BildFilmRaum

Band 3 der „Studien zur Film-szenographie“. Im Fokus steht der Dialog zwischen den ver-schiedenen Bereichen der Kunst im Blick auf den Film. 19 Text-beiträge sind zu lesen. Sechs richten ihren Blick exempla-risch auf den Film NORTH BY NORTHWEST von Alfred Hitchcock, sie sind alle lesens-wert. Ich nenne neun weitere, die mir gut gefallen haben: Barbara Schrödl befasst sich mit der Architekturgeschichte und der Hoffnung auf eine Korrektur des kunsthistorischen Blicks durch den Film. Annette Dorgerloh erinnert an die Nachkriegsmoderne als Argument in Spielfilmen der 1950 und 60er Jahre. Marcus Becker macht Entdeckungen zum Berliner Hinterhof im Bild- und Motiv-Archiv der DEFA. Kristina Jaspers platziert das Werk des Production Designers Ken Adams zwischen visionärer Fantasie und bildhistorischer Referenz. Angela Lammert fragt nach den Möglichkeiten, Filme auszustellen: Kino oder Museum? Michael Wedel äußert sich zu Nosferatus Nachleben von Murnau zu Hitchcock. Stefanie Mathilde Frank beschäftigt sich mit Remakes in der Bundesrepublik der Adenauer-Zeit, speziell mit DER JÄGER VON FALL (1957) im Berchtesgadener Land. Wolfgang Mühl-Benninghaus resümiert die Entwicklung der deutschen Filmproduktion seit den 1990er Jahren. Bei Anett Werner-Burgmann geht es um Filmpublikationen im digitalen Zeitalter („Print, hybrid oder online?“). Mit 144 Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: 2031.html

Abschied von Gero Gandert

Er war – über viele Jahrzehnte als Kustos der Deutschen Kinemathek – ein leiden-schaftlicher Sammler, ein akribischer Rechercheur und fühlte sich dem Gedächtnis der Bilder verpflichtet. Ihm ist zu verdanken, dass Dokumente und Exponate zum Filmexil zu einem Schwerpunkt der Sammlungen der Kinemathek wurden. Im Museum für Film und Fernsehen ist dem Thema ein eigener Raum gewidmet. Viel Lebenszeit hat er in sein Schlüsselwerk investiert: „Der Film der Weimarer Republik. Das Jahr 1929“. Als der Band 1993 erschien, war Gero Gandert von seiner größten Last befreit, denn niemand hatte mit der Publikation wirklich gerechnet. Nach der Eröffnung des Filmmuseums am Potsdamer Platz engagierte sich Gero für den „Boulevard der Stars“ auf der Potsdamer Straße, den er mit tatkräftiger Hilfe von Georgia Tornow auch auf den Weg brachte. Vor zehn Jahren, zu seinem 80. Geburtstag, habe ich diese kleine Rede gehalten: gero-gandert-80/. In den letzten Jahren hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Am vergangenen Donnerstag ist Gero Gandert im Alter von 90 Jahren in Berlin verstorben. Wir werden ihn nicht vergessen.

DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920)

Der zweite Golem-Film. Der Architekt Hans Poelzig hat auf dem Tempelhofer Ufa-Gelände kein mittelalterliches Prag gebaut, sondern eine visionäre Golem-Welt. Die Häuserfronten, Türen, Fenster, Türme haben eine große Ausdrucksstärke, es gibt geheimnisvolle Treppen und Gänge. Regie führten Carl Boese und Paul Wegener, hinter der Kamera stand Karl Freund, in den Hauptrollen sehen wir Paul Wegener (Golem), Albert Steinrück (Rabbi Löw), Lyda Salmonova (Rabbi Löws Tochter Mirjam), Ernst Deutsch (Famulus) und Otto Gebühr (Kaiser Rudolf II.). Die jüdische Legende verbindet sich mit deutscher Romantik und Wegeners Vision vom Kino des Phantastischen. Bei Universum Film ist jetzt in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung eine Sonderedition der DVD der restaurierten Fassung des Films erschienen. Zu den Extras auf eigener DVD gehören der Hauptfilm mit neuen Musiken von Admir Shkurtaj, Stephen Horne und Lukasz „Wudec“ Poleszak, die US-Version mit Musik von Cordula Heth und ein Vergleich des Export- und des Inlandsnegativs im Split-Screen. Ein 20seitiges Booklet enthält Texte von Karsten Visarius (über den Film), Anke Wilkening (über neue Erkenntnisse und neue Rätsel bei der neuen Restaurierung) und Maria Fuchs (über die Soundtracks). Die Edition ist wieder ein wichtiger Beitrag zur deutschen Filmgeschichte. Mehr zur DVD: der-golem.html

