Vielfalt und Diversität in Film und Fernsehen

Texte zu den Themen Behinde-rung und Migration in Film und Fernsehen. Ich greife einige Beiträge heraus, die mir beson-ders gefallen haben: Günter Helmes beschäftigt sich mit einem frühen Klassiker des Genres „Behindertenfilm“, dem Lehrstück FREAKS (1932) von Tod Browning. Walter Löser untersucht die Abbildung menschlichen Hörvermögens in Filmen unter besonderer Berücksichtigung von JEN-SEITS DER STILLE (1996) von Caroline Link. Bei Sven Degenhardt und Florian P. Hilgers geht es um die Darstellung blinder Menschen im Film. Ingo Bosse informiert über die Darstellung von Behinderung in Boulevardmagazinen und Krimiserien im Fernsehen. Maik Friedrichsen richtet seinen Blick auf die Figur des „Anti-Türken“ in Fatih Akins Film AUF DER ANDEREN SEITE (2007). Julia Ricart Brede analysiert den Dokumentarfilm BABYS (2010) von Thomas Balmès. Henrike Terhart und Hans-Joachim Roth geben einen Überblick über Migration, Mehrsprachigkeit und kindliches Fernsehen. Diana Maak und Dorothea Spaniel-Weise kommen zu der Erkenntnis, dass es kein richtiges Weihnachten in Dänemark ohne den TV-Weihnachtskalender gibt. Mit wenigen Abbildungen. Mehr zum Buch: 66d16ddd6e

Ost – West – Global

In einem voluminösen Buch (500 Seiten), für das er beeindruckend recherchiert hat (fast 2.000 Quel-lenverweise), beschäftigt sich Thomas Beutelschmidt mit dem „sozialistischen Fernsehen im Kalten Krieg“. Vier Kapitel struk-turieren den Band: 1. Eine Organi-sationsgeschichte. Hier geht es um die „Internationale Rund-funk- und Fernsehorganisation“ (OIRT) der osteuropäischen Staaten und ihre Zusammenarbeit bis zur Gründung der Intervision. 2. Eine Programm-geschichte. Sie informiert über die Intervision und ihren Nachrichten- und Programmaustausch. 3. Eine Technikgeschichte. Sie dokumentiert die Infrastrukturen des internationalen Programmtransfers speziell auf der Ebene von Ökonomie und Technik. 4. Eine nationale Medien-geschichte. Sie behandelt das DDR-Fernsehen als Paradigma für die osteuropäische Medienentwicklung. Wichtige Aspekte sind hier die Rolle des Außenministeriums, die Hauptabteilung Internationale Verbindungen, das Intervisions-Büro, der internationale Programm-austausch, die Studio- und Sendetechnik in der Verantwortung des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen, die Einführung des Farbfernsehens, die Medienpolitik als Außenpolitik, der Kampf um internationale Anerkennung, der Beitritt zum Internationalen Fernmeldeverein. Im Text ist dies jeweils mit vielen konkreten Programmbeispielen belegt. Auf rund 100 Seiten findet man in diesem Kapitel eine konzentrierte Darstellung der Geschichte des DDR-Fernsehens. Beutelschmidt ist mit dem Thema bestens vertraut, der Anhang enthält interessante Übersichten sowie ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: Ost+-+West+-+Global+&tm_submit_search=

Leben nach Luther

Das protestantische Pfarrhaus ist ein beliebter Schauplatz für Filme und Fernsehserien. Der Gymnasiallehrer Manfred Tiemann ist mit dem Thema bestens vertraut und hat jetzt ein Buch publiziert, das 240 Filme zum Thema dokumentiert, von ADAMS ÄPFEL bis ZWEI VER-LORENE SCHAFE. 53 Titel werden auf 150 Seiten genauer vorgestellt, erläutert und inter-pretiert. Zuvor gibt es ein Kapitel, in dem das Pfarrhaus in unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Situationen dargestellt wird: in der Reformationszeit, als Staats- und Pastoren-kirche im 19. Jahrhundert, im Nationalsozialismus, in der Nachkriegs-zeit, in der 68er-Bewegung, in der DDR, im 21. Jahrhundert. Es geht um die Vorbereitungen auf Pfarramt und Pfarrhaus, Pfarrersfamilien in der Missionsarbeit, Erwartungen an die Pfarrersfrau, Erziehungsfragen der Kinder, das Amtsverständnis, Vorurteile gegen Frauen im Pfarramt, Pfarrerinnen in der Polizeiseelsorge und der Notfallseelsorge, um alleinerziehende Väter und Mütter, das Leben als Pfarrmann, den Pfarrer als Angeklagten, die Gewissensfrage Abtreibung, die Emanzipation der Pfarrersfrau, Flucht aus dem Pfarrhaus, Untreue in der Ehe, Scheitern der Ehe, Partnersuche, Wiederverheiratung, Neuanfang, um Glaubenskrise und Scheitern im Beruf, um Altern und Sterben im Pfarrhaus. Dies alles wird vom Autor mit konkreten Filmbeispielen belegt und macht die Präsenz der Kirche in den Medien deutlich. Mit Abbildungen. Mehr zum Buch: 9783658173081

