„Aus dem Licht“

Die holländische Autorin Marente de Moor erzählt in ihrem Roman aus dem Leben zweier Erfinder im Jahr 1890 und danach: Valéry Barre aus Frankreich (in Wirklichkeit hieß er Louis Le Prince) und Thomas Alva Edison aus den USA. Beide arbeiten an den technischen Voraussetzungen für die Projektion bewegter Bilder. Zunächst begleiten wir Valéry Barre auf der Reise von Dijon nach Paris, wo er sein Patent anmelden will, aber nie ankommen wird. Er verlässt die Eisenbahn unterwegs, verirrt sich in einem Provinzort, landet bei einem Pfarrer und geht schließlich auch uns Lesern verloren. Dann wechselt der Schauplatz in die USA. Hier wird die Besessenheit von Edison aus der Perspektive seiner zweiten Ehefrau Mia erzählt, die am liebsten in ihrem Gewächshaus lebt und den Ehrgeiz ihres inzwischen schwerhörigen Mannes mit Ironie zu ertragen versucht. In einem dritten Kapitel erscheint Valerys Sohn Guillaume auf der Bildfläche, der herausfinden will, wo sein Vater verblieben ist. Und am Ende wird eine originelle Verbindung zwischen Barre und Edison hergestellt. Es hat für mich hohe literarische Qualitäten, wie die Autorin den damaligen Zeitgeist beschreibt, wie sie zwischen Traum und Realität wechselt, Rückblenden einfügt und dafür sorgt, dass wir keiner Sache sicher sein können. Meike Fessmann hat in der Süddeutschen Zeitung eine sehr lesenswerte Rezension des Romans publiziert. (1.4334835 ). Mehr zum Buch: 978-3-446-26176-1/

„Marlene und die Suche nach Liebe“

Christopher W. Gortner ist ein amerikanischer Autor, dessen Spezialität historische Romane sind. Im Mittelpunkt stehen immer prominente Frauen: Königin Elizabeth I. von England, Königin Isabella I. von Kastilien, Lucrezia Borgia, Coco Chanel. 2016 erschien sein Roman „Marlene“ in den USA, die deutsche Ausgabe, übersetzt von Christine Strüh, hat jüngst der Aufbau Verlag veröffentlicht. Der erste Satz lautet: „Als ich mich das erste Mal verliebte, war ich zwölf Jahre alt.“ Es handelte sich um ihre Französischlehrerin. Der letzte Satz heißt: „Und als ich ihre Hand in meiner fühlte, so kühl und glatt, antwortete Garbo: ‚Ich weiß’.“ Das Treffen fand bei einer Party von Orson Welles statt. Der Zeitrahmen des Romans sind die Jahre 1913 bis 1945. Erzählt werden Marlenes Liebes-beziehungen zu Männern und Frauen, der Verlauf ihrer Karriere, das komplizierte Familienleben mit ihrem Ehemann Rudolf Siebert, ihrer Tochter Maria („Heidede“) und Sieberts Partnerin Tamara Matul, die verschiedenen Versuche der Nazis, sie nach Deutschland zurück-zuholen. Das faktische Gerüst ist ziemlich stabil, es tauchen all die Personen auf, die man erwartet, die Schilderung der erotischen Details ist grenzwertig. Relativ gelungen finde ich das letzte Kapitel, die Truppenbetreuung in Afrika und Europa. Insgesamt hat mir der Dietrich-Roman von Katja Kulin besser gefallen (marlene-dietrich-2/ ). Mehr zum Buch: suche-nach-liebe.html

Diktatoren im Kino

Der Literaturwissenschaftler Peter Demetz (*1922) erzählt die Lebensgeschichten von Lenin, Mussolini, Hitler, Goebbels und Stalin mit dem Blick auf ihre Beziehung zum Film. Wann, wo und mit wem haben sie ihre ersten Filme gesehen? Welchen Einfluss nahmen sie auf die Produktion, als sie über die entsprechende Macht verfügten? Welche Verbindungen hatten sie zu Regisseuren, Schauspielern und vor allem Schauspielerinnen? Der Autor hat zahlreiche verfügbare Quellen ausgewertet, unterscheidet zwischen glaubwürdigen und weniger glaubwürdigen, schildert Inhalte, erzwungene Veränderungen und Verbote. Jedem Diktator sind rund 40 Seiten gewidmet. Mir haben am besten die Kapitel über Mussolini und Stalin gefallen (vielleicht weil ich am wenigsten über ihre Filmverbindungen wusste). Am schwächsten finde ich das Goebbels-Kapitel, hier gibt es zu viele Redundanzen über seine Einschätzung amerikanischer Filme. Das Thema JUD SÜSS ist ausgespart. Interessant sind die Bibliografien und Quellenverweise im Anhang, die deutlich machen, wie intensiv der Autor geforscht hat. Beeindruckend ist das sehr persönliche Vorwort. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: 978-3-552-05928-3/

