Hollywood Justice

2016.Hollywood JusticeSelbstjustiz, auch Vigilantismus genannt, ist Thema und Motiv in vielen amerikanischen Filmen seit über hundert Jahren. Ganz spontan fallen einem zuerst DIRTY HARRY von Don Siegel mit Clint Eastwood und DEATH WISH von Michael Winner mit Charles Bronon ein, in denen Selbstjustiz praktiziert wird. Der Österreicher Peter Vogl hat jetzt im Filmbuch-verlag Mühlbeyer das Buch „Hollywood Justice“ publiziert, in dem er mehr als fünfzig Filme zu diesem Thema vorstellt. Es ist offenbar das erste Mal, dass sich jemand so umfassend damit beschäftigt. Vogl geht dabei chronologisch vor. Nach einer kurzen filmhistorischen Einleitung, Definitionen von Vigilantismus und einem Blick auf die amerikanische Geschichte geht es zunächst um fiktionale Vigilanten vor 1970; Beispiele sind hier u.a. THE BIRTH OF A NATION von David W. Griffith, THE VIRGINIAN von Victor Fleming, THE BIG HEAT von Fritz Lang und CAPE FEAR von J. Lee Thompson. Es folgen Kapitel über die Geburt des modernen Vigilantenfilms in den 1970er Jahren, Vigilanten in Exploitationsfilmen und B-Filmen der 80er, Vigilanten der 90er, Klassenzimmer-Vigilanten, Batman und Vigilanten von 2000 bis 2015. Den filmischen Schlusspunkt bildet der Dokumentarfilm CARTEL LAND von Matthew Heineman. Es folgt dann noch ein Kaptitel über Videospielvigilanten. Der Autor hat sorgfältig geforscht, seine Beschreibungen und Analysen bleiben sehr nahe an den Filmen; es gibt darunter viele Filme, die ich nicht kenne. Mit einem Vorwort von John Shelton Lawrence. Die 26 Abbildungen sind in der Qualität grenzwertig. Mehr zum Buch: hollywood-justice.html

Vier Filme von Helga Reidemeister

2016.DVD.ReidemeisterSie ist eine engagierte Filmemacherin und dreht, seit sie die dffb absolviert hat, Dokumentarfilme meist mit Protago-nistinnen, deren Schicksal und Lebens-weise sie öffentlich machen möchte. Vier Filme von Helga Reidemeister (*1940) sind jetzt bei Absolut Medien in der Reihe „Die großen Dokumentaristen“ auf DVD erschienen. VON WEGEN ‚SCHICKSAL’ (1979) porträtiert die Sozialhilfeempfän-gerin Irene Rakowitz, die sich im Märkischen Viertel in einer Mieter-initiative engagiert, über ihre Familienzerrüttung spricht und keine Scheu vor der Kamera hat. Es geht dabei auch um Gewalterfahrungen, um eine gescheiterte Ehe, um Einsamkeit und mögliche Freiheit. In KAROLA BLOCH – DANN NIMMT DIE FRAU DIE GESCHICKE IN DIE HAND (1982) erzählt die Witwe des Philosophen Ernst Bloch von ihren Aktivitäten in der Vergangenheit und in der Gegenwart, in der Frauen- und in der Friedensbewegung, von Hoffnungen und Enttäuschungen. Mit 44 Minuten ist es der kürzeste der vier Dokumentarfilme. MIT STARREM BLICK AUFS GELD (1983) ist ein Porträt des erfolgreiche Mannequins Hilde Kulbach, zeigt Rituale und Kommunikationsformen im Modebusiness, thematisiert auch das schlechte Gewissen gegenüber den beiden Töchtern und die Suche nach einer eigenen Identität. Hilde Kulbach ist die Schwester der Filmemacherin Helga Reidemeister. GOTTESZELL – EIN FRAUEN-GEFÄNGNIS (2001) erlaubt Einblicke in eine Justizvollzugsanstalt in Baden-Württemberg, dokumentiert Gespräche mit langjährig Verurteilten und Wärterinnen. Der Film macht auf den häufigen Zusammenhang zwischen Gewalt gegen Frauen und anschließenden Taten der Frauen aufmerksam. – Es ist gut, dass es diese vier Filme jetzt auf DVD gibt. Die drei Afghanistan-Filme sollten folgen. Mehr zur DVD: Helga+Reidemeister+-+Filme+1979+–+2001

