VERFLUCHTE LIEBE DEUTSCHER FILM

2016.Klaus LemkeGestern hatte im Programm des Forums der Berlinale der Film VERFLUCHTE LIEBE DEUTSCHER FILM von Dominik Graf und Johannes F. Sievert Premiere. Er wirft einen provokanten Blick zurück in die westdeutsche Kinoszene der 1950er, 60er, 70er Jahre. Die ersten zehn Minuten des Films haben mich genervt, weil sie hektisch geschnitten sind und wie ein Thesen-Labyrinth wirken. Aber dann entsteht – vor allem durch die beeindruckenden Interviews – ein Sog, der die Zeitreise sehr spannend macht. Es geht um die Körperlichkeit im deutschen Film, um den Dualismus von Kunst und Kommerz, um Genres, um die Entschleunigung der Produktion durch die Ansprüche der westdeutschen Förderungsinstitutionen. Im Mittelpunkt stehen die Filmemacher Roland Klick, Klaus Lemke (Foto) und Roger Fritz, die von ihren Erfahrungen in der Zeit nach dem „Oberhausener Manifest“ 1962 erzählen. Als Zeitzeugen sind die Schauspieler Mario Adorf und Werner Enke, die Schauspielerinnen Gisela Hahn und Christiane Krüger und der Produzent Peter Berling sehr präsent. Mit sehr pointierten Kommentaren kommen die Filmhistorikerin Lisa Gotto, die Filmkritiker Rainer Knepperges und Olaf Möller und der Filmemacher Stefan Lukschy zu Wort. Filmausschnitte erinnern uns u.a. an italienische Filme jener Jahre, die wir fast vergessen haben, aber auch an SUPERMARKT von Roland Klick, BRANDSTIFTER von Klaus Lemke und MÄDCHEN MIT GEWALT von Roger Fritz. Nach 90 Minuten wirkt das Filmende abrupt. Aber es wird, in einigen Monaten, einen zweiten Teil geben. Ich bin sehr gespannt. Mehr zum Film: verfluchte-liebe-deutscher-film/

DER MÜDE TOD

Bildschirmfoto 2016-02-19 um 11.14.48Der Film von Fritz Lang aus dem Jahr 1921 ist jetzt digital restauriert worden. Er wurde im Rahmen der Reihe „Berlinale Classics“ zunächst mit Livemusik im Friedrichstadt-Palast gezeigt und dann auch auf Arte gesendet. Ich habe ihn gestern im CinemaxX 8 gesehen, war vom Film selbst (natür-lich) und von der Restaurierung sehr beeindruckt, fand die Musik grenz-wertig, weil der Ton im Kino übersteuert war. Wenn demnächst eine DVD erscheint, werde ich mir den Film noch einmal anschauen, um die Musik von Cornelius Schwehr besser beurteilen zu können. Die Murnau-Stiftung hat zur Präsentation des Films eine kleine Broschüre publiziert, deren Lektüre ich empfehle. Vor allem der Text von Anke Wilkening, die für die Restaurierung verantwortlich war, ist lesenswert. Aber auch der Beitrag von Nina Goslar zur Musik, die zeitgenössischen Textdokumente und die Abbildungen haben mir gefallen. Es gibt die Broschüre auch in englischer Sprache.

Ehrenbär für Michael Ballhaus

2016.BallhausHeute wird der Kameramann Michael Ball-haus (er nennt sich lieber „Director of photography“) mit dem Ehrenbären der Berlinale ausgezeichnet. Er ist inzwi-schen 80 Jahre alt, hat weit über hundert Filme fürs Kino und fürs Fernsehen gedreht und u.a. mit Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und Peter Lilienthal, mit Mike Nichols, Francis Ford Coppola und Martin Scorsese zusammengearbeitet. Wir kennen uns seit 1969, als er Dozent an der DFFB war und ich dort als Studienleiter fungierte. Wir haben uns nie aus den Augen verloren, sein Hauptwohnsitz war immer Berlin, 2002 haben wir ihm im Filmmuseum eine kleine Ausstellung gewidmet, 2006 war ein „Pate“ in dem Film AUGE IN AUGE, den ich damals mit Michael Althen realisiert habe. Natürlich hat er dort auch das Zustandekommen der 360°-Fahrt in MARTHA geschildert und seine Bewunderung für Fassbinder ausgedrückt, mit dem er 15 Filme gedreht hat. 2012 bekam er den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises. Und es gibt drei schöne Publikationen über ihn: das Buch von Tom Tykwer, „Das fliegende Auge“, das Heft 30 der Film-Konzepte (2013/05/michael-ballhaus/) und seine Autobiografie, die er mit Claudius Seidl zusammen verfasst hat (mein Filmbuch des Monats April 2014: michael-ballhaus/). Ich freue mich auch persönlich sehr, dass Michael heute Abend im Berlinale-Palast den Ehrenbären bekommt und gratuliere ihm dazu herzlich.

