Das Kino von Horst Dieter Sihler

2016-mein-kinoHorst Dieter Sihler ist in vielen Funktionen bekannt geworden: als Filmkritiker des Standard, der FAZ, verschiedener anderer Zeitungen und des ORF, als Gründer der „Diagonale“ in Graz, als Leiter eines Programmkinos in Klagenfurt und als Lyriker. Aus alten Texten und neu formulierten Erinnerungen hat er jetzt das Buch „Mein Kino des 20. Jahrhunderts“ komponiert, im Untertitel heißt es „Erlebte Filmgeschichte“. Der Autor – geboren am 15. September 1938 in Klagenfurt – widmet elf Kapitel dem Film und das zwölfte seinem eigenen Leben. Aber auch das erste Filmkapitel handelt von ihm: „Erste Filmerfahrungen – von der Nazi-Wochenschau zum Cinemascope-Film“. Dann geht es um den slowenischen Film, jugoslawische Filmvisionen, polnische Filmabenteuer, ums Kino der Dritten Welt, um Filmkritiken von gestern, Filmwege ins neue Jahrtausend, den österreichischen Film und heimische Film- und Kinokämpfe. Zwischendurch unternimmt Sihler einen Ausflug in die Filmgeschichte (zu Vertov, Kurosawa, Hochbaum, Chaplin und Langdon) und blättert in seinem Filmtagebuch (publiziert in der Kulturzeitschrift Die Brücke). Die Zeitsprünge sind gelegentlich atemberaubend, aber wenn einem die Namen und Titel einigermaßen geläufig sind, ist man hier mit einem sachkundigen und scharfsinnig formulierenden Cineasten auf einer Reise kreuz und quer durch die Filmgeschichte. Ich bin acht Tage nach Sihler auf die Welt gekommen, wir sind uns leider nie begegnet, obwohl er – als Besucher des Internationalen Forums – häufig zur Berlinale kam; ich habe beim Lesen des Buches viel gelernt. Der Autor bekennt sich übrigens konsequent zur alten Rechtschreibung. Am Ende des Bandes befindet sich eine „Fotogalerie“ mit Aufnahmen aus dem Privatleben, der Kinolandschaft und faksimilierten Zeitungsausschnitten. Mehr zum Buch: mein-kino-des-20-jahrhunderts/

LANDSTÜCK (2015)

2016-dvd-landstueckVolker Koepp zeigt die Ver-änderungen in der Uckermark in den letzten Jahrzehnten. LANDSTÜCK widmet sich Menschen und Landschaften 2015 und schlägt mit Aus-schnitten aus Volkers Filmen DAS WEITE FELD (1976) und UCKERMARK (2002) eine Brücke in die Vergangenheit. In den Gesprächen kommen Land-wirte, Dorfbewohner – vor allem ältere Frauen – und Umwelt-schützer zu Wort, die viel zu erzählen haben. Es sind lustige und auch traurige Lebens-geschichten. Viele bäuerliche Familienbetriebe haben sich auf ökologischen Anbau umgestellt. Aber parallel konkurrieren Großinvestoren mit Monokulturen und Tiermastbetrieben, die das Landschaftsbild verändern. Der Biologe und Agrarwissenschaftler Michael Succow informiert über die Konsequenzen. Man spürt, wie eng Volker mit dieser Region verbunden ist. Hinter der Kamera stand diesmal nicht Thomas Plehnert, sondern Lotta Kilian, die beeindruckende Bilder geschaffen hat. Wichtig ist auch der Ton: die Geräusche haben eine erstaunliche Präsenz, und die Musik von Ulrike Haage steigert die Intensität der Bilder. In der Edition Salzgeber ist jetzt die DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: 150&sortby=DESC

