Sommerfrauen Winterfrauen

September/Oktober 1996. Der Berliner Filmstudent Jonas Rosen wird von seinem Profes-sor Lila von Dornbusch nach New York geschickt, um eine größere Ausbildungsproduktion organisatorisch vorzubereiten. Im Flieger lernt er den sympa-thischen Fotografen Robert Polanski kennen, den er „Red-ford“ nennt. In New York findet er bei dem sehr chaotischen Filmprofessor Jeremiah Fulton eine Unterkunft. Seine Freundin Mah Kim Namgung ist in Berlin geblieben. Nele Zapp, Prakti-kantin des New Yorker Goethe-Instituts, erweist sich als attraktive „Sommerfrau“. Und Jonas entschei-det sich für das Ohr als zentrales Thema seines New York-Films. Der Autor und Filmemacher Chris Kraus hat in seinem neuen Roman eigene Erfahrungen fiktionalisiert und verbindet sie mit Aspekten der Familienvergangenheit; eine Schlüsselrolle spielt da die Malerin Paula Herzlieb (*1921). Ein spannender Roman mit vielen interessanten Figuren und einem authentischen New York-Bild jener Zeit. Neben der Hardcover-Fassung (416 Seiten, Diogenes Verlag) gibt es auch ein Hörbuch. Hier wird der Roman von Lars Eidinger und Paula Beer gelesen. Man muss sich dafür nur 8 ½ Stunden Zeit nehmen. Mehr zum Buch: 9783257070408.html

 

75. Filmfestival Venedig

Heute Abend wird mit dem Film FIRST MAN von Damien Chazelle das 75. Festival in Venedig eröffnet. Ryan Gosling ist der Hauptdarsteller des Films. Im Wettbewerb konkurrieren 21 Filme, darunter DOUBLES VIES von Olivier Assayas, THE SISTERS BROTHERS von Jacques Audiard, THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS von den Coen Brothers, 22 JULY von Paul Greengrass, der deutsche Beitrag WERK OHNE AUTOR von Florian Henckel von Donnersmarck, THE NIGHTINGALE von Jennifer Kent (als einziger Film einer Frau), PETERLOO von Mike Leigh, CAPRI-REVOLUTION von Mario Martone, NAPSZÁLTA von László Nemes und AT ETERNITY’S GATE von Julian Schnabel. Jurypräsident ist in diesem Jahr der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro, zu seiner Jury gehören u.a. Christoph Waltz und Naomi Watts. Zwei Ehren-Leoparden werden vergeben: an den kanadischen Regisseur David Cronenberg und die britische Schauspielerin Vanessa Redgrave. Das Festival dauert bis 8. September. Mehr zum Programm: /cinema/2018

Angeschlossen und gleichgeschaltet

In diesem Buch geht es um die österreichische Kinogeschichte. Klaus Christian Vögl, seit vielen Jahrzehnten in der Wirtschafts-kammer Wien tätig, hat intensiv die Struktur und Organisation der österreichischen Film- und Kinowirtschaft während der Zeit der deutschen Okkupation er-forscht. Als Geschäftsführer der Fachgruppe der Lichtspiel-theater und Audiovisionsveran-stalter in der Parte Tourismus und Freiwirtschaft hatte er 1981 Kino-Akten aus der Zeit der Reichsfilmkammer in Österreich gefunden, die in einem Stahlschrank gesichert waren und inzwischen an das Stadt- und Landesarchiv übergeben wurden. Sie sind die wichtigste Basis für die nun vorliegende Untersuchung, ergänzt durch Interviews, die der Autor mit Zeitzeugen geführt hat. In 24 Kapiteln werden wir sehr sachkundig über die Kinowirtschaft in Österreich bis 1938, über die Verflechtungen zwischen Österreich und Deutschland, über Staat, Verwaltung und Recht im „Dritten Reich“, über die „Kulturpolitik“ des nationalsozialistischen Staates, dessen Verhältnis zu Film und Kino, die Instrumentalisierung der NS-Film- und Kinopolitik, Partei und Propaganda im Kino, das NS-Wirtschafts-system und seine Auswirkungen auf Kino und Film, die Einführung der Reichskulturkammergesetzgebung in Österreich und ihre unmittelbaren Konsequenzen, über die Rahmenbedingungen der Kino- und Filmwirtschaft in technisch-gesellschaftlicher Hinsicht, die NS-Rassengesetzgebung und „Arisierung“ informiert. Das umfangreichste Kapitel ist der Kinobetriebsführung gewidmet, u.a. mit Hinweisen auf die bauliche Gegebenheiten, Ausstattung, das Personal, den Ablauf der Vorstellungen, die Wochenschau, Zensur und Prädikatisierung, Kinokarten und Eintrittspreise, Werbung. Auch die Zeit nach 1945 wird am Ende des Bandes thematisiert. Ein Anhang vermittelt in einer Chronik die wichtigsten Ereignisse in Stichworten. 866 Quellenverweise zeugen von der Sorgfalt der Recherche. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 978-3-205-20297-4.html

