Axel Corti

Im vergangenen Dezember hat das Filmarchiv Austria anlässlich seines 25. Todestages eine Retrospektive der Filme des österreichi-schen Regisseurs Axel Corti veranstaltet. Das dazu publizierte Buch ist eine schöne Hommage. Insgesamt 22 Texte erinnern an das umfängliche Werk. 13 Beiträge sind einzelnen Filmen gewidmet. Zu den Autorinnen und Autoren gehören Hans Christian Leilich, Michelle Koch, Alejandro Bachmann, Lukas Foerster, Olaf Möller, Elisabeth Streit. Sylvia Szely beschäftigt sich mit Cortis Dokumentarspielen, Patrick Holzapfel geht auf lokale Entdeckungsreisen rund um die Axel-Corti-Gasse, bei Martin Thomson geht es um Flüchtlingstrilogie WOHIN UND ZURÜCK, über die sich auch der Drehbuchautor Georg Stefan Troller in einem Interview äußert. Persönliche Erinnerungen stammen von Peter Simonischek, Gabriel Barylli, Max von Sydow, Hubert Canaval und der Witwe Cecily Corti. Der Anhang enthält eine präzise recherchierte Filmografie. Mit zahlreiche Abbildungen in guter Qualität. Der Herausgeber Florian Widegger hat hervorragend gearbeitet. Band 5 der neuen Buchreihe des Filmarchivs Austria. Coverfoto: Axel Corti bei den Dreharbeiten zu DER FALL JÄGERSTÄTTER (1971). Mehr zum Buch: axel-corti/

David Fincher

Immer wieder überrascht uns die Schweizer Zeitschrift DU mit einem Themenheft über einen Filmregisseur. Zuletzt war es im Dezember 2017 Martin Scorsese. Jetzt (Nr. 889, Februar 2019) sehen wir David Fincher auf dem Cover mit verschlossenen Augen. Es geht um sein „Kino der Finsternis“. Sechs Texte und zwei Fincher-Interviews bilden die Wortebene. Erik Messerschmidt sieht fünf visuelle Elemente, die David Finchers Filme ausmachen. Phil de Semlyen hat sich mit dem Grafiker Kyle Cooper über die Titelsequenz zu SEVEN unterhalten. Fred Schruers war auf dem Set von THE GAME und konnte den Perfektionisten Fincher beobachten. Kai Mihm fragt nach den Gefühlen der Figuren in FIGHT CLUB. Georg Seeßlen versucht, das Verwirrspiel der Erzählungen von Fincher zu entziffern. Joshua Rothman interpretiert GONE GIRL als Ausformung moderner Paarbeziehungen. Fincher sieht eine Verarmung im aktuellen Blockbuster-Kino. In zwei Gesprächen äußert er sich über die Anstrengungen des Filmemachens, die ästhetische Qualität des Zufalls und seine Empathie für Mark Zuckerberg, über den er mit SOCIEL NETWORK ein Biopic realisiert hat. David Finchers 26 Favoritenfilme werden am Ende von Benedikt Sarreiter kurz erläutert. Sensationell ist wieder die Bildebene mit großen Fotos aus acht Fincher-Filmen. Mehr zur Zeitschrift: du-magazin.com

Die Oscars

Es gab wie erwartet einige Überraschungen in der vergangenen Nacht bei der Verleihung der Oscars für das Jahr 2018. Dass zum Beispiel Olivia Coleman für ihre Darstellung in THE FAVOURITE als Actress in a Leading Role ausgezeichnet würde, hatten nur wenige erwartet (Favoritin war Glenn Close). Der Film darf insgesamt eher als Verlierer gelten: zehn Nominierungen, ein Oscar. Bei BOHEMIAN RHAPSODY (fünf Nominierungen, vier Oscars) ist das Ergebnis positiver. Die Zeremonie, in diesem Jahr ohne Moderator, dauerte nur drei Stunden und 15 Minuten, die Werbepausen waren wieder nervig, aber es gab berührenden Momente, zum Beispiel bei den Dankesreden von Rami Malek, Olivia Coleman und dem Auftritt von Barbra Streisand. – An der Oscar-Wette haben in diesem Jahr 40 Personen teilgenommen. Gewinner sind Wolfgang Höbel, Holly-Jane Rahlens und Henri Höbel (18 richtige Voraussagen). Mit insgesamt 15 richtigen Prognosen bin ich auf Platz vier gelandet, zusammen mit acht anderen, darunter Thomas Häberle, Tobias Kniebe und Angela Schmitt-Gläser. Das finde ich angesichts der zahlreichen Überraschungen akzeptabel. Wir müssen noch einige der ausgezeich-neten Filme im Kino sehen. Foto: Rami Malek, Olivia Coleman, Regina King, Mahershala Ali. Mehr zu den Ergebnissen: gewinnerinnen-und-gewinner-a-1251810.html

