Metaphern einer anderen Filmgeschichte

Eine Habilitationsschrift, die an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main entstanden ist. Der Kunsthistoriker und Filmwissenschaftler Henning Engelke untersucht darin den amerikanischen Experimental-film von 1940 bis 1960. Abseits von den großen Studios in Los Angeles entwickelte sich damals der experimentelle Film in enger Verbindung mit der Malerei und der Musik vor allem in New York und San Francisco. In einer sehr substantiellen Einleitung und neun Kapiteln beschreibt der Autor die Arbeit der wichtigsten Protagonisten des experimentellen Films, stellt Verbindungen zum dokumentarischen Film her und entdeckt viele bisher kaum wahrgenommene Werke. Vier Kapitel, die mich besonders beeindruckt haben, tragen die Titel „Die Metapher der visuellen Musik“, „Phantasmagorie, Geschichte und ‚Closed Field’“, „Rekursive Visionen – Experimentalfilm und Kybernetik in San Francisco“, „Politik und Ästhetik der Entgrenzung des Filmischen“. Der Text folgt einerseits einer Chronologie, setzt andererseits geografische Schwerpunkte und geht erstaunlich ausführlich auf das Werk einzelner Künstlerinnen und Künstler ein. Gewürdigt werden u.a. Kenneth Anger (*1927), Sara Kathryn Arledge (1911-1998), Jordan Belson (1926-2011), Stan Brakhage (1933-2003), James Broughton (1913-1999), Shirley Clarke (1919-1997), Maya Deren (1917-1961), Hilary Harris (1929-199), Ian Hugo (1898-1985), Weldon Kees (1914-1955), Helen Levitt (1913-2009), Willard Maas (1906-1971), Gregory Markopoulos (1928-1992), Jonas Mekas (*1922), Marie Menken (1909-1970), Sidney Peterson (1905-2000), Frank Stauffacher (1917-1955), Stan Vanderbeek (1927-1984), die Brüder John (1917-1995) und James (1921-1982) Whitney. Mit 576 Seiten ist dies ein voluminöses Werk, dessen Substanz ich sehr hoch einschätze. Mit Abbildungen in guter Qualität. Filmtitel- und Namenregister ermöglichen spezielle Suchaktionen. Mehr zum Buch: anderen-filmgeschichte.html

BABYLON BERLIN

Morgen Abend laufen in der ARD wieder zwei Folgen der Serie BABY-LON BERLIN, in der kommenden Woche sind dann die letzten beiden Folgen der zweiten Staffel zu sehen. Auf eine dritte Staffel können wir uns freuen. Ich habe alle 16 Folgen vor einem Jahr auf Sky gesehen, bin mit den Veränderungen der Figuren gegenüber der Vorlage von Volker Kutscher nicht ganz einverstanden, finde aber die Inszenierung von Achim von Borries, Henk Handloegten und Tom Tykwer beeindruckend, die Szenenbilder von Uli Hanisch fabelhaft und die Schauspieler*innen hervorragend, vor allem Liv Lisa Fried als Charlotte Ritter und Peter Kurth als Bruno Wolter, aber auch Volker Bruch als Gereon Rath. Michael Töteberg hat bei Kiepenheuer & Witsch einen Prachtband zur Serie herausgegeben, den ich in der Verbindung von Bildern und Texten für herausragend halte. Das kurze Vorwort der drei Regisseure ist pointiert, Töteberg schlägt den Bogen vom Roman zur Verfilmung, der Autor Volker Kutscher schildert einen Besuch bei den Dreharbeiten. Ein Textguide führt uns durch die ersten beiden Staffeln. Im Mittelpunkt stehen dann auf 120 Seiten Fotos von Joachim Gern. Zwei Beiträge des Szenenbildners Uli Hanisch handeln vom „Verlore-nen Ort“ und vom „Verwandelten Raum“. Und auf Seite 330 beginnt der Abspann. Man kann sich ganz auf die Bilder konzentrieren oder den Texten folgen, der Band ist informativ und drucktechnisch von hoher Qualität, er erfüllt alle Ansprüche, die man an ein Begleitbuch hat. Toll! Mehr zum Buch: 978-3-462-05250-3/