1917 – DIE RUSSISCHE REVOLUTION

Vor 100 Jahren fand in Russland die Oktoberrevolution statt, ein historisches Ereignis mit weitreichenden Folgen. In dem Dokumentarfilm von Paul Jenkins, der 2007 in Großbritannien realisiert wurde, ist zeitgenössisches Material aus zum Teil bisher nicht genutzten Quellen zu einem erstaunlich differenzierten Zeitbild montiert worden. Die zehn Kapitel heißen: Ursprung und Mythen der Revolution – Kultur und Bildung zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Der Erste Weltkrieg – Eroberung von Sankt Petersburg – Ein Land im Chaos – Lenins Rückkehr – Machtübernahme der Bolschewiki – Entstehung der Roten Armee – Errichtung eines totalitären Staates – Folgen der Oktoberrevolution. Bei Absolut Medien ist jetzt – in Zusammenarbeit mit arte – eine DVD des Films erschienen, die ich sehr empfehlen kann. Mehr zur DVD: 1917+Die+Russische+Revolution

16 : 9. Fürs Fernsehen in die Ferne

Elke Werry ist promovierte Kunst-historikerin, hat aber nach ihrem Studium schnell dem Drang in die weite Welt nachgegeben und dreht Dokumentationen für ARD, ZDF und Arte. In dem Buch „Fürs Fern-sehen in die Ferne“ erzählt sie von den Erfahrungen, die sie in vielen entlegenen Ländern gemacht hat. Das verdeutlichen bereits die Kapitelüberschriften: „Durch das Tor zum gelben Drachen Chinas“, „Nahaufnahmen aus Nordkorea“, „Nah bei Buddha in Anuradhapura, Sri Lanka“, „Zu Gast bei Nomaden in der Mongolei“, „Orchon-Tal, im Herzen der Mongolei“, „Lektionen in Turkmenistan“, „Schnee von vorgestern in Grönland“, „Bushmeat mit Palaversoße in Ghana“, „Bei den Konso in Äthiopien“, „Unbekanntes Libyen“, „Der Duft Sansibars“. Die Texte sind sehr lebendig geschrieben, lesen sich gut und vermitteln konkrete Eindrücke von den Schwierigkeiten, in der weiten Welt Filme zu drehen. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: fuers-fernsehen-in-die-ferne-ab-23-10-2017-im-handel.html

Taffe Kommissarinnen und emanzipierte Kommissare?

Eine Dissertation, die an der Ruhr-Universität Bochum ent-standen ist. Raphaela Tkotzky untersucht darin die soziale Konstruktion zeitgenössischer TV-Ermittlerteams in deutschen Krimiserien. Sie definiert zu-nächst den konzeptionellen Rahmen ihrer Analyse, positio-niert sie in der Geschlechter-forschung und Geschlechtsdar-stellung, äußert sich zu Ge-schlechterstereotypen, zu Aspekten von Geschlecht und Kleidung, Geschlecht und Sprache. Ein umfangreiches Kapitel („Bewahrer der Ordnung“, rund 80 Seiten) ist der Darstellung des deutschen TV-Kriminalkommissars gewidmet, seiner medialen Geschichte und konkret in der Serie ALARM FÜR COBRA 11. „Von Mannsweibern und Hausfrauen“ ist die Überschrift des Kapitels über Kriminalkommis-sarinnen im deutschen Fernsehen (70 Seiten). Hier steht die Serie DOPPELTER EINSATZ im Zentrum. Das dritte Kapitel (60 Seiten) richtet den Blick auf gemischtgeschlechtliche Ermittlerduos im deutschen Fernsehen, beispielhaft in der Serie ALARM FÜR COBRA 11 – EINSATZ FÜR TEAM 2. Die drei genannten Serien wurden von RTL ausgestrahlt. Die Beobachtungen der Autorin sind sehr präzise, zu ihrem Fazit gehören die Feststellungen, dass sich die soziale Konstruktion der TV-KriminalkommissarInnen noch immer an Stereotypen orientiert, dass gelegentlich geschlechtsuntypische Verhaltensweisen nachzuweisen sind und dass sich die vormals androgyn gezeichneten TV-Kriminalkommissarinnen wieder stärker an den typisch weiblichen Geschlechtsmerkmalen orientieren. Ein interessanter Beitrag zur Genderforschung im Medienbereich. Mehr zum Buch: ?c=738

