BLACKOUT – ANATOMIE EINER LEIDENSCHAFT (1979)

2015.DVD.BlackoutWenn zwei so unter-schiedliche Menschen aufeinander treffen wie die spontane, unbe-rechenbare Amerikanerin Milena Flaherty und der kühle, scheinbar stabile Psychoanalytiker Alex Linden, dann kann es schnell um Leben und Tod gehen. Milena wird zu Beginn des Films im Koma ins Krankenhaus gebracht und dort – wie wir am Ende erfahren – erfolgreich operiert. Alex hat den Krankenwagen angefordert. Was zuvor geschah, wird in einem langen Verhör durch den ermittelnden Inspektor Netusil aufgeklärt. Eine gewisse Rolle spielt auch noch der Ehemann von Milena, der in Bratislava wohnt. Hauptschauplatz des Films ist Wien in den 1970er Jahren. Die Stadt wird beeindruckend ins spannende Spiel einbezogen. Nicolas Roeg experimentiert gern mit Hilfe der Montage. Zeiten und Orte wechseln in großer Geschwindigkeit. BAD TIMING ist der Originaltitel des Films. In der Tat passiert hier vieles zur falschen Zeit. Und immer wieder wird der Operationssaal mit der um ihr Leben kämpfenden Milena in die Abläufe eingeschnitten. Drei Darsteller dominieren den Film: Art Garfunkel als Alex Linden, Theresa Russell als Milena Flaherty und Harvey Keitel als Inspektor Netusil, der vor allem in der zweiten Hälfte die Führungsrolle übernimmt. Ein spannender Film mit vielen schockierenden Momenten. Bei Koch Media ist jetzt in der Reihe „Masterpieces of Cinema“ die DVD des Films erschienen. Der sehr kluge Text im Booklet stammt von Christoph Huber. Mehr zur DVD: masterpieces_of_cinema_dvd/

Gefangen in der Kinohöhle

2015.Kinohöhle kleinEine Dissertation aus Biele-feld. Malte Strathmeier reflektiert in seiner inter-disziplinären Untersuchung die Stärken des Kinos, das die Zuschauer wie Platons Höhle betreten und in dem sie nicht nur unterhalten werden, sondern viele neue Erkenntnisse gewinnen können. Der Autor geht bei seinen interessanten Thesen von einem „Skeptischen Szenario“ aus. Das ist für ihn: „Eine angenommene Situation (ein bedenklicher Entwurf), die eine skeptische Hypothese (Ich kann nicht wissen, ob ich gerade träume) ausbuchstabiert. In einem skeptischen Szenario mit starken Kriterien wird eine Person derart über das Wesen der Welt getäuscht, dass sie keinerlei Möglichkeit hat, zu erkennen, was wahr ist und was nicht. Sie wird also allumfassend getäuscht, hat die gleichen Wahrnehmungserfahrungen wie jetzt und kann zwischen diesen nicht unterscheiden. Ihre Überzeugungen sind alle falsch. In einem skeptischen Szenario mit schwachen Kriterien kann die Person die Täuschung durchschauen und dadurch über ihre epistemische Situation Wissen erlangen.“ (Glossar, S. 245). Als Filmbeispiele dienen vor allem amerikanische Filme: eXistenZ (1999) von David Cronenberg, THE SIXTH SENSE (1999) von M. Night Shyamaian, THE MATRIX (1999) von den Wachowiak Geschwistern, VANILLA SKY (2001) von Cameron Crowe, IDENTITY (2003) von James Mangold und natürlich INCEPTION (2010) von Christopher Nolan. Die Publikation unternimmt einen gedanklichen Drahtseilakt zwischen Film und Philosophie. 24 Abbildungen in guter Qualität. Cover: „Kinohöhle“ von Ralf Schlüter. Mehr zum Buch: www.aisthesis.de/ (dort nach dem Titel suchen).