Berlin im Glanz der Nacht

Detlef Bluhm leitet den Landesverband Berlin-Brandenburg des Börsen-vereins des Deutschen Buchhandels, er hat bis-her vor allem Bücher über Katzen publiziert und jetzt seinen ersten Bildband veröffentlicht, für den er sich viele Monate nachts durch Berlin bewegt hat, um Straßen, Gebäude, Parks und Sehenswürdigkeiten zu fotografieren. Die Bilder sind menschenleer. Zu sehen sind u.a. Bahnhöfe (S-, U-, Fernbahn), Theater (Theater des Westens, Schaubühne, Deutsches Theater, Volksbühne, Maxim-Gorki-Theater), Bibliotheken, Botschaften, Hotels, Kirchen, Museen (Alte Nationalgalerie, Bauhaus-Archiv, Jüdisches Museum, Museum für Naturkunde, Altes Museum), das Stadion An der alten Försterei, die Mercedes-Benz-Arena, das Olympia-Stadion, der Flughafen Tegel, der Botanische Garten, der Zoologische Garten, das Haus der Kulturen der Welt (starke Beleuchtung!), das Haus des Rundfunks in der Masurenallee, öffentliche Toiletten, der Kotti, die Kant-Garagen, der BahnTower am Potsdamer Platz, die Straße des 17. Juni, die Siegessäule, der Fernsehturm, zwei Buch-handlungen (Schleicher und Marga Schoeller), das Grab von Loriot, der Berghain und ziemlich am Ende auch ein Kino: der Zoo-Palast, rot beleuchtet, das Großplakat wirbt für MISSION: IMPOSSIBLE FALLOUT mit Tom Cruise. Detlefs Gartenhaus in der Fasanenstraße ist einmal im Sommer und einmal im Winter zu sehen. Mit einem Vorwort des Fotografen, zweisprachig deutsch/englisch. Ein tolles Buch, weil man Berlin so sonst nicht zu sehen bekommt. Coverfoto: Berliner Dom. Mehr zum Buch: after-dusk.html

Spielfilme in der Psychotherapie

Weil der Spielfilm eine große Wirkung auf uns hat, ist es naheliegend, dass er in der Psychotherapie eine wichtige Rolle spielen kann. Die öster-reichische Psychotherapeutin Brigitte Fellinger hat dafür einen konkreten Ratgeber publiziert. Auf 14 Seiten legt sie dafür eine filmhistorische Basis. Drei Kapitel sind ihrem zentralen Thema gewidmet: „Spielfilme als Therapeutikum“, „Filmtherapie – eine schulenübergreifende Intervention“ und „Praktische Anwendungsbeispiele der Film-therapie“. 19 Filmbeispiele werden konkret ins Spiel gebracht, darunter DAS NARRENSCHIFF von Stanley Kramer, PAPPA ANTE PORTAS von Loriot, DAS BLAUE VOM HIMMEL von Hans Steinbichler, MEIN FREUND HARVEY von Henry Koster. Sie werden mit einer kurzen Inhaltsangabe, ihrer Eignung für die Filmtherapie und einer Auflistung der Themenbereiche vorgestellt. Zwei Exkurse sind in den Text eingefügt: Lachen und Weinen, Das Tier im Film. Im letzten Kapitel gibt es Leitlinien zu Filmtherapie im Strafvollzug, Filmtherapie zur Behandlung von Spielsucht in der JVA, Filmtherapie im Gefängnis, Filmtherapie in Supervision und Coaching. Die beiden Schlusskapitel informieren über das Zusammenspiel der Interventionsmöglichkeiten und geben Ratschläge für die Gestaltung eines eigenen Films. Die Autorin hat eine beachtliche Fähigkeit, uns an ihrer Arbeit mit Spielfilmen in der Psychotherapie teilhaben zu lassen. Mehr zum Buch: 978-3-497-02794-1/

DAS LUFTSCHIFF (1983) & UNBÄNDIGES SPANIEN (1962)

Zwei ungewöhnliche und wenig bekannte DEFA-Filme auf einer Doppel-DVD in der Reihe „Edi-tion Filmmuseum“. Rainer Simon hat vor allem in den 1980er Jahren viele interessante Filme gedreht, ich erinnere nur an JADUP UND BOEL, DIE FRAU UND DER FREMDE, DIE BESTEIGUNG DES CHIM-BORAZO. Der Roman von Fritz Rudolf Fried war die Vorlage für DAS LUFTSCHIFF. Auf zwei Zeitebenen wird das Leben des besessenen Erfinders Franz Xaver Stannebein erzählt, der von einem Luftschiff mit Schrauben-flügeln träumt, nach Spanien auswandert, in der Nazizeit nach Berlin zurückkehrt, sich auf dubiose Finanzierungspläne einlässt, um seine Erfindung zu realisieren und schließlich in eine Irrenanstalt eingeliefert wird. Auf einer zweiten Zeitebene forscht sein 11jähriger Enkel Chico am Ende des Zweiten Weltkriegs nach dem Verbleib seines Großvaters. Die Verbindung der Zeitebenen macht den Film kompliziert und führt zu experimentellen Momenten, die uns als Zuschauer herausfordern. Die Kameraführung von Roland Dressel ist hervorragend, es gibt eingefügte Zeichnungen von Lutz Dammbeck mit speziellen Kompositionen von Friedrich Goldmann. Die Hauptrolle (Stannebein) spielt Jörg Gudzuhn, in Nebenrollen kann man Johanna Schall, Hermann Beyer, Jürgen Holtz, Kurt Böwe und Friedo Solter sehen. – Kurt und Jeanne Stern haben 1962 den Film SPANISH EARTH von Joris Ivens zum Ausgangspunkt für eine dokumentarische Darstellung des spanischen Bürgerkriegs und die Etablierung des Franco-Regimes gemacht. Der 87-Minuten-Film hat starke Momente, die Musik von Hanns Eisler sorgt für Empathie, man hört die Stimmen von Mathilde Danegger, Hilmar Thate, Manfred Krug, Ekkehard Schall und Norbert Christian. Ein informatives Booklet enthält Texte u.a. von Rainer Simon, Hans-Jörg Rother, Fred Gehler und Jeanne Stern. Mehr zur DVD: Das-Luftschiff—Unb-ndiges-Spanien.html