Ästhetische Emotion

6556-1 Knaller„Formen und Figurationen zur Zeit des Umbruchs der Medien und Gattungen (1880-1939)“ heißt der Untertitel der Publi-kation, die von Susanne Knaller und Rita Rieger herausgegeben wurde. Sie enthält 14 Texte in drei Kapiteln: 1. Theoretisierung ästhetischer Emotion (mit dem lesenswerten Beitrag von Nicola Gess über Poetiken des Staunens im frühen 20. Jahrhundert – Brecht, Sklovskij und Benjamin, ihre Theorien der Verfremdung). 2. Emotion als Movens und Medium des Schreibens (mit dem beeindruckenden Text von Mandy Becker „Im Wartesaal: Zu einer epochenspezifischen Stimmung der Weimarer Republik“ – er beschäftigt sich mit Kurt Tucholsky, Siegfried Kracauer, Erich Kästner, Vicky Baum und Irmgard Keun und lässt den Film nicht außer Betracht). 3. Zur Reziprozität von Kunstformen, technischen Medien und Emotion. Hier sind vier Beiträge zu lesen. Bei Hermann Kappelhoff und Matthias Grotkopp geht es um medienästhetische Neuordnungen des Verhältnisses von Affektivität und sozialer Lebenswelt bei Eisenstein und Vertov. Sabine Flach richtet den Blick auf die Avantgarde als Laboratorium der Wahrnehmung („Fühlen, Wahrnehmen, Denken“). Elisabeth Fritz erinnert an schockierende Bilder in der Zeitschrift Documents und das Erkenntnispotential des Zufalls. Von Anke Hennig stammt ein interessanter Beitrag über „Die Kinoidee Osip Briks und das ‚emotionale Szenarium’“, der die Rolle des Drehbuchs problematisiert. Abbildungen enthält nur der Beitrag über Documents. Ein interessanter Sammelband. Mehr zum Buch: Aesthetische_Emotion/

Harold Faltermeyer

2016-gruess-gott-hollywoodEr hat in Hollywood Karriere gemacht und dabei die Verbin-dung zu seinem Heimatland Bayern nie verloren. Der Kom-ponist Harold Faltermeyer (*1952) wurde berühmt mit der Musik zu dem Film BEVERLY HILLS COP (1984) von Martin Brest; die Titelmelodie „Axel F.“ war weltweit ein Hit. Giorgio Moroder hatte ihn Ende der 1970er Jahre nach Hollywood geholt, die Partnerschaft der beiden Musikbesessenen war sehr stabil. Im Lübbe Verlag hat Faltermeyer jetzt seine Auto-biografie veröffentlicht, beim Schreiben unterstützt von Janneck Herre, „der mit großem Eifer aus meinen Erzählungen etwas Lesbares gemacht und mit seinem Wissen über historische Hinter-gründe entscheidend zum Gelingen beigetragen hat.“ So erfahren wir aus diesem Buch viel über die Musikszene der letzten Jahrzehnte in Hollywood, über Konkurrenzen, Produktionsvorgaben und Starverhalten. Ein Personenregister erlaubt den gezielten Zugriff zum Beispiel auf den Produzenten Jerry Bruckheimer, die Sängerin Donna Summer oder Faltermeyers Kollegen Keith Forsey. Anderseits erzählt der Autor auch gern Geschichten aus seinem Heimatland und ist besonders stolz, dass er mit einem privaten Pilotenschein ein Flugzeug steuern darf. Die 16 Seiten mit Farbabbildungen in der Mitte des Bandes zeigen ihn im Kreis seiner Familie, enger Freunde und vieler Hollywood-Stars. Ein Leben in zwei Welten. Mehr zum Buch: Grüß+Gott%2C+Hollywood