Internet-Blog zum Filmerbe

2015.Helmut HerbstSeit 1. September steht der Internet-Blog www.kinematheken.info im Netz, der von dem Filmemacher Helmut Herbst und dem Film-kritiker Daniel Kothenschulte verantwortet wird. Er widmet sich allen Fragen, die mit dem Erhalt des Filmerbes verbunden sind. Herbst und Kothenschulte sind frei von institutionellen Bindungen und Interessen, sie handeln und schreiben aus einem persönlichen Engagement. Sie haben eine kritische Position zu den bisher bekannt gewordenen Plänen der deutschen Kulturpolitik, wie sie in den letzten Monaten in zahlreichen Interviews und Statements verlautbart worden sind. Das wird deutlich im „Vorspann“ von Helmut Herbst, in seiner Stellungnahme zu einem PWC-Gutachten zur „Kostenabschätzung zur digitalen Sicherung des Filmischen Erbes“ im Auftrag der FFA (mit einer Replik von Rainer Rother), in dem Text „Ausgrabungsstätten für die Zukunft“ von Daniel Kothenschulte, in den Hinweisen „Zur Kassationspraxis“ von Dirk Alt. Provokant wirkt ein kurzer Film mit brennendem Nitromaterial unter dem Titel „FIAF Code of Ethics“ und der einkopierten Frage „Was wird aus unserem Filmerbe?“. Das alles ist auf der Website unter der Rubrik „Positionen“ zu finden. Hilfreich sind die Erklärungen im „Glossar“ zu Begriffen wie Archivfeste Speichermedien, Blu-ray (BD), DCP, Duplikatfilme, easyDCP, Essig-Syndrom, Farbauszüge (YCM/RGB), FIAF – Code of Ethics, Film-Scanner, HDTV, Klima-Bedingungen für die Film-Archivierung, Langzeitsicherung, LTO, Nitro-Filme, Obsolenz und digitale Medien, Umkopierung von Nitrofilmen und deren Kassation, Vinegar-Syndrome. Dass die Seite schön gestaltet ist, wird viele User besonders erfreuen. Über den Namen der Website wird der Deutsche Kinematheksverbund nicht glücklich sein. Aber er war frei.

Tim Burton

2015.Tim Burton 2Im Max Ernst Museum Brühl ist seit Mitte August (und noch bis zum 3. Januar 2016) die Ausstellung „The World of Tim Burton“ zu sehen. Sie ermöglicht einen Blick in seine Werkstatt mit vielen Entwürfen, die in seinen Filmen oft ganz anders gestaltet wurden, mit Zeichnungen, Gemälden, Fotografien, Skulpturen, Puppen und bewegten Bildern. Der Katalog zur Ausstellung ist bei Hatje Canz erschienen. Die Texte sind zweisprachig (deutsch und englisch), die Abbildungen faszinieren durch ihre fantastischen Ideen. Zu lesen sind ein Geleitwort vom Vorsitzenden des Vorstandes der Stiftung Max Ernst, Jürgen Wilhelm, ein Vorwort vom Direktor des Max Ernst Museums, Achim Sommer, eine Einführung in die Ausstellung von der Kuratorin Jenny He, ein kurzes, sehr persönliches Statement von Tim Burton, ein Gespräch mit ihm, das Achim Sommer und Patrick Blümel geführt haben, und eine Biografie, die Patrick Blümel zusammengestellt hat. Zu sehen sind ausgewählte Werke in hervorragender Reproduktion, die uns in der Tat „die Welt“ von Tim Burton vor Augen führen. Ich schätze seine Filme sehr, vor allem EDWARD SCISSORHANDS, MARS ATTACKS!, BIG FISH und ALICE IN WONDERLAND. Wenn ich es schaffe, werde ich mir die Ausstellung in Brühl noch anschauen. Felicitas Kleiner hat in der letzten Nummer des Film-Dienstes eine schöne Rezension geschrieben. Mehr zur Ausstellung: the_world_of_tim_burton.html . Mehr zum Buch: 6536-0.html

Frank Sinatra

2015.SinatraEigentlich waren es ja zwei Karrieren, die Frank Sinatra (1915-1998) gemacht hat: eine als Sänger und eine als Schauspieler. Er hat mich auf der Leinwand zuerst als Angelo Maggio in FROM HERE TO ETERNITY von Fred Zinnemann beeindruckt, dann als Kartenspieler Frankie Machine in THE MAN WITH THE GOLDEN ARM von Otto Preminger und als erfolgloser Schriftsteller Dave Hirsch in SOME CAME RUNNING von Vincente Minnelli. Als Sänger habe ich ihn nie life erlebt. Die Biografie von Johannes Kunz, „Frank Sinatra und seine Zeit“, informiert vor allem über seine Karriere als Sänger. Das Auf und Ab hält einen als Leser ganz schön in Bewegung. Die Fakten dominieren dabei über die Interpretationen und Charakterisierungen. Natürlich spielt auch das Privatleben eine große Rolle – und sein politisches Engagement. Er war zeitlebens Mitglied der Demokratischen Partei, unterstützte aber seit den 1970er Jahren die Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Vor zwanzig Jahren ist bei Heyne die Biografie „Frank Sinatra – I did it my way“ von Deborah Holder erschienen. Das Buch von Johannes Kunz ist eine aktuelle Variante, die mit seinem Tod endet. Der Anhang enthält eine Lebenschronik, eine Diskographie, eine Filmographie und eine Bibliographie. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: frank-sinatra.html

