Peter Nestler 80

Seine Dokumentarfilme gehören für mich zum Besten, was es in diesem Bereich gibt. Sie wurden für das Fernsehen gedreht, in Deutschland und in Schwe-den. Sie zeigen Menschen in vielen Ländern, oft in Krisensituationen, sie erinnern an Konflikte und suchen nach Möglichkeiten, sie zu überwinden. Peter Nestler hat zunächst in der Bundesrepublik gearbeitet und als er keine Sendeplätze mehr bekam, ist er nach Schweden emigriert. Dort war er viele Jahre fest angestellt beim Schwedischen Fernsehen. Die Firma Strandfilm (Dieter Reifarth) und der WDR (Werner Dütsch) waren später seine Verbindungsstationen in Deutschland. Im vergangenen Jahr ist er endlich Mitglied unserer Sektion „Film- und Medienkunst“ der Akademie der Künste geworden. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Vor 14 Tagen gab es im Dokumentationszentrum der Sinti und Roma in Berlin eine Veranstaltung, bei der sein Film ZIGEUNER SEIN gezeigt und einige Reden gehalten wurden. Peter konnte aus Krankheitsgründen nicht dabei sein. Hier ist – mit einem herzlichen Gruß nach Schweden – meine Laudatio: peter-nestler-zum-80-geburtstag/

Ohne Liebe trauern die Sterne

Hannelore Hoger (*1942) ist Schauspielerin und Regisseurin. Ihre Präsenz auf der Bühne und im Kino war besonders in den 1960er und 70er Jahren groß. Populär wurde sie in der Titel-rolle der ZDF-Serie BELLA BLOCK, von der seit 1993 bisher 36 Folgen gesendet wurden. Jetzt hat sie im Rowohlt Verlag ihre Erinnerungen publiziert. Drei Kapitel sind monologische Erzählungen: „Meine Familie und ich“, „Schauspielerleben“ und „Leidenschaften“. Hier geht es um ihre Kindheit und Jugend in Hamburg, ihre Arbeit für das Theater und den Film, ihr Hobby: die Malerei. Drei Kapitel sind Gespräche: mit Alexander Kluge über ihr Leben, mit Thilo Wydra über die Kommissarin Bella Block und, noch einmal, über ihr Leben. Auch wenn es im Text manche Redundanzen gibt, er liest sich gut, weil Hannelore Hoger eine kluge, selbstkritische Autorin ist, die assoziativ formuliert und viel mitzuteilen hat. Mir persönlich hat vor allem das Kapitel „Schauspielerleben“ gefallen, weil es interessante Informationen über Kolleginnen und Kollegen enthält, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Abbildungen in allen Kapiteln – auch Reproduktionen ihrer Bilder – geben dem Buch eine zusätzliche Ebene. Das Werkverzeichnis im Anhang hat ein paar Lücken. Ich freue mich auf die beiden letzten Folgen von BELLA BLOCK. Mehr zum Buch: ohne-liebe-trauern-die-sterne.html

Germaine Dulac

Sie war Regisseurin, Filmtheoretikerin und aktive Feministin. Das Werk von Germaine Dulac (1882-1942) wird seit einigen Jahren von der Frankfurter Kinothek Asta Nielsen präsentiert. Im Wiener Metro Kino-kulturhaus fand kürzlich eine Retrospektive statt. Aus diesem Anlass hat Synema eine Broschüre publiziert, in der fünf Texte von Germaine Dulac zu lesen sind: „Das Kino der Avantgarde“ (1932), „Das Wesen des Films: Die visuelle Idee“ (1925), „Von der Empfindung zur Linie“ (1927), „Die Musik der Stille“ (1928) und „Unabhängigkeit“ (1931). Heide Schlüpmann informiert in einem einleitenden Text über Germaine Dulacs Filme, ihre Theorie und ihre Geschichte. Eine kommentierte Filmographie (Texte: Heide Schlüpmann, Credits: Brigitte Mayr) erschließt die zwischen 1917 und 1936 produzierten Werke. Eine nicht nur für Frauen interessante Publikation. Mehr zur Broschüre: 9783901644726

