Maximilian Schell

Maximilian Schell (1930-2014) war als Schauspieler und Regis-seur international bekannt. Für seine Darstellung des deutschen Verteidigers Hans Rolfe in JUDGMENT AT NUREMBERG von Stanley Kramer wurde er 1962 mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Sein Dokumentarfilm MAR-LENE (1984) ist eine respekt-volle Würdigung der Schauspie-lerin. 2012 hat er seine Erinne-rungen publiziert: „Ich fliege über dunkle Täler oder Etwas fehlt immer“. Eine Biografie über ihn gab es bisher nicht. Die Journalistin Christine Spauka Conner, über viele Jahre mit Maximilian Schell befreundet, hat jetzt ein Buch über ihn publiziert, das stark von persönlichen Erinnerungen geprägt ist. Sie erzählt Lebensstationen, beschreibt Begegnungen, zitiert viele Zeitzeugen – u.a. Cornelius Schnauber, Salome Jens, John Tillinger, Martin Landau, Sabine Hake, Jeremy Kagan – und schafft so eine erstaunliche Nähe zu ihrem Protagonisten. Es gibt dabei Redundanzen und entbehrliche Details, aber die Komplexität eines charismatischen Künstlers und Lehrers wird spürbar. Eingefügt sind Daten und Fakten zu den wichtigsten Filmen von und mit Maximilian Schell. In ihrem „Epilog“ zitiert die Autorin aus einem Gespräch zwischen Curt Siodmak und Maximilian Schell, das die beiden für das bilinguale Stadtmagazin in L.A. geführt haben: Schell: „Willst Du unsterblich sein, Curt?“. Siodmak: „No, ich will nach Hause gehen.“ Schell: „Ich würde gern sterben und in eine andere Welt gehen.“ (S. 197). Mit einer 16seitigen Bilderstrecke in guter Qualität. Mehr zum Buch: maximilian-schell

Mehrsprachigkeit im Kino

Der Band dokumentiert zwei Veranstaltungen: ausgewählte Referate des 32. Romanisten-Tages im September 2011 an der Humboldt-Universität zu Berlin und Publikumsgespräche einer Filmwoche im Filmhaus Nürn-berg im November 2011. Andreas Blum beschäftigt sich mit dem Sprachwechsel zweier Filme von Radu Mihaileanu. Bei Thomas Johnen geht es um die jiddisch-portugiesische Mehrsprachig-keit des brasilianischen Films O ANO EM QUE MEUS PAIS SAIRAM DE FÉRIAS (2006) von Cao Hamburger. Ateş Gürpinar untersucht die sprachlichen und visuellen Erzählperspektiven in ALMANYA. WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND (2011) von Yasemin şamdereli. Bettina Lindorfer äußert sich zu Mehrsprachigkeit und jugendsprachlichen Registern in LA JOURNÉE DE LA JUPE (2008) von Jean-Paul Lilienfeld, L’ESQUIVE (2004) von Abdellatif Kechiche und ENTRE LES MURES (2008) von Laurent Cantet. Michaela Weiß sieht den Film SOCIA-LISME (2001) von Jean-Luc Godard als multilinguale Kapitalismus-kritik. Jens Ruchatz begreift die Mehrsprachigkeit in CALENDAR (1993) von Atom Egoyan als Medienreflexion. Die drei dokumentierten Publikumsgespräche fanden nach der Vorführung von BIENVENUE CHEZ LES CH’TIS (2008) von Dany Boon, INGLORIOUS BASTARDS (2009) von Quentin Tarantino und DIE TRÄNEN MEINER MUTER (2008) von Alejandro Cardenas Amelio statt. Sie wurden von der Übersetzerin Tanja Frank, dem Produktionsleiter der Berliner Synchron Klaus Bauschulte und dem Regisseur Amelio geführt. Der Band liefert Basisinformationen zu seinem Thema. Mehr zum Buch: 3868217754 oder Gespräche über Filme