Ulli Lommel

2015.LommelIm August 1977 landete der deutsche Schauspieler und Regisseur Ulli Lommel, der zuvor zahlreiche Filme mit Rainer Werner Fassbinder realisiert hatte, in New York. Eigentlich war nur ein Aufenthalt von einer Woche geplant. Daraus wurden drei Jahre, in denen Lommel u.a. zwei Filme mit Andy Warhol drehte: BLANK GENERATION und COCAINE COWBOYS. Das Buch „Factory Made“ doku-mentiert Filmfotos und Polaroid-Aufnahmen aus jener Zeit. In zehn kurzen Texten erinnert sich Lommel an die Zusammenarbeit mit Warhol: „Paris to N.Y.“, „Jackie O.O.O.“ , „Warhol and Burroughs at the Chelsea“, „The Penis Game“, „Death in Rio“, „MM“, „The Andy Warhol in You“, „Warhol in Hollywood“, „Warhol Breaks Rules“ und „My Warhol Legacy“. Eine schöne Hommage. Mehr zum Buch: buch.php?ID=724

Frauen- und Männerbilder im Kino

Bild 3Jean Cocteaus LA BELLE ET LA BêTE (1946) ist für viele Interpretationen offen. Der Herausgeber Andreas Hamburger, Professor für Psycho-logie, verbindet ihn mit Genderkonstruktionen. Drei grundsätzliche Essays leiten den Band ein. Hamburger referiert über Frauen- und Männerbilder im Kino. Der Psychologe Wolfgang Mertens definiert Möglichkeiten und Grenzen der psychoanalytischen Filminterpretation. Und der Herausgeber konkretisiert das Thema in seinem Text zur Motivgeschichte und Filmpsychoanalyse von Cocteaus LA BELLE ET LA BêTE. Er ist mit rund 50 Seiten der umfangreichste Beitrag. Dann geht es zunächst um „The Beauties“ in zwei Texten von Andrea Sabbadini („La Belle, la Bete et la Rose“) und Christine Kirchhoff („’You can’t say no to the Beauty and the Beast…’ Oder: Ein Ende und kein schönes Biest“). Und schließlich um „The Beasts“ in den Beiträgen der Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber („Es war einmal … die Schöne und die Bestie. Ein surrealistischer Überlebensversuch im Jahr 1946?“) und des Filmwissenschaftlers Andreas Rost („Animalische Erotik und gezähmte Wildheit. Sehnsüchtige Frauen im Bestiarium der Filmgeschichte“). Rost erweitert das Spektrum der Filmbeispiele; bei ihm kommen noch L’ÉTERNEL RETUR von Jean Delannoy, KING KONG von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack, DRACULA von Francis Ford Coppola, AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON von John Landis, CAPE FEAR von Martin Scorsese, WILD AT HEART von David Lynch und die Neuverfilmung des Cocteau-Films von Christoph Ganse (2014) ins Spiel. Und immer wieder ist in den Texten von der „Krise der Männlichkeit“ die Rede, einem Schauplatz der Psychoanalyse. Mehr zum Buch: products_id/2446