New Hollywood

Dies ist der vierte und wieder sehr lesenswerte Band der Reihe „Stilepochen des Films“, dies-mal herausgegeben von Norbert Grob, Bernd Kiefer und Ivo Ritzer. Vierzig Filme werden von dreißig Autorinnen und Autoren auf jeweils sechs bis zehn Seiten in chronologischer Reihenfolge vorgestellt, beginnend mit BONNIE AND CLYDE (1967), endend mit HEAVEN’S GATE (1980). Der einleitende Essay der Herausgeber ist exzellent. Dies sind die zwölf Texte, die mir am besten gefallen haben: Isabella Louise Bastian über BONNIE AND CLYDE von Arthur Penn, Manuela Reichart über THE GRADUATE von Mike Nichols, Wilfried Reichart über TWO-LANE BLACKTOP von Monte Hellman, Karlheinz Oplustil über A SAFE PLACE von Henry Jaglom, Thomas Koebner über THE LAST PICTURE SHOW von Peter Bogdanovich, Elisabeth Bronfen über THE GODFATHER I/II von Francis Ford Coppola, Norbert Grob über BADLANDS von Terrence Malick, Johannes Binotto über SERPICO von Sidney Lumet, Marion Löhndorf über THE DAY OF THE LOCUST von John Schlesinger, Helmut Merker über THE KILLING OF A CHINESE BOOKIE von John Cassavetes, Bernd Kiefer über NEW YORK, NEW YORK von Martin Scorsese, Ivo Ritzer über BIG WEDNESDAY von John Milius. Der einzige Schwachpunkt der Publikation ist die Qualität der Abbildungen. Mehr zum Buch: New_Hollywood

Zwei Western

THE CIMARRON KID (1951) ist der erste Western von Budd Boetticher, die Hauptrolle, spielt Audie Murphy. Er heißt im Film eigentlich Bill Doolin, wird „Cimarron Kid“ genannt und zu Beginn auf Bewährung aus dem Knast entlassen, wo er drei Jahre gesessen hat, weil er die Mitglieder der Dalton-Gang nicht verraten wollte, mit denen er einen Banküberfall begangen hatte. Bei einem Raubüberfall in der Eisenbahn gerät Bill in den Verdacht einer Mittäterschaft, flieht und wird nach kurzer Zeit nicht nur zum Mitglied, sondern zum Anführer der Dalton-Bande. Er verliebt sich in die Tochter eines Ranchers, träumt davon, mit ihr nach Argentinien auszuwandern, aber die Vergangenheit lässt ihn nicht los. Man spürt bereits bei diesem Film, wie souverän Boetticher als Regisseur agiert. Audie Murphy ist für die Rolle des ambivalenten Helden bestens geeignet. Gedreht in Technicolor, die Farben sind inzwischen remastert. Der Film ist jetzt als DVD in der Reihe der „Western-Legenden“ bei Koch Media erschienen. In der Original-fassung und in deutscher Synchronisation. Mit einem Booklet von Hank Schradolph. Mehr zur DVD: legenden_46_dvd/

Der Regisseur Harmon Jones war mir bisher eher als Schnitt-meister und als Regisseur von Fernsehserien bekannt. 1956 hat er den ungewöhnlichen Western A DAY OF FURY gedreht. Hauptfigur ist der Gunman Jagade (gespielt von Dale Robertson), der an einem Sonntagmorgen dem Marshall einer kleinen Stadt das Leben rettet, als der von einem Banditen bedroht wird. Der Marshall (Jock Mahoney) will an diesem Tag eigentlich heiraten, aber die Zeremonie wird verschoben, als Jagade in die Stadt kommt und dort für Unruhe und Konfrontationen sorgt. Der Marshall greift nicht ein, weil er Jagade sein Leben zu verdanken hat. Die Bürger sind irritiert und beginnen mit Aktionen einer Selbstjustiz. Auch die Braut (Mara Corday) gerät in eine schwierige Situation. Am späten Abend findet die Hochzeit statt, und das Paar verlässt den Ort. Zwischendurch ist der Film manchmal etwas dialoglastig, aber er hat viele überraschende Momente. Nr. 47 der „Western Legenden“ von Koch Media. In der Originalfassung und in deutscher Synchronisation. Der Text von Fritz Göttler im Booklet ist hervorragend! Mehr zur DVD: legenden_47_dvd/