THE SISTERS BROTHERS (2018)

Wir befinden uns im Jahr 1851 in Oregon. Im Auftrag des ‚Commodore’ (gespielt von Rutger Hauer) sollen die Brüder Eli und Charlie Sisters (John C. Reilly und Joaquin Phoenix) den Goldsucher Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) umbringen, weil er offenbar ein Dieb ist. Auch der Detektiv John Morris (Jake Gyllenhaal) verfolgt Warm. Er trifft ihn in einem Planwagenzug und nimmt ihn zunächst gefangen, um ihn den Sisters Brüdern zu übergeben. Als die beiden Outlaws auf Morris und Warm treffen, ergeben sich überraschende Veränderungen. Mit einer von Warm erfundenen Tinktur suchen sie gemeinsam im Fluss nach Gold. Wie gefährlich das ist, bekommen Morris und Warm bald zu spüren. Die Sisters Brüder wollen dann nicht mehr als Auftragskiller tätig sein, aber im Hintergrund agiert noch der Commodore… Der Western des französischen Regisseurs Jacques Audiard gewann vor einem Jahr in Venedig den Löwen für die beste Regie. In der Tat hat er außerordent-liche Qualitäten, in der Dramaturgie, der Bildgestaltung, der Darstellung. Bei Universum ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die sehr zum empfehlen ist. Zum Bonusmaterial gehört eine Q&A-Runde mit Jake Gyllenhaal, Jacques Audiard und dem Co-Autor Thomas Bidegain. Mehr zur DVD: the-sisters-brothers.html

Lebenserinnerungen von Ellen Schwiers

Im April 2019 hat sich die Schauspielerin Ellen Schwiers im Alter von 88 Jahren aus dem Leben verabschiedet. Ihre erste Filmrolle hat sie 1949 in dem Film HEIMLICHES RENDEZ-VOUS von Kurt Hoffmann gespielt, ihre letzte 2013 in 3096 TAGE von Sherry Hormann als Großmutter von Natascha Kampusch. Jetzt sind posthum im Verlag Neues Leben ihre Erinnerungen erschienen, die sie mit der Journalistin Marte von Have erarbeitet hat. Der Titel „Dich hat der Esel im Galopp verloren“ ist ein Zitat ihrer Mutter aus der Kindheit von Ellen Schwiers. Der Text liest sich sehr gut, weil die Protagonistin offenbar über ein sehr gutes Gedächtnis verfügte, viele Situationen im Filmstudio, auf der Bühne oder im privaten Leben anschaulich erzählt und ihre Reminiszenzen ein anschaulicher Blick in das unstete Künstlerdasein in der Bundesrepublik sind. Ihre Rollencharakterisie-rungen lesen sich spannend, die Aktivitäten mit ihrem Mann Peter Jacob im Theaterbereich waren beeindruckend, vor allem die Leitung der Burgfestspiele in Jagsthausen und die Gründung des Tournee-theaters „Das Ensemble. Natürlich spielte der Film in ihrem Leben eine große Rolle, auch wenn sie ihre Bedeutung als Darstellerin verführerischer und problematischer Frauen vielleicht aus Bescheidenheit kleiner macht als sie war. Eine lesenswerte Autobiografie. Mit einem 16seitigen Abbildungsteil. Das Coverfoto stammt aus dem Jahr 2008. Mehr zum Buch: dich-hat-der-esel-im-galopp-verloren.html