Körperinszenierungen im japanischen Film

körperinszenierungen2.inddDer Band dokumentiert die Beiträge zu einer Tagung, die an der Universität Frankfurt am Main stattgefunden hat. Körpersprache spielt im japanischen Film eine herausragende Rolle. Zwölf Texte von sachkundigen Autorinnen und Autoren beschäftigen sich damit. Ich greife einige heraus, die mir besonders gut gefallen haben: bei Felix Lenz geht es um die Bewältigung von Endlichkeit in DER AAL (1997) und SCHWARZER REGEN (1989) von Shohei Imamura. Mario Kumekawa erinnert an Godzilla und die japanischen Monsterfilme. Hyunseon Lee untersucht den Martial-Body in Akira Kurosawas frühen Filmen. Andreas Becker beschäftigt sich mit Setsuko Haras Filmen in den 1950er Jahren; er unternimmt eine komparative Analyse ihrer Darstellung bei Yasujiro Ozu, Mikio Naruse und Akira Kurosawa. Kentaro Kawashima informiert über den Animationsfilm KAFKA – EIN LANDARZT (2007) von Koji Yamamura. Marcus Stiglegger richtet den Blick auf Shinya Tsukamotos Kino zwischen Ritual, Tradition und Utopie. Kayo Adachi-Rabe denkt über Shuji Terayamas Experimental-filme im Kontext der Phänomenologie und des Zen-Buddhismus nach. Sehr lesenswert ist auch ihre Einführung, die sie zusammen mit Andreas Becker verfasst hat. Coverfoto: DIE REISENDEN III (2002) von Nanaé Suzuki. Mehr zum Buch: koerperinszenierungen-im-japanischen-film

50. Hofer Filmtage

2016-hofer-filmtageHeute werden mit dem Film DIE BLUMEN VON GESTERN von meinem Freund Chris Kraus die 50. Hofer Filmtage eröffnet. Das Jubiläum ist leider auch eine Abschieds-veranstaltung: Heinz Badewitz, der Gründer der Filmtage, der sie 49 Jahre lang geleitet hat, ist bekanntlich am 10. März überraschend gestorben. Ihm zu Ehren fahren wir noch einmal nach Hof, denn wir hatten ihm bei der Berlinale versprochen, diesmal zu kommen. In den 70er, 80er und 90er Jahren waren wir regelmäßig dort. Das Programm haben in diesem Jahr Alfred Holighaus, Thorsten Schaumann und Linda Söffker zusammengestellt. Es sind viele interessante Filme angekündigt, darunter AM ABEND ALLER TAGE von Dominik Graf, DER ANDERE von Feo Aladag, DIE BESTEN TAGE VON ARANJUEZ von Wim Wenders, THE BIRTH OF A NATION von Nale Parker, GESCHICHTE EINER LIEBE – FEYA von Antje Starost und Hans Helmut Grotjahn, PARADISE von Andrei Konchalowsky, PAULA von Christian Schwochow, TÖDLICHE GEHEIMNISSE von Sherry Hormann, WOFÜR ES SICH ZU LEBEN LOHNT von Alrun Goette und ZYKLOP von Aysun Bademsoy. Eine Retrospektive erinnert an Höhepunkte der vergangenen fünf Jahrzehnte. Mehr zum Festival: http://hofer-filmtage.com/

Murnau-Ausstellung in München

2016-murnau-ausstellungHeute wird im Münchner Len-bachhaus eine Friedrich Wilhelm Murnau-Aus-stellung eröffnet. Sie versteht sich als „Hommage“. Alexander Kluge, Ulrike Ottinger, Guy Maddin und Evan Johnson, Luc Lagier sowie ein Team der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film reflektieren Murnaus Arbeit in eigenständigen Beiträgen, die sich u. a. auf NOSFERATU, FAUST und TABU beziehen. Zu sehen sind außerdem Fotografien und Zeichnungen von Albin Grau, Hans Natge und Robert Herlth. Die Ausstellung ist bis zum 26. Februar zu sehen. Ab 8. Januar 2017 wird sie von einer Murnau-Retrospektive im Münchner Filmmuseum begleitet, die alle verfügbaren Filme des Regisseurs, zum Teil in restaurierten Fassungen präsentiert. Mehr zur Ausstellung: 2016/friedrich-wilhelm-murnau/

LITTLE NEMO (1989)