Oscar-Nacht

In der kommenden Nacht werden in Hollywood die „Oscars“ für das Jahr 2018 verliehen. Es ist die 91. Preisverleihung. Sie wird ab 2.30 Uhr live auf Pro7 übertragen. Es gibt in diesem Jahr keinen Moderator, weil der vorgesehene Kevin Hart abgesagt hat. Er war wegen schwulenfeindlicher Äußerungen in die Kritik geraten. Wir haben uns wieder an der Oscar-Wette beteiligt, die von Artur und Teresa Althen in der Tradition ihres Vaters Michael organisiert wird. Die Prognosen sind uns in diesem Jahr besonders schwer gefallen. Hier sind meine Vermutungen in den 21 wichtigsten Kategorien: ROMA (Best Picture). Alfonso Cuarón (Directing). Rami Malek (Actor in a Leading Role). Glenn Close (Actress in a Leading Role). Mahershala Ali (Actor in a Supporting Role). Regina King (Actress in a Supporting Role). Deborah Davis, Tony McNamara/THE FAVOURITE (Writing, Original Screenplay). Charlie Wachtel, David Rabinowitz, Kevin Willmott, Spike Lee/BLACKkKLANSMAN (Writing, Adapted Screenplay). Alfonso Cuarón/ROMA (Cinematography). Hank Corwin/VICE (Film Editing). Fiona Cromble, Alice Felton/THE FAVOURITE (Production Design). Sandy Powell/THE FAVOURITE (Costume Design). Greg Cannon, Kate Biscoe, Patricia DeHaney/VICE (Makeup and Hairstyling). ROMA (Foreign Language Film). SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE (Animated Feature Film). FREE SOLO (Documentary, Feature). Ludwig Goransson/BLACK PANTHER (Music, Original Score). „Shallow“ (Music, Original Song). Benjamin A. Burtt, Steve Boeddecker/BLACK PANTHER (Sound Editing). Paul Massey, Tim Cavaign, John Casali/BOHEMIAN RHAPSODY (Sound Mixing). DeLeeuw, Port, Earl, Sudick/AVENGERS: INFINITY WAR (Visual Effects). Im vergangenen Jahr bin ich mit 20 richtigen Vorhersagen mit fünf anderen auf Platz zwei gelandet. Die Nacht wird wieder spannend. Mehr zu den Nominierungen: com/nominees

The B-Film

Ein Buchhinweis mit kleiner Verspätung. Die 80-Seiten-Publikation erschien im vergangenen Oktober zur Retrospektive der Viennale. Sie informiert über die dort gezeigten 51 Filme aus den Jahren 1935-1959. Initiator des Themas war der Film-historiker Haden Guest, von dem auch die Mehrzahl der Texte stammt. Seine Einlei-tung „An Archaeology of the B-Film, 1935-1959“ hat spürbare Empathie. Ein Essay von Imogen Smith über den B-Noir, der Nachdruck eines Textes von Nick Grinde aus The Penguin Film Review Nr. 1 vom 1. August 1946 und ein Statement von Joe Dante („A Movie Lover’s Dream“) führen in das Thema ein. Auf jeweils ein bis zwei Seiten werden in chronologischer Reihenfolge die in Wien gezeigten Filme vorgestellt, beginnend mit THE CRIME OF DR. CRESPI von John H. Auer, endend mit RIDE LONESOME von Budd Boetticher. Zu den Autoren gehören Gustavo Beck, Hartmut Bitomsky, Chris Fujiwara, Guy Maddin, Olaf Möller, Arturo Ripstein und Michael Schlesinger. Alle Texte in englischer Sprache. Das Coverfoto stammt aus dem Film THE MAN THEY COULD NOT HANG (1939). Mehr zum Buch: 1539765527239

