Erika Richter

Sie hat Dramaturgie an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Babelsberg studiert, war Redakteurin der Zeitschrift Filmwissenschaftliche Mitteilungen, promovierte 1976 mit einer Arbeit über „Alltag und Geschichte in DEFA-Gegen-wartsfilmen der siebziger Jahre“, hat 16 Jahre als Dramaturgin DEFA-Filme u.a. von Evelyn Schmidt, Rainer Simon, Lothar Warneke, Roland Gräf, Heiner Carow, Iris Gusner und Siegfried Kühn betreut, war Herausgeberin der Zeit-schrift Film und Fernsehen, Mitherausgeberin des Jahrbuchs „apropos: Film“ und hat viele Texte in Zeitungen und Zeitschriften publiziert. Im Januar hat Erika Richter im Kino Arsenal, dem sie seit langer Zeit eng verbunden ist, ihren 80. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass hat die DEFA-Stiftung eine Festschrift veröffentlicht, die Erikas „Liebe zum Kino“ dokumentiert. Besonders berührend: ihr Text „Aus meinem Leben“ (November 2017), beeindruckend: ihr Text „Fragmentarische Bemerkungen zu einigen wesentlichen Filmen“ (2004). In fünf Beiträgen geht es um Schicksale und Authentizität im deutschen Film, konkret um Slatan Dudow, Helma Sanders-Brahms, Volker Koepp, Barbara Junge und Thomas Mauch. Sechs Essays sind dem internationalen Kino gewidmet: dem polnischen Dokumentarfilm MUSIKANTEN, dem Regisseur Carlos Alvarez, dem Dokumentarfilm Mittel- und Osteuropas, dem italienischen Regisseur Elio Petri, dem Werk des armenischen Dokumentarfilmregisseurs Harutyun Khachatryan (mit Gespräch) und einer Filmreihe zum Genozid der Armenier. In acht sehr lesenswerten Texten werden Heiner Carow, Erwin Geschonneck, Konrad Wolf, Lothar Warneke, Helga Reidemeister, Ulrich Weiß, Evelyn Schmidt und Karl Gass porträtiert. Dokumentiert sind am Ende ein Gespräch mit Erika Richter (1990), Erinnerungen an das Filmprojekt „Paule Panke“ (2010) und Erikas Text für die Festschrift zu meinem 60. Geburtstag über Michail Kalatosows Film WENN DIE KRANICHE ZIEHEN. Dorit Molitors Laudatio zum Programmpreis der DEFA-Stiftung 2012 für Erika Richter schließt die Festschrift ab. Was für ein schönes Geburtstagsgeschenk! Mehr zur Publikation: defa-stiftung.de/sonstiges

DAS MÄDCHEN CHRISTINE (1948)

Eine Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg. Das Mädchen Christine, ein Waisenkind, verliebt sich in den Obristen Graf Merian. Sie ver-kleidet sich als Mann, wird Trossjunge und später Kornett. Sie erkennt, dass Merian durch den Krieg brutalisiert wurde und bekommt dies selbst zu spüren. Sie erschießt ihn im Duell, wird als Kornett zum Tode verurteilt und als Frau freigesprochen. Eine Produktion der DEFA, 1948 unter der Regie von Arthur Maria Rabenalt gedreht, dem von der SED-Presse „Verherrlichung fa-schistischer Gedankengänge“ vorgeworfen wurde. Diese Einschätzung muss man, siebzig Jahre später, nicht teilen. Der Schwarzweiß-Film wirkt heute sehr professionell, die Kameraführung (Eugen Klagemann) ist souverän, die Bauten (Emil Hasler) sind beeindruckend. In den Hauptrollen: Wolfgang Lukschy als Graf Merian und Petra Peters als Christine bzw. Christian. Bei den Filmjuwelen ist jetzt eine DVD des Films erschienen. Mit einem sehr informativen Booklet von Ralf Schenk. Mehr zur DVD: p_28%3A-pidax

