Raymond Depardon: Irrfahrt

2016-irrfahrtEin beeindruckendes Buch. Der Fotograf und Filme-macher Raymond Depar-don (*1942) nimmt uns mit auf eine „Irrfahrt“. Auf der einen Seite lesen wir seinen Text, auf der anderen Seite sehen wir seine Fotos: 78 an der Zahl, alle in Schwarzweiß und im Hochformat. Er hat für dieses Projekt in Amerika, Afrika, Europa und Japan fotografiert. Abgebildet sind Straßen, Autos, Strom-masten, Kreuzungen, Häuser, Wolken, Bäume, gelegentlich auch Menschen. Die Bilder haben eine erstaunliche Tiefenschärfe. Über die Perspektiven kann man intensiv nachdenken. Der Text ist eine sehr persönliche Erzählung über das Projekt, über den Titel, über den Beruf des Fotografen und des Filmemachers, über frühere Projekte, über sein Leben. Es gibt wunderbar lakonische Feststellungen im Text, zum Beispiel: „Einsamkeit gehört zum Leben eines Fotografen.“ „Die Einsamkeit ist notwendig für den Blick.“ „Ein Mensch im Bild dient als Maßstab.“ „Ich habe meine Art zu fotografieren, ich habe meine eigene Distanz.“ „Zu jedem Thema gehört eine eigene Distanz.“ „Der Verrückte und der Fotograf sind sich ziemlich nahe.“ „Die Wirklichkeit ist für den Fotografen ein ständiger Gefährte.“ „Der Verrat an der Wirklichkeit gehört zum Fotografendasein.“ Dies ist Band 19 der Reihe „Texte zum Dokumentarfilm“ im Verlag Vorwerk 8, mit einem Vorwort von Werner Dütsch. Ich bin begeistert. Mehr zum Buch: php?id=217&am=4

Fatih Akin

2016-fatik-akinEine Dissertation, die an der Universität Marburg entstanden ist. Stefanie Klos will das Werk von Fatih Akin aus der Ecke des „Migrantenfilms“ oder des „deutsch-türkischen Kinos“ befreien und es in einen transkulturellen Zusammen-hang stellen. Sie tut das mit überzeugenden Analysen seiner Filme. Pflichtgemäß formuliert sie zunächst ein thematisches Spannungsfeld und vermittelt den Forschungsstand. Dann folgen die Fallbeispiele für „Transkulturelle Inhalte“ (CROSSING THE BRIDGE, KURZ UND SCHMERZLOS, IM JULI) mit den entsprechenden Motiven und Verortungen. Anschließend geht es um „Transkulturelle Formen“, um Genre, Erzählstrukturen und vor allem um die Filmmusik (in SOLINO, GEGEN DIE WAND, SOUL KITCHEN, AUF DER ANDEREN SEITE). Die Analysen der Autorin sind Ergebnisse genauer Beobachtungen, ab und an sichert sie sich wissenschaftlich ab, aber ihr Text ist eine eigenständige Leistung, die dem Werk von Fatih Akin gerecht wird. Im Fazit kann sie von einem „transkulturellen Autor“ sprechen. Wenige, aber qualitativ gute Abbildungen. Mit dem Film TSCHICK war Fatih Akin in den letzten Monaten in unseren Kinos sehr erfolgreich. Er kommt im Text von Stefanie Klos noch nicht vor, ist aber beim Lesen oft präsent. Coverfoto: SOLINO. Mehr zum Buch: 527-fatih-akin.html