Luchino Visconti

Er war einer der Großen des italieni-schen Kinos, von OSSESSIONE (1943) bis zu L’INNOCENTE (1976). Luchino Visconti (1906-1976) ist die Nummer 48 der Film-Konzepte ge-widmet, herausgegeben von Jörn Glasenapp, der einleitend das Gesamtwerk würdigt. Sieben Essays sind jeweils einem Film gewidmet. Daniel Illger befasst sich mit LA TERRA TREMA („Was sein wird, ist und niemals war“). Adrianna Hlukhovych richtet ihren Blick auf „Räume der Sehnsucht in Luchino Viscontis SENSO“. Judith Ellen-bürger untersucht die Schwarz-Weiß-Ästhetik in ROCCO E I SUOI FRATELLI („Dualitäten und Grauzonen“). Bei Corina Erk geht es um IL GATTOPARDO („Der Film als Wille zu Geschichte und Form“). Marcus Stiglegger beschäftigt sich mit LA CADUTA DEGLI DEI („Karneval des Todes“). Dina De Rentiis reflektiert über MORTE A VENEZIA („Narziss und Kindermund oder des Künstlers neue Kleider“). Felix Lenz sieht LUDWIG im Kontext deutscher Ludwig-Filme. Mehrere Beiträge stammen aus dem Umfeld der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Jörn Glasenapp hat dort eine Professur für Literatur und Medien. Die Texte vermitteln konkrete Erkenntnisse und Beobachtungen und haben auch kritische Untertöne. Mit Abbildungen. Mehr zum Heft: 9783869166407

WIEDERKEHR (2017) von Volker Koepp

Johannes Bobrowski (1917-1965) war ein deutscher Lyriker und Erzähler, der früh verstorben ist. Seine Romane „Levins Mühle“ und „Litauische Claviere“ habe ich in den 1960er Jahre mit großem Interesse gelesen. 1973 hat Volker Koepp den Kurzfilm GRÜSSE AUS SARMATIEN gedreht, der von Bobrowskis Gedichten inspiriert war. Zum 100. Geburtstag widmet er ihm den Film WIEDERKEHR. Koepp hat sich auf eine Spuren-suche begeben: nach Tilsit, heute Sowjetsk, wo der Dichter geboren wurde, nach Königsberg/Kaliningrad, wo er das Gymnasium besuchte, ins litauische Memeldelta, das Bobrowski immer wieder inspiriert hat, und nach Vilkyskiai/Willkischken, den Handlungsort des Romans „Litauische Claviere“. Dort ist im Gemeindezentrum der evangelischen Kirche die Wohnungseinrichtung von Bobrowski, der viele Jahre in Berlin-Friedrichshagen gelebt und gearbeitet hatte, originalgetreu aufgebaut worden. Ein Museum, das auf Privatinitiative entstanden ist. Koepp hat mit vielen Menschen gesprochen, die den Dichter gut gekannt haben, aber auch mit Jüngeren, die von ihren Erfahrungen in den litauischen Regionen erzählen. Die Montage mischt historisches Material mit gegenwärtigem. Neben Bild und Sprache spielen auch Geräusche eine wichtige Rolle. 60 Minuten, mehrsprachig mit deutschen Untertiteln. Eine DVD des Films ist jetzt in der Edition Salzgeber erschienen. Mehr zur DVD: 150&sortby=DESC