Die Kinometropole Hamburg in der NS-Zeit

Das Filmprogramm in den Hamburger Kinos war zwischen 1933 und 1938 vielfältiger als man gemeinhin denkt, erst mit Kriegsbeginn wurde die Film-auswahl deutlich einge-schränkt. Zu diesem Ergebnis kommen die von Harro Segeberg vorgenommenen Fallstudien, an denen verschiedene Mitarbei-terinnen und Mitarbeiter innerhalb eines Projekts der Deutschen Forschungsgemein-schaft mitgewirkt haben. In drei Kapiteln wurden die Programme der Jahre 1933/34, 1938 und 1940/41 ausgewertet. Gründlich recherchiert wurde dabei auch die Resonanz der Hamburger Presse. Besonders interessant finde ich das Kriegskapitel, das sich sehr detailliert mit der Programmästhetik der Komödie und des Unterhal-tungsfilms, des Melodrams und des „ernsten“ Film, des Propaganda-films und speziell mit dem Film JUD SÜSS beschäftigt. Prof. Harro Segeberg war ein Grenzgänger zwischen Literatur und Film, hatte zuletzt eine Professur für Medien an der Universität Hamburg und starb im Mai 2015. Das jetzt vorliegende Buch konnte er noch selbst vollenden. Es enthält zahlreiche Abbildungen, aber leider keinen Nachruf auf den Verfasser. Mehr zum Buch: WnhAJOkqtW8

Zwischen Hören und Sehen

Eine Masterarbeit, die an der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ entstanden ist. Die Schnittmeisterin Dessi Thomas untersucht darin Musik und Montage im zeitgenössi-schen französischen Spielfilm. Ihre Analysen konzentrieren sich auf drei Filme: MUSTANG (2015) von Deniz Gamze, MICHAEL KOHLHAAS (2013) von Arnaud des Pallières und TIMBUKTU (2014) von Abder-rahmane Sissako. Alle drei Filme handeln von individuellem Widerstand gegen Ungerech-tigkeit innerhalb religiöser Systeme. Die Autorin hat jeweils eine kurze Inhaltsangabe formuliert, informiert über die Verantwortlichen für Regie, Montage und Musik und analysiert Montage, Sound und Filmmusik. Eine tabellarische Auflistung der Musik-Cues ist angefügt. Mit Zeichnungen von Fabio Purino (auch das Cover stammt von ihm). Eine sehr solide Arbeit. Mehr zum Buch: zwischen-horen-und-sehen.html

Cinema 63: Zukunft

Das Schwerpunktthema des Schweizer Filmjahrbuchs ist diesmal „Zukunft“. Acht Essays sind ihm gewidmet. Simon Spiegel denkt darüber nach, warum fiktionale Science-Fiction-Filme fast ausschließ-lich eine dystopische Zukunft entwerfen, während positive Utopien mehr in Dokumentar- und Propagandafilmen gezeigt werden. Stella Castelli analy-siert die Filme HER von Spike Jonze und THE STEPFORD WIVES von Frank Oz und stellt fest, dass die Kommunikation zwischen Menschen und künstlichen Intelligenzen vor allem an emotionalen und körperlichen Differenzen scheitert. Rebecca Boguska untersucht die Wirkung einer pornografi-schen Virtuality-Installation. Margarete Wach beschäftigt sich mit Sci-Fi-Visionen im Kino Osteuropas. Bei Maren Kiessling geht es um das Potenzial von Fulldome-Filmen (360°-Kino). David Grob richtet seinen Blick auf die HBO-Serie WESTWORLD, in der die Besucher eines Vergnügungsparks auf humanoide Roboter treffen. Monique Schwitter vermittelt ihre Erfahrungen mit „schlüpfrigen“ Virtual-Reality-Filmen. Denis Newiak beschäftigt sich mit der Geschichte des Mars-Films und den erkennbaren Veränderungen. Henriette Bornkamm, Kristina Köhler und Marian Petraitit haben ein interessantes Gespräch über Herausforderungen und Möglichkeiten neuer Technologien mit dem Medienwissenschaftler William Uricchio geführt. Eine Bildstrecke dokumentiert biomechanische Zukunftsvisionen von HR Giger. Im CH-Fenster geht es in zwei Beiträgen um die Zukunft des Archivierens. Der „Filmbrief“ kommt in diesem Jahr aus Schanghai. In der „Sélection Cinema“ werden wieder 34 Schweizer Filme der Saison 2016/17 vorgestellt. Wie in jedem Januar: ein lesenswertes Jahrbuch. Mehr zum Buch: titel/568-zukunft.html