LANDSTÜCK von Volker Koepp

2016.Koepp 1In seinem neuen Film, der heute im Forum der Berlinale Premiere hat, zeigt Volker Koepp die Veränderun-gen in der Uckermark in den letzten Jahrzehnten. LANDSTÜCK widmet sich Menschen und Landschaften 2015 und schlägt mit Ausschnitten aus Volkers Filmen DAS WEITE FELD (1976) und UCKERMARK (2002) eine Brücke in die Vergangenheit. In den Gesprächen kommen Landwirte, Dorfbewohner – vor allem ältere Frauen – und Umweltschützer zu Wort, die viel zu erzählen haben. Es sind lustige und auch traurige Lebensgeschichten. Viele bäuerliche Familienbetriebe haben sich auf ökologischen Anbau umgestellt. Aber parallel konkurrieren Großinvestoren mit Monokulturen und Tiermastbetrieben, die das Landschaftsbild verändern. Der Biologe und Agrarwissenschaftler Michael Succow informiert über die Konsequenzen. Man spürt, wie eng Volker mit dieser Region verbunden ist. Hinter der Kamera stand diesmal nicht Thomas Plehnert, sondern Lotta Kilian, die beeindruckende Bilder geschaffen hat. Wichtig ist auch der Ton: die Geräusche haben eine erstaunliche Präsenz, und die Musik von Ulrike Haage steigert die Intensität der Bilder. Für mich ist dieser Film einer der bisherigen Höhepunkte der Berlinale. Mehr über den Film: LANDSTUECK_ph_Web.pdf

Deutschland 1966

2014.Haro SenftZur Retrospektive gehören nicht nur die Vorführungen der Filme, sondern auch Gespräche mit Zeitzeugen und Experten. Heute diskutieren Claudia Lenssen, Klaudia Wick, Bert Rebhandl und Ralf Schenk über Aufbruch und Umbruch 1966. Morgen sprechen Volker Schlöndorff und Wolfgang Kohlhaase, moderiert von Rainer Rother, über ihre persönlichen Erfahrungen im Filmjahr 1966. Hochkarätig besetzt ist die Runde am Montag. Da treffen Regina Ziegler, Hans-Dieter Grabe, Günter Rohrbach und Georg Stefan Troller aufeinander und erinnern sich – moderiert von Klaudia Wick – an das Fernsehjahr 1966. Am kommenden Donnerstag geht es unter dem Titel „Ein anderer Blick – ein anderes Bild“ um „Frauen vor und hinter der Kamera“. Auf dem Podium sitzen dann – moderiert von Claudia Lenssen – Jutta Hoffmann, Jeanine Meerapfel und Helke Sander. Foto: Bruno Ganz in dem Film DER SANFTE LAUF von Haro Senft. Der Regisseur ist vor wenigen Tagen verstorben. Mehr zu den Gesprächen: veranstaltungen/2016