Asghar Farhadi

Er gehört zu den bekanntesten iranischen Filmregisseuren, hat bisher acht Spielfilme realisiert, zwei Oscars und einen Golde-nen Bären bei der Berlinale (für NADER UND SIMIN) gewon-nen. Asghar Farhadi ist das neue, 55. Heft der Film-Kon-zepte gewidmet, das Jörn Glasenapp herausgegeben und mit einem Team der Universität Bamberg erarbeitet hat. Glase-napp unternimmt eine sehr reflektierte Werksichtung der Filme von Farhadi („Gefesselter Blick, freies Urteil“). Bei Sahar Daryab geht es um die beiden Filme TANZ IM STAUB und DIE SCHÖNE STADT („Tragödie des Alltäglichen“). Felix Lenz befasst sich mit dem Film NADER UND SIMIN – EINE TRENNUNG („Beobachten und Urteilen“). Katharina Stahl äußert sich zu der postmodernen Kriminalerzählung LE PASSÉ („Auf Spurensuche in der Vergangenheit“). Corina Erk richtet ihren Blick auf THE SALESMAN („Von Ehekrisen und Adaptionsmomenten auf der Bühne und im Film“). Ein sehr gelungenes Heft über den Regisseur aus dem Iran. Mit Abbildungen in guter Qualität. Coverfoto: ALLES ÜBER ELLY. Mehr zum Heft: XWeMJTsgBW8

76. Filmfestspiele Venedig

Heute werden in Venedig die 76. Internationalen Film-festspiele mit dem Film LA VÉRITÉ von Hirokazu Koreeda eröffnet. Die Haupt-rollen spielen Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ethan Hawke. 21 Lang-filme konkurrieren um den Goldenen Löwen, darunter ABOUT ENDLESSNESS von Roy Anderson, AD ASTRA von James Gray, EMA von Pablo Larraín, GUEST OF HONOUR von Atom Egoyan, J’ACCUSE von Roman Polanski, JOKER von Todd Philips, THE LAUNDROMAT von Steven Soderbergh, SATURDAY FICTION von Lou Ye, WAITING FOR THE BARBARIANS von Ciro Guerra und WASP NETWORK von Olivier Assayas. Ein deutscher Film ist nicht dabei. Jury-Präsidentin ist die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel. Einen Ehrenpreis für ihr Lebenswerk erhalten die britische Schauspielerin Julie Andrews und der spanische Regisseur Pedro Almodóvar. Das Festival dauert bis 7. September. Mehr zum Festival: Filmfestspiele_von_Venedig_2019

„Im Licht der Zeit“

Ein Roman von Edgar Rai über die Produktion des Films DER BLAUE ENGEL. Er beginnt mit einem Vorspiel im Februar 1917, in dem der Filmstar Henny Por-ten und die Geigerin Marlene Dietrich sich sehr nahekom-men. Dann erfolgt ein Zeit-sprung ins Jahr 1929. Emil Jannings, Oscar-Preisträger für Filme von Victor Fleming und Josef von Sternberg, scheitert in Hollywood an der Umstellung auf den Tonfilm und kehrt nach Deutschland zurück. Sein Freund, der Autor Karl Voll-möller, und der neue Ufa-Boss Alfred Hugenberg wollen ihm hier zu einem glorreichen Comeback verhelfen. Dies soll mit der Verfilmung des Heinrich-Mann-Romans „Professor Unrat“ als erstem Ufa-Tonfilm geschehen. Als Regisseur ist Josef von Sternberg vorgesehen, mit dem Jannings nie wieder zusammenarbeiten wollte. Sternberg kommt nach Berlin und entscheidet sich für Marlene Dietrich als Darstellerin der Rosa Fröhlich, weil sie ihn persönlich fasziniert. Sie wird von Jannings zunächst nicht erstgenommen und während der Dreharbeiten hasserfüllt bekämpft. Die Konflikte zwischen Jannings, Sternberg und Dietrich eskalieren immer wieder bis zum Äußersten. Erich Pommer als Produzent sorgt für mehrere Etaterhöhungen, Karl Vollmöller ist als Vermittler zwischen den Streithähnen tätig, im Hintergrund spielt der Komponist Friedrich Hollaender eine wichtige Rolle, hinter der Kamera steht Günther Rittau, der Marlene zunächst als Filmdarstellerin ungeeignet findet, aber nach Sternbergs Lichtsetzung seine Meinung ändert. Im Hauptteil wird der Roman aus zwei Perspektiven erzählt: aus Karl Vollmöllers und aus Marlene Dietrichs Sicht. Das verschafft Marlenes Ehemann Rudi Sieber, ihrer gemeinsamen Tochter Maria und Siebers Partnerin Tamara eine Plattform. Nicht zu vergessen: Mit Hans Albers steht Marlene an vielen Abenden in dem Stück „Zwei Krawatten“ auf der Bühne, und er spielt im BLAUE ENGEL die Rolle des Artisten Mazeppa. Der Roman endet mit der Abreise von Marlene nach Hollywood; sie singt auf der Plattform eines Lastwagens, begleitet von Friedrich Hollaender, das Lied „Wenn ich mir was wünschen dürfte…“. 500 Seiten sind prall gefüllt mit Auseinandersetzungen, Intrigen, intimen Szenen, Besuchen in Restaurants und Bars, Personen aus der Kulturszene Berlins und helfendem Personal vom Tontechniker bis zum Chauffeur. Den 58 Kapiteln sind häufig Zeitungszitate vorangestellt, die auf politische oder filmische Ereignisse verweisen. Auch wenn der Autor manchmal im Aktionismus übertreibt, finde ich den Roman spannend erzählt. Erschienen im Piper Verlag. Mehr zum Buch: 978-3-492-05886-5