Metapoietische Filme

2016.Metapoietische Filme„Metapoietische Filme“ sind Filme über das Filmemachen. Die Dissertation von Ruth Benner entstand an der Universität der Künste in Berlin. Ihr filmtheoretischer Ausgangs-punkt sind die Publikationen zum Bewegungs-Bild und zum Zeit-Bild von Gilles Deleuze. Nach einer filmtheoretischen Positionierung wird die erste Erprobung der Deleuzschen Klassifikation an zwei Filmen erprobt: SULLIVAN’S TRAVELS von Preston Sturges (Bewe-gungsbilder) und 8 ½ von Federico Fellini (Zeitbilder). Die systematische Analyse zum Genre metapoietischer Filme erfolgt in drei Kapiteln. Im ersten geht es um die Filmemacher, um die Aspekte Geld (Filmbeispiele sind THE BAD AND THE BEAUTIFUL von Vincente Minnelli, DER STAND DER DINGE von Wim Wenders und THE PLAYER von Robert Altman), Tod (SUNSET BOULEVARD von Billy Wilder, STARDUST MEMORIES von Woody Allen, LOS ABRAZOS ROTOS vom Pedro Almodóvar) und Schaffenskrise (SULLIVAN’S TRAVELS, 8 ½ und BARTON FINK von den Coen Bros.). Im zweiten Kapitel geht es um die Filmkunst, um die Aspekte Film-im-Film (SULLIVAN’S TRAVELS, LE MÉPRIS von Jean-Luc Godard und ADAPTATION von Spike Jonze) und Schauspieler (SUNSET BOULEVARD, LA NUIT AMÉRICAINE von François Truffaut und MULHOLLAND DRIVE von David Lynch). Im dritten Kapitel geht es um die Zuschauer (HELLZAPOPPIN’ von Henry C. Potter, THE PURPLE ROSE AUF CAIRO von Woody Allen, BE KIND REWIND von Michel Gondry). Die Analysen sind sehr konkret und genau. Die zum Teil sehr kleinen Abbildungen haben eine gute Qualität. Eine anregende Lektüre. Das Coverfoto stammt aus dem Film MULHOLLAND DRIVE. Mehr zum Buch: metapoietische-filme.html

Der Film FRITZ LANG + ein Buch über Thea von Harbou

2016.Fritz LangSeit heute ist der Film FRITZ LANG von Gordian Maugg im Kino zu sehen. Vom Genre her ist es kein Biopic, sondern ein Psychodrama. Im Fokus stehen die Jahre 1930/31. Maugg, dessen Filme DER OLYMPI-SCHE SOMMER (1993) und ZEPPELIN (2005) ich sehr schätze, kann eindrucksvoll histori-sches Filmmaterial mit von ihm inszenierten Szenen verbinden. In seinem neuen Film erzählt er – aus seiner Sicht – Langs Inspira-tionen zu dem Film M: die Suche nach dem Düsseldorfer Serienmörder Peter Kürten, der im Mai 1930 verhaftet wurde. Der Berliner Kriminalrat Ernst Gennat spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. In Mauggs Film stehen drei Männer im Mittelpunkt der Geschichte: Lang (gespielt von Heino Ferch), Gennat (Thomas Thieme) und Peter Kürten (hervorragend: Samuel Finzi). Der Schauplatz ist über weite Strecken Düsseldorf. Traumatische Erlebnisse von Lang – das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, Momente an der Front im Weltkrieg und der Tod seiner ersten Ehefrau Elisabeth Rosenthal – verbinden sich mit Gesprächen, die er in Düsseldorf mit Peter Kürten führt. Eine eher dubiose Rolle spielt in diesem Zusammenhang Thea von Harbou (Johanna Gastdorf), von der er sich emotional getrennt hat, die aber als Co-Autorin für ihn wichtig bleibt. Die Zeitebenen – Langs Kindheit, seine Kriegserfahrungen, die erste Ehe, die parallele Beziehung zu Thea von Harbou – werden von Maugg geschickt verknüpft. Und die Präsenz von Heino Ferch ist beeindruckend. Für die Bildgestaltung des Schwarz-Weiß-Films ist Lutz Reitemeier verantwortlich, für die Montage Florentine Bruck. Manche Effekte finde ich zu melodramatisch, aber der Film hat aus meiner Sicht große Qualitäten. Ein lesenswertes Interview zum Film mit Norbert Grob gab es vor einigen Tagen auf Deutschlandradio Kultur: 2167.de.html

