Gegenwart in Serie

2015.Gegenwart in SerieVon „abgründigen Milieus im aktuellen Qualitätsfernsehen“ handeln die sieben Essays in diesem Buch: von den Machthungrigen in HOUSE OF CARDS und BORGEN (Autorin: Solange Landau), von den Zurückgekehrten in HOMELAND und GREY’S ANATOMY (Autor: Jonas Nesselhauf), von den Weggesperrten in OZ, ORANGE IS THE NEW BLACK und ABOUT: KATE (Markus Schleich), von den Brotverdienern in SHAMELESS, BREAKING BAD und HUSTLE (Julien Bobineau), von den Falschspielern in THE SHIELD und KDD (Johannes Franzen), von den Zurückgelassenen in THE WIRE, IM ANGESICHT DES VERBRECHENS und MISFITS (Stephanie Blum), von den Geschichtenerzählern in MAD MEN, THE HOUR und THE NEWSROOM. Und weil die Autorinnen und Autoren, zu denen es leider keine weiteren Hinweise gibt, sich in den Medien und in der Gesellschaft gut auskennen, eine erkennbare Affinität zu den hier behandelten TV-Serien haben und interessante Erkenntnisse zutage fördern, ist dies eine spannende Lektüre, die das große Buch aus dem Taschenverlag (die-besten-tv-serien/ ) ergänzt und vertieft. Mehr zum Buch: gegenwart-in-serie/

Miklós Jancsó

2015.Miklos JancsoDer Regisseur Miklós Jancsó (1921-2014) wurde – wie sein Kollege István Szabó – in den 1960er Jahren als Protagonist einer ungarischen „Neuen Welle“ bekannt, seine Filme STILLE UND SCHREI und ROTER PSALM haben mich damals sehr beeindruckt. Später habe ich ihn aus den Augen verloren, weil er sich international weniger profilieren konnte als Szabó. Das „Filmkollektiv Frankfurt“ hat jetzt anlässlich einer Filmreihe ein Buch über ihn publiziert, das Jancsós internationale (Co-)Produktionen thematisiert. In Interviews äußern sich zunächst die Drehbuchautorin Giovanna Gagliardo, der Kameramann János Kende, die Cutterin Zsuzsa Csákány, der Schauspieler Lajos Balázsovits und der Kameramann Nyika Jancso, ein Sohn des Regisseurs. In sieben Essays werden vor allem thematische und formale Aspekte der Filme beschrieben, sie stammen von Iván Forgács („Breaking Free of the Symbolist Timeliness“), Émile Breton („Cinematographic Technique and Rite“), Roilland Man („On Absent Fathers ans Staged (Un)Realities – Notes on Thematic Continuities in Miklós Jancsó’s Work“), Juha Vakkuri („Jancsó Among Relatives“), Graham Petrie („The Tyrant’s Waltz – Miklós Jancsó’s Films in den Period 1981 to 1992“), Yvette Biró („Spectral Waltz – Miklós Jancsó: KÉK DUNA KERINGO), Donatello Fumarola („Notes Towards Future Thoughts on Miklós Jancsó“) und Christoph Huber („Travelling (Backwards) Through Time – Five Takes on Forgotten Jancsó“). Auf 60 Druckseiten werden zeitgenössische Kritiken dokumentiert. Gary Vanisian hat eine Filmografie zusammengestellt. Mehr zum Buch: publikationen

