DIE FRAU MIT DER KAMERA (2015)

2016.DVD.Frau mit der KameraDer Film über ihre Freundin, die Fotografin Abisag Tüllmann (1935-1996) war ein Herzens-projekt von Claudia von Alemann. Nach der Kinoauswertung ist er jetzt bei good!movies als DVD erschienen. Mir hat dieses Porträt, das mit einem langsamen Gang durch die Wohnung kurz nach ihrem Tod beginnt und mit dem Foto endet, das wir auf dem DVD-Cover sehen, sehr gut gefallen. Es ist nicht nur der Film über eine große Künstlerin, sondern auch über eine Freundschaft, die diese beiden Frauen über mehr als drei Jahrzehnte verbunden hat. Hunderte von Fotos führen uns zurück in die Konflikte der 1960er und 70er Jahre, beginnend mit der Unterzeichnung des Oberhausener Manifests. Freundinnen und Freunde erzählen von Abisag Tüllmanns Leben und ihrer Arbeit, darunter die Malerin Sigrid Baumann-Senn, die Fotografin Barbara Klemm, der Designer Josef Bar-Pereg, die Produzentin Helma Schleif. Sie war Standfotografin bei den Filmen DIE ALLSEITIG REDUZIERTE PERSÖNLICHKEIT von Helke Sander und DIE REISE NACH LYON von Claudia von Alemann. Ein eigenes Kapitel ist ihren Theaterfotografien gewidmet. Sie war sozial engagiert und hat Obdachlose fotografiert, sie war unterwegs in Algerien, in Rhodesien, in Israel. Sie hat langsam und sehr nachdenklich gesprochen, schnell und meist im entscheiden Moment auf den Auslöser der Kamera gedrückt. Porträts von Künstlerinnen und Künstlern ist ebenfalls ein eigenes Kapitel gewidmet. Am Ende des Films gibt es Ausschnitte aus einem späten Interview, in dem sie sich über Veränderungen in der Fotografie äußert. Beeindruckend! Mehr zur DVD: 81&cid=15588

Stanley Kwan

2017.Stanley KwanEr gehört – wie sein Kollege Wong Kar-wei – zur Second Wave des Hongkong-Kinos, die in den 1980er Jahren mit der Filmarbeit begonnen hat. Sechsmal war er mit einem Film auf der Ber-linale: zuerst mit LOVE UNTO WASTE (1987) im Forum, mit FULL MOON IN NEW YORK (1990) im Panorama und viermal im Wettbewerb: mit den Filmen CENTER STAGE (1992), RED ROSE WHITE ROSE (1995), HOLD YOU TIGHT (1998, ausgezeichnet mit dem Alfred Bauer-Preis und einem Teddy Award) und THE ISLAND TALES (2000). Dem Regisseur Stanley Kwan ist das neue Heft der Film-Konzepte (Nr. 45) gewidmet, das Johannes Rosenstein herausgegeben hat. Er verortet Kwan in seinem Einleitungstext im Hongkong-Kino und richtet dann den Blick auf „(Melo-)Drama und (Homo-)Sexualität“ in seinem Werk. Anna Stecher vergleicht den Film EVERLASTING REGRET (2005) mit der literarischen Vorlage von Wang Anyi. Bei Martin Gieselmann geht es um Raum- und Zeitkonzeptionen in FULL MOON IN NEW YORK und EVERLASTING REGRET. Isabel Wolte untersucht die China-Motive in FULL MOON IN NEW YORK. Tim Trausch reflektiert über den wiederholten Selbstmord in CENTER STAGE. Clemens von Haselberg begibt sich auf die Suche nach Hongkong in LOVE UNTO WASTE. Hendrike Bake analysiert den frühen Kwan-Film ROUGE (1988). Alle Beiträge sind sachkundig und machen auf die Filme neugierig. Das Coverfoto stammt aus dem Film ROUGE. Mehr zum Heft: WJtLKyjzTV4

