UND EWIG SINGEN DIE WÄLDER (1959)

Die norwegische Romantrilogie von Trygve Gulbranssen wurde für die deutsch-österreichische Verfilmung zweigeteilt: 1959 realisierte Paul May UND EWIG SINGEN DIE WÄLDER, 1960 drehte Gustav Ucicky DAS ERBE VON BJÖRNDAL. Der erste Teil ist jetzt bei den Filmjuwelen als DVD erschienen. Er erzählt die melodramatischen Auseinan-dersetzungen zwischen dem vernarbten Großbauern Dag Björndal (gespielt von Gert Fröbe) und seinem adligen Nachbarn von Gall (Carl Lange). Als sich Dags älterer Sohn Tore (Hansjörg Felmy) bei einem Dorffest in Galls Tochter Elisabeth (Anna Smolik) verliebt, wird er von ihrem Verlobten (Jürgen Goslar) im Duell getötet. Die nachbarlichen Konflikte eskalieren, Dags jüngerer Sohn (Joachim Hansen) heiratet die gutherzige Adelheid (Maj-Britt Nilsson), sein starrköpfiger Vater bringt den verhassten Nachbarn von Gall um sein Vermögen und stirbt am Ende nach einem Gewaltmarsch zu einer Berghütte an der Wiege seines Enkels. Das ist als Drama sehr wirkungsvoll inszeniert, die Bilder (Kamera: Elio Carnell) sind stark, die Schauspieler*innen – vor allem Gert Fröbe – haben große Momente. Es war mit sieben Millionen Besuchern der erfolgreichste westdeutsche Film der Saison 1959/60. Zum Bonusmaterial der DVD gehören ein Interview mit Joachim Hansen und ein Booklet von Oliver Bayan. Mehr zur DVD: Filmjuwelen/dp/B073XH8SBT

Klaus Wildenhahn gestorben

Am Donnerstag ist der Dokumentarist Klaus Wildenhahn im Alter von 88 Jahren in Hamburg gestorben. Er ist mit seinem Werk fester Bestandteil der deutschen Film- und Fernsehge-schichte. Seinen letzten Film hat er im Sommer 1999 gedreht: EIN KLEI-NER FILM FÜR BONN, die Stadt, in der er 1930 geboren wurde. Die wichtigsten Themen seiner beobachtenden Dokumentarfilme waren Musik, Arbeit und deutsche Geschichte. Zu seinem Lebensmittelpunkt wurde Hamburg, er war von 1961 bis 1995 beim NDR festangestellt, zuerst in der „Panorama“-Redaktion, dann im Fernsehspiel, dann in der Bildungsabteilung des Dritten Programms. Für seine Filme war er viel unterwegs, vor allem in der deutschen Provinz und in den USA. Zu seinen größten Vorbildern gehörte Richard Leacock, dem er einen eigenen Film gewidmet hat. Er hat mehrere Bücher verfasst, das erste hieß „Über synthetischen und dokumentarischen Film. Zwölf Lesestunden“ (1973), das letzte „Abendbier in flacher Gegend. Filmtheorie Nr. 4“ (2015). Egon Netenjakob hat ein wunderbares Buch über ihn geschrieben: „Liebe zum Fernsehen und ein Portrait des festangestellten Filmregisseurs Klaus Wildenhahn“ (1984). In einem Heft der Reihe „Kinemathek“ (Nr. 92, September 2000) sind alle seine Filme dokumentiert. Bei Absolut Medien sind in einer DVD-Box 14 Filme von ihm erschienen (Klaus+Wildenhahn+Edition). Klaus gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste. Viele Jahre kam er regelmäßig zu den Mitgliederversammlungen. Er mochte die kollegialen Gespräche, war mit Jürgen Böttcher und Volker Koepp, Hans-Dieter Grabe und Thomas Schadt befreundet. Genervt hat ihn das Thema Internet, weil es ihm fremd war. Lieber Klaus, Du wirst mir sehr fehlen. – Über unsere Zusammenarbeit in der DFFB habe ich vor 22 Jahren einen Text geschrieben, der noch heute gültig ist: klaus-wildenhahn/