DER LETZTE DER UNGERECHTEN

2015.DVD.LanzmannElf Jahre hat Claude Lanzmann an dem Film SHOAH gearbeitet, einem Werk von mehr als neun Stunden Dauer, das 1985 uraufgeführt wurde. Er hat Zeitzeugen der Opfer- wie der Täterseite und neutrale Beobachter befragt und die Interviews mit aktuellen Aufnahmen der ehemaligen Konzentrationslager verbunden. Sein Prinzip: keine Archivaufnahmen. In drei Filmen wurde SHOAH mit zuvor nicht verwendetem Material fortgeschrieben: EIN LEBEN GEHT VORBEI (1997), SOBIBOR, 14. OKTOBER 1943, 16 UHR (2001) und DER KARSKI-BERICHT (2010). Nun hat Lanzmann noch einen erstaunlichen Film folgen lassen: DER LETZTE DER UNGERECHTEN, ein Porträt des „Judenältesten“ von Theresienstadt, Benjamin Murmelstein. Auch dieses Interview wurde Mitte der 70er Jahre aufgenommen (Murmelstein ist 1989 in Rom gestorben). Lanzmann saß damals ein wortgewaltiger, fast charismatischer Gesprächspartner gegenüber, der sich gut erinnern konnte und seine schwierige Rolle mit vielen konkreten Beispielen zu beschreiben wusste. Lanzmann gibt ihm den Raum dazu, lässt ihn ausreden, der Film dauert 3 ½ Stunden, er bringt neue Erkenntnisse. So wird Adolf Eichmann von Murmelstein nicht als blasser Schreibtischtäter beschrieben, sondern als korrupt und herrschsüchtig. Er war offenbar in der Reichkristallnacht auch aktiv an Zerstörungen beteiligt. Im Ghetto galt Murmelstein als „böser Mann“, er führte die Siebzigstundenwoche ein, um die Häftlinge, die ihren Lebenswillen langsam verloren, zu aktivieren und „um die Liquidation des Ghettos zu verhindern“. Es gibt natürlich auch Erinnerungen, die man Murmelstein nicht glauben möchte. Manchmal ist die Stimmung zwischen Lanzmann und seinem Gesprächspartner gereizt, aber am Ende gibt es doch eine Umarmung. Eingeleitet wird das Gespräch von aktuellen Aufnahmen mit Lanzmann in Theresienstadt, in denen er aus dem Buch Murmelsteins vorliest. Ungewöhnlich: es gibt erstmals Archivaufnahmen. Für Lanzmann typisch: Kamerablicke auf die menschenleere Landschaft, in der nichts mehr von ihrer Geschichte zu sehen ist. Ein beeindruckender Film, der bei Absolut Medien (wie das bisherige Werk von Lanzmann) als DVD erschienen ist. Mehr zur DVD: 4018/Der+Letzte+der+Ungerechten

Ingrid Bergmann 100

Bild 1Heute ist ihr 100. Geburtstag zu feiern. Ich habe sie als Schauspielerin immer sehr geschätzt, natürlich vor allem in ihren amerikanischen Filmen; in den 1950er Jahren habe ich sie gesehen in DAS HAUS DER LADY ALQUIST, DIE GLOCKEN VON ST. MARIEN, TRIUMPHBOGEN und WEM DIE STUNDE SCHLÄGT. Ich nenne die deutschen Titel, weil sie mir in Erinnerung geblieben sind. Die Regisseure (das waren immerhin George Cukor, Leo McCarey, Lewis Milestone und Sam Wood) spielten damals für mich noch keine Rolle. CASABLANCA von Michael Curtiz, die drei Hitchcock-Filme und die Rossellini-Filme habe ich erst in den 60ern gesehen. Später habe ich dann auch ihren deutschen Film DIE 4 GESELLEN von Carl Froelich wahrgenommen, der durch sie interessant wurde. Ihre frühen schwedischen Filme kenne ich nicht, die HERBSTSONATE von Ingmar Bergman hat mich beeindruckt. – Vor zwei Jahren ist bei Schirmer/Mosel das wunderbare Ingrid Bergman-Buch erschienen, ein vorzeitiges Geschenk zum 100. Geburtstag (ingrid-bergman/ ). Die Bergman-Tochter Isabella Rossellini, Mitherausgeberin des Buches, war auch an dem Film beteiligt, der morgen Abend auf Arte gesendet wird: ICH BIN INGRID BERGMAN von Stig Björkman. Erzählt wird in diesem Dokumentarfilm die Lebensgeschichte der Schauspielerin. Björkman stand dafür das Privatarchiv der Familie zur Verfügung, in dem viele Filmaufnahmen aufbewahrt werden, aber auch Tagebücher, Briefe, Notizen und Dokumente. Ich bin sehr gespannt auf den Film. Mehr zum Arte-Abend mit Ingrid Bergman: release/1600.pdf