„Buñuels Erwachen“

Der französische Autor Jean-Claude Carrière (*1931) hat zwanzig Jahre lang eng mit dem Regisseur Luis Buñuel (1900-1983) zusammen-gearbeitet. Sechs Filme sind ihrer Kooperation zu verdanken. Als Buñuel 1983 seine Autobiografie „Mein letzter Seufzer“ publizierte, war Carrière so etwas wie ein Coautor. Ein Auslöser für Carrières neues Buch über Buñuel ist dessen Bekenntnis „Trotz meines Hasses auf die Medien würde ich gern alle zehn Jahre von den Toten auferstehen und mir ein paar Zeitungen kaufen.“ In „Buñuels Erwachen“ wird dieser Wunsch erfüllt. Carrière entdeckt in einer Gruft auf dem Friedhof Montparnasse den Sarg mit dem Leichnam des Regisseurs, reinigt ihn vom Schmutz der Jahrzehnte und nimmt Kontakt zu dem Toten auf. Buñuel erwacht, seine Kräfte und seine Erinnerungen sind zunächst schwach, aber es kommt zum Dialog, der regelmäßig fortgesetzt wird. Carrière hat Zeitungen und Zeitschriften mitgebracht, später schleppt er auch Wein und Leckereien heran. Die Kraft des Toten reicht immer für eine gute Stunde, die Themen werden in der Regel von Carrière vorgegeben. Es geht um Erinnerungen, Träume, Zerstörung, um Religion und Sexualität, eine „Bibliothek des Todes“, um die Lieblingsfilme von Buñuel (S. 159/60), um den Kommunismus, die politischen Veränderungen in Russland, China und den USA, um gemeinsame Erlebnisse, die enge Zusammenarbeit, um Freunde und Gegner, um Tiere und schließlich um den Tod. Der Text ist ein persönlicher Gang von zwei Freunden durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Kulturgeschichte und die Filmgeschichte. Carrière hat seiner Frau die Friedhofsbesuche lange verheimlicht. Am Ende suchen sie gemeinsam die Gruft, aber sie ist verschwunden. Und Carrières Frau erinnert ihren Mann daran, dass Buñuel 1983 in Mexiko eingeäschert wurde. Das Buch, 2011 in Frankreich publiziert, ist jetzt auf Deutsch im Alexander Verlag erschienen, übersetzt von Uta Orluc, vor ihrer Pensionierung Leiterin der Bibliothek im Filmhaus am Potsdamer Platz, der ich mich sehr verbunden fühle. Danke, Uta, für diesen interessanten Text! Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 406-Buuels_Erwachen.html

Storyboarding

Storyboards sind erste Visualisie-rungen eines Drehbuchs, Ideen-skizzen, manchmal stammen sie vom Regisseur, manchmal von beauftragten Spezialisten. Sie haben ihre eigene Geschichte. 2011 gab es eine beeindruckende Ausstellung zu diesem Thema im Museum für Film und Fernsehen („Zwischen Film und Kunst. Storyboards von Hitchcock bis Spielberg“); im Kerber Verlag erschien ein Katalog. Anna Häusler und Jan Henschen haben jetzt im Schüren Verlag ein neues Buch über „Storyboarding“ herausgegeben, das einerseits die medienwissen-schaftlichen Aspekte vertieft, andererseits die Filmbeispiele erweitert. Das Vorwort des Herausgeberduos legt den Rahmen fest. Kristina Jaspers, an der Berliner Ausstellung als Kuratorin beteiligt, formuliert in ihrem Essay die filmhistorischen Grundlagen. Chris Pallant erinnert an das Storyboarding bei Walt Disney. Steven Price unternimmt „Lektüren der PSYCHO-Storyboards“. Aus dem Archiv der Deutschen Kinemathek stammen Abbildungen von Guido Seeber (DIE GEHEIMNISVOLLE STREICHHOLZDOSE), Fritt Maurischat (DAS SCHIFF DER VERLORENEN MENSCHEN und IM BANN DES EULENSPIEGELS), Emil Hasler (M) und Karl Ritter (STUKAS). Bei Rembert Hüser geht es um Rahmenhandlungen, um Filme von Woody Allen und Jean-Luc Godard und schließlich um DAS CABINET DES DR. CALIGARI und DIE BERGKATZE. Kalani Michell entdeckt Zusammenhänge zwischen den Filmen von Christian Petzold und dessen Vorliebe für den Zeichner Adrien Tomine („Hawaiian Getaway“). Annette Urban untersucht Drehbuchfunktionen in der Kunst um 1970 und in der Gegenwart. Der Storyboarder Benjamin Kniebe beantwortet 13 Fragen zu seiner Profession. Noch einmal um Walt Disney geht es in einem Beitrag von Jan Philip Müller über STEAMBOAT WILLIE. Marc Bonner beschäftigt sich im letzten Beitrag mit dem Storyboard als Entwurfs- und Notationsmedium des Computerspiels. Mit vielen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: 553-storyboarding.html