Karl Fruchtmann

Als „Jude, Schriftsteller und Regisseur“ hat sich Karl Fruchtmann einmal bezeichnet. 1915 in Thüringen geboren, verlässt er Deutschland 1934, macht in der Schweiz sein Abitur, kehrt 1937 nach Deutschland zurück, wird inhaftiert, in ein Konzentra-tionslager eingewiesen, das er aber nach mehreren Monaten verlassen darf, um nach Palästina auszuwandern. Später wohnt und arbeitet er in London. 1958 verlegt er seinen Wohnsitz wieder nach Deutschland, wird beim WDR ausgebildet und dreht ab 1963 21 Filme für Radio Bremen. 2003 stirbt er im Alter von 87 Jahren. Ihm ist Band 3 der Reihe „Fernsehen, Geschichte, Ästhetik“ gewidmet, den Torsten Musial und Nicky Rittmeyer bei edition text + kritik herausgegeben haben. Vier hervorragende Texte stehen im Zentrum: Michael Töteberg hat umfassend im Nachlass von Karl Fruchtmann recherchiert („Man muss sich konfrontieren“, 40 Seiten). Torsten Musial informiert über die Anfänge des Fernsehspiels bei Radio Bremen („Ein besonders guter Sender mit eigenem Charakter“, 26 Seiten). Karl Prümm analysiert das bildmächtige und experimentelle Werk von Karl Fruchtmann („Nah bei den Opfern, solidarisch mit den Überlebenden“, 50 Seiten). Nicky Rittmeyer informiert über sein Leben („Chronik“, 38 Seiten). In ausgewählten Zitaten und zwei unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass kommt Fruchtmann selbst zu Wort. Eine vorbildliche Publikation mit Abbildungen in guter Qualität. Beigefügt ist eine DVD des Films KADDISCH NACH EINEM LEBENDEN (1969). Coverabbildung: Werkfoto von 1980. Mehr zum Buch: XIghIekqtW8

Alfred Hitchcock

Der Autor Alexander Kluy hat umfangreiche Biografien über George Grosz und Joachim Ringelnatz publiziert. Für die Reclam-Reihe musste er die Lebens- und Werkgeschichte von Alfred Hitchcock auf 100 Seiten reduzieren. Das hat er geschafft. Das Buch ist allen zu empfehlen, die bisher wenig über Hitchcock wissen, aber es gibt auch für Kenner Originelles zu lesen. Zum Beispiel auf den Seiten 52/53 eine Auflistung von 16 „Hitchcock-Motiven in Rein-kultur“, die allerdings nur in THE 39 STEPS alle zu finden sind: „Held ist Mittelschicht-Jedermann / Mord / Held wird zu Unrecht des Mordes beschuldigt / Doppel-Verfolgungsjagd / Schurke ist charmant und anfangs vertrauenswürdig / sinistre Verschwörung / Heldin ist eine Blondine / Heldin glaubt an Unschuld des Helden / Treppen / Zugfahrt / Hotelszene / Szene in Kino, Theater oder Konzertsaal / Nonne oder Priester / Perversion, Voyeurismus oder Fetischismus / Happyend / Es wird gegessen oder Essen gezeigt.“ Eine Grafik vermittelt, dass zwölf dieser Motive auch in SPELLBOUND, NORTH BY NORTHWEST und SABOTEUR vorkommen, aber kein einziges in THE SKIN GAME. Viele Hitchcock-Zitate sind in den Text einmontiert, zum Beispiel sein Bekenntnis, dass er vor Spiegeleiern Angst hat, sie ihn anekeln. Und sofort denkt man an eine Szene in dem Film TO CATCH A THIEF, in der die Mutter von Grace Kelly ihre Zigarette im Gelb eines Spiegeleis ausdrückt. Am Ende wird aus einem Gespräch zitiert. Peter Bogdanovich: „Haben Sie das Bedürfnis, dass man sich an Sie erinnert?“ AH: „Ich glaube nicht.“ Bogdanovich: „Ich meine, denken Sie an die Nachwelt?“ AH: „Was hat die Nachwelt je für mich getan?“. Im August wäre der 120. Geburtstag von Alfred Hitchcock zu feiern. Aus diesem Anlass erscheinen mehrere Bücher, auch dieses von Alexander Kluy. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: Alfred_Hitchcock__100_Seiten