Film-Bühne Hotel

2016-film-buehne-hotelHeute beginnt in Hamburg der 29. CineGraph-Kongress. Sein Thema: „Gebrochene Sprache. Filmautoren und Schriftsteller des Exils“. Pünktlich wie immer liegt die Dokumentation des vorangegangenen Kongresses vor, redaktionell betreut von Swenja Schiemann und Erika Wottrich, publiziert bei edition text + kritik. Das Thema: „Film-Bühne Hotel. Begegnungen in begrenzten Räumen“. 14 Beiträge sind hier versammelt, alle sehr lesenswert. Alfons Maria Arns gibt einen ersten historischen Überblick. Bei Michelle Koch geht es um die Trennung der Bereiche Gäste und Personal und ihre Kommunikation. Heike Klapdor reflektiert über den Topos Hotel und konkretisiert dies an den drei Filmen BRENNENDES GEHEIMNIS, FRÄULEIN ELSE und THE PASSING OF THE THIRD FLOOR BACK. Leonardo Quaresima beschäftigt sich mit dem Roman „Menschen im Hotel“ von Vicki Baum und seinen unterschiedlichen Adaptionen. Réka Gulyás informiert über die fünf Verfilmungen des Romans „Hotel Imperial“ von Lajos Bíró. Michael Girke richtet seinen Blick auf Pensionen und Absteigen, sein Filmbeispiel ist DER VULKAN von Ottokar Runze. Thomas Brandlmeier entdeckt Raumfluchten und Zeitfluchten in den Filmen L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD und ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN. Evelyn Hampicke beschreibt Roben und Garderoben in Hotelfilmen der NS-Zeit. Von Detlef Kannapin stammt ein Beitrag über „verdichtete Räume und soziale Beziehungen“ in den wenigen Hotel-Filmen der DEFA. Hans J. Wulff erinnert an Hotelszenarien im westdeutschen Schlagerfilm. Kathrin Fahlenbach reflektiert über die Metaphorik von Hotels u.a. im Horrorfilm. Jan Distelmeyer sieht Hotels als Transiträume in den Filmen von Wes Anderson. Sven Weidner schreibt über das Hotel als Bühne in Rainer Werner Fassbinders WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE. Und Tobias Haupts hat Mitleid mit den einsamen Menschen im Hotel in neuen deutschen Filmen. Das Niveau der Texte ist, wie immer, durchgehend sehr hoch, das Thema des letzten Kongresses war besonders spannend. In einem Jahr werden wir lesen können, was in den nächsten Tagen in Hamburg referiert wurde. Mehr zum Buch: WAohgSiJbV4

Transnationale Medienlandschaften

2016-transnationale-medienlandschaften17 Beiträge enthält der Sammel-band in der Reihe „Neue Per-spektiven der Medienästhetik“. Eine Einführung der Heraus-geber Ivo Ritzer und Harald Steinweder gibt die Richtung vor. Man muss natürlich nicht die Reihenfolge einhalten. Der letzte Text – von Dominik Graf – setzt schon mal Maßstäbe, er handelt von Aldo Lados Giallo-Trilogie aus den 1970er Jahren, ist provokant im Tonfall, sehr persönlich im Blick auf die internationale Filmproduktion und wunderbar konkret („Destinazione München, Innsbruck, Prag, Venedig: der letzte Kinozug in die Nacht“). Um auf eine abstraktere Ebene zu gelangen, liest man dann vielleicht den ersten Text von Ivo Ritzer „Epistomologische Herausforderungen einer Kulturtheorie des World Cinema“, der sich mit der Studie „Kritik der schwarzen Vernunft“ von Achille Mbene auseinandersetzt. Sehr handfest geht es in Lisa Andergassens Beitrag über Franz Antels Wirtinnen-Reihe als hybride Grenzüberschreitung zu („Schnell, ins Bett!“). Jan Distelmeyer beschäftigt sich mit „Karl May, (Inter-)Nationalismus und den europäischen Koproduktionen der CCC“, ergänzt von einem Interview mit Artur Brauner, das Harald Steinwender und Alexander Zahlten geführt haben. Von ihnen stammt auch das aufschlussreiche Gespräch mit Hanns Eckelkamp („Mit dem Atlas um die Welt“). Mehrfach geht es um Italien, zum Beispiel bei Harald Steinwender (über die deutsch-italienischen Koproduktionen der 1960er und 70er Jahre) und bei Peter Scheinpflug („Yellow: A Neo-Gallio: Die Renaissance des italienischen Genrefilms als transnationales Kunstkino“). Ein Kapitel deutscher Filmgeschichte erzählt Sano Cestnik in seinem Text „Evidenz und Uneindeutigkeit“: über Asien als Chiffre in den Produktionen der Rapid-Film von Wolf C. Hartwig. Spannend sind auch die Beiträge von Sven Safarow über den FU-MAN-CHU-Zyklus von Harry Alan Towers („Die ‚gelbe Gefahr’ in den Fängen der Popkultur’) und von Tim Slagman über die Raumstruktur des extremen französischen Horrorkinos („Blutige Grenzen, globale Mythen“). Interessanter Lesestoff zur internationalen Filmgeschichte. Mehr zum Buch: book/9783658126841