Lubitsch

Heute wird Nicola Lubitsch, die Tochter von Ernst, 80 Jahre alt. Sie wohnt in Los Angeles, feiert ihren Ehrentag in Engand und freut sich über den weltweiten Ruhm ihres Vaters, der vor 71 Jahren in Los Angeles gestor-ben ist. In diesem Sommer ist bei Columbia University Press ein Buch über Ernst Lubitsch erschienen, auf das ich mit zwei Zitaten aufmerksam machen möchte: „Ernst Lubitsch’s work has never needed reappraisal more than it does today, and McBride is just the writer for the job. As usual, he mobilizes formidable research and passionate sympathy to probe a great director’s many sides. We see Lubitsch the ethnic comedian, the exile, the romantic, the sardonic satirist, the sly provocateur, the moralist, the supremely confident master of technique. Above all, we see an artist who poured into film after film his keen sensitivity to the vagaries of love and his tolerant wisdom about the ways of the world.“ (David Bordwell, University of Wisconsin-Madison). „It’s a wonderful book on a wonderful picturemaker! The work and detail and time put into it – just extraordinary. Superb! A great service to the public, bringing this unique and brilliant director back to the public’s attention. This splendid work does real justice to its subject.“ (Peter Bogdanovich). Der Filmhistoriker Joseph McBride hat Bücher über Frank Capra, Steven Spielberg, John Ford und Orson Welles geschrieben. Ich finde sein Lubitsch-Buch herausragend, und Nicola ist stolz darauf. Cover-Abbildung: TROUBLE IN PARADISE. Mehr zum Buch: dp/0231186444

Filme der 50er

In der Bibliotheca Universalis des Taschen Verlages ist jetzt ein weiterer Dekadenband er-schienen, eine Überarbeitung des großformatigen Bandes von 2005, herausgegeben von Jürgen Müller. 90 Filme werden in Texten und Bildern vorgestellt, beginnend mit THE THING FROM ANOTHER WORLD (1951) endend mit LES YEUX SANS VISAGE (1960). Natürlich kann man über die Auswahl streiten, der amerikanische Film dominiert, Billy Wilder ist mit vier Filmen Spitzenreiter, Hitchcock, Huston und Kazan sind mit jeweils drei Titeln dabei, aber nur ein Film von John Ford (THE SEARCHERS) hat es am Ende geschafft. Immerhin sind Ingmar Bergman und Federico Fellini mit jeweils drei Filmen vertreten. Und ein Film von Yasujiro Ozu: TOKYO MONOGATARI. Drei deutsche Filme wurden berücksichtigt: DER UNTERTAN von Wolfgang Staudte, ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG von Ladislao Vajda und DER TIGER VON ESCHNAPUR von Fritz Lang. Ich vermisse aus Deutschland DIE BRÜCKE von Bernhard Wicki, aus Frankreich À BOUT DE SOUFFLE von Jean-Luc Godard, aus der Sowjetunion WENN DIE KRANICHE ZIEHEN von Michail Kalatosow, aus Indien die APU-Trilogie von Satyajit Ray, aus den USA RIO BRAVO von Howard Hawks. Zu den Autorinnen und Autoren gehören Ulrike Bergfeld, Philipp Bühler, Jörn Hetebrügge, Lars Penning, Burkhard Röwekamp und Matthias Steinle. Ihre Texte sind professionell und pointiert formuliert. Die Abbildungen haben, wie immer bei Taschen, eine hervorragende Qualität. Mit 750 Seiten für 15 € ein preiswertes Buch. Cover-Grafik: Deborah Kerr und Burt Lancaster in FROM HERE TO ETERNITY. Mehr zum Buch: 52889506/ oder filme_der_50er.htm