Aus der Fernnähe

Wie nah kann ein Journalist Theater- und Filmkünstler*innen kommen, wenn er sie porträtiert oder interviewt? Die 25 Texte im Buch von Andreas Wilink, meist Nachrucke aus Zeitschriften oder Zeitungen, beweisen, dass eine große Nähe entstehen kann. Es gibt fünf Gruppen: „Die Meister“: das sind die Theatermenschen Jürgen Gosch, Johannes Schütz, Johan Simons, Gerard Mortier, Einar Schleef, Hans-Michael Rehberg. „Die Unbotmäßigen“: der Regisseur Herbert Fritsch, die Schauspieler Jeroen Willems und Michael Wittenborn. „Die Anti-Diven“: Margit Carstensen, Ingrid Caven, Hannelore Hoger. „Die Entflammten des Zelluloids“: Rainer Werner Fassbinder, Walter Bockmayer, Werner Schroeter, Christoph Schlingensief, Werner Nekes, Matthias Müller, Xavier Dolan. „Die Freigelassenen“: Sandra Hüller, Devid Striesow, Lina, Maja, Nils und Till Beckmann, Charly Hübner, Jana Schulz, André Kaczmarczyk. Zehn der Genannten sind inzwischen tot. Andreas Wilink hat sie alle – außer Fassbinder – persönlich getroffen. Seine Porträts sind nicht Resultate oberflächlicher journalistischer Neugier, sondern mit spürbarer Empathie geschrieben. Sie wurden in der Westdeutschen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, Theater heute, Spielzeit oder dem Magazin k.west publiziert, das Wilink mitbegründet und 15 Jahre lang geleitet hat. Der Epilog ist der berührende Nachruf auf seinen Freund Jens, der vor 25 Jahren gestorben ist. Ich kannte diesen Autor bisher nicht. Das Buch hat mich überrascht und beeindruckt. Mehr zum Buch: aus-der-fernnaehe/

François Ozon

Der französische Regisseur im Blickpunkt von Filmkritik und Psychoanalyse. Zehn Texte beschäftigen sich mit seinem Werk. Gerhard Midding legt mit seinem sehr fundierten Essay die Basis: „Doppeltes Spiel“. Bei Dietrich Stern geht es um die Musik in FRANTZ und 8 FRAU-EN. Acht Beiträge konzentrieren sich auf jeweils einen Film: UNTER DEM SAND (2000, Texte von Marcus Stiglegger: „Vom Verschwinden und Wiederkehren“, und Isolde Böhme: „Vom Verschwinden, der Melancholie und der Trauer“), DIE ZEIT, DIE BLEIBT (2005, Text von Sabine Wollnik: „Sterben lernen“), RÜCKKEHR ANS MEER (2009, Dirk Blothmer: „Grundlegende Texturen seelischer Gestaltung“), SWIMMING POOL (2003, Jochen Hörisch: „Das nasse Element“), EINE NEUE FREUNDIN (2014, Petra Heymanns: „(Ver-)Wandlungen zwischen Eros und Thanatos“), FRANTZ (2016, Timo Storck: „Das Grauen und das Färben, oder: Zur Erotik der Lüge“), DER ANDERE LIEBHABER (2017, Rüdiger Suchsland: „Der doppelte Regisseur“). Auch die Dokumentation des 16. Mannheimer Filmseminars, das im Januar 2018 stattgefunden hat, ist eine spannende Lektüre. Band 15 der Reihe „Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“. Mit Abbildungen in guter Qualität. Das 17. Mannheimer Filmseminar war Sofia Coppola gewidmet. Ich freue mich auf die Dokumentation. Coverfoto: Ozon beim Dreh von JUNG UND SCHÖN (2013). Mehr zum Buch: products_id/2839