Wilhelm Roth wird 80

2017.Willi Roth 2Der Autor, Filmkritiker und Redakteur Wilhelm Roth feiert heute seinen 80. Geburtstag. Dazu gratuliere ich ihm herz-lich. Willi, in Regenburg geboren, hat in München studiert, war von 1965 bis 67 Filmredakteur im 3. Fernsehprogramm des WDR, hat dann bis 1973 redaktionell die Zeit-schrift Filmkritik betreut, kam nach Berlin als Mitarbeiter der „Freunde der Deutschen Kinemathek“. 1974 haben wir gemeinsam die Filme von Rainer Werner Fassbinder für den zweiten Band der „Reihe Film“ im Kino der dffb gesehen, er schrieb die Kommentierte Filmografie, ich stellte die Daten zusammen. Es gab zwischen uns immer eine Nähe im filmischen Verständnis (und in der Liebe zum Kriminalroman). 1981 ging er nach Frankfurt als Redakteur des Pressedienstes Kirche und Film, initiierte die Gründung der Zeitschrift epd Film, die er als verantwortlicher Redakteur bis 2002 leitete. Zu seinen großen Verdiensten gehört das Buch „Der Dokumentarfilm seit 1960“, das mein „Filmbuch des Jahres 1982“ wurde (der-dokumentarfilm-seit-1960/ ). Zu seinem Geburtstag hat Willi sich selbst und seinen Freunden eine Publikation geschenkt, „Wilhelm Roth: Film, Theater, Leben“, die vor allem Texte aus den letzten Jahren enthält, in denen er meist aus sehr persönlicher Sicht über Filme, Theater- und Opernaufführungen und Bücher geschrieben hat, u.a. über den bundesdeutschen Film der 50er Jahre, die Leipziger Filmwoche, Klaus Wildenhahn, Max Ophüls, die Schauspielerinnen Ursina Lardi, Dorothee Hartinger und Jennifer Minetti, das Internationale Büchner-Festival in Gießen, den mongolischen Dichter Galsan Tschinag und den amerikanischen Krimiautor Dennis Lehane. Es ist oft das Entlegene, das ihn interessiert und worüber er Texte verfasst hat, die ich zum Teil nicht kannte. Das Foto stammt von Theresa Duck, die das Heft grafisch sehr schön gestaltet hat. Wer Willi gratulieren will und ein persönliches Interesse an der Publikation hat, darf sich bei ihm melden: wilhelmroth@web.de

Helene Schwarz wird 90

2017.Helene 90Sie war viele Jahrzehnte als Assistentin in der Studien-leitung die Seele der Deutschen Film- und Fernsehaka-demie Berlin. Ihre positive Ausstrahlung hat auch in Konfliktzeiten für Ausgleich gesorgt. In ihrem Büro trafen sich Studenten, Absolventen und Dozenten. 2005 drehte Rosa von Praunheim den Dokumentarfilm WER IST HELENE SCHWARZ?. Sie erhielt die Berlinale-Kamera und ist Ehrenmitglied der Deutschen Filmakademie. 1969 gründete sie eine Skatrunde, die sich an jedem Donnerstag zum Spiel trifft. Wer verliert, zahlt in die Kasse, und alle paar Jahre wird daraus der Helene-Schwarz-Preis finanziert: für einen dffb-Film des zweiten Jahrgangs. Ich habe mit Helene zehn Jahre als Studienleiter eng zusammengearbeitet und gehöre seit der Gründung zur Skatrunde. Heute feiert Helene, man kann es kaum glauben, ihren 90. Geburtstag, und ausnahmsweise wird deshalb an einem Montag gespielt. Rosa, ein regelmäßiger Mitspieler, sagt dazu: „Ist das nicht wunderbär?“

ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG (1972)

2017.Acht StundenHeute hat als „Berlinale Special“ in der Volksbühne am Rosa-Luxem-burg-Platz die digitalisierte Fassung von Rainer Werner Fassbinders Serie ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG Premiere. Gezeigt werden die Folgen 1 und 2, morgen die Folgen 3, 4 und 5. Jede Folge dauert zwischen 90 und 100 Minuten. Die Serie musste – 45 Jahre nach ihrer Entstehung – aufwändig restauriert werden, weil das Ausgangsmaterial Schaden genommen hatte. Sie wurde damals als WDR-Produktion in Köln und Mönchengladbach realisiert und war vor allem bei den Zuschauern ein großer Erfolg. Die Hauptrollen spielten Gottfried John, Hanna Schygulla, Luise Ullrich und Werner Finck. Am Montag um 18 Uhr diskutieren im Filmhaus am Potsdamer Platz zunächst Juliane Lorenz, Saskia Walker und Martin Wiebel über die Fassbinder-Serie und anschließend Philipp Leinemann, Hans-Christian Schmid und Jörg Winger über die aktuelle Entwicklung des Serienformats in Deutschland. Moderation: Klaudia Wick. Ab Montag ist die Serie auch täglich von 10 bis 18 Uhr in der Mediathek Fernsehen im Filmhaus zu sehen. Bei Studiocanal sind zeitgleich DVD und Blu-ray erschienen. Mehr zur Blu-ray: acht_stunden_sind_kein_tag-blu-ray