Die Welt von „Game of Thrones“

2016-welt-game-of-thronesAus kulturwissenschaftlicher Perspektive werden in 23 Bei-trägen der Fantasy-Zyklus „A Song of Ice and Fire“ (ASOIAF) von George R. R. Martin – es gibt seit 1996 bislang fünf Romane – und die Fernsehserie GAME OF THRONES (GOT) von HBO – es gibt seit 2011 bislang sechs Staffeln, die siebte befindet sich in Produktion – in den Blick genommen. In den Texten des Bandes geht es um Familien-Politik und dynastische Fragen, Kulturgeographie und Geo-politik, Religion und Mythen, Gender-Diskurse und soziale Fragen, Ethik, Moral und Politik, Medienreflexion, Rätsel und Mystifikation, Träume und Prophezeiungen und am Ende um Transmedialität. Die Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen Germanistik, Mittelalterforschung, Kulturanthropologie, Game Studies, Englische Kulturwissenschaft, Komparatistik, Theologie, Filmwissenschaft und Musikwissenschaft. Ich weise auf acht Beiträge hin, die sich speziell mit GOT beschäftigen: Mario Grzelji (München) behandelt die Alteritätsdiskurse in GOT. Hans Richard Brittnacher beschäftigt sich mit Utopien des Hybriden. Felix Schröder untersucht weibliche Figuren in GOT-Computerspielen, Franziska Ascher das GOT-Narrativ und seinen Wechsel ins Medium Computerspiel. Christian Weng informiert über Techniken und Funktionen von Filmmusik am Beispiel von GOT. Maria Kutscherow vergleicht die Darstellung von Kindheit und Jugend in ASOIAF und GOT. Der Filmwissenschaftler Simon Spiegel richtet den Blick auf Sexszenen in GOT und anderen Serien. Tobias Unterhuber analysiert subkulturelle Reaktionen auf den Medien- und Publikumswechsel von ASOIAF zu GOT. Vor allem für Fans der Serie ist dies interessanter Lesestoff. Mehr zum Buch: die-welt-von-game-of-thrones