ICH WILL MICH NICHT KÜNSTLICH AUFREGEN

2015.DVD.Künstlich aufregenDies war sein Abschlussfilm an der dffb, gefördert von rbb und medienboard berlin-branden-burg. Sein Thema: Kultur-förderung, Geld, Demokratie. Martin Linz (Buch, Regie, Schnitt) erzählt von den Problemen der Kuratorin Asta Andersen (gespielt von Sarah Ralfs), deren Ausstellungs-projekt „Das Kino. Das Kunst“ nicht gefördert wird, nachdem sie sich in einem Radio-Interview kritisch über die Medienlandschaft geäußert hat. Sie holt sich Hilfe bei einem indischen Freund, ihre Mutter (gespielt von Hannelore Hoger) legt ein gutes Wort für sie beim Bundespräsidenten Gauck ein, und am Ende verspricht ihr die Berliner „Oberkulturinzensentin“ (gespielt von Nina Tecklenburg) einen positiven Förderungsbescheid. Das klingt wie eine Satire, wirkt aber über weite Strecken durchaus ernst. In die erzählte Geschichte dringen viele authentische Momente ein, zuletzt sind es Aufnahmen von der 20. Lärmdemo gegen Verdrängung, sinkende Löhne und Rassismus im August 2013 am Kotti. Es gibt zahlreiche mediale Erinnerungen zu sehen und zu hören: an Rainer Werner Fassbinders Serie ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG (ihre politische Botschaft zur Primetime wird mit Bewunderung rekapituliert), an die amerikanische Sitcom SEINFELD (sie wird in einem Dialog präsent gemacht), an Tarkowskijs Film SOLARIS (Asta sitzt neben einem Projektor, der den Film auf eine Leinwand projiziert), an die WOCHENSCHAU II der dffb (sie wird in einem Ausschnitt als Beispiel für ein Online-Archiv deutscher Hochschulen gezeigt). Texte von Adorno und Brecht werden zitiert, Protagonisten des integrativen Theaters RambaZamba haben intensive Szenen, und die Kleidung von Asta weckt Assoziationen an die Fashion Week. Auch von der Innenausstattung der Akademie der Künste am Hanseatenweg ist viel zu sehen. Also: ein Berlin-Film mit einer eigenen Handschrift. Bei der Filmgalerie 451 ist jetzt die DVD erschienen. Zum Bonus-Material gehört die Webserie DAS OBERHAUSENER GEFÜHL (2012). Mehr zur DVD: kunstlich-aufregen/

Marcel Ophüls in der Akademie der Künste

2015.Marcel OphülsHeute und morgen ist Marcel Ophüls in der Akademie der Künste zu Gast. In der Reihe „Mitglieder stellen vor“ werden insgesamt fünf Filme von ihm gezeigt, und er führt mit Ralph Eue (der 1997 das Buch „Widerreden und andere Liebeserklärungen“ mitherausgegeben hat) Gespräche über sein Lebenswerk. Gezeigt werden die Filme DAS HAUS NEBENAN – CHRONIK EINER FRANZÖSISCHEN STADT IM KRIEG (1969, 248 min, heute), ZWEI GANZE TAGE (1970, 73 min., ein Spielfilm), KORTNER-GESCHICHTEN (1980, 45 min.), HOTEL TERMINUS – LEBEN UND ZEIT DES KLAUS BARBIE (1985-87, 267 min.), NOVEMBERTAGE (1990, 130 min.). NOVEMBERTAGE ist für mich der interessanteste Film über den Mauerfall und die deutsche Einigung, Marcel Ophüls halte ich für einen der großen noch lebenden Dokumentaristen. Mehr zur Veranstaltung: D=46970& + D=47001&

Robert De Niro

2015.De NiroRobert De Niro (*1943) hatte seine große Zeit in den 1970er und 80er Jahren: als Taxifahrer Travis Bickle in Martin Scorseses TAXI DRIVER, als junger Don Vito Corleone in Coppolas THE GODFATHER Part II, als Stahlarbeiter Michael Vronsky, der im Vietnamkrieg trauma-tisiert wird, in Michael Ciminos THE DEER HUNTER, als Boxer Jake LaMotta in Scorseses RAGING BULL, als Gangsterboss Al Capone in Brian De Palmas UNTOUCHABLES. Und diese Filme spielen natürlich auch eine große Rolle in der Biografie von Shawn Levy. De Niros Lebensgeschichte wird hier sehr ausführlich erzählt, seine Kindheit und Jugend als Sohn eines Künstlerpaares, das sich schnell trennte, seine Schauspielausbildung bei Stella Adler, seine frühe Zusammenarbeit mit Brian De Palma, seine Förderung durch Shelley Winters auf der Bühne, seine erste Rolle bei Martin Scorsese in MEAN STREETS. Levy schildert mit großer Bewunderung die geradezu obsessive Vorbereitung De Niros auf seine Rollen: wie er wochenlang als Taxifahrer arbeitet, um die spezielle Fahrweise in New York zu lernen, wie er sich den sizilianischen Dialekt aneignet und die Körpersprache nachahmt, um als junger Corleone wirkungsvoll zu agieren, wie er mehrere Monate im Boxring trainiert und am Ende fünfzig Pfund Körpergewicht zulegt, um als LaMotta zu überzeugen. Dafür hat er 1981 auch einen Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen. Auf über 600 Seiten wird De Niros Leben vor uns ausgebreitet. Auch die private Seite kommt dabei nicht zu kurz. Levy hat gut recherchiert, hatte Zugang zu bisher unveröffentlichtem Material. Es ist eine klassische amerikanische Biografie. Sie erweist sich, wenn man den Schauspieler Robert De Niro bewundert (was ich durchaus tue), als interessante Lektüre. Mehr zum Buch: robert_de_niro/9783810524072