Mobilität und Zeugenschaft

Eine Dissertation, die an der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden ist. Max Kramer untersucht darin „Unabhängige Dokumentarfilmpraktiken und den Kaschmirkonflikt“. Diesen geopolitischen Konflikt in Süd-asien gibt es seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft und der indischen Teilung 1947. Die mobilen Filmmöglichkeiten haben inzwischen für einen wachsenden Informationsstand über Konfliktregionen geführt. Mit vielen Filmbeispielen konkretisiert dies der Autor. Sie stammen vornehmlich aus der Zeit nach 2001. Zu erkennen sind zwei Prozesse: die „Tourismifizie-rung“ des Kaschmirtals und die sicherheitspolitische Rahmung des Konflikts. In zwei abschließenden Kapiteln stehen die Medialisierung von Raum- und Zeiterfahrungen des Konflikts im Mittelpunkt. Einer-seits ist der Text (300 Seiten) wissenschaftlich abgesichert und enthält viele entsprechende Verweise, andererseits ist durchgehend eine große Empathie des Autors zu spüren, der sich mit einigen Filmemacherinnen und Filmemachern eng verbunden fühlt. Man merkt bei der Lektüre, dass hier kein abstraktes Thema abgehandelt wird, sondern ein Konflikt, der den Autor auch emotional beschäftigt. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: 978-3-8376-4177-6

Selbstbestimmt

Mit etwas Verspätung sind jetzt bei Absolut Medien zwei DVDs zur Retrospektive der Berlinale erschienen, weil bei einem Film auf die digital restaurierte Fassung gewartet werden musste. Das Warten hat sich gelohnt, denn es geht ja nicht nur um die künstlerische, sondern auch um die technische Qualität. Zu sehen sind zwei lange Spielfilme, ein langer und ein halblanger Dokumentarfilm, sowie sechs Kurzfilme. Sechs Filme stammen aus der BRD, vier aus der DDR. NEUN LEBEN HAT DIE KATZE (1968) von Ula Stöckl erzählt episodisch von verschiedenen Frauen, die sich über die Veränderung ihrer Lebens-situation Gedanken machen. Gedreht (Kamera: Thomas Mauch, Dietrich Lohmann) in Techniscope als Abschlussfilm der Ausbildung am Institut für Filmgestaltung in Ulm. DAS FAHRRAD (1982) von Evelyn Schmidt lässt uns teilnehmen am schwierigen Leben einer alleinerziehenden Mutter in der DDR, die durch einen vorgetäuschten Fahrraddiebstahl mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Auch hier ist die Bildsprache (Kamera: Roland Dressel) beeindruckend. ICH DENKE OFT AN HAWAII (1978) von Elfi Mikesch (Regie, Kamera, Montage) ist das Porträt eines 16jährigen Mädchens in der Westberliner Gropiusstadt, das Träume hat, die nur zum Teil in Erfüllung gehen können. WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN (1989) von Helke Misselwitz zeigt den Alltag in einer privaten Kohlehandlung am Prenzlauer Berg mit einer Chefin und sieben männlichen Angestellten. Gefilmt in Schwarzweiß (Kamera: Thomas Plenert). Die Kurzfilme, alle sehr eigenwillig, stammen von May Spils (MANÖVER, 1967), Gitta Nickel (SIE, 1970), Angelika Andrees und Petra Tschörtner (HEIM, 1978/90), Christine Noll Brinckmann (DRESS REHEARSAL UND KAROLA 2, 1979/80), Hermine Huntgeburth (DIE MITSPEISENDEN, 1989) und Barbara Marheineke (MISS WORLD, 1998). Alle Filme mit englischen Untertiteln. Mit einem sehr informativen Booklet von Claudia Lenssen. Mehr zur DVD: Selbstbestimmt+Perspektiven+von+Filmemacherinnen