Italienische Filme

2015.Italienische Filme26 italienische Filme aus der Zeit von 1933 bis 2008, beginnend mit Alessandro Blasettis 1860, endend mit Matteo Garrones GOMORRA, stellt der Band vor. Das Herausgeberduo Andrea Grewe (Osnabrück) und Giovanni di Stefano (Münster) präsentiert zunächst eine „Kurze Einführung in die italienische Film-geschichte“, in der auch einige Defizite der Auswahl genannt werden, zum Beispiel Damiano Damiani, Gillo Pontecorvo, Pietro Germi oder auch Mario Bava (fürs Horror-Genre). Es war sicherlich schwierig, sich auf 26 beispielhafte Filme zu konzentrieren. Nur ein Regisseur ist mit zwei Titeln vertreten: Federico Fellini (LA DOLCE VITA und 8 ½). Aber die Autorinnen und Autoren erweitern in ihrem Text immer den Blick über den Einzelfilm hinaus, informieren über Leben und Werk der Regisseure, geben Literaturhinweise. Das Niveau dieser Texte ist durchgehend hoch. Ich nenne zehn, die mir persönlich besonders gut gefallen haben: Margherita Siegmund über ROMA CITTÀ APERTA von Roberto Rossellini, Beate Ochsner über L’ECLISSE von Michaelangelo Antonioni, Ulrich Döge über IL SORPASSO von Dino Risi, Marijana Erstic über IL GATTOPARDO von Luchino Visconti, Daniel Illger über I PUGNI IN TASCA von Marco Bellocchio, Rada Bieberstein über MIMI METALLURGICO FERITO NELL’ONORE von Lina Wertmüller, Thomas Koebner über NUOVO CINEMA DI PARADISO von Giuseppe Tornatore, Daniel Winkler über LAMERICA von Gianni Amelio, Irmbert Schenk über LA VITA È BELLA von Roberto Benigni und Birgit Wagner über GOMORRA von Matteo Garrone. Die Abbildungen sind relativ klein, ihre Qualität ist unterschiedlich. Mehr zum Buch: 978-3-503-13785-5

Verlustkino

2015.VerlustkinoGekürzte und über-arbeitete Version einer Dissertation am Lehrstuhl für Medien-wissenschaft der Universität Regensburg. Sascha Keilholz hat von 2000 bis 2011 als Lektor für die Redaktion Fernsehfilm / Sonder-projekte des NDR gearbeitet und war Stellvertretender Chefredakteur von „critic.de“. Thema seiner Arbeit ist „Trauer im amerikanischen Polizei-film seit 1968“. Der sehr reflektierte Prolog ist inspiriert von Robert Lebecks bekannter Fotografie „Jackie Kennedy and Lee Radziwill“. Sie zeigt die beiden Schwestern bei der Trauerfeier für Robert F. Kennedy. Es ist das Jahr 1968. Keilholz thematisiert die Bilderproduktion in Kriegszeiten, es geht, zunächst auf einer theoretischen Ebene, um Dispositive der Macht, um Verlust-Diskurse, um amerikanische Mythologie. Diese drei Blickwinkel stehen auch bei fünf konkreten Filmanalysen im Mittelpunkt. Mit großer Genauigkeit und erstaunlichem Erkenntnisgewinn untersucht der Autor die Filme POINT BLACK (1967) von John Boorman, THE WILD BUNCH (1969) von Sam Peckinpah, COOGAN’S BLUFF (1968) und DIRTY HARRY (1971) von Don Siegel und ELECTRA GLIDE IN BLUE (1973) von James William Guercio. Er konstatiert eine Hybridisierung der Genres Western, Kriegsfilm und Polizeifilm und, das ist die zentrale These, eine Zäsur in der amerikanischen Kultur. Der progressive Blick in die Zukunft wird damals zerstört, viele Ideale einer freien Gesellschaft gehen verloren. Zeitgleich lässt sich das in den Filmen des „New Hollywood“ beobachten. In seinem Epilog schlägt Keilholz eine Brücke in unsere Zeit, wenn er den Film MIAMI VICE (2006) von Michael Mann auf dessen Umgang mit amerikanischer Mythologie, mit Dispositiven der Macht und mit Verlust-Diskursen untersucht. Im „Ausblick“ werden natürlich auch die aktuellen amerikanischen TV-Serien erwähnt. Ein interessanter Text zum amerikanischen Kino. Mit Abbildungen in guter Qualität. Umschlagzeichnung: Tony Stella. Mehr zum Buch: 1968.html