Future imperfect

2017.future imperfectDie Retro-spektive der Berlinale wird wie immer von der Deutschen Kinemathek verantwortet, ihr Thema bezieht sich auf die aktuelle Sonderaus-stellung im Museum für Film und Fernsehen: Science-Fiction-Film. Es werden 27 internationale Spielfilme und zwei Kurzfilme gezeigt, die Vorführungen finden im CinemaxX 8 und im Zeughauskino statt. Die Publikation zur Retrospektive trägt den Titel „future imperfect“ und ist im Verlag Bertz + Fischer erschienen. Das Herausgeber-Trio – Connie Betz, Rainer Rother, Annika Schaefer – führt ins Thema ein. Sherryl Vint informiert über den amerikanischen Science-Fiction-Film seit den 1950er Jahren („Imperfect futures and ominous imaginaries“). Bei Mark Bould geht es um die Dystopie im Science-Fiction-Film („Between the sleep and dream of reason“). Von Tobias Haupts stammt eine kurze Geschichte des deutschen Science-Fiction-Films („The empty sky“). Aidan Power untersucht die europäischen Science-Fiction-Filme der 1960er und 70er Jahre („Modern inclinations“). Matthias Schwarz beschäftigt sich mit dem Science-Fiction-Film im kommunistischen Osteuropa („Archaeologies of a past future“). Der Band erscheint in Kooperation mit dem Museum in Modern Art, alle Texte in englischer Sprache. Sie sind sehr lesenswert und werden von zahlreichen Abbildungen in guter Qualität ergänzt. Das Coverfoto stammt aus dem tschechoslowakischen Film IKARIE XB 1 (1963). Mehr zur Retrospektive retrospektive/index.html und zum Buch: http://www.bertz-fischer.de/futureimperfect.html

Zehn Tage im Februar

2017.Zehn Tage im FebruarNoch ein Buch, mit dem man sich gut auf die Berlinale vorbe-reiten kann. Was könnte auch sonst mit dem Titel „Zehn Tage im Februar“ gemeint sein? Dies ist ein Roman. Heike-Melba Fendel erzählt von einer Frau, die am Eröffnungstag des Festi-vals zuhause einen Zettel ihres Mannes vorfindet, mit dem sie sich am Vorabend heftig gestrit-ten hat: „Ziehe für zehn Tage zu Sepp, das ist besser für uns beide.“ Es ist das Jahr 2013, zur Eröffnung wird der Film THE GRANDMASTER von Wong Kar-Wai gezeigt, mit dem unsere allein gelassene Erzählerin nicht viel anfangen kann. Sie erinnert sich, dass sie zwölf Jahre zuvor mit dem Mann, damals in Köln, den Film IN THE MOOD FOR LOVE gesehen hatte, den sie beide nicht mochten. Und wir erfahren – immer aus der Perspektive der Frau – viel über ein Leben zwischen Köln und Berlin, über die Gründung einer Firma, die sie zusammen mit ihrer Freundin, der Fotografin Marianne betreibt, über Festivalreisen nach Edinbourgh, Cannes, Venedig und Hof, über den Umgang mit Untermieterinnen, über Begegnungen mit Tim Burton, über die Rituale beim Berlinale-Dining-Club im Kaisersaal, über Mahlzeiten im Einstein Unter den Linden, über das gefährliche Fahrradfahren bei Nacht und, immer wieder, über die Egomanien des Mannes. Wie ein roter Faden zieht sich ihre Verehrung für die Filmemacherin Jane Campion durch das Buch. Sie hat alle Filme von ihr gesehen, sie mehrfach auf Festivals getroffen, sieht schließlich in Berlin die Serie TOP OF THE LAKE und hat daran viel auszusetzen. Heike-Melba Fendel ist eine gute Erzählerin, sie mischt Authentisches mit Fiktivem, lässt uns an überraschenden Assoziationen teilnehmen. Die Lektüre ist spannend, und den Schluss verrate ich nicht. Mehr zum Buch: zehn-tage-im-februar.html

Mit Harald Martenstein im Kino

2017.MartensteinMit diesem Buch kann man sich auf die Berlinale vorbereiten. Denn von den 81 Texten, die hier versammelt sind, erzählen 78 von Erfahrungen, die Harald Martenstein bei diesem Festival gemacht hat, von persönlichen Erlebnissen und natürlich auch von Filmen. Er schreibt seit vielen Jahren Kolumnen für den Tagesspiegel und die Zeit, die oft sehr amüsant sind, weil sie überraschende Verbindungen herstellen und einer eigenen Logik folgen. Für diese Antho-logie hat der Autor Kolumnen aus den Jahren 1999 bis 2016 ausgewählt. Sieben längere, sehr lesenswerte Texte sind einzelnen Filmen gewidmet: NACHTGESTAL-TEN von Andreas Dresen, PARADISO von Rudolf Thome, GOSFORD PARK von Robert Altman, 25TH HOUR von Spike Lee, COMANDANTE von Oliver Stone, STANDING OPERATION PROCEDURE von Errol Morris und FEUERHERZ von Luigi Falorni. Außerdem geht es zum Beispiel um West und Ost im Berlin vor der Jahrtausendwende, den Berlinale-Palast, Dieter Kosslick, Parties und Empfänge, Pressekonferenzen und Stars, um Wowi, Helmut Dietl, Roberto Benigni, Angelina Jolie, Robert De Niro, Carla Bruni, Rolf Eden und Klaus Lemke, um die „Neun-Uhr-Filme“ (morgens, für die Presse), die ersten und die letzten zwanzig Minuten eines Films, Sex im Film, „schlechte“ Filme, „Konsensfilme“, die Frauenquote, die RAF im Film, die vielen Fragen in den Dialogen von GNADE, Houellebecq, Cinema for Peace, „Kunstscheiß“ und das Schreiben eines Drehbuchs. Der erste Text fragt sehr persönlich „Warum das Ganze?“, der zweite handelt von der Arbeit als Filmredakteur. Insgesamt: viel Stoff für 200 Seiten. Die Lektüre ist natürlich kurzweilig. So allein wie auf dem Coverfoto war der Autor bei der Berlinale sicherlich selten in einem Kino. Mehr zum Buch: e489105.rhd