Ökonomie der Details

Eine Dissertation, die an der Universität Wien entstanden ist. Joachim Schätz untersucht darin „Österreichs Industrie- und Werbefilm zwischen Ratio-nalisierung und Kontingenz (1915-1965)“. Dies ist ein Nebenschauplatz der Film-geschichte, und man muss sich ganz schön anstrengen, in einem Repertoire von fünfzig Jahren Ordnung und Übersicht herzustellen. 80 Filme hat der Autor gesichtet und zum Teil genau protokolliert. Darunter findet man Titel wie BILDER AUS EINER EISENGIESSEREI (1922/23), BRÜCKENBAUER (1964), GUTE IDEEN ERLEICHTERN DIE ARBEIT und HÖHERE LEISTUNG, BESSERER LOHN (beide 1950) oder WENIGER LAUFEN – MEHR VERKAUFEN (1964), aber auch HANSL UND DIE 200.000 KÜKEN und TRAUDL’S NEUER GEMÜSEGARTEN (beide entstanden 1952 unter der Regie von Georg Tressler). Die vier Kapitel haben die Überschriften „Formen“, „Messen und Prüfen“, „Planen“ und „Sammeln und Ordnen“. Die Analysen der Filme sind kenntnisreich und konkret, es werden viele Verbindungen zum internationalen Film hergestellt, zum Beispiel zu Oskar Fischinger (KREISE, 1933) oder Joris Ivens (PHILIPS RADIO, 1931). Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Band 4 der Reihe „Film Erbe“. Coverfoto: PERLEN DER OSTMARK (1938). Mehr zum Buch: RRekqtW8

Living History

Eine Dissertation, die an der Universität Marburg entstanden ist. Monika Weiß untersucht darin „Zeitreisen(de) im Reality-TV“. Zu Beginn unseres Jahr-tausends gab es auffallend viele Rückblicke in die Zeit vor 100 Jahren. Es wurde nachgespielt, wie man damals gelebt, gearbei-tet und gewohnt hat. Die wichtigsten Inspirationen für entsprechende Formate kamen aus Großbritannien: THE 1900 HOUSE (1999) und THE EDWARDIAN COUTRY HOUSE (2002), beide von Chanel4. In der ARD kreierte man SCHWARZWALDHAUS 1902 – LEBEN WIE VOR 100 JAHREN (2001) und ABENTEUER 1900 – LEBEN IM GUTSHAUS (2004), beide wurden vom SWR produziert. In den USA gab es FRONTIER HOUSE (2002) und TEXAS RANCH HOUSE (2006), beide bei PBS. Eine Gruppe gecasteter Freiwilliger ließ sich für einige Zeit in die historische Situation zurückversetzen und ahmte den Alltag nach, wie er sich denn rekonstruieren ließ. Die Autorin analysiert das televisuelle Zeitexperiment, die Inszenierungsstrategien und die Ebenen der Erfahrbarmachung (Körperlichkeit, soziales Miteinander, Ernährung). Sie beschreibt dies mit großer Genauigkeit. In zwei abschließenden Kapiteln lokalisiert sie das Format zwischen Nationalität und Medienglobalisierung und sieht die Glokalität der Living History-Formate. Das Buch ist vor allem für Zuschauerinnen und Zuschauer interessant, die damals die Sendungen verfolgt haben, und es ist ein wichtiger Beitrag zur Fernsehgeschichte. Mit kleinen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: living-history.html

Kino der Sprachversionen

Als Ende der 20er Jahre der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm stattfand, war kurz-fristig die Internationalität des Mediums bedroht. Ein Ausweg waren zunächst die Sprach-versionen. Jessica Berry beschreibt in ihrer Studie zunächst, welche anderen Möglichkeiten ausprobiert wurden (unbearbeitete Original-versionen, Übersetzung in schriftlichen Untertiteln, polyglotte Filme, Synchronisa-tion). Dann vergleicht sie die Versionen von vier ausgewählten Filmen jener Jahre, die alle von Erich Pommer produziert wurden: DER BLAUE ENGEL / THE BLUE ANGEL von Josef von Sternberg, DIE DREI VON DER TANKSTELLE / LE CHEMIN DU PARADIS von Wilhelm Thiele, DIE DREIGROSCHENOPER / L’OPÉRA DE QUAT’SOUS von G.W. Pabst und SONNENSTRAHL / GARDEZ LE SOURIRE von Paul Fejos. Ihre Beobachtungen lesen sich sehr konkret und sind anschaulich formuliert. Hinzugefügt sind jeweils die Wahrnehmungen der Filme in der zeitgenössischen Presse. Das Buch liefert auf 120 Seiten viele interessante Informationen. Coverabbildung: Hans Albers, Conrad Veidt. Charles Boyer. Hauptdarsteller der deutschen, englischen und französischen Version des Films F.P.1 ANTWORTET NICHT. Mehr zum Buch: sprachversionen.html