Enno Patalas gestorben

In München ist am Dienstag der Filmhistoriker Enno Patalas im Alter von 88 Jahren gestorben. Wir hatten schon seit längerer Zeit keinen Kontakt mehr, er lebte in den letzten Jahren zurückgezogen in seiner Wohnung in der Ainmillerstraße in Schwabing. Es gab Jahre, da haben wir eng zusammengearbeitet, zum Beispiel beim Fritz Lang-Buch der „Reihe Film“ 1976, beim Lubitsch-Buch 1984, das wir gemeinsam zur Berlinale-Retrospektive herausgegeben haben. Er war von 1973 bis 1994 Leiter des Filmmuseums München, hat dort tolle Retrospektiven zusammengestellt und viel für die Rekonstruktion deutscher Stummfilme getan. Manche Kontakte liefen auch über seine Frau Frieda Grafe, die ich zur Mitarbeit an zahlreichen Publikationen der Kinemathek gewinnen konnte. Leider ist sie schon 2002 gestorben. Enno hat danach ihre Texte in 12 Bänden herausgegeben. Für den Tagesspiegel habe ich einen Nachruf auf Enno geschrieben: 22899050.html

Rockumentary

Eine Dissertation, die an der Universität Bayreuth entstanden ist. Laura Niebling untersucht darin Theorie, Geschichte und Industrie des dokumentarischen Musikfilms. Eine erste Annähe-rung ans Thema erfolgt mit dem Film MONTEREY POP (1968) von D. A. Pennebaker, der Serie CLASSIC ALBUMS (1992ff.) und dem Film JUSTIN BIEBER – NEVER SAY NEVER (2011) von Jon M. Chu. Ein längeres Kapi-tel ist der generellen Verbindung von Film und Musik gewidmet. Dann geht es zurück in die Direct Cinema-Ära (1960-80), in die MTV-Ära (1980-2000) und hin zur modernen Rockumentary-Ära (bis heute). Mit der Ökonomie der modernen Rockumentary beschäftigt sich ein eigenes Kapitel: Beigabe, B-Movie, Blockbuster. Ein Abschlusskapitel zieht Bilanz. Die Autorin hat eine große Fähigkeit, Bilder zu beschreiben, sie in eine Verbindung mit der Musik zu setzen und technische Hintergründe zu erklären. Das macht den Text aufschlussreich. Mit Abbildungen in guter Qualität, einer umfangreichen Bibliografie und einem Filmregister. Mehr zum Buch: rockumentary.html

Literatur und Film als Zeitdiagnose

Volker Steenblock unternimmt in diesem Buch auf 160 Seiten eine Passage durch die Litera-tur- und Filmgeschichte, in der er das Verhältnis von populärer Kultur, Kunst, Film und Bildung thematisiert. Es sind vor allem die Genres, auf die er sich in seinen Texten fokussiert: Trickfilm, Vampir-film, Krimi, Western, Fußball-film, Historien- und Religi-onsfilm, Liebesfilm, Science-Fiction-Film. In einem Kapitel geht es um den Physiker (Stephen Hawking) als Popstar. In einem anderen Kapitel versucht er, die Welt der Clips, Spiele, Serienformate und Social Media auf den Begriff zu bringen. Zahlreiche Filmbeispiele werden nicht analysiert, aber konkret beschrieben, u.a. TWILIGHT, THE PRIVATE LIFE OF SHERLOCK HOLMES, THE SEARCHERS und THE OUTLAW, DAS WUNDER VON BERN, DER MEDICUS, TERMINATOR. Eingefügt sind Unterrichtsmaterialien, denn die pädagogischen Absichten des Buches sind unverkennbar. Natürlich spielt auch die Literatur eine große Rolle. Es gibt viele interessante Gedanken. Mehr zum Buch: Literatur-und-Film-als-Zeitdiagnose

Die Marvel Kinofilme

In schlagworthafter Verein-fachung, aber mit großem Bilderreichtum werden in diesem Buch die Kinofilme des Marvel Studios vorge-stellt, das seit 2009 zur Walt Disney Company gehört. Es geht um Figuren wie CAP-TAIN AMERICA, IRON MAN, THOR, ANT-MAN, DOCTOR STRANGE und (zuletzt) BLACK PANTHER. Wichtigste Unterscheidung: Wer sind die Guten, wer sind die Bösen? Aber auch die folgenden Fragen werden kurz beantwortet: Wer sind die Haupt-akteure? Was sind Superkräfte? Wo spielen die Filme? Wo kommt die ganze Technik her? Welchen Film schaue ich zuerst? Warum soll ich den Abspann anschauen? Es gibt bisher drei Phasen: die erste beginnt 2011 mit CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER, die zweite 2013 mit IRON MAN 3, die dritte 2016 mit THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR. Da wird gefragt: Warum gibt es einen Civil War? Sind Tierkostüme der neue Trend? Ist Ego gut oder böse? Wer sind die neuen Guardians? Was ist Ragnarök? Was ist so besonders an Wakanda? Oder auch, ein Detail: Wer sind diese furchterregenden Kriegerinnen in Rot? Auf jede dieser Fragen gibt es eine Antwort. Und am Ende steht die Ankündigung, dass aus dem Kosmos eine neue Gefahr auftaucht: der rücksichtslose Krieger Thanos in dem Film AVENGERS: INFINITY WAR. Er ist seit April in unseren Kinos zu sehen. Ein Buch vor allem für Fans. Mehr zum Buch: 9783831035335