Helmut Käutner

Fast zeitgleich mit der Werkanalyse von René Ruppert, meinem Filmbuch des Monats Dezember 2018 (kaeutner/), ist das Buch „Helmut Käutner. Cineast und Pazifist“ von Bernhard Albers im Rimbaud Verlag erschienen, ein großforma-tiger Band mit 500 Abbil-dungen, der „von Film zu Film“ den deutschen Regisseur in Erinnerung ruft. Dies geschieht faktenreich mit vielen Informationen über die Produktions-hintergründe, aber auch mit kritischen Anmerkungen zu manchen formalen Lösungen. Häufig wird aus dem Interview des Regisseurs mit Edmund Luft zitiert, das im Käutner-Buch der Deutschen Kinemathek und der Akademie der Künste aus dem Jahr 1992 dokumentiert ist. Auf die Fernsehseharbeiten wird nicht eingegangen, sie sollen offenbar in einem eigenen Buch gewürdigt werden. Im „Epilog“ wird an Käutners Karl May-Darstellung im Film von Hans-Jürgen Syberberg erinnert. Der Bilderreichtum des Bandes – Szenen- und Werkfotos, Werbematerial, Plakate, Autogrammkarten – ist überwältigend. Coverabbildung: Arbeitsfoto von den Dreharbeiten zu DES TEUFELS GENERAL (1955) mit Curd Jürgens, Käutner und Viktor de Kowa. Mehr zum Buch: die-kinofilme-1939-1970/

Roger Corman

Er war seit Mitte der 50er Jahre eine Schlüsselfigur des unab-hängigen amerikanischen Kinos, hat bei 55 Filmen Regie geführt und über 300 Filme produziert, den letzten 2017. Bisher gab es keine deutsch-sprachige Publikation über Roger Corman. Aber das Warten hat sich gelohnt. Robert Zions Monografie mit dem Untertitel „Die Rebellion des Unmittel-baren“ ist exzellent. In acht Kapiteln erschließt der Autor das Werk des Regisseurs, richtet unseren Blick auf spezielle Genre (Frauen-Western, Science Fiction, Horror, Gangster, Hippie-Film), befasst sich dabei ausführlicher mit 16 Filmen, darunter den „Klassikern“ HOUSE OF USHER, MACHINE GUN KELLY, BLOODY MAMA, THE WILD ANGELS, THE TRIP. Natürlich kennt Zion die amerikanische Literatur über Corman inklusive dessen Autobiographie „How I Made A Hundred Movies in Hollywood and Never Lost a Dime“ (1998), aus der er gelegentlich zitiert, aber es sind vor allem seine eigenen Beobachtungen, die die Lektüre spannend machen. Inhalt und Form der Filme werden so präzise beschrieben, wie man es selten liest. Ein letztes, neuntes Kapitel erzählt die Geschichte des Produzenten Corman und seiner Firma „New World Pictures“. 2009 erhielt er den Ehren-Oscar. Robert Zion lebt als Journalist in Gelsenkirchen, ist politisch engagiert und hat bisher drei Monografien zu Filmthemen publiziert: über William Castle, Vincent Price und Dario Argento. Er gestaltet seine Bücher selbst. Die Qualität der rund 140 Abbildungen und zehn Farbtafeln ist hervorragend. Ich bin beeindruckt! Coverfoto: THE TOMB OF LIGEIA. Mehr zum Buch: die-rebellion-des-unmittelbaren