Berlinerinnen

13 Frauen, „die die Stadt bewegten“, werden in diesem kleinen, aber höchst lesens-werten Buch von Barbara Sichtermann und Ingo Rose porträtiert: die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, die Ärztin Franziska Tiburtius, die Dichterin Else Lasker-Schüler, die Sozialarbeiterin Alice Salomon, die Sängerin und Kabarettistin Claire Waldoff, die Malerin Jeanne Mammen, die Schriftstellerin Gabriele Tergit, die Tänzerin Anita Berber, die Schauspielerinnen Helene Weigel, Marlene Dietrich und Hildegard Knef, die Pharmakologin und Politikerin Regine Hildebrandt, die Sängerin und Schauspielerin Nina Hagen. Jeder dieser 13 Berlinerinnen sind rund zehn Seiten gewidmet, auf denen ihr Leben und Wirken knapp und pointiert erzählt wird. Eine Abbildung ruft sie optisch in Erinnerung. Nur Nina Hagen ist noch am Leben. Nach den meisten der zwölf Verstorbenen ist in der Stadt ein Platz, eine Straße, eine Promenade, ein Park oder wenigstens ein S-Bahn-Bogen benannt. Die 13 Berlinerinnen wurden für das Buch klug ausgewählt, die Lektüre ist spannend. Mehr zum Buch: 13-frauen-die-die-stadt-bewegten

Filmische Zeugenschaft im Abseits

Eine Dissertation, die an der Universität Gießen entstanden ist. Robert Stock untersucht darin „Kulturelle Dekoloniali-sierungs­prozesse und Doku-mentarfilme zwischen Mosam-bik und Portugal“. Angesichts der aktuellen kulturpolitischen Debatten zur Kolonialisierung ist das ein interessanter Aspekt. Die meisten der hier behandelten Filme sind mir nicht bekannt. Der Autor unternimmt zunächst einen Exkurs zu „(Anti-)Kolo-nialen Meistererzählungen und dokumentarischer Filmen“, schildert dann geschichts-politische Hintergründe und teilt sein Hauptthema in fünf Kapitel: „Die Indienstnahme von Zeugenschaft in Filmen der revolutionären Umbrüche“, „Filmische Zeugenschaft abseits antikolonialer Meistererzählungen“, „Filmische Zeugenschaft und die multiperspektivische Aufarbeitung kolonialer Gewalt nach 1990“, „Koloniale Ruinen als Schauplätze von Zeugenschaft“ und „Zeugenschaft als Archivkritik. Filmisch-fotografische Gedächtnis-szenen“. In der Analyse der Filme dominieren politische Aspekte, aber die Form der Filme wird nicht außer Acht gelassen. Die Kenntnis der einschlägigen Literatur ist beeindruckend. Mit kleinen Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverabbildung: aus dem Film NATAL 71 (1999) von Margarida Cardoso. Mehr zum Buch: 978-3-8376-4506-4

BONJOUR PARIS (2017)

Im Original heißt der Film JEUNE FEMME. Er erzählt die Geschichte der 31jährigen Paula, die aus Mexiko nach Paris zurückkehrt, von ihrem langjährigen Freund Joachim, einem Fotografen, rausge-schmissen wird und irgendwie bei Null wieder anfangen muss. In der ersten Szene will sie mit dem Kopf durch die zugeworfene Tür und wacht in der Notauf-nahme auf. Die Stirnwunde begleitet sie durch den ganzen Film. Sie braucht eine Bleibe, Geld, einen Job und Hilfe. Aber wie bekommt man das, wenn Unberechenbarkeit und Aggressivität dominierende Eigenschaften sind? Paris erweist sich als Labyrinth, aus dem Paula erst am Ende einen Ausweg findet. Der Debutfilm von Léonor Serraile hat eine große Kraft, die einerseits durch die Hauptdarstellerin Laetitia Dosch entsteht und andererseits durch die Bilder der Kamerafrau Emilie Noblet. Wir sind Teil des Geschehens und doch nur Zuschauer eines 90-Minuten-Dramas mit einer Hauptfigur. Beeindruckend! Bei absolut Medien ist jetzt in der Reihe „Femmes totales“ die DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: BONJOUR+PARIS