DIE GEZEICHNETEN (1922)

Sein bekanntester Film ist wohl LA PASSION DE JEANNE D’ARC (1928). Anfang der 1920er Jahre hat der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer (1889-1968) zwei Filme in Deutschland realisiert: DIE GEZEICHNETEN und MI-CHAEL. Sie haben beide große Qualitäten, denn Dreyer ist thematisch und stilistisch immer eigene Wege gegangen. DIE GEZEICHNETEN erzählt die Geschichte des jüdischen Mädchens Hanna in einer russischen Kleinstadt am Dnepr zu Beginn des zwanzigsten Jahrhun-derts. Sie flieht aus dem Ort, als sie dort wegen einer angeblichen Affäre mit dem Studenten Sascha angefeindet wird, und findet eine Bleibe bei ihrem Bruder in St. Petersburg. Dort trifft sie auch Sascha wieder, der inzwischen in oppositionellen Studentenkreisen verkehrt. Eines Tages wird Sascha verhaftet und Hanna in ihre Heimatstadt zurückverwiesen. Dort spitzt sich die Progromstimmung gegen die jüdische Bevölkerung zu. – Es sind vor allem russische Schauspielerinnen und Schauspieler, die Dreyers Film prägen. Er ist bei uns verhältnismäßig unbekannt, weil die deutsche Fassung als verloren gilt und die russische Fassung stark gekürzt war. Erst eine Fassung aus dem Archiv der Cinémathèque de Toulouse hat das Dänische Filmarchiv in den Stand gesetzt, eine Rekonstruierung und Restaurierung zu bewerkstelligen. Sie liegt jetzt auch als DVD vor, erschienen bei Absolut Medien. Die Musik stammt von Bernd Thewes und hat große Qualitäten. Mehr zur DVD: 281922%29

Vom Film zum Ich

Rainer Dirnberger ist Psycho-loge und hat eine große Zunei-gung zum Kino. In seinem Buch führt er uns auf einen „Weg zur Selbsterkenntnis durch Filme“. Er folgt dabei einem Spiel, das der amerikanische Therapeut Tav Sparks als „Movie-Yoga“ methodisiert hat. Ausgangs-punkt ist eine bewusste, acht-same Haltung, verbunden mit einer Innenperspektive bei der Betrachtung eines Films. Von dieser Basis aus beginnt ein Prozess in zwölf Stufen, der uns jeweils auf einen „Erweiterungsset“ führt: Freie Assoziation, Schatten, Innere Repräsentanzen, Innere Persönlichkeiten, Aktive Imagination, Lebensthemen, Spirituelle Lebensreise, Wiederholungszwang und sich selbst erfüllende Prophezeiung, Heldenreise, Tod und Wiedergeburt/ Geburtsmatrix, Arbeiten/ Spielen, Happy-End (mit Fragezeichen). Über 200 Filmbeispiele sind Bestandteil des Spiels. Sie stammen vor allem aus den letzten dreißig Jahren, dominant wirken dabei Fantasy-Filme wie ALIEN, DER HERR DER RINGE, DER HOBBIT, MATRIX, WATCHMAN. Aber auch das japanische Kino und der Animationsfilm sind präsent. In den einzelnen Kapiteln gibt es „Übungen“ „Erfahrungs-berichte“, Ausflüge in die „Theorie“. Wir werden vom Autor persönlich angesprochen, wenn man sich auf das Spiel einlässt. Keine Abbildungen aus Filmen, sondern Zeichnungen eines Freundes. Mehr zum Buch: vom-film-zum-ich/