(Dis)Positionen Fernsehen + Film

2016-dispositionenDer Band dokumentiert Beiträge des 27. Film- & Fernsehwissen-schaftlichen Kolloquiums (FKK), das im März 2014 in München stattfand. Von insgesamt 72 Einzelvorträgen sind hier 30 nachzulesen. Ich greife 13 heraus, die mich besonders interessiert haben. Michael Fleig (Regensburg) vergleicht die Musikvideos und die Filme des französischen Regisseurs Michel Gondry. Matthias Weiß (Berlin), mit dem Werk von Joseph Beuys bestens vertraut, beschäftigt sich mit dem Film BOYS PRIVAT (1981) des Fernsehjournalisten Peter Langer („Anmerkungen zu einer öffentlich-rechtlichen Kunstfigur“). Eva-Kristin Winter (München) analysiert Szenen aus dem Biopic EDVARD MUNCH (1974) von Peter Watkins. Lena Hoffmann (Berlin) untersucht Inszenierungen von Nicht-Sehen mit blinder Wahrnehmung im Film („Ich höre was, was Du nicht siehst“). Thomas Scherer (Berlin) reflektiert über Split Screens als Formen multiperspektivischen Sehens. Danila Lipatov (Moskau) richtet den Blick auf visuelle Reduktionsarten in den Filmen der Berliner Schule. Sofia Glasl (München) sieht den Film ONLY LOVERS LEFT ALIVE (2013) von Jim Jarmusch als „popkulturelles Familienalbum“. Bei Anke Steinborn (Cottbus-Senftenberg) geht es um den Film LOST IN TRANSLATION (2003) von Sofia Coppola („Poetisches Verhalten“). Jana Zündel (Bonn) entdeckt Zeitstrategien in Spannungsszenen bei Alfred Hitchcock („As time goes by“). Sarah Clemens (München) untersucht Wes Andersons Spielfilme von BOTTLE ROCKET bis MOONRISE KINGDOM („Nostalgische Bildkompositionen“). Johannes Geng (Mainz) analysiert den Film EWIGER WALD (1936). Jean-Marc Turmes (München) vergleicht die Filme 100 JAHRE ADOLF HITLER und DER UNTERGANG („Schlingensief ist besser!“). Miriam Drewes (Hildesheim) erinnert an das diskursive Verhältnis von Ästhetik und Ökonomie im westdeutschen Autorenfilm der frühen 1970er Jahre („Unter Wert verkauft“). Man sieht: die Themenvielfalt des Kolloquiums war wieder sehr groß. In München wurde beschlossen, die Buchveröffentlichung zu beenden und die Beiträge künftig im Netz zugänglich zu machen. Der 27. ist also der letzte Band der Reihe. Mehr zum Buch: dis-positionen-fernsehen-film.html

CYANKALI (1930)

2016-dvd-cyankaliDer Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf schrieb 1929 das Theaterstück „Cyankali“: ein Plädoyer für die Abschaffung des § 218, der jede Abtreibung als „Verbrechen wider das keimende Leben“ einstufte und sie auch in Notlagen untersagte. Das Stück wurde Anfang 1930, in der Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm, von dem Regisseur Hans Tintner verfilmt, die Uraufführung fand bereits im Mai 1930 statt, aber es gab danach mehrfach Eingriffe der Zensur und Verbote, der Film verschwand relativ schnell aus den Kinos. Er ist – wenn man sich jetzt die bei absolut MEDIEN erschienene DVD anschaut – ein interessantes Dokument der Zeit. Hauptfigur ist die als Bürokraft in einer Fabrik angestellte Hete Fent (gespielt von Grete Mosheim), die ein Kind von dem Arbeiter Paul erwartet und nach einem misslungenen Streik und der Aussperrung der Belegschaft keine Perspektive für eine Familie sieht. Sie geht den Weg der Abtreibung mit vielen Stationen, der mit ihrem Tod endet. Über weite Strecken dominieren Elemente des Stummfilms – mit Musik und Zwischentiteln – erst am Ende, in den dramatischen Auseinandersetzungen mit Arzt und Polizeikommissar, gibt es Dialogpassagen. Die Bilder (Kamera: Günther Krampf) haben eine große Stärke, die Musik (Willy Schmidt-Gentner) verstärkt die dramatischen Momente. Mit 90 Minuten Länge ist bei der Rekonstruktion viel erreicht worden, die technische Qualität ließe sich wohl noch verbessern. Die Edition ist dem Filmmuseum Potsdam zu verdanken. Auf einer zweiten DVD kann man sich den TV-Film CYANKALI ansehen, der 1977 von Jurij Kramer für das Fernsehen der DDR realisiert wurde. Hier spielt Renate Krößner die Hete, Rolf Römer, Annekathrin Bürger und Horst Hiemer sind in Nebenrollen zu entdecken. Zum Bonusmaterial gehört eine 60-Minuten-Diskussion zu Wolfs „Cyankali“, die am Tag nach der Ausstrahlung des Fernsehspiel im DDR-Fernsehen stattfand. Für das sehr informative Booklet ist Guido Altendorf verantwortlich. Mehr zur DVD: film/3010/Cyankali