Von Chefinnen und Prinzessinnen

Antonia Roeller hat an der UCLA in Los Angeles studiert und ist seit zehn Jahren als Autorin und Übersetzerin in Berlin tätig. Im Verlag Master School Drehbuch hat sie jetzt zwei Essays über Frauenfiguren in Film und Fernsehen publiziert. Im ersten geht es um Chefinnen. Sind sie karrieresüchtig, machtversessen, einsam? Zwei Filme (WORKING GIRL von Mike Nichols, 1988, und THE DEVIL WEARS PRADA von David Frankel, 2006) sowie diverse Fernseh-serien (DAMAGES, BORGEN, DANNI LOWINSKI) sind ihre Beispiele. Einiges, so ihr Resümee, hat sich seit WORKING GIRL zum Besseren entwickelt, aber es ist noch viel zu tun. Im zweiten Essay werden Märchenfilme untersucht. Es geht um Schönheit (in den Schneewittchen-Filmen MIRROR MIRROR von Tarsem Singh und SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN von Rupert Sanders), um finanzielle Absicherung (in der Froschkönig-Verfilmung THE PRINCESS AND THE FROG von Ron Clements und John Musker), um die Mutterrolle (in der Rapunzel-Verfilmung MALEFICENT von Robert Stromberg), um die Patchworkfamilie (in der Aschenputtel-Verfilmung EVEN AFTER. A CINDERELLA STORY von Andy Tennant), um die Selbstbestimmung (in der Schneekönigin-Verfilmung FROZEN von Chris Buck und Jennifer Lee). Roellers Resümee: „Die jüngsten Märchenverfilmungen zeigen Heldinnen, die nicht auf die Erlösung durch einen Prinzen warten“. Interessante Lektüre. Mehr zum Buch: unternehmen/edition

HUNGER IN WALDENBURG und MORGENRÖTE (1929)

Zwei Filme aus dem Jahr 1929 stehen im Zentrum dieser Edi-tion des Filmmuseums Potsdam, publiziert von Absolut Medien: HUNGER IN WALDENBURG: UM’S TÄGLICHE BROT von Phil Jutzi und Leo Lania erzählt die Geschichte eines jungen Arbeiters (gespielt von Holmes Zimmermann), der seine Eltern verlässt, um im nahegelegenen Industrierevier Geld zu verdie-nen. Er findet eine Unterkunft bei einer Bergarbeiterwitwe, scheitert aber bei der Arbeits-suche und wird am Ende Opfer der Auseinandersetzungen zwischen dem Hauseigentümer und den Mietern. Der mittellange Film durfte nur in Sondervorführungen gezeigt werden, erlitt radikale Kürzungen durch die Zensur und liegt jetzt in einer restaurierten 44-Minuten-Fassung vor. Konzipiert als Film-Reportage aus dem Waldenburger Revier, sind es vor allem die authentischen Bilder, die bis heute wirksam bleiben: Orte, Physiognomien, Atmosphäre. Dazu erklingt eine neu komponierte Musik von Cordula Heth. Das Bonusmaterial enthält eine 37-minütige Tonversion des Deutschen Fernsehfunks aus dem Jahr 1975 und das Porträt einer Laiendarstellerin, die in dem Film mitgewirkt hat (POST SCRIPTUM VETSCHAU). – Das bürgerliche Gegenstück ist MORGENRÖTE von Wolfgang Neff, die Geschichte eines Studenten, der von seinem Vater die Anteile an einer Bergwerksgrube geerbt hat und damit in die Spekulationen eines Unternehmens gerät. Eine Grubenkatastrophe am Ende des Films wird zum emotionalen Höhepunkt mit glücklichem Ende. Werner Fuetterer ist der Hauptdarsteller, hinter der Kamera standen Georg Bruckbauer und Raimar Kuntze. Die Kombination der beiden Filme hat eine Logik. Inhaltlich wird der Kreis durch den Dokumentarfilm KOHLE ALS HONORAR (2016) von Uwe Mann geschlossen. Zum Bonusmaterial gehören umfangreiche PDF-Dokumente mit Texten von Guido Altendorf, Mateusz Hartwich, Michael Grisko, Evelyn Hampicke und Uwe Mann. Mehr zur DVD: %281929%29