2009.Krieg und FrauIm Zusammenhang mit dem Fritz Lang-Film bin ich auf eine Publikation aufmerksam geworden, die sich mit den Kriegs-romanen von Thea von Harbou beschäftigt, allerdings schon vor einigen Jahren (genau: 2009) bei Media Net-Edition erschienen ist: Andre Kagelmanns Dissertation „Der Krieg und die Frau“, die an der Universität Köln entstanden ist. Acht Publikationen von Thea von Harbou aus den Jahren 1913 bis 1917 werden vom Autor genau analysiert: der Novellenband „Der Krieg und die Frauen“, die fünf Erzählungen „Deutsche Frauen. Bilder stillen Heldentums“, der Kriegsroman „Der unsterbliche Acker“, die zehn Erzählungen „Du junge Wacht am Rhein“, die drei Erzählungen „Aus Abend und Morgen ein neuer Tag“, der Roman „Die Flucht der Beate Hoyermann“ und die Erzählungen für junge Mädchen „Gold im Feuer“. Im Resümee des Autors heißt es: „Der Krieg wird als Naturgewalt dargestellt, als ein schicksalhaftes, allgewaltiges Phänomen, das die Menschenwelt revolutioniert und neue Werte setzt, aber nicht innerhalb der menschlichen Einflusszone verortet ist. (…) Der Pazifismus wird zum Symptom der Dekadenz niedergeschrieben. Da ein weiteres zentrales (und zeittypisches) Argumentationsmuster der Kriegsliteratur Harbous darin besteht, den Krieg als Verteidigungskrieg darzustellen, werden Pazifisten zugleich als feige und als Vaterlandsverräter diffamiert.“ Eine interessante Lektüre, wenn man sich intensiver mit Thea von Harbou beschäftigt.

Tanz auf dem Vulkan

2016.Tanz VulkanAuch wenn über den Schau-spieler und Regisseur Gustaf Gründgens (1899-1963) vor drei Jahren die hervorragende Biografie von Thomas Blubacher erschienen ist: ein Doppelporträt über Gründgens und den Schriftsteller Klaus Mann (1906-1949) macht Sinn, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie eng die beiden Künstler zunächst in Freundschaft verbunden und später in Feindschaft zerstritten waren. In zwölf Kapiteln erzählt die Kunsthistorikerin Renate Berger zwei Leben in politisch wechselnden Zeiten. Eine große Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Homosexualität der beiden Protagonisten, die vor allem für Gründgens in der Zeit des Nationalsozialismus sehr problematisch war. Er verdankte damals viel dem Schutz von Hermann Göring, der als preußischer Ministerpräsident für die Theater zuständig war. In der zweiten Hälfte der 20er Jahre und in den frühen Dreißigern war die Verbindung zu Klaus Mann noch relativ eng, Gründgens war bekanntlich drei Jahre mit dessen Schwester Erika verheiratet, zusammen mit Pamela Wedekind standen sie als Quartett in „Anja und Ester“ und in „Revue zu Vieren“ auf der Bühne. Sie profitierten von den künstlerischen Freiheiten der Weimarer Republik. Der Bruch kam spätestens 1933. Klaus und Erika Mann verließen Deutschland, Gründgens blieb. Sehr detailliert entschlüsselt die Autorin die Figuren des Romans „Mephisto“, den Klaus Mann in den Jahren 1935/36 verfasste: er handelt von der Karriere des Schauspielers Hendrik Höfgen, der wie ein Duplikat von Gründgens wirkt. Renate Berger hat beachtliche Quellenforschung unternommen, das Buch liest sich aber trotz vieler Zitate flüssig, weil die Quellenhinweise in den Anhang verschoben sind. Der Titel zitiert einen berühmten Film mit Gustaf Gründgens in der Hauptrolle aus dem Jahr 1938; Regie: Hans Steinhoff. Der Film selbst wird von der Autorin allerdings nicht erwähnt. Mehr zum Buch: tanz-auf-dem-vulkan