Werner Schroeter

In der österreichischen Buch-reihe „Filmmuseum/ Synema Publikationen“, die ich beson-ders schätze, ist jetzt ein Band in englischer Sprache über den Regisseur Werner Schroeter (1945-2010) erschienen, her-ausgegeben von Roy Grund-mann. Die Beiträge stammen vorwiegend von einer Konfe-renz, die 2012 in Boston statt-gefunden hat. Mit einem beeindruckenden 50-Seiten-Essay „The Passions of Werner Schroeter“ eröffnet Grundmann das Buch. Gertrud Koch untersucht „Operatic and Filmic Gestures in Werner Schroeter’s Films“. Bei Caryl Flinn geht es um „Werner Schroeter’s Exotic Music and Margins“. Sieben sehr lesenswerte Texte konzentrieren sich auf einzelne Filme. Sie stammen von Marc Siegel (über DER TOD DER MARIA MALIBRAN), Michelle Langford (SALOME), Christine N. Brinckmann (WILLOW SPRINGS), Gerd Gemünden (die beiden Italienfilme NEL REGNO DI NAPOLI und PALERMO ODER WOLFSBURG), Fatima Naqvi (MALINA), Roy Grundmann (POUSSIÈRES D’AMOUR) und Edward Dimendberg (NUIT DE CHIEN). Christine N. Brinckmann und Roy Grundmann haben im Sommer 2016 ein sehr schönes Interview mit der Kamerafrau Elfi Mikesch geführt. Dokumentiert wird schließlich ein Gespräch von Michel Foucault und Werner Schroeter, das 1982 im Goethe-Institut Paris stattfand. Eine gut recherchierte Schroeter-Filmografie von Stefan Drößler und eine Auswahlbibliografie von Frankie Vanaria schließen den Band ab. Mit zahlreichen Abbildungen in guter Qualität. Das Coverfoto stammt aus den 70er Jahren. Mehr zum Buch: 1530003154837

„Vor dem Anfang“ von Burghart Klaußner

Der von mir sehr geschätzte Schauspieler Burghart Klaußner hat einen Roman geschrieben: „Vor dem Anfang“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. Auf 164 Seiten erzählt er eine Ge-schichte, die sich am 23. April 1945 in Berlin ereignet. Die Protagonisten sind der 36jäh-rige Kasinobesitzer Fritz und der 42jährige Schultz, über dessen Beruf wir nicht informiert werden. Beide haben den Krieg überlebt, sitzen auf einer Bank am Flughafen Johannisthal und werden von einem Feldwebel aufgefordert, eine Kasse mit 750 RM zum Luftfahrtministerium in die Stadtmitte zu bringen. Der Transport wird zu einer Überlebens-frage. Auf zwei Fahrrädern durchqueren sie mit vielen Unterbrechun-gen die Stadt, erreichen ihr Ziel, aber dort herrscht das Chaos und im Referat IV gibt es keine Person, der sie die Kasse übergeben können. Auf Seite 65 verschwindet Schultz und Fritz wird zur Hauptfigur. Sein Weg führt nach Wannsee, wo er hofft, auf seiner Segeljacht in Sicherheit zu kommen. Es bedarf vieler Umwege, um das Ziel zu erreichen. Am Ende taucht Schultz wieder auf und raucht mit Fritz eine Friedenszigarette. Die Geschichte wird mit inneren Monologen und vielen Reminiszenzen vor allem aus dem Leben von Fritz erzählt, die Atmosphäre der Zeit finde ich gut beschrieben, die Perspektivwechsel müssen nachvollzogen werden. Erinnerungen an seinen Vater hat Klaußner in der Fritz-Figur personifiziert. Und eine große Bedeutung hat das Segeln. Die Beschreibung einer Sturmnacht auf der Ostsee ist phänomenal. Ich habe den Roman mit großem Interesse gelesen. Mehr zum Buch: 978-3-462-05196-4/

Günter Rohrbach 90

Wenn man, wie Günter Rohrbach, im Saarland zur Welt kommt, in Bonn stu-diert, in Paris lernt, was Filmkunst ist, in Köln öffentlich-rechtlich pro-duziert und in München bei der Bavaria Verantwortung übernimmt, dann geht man mit 65 nicht in den Ruhe-stand, sondern produziert weiter, nimmt am kultu-rellen Leben teil, wird für einige Jahre Präsident der Deutschen Filmakademie und feiert schließlich seinen 90. Geburtstag, an dem sich nicht nur die Branche daran erinnert, wie sich in den Jahrzehnten die Welt, der Film und das Fernsehen verändern haben. Günter Rohrbach hat seinen Anteil daran. Herzlichen Glückwunsch!