Texte von Harun Farocki

In einer Kooperation des Harun Farocki Instituts, des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) und des Verlags der Buchhand-lung Walther König werden seit einem Jahr die Schriften von Harun Farocki (1944-2014) publiziert. Erschienen sind bisher die Bände „Zehn, zwan-zig, dreißig, vierzig. Fragment einer Autobiografie“, herausge-geben von Marius Babias und Antje Ehmann und „Von Godard sprechen“ (mit Kaja Silverman), herausgegeben von Doreen Mende. Jetzt liegt bereits der Band 3 vor: „Meine Nächte mit den Linken. Texte 1964-1975“, heraus-gegeben von Volker Pantenburg. 64 Texte sind hier in chronologischer Reihenfolge dokumentiert, beginnend mit einem „Kapitel zur Wahr-heitsfindung in Sachen Jugendweihe“ („Seid Ihr bereit?“), veröffentlicht im Spandauer Volksblatt am 29. Mai 1964. Die neun Texte für diese Zeitung haben nichts mit dem Thema Film zu tun, Redakteurin war dort Christa Maerker. Es folgen Beiträge für den kürbiskern, Die Zeit, die Filmkritik (über Filmimporte der DDR aus dem Westen, zusammen mit Christian Semler, Dezember 1965), film (ein früher programmatischer Beitrag heißt „Die Agitation verwissenschaftlichen und die Wissen-schaft politisieren“, März 1969), das von mir redaktionell verantwortete dffb-info („Meine Nächte mit den Linken“, Dezember 1970, ein Kurztext auf die Frage „Was tun und was denken die Absolventen?“), und dann dominieren die Texte für die Filmkritik. Manchmal sind es Kurzkritiken (zum Beispiel über SUPERMARKT oder DOROTHEAS RACHE), manchmal mittellange Verrisse (SCHNEEGLÖCKCHEN BLÜHN IM SEPTEMBER, JEDER FÜR SICH UND GOTT GEGEN ALLE). Heraus-ragend: seine Texte über das Fernsehen („Drückebergerei vor der Wirklichkeit“, „Über die Arbeit mit Bildern im Fernsehen“) und seine Rezension des Buches „Kino und Filmindustrie in der BRD“ von Klaus Kreimeier (1973). Der Herausgeber Volker Pantenburg hat exzellent recherchiert und ein sehr informatives 20-Seiten-Nachwort geschrieben („Die Arbeit der Autorschaft“). Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: farocki3.html

NARZISS UND PSYCHE (1980)

Gábor Bódy (1946-1985) war ein genialer ungarischer Regisseur, der in den Bereichen Film und Videokunst gearbeitet hat, aber schon mit 39 Jahren gestorben ist – ob es ein Suizid war, ist bis heute offen. Zu Beginn der 80er Jahre war er als Dozent an der dffb tätig. NARZISS UND PSY-CHE gilt als sein größtes Werk. Der dreiteilige Film dauert 261 Minuten, wurde vom Kamera-mann István Hildebrand auf-wendig rekonstruiert und ist jetzt, herausgegeben von Claus Löser und Eszter Takács, bei Absolut Medien als DVD erstmals mit deutschen Untertiteln erschie-nen. So unkonventionell wie möglich wird hier die Liebesbeziehung zwischen einer Dichterin (Psyche), einem Dichter und Pfarrerssohn (Narziss) und einem preußischen Adligen (Maximilian Freiherr von Zedlitz) über einen Zeitraum von 150 Jahren erzählt. Während in der literarischen Vorlage „Psyché“ des Schriftstellers Sándor Weöres die Zeit auf das Leben der Hauptfigur 1788-1831 fokussiert ist, erweitert sich diese bei Bódy von 1788 bis 1937 (Hitler am Telefon). Da es sich bei dem Film aber nicht um Realfiktion, sondern um ein experimen-telles Spiel handelt, hat dies keine wirkliche Bedeutung. Neben den Bildern ist vor allem die Besetzung wichtig: Udo Kier spielt Narziss, die spanische Darstellerin Patricia Adriani die Dichterin Psyche und der ungarische Schauspieler György Cserhalmi den Freiherrn von Zedlitz. Man kann bei NARZISS UND PSYCHE durchaus von visionärer Filmkunst sprechen. Mehr zur DVD: Narziss+und+Psyche

Fernsehen und Wohnkultur

Eine Dissertation, die an der Universität Paderborn entstan-den ist. Monique Miggelbrink untersucht darin die „Vermöbe-lung von Fernsehgeräten in der BRD der 1950er- und 1960er-Jahre“. Das Fernsehgerät im analogen Zeitalter war ein Kasten, der im Wohnzimmer platziert wurde und möglichst in die Einrichtung zu integrieren war. Bei manchen Familien wurde er dort verborgen und nur für die Nutzung geöffnet, bei anderen sollte er immer sichtbar sein und gehörte zu den Presti-gestücken im Haushalt. Die voluminöse Publikation (mit Quellenverzeichnis 375 S.) thematisiert Design-Geschichte vor Erfindung des Flachbildschirms. Die Autorin hat dafür umfassend geforscht, sichert sich natürlich auch theoretisch ab und strukturiert ihren Text in drei Kapitel: „Fernsehmöbel zwischen den Orten“ (Teil I), „Gehäuse-/Interface-Design und Wohnzimmer-Netzwerk“ (Teil II), „Analyse der geschlechts- und schichtspezifischen Gehäuse-/Interface-Designs und Einrichtungspraktiken“ (Teil III). Den dritten Teil finde ich besonders spannend, weil er technische, soziale und stilistische Basiskenntnisse zu den 50er und 60er Jahren in der Bundesrepublik vermittelt. Archivmaterial für die Autorin waren vor allem Einrichtungs-Zeitschriften, Werbung und sogenannte „Fernseh-fibeln“, also Ratgeber zum Medium Fernsehen. Im Endeffekt ging es bei Fernsehmöbeln damals um offenes Wohnen und fließende Grundrisse, aber auch um „gemütliches“ Wohnen, um Möbelanordnungen und Machtverhältnisse, um den Wohnzimmertisch, die Inselbildung und die Rollenzuweisung der Akteure. Interessante Lektüre mit zahlreichen Abbildungen (Fotos und Skizzen) in guter Qualität. Mehr zum Buch: fernsehen-und-wohnkultur/