Tristan und Isolde im Film

2015.Tristan + IsoldeSabine Sonntag hat 2013 ein schönes Buch über Opernbesuche im Kino publiziert (opernbesuch-im-spielfilm/ ). In ihrem neuen Buch „Seht ihr’s, Freunde!“ geht es um Wagners „Tristan und Isolde“ im Film. Die Autorin untersucht den Umgang mit der Oper, mit dem Stoff und vor allem mit speziellen Musikmotiven. 86 Titel nennt der Anhang, acht davon sind Fernseh-übertragungen. Ihnen ist auch das erste Kapitel gewidmet. Das zweite handelt von der „arthurianischen Filmwelt“, in der Tristan und Isolde eher eine Nebenrolle spielen. Dann geht es aber mitten hinein in die Wagner-Welt mit den Biopics über Richard Wagner und Ludwig II., die aufs engste mit Tristan verbunden sind. Sie werden von Sabine Sonntag sehr differenziert gewürdigt. „Tagesgespenster! Morgenträume!“ heißt das Kapitel über Irreales und Surreales, in dem (sehr beeindruckend) MELANCHOLIA von Lars von Trier, UN CHIEN ANDALOU, L’AGE D’OR und ABISMOS DE PASIÓN von Luis Bunuel, BLACK MOON von Louis Malle und DUETT FÖR KANIBALER von Susan Sonntag als Beispiele analysiert werden. Für Ironie, Satire, Comedy stehen u.a. LOVE IN THE AFTERNOON von Billy Wilder, HOLIDAY IN MEXICO von George Sidney und ROYAL FLESH von Richard Lester. Relativ kurz ist das Kapitel über „Tristan und Isolde als Marker für das Dritte Reich“ mit den Beispielen LA CADUTA DEGLI DEI von Luchino Visconti, SCHTONK von Helmut Dietl, SHINING THROUGH von David Setzer, ESCAPE von Mervyn LeRoy, APT PUPIL von Bryan Singer und LEBENSBORN von David Stephens. Für die Bereiche Liebe, Betrug und Mord werden elf Filme herangezogen, darunter CHRISTMAS HOLIDAY von Robert Siodmak, THE BLUE GARDENIA von Fritz Lang und der Tatort DER SANFTE TOD von Alexander Adolph mit Maria Furtwängler. Im letzten und umfangreichsten Kapitel „Ekstase, Erlösung, Tod“ (19 Filme) gibt es eindrucksvolle Analysen zu HUMORESQUE von Jean Negulesco (Liebestod im Wasser) und VERTIGO von Alfred Hitchcock (Tristan und Suspense; Musik: Bernard Herrmann). Sabine Sonntag hat 2010 mit einer Arbeit über Richard Wagner im Kino promoviert. Ihre große Stärke ist die Sensibilität für den Zusammenhang von Bildern und Tönen. Coverfoto: MELANCHOLIA. Mehr zum Buch: 1bfrbh2te3p6