Mobilität und Zeugenschaft

Eine Dissertation, die an der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden ist. Max Kramer untersucht darin „Unabhängige Dokumentarfilmpraktiken und den Kaschmirkonflikt“. Diesen geopolitischen Konflikt in Süd-asien gibt es seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft und der indischen Teilung 1947. Die mobilen Filmmöglichkeiten haben inzwischen für einen wachsenden Informationsstand über Konfliktregionen geführt. Mit vielen Filmbeispielen konkretisiert dies der Autor. Sie stammen vornehmlich aus der Zeit nach 2001. Zu erkennen sind zwei Prozesse: die „Tourismifizie-rung“ des Kaschmirtals und die sicherheitspolitische Rahmung des Konflikts. In zwei abschließenden Kapiteln stehen die Medialisierung von Raum- und Zeiterfahrungen des Konflikts im Mittelpunkt. Einer-seits ist der Text (300 Seiten) wissenschaftlich abgesichert und enthält viele entsprechende Verweise, andererseits ist durchgehend eine große Empathie des Autors zu spüren, der sich mit einigen Filmemacherinnen und Filmemachern eng verbunden fühlt. Man merkt bei der Lektüre, dass hier kein abstraktes Thema abgehandelt wird, sondern ein Konflikt, der den Autor auch emotional beschäftigt. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: 978-3-8376-4177-6

Selbstbestimmt

Mit etwas Verspätung sind jetzt bei Absolut Medien zwei DVDs zur Retrospektive der Berlinale erschienen, weil bei einem Film auf die digital restaurierte Fassung gewartet werden musste. Das Warten hat sich gelohnt, denn es geht ja nicht nur um die künstlerische, sondern auch um die technische Qualität. Zu sehen sind zwei lange Spielfilme, ein langer und ein halblanger Dokumentarfilm, sowie sechs Kurzfilme. Sechs Filme stammen aus der BRD, vier aus der DDR. NEUN LEBEN HAT DIE KATZE (1968) von Ula Stöckl erzählt episodisch von verschiedenen Frauen, die sich über die Veränderung ihrer Lebens-situation Gedanken machen. Gedreht (Kamera: Thomas Mauch, Dietrich Lohmann) in Techniscope als Abschlussfilm der Ausbildung am Institut für Filmgestaltung in Ulm. DAS FAHRRAD (1982) von Evelyn Schmidt lässt uns teilnehmen am schwierigen Leben einer alleinerziehenden Mutter in der DDR, die durch einen vorgetäuschten Fahrraddiebstahl mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Auch hier ist die Bildsprache (Kamera: Roland Dressel) beeindruckend. ICH DENKE OFT AN HAWAII (1978) von Elfi Mikesch (Regie, Kamera, Montage) ist das Porträt eines 16jährigen Mädchens in der Westberliner Gropiusstadt, das Träume hat, die nur zum Teil in Erfüllung gehen können. WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN (1989) von Helke Misselwitz zeigt den Alltag in einer privaten Kohlehandlung am Prenzlauer Berg mit einer Chefin und sieben männlichen Angestellten. Gefilmt in Schwarzweiß (Kamera: Thomas Plenert). Die Kurzfilme, alle sehr eigenwillig, stammen von May Spils (MANÖVER, 1967), Gitta Nickel (SIE, 1970), Angelika Andrees und Petra Tschörtner (HEIM, 1978/90), Christine Noll Brinckmann (DRESS REHEARSAL UND KAROLA 2, 1979/80), Hermine Huntgeburth (DIE MITSPEISENDEN, 1989) und Barbara Marheineke (MISS WORLD, 1998). Alle Filme mit englischen Untertiteln. Mit einem sehr informativen Booklet von Claudia Lenssen. Mehr zur DVD: Selbstbestimmt+Perspektiven+von+Filmemacherinnen