Filmmusik

„Ein alternatives Kompendium“ nennen die Herausgeber Frank Hentschel und Peter Moormann den Band, der 15 Texte zu Aspek-ten des Themas enthält, die bisher wenig berücksichtigt wurden. Alle Beiträge haben ein ungewöhnlich hohes Niveau, ich nenne elf, die ich besonders gut finde. Tom Schneller beschäftigt sich mit technischen Verfahren der Filmmusik in der Pre- und Post-Production, mit Mock-Ups und Temp Tracks, mit Team-komposition, Orchestrierung, Aufnahme und Mischung. Bei Hansjörg Kohli geht es um Akteure und Einflussfaktoren bei der Realisierung von Filmmusik. Anno Mungen blickt zurück auf Filmmusik und die multimedialen Künste des 19. Jahrhunderts. Martin Marks äußert sich zur Rekonstruktion von Stummfilm-Musik, ihren Quellen, Problemen, Möglichkeiten. Im Anhang listet er 20 als DVD edierte Stummfilme mit Einspielungen ihrer Originalmusik und 41 restaurierte Stummfilme mit neu komponierten Musikbegleitungen auf. Ole Pflüger unternimmt „eine Annäherung“ an Musik und Zwischentitel im Stummfilm, u.a. bei THE BIRTH OF A NATION, PANZERKREUZER POTEMKIN und METROPOLIS. Christoph Henzel befasst sich mit der Filmmusikouvertüre im Stummfilm, im Tonfilm, speziell im Monumentalfilm und mit ihrer Minimierung. Tarek Krohn und Willem Strank informieren ausführlich und sehr beeindruckend über Besonderheiten der Musik von US-Fernsehserien und ihre geschichtliche Entwicklung. Claudia Bullerjahn beschäftigt sich in ihrem hervorragenden Beitrag mit der Psychologie der Filmmusik und der Erforschung ihrer Wirkung. Oksana Bulgakowa konzentriert sich in ihrem Text mit vielen konkreten Verweisen auf die Filmstimme. Jean Martin und Frieder Butzmann richten ihre Aufmerksamkeit auf den Sound Design von Filmen insgesamt. Irene Kletschke vermittelt ihre Erfahrungen bei der Filmmusik-Recherche im Internet. Nicht nur für Experten der Filmmusik ein sehr lesenswertes Kompendium. Mehr zum Buch: 9783658112370

Gnade spricht Gott – Amen mein Colt

Michael Striss ist evangelischer Pfarrer im Rheinland und Cine-ast. Seine besondere Zuneigung gilt dem Italowestern. In seinem 670-Seiten-Buch beschäftigt er sich mit Motiven, Symbolik und religiösen Bezügen dieses euro-päischen Genres, dessen Entste-hung und Charakteristik er in seiner Einleitung beschreibt. In acht Kapitel wird uns dann der Italowestern erschlossen. Es beginnt mit den Protagonisten: den relativ Guten, den teuflisch Bösen und den unberechen-baren Dritten. Kapitel zwei charakterisiert weitere Mitwirkende: Geistliche, Frauen, Kopfgeldjäger, Gesetzeshüter, Bestatter, Ärzte und Barbiere, Fahrendes Volk. Kapitel drei informiert über die Topographie: Städte und Dörfer, Sakralbauten und Friedhöfe, klimatische Bedingungen. Im vierten Kapitel werden die Konfliktfelder beschrieben – Rache und Vergeltung, Gier nach Gold und Geld, Familienprobleme, Lehrer-Schüler-Rivalitäten, Klassenkampf und Revolution, Rassismus – und die Konfliktlösungen dargestellt. Das fünfte Kapitel gibt einen Überblick über Requisiten und Rituale: Waffen, Kleidung und Körperhygiene, Musikinstrumente und Spieluhren, Särge, Glücksspiel, Völlerei, Trägheit. Das sechste Kapitel widmet sich spezifisch christlichen Themen: Erlösergestalten, der Heiligen Schrift, dem Gebet, Sakramenten und Kasualien, weiteren Symbolen und Riten. Im siebten Kapitel unternimmt der Autor den Versuch einer Bilanz, im achten formuliert er Schlussgedanken. Der umfängliche Anhang enthält u.a. eine Liste der persönlichen Favoriten. Nr. 1: SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD von Sergio Leone. Es ist beeindruckend, wie nah der Autor an den Filmen bleibt und wie souverän er insgesamt mit dem Genre umgeht. Basisliteratur. Mit 40 Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: gnade-spricht-gott-amen-mein-colt/