Film als Idee – Texte von Birgit Hein

2016.Film als IdeeSie war eine Protagonistin des Experimentalfilms in der Bundesrepublik vor allem in den 1970er und 80er Jahren. Birgit Hein (*1942) hat, zum Teil zusammen mit Wilhelm Hein, experimentelle Filme gedreht (ich erinnere mich an LOVE STINKS – BILDER DES TÄGLICHEN WAHNSINNS oder VERBOTENE BILDER) und 1971 das Buch „Film im Underground“ publiziert, ein frühes Basiswerk zum Thema. Sie war Professorin an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig und ist Mitglied der Akademie der Künste nicht in der Sektion Film- und Medienkunst, sondern in der Bildenden Kunst – wie VALIE EXPORT und Heinz Emigholz. Im Verlag Vorwerk 8 ist jetzt, herausgegeben von Nanna Heidenreich, Heike Klippel und Florian Krautkrämer, ein Band mit Texten von Birgit Hein erschienen. Der erste Teil (Texte in deutscher Sprache) ist in vier Kapitel strukturiert: „Experimentalfilmgeschichte“ (u. a. mit einem umfangreichen Auszug aus „Film im Underground“), „Film als Idee“ (u.a. mit zwei Interviews aus den Jahren 1977 und 1997), „Filmarbeit“ (mit zwei Texten aus der Zeitschrift Frauen und Film und drei Interviews), „Filmklasse“ (mit drei Texten zur Arbeit an der Kunsthochschule in Braunschweig). Nach einer gut ausgewählten Fotostrecke (56 Abbildungen) folgt der zweite Teil mit elf ins Englische übersetzten Texten und dem Beitrag „Return to Reason“ aus dem Jahr 1975, der im deutschen Teil nicht enthalten ist. Der Anhang enthält eine Bibliographie und ein detailliertes Werkverzeichnis mit Hinweisen zu den vorhandenen Materialien und ihrer Vollständigkeit. Der Band ist sorgfältig ediert und dokumentiert die Denk- und Arbeitsweise von Birgit Hein bis in die Gegenwart. Mehr zum Buch: php?id=192&am=6

IHR GRÖSSTER ERFOLG (1934)

2016.DVD.Ihr größter ErfolgMartha Eggerth (1912-2013) war eine sehr populäre ungarisch-österreichische Operettensängerin, die in den frühen 1930er in einer Reihe deutscher Unterhaltungs-filme mitwirkte. Sie heiratete 1936 den Sänger Jan Kipura, mit dem sie zunächst in Wien lebte und 1938 nach New York emigrierte. Mit der „Lustigen Witwe“ hatte sie jahrelang einen großen Erfolg am Broadway. 1996 habe ich sie in ihrem Haus in der Nähe von New York besucht. Sie hatte den Charme einer Diva. Vor gut zwei Jahren ist sie im Alter von 101 Jahren gestorben. Bei den Filmjuwelen ist jetzt eine DVD des Films IHR GRÖSSTER ERFOLG erschienen, den sie 1934 noch in Berlin gedreht hatte. Sie spielt darin ein Wäschermädel in Wien um 1830, das durch Vermittlung des Schauspielers Ferdinand Raimund (dargestellt von Leo Slezak) zum Theater kommt, sofort zum Publikumsliebling wird, in Betrugsverdacht gerät, aber am Ende in einer Postkutsche auf die Bühne zurückkehrt und gefeiert wird. Ich kannte den Film bisher nicht, er ist sehr unterhaltsam, in Nebenrollen sind viele bekannte Schauspieler zu sehen (Gustav Waldau, Margarete Kupfer, Max Gülstorff, Aribert Mog, Theo Lingen, Albrecht Schoenhals) und die Musik von Franz Grothe verhilft Marta Eggerth zu temperamentvollen Bühnenauftritten. Der Regisseur Johannes Meyer beherrscht sein Handwerk, die außergewöhnliche Begabung von Wilhelm Thiele oder Erik Charell hatte er leider nicht. Das informative Booklet zur DVD stammt von Friedemann Beyer. Mehr zur DVD: %22filmjuwelen%22

Soirée beim Bundespräsidenten

2016.Schloss BellevueIm Schloss Bellevue wird heute Abend im Rahmen einer Soiree der deutsche Film gewürdigt. Die Veranstaltung steht unter dem Motto „Blicke auf Deutschland“. Bundespräsident Joachim Gauck wird eine Ansprache halten. Eine Collage „Autofahrten durch Deutschland“ erinnert an Momente der Filmgeschichte. Ich darf als Filmhistoriker ein kurzes Referat zur Bewahrung des Filmerbes halten. Dann spricht der Filmemacher Ali Samadi Ahadi (sein Film SALAMI ALAIKUM hat mir gut gefallen). Die Präsidentin der Deutschen Filmakademie, Iris Berben, wird ein Gespräch mit unseren Oscar-Preisträgern Volker Schlöndorff, Caroline Link und Florian Henckel von Donnersmarck moderieren. Erwartet werden rund 200 Gäste. Den Text meiner Rede stelle ich in den nächsten Tagen ins Netz.