Mauern, Grenzen, Zonen

16 Texte über politisch oder sozial geteilte Städte in Literatur und Film, herausgegeben von Walburga Hülk und Stephanie Schwerter im Universitätsverlag Winter. In sieben Beiträgen stehen Filme im Fokus. Bei Stephanie Schwerter geht es um Belfast und Beirut aus der Sicht von Jugendlichen. Die Filme sind TITANIC TOWN (1998) von Michell Roger und WEST BEIRUT (1998) von Ziad Doueiri, die beide in den frühen 1970er Jahren spielen. Auch Angela Vaupel richtet ihren Blick auf Belfast; sie untersucht die Darstellung von Raum und kindlichen Grenzerfahrungen in MICKYBO AND ME (2004) von Terry Loane. Marijana Erstić beschäftigt sich mit dem rituellen Städtemord in Sarajewo bei Theo Angelopoulos (DER BLICK DES ODYSSEUS, 1995) und in Texten des Architekturwissen-schaftlers Bogdan Bogdanović. Gregor Schuhen erinnert an das geteilte Paris in Schwarzweiß in dem Film LA HAINE (1995) von Mathieu Kassovitz. Die erste Hälfte des Films spielt sich in der Banlieue ab, der zweite Teil ist in der Innenstadt von Paris angesiedelt. Christian von Tschilschke äußert sich zu Gated Communities in der Literatur und im Film Lateinamerikas. Bei Daniel Winkler geht es vor allem um die soziopolitischen Spaltungen Marseilles in dem Film L’ARGENT FAIT LE BONHEUR (1993) von Robert Guédiguian. Pierre-Jacques Olagnier und Stephanie Schwerter geben einen Überblick über die Stadt im Science-Fiction-Film. Die Filmbeschreibungen wirken jeweils sehr präzise, die Texte sind sehr informativ und öffnen den Blick über Mauern, Grenzen und Zonen. Mehr zum Buch: Mauern_Grenzen_Zonen/

Es lebe das Kino!

Heute Abend findet in der Akademie der Künste am Pariser Platz ein Gespräch zur Situation des Kinos in Deutschland statt. Unter dem Titel „Es lebe das Kino!“ diskutieren ab 20 Uhr unter der Leitung des SPIO-Präsi-denten Alfred Holighaus der Geschäftsführer der Yorck-Kinogruppe und Vorsitzende der AG Kino Christian Bräuer, der Vorstand der Filmförde-rungsanstalt Peter Dinges, der Produzent und Regisseur Hans W. Geißendörfer, der Betreiber des Kinos „Filmpalette“ Joachim Kühn und die Präsidentin der Akademie der Künste Jeanine Meerapfel. Ich bin gespannt. Foto: „Utopolis Filmtheater“ in Coburg. Mehr zur Veranstal-tung: date=2018-02-06

Ida Lupino

Heute ist ihr 100. Geburtstag zu feiern. Ida Lupino war als Schauspielerin ein Star in Filmen von Michael Curtiz, Raoul Walsh oder Curtis Bern-hardt und stand selbst als Regisseurin hinter der Kamera. Frieda Grafe: „Ihre Filme, die fest verwurzelt sind im Holly-woodsystem, sind gleichzeitig voller Details, vom Rhythmus bis zu Inszenierungseinfällen, die man in Filmen von Männern nie sieht.“ (SZ, 9.10.1984). Ihr ist jetzt, herausgegeben von Elisabeth Bronfen, Ivo Ritzer und Hannah Schoch im Verlag Bertz + Fischer, ein Buch gewidmet, das ihr Leben und Werk angemessen würdigt. Elisabeth Bronfen und Hannah Schoch geben einen Überblick („Ida Lupinos Arbeit am American Dream“). Barbara Straumann informiert über ihre Biografie („Very British: Eine Engländerin in Amerika“). Elisabeth Bronfen richtet ihren Blick auf die Schauspielerin („Ein eigenwilliger Star in Hollywood“). Hannah Schoch äußert sich zur Regisseurin („Die Verhandlerin: Ida Lupino hinter der Kamera“). Fabienne Liptay sieht sie in sozialen Zusammenhängen: vor Gericht, auf dem Balkon, in institutioneller Pflege, auf dem Tennisplatz, im Bus, in der Wüste. Lukas Foerster entdeckt Plansequenzen zwischen Form und Ethik. Johannes Binotto analysiert die Kadrage in Ida Lupinos Regiearbeiten. Ivo Ritzer untersucht die Mettrice-en-scène in ihren Fernseharbeiten. Sieben Texte sind dann Ida Lupinos Kinofilmen gewidmet: NOT WANTET (1949, Beitrag von Hannah Schoch), NEVER FEAR (1949, Morgane A. Gillardi), OUTRAGE (1950, Elisabeth Bronfen), HARD, FAST AND BEAUTIFUL (1951, Elisabeth Bronfen), THE BIGAMIST (1953, Johannes Binotto), THE HITCH-HIKER (1953, Stella Castelli), THE TROUBLE WITH ANGELS (1966, Murièle Weber). Basis für die Publikation war eine Reihe des Filmpodiums Zürich und des Doktoratsprogramms des Englischen Seminars der Universität Zürich. Lesenswerte Texte, Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: idalupino.html