Raum/Akteure

Eine Dissertation, die an der Universität Bonn entstanden ist. Philipp Scheid untersucht darin „Inszenierte Landschaften in den frühen Filmen von Wim Wenders“. Gedanken zur Diskursgeschichte der filmischen Landschaftsdar-stellung und – als Gegenbeispiel – zum „eklektizistischen“ Blick auf die Natur in Stanley Kubricks BARRY LYNDON sind als Einleitungskapitel formuliert. Es folgt eine kurze Erinnerung an die Entwicklung des bundesdeutschen Autorenfilms in den 1960er und 70er Jahren. Dann geht es um den klassischen und den kritischen Heimatfilm, um NACHTSCHATTEN von Niklaus Schilling, FALSCHE BEWEGUNG von Wim Wenders, HERZ AUS GLAS von Werner Herzog. Das Hauptkapitel ist auf den „Orts-Sinn“ in den frühen Filmen von Wenders fokussiert: SILVER CITY REVISITED, 3 AMERIKANISCHE LP’S, ALICE IN DEN STÄDTEN, IM LAUF DER ZEIT, THE STATE OF THINGS. Schließlich richtet sich der Blick des Autors noch auf Fenster und Sehen, Reisen und Bewegung, Musik und Gefühl. Eine Schlussbetrachtung summiert Ergebnisse. Der Anhang enthält Auszüge aus Interviews mit der Szenografin Heidi Lüdi und dem Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein, sowie Sequenzprotokolle zu NACHTSCHATTEN und SILVER CITY REVISITED. Mit 54 Abbildungen in akzeptabler Qualität. Eine lesenswerte Dissertation. Mehr zum Buch: raum-akteure/

Schlechtes Gedächtnis?

Der Band dokumentiert die Arbeit einer Filmsichtungs-gruppe zum Thema „Film und jüdische Themen“. Es geht um „Kontrafaktische Darstellungen des Nationalsozialismus in alten und neuen Medien“. 15 Beiträge sind den drei Kapiteln „Film und Geschichte“, „Spiel und Wiederholung“, „Rache und Überleben“ zugeordnet. Acht Texte haben mich besonders beeindruckt. Chris Wahl richtet seinen Blick auf „Alternative Geschichte(n) und die Amazon-Serie THE MAN IN THE HIGH CASTLE“. Drehli Robnik beschäftigt sich mit Kontrafaktik, jüdischer Agency und ihrem politischen Potenzial im Postfaschismus bei Spielberg und Tarantino. Irina Gradinari informiert über „Ästhetische Alternativen des Zweiten Weltkriegs im russischen Gegenwartskino“. Caspar Battegay reflektiert über Spielelemente des kontrafaktischen Erzählens in Film (Beispiel: INGLORIOUS BASTERDS) und Literatur. Sandra Nuy erinnert an Hitler-Bilder im Independent-Film der 1980er Jahre. Bei Alexander Wagner geht es um den Film 100 JAHRE ADOLF HITLER von Christoph Schlingensief. Raphael Rauch befasst sich mit dem Film ZAHNSCHMERZEN von Michael Kehlmann. Von Jonas Engelmann stammt ein Beitrag über Nazis im Comic. Die genannten Texte haben mich vor allem durch ihre Konkretisierungen überzeugt. Die Herausgeber*innen Johannes Rhein, Julia Schumacher und Lea Wohl von Haselberg haben dem Band eine 40seitige informative Einleitung vorangestellt. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: schlechtes-gedaechtnis

Qualität

Das Schwerpunktthema des Schweizer Filmjahrbuchs ist diesmal „Qualität“. Elf Texte sind ihm gewidmet, sechs haben mir besonders gut gefallen. Henry M. Taylor beschäftigt sich mit „Dramaturgien journalistischer Qualität im Reporterfilm“ und stellt dabei ALL THE PRESIDENT’S MEN (1976) von Alan J. Pakula in den Mittelpunkt. Bei Marius Kuhn geht es um Clint Eastwood und drei seiner letzten Filme: AMERICAN SNIPER, SULLY und THE 15:17 TO PARIS. Die Beschreibungen und Verknüpfungen sind beeindruckend. Simon Meier äußert sich zur wechselhaften Rolle der Filmkritik bei Siegfried Kracauer. Josephine Diecke informiert über Farbfilme aus Wolfen im Qualitätswettstreit. Margarete Wach befasst sich mit Amateurfilmclubs in Polen 1953-1989. Michel Bodmer schildert seine Erfahrungen als Filmredakteur beim Schweizer Fernsehen und als Mitarbeiter des „Filmpodiums“ der Stadt Zürich. Der „Filmbrief“ kommt in diesem Jahr aus Kambodscha und ist ein Erfahrungsbericht von den Dreharbeiten zu MIRR. In der „Sélection Cinema“ werden wieder 33 Filme der Saison 2017/18 vorgestellt. Auch das 64. Jahrbuch bietet interessanten Lesestoff. Mehr zum Buch: 600-qualitaet.html