Jenseits von Heimat

Eine Dissertation, die an der Universität Köln entstanden ist. Öngün Eryilmaz untersucht darin den „Raum im cinéma du métissage in Deutschland und Frankreich“. Es geht um Folgen der Migration, um Inter- und Transkulturalität. Nach einem umfangreichen Kapitel, in dem die soziokulturellen Grundlagen formuliert werden, konzentriert sich die Autorin auf die Raum-darstellung im Werk von zwei Regisseuren: Fatih Akin und Abdellatif Kechiche. Sie analy-siert drei Filme von Akin (GEGEN DIE WAND, AUF DER ANDEREN SEITE, SOUL KITCHEN) und drei Filme von Kechiches (LA FAUTE À VOLTAIRE, L’ESQUIVE, LA GRAINE ET LE MULET). Die Genauigkeit ihrer Beschreibung, ihre Verortungen und die Schlussfolgerungen haben mich sehr beeindruckt, weil der Text einerseits wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und sich andererseits nicht in einem theoretischen Labyrinth verirrt. Er bleibt nahe an den Filmen, die für das thematischen Ziel hervorragend ausgewählt sind. Wenige Abbildungen. Mehr zum Buch: 3658220902

Märchen im Medienwechsel

Der Märchenfilm hat sich früh in der Filmgeschichte etabliert, er wurde nicht nur für Kinder konzipiert, sondern hat seine oft düsteren Geschichten auch in speziellen künstlerischen For-men erzählt. Das von Ute Dett-mar, Claudia Maria Pecher und Ron Schlesinger herausge-gebene Buch macht das breite Spektrum seiner Geschichte und die Veränderungen in den letz-ten Jahrzehnten deutlich. 19 Textbeiträge sind hier ver-sammelt. Ich nenne zehn, die mich besonders beeindruckt haben: Claudia Maria Pecher beschäftigt sich mit einem Pionier des Märchenfilms, dem franzö-sischen Regisseur Georges Méliès, beschreibt sein Leben, seine filmtechnischen Erfindungen und analysiert beispielhaft zwei Filme. Jan Sahli äußert sich zu Jean Cocteaus Märchenverfilmung LA BELLE ET LA BêTE (1946). Horst Schäfer erinnert an Märchen-Stummfilme in Deutschland („Verkannt, vergessen, verschollen“). Bei Andrea Hartmann und Michel Nölle geht es um Lotte Reinigers Silhouetten-Märchenfilme. Ingrid Tomkowiak richtet ihren Blick auf 100 Jahre Disney-Märchenanimationsfilme („Capture the Imagination“). Ron Schlesinger informiert sehr sachkundig über den Märchenfilm im „Dritten Reich“. Mit 50 Seiten ist der Beitrag von Dieter Wiedemann über Märchenfilme in der Bundesrepublik und in der DDR der umfangreichste des Bandes („Es war einmal…“). Steffen Retzlaff gibt einen Überblick über den tschechoslowakischen Märchenspielfilm von 1920 bis 1989. „Terra incognita“ nennt Olena Kuprina ihren Text über den sowjetischen Märchenfilm von 1917 bis 1990. Klaus Maiwald untersucht aktuelle Tendenzen des Märchenfilms am Beispiel von Schneewittchen. Andere Texte widmen sich bekannten TV-Produktionen, dem komischen Märchenfilm und dem Computerspiel. Alle Beiträge haben ein hohes Niveau und machen den Band zu einem Basiswerk zum Thema Märchenfilm. Mit Abbildungen in unterschiedlicher Qualität. Mehr zum Buch: medienwechsel

Hollywood auf dem Balkan

Karl Kaser, der Autor des Buches, ist Historiker an der Universität Graz mit dem Schwerpunkt Südosteuropa. Seine umfassende Unter-suchung über die „visuelle Moderne an der europäischen Peripherie“ hat einen Zeit-horizont von 1900 bis 1970. Ausgehend von ihrer ursprüng-lichen Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich geht es vor allem um die heutigen Staaten Albanien, Bosnien-Herzego-wina, Bulgarien, Kosovo, Makedonien, Montenegro, Rumänien und Serbien, aber auch um Griechenland und die Türkei. Sie waren viele Jahrzehnte nicht in der Lage, eine eigenständige Film-industrie zu entwickeln und importierten vor allem aus dem westlichen Ausland. Die erste auf dem Balkan erfolgreiche Firma war Pathé aus Frankreich. Dann übernahm in den zwanziger Jahren Amerika – Hollywood – die Vorherrschaft. Schwierig war der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm, weil für technische Investitionen oft die finanziellen Mittel fehlten. In den dreißiger Jahren hatten viele Bewohner der Balkanländer auch nicht genügend Geld für Kino-besuche. Sehr speziell war die Situation während des Zweiten Welt-kriegs. Die politischen Veränderungen nach dem Krieg führten zu Industrialisierung, Massenkonsum und dem kalten Kinokrieg zwischen Hollywood und Moskau. Eine zweite visuelle Revolution, die mit dem Fernsehen verbunden war, fand in den sechziger Jahren statt. Karl Kaser hat für sein Buch hervorragend recherchiert, er macht mit Zahlen und Daten deutlich, wie unterschiedlich die Entwicklungen in Europa verlaufen sind, und konkretisiert seine Befunde mit vielen Verweisen auf Filme, die ihren Weg nach Südosteuropa gefunden haben. Seine Zusammenarbeit mit Filmarchivar*innen war offenbar sehr eng. Mit vielen Tabellen und Abbildungen in guter Qualität. Cover: Ausschnitt aus einem Werbeplakat für den Western HIGH NOON. Mehr zum Buch: 978-3-205-20474-9.html