Film und Kindheit

Wie zeigen und inszenieren Filme Kinder? Welche Perspektive und Erfahrung von Kindheit vermitteln Filme? Welche Formen und Ästhe-tiken der Kindheit hat das Medium Film hervorgebracht? Diesen Fragen widmet sich das Forschungsprojekt „Filmästhetik und Kind-heit“. Im Fokus stehen französische Autorenfilme, die seit 1945 entstanden sind, und die sich auffällig häufig Kindern als Protago-nist*innen widmen. Darüber hinaus werden auch Filme des europäi-schen Autorenkinos untersucht, die das Verhältnis von Kino und Kindheit thematisieren, und deutsche Autorenfilme zum Vergleich hinzugezogen, um die kulturspezifischen Besonderheiten von filmi-schen Kindheitsdarstellungen zu berücksichtigen. Ziel ist es, Kindheit jenseits der Konstruktion von Kindheitsbildern auch als eine filmische Erfahrung und als ein ästhetisches Prinzip zu beschreiben und zu untersuchen, ob das Medium Film ein spezifisches Wissen von Kindheit enthält. Das für drei Jahre von der DFG geförderte Projekt ist an der Universität Bremen angesiedelt. Die Projektleitung liegt bei Bettina Henzler. Mehr zur Website: www.filmundkindheit.de

Akira Kurosawa

Beim „Mannheimer Film-seminar“ im Cinema Quadrat, das von Peter Bär initiiert wurde, kooperieren Psychoanalyse und Filmwissenschaft jährlich im Januar und widmen sich dem Werk eines Regisseurs. Die Buchreihe „Im Dialog. Psycho-analyse und Filmtheorie“ dokumentiert die Beiträge und ergänzt sie mit weiteren Texten. Band 14 beschäftigt sich mit dem japanischen Regisseur Akira Kurosawa: „Die Konfrontation des Eigenen mit dem Fremden“. Gerhard Schneider gibt zunächst einen Überblick über die Rezeption der Filme von Kurosawa. Marcus Stiglegger, der 2014 ein Buch über Akira Kurosawa publiziert hat, äußert sich zur Resonanz des Regisseurs im Weltkino. Jörg von Brincken richtet den Blick auf Kurosawas Ästhetik der Gewalt. Elf Beiträge befassen sich mit einzelnen Filmen. Bei Sabine Wollnik geht es um Rettungsversuche im Schatten des Krieges in ENGEL DER VERLORENEN (1948), bei Ralf Zwiebel um filmpsychologische Anmerkungen zu RASHOMON (1950), bei Sascha Schmidt um Individuum, Gemeinschaft und Zeit in DIE SIEBEN SAMURAI (1954), bei Isolde Böhme um die Ästhetik des Unheimlichen in DAS SCHLOSS IM SPINNWEBWALD (1957), bei Peter Bär um die Bildgestaltung YOJIMBO (1961), bei Dirk Blothner um den Überlebenskampf in ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE (1963), bei Karsten Visarius um das Unglück in ROTBART (1965), bei Andreas Hamburger um die traumatische Zeitdiagnose in DODESKADEN – MENSCHEN IM ABSEITS (1970), bei Eva Berberich um die Bildgewalt in KAGEMUSHA – DER SCHATTEN DES KRIEGERS (1980), bei Kai Naumann um Chaos und Wahnsinn in RAN (1985), bei Christoph E. Walker um AKIRA KUROSAWAS TRÄUME (1990). Von dem Musikwissen-schaftler Dietrich Stern stammt ein Beitrag zur Musik in den Filmen von Kurosawa, von der Kunsthistorikerin Dorothe Höfert ein Text über die Frage, wie der Betrachter bei Vincent van Gogh und Akira Kurosawa ins Bild kommt. Interessante Lektüre. In diesem Jahr ist das Mannheimer Filmseminar dem Regisseur François Ozon gewidmet. Auf die Publikation bin ich sehr gespannt. Mehr zum Buch: hhp/products_id/2715