Alfred Hitchcock

2015.HitchcockÜber keinen Filmregisseur gibt es vermutlich mehr Publikationen als über ihn. Die erste erschien 1957, stammte von Eric Rohmer und Claude Chabrol und ist vor zwei Jahren endlich auch ins Deutsche übersetzt worden. Die berühmteste hat François Truffaut zu verantworten. Sein Gespräch „Le cinéma selon Hitchcock“ wurde 1966 veröffentlicht, in Deutschland 1973 unter dem Titel „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“, es ist eines der wunderbarsten Filmbücher, die ich kenne. Die Fülle der Hitchcock-Literatur ist kaum zu überschauen. Da ist es mutig, einen anspruchsvollen Band als „Einführung in seine Filme und seine Ästhetik“ zu veröffentlichen. Die Filmwissenschaftlerin Franziska Heller (Zürich) hat sich das zugetraut. Da sie mit Hitchcocks Werk gut vertraut ist und sich mit vielen Zitaten theoretischen Beistand verschafft, ist ihr das auch gelungen. Interessant sind zum Beispiel ihre Bewertungen der wichtigsten Bücher über den Regisseur: sie würdigt sehr differenziert die Publikationen von Rohmer/Chabrol, Truffaut, Robin Wood (1965), Raymond Durgnat (1974), William Rothman (1982) und vor allem von Patrick McGilligan (2003) und hat erhebliche Vorbehalte gegen die autorisierte Biografie von John Russel Taylor (1978). Ein eigenes Kapitel ist der Frage „Wie und wo sehen wir Hitchcocks Filme heute?“ gewidmet, in dem es um Fragen der digitalen Medientransition geht und um Biopics, Dokumentationen, Remakes, Parodien und künstlerisches „Kidnapping“. Im Zentrum stehen dann sieben Hitchcock-Filme, die in ihrer formalen Substanz und in der Rezeption untersucht werden: THE LODGER (1926), THE 39 STEPS (1935), REAR WINDOW (1954), VERTIGO (1958), PSYCHO (1960), THE BIRDS (1963) und FRENZY (1972). In diesem Teil wird auch mit Abbildungen operiert, die Theorie ist sehr präsent, aber die Autorin wird auch hier ihrem Einführungs-Anspruch gerecht. Das Schlusskapitel („Hitchcock morgen?“) klingt vorsichtig, die Bibliografie ist relativ umfangreich, in der Filmografie fehlen mir die Längenangaben. Bei 200 Seiten Umfang leistet sich Franziska Heller im Übrigen keine Umwege. Respekt! Mehr zum Buch: 978-3-7705-5783-7.html

Zwangsmigration im Film

2015.ZwangsmigrationDrei Hochschulen haben bei dieser Publikation zusammen-gearbeitet: die Pädagogische Hochschule Heidelberg, die Palacky-Universität Olomouc (Tschechien) und die Universität Opole (Polen). Es ging bei dem Projekt um die Aussagekraft der jeweiligen Erinnerungskultur im Rückblick auf die Zwangs-migration im Umfeld des Zweiten Weltkriegs. Acht Filme wurden dafür herangezogen: GRÜN IST DIE HEIDE (BRD 1951) von Hans Deppe, UNSERE LEUTE (Polen 1967) von Sylwester Checinski, SCHLESIENS WILDER WESTEN (Deutschland 2002) von Ute Bandura, DIE EISERNEN HUNDERT (Ukraine 2004) von Oles Yanchuk, ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT (Tschechien 2006) von Jiří Menzel, HABERMAN (Tschechien 2010) von Juraj Herz, ALOIS NEBEL (Tschechien 2011) von Tomás Lunák und SIEBEN SÜNDIGE TAGE (Tschechien 2012) von Jiří Chlumsky. Es sind vier „Überblicksbeiträge“, fünf „fachwissenschaftliche ausgerichtete Beiträge“ und acht „didaktische Beiträge“ zu lesen. Die Einleitung der Herausgeberin Bettina Alavin schlägt eine Brücke zwischen filmischer Darstellung der Geschichte und aktueller Flüchtlingsproblematik. In den Beiträgen werden die einzelnen Filme so genau beschrieben, dass man die Bewertungen nachvollziehen kann, auch wenn man nicht alle Filme gesehen hat. Drei Texte haben mir besonders gut gefallen: „Wie viel Erfindung verträgt die Geschichte?“ von Michael Braun über Zwangsmigration im aktuellen Erinnerungsroman und Erinnerungsfilm, „Darf man über ‚Vertreibung’ lachen?“ von Bettina Alavi über die Rolle des Komischen in Filmen zur Zwangsmigration und „Filmsprache im Geschichtsunterricht am Beispiel des Films HABERMANN“ von Nina Bolek. Mehr zum Buch: 978-3-86809-098-7.html