Die Retrospektive

Bildschirmfoto 2016-02-11 um 21.36.47Heute beginnt die Retro-spektive der Berlinale, die dem deutschen Film des Jahres 1966 gewid-met ist. Die begleitende Publikation, herausge-geben von Connie Betz, Julia Pattis und Rainer Rother, finde ich beein-druckend. Sie enthält sieben Essays und sechs „Dokumente“. Die Essays stammen von Bert Rebhandl („Anpas-sung und Bewusstwerdung. Filmische Sondierungen in der Bundes-republik Deutschland“), Ralf Schenk („Das schlimme Jahr. Die verbotenen DEFA-Filme von 1965/66 und ihre Vorgeschichte“), Andreas Kötzing („Blinde Flecken. Das Jahr 1966 und die deutsch-deutschen Filmbeziehungen“), Klaudia Wick („Am Ende der Anfangsjahre. Deutsches Fernsehen in Ost und West zwischen Etablierung und Neuorientierung“), Britta Hartmann („Bilder und Stimmen aus ferner Gegenwart. Die Dokumentarfilme des Jahres 1966“), Claudia Lenssen („Frauen-Rollen-Bilder 1966. Die Gleich-zeitigkeit des Ungleichzeitigen“) und Claus Löser („Das andere Kino. Ein Blick auf die spielerischen und experimentellen Filme des Jahres 1966“). Alle Autorinnen und Autoren sind für ihr Thema kompetent und insofern bestens ausgewählt. Sehr interessant sind die „Dokumente“, die vor allem aus faksimilierten Briefen, Texten und Aktenvermerken bestehen. Sie werden von Ralf Dittrich (zu BERLIN UM DIE ECKE), Barbara Barlet (zu DER VERLORENE ENGEL), Ilka Brombach (zu den Auswirkungen des 11. Plenums auf die Filmhochschule Babelsberg), Peter C. Slansky (zur Entwicklung der Filmausbildung in der Bundesrepublik Deutschland), Christiane von Wahlert (zur FSK und dem Kampf um die Sittlichkeit) kommentiert. Das letzte Dokument stammt von Harun Farocki: „Als ich 22 war“; es wurde vermutlich 1979 geschrieben, sollte in der Zeitschrift Filmkritik veröffentlicht werden und ist hier erstmals publiziert. Die Lektüre all dieser Dokumente fand ich besonders spannend. Coverfoto: MAHLZEITEN von Edgar Reitz. Mehr zur Publikation deutschland-1966

66. Berlinale

2016.BerlinaleHeute beginnt die Berlinale. Es ist die 66. und meine 56. Wie immer sind die Erwartungen groß. In den zehn Sektionen – Wettbewerb, Panorama, Forum, Perspektive Deutsches Kino, Berlinale Shorts, Kulinarisches Kino, Generation, Retrospektive und Berlinale Special – werden über 400 Filme gezeigt. Jetzt kommt es darauf an, dass man die für einen selbst richtigen und wichtigen herausfindet. Wettbewerb und Retrospektive sind in der Regel unsere Hauptschauplätze. Aber die meisten deutschen Filme des Jahres 1966 habe ich in den letzten Jahren bereits gesehen, ein paar Raritäten werde ich anschauen und die Veranstaltungen mit den Zeitzeugen im Filmhaus besuchen. Im Wettbewerb gibt es diesmal wenige Filme von Regisseuren, die mir vertraut sind. Da muss man Mut zum Unbekannten haben. Natürlich freue ich mich, dass Michael Ballhaus den Ehrenbären bekommt, und werde auch am kommenden Donnerstag zum Festakt in den Berlinale-Palast gehen. Ansonsten wird es spontane Kinobesuche geben, Verabredungen mit Freunden, die zur Berlinale in der Stadt sind, und auf dieser Website sollte man nicht an jedem Tag einen neuen Eintrag erwarten. Mehr zum Programm: berlinale_programm/programmsuche.php