Ökonomie der Details

Eine Dissertation, die an der Universität Wien entstanden ist. Joachim Schätz untersucht darin „Österreichs Industrie- und Werbefilm zwischen Ratio-nalisierung und Kontingenz (1915-1965)“. Dies ist ein Nebenschauplatz der Film-geschichte, und man muss sich ganz schön anstrengen, in einem Repertoire von fünfzig Jahren Ordnung und Übersicht herzustellen. 80 Filme hat der Autor gesichtet und zum Teil genau protokolliert. Darunter findet man Titel wie BILDER AUS EINER EISENGIESSEREI (1922/23), BRÜCKENBAUER (1964), GUTE IDEEN ERLEICHTERN DIE ARBEIT und HÖHERE LEISTUNG, BESSERER LOHN (beide 1950) oder WENIGER LAUFEN – MEHR VERKAUFEN (1964), aber auch HANSL UND DIE 200.000 KÜKEN und TRAUDL’S NEUER GEMÜSEGARTEN (beide entstanden 1952 unter der Regie von Georg Tressler). Die vier Kapitel haben die Überschriften „Formen“, „Messen und Prüfen“, „Planen“ und „Sammeln und Ordnen“. Die Analysen der Filme sind kenntnisreich und konkret, es werden viele Verbindungen zum internationalen Film hergestellt, zum Beispiel zu Oskar Fischinger (KREISE, 1933) oder Joris Ivens (PHILIPS RADIO, 1931). Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Band 4 der Reihe „Film Erbe“. Coverfoto: PERLEN DER OSTMARK (1938). Mehr zum Buch: RRekqtW8

Living History

Eine Dissertation, die an der Universität Marburg entstanden ist. Monika Weiß untersucht darin „Zeitreisen(de) im Reality-TV“. Zu Beginn unseres Jahr-tausends gab es auffallend viele Rückblicke in die Zeit vor 100 Jahren. Es wurde nachgespielt, wie man damals gelebt, gearbei-tet und gewohnt hat. Die wichtigsten Inspirationen für entsprechende Formate kamen aus Großbritannien: THE 1900 HOUSE (1999) und THE EDWARDIAN COUTRY HOUSE (2002), beide von Chanel4. In der ARD kreierte man SCHWARZWALDHAUS 1902 – LEBEN WIE VOR 100 JAHREN (2001) und ABENTEUER 1900 – LEBEN IM GUTSHAUS (2004), beide wurden vom SWR produziert. In den USA gab es FRONTIER HOUSE (2002) und TEXAS RANCH HOUSE (2006), beide bei PBS. Eine Gruppe gecasteter Freiwilliger ließ sich für einige Zeit in die historische Situation zurückversetzen und ahmte den Alltag nach, wie er sich denn rekonstruieren ließ. Die Autorin analysiert das televisuelle Zeitexperiment, die Inszenierungsstrategien und die Ebenen der Erfahrbarmachung (Körperlichkeit, soziales Miteinander, Ernährung). Sie beschreibt dies mit großer Genauigkeit. In zwei abschließenden Kapiteln lokalisiert sie das Format zwischen Nationalität und Medienglobalisierung und sieht die Glokalität der Living History-Formate. Das Buch ist vor allem für Zuschauerinnen und Zuschauer interessant, die damals die Sendungen verfolgt haben, und es ist ein wichtiger Beitrag zur Fernsehgeschichte. Mit kleinen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: living-history.html

Kino der Sprachversionen

Als Ende der 20er Jahre der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm stattfand, war kurz-fristig die Internationalität des Mediums bedroht. Ein Ausweg waren zunächst die Sprach-versionen. Jessica Berry beschreibt in ihrer Studie zunächst, welche anderen Möglichkeiten ausprobiert wurden (unbearbeitete Original-versionen, Übersetzung in schriftlichen Untertiteln, polyglotte Filme, Synchronisa-tion). Dann vergleicht sie die Versionen von vier ausgewählten Filmen jener Jahre, die alle von Erich Pommer produziert wurden: DER BLAUE ENGEL / THE BLUE ANGEL von Josef von Sternberg, DIE DREI VON DER TANKSTELLE / LE CHEMIN DU PARADIS von Wilhelm Thiele, DIE DREIGROSCHENOPER / L’OPÉRA DE QUAT’SOUS von G.W. Pabst und SONNENSTRAHL / GARDEZ LE SOURIRE von Paul Fejos. Ihre Beobachtungen lesen sich sehr konkret und sind anschaulich formuliert. Hinzugefügt sind jeweils die Wahrnehmungen der Filme in der zeitgenössischen Presse. Das Buch liefert auf 120 Seiten viele interessante Informationen. Coverabbildung: Hans Albers, Conrad Veidt. Charles Boyer. Hauptdarsteller der deutschen, englischen und französischen Version des Films F.P.1 ANTWORTET NICHT. Mehr zum Buch: sprachversionen.html