2016-dvd-little-nemoWeil der Animationsfilm FINDET DORIE von Andrew Stanton aus dem Pixar-Studio, der mir gut gefallen hat, zurzeit so erfolgreich ist, schauen sich viele seinen Vorgänger FINDET NEMO (2003) noch einmal an. Aber der Clownfisch Nemo hat nichts mit dem LITTLE NEMO aus dem Jahr 1989 zu tun. Auch dies ist ein Zeichentrickfilm, er stammt von William T. Hurtz und Masami Hata und ist gerade bei Koch Media als DVD erschienen. Er ist nicht ganz so originell wie die beiden Pixar-Filme, aber er erzählt auf sehr eigene Art eine Abenteuergeschichte aus dem „Schlummerland“, wohin den kleinen Nemo die Träume entführen. Zusammen mit seinen Freunden muss er sich vielen gefährlichen Herausforderungen stellen, was ihm mit Glück und Verstand gelingt. Der Film basiert auf den klassischen frühen Comics von Winsor McKay (1905-1911 täglich im New York Herald). Zum Bonus-Material gehören ein Making of, Little-Nemo-Kurzfilme von 1911 und 1921 und eine Bildergalerie mit Originalzeichnungen. Leider ist auf der DVD nur die deutsche Sprachfassung enthalten. Mehr zur DVD: page=2&id=1018282

Gebannte Bewegung

2016-gebannte-bewegungEine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Daniel Wiegand nimmt die frühe Zeit des Films zwischen 1900 und 1914 in den Blick, als „Tableaux vivants“ (oder: „lebende Bilder“) auf den Bühnen der großen Varietétheater beliebt waren und Gemälde oder Skulpturen nachgestellt wurden. Das historische Material wird in einer engen Verbindung mit dem Kino der Attraktionen, den Trickfilmen von Georges Méliès und Segundo de Chomón, den frühen Filmburlesken von Pathé und Gaumont gesehen und historisch miteinander verbunden. „Festsetzungen“ und „Kippmomente“ heißen die beiden Hauptkapitel. Es geht zunächst um „Geronnenes Leben und aufgespengtes Bild“, „Erstarrte Wirklichkeit, „Die Attraktion des Schönen im Varieté“ und „Die Attraktion des Schönen im Film“. Eingefügt ist hier der Abschnitt „Gebannte Bewegung“ über die Domestizierung des filmischen Bewegungsbildes in der frühen Filmtheorie von Hermann Häfker, Konrad Lange, Victor O. Freeburg, Béla Balázs und Theodor Heinrich Mayer. Das zweite Kapitel teilt sich in die beiden Bereiche „Das Spiel mit Stillstand und Bewegung“ und „Das Spiel mit der Illusion“. Der Autor verfügt über eine große Begabung bei der Bildbeschreibung. Hilfreich sind für ihn auch die zahlreichen Abbildungen in bester Qualität, wie wir sie von den „Zürcher Filmstudien“ kennen. Dies ist inzwischen Band 36 der Reihe. Mehr zum Buch: frueher-film-in-der-kultur-der-moderne.html

FilmSchreiben

2016-film-schreibenZehn Bände des wunderbaren Film- und Drehbuch-Alma-nachs „Scenario“ hat Jochen Brunow herausgegeben, einen elften wird es wohl nicht mehr geben. Dafür ist mit dem Buch „FilmSchreiben“ die „Edition Scenario“ eröffnet, die natürlich auch im Verlag Bertz + Fischer erscheint. Der erste Band enthält drei Drehbücher unseres Freundes Jochen, die bisher nicht realisiert werden konnten. „African Princess“ erzählt die Geschichte der farbigen Jazzsängerin Nina aus Berlin, die ihre Stimme verliert und sich auf die Suche nach ihrem afrikanischen Vater in Simbabwe macht. „Der Heiler“ handelt vom Erfinder der Homöopathie, Samuel Hahnemann, der sich in hohem Alter in eine französische Malerin verliebt und ihr nach Paris folgt. In „Forever Young“ entdeckt der junge Wissenschaftler Marco Langner das Geheimnis der unbegrenzten Zellteilung und seine familiären Wurzeln auf der Insel Sardinien. Drei Aufbrüche, drei Reisen, drei Menschen auf der Suche nach sich selbst. Weil Jochen sehr bildhaft schreibt und die Filme auf seine Weise im Kopf hat, ist die Lektüre der Drehbücher spannend. Man wünscht ihnen eine Realisierung. Der einleitende Text „Eine andere Art des Schreibens“ von Michael Töteberg beschäftigt sich mit der literarischen Identität des Drehbuchs und dem Filmautor Jochen Brunow. Der beeindruckende Umschlagentwurf stammt von Hauke Sturm. Mehr zum Buch: filmschreiben.html