkommissars gewidmet, seiner medialen Geschichte und konkret in der Serie ALARM FÜR COBRA 11. „Von Mannsweibern und Hausfrauen“ ist die Überschrift des Kapitels über Kriminalkommis-sarinnen im deutschen Fernsehen (70 Seiten). Hier steht die Serie DOPPELTER EINSATZ im Zentrum. Das dritte Kapitel (60 Seiten) richtet den Blick auf gemischtgeschlechtliche Ermittlerduos im deutschen Fernsehen, beispielhaft in der Serie ALARM FÜR COBRA 11 – EINSATZ FÜR TEAM 2. Die drei genannten Serien wurden von RTL ausgestrahlt. Die Beobachtungen der Autorin sind sehr präzise, zu ihrem Fazit gehören die Feststellungen, dass sich die soziale Konstruktion der TV-KriminalkommissarInnen noch immer an Stereotypen orientiert, dass gelegentlich geschlechtsuntypische Verhaltensweisen nachzuweisen sind und dass sich die vormals androgyn gezeichneten TV-Kriminalkommissarinnen wieder stärker an den typisch weiblichen Geschlechtsmerkmalen orientieren. Ein interessanter Beitrag zur Genderforschung im Medienbereich. Mehr zum Buch: ?c=738

Luchino Visconti

Er war einer der Großen des italieni-schen Kinos, von OSSESSIONE (1943) bis zu L’INNOCENTE (1976). Luchino Visconti (1906-1976) ist die Nummer 48 der Film-Konzepte ge-widmet, herausgegeben von Jörn Glasenapp, der einleitend das Gesamtwerk würdigt. Sieben Essays sind jeweils einem Film gewidmet. Daniel Illger befasst sich mit LA TERRA TREMA („Was sein wird, ist und niemals war“). Adrianna Hlukhovych richtet ihren Blick auf „Räume der Sehnsucht in Luchino Viscontis SENSO“. Judith Ellen-bürger untersucht die Schwarz-Weiß-Ästhetik in ROCCO E I SUOI FRATELLI („Dualitäten und Grauzonen“). Bei Corina Erk geht es um IL GATTOPARDO („Der Film als Wille zu Geschichte und Form“). Marcus Stiglegger beschäftigt sich mit LA CADUTA DEGLI DEI („Karneval des Todes“). Dina De Rentiis reflektiert über MORTE A VENEZIA („Narziss und Kindermund oder des Künstlers neue Kleider“). Felix Lenz sieht LUDWIG im Kontext deutscher Ludwig-Filme. Mehrere Beiträge stammen aus dem Umfeld der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Jörn Glasenapp hat dort eine Professur für Literatur und Medien. Die Texte vermitteln konkrete Erkenntnisse und Beobachtungen und haben auch kritische Untertöne. Mit Abbildungen. Mehr zum Heft: 9783869166407

WIEDERKEHR (2017) von Volker Koepp

Johannes Bobrowski (1917-1965) war ein deutscher Lyriker und Erzähler, der früh verstorben ist. Seine Romane „Levins Mühle“ und „Litauische Claviere“ habe ich in den 1960er Jahre mit großem Interesse gelesen. 1973 hat Volker Koepp den Kurzfilm GRÜSSE AUS SARMATIEN gedreht, der von Bobrowskis Gedichten inspiriert war. Zum 100. Geburtstag widmet er ihm den Film WIEDERKEHR. Koepp hat sich auf eine Spuren-suche begeben: nach Tilsit, heute Sowjetsk, wo der Dichter geboren wurde, nach Königsberg/Kaliningrad, wo er das Gymnasium besuchte, ins litauische Memeldelta, das Bobrowski immer wieder inspiriert hat, und nach Vilkyskiai/Willkischken, den Handlungsort des Romans „Litauische Claviere“. Dort ist im Gemeindezentrum der evangelischen Kirche die Wohnungseinrichtung von Bobrowski, der viele Jahre in Berlin-Friedrichshagen gelebt und gearbeitet hatte, originalgetreu aufgebaut worden. Ein Museum, das auf Privatinitiative entstanden ist. Koepp hat mit vielen Menschen gesprochen, die den Dichter gut gekannt haben, aber auch mit Jüngeren, die von ihren Erfahrungen in den litauischen Regionen erzählen. Die Montage mischt historisches Material mit gegenwärtigem. Neben Bild und Sprache spielen auch Geräusche eine wichtige Rolle. 60 Minuten, mehrsprachig mit deutschen Untertiteln. Eine DVD des Films ist jetzt in der Edition Salzgeber erschienen. Mehr zur DVD: 150&sortby=DESC