James Bond und der Zeitgeist

2016-james-bondEine Dissertation, die an der Universität Oldenburg ent-standen ist. Julia Kulbarsch-Wilke untersucht die James Bond-Filme im historischen Kontext. Es sind, beginnend mit DR. NO (1962), inzwischen 24 Titel, wobei der letzte, SPECTRE (2015), eher am Rande behan-delt wird, weil er erst nach Fertigstellung der Dissertation in die Kinos kam. Nach Klärung von Quellenlage und Stand der Forschung informiert die Autorin zunächst über wichtige Elemente der Erfolgsgeschichte, ausgehend von den Romanen Ian Flemings, die eine eigene Struktur haben. Die Filme beginnen in der Regel mit der „Gunbarrel-Sequenz“ (fokussiert auf einen Pistolenlauf), haben eine „Vortitelsequenz“, die den Wiedererkennungswert erhöhen soll, einen kunstvoll gestalteten Vorspann mit Titelmusik und kommen schnell zur Sache: zum Problem, das James Bond diesmal lösen soll. Das Set-Design spielt immer eine große Rolle. Dann werden von der Autorin die bisher sechs Bond-Inkarnationen vorgestellt: Sean Connery, George Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton, Pierce Brosnan und Daniel Craig. Im folgenden Kapitel geht es um Bond und die Politik: zuerst den Kalten Krieg, dann Energie- und Drogenprobleme, dann die Schauplätze Silicon Valley und Afghanistan, den Fall des Eisernen Vorhangs, Relikte des Kalten Krieges, Rohstoffknappheit, neue Feindbilder, die Terrorgefahr. Ist Bond ein amerikanisierter Actionheld oder eine britische Symbolfigur?, fragt die Autorin am Ende. Im umfangreichsten Kapitel setzt sich Julia Kulbarsch-Willke dann mit Bond und den Frauen auseinander. Darüber hat sie schon ihre Diplomarbeit verfasst. Es geht um die Typisierung der Bond-Girls in den 1960er, 70er, 80er Jahren, in der Brosnan-Ära und danach, um die Sekretärin Miss Moneypenny und schließlich um die Chefin M in den Jahren 1995 bis 2015, dargestellt von Judi Dench. Im letzten Kapitel werden Rezeption und Rückwirkung der Bond-Filme in den verschiedenen Jahrzehnten beschrieben. Die Autorin ist natürlich mit den Filmen bestens vertraut, verirrt sich selten im wissenschaftlichen Überbau und macht dadurch die Lektüre fast unterhaltsam. Mit 52 farbigen Abbildungen in guter Qualität und umfangreichem Literaturverzeichnis. Mehr zum Buch: 67400d4730453

Poetik des Seriellen

2016-noch-einmal-andersIn zehn Beiträgen geht es hier um eine „Poetik des Seriellen“, die als kreative Möglichkeit positiv eingeschätzt wird, nicht nur im Hinblick auf den großen Erfolg der amerikanischen Fernsehserien. Der Literatur-wissenschaftler Rüdiger Campe (Yale University) geht in seinem Text sogar zurück zu Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter“, die er gern aufgewertet wissen möchte. Alys X. George (Stanford University) erinnert an die Sammellust von Bilderserien, blättert in den Orami-Alben der Weimarer Republik und findet auf den Fotos die berühmten Tänzerinnen und Tänzer der damaligen Zeit. Barbara Straumann (Universität Zürich) beschäftigt sich mit den viktorianischen Romanen von George Eliot und entdeckt Wieder-holungen und Differenzen. Christine Blättler (Universität Kiel) wagt vier Thesen zu Serialität und Poiesis: „1. Die Serie ist kein Ding. 2. Serialität ist nicht Wiederholungskunst. 3. Gleichzeitigkeit ist nicht zukunftslos. 4. Kultur ist keine Tragödie.“ Das begründet sie sehr pointiert. Bei der Amerikanistin Heike Paul (Universität Erlangen) geht es um „Das Geschlecht der Serie“. Der Medienwissenschaftler Lars Koch (TU Dresden) widmet sich in seinem sehr interessanten Beitrag David Finchers filmischer Auseinandersetzung mit der seriellen Form. Und Elisabeth Bronfen (Universität Zürich) richtet den Blick aufs Schachspiel, ausgehend von dem Film TINKER TAILOR SOLDIER SPY (2011), dann in den Serien THE HONOURABLE WOMAN (2014) und HOUSE OF CARDS (seit 2013) und fragt nach den Zusammenhängen zwischen Schachspiel und Politik. Sieben sehr lesenswerte Texte. Die drei anderen Beiträge haben mich nicht so interessiert. Mehr zum Buch: noch-einmal-anders-3377