„Aus dem Licht“

Die holländische Autorin Marente de Moor erzählt in ihrem Roman aus dem Leben zweier Erfinder im Jahr 1890 und danach: Valéry Barre aus Frankreich (in Wirklichkeit hieß er Louis Le Prince) und Thomas Alva Edison aus den USA. Beide arbeiten an den technischen Voraussetzungen für die Projektion bewegter Bilder. Zunächst begleiten wir Valéry Barre auf der Reise von Dijon nach Paris, wo er sein Patent anmelden will, aber nie ankommen wird. Er verlässt die Eisenbahn unterwegs, verirrt sich in einem Provinzort, landet bei einem Pfarrer und geht schließlich auch uns Lesern verloren. Dann wechselt der Schauplatz in die USA. Hier wird die Besessenheit von Edison aus der Perspektive seiner zweiten Ehefrau Mia erzählt, die am liebsten in ihrem Gewächshaus lebt und den Ehrgeiz ihres inzwischen schwerhörigen Mannes mit Ironie zu ertragen versucht. In einem dritten Kapitel erscheint Valerys Sohn Guillaume auf der Bildfläche, der herausfinden will, wo sein Vater verblieben ist. Und am Ende wird eine originelle Verbindung zwischen Barre und Edison hergestellt. Es hat für mich hohe literarische Qualitäten, wie die Autorin den damaligen Zeitgeist beschreibt, wie sie zwischen Traum und Realität wechselt, Rückblenden einfügt und dafür sorgt, dass wir keiner Sache sicher sein können. Meike Fessmann hat in der Süddeutschen Zeitung eine sehr lesenswerte Rezension des Romans publiziert. (1.4334835 ). Mehr zum Buch: 978-3-446-26176-1/

„Marlene und die Suche nach Liebe“

Christopher W. Gortner ist ein amerikanischer Autor, dessen Spezialität historische Romane sind. Im Mittelpunkt stehen immer prominente Frauen: Königin Elizabeth I. von England, Königin Isabella I. von Kastilien, Lucrezia Borgia, Coco Chanel. 2016 erschien sein Roman „Marlene“ in den USA, die deutsche Ausgabe, übersetzt von Christine Strüh, hat jüngst der Aufbau Verlag veröffentlicht. Der erste Satz lautet: „Als ich mich das erste Mal verliebte, war ich zwölf Jahre alt.“ Es handelte sich um ihre Französischlehrerin. Der letzte Satz heißt: „Und als ich ihre Hand in meiner fühlte, so kühl und glatt, antwortete Garbo: ‚Ich weiß’.“ Das Treffen fand bei einer Party von Orson Welles statt. Der Zeitrahmen des Romans sind die Jahre 1913 bis 1945. Erzählt werden Marlenes Liebes-beziehungen zu Männern und Frauen, der Verlauf ihrer Karriere, das komplizierte Familienleben mit ihrem Ehemann Rudolf Siebert, ihrer Tochter Maria („Heidede“) und Sieberts Partnerin Tamara Matul, die verschiedenen Versuche der Nazis, sie nach Deutschland zurück-zuholen. Das faktische Gerüst ist ziemlich stabil, es tauchen all die Personen auf, die man erwartet, die Schilderung der erotischen Details ist grenzwertig. Relativ gelungen finde ich das letzte Kapitel, die Truppenbetreuung in Afrika und Europa. Insgesamt hat mir der Dietrich-Roman von Katja Kulin besser gefallen (marlene-dietrich-2/ ). Mehr zum Buch: suche-nach-liebe.html