Tier und Film

Eine Dissertation, die an der Philipps-Universität Marburg entstanden ist. Carlo Thiele-mann unternimmt darin eine „Modellierung anthropolo-gischer Differenz“. In vier Kapiteln geht es auf hohem theoretischen Niveau 1. um „Struktur und Wirkungsweise hominisierender Mediendispo-sitive“. Zentrales Filmbeispiel ist DIE HÖHLE DER VER-GESSENEN TRÄUME (2010) von Werner Herzog. 2. um „Körper, Leben und Soma – Leibphänomenologische Konstituenten einer medialen Anthropologie“. Filmbeispiel: GORILLAS IM NEBEL (1988) von Michael Apted. 3. um „’Blutmythologie’, ‚Volkskörper’, Labor und Schlachtung – Fallstudien zur Politik filmischer Mensch-Tier-Beziehungen“. Filmbeispiele: NOSFERATU – EINE SYMPHONIE DES GRAUENS (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau, DER EWIGE JUDE (1940) von Fritz Hippler und DAS BLUT DER TIERE (1949) von Georges Franju. 4. um „den Film und das Offene – Facetten einer Philosophie medialer Anthropologie“. Filmbeispiel: GRIZZLY MAN (2005) von Werner Herzog. Die vielen Abstraktionen machen die Lektüre kompliziert. Der Schlusssatz hat eine klare Logik: „Das Denken über Tiere und das Denken über Filme hat eine Gemeinsamkeit: Es schärft den Blick für die Realität“ (S. 223). Mit Abbildungen in guter Qualität. Band 20 der Schriftenreihe „Aufblende“, die von Heinz-B. Heller und Knut Hickethier im Schüren Verlag herausgegeben wird. Mehr zum Buch: tier-und-film.html

Körper – Seele – Nation

Eine Dissertation, die an der Justus-Liebig-Universität Gießen entstanden ist. Astrid Matron befasst sich darin mit der Identitätssuche im deutschen und südkoreanischen Kino. Es geht um Parallelen der natio-nalen Teilung und der tatsäch-lichen oder imaginierten Wieder-vereinigung. Die Autorin fokussiert ihre Analysen auf die Bereiche „Raum“, „Körper“ und „Zeit“. Genauer untersucht werden die deutschen Filme DIE ARCHITEKTEN (1990), DAS LEBEN DER ANDEREN (2006), YELLA (2007), SONNENALLEE (1999), DAS VERSPRECHEN (1994), GOOD BYE, LENIN (2003) und DREI STERN ROT (2001), die südkoreanischen Filme DOUBLE AGENDT (2003), PEPPERMINT CANDY (1999), ADDRESS UNKNOWN (2001), A BOLD FAMILY (2005), SILK SHOES (2006), TO THE STARRY ISLAND (1993) und JSA – JOINT SCURITY AREA (2000). Die Analysen sind sehr konkret in ihren Befunden. Besonders gut gefallen hat mir das Raum-Kapitel mit den Bereichen Gebauter Raum – Architekturen – Stadtraum, Kameraräume, Tonräume, Zwischenräume, Abwesenheiten, Grenzgänge, Am (Un-)Ort der Identität. Zu den auffallenden Differenzen gehört, dass in deutschen Filmen vornehmlich seelische Traumata dargestellt werden, in koreanischen Filmen vorzugsweise die Körper der Protagonist*innen zur Disposition stehen. Mit Abbildungen in guter Qualität. Coverfotos: SILK SHOES (oben) und DREI STERN ROT (unten). Mehr zum Buch: koerperseele.html

Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein

Wie haben sich Paare in der Zeit des Nationalsozialismus verhal-ten, die interkonfessionell oder, in der NS-Terminologie, „ge-mischtrassig“ verheiratet oder liiert waren? Evelyn Steinthaler erzählt die Lebensgeschichten von vier Paaren, der Sängerin Lotte Lenya (1898-1981) und dem Komponisten Kurt Weill (1900-1950), der Schauspielerin Meta Wolff (1902-1941) und dem Schauspieler Joachim Gott-schalk (1904-1941), der Schau-spielerin Hansi Burg (1898-1975) und dem Schauspieler Hans Albers (1891-1960), der Schauspielerin Hertha Feiler (1916-1970) und dem Schauspieler Heinz Rühmann (1902-1994). In der Lebensgeschichte von Heinz Rühmann spielt auch noch dessen erste Frau Maria Bernheim eine wichtige Rolle. „Liebe in Zeiten des Terrors“ heißt das erste Kapitel des Buches, gefolgt von „Dein Schicksal ist auch meins“ über Kultur und Politik der NS-Zeit. Die vier Hauptkapitel wirken gut recherchiert und sind mit deutlicher Empathie vor allem für die Frauen geschrieben. Das abschließende Kapitel „Was ist aus uns geworden“ informiert über die Zeit nach 1945. Der Titel des Buches zitiert das Ende des Liedes „Goodbye, Johnny“ aus dem Film WASSER FÜR CANITOGA (1939). Coverfotos: Hans Albers + Hansi Burg (oben), Hertha Feiler + Heinz Rühmann (unten). Mehr zum Buch: mags-beim-teufel-sein/

Viele untote Körper

Eine Dissertation, die an der Universität Erfurt entstanden ist. Peter Schuck hat dafür alles nur Denkbare „Über Zombies der Literatur und des Kinos“ gelesen und gesehen. Mit 650 Seiten ist daraus ein Opus Magnum geworden. Es geht um lebende Leichen, um Untote. Der (mir) bekannteste Film ist in diesem Zusammenhang NIGHT OF THE LIVING DEAD (1968) von George A. Romero. Die jüngere Generation ist mit dem Thema durch den Film 28 DAYS LATER (2002) von Danny Boyle und die Serie THE WALKING DEAD (ab 2010) vertraut. In der Literatur ist offenbar der Reisebericht „The Magic Island“ von William Seabrook ein Schlüsseltext. In zehn Kapiteln wird das Thema erschlossen, sie handeln von Versklavung, Rebellion und Okkupation, von verrotteten Hirnen und unblinden Augen, von Zombiefallgeschichten, Zombieapokalypsen, Archiv-Apokalypsen, Found Footage, von Infektion, Immunreaktion und Zombifikation, von Zombiegesten (Greifen, Stolpern, Rennen, Zucken) und von der Gemeinschaft der Zombies („Unbecoming“). Der wissenschaftliche Anspruch ist hoch, die Fußnoten summieren sich auf 2.374. das Quellenverzeichnis umfasst 30 Seiten. Ich habe das Buch in Ausschnitten gelesen, die Filmanalysen sind in den Formulierungen sehr konkret und erscheinen mir stimmig, und ich bin sicher, dass der Band für Zombiefilmfans unverzichtbar ist, egal ob sie zur Romero- oder zur Boyle-Fraktion gehören. Kleine Abbildungen in akzeptabler Qualität. Das Coverfoto stammt aus der Serie VIVA BERLIN! (2011). Mehr zum Buch: viele-untote-koerper/

Der Spielfilm als Erlebnispotential

Zwei Analysen stehen im Mittel-punkt dieses Buches von Chri-stian Igelbrink: „Filmische Montage als Mittel dramaturgi-scher Führung und visuelle Stilgebung im postmodernen Thriller – eine Analyse von David Finchers SE7EN“ und „Die römische Antike im modernen Hollywood-Film – Strategien der Geschichtsbildvermittlung in Ridley Scotts GLADIATOR“. Der Autor ist in seinen semiolo-gischen Befunden sehr genau, die Sequenzbeschreibungen sind durchgehend konkret und anschaulich, das macht die Lektüre spannend, auch wenn man die Filme in letzter Zeit nicht gesehen hat, es gibt Verweise auf andere Filme, die erkenntnisreich erscheinen. Die Literaturlisten am Ende des jeweiligen Textes sind hilfreich. Ein kurzer Essay schließt den Band ab: „Was ist das Spezifische des Fernsehens als Medium der Geschichts-kultur?“. Keine Abbildungen. Cover: Ölgemälde „Pollice Verso“ von Jean-Léon Gérôme (1872). Das Gemälde soll Ridley Scott bei der Gestaltung seines Films stark inspiriert haben. Mehr zum Buch: aspx?product=39719