Luzifers Leinwand

Sie verkörpern das absolut Böse im Film, man nennt sie Teufel, Luzifer, Satan, Mephisto, sie können auch als Vampire in Erscheinung treten, sind eng mit den Genres Horror, Thriller, Fantasy, aber auch mit der Komödie verbunden und meist männlichen Geschlechts. Der Musiker, Autor und Filme-macher Nikolas Schreck be-schäftigt sich in einem Buch „Luzifers Leinwand“ mit dem Teufel in der Filmgeschichte. Dem Prolog („Sturz in die Nacht“) und einem Gesamt-überblick („Der Teufel hinter den Spiegeln“) folgen acht chronologisch geordnete Kapitel, „Der stumme Satan (1913-1929), „Dämonen der Depression“ (1930er Jahre), „Der Krieg ist die Hölle“ (1940er Jahre), „Antichrist im Atomzeitalter“ (1950er Jahre), „Sympathy for the Devil“ (1960er Jahre), „Flut und Ebbe“ (1970er Jahre), „Die Abgründe der Reagan-Ära“ (1980er Jahre), „Selbst die Hölle hat ihre Helden“ (1990er Jahre) und ein Epitaph: „#Teufel 2.0: Das neue dunkle Zeitalter“. Der Autor hat eine große Affinität zu diesen Filmfiguren, seine Filmbe-schreibungen lesen sich gut, seine Bewertungen sind nachzuvollziehen. Besonders gefallen haben mir die Passagen über DER STUDENT VON PRAG (1913), NOSFERATU (1922), THE BLACK CAT (1934), THE SEVENTH VICTIM (1943), ROSEMARY’S BABY (1968) und THE NINTH GATE (1999). Die amerikanische Ausgabe des Buches („The Satanic Screen“) ist 2001 erschienen, sie wurde jetzt im Zusammen-hang mit der Übersetzung aktualisiert. 368 Seiten, mit Abbildungen in guter Qualität. In seinem Wissen ist der Autor Selbstversorger, es gibt keinen einzigen Hinweis auf Sekundärliteratur. Das kann man auch mit Respekt registrieren. Ein Nachteil des Bandes: es fehlt ein Register der Namen und Titel. Mehr zu Nikolas Schreck und zum Buch: http://www.nikolasschreck.guru

LUCKY (2017)

Es ist ein großes Glück und ein kleines Wunder, wenn ein Dar-steller, der in seinem Leben vorwiegend Nebenrollen ge-spielt hat, sich mit seinem letzten Film in einer Hauptrolle von uns verabschiedet, die ihn unvergesslich macht. Harry Dean Stanton (1926-2017) spielt die Titelfigur LUCKY im Film von John Carroll Lynch, einen 90-jährigen Navy-Veteranen, dessen Tagesabläufe streng ritualisiert sind: Yoga, Kreuz-worträtsel, Hut auf dem Kopf, Eiskaffee am Morgen im Diner, Spielshows im Fernsehen, Zigaretten, Bloody Mary am Abend in der Bar. Er wohnt allein in einem kleinen Haus im Südwesten Amerikas. Ein überraschender Unfall macht ihn nachdenklich. Er denkt über die Sterblichkeit nach. Sein Freund Howard (gespielt von David Lynch) vermisst seine Schildkröte, die „Präsident Roosevelt“ heißt, und rühmt ihre Persönlichkeit. Bei der Geburtstagsfeier für einen mexikanischen Jungen singt Lucky das Lied „Volver“; das ist zum Weinen schön. Ich habe den Film im vergangenen Jahr im Kino gesehen und war begeistert. Bei Alamode ist jetzt die DVD erschienen. Zu den Extras gehören Interviews mit dem Regisseur und den Drehbuchautoren. Eine höchst lesenswerte Kritik des Films hat Fritz Göttler nach der Kinopremiere für die SZ geschrieben: 1.3894406  Mehr zur DVD: detail/lucky.html