THE NIGHT MANAGER (2016)

2016.DVD.Night ManagerEine Mini-Serie mit acht Folgen à 45 Minuten nach dem Roman von John le Carré. Diesen Autor lieben wir seit vielen Jahren, haben den „Nachtmanager“ Mitte der 90er Jahre gelesen und waren sehr gespannt auf die Verfilmung, die jetzt auf DVD zu sehen ist. Sie ist sehr gelungen. Erzählt wird die Geschichte des ehemaligen Soldaten Jonathan Pine (gespielt von Tim Hiddle-ston), der mit dem britischen Geheimdienst zusammen-arbeitet, und des Waffenhänd-lers Richard Roper (Hugh Laurie), der Deals mit Terroristen im Nahen Osten macht. Um ihn zu überführen, dringt Pine in Ropers engsten Kreis ein. Dabei erkennt er auch die schwierige Situation von Ropers attraktiver Frau Jed (Elizabeth Debicki), zu der er sich hingezogen fühlt. In Le Carrés Roman war Pines Verbindungsperson zu MI6 noch ein Mann, jetzt ist es die schwangere Agentin Angela Burr (Olivia Colman). Die Modernisierungen haben der Geschichte gut getan, die wechselnden Schauplätze (Kairo, London, Mallorca, Naher Osten) sind durch eindrucksvolle Aufnahmen miteinander verbunden, Musik und Kameraführung wirken exzellent, die genannten Darsteller und Darstellerinnen spielen hervorragend zusammen, auch die Nebenrollen sind bestens besetzt. Die beiden Protagonisten liefern sich einen existentiellen Zweikampf. Als Regisseurin hat Susanne Bier gut gearbeitet. Fragt sich nur, ob es eine zweite Staffel gibt, das offene Ende deutet darauf hin. Die DVD enthält 57 Minuten Bonus-Material. Mehr zur DVD: 9154db5bb8c36

Kurt Tucholsky: „Seifenblasen“

2017.SeifenblasenEr war Journalist und Schrift-steller, Pazifist und nicht unbedingt ein Liebhaber des Kinos. Kurt Tucholsky (1890-1935) hat sich, zuerst in der Schaubühne, später in der Weltbühne, mehrfach über den Film geäußert, in der Regel spöttisch. Michael Töteberg zitiert in seinem Nachwort aber auch einen positiven Satz; über den CALIGARI-Film schrieb Tucholsky 1920: „Die größte aller Seltenheiten: ein guter Film.“ Immerhin verfasste der Autor 1931 unter dem Namen Peter Panter, einem seiner Pseudonyme, das Filmskript „Seifenblasen“, das jahrzehntelang ungedruckt blieb, 2011 in der Werkausgabe erstmals veröffentlicht wurde und jetzt als Rowohlt Taschenbuch erschienen ist. Die Idee zum Stoff stammte von G. W. Pabst, Auftraggeber war die Firma Nero-Film, der Film wurde nie realisiert. Erzählt wird die Geschichte von Barbara, die Schauspielerin werden will, zunächst in einer Revue als Nummerngirl arbeitet und dann Karriere als Damenimitator macht: eine junge Frau, die sich als Mann (Paulus) ausgibt, der als Frau auftritt. Die komische Konflikte kann man ahnen, sie werden sehr originell beschrieben und nehmen immer neue Wendungen. Natürlich gibt es ein Happyend. Schade, dass der Film damals nicht gedreht wurde. Mit dem Slatan Dudow-Film SEIFENBLASEN (1933) hat Tucholskys Skript im Übrigen nichts zu tun. Coverfoto: Renate Müller in dem Film VIKTOR UND VIKTORIA (1933). Mehr zum Buch: seifenblasen.html