Gedreht in Mecklenburg-Vorpommern

2015.Stilles Land.MeckpomFriedrich Wilhelm Murnau hat seinen NOSFERATU-Film in Wismar gedreht, Roman Polanski den GHOST-WRITER auf der Insel Usedom und Michael Haneke Teile vom WEISSEN BAND in Johannstorf. Mecklen-burg-Vorpommern ist seit den 1920er Jahren ein beliebter Drehort. Das Buch „Stilles Land und großes Kino“ führt uns durch den deutschen Norden und hundert Jahre Filmgeschichte. 250 Film- und Fernseh-produktionen, die in Meckpom entstanden sind, werden vorgestellt. Geografisches Ordnungsprinzip sind die sechs Landkreise, die Landeshauptstadt Schwerin und die Hansestadt Rostock. Die Filme und Fernsehproduktionen werden dann in der Regel chronologisch abgehandelt. Eingefügt sind kleine Kästen „Für Insider“, „Zum Drehort“ und „Filmprominenz“. Mitgearbeitet haben – neben dem Herausgeber Marco Voss – Juliane Voigt, Frank Burkhard Habel, Frank Schlösser, Christa Eichbaum und Heiko Kreft. Ihre Texte sind informativ und den Filmen zugeneigt. Großen Anteil an der positiven Wirkung des Buches haben die brillanten Abbildungen. Mit Recht wurde das Buch gefördert durch das Ministerium für Wirtschaft, Bau und Tourismus Mecklenburg-Vorpommern und die DEFA-Stiftung. Coverfoto unten: WHISKY MIT WODKA von Andreas Dresen. Mehr zum Buch: 9783356018639.html

Ivo Barnabò Micheli

2015.Ivo Barnabò MicheliEr war ein Filmemacher, der vor allem gesell-schaftskritische Künstler porträtiert hat. Ivo Barnabò Micheli (1942-2005) arbeitete in Deutschland und Italien. Sein Werk umfasst rund 30 Produktionen, die er vorwiegend für die italienische RAI und den WDR realisiert hat. Zu seinen bekanntesten Filmen gehört A FUTURA MEMORIA, eine Annäherung an Pier Paolo Pasolini. Andere Porträts waren Cesare Zavattini, Heinrich Böll, Bruno Ganz, Roberto Rossellini, Karl Kraus und George Tabori gewidmet. Im Folio Verlag ist jetzt ein Buch über Micheli erschienen, das der Historiker Joachim Gatterer und Jessica Alexandra Micheli , die Tochter des Regisseurs, herausgegeben haben. Es enthält vier Texte: Anmerkungen zu Michelis Biografie und eine Charakterisierung seiner Filmporträts von Joachim Gatterer, eine sehr persönliche Hommage von Wilfried Reichart und einen Essay zur „Reise als Leitmotiv in den Filmen und im Leben von Ivo Barnabò Micheli“ von seiner Tochter. Beeindruckend sind die Abbildungen und Dokumente, darunter ein Interview mit Mario Adorf. Auch in der optischen Präsentation spürt man die Sorgfalt und Zuneigung der Herausgeber. Eine Filmografie bildet den Abschluss. Mehr zum Buch: 978-3-85256-682-5

WAS HEISST HIER ENDE?

2016.DVD.Was heißt hier Ende?Vor einem Jahr wurde bei der Berlinale der Film WAS HEISST HIER ENDE? von Dominik Graf uraufgeführt: eine berüh-rende Dokumentation über unseren Freund, den Filmkritiker Michael Althen, der 2011 im Alter von 48 Jahren gestorben ist. Kolleginnen und Kollegen – darunter Wolfgang Höbel, Andreas Kilb, Tobias Kniebe, Peter Körte, Doris Kuhn, Stephan Lebert, Harald Pauli, Milan Pavlovic, Evelyn Roll, Claudius Seidl und Anke Sterneborg – , die Filmemacher Romuald Karmakar, Caroline Link, Christian Petzold, Tom Tykwer und Wim Wenders, seine Eltern, seine Kinder Artur und Teresa, seine Witwe, Bea Schnippenkoetter, erinnern sich in dem Film an vieles, was Michael zu einem besonderen Menschen machte. Auch er selbst ist in dokumentarischen Aufnahmen zu sehen und zu hören. Er hatte mit Dominik Graf zwei Filme gemacht: DAS WISPERN IM BERG DER DINGE und MÜNCHEN – GEHEIMNISSE EINER STADT. Aus dem München-Film werden auch längere Ausschnitte gezeigt. Im vergangenen Sommer kam der Film WAS HEISST HIER ENDE? in die Kinos, jetzt ist bei Good!Movies die DVD des Films erschienen. Sie enthält die deutsche und die englische Fassung. Mehr zur DVD: caid=81&genre=&b=w