Berlinerinnen

13 Frauen, „die die Stadt bewegten“, werden in diesem kleinen, aber höchst lesens-werten Buch von Barbara Sichtermann und Ingo Rose porträtiert: die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, die Ärztin Franziska Tiburtius, die Dichterin Else Lasker-Schüler, die Sozialarbeiterin Alice Salomon, die Sängerin und Kabarettistin Claire Waldoff, die Malerin Jeanne Mammen, die Schriftstellerin Gabriele Tergit, die Tänzerin Anita Berber, die Schauspielerinnen Helene Weigel, Marlene Dietrich und Hildegard Knef, die Pharmakologin und Politikerin Regine Hildebrandt, die Sängerin und Schauspielerin Nina Hagen. Jeder dieser 13 Berlinerinnen sind rund zehn Seiten gewidmet, auf denen ihr Leben und Wirken knapp und pointiert erzählt wird. Eine Abbildung ruft sie optisch in Erinnerung. Nur Nina Hagen ist noch am Leben. Nach den meisten der zwölf Verstorbenen ist in der Stadt ein Platz, eine Straße, eine Promenade, ein Park oder wenigstens ein S-Bahn-Bogen benannt. Die 13 Berlinerinnen wurden für das Buch klug ausgewählt, die Lektüre ist spannend. Mehr zum Buch: 13-frauen-die-die-stadt-bewegten

Filmische Zeugenschaft im Abseits

Eine Dissertation, die an der Universität Gießen entstanden ist. Robert Stock untersucht darin „Kulturelle Dekoloniali-sierungs­prozesse und Doku-mentarfilme zwischen Mosam-bik und Portugal“. Angesichts der aktuellen kulturpolitischen Debatten zur Kolonialisierung ist das ein interessanter Aspekt. Die meisten der hier behandelten Filme sind mir nicht bekannt. Der Autor unternimmt zunächst einen Exkurs zu „(Anti-)Kolo-nialen Meistererzählungen und dokumentarischer Filmen“, schildert dann geschichts-politische Hintergründe und teilt sein Hauptthema in fünf Kapitel: „Die Indienstnahme von Zeugenschaft in Filmen der revolutionären Umbrüche“, „Filmische Zeugenschaft abseits antikolonialer Meistererzählungen“, „Filmische Zeugenschaft und die multiperspektivische Aufarbeitung kolonialer Gewalt nach 1990“, „Koloniale Ruinen als Schauplätze von Zeugenschaft“ und „Zeugenschaft als Archivkritik. Filmisch-fotografische Gedächtnis-szenen“. In der Analyse der Filme dominieren politische Aspekte, aber die Form der Filme wird nicht außer Acht gelassen. Die Kenntnis der einschlägigen Literatur ist beeindruckend. Mit kleinen Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverabbildung: aus dem Film NATAL 71 (1999) von Margarida Cardoso. Mehr zum Buch: 978-3-8376-4506-4

BONJOUR PARIS (2017)

Im Original heißt der Film JEUNE FEMME. Er erzählt die Geschichte der 31jährigen Paula, die aus Mexiko nach Paris zurückkehrt, von ihrem langjährigen Freund Joachim, einem Fotografen, rausge-schmissen wird und irgendwie bei Null wieder anfangen muss. In der ersten Szene will sie mit dem Kopf durch die zugeworfene Tür und wacht in der Notauf-nahme auf. Die Stirnwunde begleitet sie durch den ganzen Film. Sie braucht eine Bleibe, Geld, einen Job und Hilfe. Aber wie bekommt man das, wenn Unberechenbarkeit und Aggressivität dominierende Eigenschaften sind? Paris erweist sich als Labyrinth, aus dem Paula erst am Ende einen Ausweg findet. Der Debutfilm von Léonor Serraile hat eine große Kraft, die einerseits durch die Hauptdarstellerin Laetitia Dosch entsteht und andererseits durch die Bilder der Kamerafrau Emilie Noblet. Wir sind Teil des Geschehens und doch nur Zuschauer eines 90-Minuten-Dramas mit einer Hauptfigur. Beeindruckend! Bei absolut Medien ist jetzt in der Reihe „Femmes totales“ die DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: BONJOUR+PARIS