DAS VERSCHWINDEN

Wenn zurzeit von deutschen TV-Serien die Rede ist, dann geht es vor allem um BABYLON BERLIN. Ich habe bisher nur die ersten beiden Folgen gesehen, bin aber sehr beeindruckt. Hinweisen möchte ich auf die Miniserie DAS VERSCHWINDEN von Hans-Christian Schmid, die ab morgen in der ARD ausgestrahlt wird. Ich habe sie auf dem Münch-ner Filmfest gesehen und halte sie für außerordentlich stark. Sie spielt in der Gegenwart, in einer Kleinstadt nahe der bayerisch-tschechischen Grenze, erzählt von Generationskonflikten und hat in der Kranken-pflegerin Michelle Grabowski eine grandiose Hauptfigur, die sich auf die Suche nach ihrer verschwundenen Tochter Jeanine macht. Deren Freundinnen Manu und Laura sind dabei nicht sehr hilfreich. Julia Jentsch spielt die Mutter, die zwischendurch am Verzweifeln ist, aber beharrlich und eigenwillig bleibt, mit großer Präsenz. DAS VER-SCHWINDEN ist die erste Fernseharbeit von Hans-Christian Schmid, dessen Kinofilme ich sehr schätze. 360 spannende Minuten an vier Abenden. Man kann die acht Folgen auch gut hintereinander sehen. Foto: Julia Jentsch und Elisa Schlott. Mehr zur Serie: das-verschwinden-janine-folge-1-100.html

„Buñuels Erwachen“

Der französische Autor Jean-Claude Carrière (*1931) hat zwanzig Jahre lang eng mit dem Regisseur Luis Buñuel (1900-1983) zusammen-gearbeitet. Sechs Filme sind ihrer Kooperation zu verdanken. Als Buñuel 1983 seine Autobiografie „Mein letzter Seufzer“ publizierte, war Carrière so etwas wie ein Coautor. Ein Auslöser für Carrières neues Buch über Buñuel ist dessen Bekenntnis „Trotz meines Hasses auf die Medien würde ich gern alle zehn Jahre von den Toten auferstehen und mir ein paar Zeitungen kaufen.“ In „Buñuels Erwachen“ wird dieser Wunsch erfüllt. Carrière entdeckt in einer Gruft auf dem Friedhof Montparnasse den Sarg mit dem Leichnam des Regisseurs, reinigt ihn vom Schmutz der Jahrzehnte und nimmt Kontakt zu dem Toten auf. Buñuel erwacht, seine Kräfte und seine Erinnerungen sind zunächst schwach, aber es kommt zum Dialog, der regelmäßig fortgesetzt wird. Carrière hat Zeitungen und Zeitschriften mitgebracht, später schleppt er auch Wein und Leckereien heran. Die Kraft des Toten reicht immer für eine gute Stunde, die Themen werden in der Regel von Carrière vorgegeben. Es geht um Erinnerungen, Träume, Zerstörung, um Religion und Sexualität, eine „Bibliothek des Todes“, um die Lieblingsfilme von Buñuel (S. 159/60), um den Kommunismus, die politischen Veränderungen in Russland, China und den USA, um gemeinsame Erlebnisse, die enge Zusammenarbeit, um Freunde und Gegner, um Tiere und schließlich um den Tod. Der Text ist ein persönlicher Gang von zwei Freunden durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Kulturgeschichte und die Filmgeschichte. Carrière hat seiner Frau die Friedhofsbesuche lange verheimlicht. Am Ende suchen sie gemeinsam die Gruft, aber sie ist verschwunden. Und Carrières Frau erinnert ihren Mann daran, dass Buñuel 1983 in Mexiko eingeäschert wurde. Das Buch, 2011 in Frankreich publiziert, ist jetzt auf Deutsch im Alexander Verlag erschienen, übersetzt von Uta Orluc, vor ihrer Pensionierung Leiterin der Bibliothek im Filmhaus am Potsdamer Platz, der ich mich sehr verbunden fühle. Danke, Uta, für diesen interessanten Text! Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 406-Buuels_Erwachen.html