Kurzfilme von Michael Klier

2015.DVD.Kurzfilme KlierSeine Filme ÜBERALL IST ES BESSER, WO WIR NICHT SIND (1990), OSTKREUZ (1992), HEIDI M. (2001), FARLAND (2004) und ALTER UND SCHÖNHEIT (2009) sind subtile Stimmungsbilder aus dem Leben in unserem Land, oft am Rande, in prekärer Situation. Michael Klier ist kein Liebling der Filmförderer. Das macht für ihn die Arbeit schwer. Wenig bekannt sind seine Kurzfilme, die er seit 1963 ziemlich kontinuierlich gedreht hat. Zehn sind jetzt auf einer interessanten DVD der filmgalerie 451 publiziert worden, darunter sein erster, PROBEAUFNAHMEN, eine Produktion von Hans Jürgen Pohland mit Rolf Zacher; er zeigt die verpassten Begegnungen zwischen Hans und Annarella, die beide zum Film wollen, er beobachtet Hans, wie er bei Marga Schoeller ein Filmbuch klaut, als ihr Laden noch am Kurfürstendamm war, er unternimmt eine kleine Reise auf den Funkturm und dokumentiert die Fassade der Filmbühne am Steinplatz, über weite Strecken als Stummfilm mit Musik. Vier Filme hat Klier 1965 für den SFB realisiert: die Geschichte einer Autoleidenschaft (FERRARI, 7 1/2 min), das Porträt einer Sekretärin, die sich für den zweiten Bildungsweg entscheidet (DAS ABITUR, 7 1/2 min), Beobachtungen im Büro von Hans Jürgen Pohland vor seiner Reise nach Danzig (PROJEKT KATZ UND MAUS, 8 1/2 min) und Aufnahmen von der Sängerin Petra Prinz (YEAH YEAH, 7 1/2 min). 1982 entstand der Kurzfilm SCHAUSPIELEREI, der – mit einem kritischen Kommentar – Gesichter und Gesten aus Hollywood und aus Deutschland konfrontiert. Alle diese Filme wurden in Schwarzweiß gedreht. Axel Prahl und Julia Hummer spielen die Hauptrollen in EIN MANN BOXT SICH DURCH (2001), der zeigt, wie schmerzhaft das Geldverdienen am Alexanderplatz sein kann. Die letzten drei Filme zeigen uns Dresden: KURZTRIP (12 min.) zeigt Nicolette Krebitz und Felix Klare auf dem beschwerlichen Weg mit dem Fahrrad auf den Berg zum Weißen Hirsch, HUNG beobachtet einen Vietnamesen bei der Ladensuche am Tag und bei Nacht (12 min.), beide entstanden 2012 für Arte. Den Abschluss macht Kliers FILMTAGEBUCH (2013, 9 min.) mit autobiografischen Reflexionen. Lohnenswert wäre eine DVD mit Kliers WDR-Filmen u.a. über Jean-Marie Straub, Roberto Rossellini, François Truffaut und Godards Kameramänner. Mehr zur DVD: 10-kurzfilme/