Dziga Vertov

2016.VertovDziga Vertov (1895-1954) war der wichtigste Dokumentarist des sowjetischen Kinos der 1920er und 30er Jahre. Er hat in vielen Texten über sein Werk reflektiert und seine Filme gelten als experimentell. Adelheid Heftberger, Kuratorin der Vertov-Sammlung des Österreichischen Filmmuseums, hat jetzt bei edition text + kritik ein umfangreiches Buch über ihn publiziert. Sie stellt das Werk in größere Zusammenhänge der modernen Archivierung, verortet es im Bereich der Digital Humanities und gewinnt damit auch eine Reihe neuer Erkenntnisse über Vertov. Die sind vor allem für Spezialisten interessant. Sehr beeindruckt hat mich das Kapitel über Dziga Vertovs Filme (S. 171-267). Hier werden die acht bekanntesten Filme – KINO-AUGE (1924), VORWÄRTS, SOWJET! (1926), EIN SECHSTEL DER ERDE (1926), DAS ELFTE JAHR (1928), DER MANN MIT DER KAMERA (1929), DIE DONBASS-SINFONIE (1930), DREI LIEDER ÜBER LENIN (1934) und WIEGENLIED (1937) detailliert dargestellt: Inhalt und Produktion, Hinweise auf vorhandene Filmkopien, Rezeption in der Filmkritik der 20er/30er Jahre, formale Besonderheiten der Filme. Das ist als Einstieg höchst lesenswert. Im darauf folgenden Kapitel geht es um „filmische Struktur als Visualisierung“ in Verbindung mit dem Onlineprojekt „Cinemetrics“. DER MANN MIT DER KAMERA wird hier einer Detailstudie unterzogen. Ein eigenes Kapitel ist den Grafiken und Diagrammen von Dziga Vertov gewidmet. Der letzte Teil („Von der filmischen Form zur Bedeutung“) führt uns zu Vertovs Intervalltheorie, zu innerbildlichen Bewegungen, zu Gesichtern des Kommunismus und zu Lenin und Stalin als Filmmotiv. In ihren Formulierungen ist die Autorin sehr konkret und gut verständlich. Zahlreiche Abbildungen in guter Qualität ergänzen den Text. Band 2 der neuen Reihe „Filmerbe“, herausgegeben von Chris Wahl. Mehr zum Buch: VvrIHyhhrV4

Michael Tschesno-Hell

2016.Tschesno-HellEr war als Drehbuch-autor an den beiden Ernst Thälmann-Filmen (Regie: Kurt Maetzig) und an den beiden Karl Liebknecht-Filmen (Regie: Günter Reisch) beteiligt. Michael Tschesno-Hell (1902-1980) war überzeugter Kommunist, lebte ab 1945 in Ost-Berlin und hat Spuren hinterlassen. Der Schriftsteller Ralph Hammerthaler, vor allem als Romanautor bekannt, machte sich vor zwei Jahren auf eine intensive Spurensuche, forschte im Archiv der Akademie der Künste und im Bundesarchiv, sprach mit Zeitzeugen (u.a. Hermann Kant, Wolfgang Kohlhaase, Irma Münch, Horst Schulze) und publizierte jetzt in der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung ein interessantes, lesenswertes Buch: „Der Bolschewist“. Es handelt von einer sehr realen Person, geboren in Vilnius, 1922 übergesiedelt nach Leipzig, vor den Nazis nach Frankreich und dann in die Schweiz geflüchtet, im September 1945 nach Deutschland zurückgekehrt, Gründer des Verlages „Volk & Wissen“, Funktionär und Drehbuchautor in der DDR. Er war 1922 in die KPD eingetreten. Von seinen Überzeugungen hat ihn nie jemand abgebracht. Hammerthalers Buch ist klug strukturiert: nach einer ersten Annäherung an den Protagonisten folgt das Kapitel über die Produktionsgeschichte der Thälmann-Filme. In einer Rückblende wird dann die erste Hälfte des Lebens von Tschesno-Hell (1902-1945) erzählt. Es folgen Berichte über drei Filme, an denen er auch als Autor mitwirkte: DER HAUPTMANN VON KÖLN (1956), DIE MUTTER UND DAS SCHWEIGEN (1965) und DER MALER MIT DEM STERN (1969). Dann: die zweite Hälfte des Lebens (1945-1980) und die zwei Filme über Karl Liebknecht. Das letzte Kapitel heißt „Einsamkeit des Alters“. Ich hätte nicht gedacht, dass man über Tschesno-Hell ein so interessantes Buch schreiben kann. Mit einem Vorwort von Ralf Schenk und einem Nachwort von Rudi Schmidt. Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: products_id=482