DAS UNMÖGLICHE BILD (2016)

Sandra Wollner erzählt in ihrem Film „Fragmente einer Fami-liengeschichte und ihrer Ge-heimnisse“. Wir blicken zurück ins Österreich der Jahre 1956/57. Ein Vater filmt  mit einer 8mm-Kamera die Familie im Garten: die Mutter und zwei Töchter, Lissi und Johanna. Kurz darauf stirbt der Vater, und Johanna erbt die Filmkamera. Sie dokumentiert den Alltag und die Feste, den Geburtstag der jüngeren Schwester, Weihnach-ten im Familienkreis, das Zusammentreffen verschiedener Frauen in Omas Kochklub. Es gibt brutale Momente, wenn gegen den Willen von Lissi ein Karpfen geschlachtet und ausgenommen wird, wenn statt einer Abtreibung eine Geburt stattfindet, wenn die Oma ihrer Enkelin kochend heißes Wasser über die Füße schüttet. Der Kunstgriff von Sandra Wollner ist die Bildsprache: alles wirkt wie bei einem Amateurfilm aufgenommen, wurde aber mit Schauspielerinnen und Schauspielern professionell auf 16mm gedreht. Aus dem Off kommentiert die 13jährige Johanna das Geschehen und fügt Gedanken hinzu, die ihr durch den Kopf gehen. Aus dem Radio hört man zeitbezogene Reportagen (Laika auf dem Weg zum Mond). Der beeindruckende Film von Sandra Wollner ist ihre Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg und jetzt als DVD bei Absolut Medien erschienen. Mehr zur DVD: DAS+UNMOeGLICHE+BILD

MARY, QUEEN OF SCOTS (2018)

Ein Historiendrama über zwei Frauen, die sich in Wirklichkeit nie begegnet sind, aber in der Filmgeschichte eine große Rolle spielen: Mary Stuart, von 1542 bis 1567 Königin von Schott-land, und Elizabeth I., von 1558 bis zu ihrem Lebensende Königin von England. Mary Stuart wurde schon von Katharine Hepburn, Zarah Leander oder Vanessa Redgrave dargestellt, Königin Elisabeth I. u.a. von Flora Robson, Bette Davis, Jean Simmons, Glenda Jackson, Helen Mirren und Cate Blanchett. Im Film von Josie Rourke spielt Saoirse Ronan die Titelrolle und Margot Robbie die Elizabeth. Sie agieren in einem Politthriller, der aus den höfischen Intrigen im 16. Jahrhundert ein spannendes Konfliktdrama zwischen zwei emanzipierten Frauen macht, die sich in der männerdominierten Welt nur begrenzt behaupten können. Wunderbar: die Kostüme von Alexandra Byrne. Raffiniert inszeniert: das geheime Treffen der beiden Protagonistinnen. Es ist der erste Film der Theaterregisseurin Josie Rourke, den sie mit erstaunlicher Professionalität realisiert hat. Hinter der Kamera stand der erfahrene John Mathieson. Bei Universal ist jetzt eine DVD des Films erschienen. Das Bonusmaterial ist umfangreich, es gehören Kommentare der Regisseurin Josie Rourke und des Komponisten Max Richter dazu. Mehr zur DVD: maria_stuart