100 Jahre Musikvideo

Eine Dissertation, die an der Universität Koblenz-Landau entstanden ist. Martin Lilken-dey klärt zunächst, was ein „Musikvideo“ ist. Er trennt in seiner Begriffsdefinition den technischen Träger (Video) von den vermittelten Inhalten (Musiknummern): „Ein Musik-video ist ein Musikkurzfilm der Unterhaltungsindustrie, in dem ein populäres Musikstück filmisch narrativ, performativ oder assoziativ thematisiert und gleichzeitig hörbar wird.“ (S. 24). So bezieht er auch die ersten industriellen Tonbilder in seine Untersuchung ein, die in vier Hauptkapitel strukturiert ist: Frühgeschichte, Musikkurzfilme nach 1930, Musikkurzfilme im Fernsehen (USA/Europa), Musikkurzfilme im Internet. Beispielhaft sind die drei Musikkurzfilmanalysen des Videos HEROES (1977) von Nick Ferguson mit David Bowie, des Musikkurzfilms THE CHILD (1999) von Alex Gopher und des Videos STAR ESCULATOR (1998) von Oliver Husain und Michael Klöfkorn. Ausführlich werden Filme mit den Beatles, David Bowie, Michael Jackson, Madonna und Elvis Presley gewürdigt. Die Beschreibungen sind konkret und präzise. Natürlich kommen im Text immer wieder die ökonomischen Interessen der Künstler/innen und der Musikproduzenten zur Sprache. Die Recherchen erscheinen mir gründlich, auch wenn ich mich in diesem Bereich wenig auskenne. Zahlreiche Tabellen (zum Beispiel, S. 118/19: Die teuersten Musikkurzfilme), keine Abbildungen aus Filmen. Mehr zum Buch: 100-jahre-musikvideo

Affektpoetiken des New Hollywood

Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin ent-standen ist. Hauke Lehmann untersucht das affektive Erleben im Kino, es geht ihm um die Verschränkung zwischen filmischer Bewegung und Emotion, er schreibt Film-geschichte als eine Geschichte des Fühlens. Die Basis dafür geben drei affektive Modi: Suspense, Paranoia und Melancholie. Die Konkretisie-rung erfolgt mit drei Filmen des New Hollywood-Kinos: CARRIE (1976) von Brian De Palma, THE PARALLAX VIEW (1974) von Alan J. Pakula und ELECTRA GLIDE IN BLUE (1973) von James Williams Guercio. Die Analysen sind bis in die Details genau. Sie stellen jeweils eine Sequenz in den Mittelpunkt. Bei CARRIE ist das die Prom-Night-Sequenz, bei THE PARALLAX VIEW die Eingangssequenz (der Anschlag auf den Senator), bei ELECTRA GLIDE IN BLUE das Ende des Films (der Tod des Polizisten Wintergreen). Im Suspense entdeckt der Autor Formen des filmischen Denkens, in der Paranoia Formen der Mediatisierung, in der Melancholie Formen des Geschichtsempfindens. Ein eigenes Kapitel widmet Lehmann der Poetik der Figur, hier ist der Film DAVID HOLZMAN’S DIARY (1967) von Jim McBride sein Analyse-Beispiel. Das Schlusskapitel schlägt Bögen zu anderen Genres im New Hollywood-Film, hier geht es um das Ende der Welt im Horrorfilm, um den suspendierten Suspense im Road Movie, um Paranoia und Melancholie im Neo Noir und schließlich um das Kino nach 9/11. Die Präzision der Analysen ist beeindruckend, Verweise auf andere Filme der Zeit auch in den ersten Kapiteln erweitern den Wahrnehmungshorizont. Die einschlägige Literatur ist in den Text einbezogen. Die Qualität der Schwarzweiß-Abbildungen ist akzeptabel, die wichtigsten Abbildungen werden am Ende des Bandes in Farbe wiederholt. Coverabbildung: das Auge in A SAFE PLACE von Henry Jaglom. Mehr zum Buch: 473374?rskey=JxCcUe

Trigger-happy Hollywood

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilian-Universität München entstanden ist. Lars Ludwig beschäftigt sich mit den soziokulturellen Grundlagen der Selbstjustiz im amerikanischen Film. Zunächst werden die rechtsphilosophischen Grund-lagen definiert, die Basisele-mente des Rechtsstaats, die Phänomene der Selbstjustiz, die moralphilosophischen Aspekte und die Begründung von Recht in der amerikanischen Gesell-schaftsstruktur. Dann erfolgt die soziokulturelle Einordnung der Thematik, die Klärung der Unterschiede des europäischen und angelsächsischen Rechtsverständnisses innerhalb der Gesellschaft der USA, die Charakterisierung der Selbstjustiz als „Eigenart“ Amerikas. Ein erster filmhistorischer Abriss legt die zeitlichen Strukturen fest: die Extralegalität in der Frühphase des Films, die Selbstzensur in Hollywood 1930-1967, die Aufbrüche des New Hollywood mit dem Wiederbeginn extralegaler Thematiken im Film, die Entwicklungen seit 1976 und die Tendenzen in der postmodernen Zeit. Der Autor sichert sich zwar immer wieder durch Quellenverweise ab, aber sein Text ist in den Formulierungen sehr konkret und liest sich dank vieler Filmbeschreibungen sehr spannend. Das setzt sich auch im letzten Kapitel fort. Hier geht es um die Suche nach Gerechtigkeit als zentralem Filmthema, um die Filmrealität als Mittel zur moralischen Beeinflussung des Zuschauers, um die Mittel Extralegalität zu rechtfertigen, um DEATH WISH und den Vigilantenfilm, um den Polizeifilm, den rape/revenge-Film und den Superheldenfilm. Schließlich kommen noch besondere Formen der Selbstjustiz im Film zur Sprache. Im Anhang werden über 200 Filme genannt, die im Buch zum Teil ausführlich in Erinnerung gerufen werden. Eine beeindruckende Publikation zur amerikanischen Filmgeschichte. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: trigger-happy-hollywood/