Storyboarding

Storyboards sind erste Visualisie-rungen eines Drehbuchs, Ideen-skizzen, manchmal stammen sie vom Regisseur, manchmal von beauftragten Spezialisten. Sie haben ihre eigene Geschichte. 2011 gab es eine beeindruckende Ausstellung zu diesem Thema im Museum für Film und Fernsehen („Zwischen Film und Kunst. Storyboards von Hitchcock bis Spielberg“); im Kerber Verlag erschien ein Katalog. Anna Häusler und Jan Henschen haben jetzt im Schüren Verlag ein neues Buch über „Storyboarding“ herausgegeben, das einerseits die medienwissen-schaftlichen Aspekte vertieft, andererseits die Filmbeispiele erweitert. Das Vorwort des Herausgeberduos legt den Rahmen fest. Kristina Jaspers, an der Berliner Ausstellung als Kuratorin beteiligt, formuliert in ihrem Essay die filmhistorischen Grundlagen. Chris Pallant erinnert an das Storyboarding bei Walt Disney. Steven Price unternimmt „Lektüren der PSYCHO-Storyboards“. Aus dem Archiv der Deutschen Kinemathek stammen Abbildungen von Guido Seeber (DIE GEHEIMNISVOLLE STREICHHOLZDOSE), Fritt Maurischat (DAS SCHIFF DER VERLORENEN MENSCHEN und IM BANN DES EULENSPIEGELS), Emil Hasler (M) und Karl Ritter (STUKAS). Bei Rembert Hüser geht es um Rahmenhandlungen, um Filme von Woody Allen und Jean-Luc Godard und schließlich um DAS CABINET DES DR. CALIGARI und DIE BERGKATZE. Kalani Michell entdeckt Zusammenhänge zwischen den Filmen von Christian Petzold und dessen Vorliebe für den Zeichner Adrien Tomine („Hawaiian Getaway“). Annette Urban untersucht Drehbuchfunktionen in der Kunst um 1970 und in der Gegenwart. Der Storyboarder Benjamin Kniebe beantwortet 13 Fragen zu seiner Profession. Noch einmal um Walt Disney geht es in einem Beitrag von Jan Philip Müller über STEAMBOAT WILLIE. Marc Bonner beschäftigt sich im letzten Beitrag mit dem Storyboard als Entwurfs- und Notationsmedium des Computerspiels. Mit vielen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: 553-storyboarding.html

Konrad Wolf-Preis

Heute Abend wird in der Akademie der Künste am Hanseatenweg der Konrad Wolf-Preis verliehen. In diesem Jahr ist dafür wieder die Sektion Film- und Medienkunst zuständig. Die Jury – ihr gehörten Bettina Böhler, Tamara Trampe und Gisela Tuchtenhagen an – hat die ungarische Regisseurin Márta Mészáros als Preisträgerin ausge-wählt. Das finde ich eine sehr gute Entscheidung. Um 19 Uhr wird unsere Präsidentin Jeanine Meerapfel die Gäste der Veranstaltung begrüßen. Bettina Böhler und Tamara Trampe halten die Laudatio. Gezeigt wird der Film DAS MÄDCHEN (1968). Barbara Wurm spricht anschließend mit Márta Mészáros. Und dann wird gefeiert. Mehr zur Preisverleihung: D=57254

HAPPY END (Drehbuch)

Der neue Film von Michael Haneke hatte seine Urauffüh-rung beim Festival in Cannes und ist jetzt in unseren Kinos zu sehen. Er erzählt Geschichten aus einer Unternehmerfamilie in Calais. Der Großvater heißt Georges, ist uns aus AMOUR bekannt und wird von Jean-Louis Trintignant gespielt. Er will sich möglichst bald aus dem Leben verabschieden. Die Tochter Anne (Isabelle Huppert) leitet das Bauunternehmen, das sehr gefährdet erscheint. Ihr Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) und ihr Sohn Pierre (Franz Rogowski) gehen eigene Wege. Eine Schlüsselfigur ist die 13jährige Eve (Fantine Harduin), Tochter von Thomas aus erster Ehe, die zwanghaft mit ihrem Handy filmt. Es gibt absurde Momente in dem Film, immer neue Abgründe öffnen sich. Im Zsolnay Verlag ist das Drehbuch zum Film veröffentlicht worden. Die Lektüre lohnt, weil die Struktur des Films deutlich wird, das Wechselspiel der Gefühle und Beziehungen, die Figurenkonstellation, die Präzision der Dialoge. Mit einem Nachwort von Ferdinand von Schirach. Die Abbildungen sind zum Teil zu dunkel. Mehr zum Buch: 978-3-552-05859-0/