Filmstil

2016-filmstilDer Band entstand im Rahmen des DFG-Netzwerks „Filmstil zwischen Kunstgeschichte und Medienkonvergenz“, verschie-dene Workshops fanden in den vergangenen Jahren in Marburg, Potsdam, Zürich und Wien statt, das Buch ist jetzt bei edition text + kritik erschienen. Die 15 Bei-träge sind den drei Abschnitten Stil-Konzepte, Stil-Fragen und Stil-Mittel zugeordnet. Julian Blunk eröffnet – nach der Einführung von Tina Kaiser und Dietmar Kammerer – den Textreigen mit dem Grundsatz-essay „Zum Transfer kunst-wissenschaftlicher Stilbegriffe in die Filmwissenschaft“, Chris Wahl lässt „Eine kleine Geschichte des Begriffs ‚Filmstil’ und seiner Bedeutung“ folgen. Guido Kirsten nutzt für seine „Thesen zur Theorie des Filmstils“ den Film HOTEL CHEVALIER von Wes Anderson. Kristina Köhler erinnert an eine Stildebatte im Weimarer Kino und bringt dabei Georg Otto Stindt, Erich Pommer und den Film DAS WACHSFIGURENKABINETT ins Spiel. Hauke Lehmann entdeckt einen „paranoiden Stil“ in ZERO DARK THIRTY von Kathryn Bigelow. Julian Blunk beschäftigt sich mit filmischen Künstlerbiografien u.a. über August Renoir, William Turner und Jan Vermeer. Evelyn Echle richtet den Blick auf den Film LOOS ORNAMENTAL von Heinz Emigholz über den Wiener Architekten Adolf Loos. Tina Kaiser reflektiert über die Stilelemente des Lichts (Béla Tarr), der Farbe (Lisandro Alonso), der Dramaturgie (Thomas Arslan) und führt uns dann zu Michelangelo Antonionis Film LA NOTTE. David Bordwell untersucht den Film THE PRESTIGE von Christopher Nolan. Barbara Flückinger äußert sich zum Verhältnis von Filmstil und Filmtechnologie. Bei Volker Pantenburg geht es um den Kameraschwenk (Godard, Bertolucci, Akerman). Adina Lauenburger unternimmt eine „theorie- und technikgeschichtliche Annäherung“ an Filmstil und Unschärfe in verschiedenen Jahrzehnten. Malte Hagener analysiert Splitscreens im frühen Kino. Julian Hanich öffnet den Blick für verborgene Dimensionen im Filmstil Roy Anderssons. Von Dietmar Kammerer stammt schließlich ein Beitrag über den Moment der aufgehobenen Zeit durch den Effekt der virtual camera motion. Das Buch hat den Untertitel „Perspektivierungen eines Begriffs“ und wird ihm eindrucksvoll gerecht. Mit Abbildungen in Schwarzweiß und Farbe in guter Qualität. Die Coverabbildung stammt von den Dreharbeiten zu dem Film KALTE HEIMAT (1979). Mehr zum Buch: WAc-iyiJbV4