Empathie im Film

Der Band, herausgegeben von Malte Hagener und Ingrid Vendrell Ferran, dokumentiert Beiträge eines interdisziplinären Seminars der Philosophie und der Filmwissenschaft, das 2013 an der Philipps-Universität Marburg stattgefunden hat. Es ging damals um „Emotions-forschung und Film“. Die Einleitung liefert wichtige Informationen zu Begrifflichkeit und Theorie. Ein Text von Alex Neill aus dem Jahr 1996 („Empathie und filmische Fiktion“) schafft die Basis für die aktuelle Debatte. Lisa Katharin Schmalzried beschäftigt sich dann mit „Filmischen Quellen empathischen Wissens“. Christian Ferencz-Flatz unternimmt eine phänomenologische Interpretation des Films SHIRIN (2008) von Abbas Kiarostami („Einfühlung und Spiegelung“). Vivian Sobchack reflektiert über die Herstellung von Subjektivität in dem Film DARK PASSAGE (1947) von Delmer Daves („Von Angesicht zu Angesicht“). Bei Susanne Schmetkamp geht es um die Erzählperspektiven, ihr Filmbeispiel ist DAS WEISSE BAND (2009) von Michael Haneke („Vergegenwärtigung anderer Sichtweisen“). Hermann Kappelhoff und Sarah Greifenstein formulieren Thesen zum filmischen Erfahrungs-modus („Metaphorische Interaktion und empathische Verkörperung“). Christiane Voss richtet den Blick auf „Figuren- und objektbasierte Lesarten des Filmästhetischen“. Judith Siegmund konfrontiert uns mit Überlegungen zur dokumentarischen Filmarbeit („Empathie und Verkörperung im Material“). Jens Eder konkretisiert das mit seinen Erkenntnissen über den Film THE LOOK OF SILENCE (2014) von Joshua Oppenheimer („Empathie und existentielle Gefühle im Film“). Alle Texte haben hohes theoretisches Niveau, die Filmbeispiele sind gut gewählt. Mehr zum Buch empathie-im-film

Meine Russen

Ingrid Poss war Dokumenta-ristin bei der DEFA, verantwor-tete ab 1975 die Fernsehsendung „Treffpunkt Kino“ und wollte 1992/93 einen Dokumentarfilm über die Situation ihrer Freunde nach den politischen Verände-rungen im Osten realisieren, über den Regisseur Sergei Schpakowski in Moskau, den Kameramann Anatol Pjatkin in Riga und den Regisseur Bolot Schamschijew in Bischkek. Das gedrehte Material wurde nie zu einem fertigen Film. Jetzt hat die Autorin ihrer damaligen Arbeit eine andere Form gegeben. Ihre Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1992/93 sind höchst lesenswerte Erinnerungen an eine Zeit des Umbruchs. Aufzeichnungen einer späteren Moskau-Reise 2008 spannen einen interessanten Bogen. Dokumentiert werden die 1992 geführten Interviews mit Schpakowski, Pjatkin, Schamschijew und dem Regisseur Tolemusch Okejew. Einmontiert in die Erinnerungen von Irene Poss sind vier informative Texte von Gerd Ruge („Neues Denken auf Russisch“), Viktor Jerofejew („Wohin Russland?“), Gabriele Krone-Schmalz („Enttäuschte Hoffnungen – verpasste Chancen“) und Peter Scholl-Latour („Gefangene der eigenen Lügen“). Natürlich vermittelt die Autorin gleich zu Beginn ihre Enttäuschung, dass es nicht zu einem Film gekommen ist („Die Geschichte eines nicht gesendeten Films“). Aber da Irene Poss sehr lebendig schreiben kann, ist das Buch mehr als ein Ersatz für den geplanten Film. Mit einem Vorwort von Matthias Platzeck. Mehr zum Buch: meine-russen.html