Ula Stöckl

Vor gut einem Jahr fand im Berliner Kino Arsenal aus Anlass ihres 80. Geburtstages eine Retrospektive statt, kuratiert von Bärbel Freund. Das war offenbar die Initialzündung für diese Publikation. Die Herausgeberin Claudia Lenssen legt mit ihrem informativen Vorwort die Basis. Wunderbar: die konkreten Erinnerungen von Ula Stöckl, dokumentiert und mit Verweisen auf politische Ereignisse und wichtige internationale Filme ergänzt von Eva Hiller: an ihre Kindheit im Krieg, die Jugend in Ulm, die längeren Auslandsaufenthalte in Paris und London, die Arbeit als Sekretärin, die Ausbildung an der von Alexander Kluge und Edgar gegründeten Filmklasse der Hochschule für Gestaltung in Ulm, die Verleihschwierigkeiten mit ihrem Abschlussfilm NEUN LEBEN HAT DIE KATZE (1968), die konfliktreiche Zusammenarbeit mit Fassbinder bei einer Theaterinszenierung im TAT in Frankfurt. Zehn Texte erschließen die Vielfalt des Werkes der eigenwilligen Filmemacherin, im Zentrum steht mehrfach NEUN LEBEN… Uta Ganschow verweist auf die Bedeutung von Antigone, Kirke und Medea für Ula Stöckl. Sophie Charlotte Rieger wirft einen queer-feministischen Blick auf die GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND. Bei Bettina Henzler geht es um die Kinderfiguren in DAS GOLDENE DING und anderen Filmen. Ula beschreibt ihren verschollenen Film SONNTAGSMALEREI. Toby Ashraf verfolgt queere Spuren in ihrem Werk. Sabine Schöbel untersucht den Film DEN VÄTERN VERTRAUEN, GEGEN JEDE ERFAHRUNG. Bärbel Freund (die auch die abschließende Filmografie recherchiert hat) und Thomas Mauch erinnern an die Farben von NEUN LEBEN… und die Kameraarbeit in ERIKAS LEIDENSCHAFTEN. Nr. 53 der Film-Konzepte – eine besonders gelungene Ausgabe. Coverfoto: Kristine de Loup in NEUN LEBEN HAT DIE KATZE. Mehr zur Publikation: XHVVnumPq2w

Zwei DEFA-Filme

Bei den Filmjuwelen sind zwei DVDs mit DEFA-Filmen erschie-nen, die in Koproduktion mit Frankreich entstanden sind. DIE ABENTEUER DES TILL ULEN-SPIEGEL (1956) ist die Verfilmung eines Romans von Charles de Coster, Regie führte der Schauspieler Gérard Philipe, der natürlich auch die Hauptrolle spielt. Als Vermittler zur DEFA (und Co-Regisseur) fungierte damals Joris Ivens. Wir erleben Tragik und Komik im Konflikt zwischen den Niederlanden und Spanien im 16. Jahrhundert. Till, dessen Vater als Rebell von den Spaniern hingerichtet wird, engagiert sich für den aufständigen Prinzen von Oranien und wird Hofnarr beim Herzog Alba. Bis es zu einem Happyend kommt, müssen viele Konflikte bewältigt werden. Der Film wirkt heute sehr „überdreht“, es gibt kaum Momente der Ruhe, die Pointen sind vorhersehbar, und Philipe spielt sich sehr in den Vordergrund. Interessant sind einige Darsteller in Nebenrollen: Erwin Geschonneck als wasserscheuer Heerführer Stahlarm, Wilhelm Koch-Hoge als Prinz von Oranien, Jean Vilar als Alba, Nicole Berger als Tills Geliebte Nele. Hinter der Kamera (Farbe) stand Christian Matras, die Musik stammt von Georges Auric.

Auch TRÜBE WASSER (1960) ist ein historischer Film, der allerdings keine komischen Momente hat. Er spielt in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts und porträtiert den früheren Offizier Philippe Brideau, der nach der Niederlage Napoleons zum Spieler und Trinker wird. Er verliert seine Geliebte, eine Künstlerin, kungelt, intrigiert, wird Partner einer reichen Erbin, heiratet eine Adlige, legt sein Geld in Staatspapieren an und verliert am Ende alles, als die Regierung Karls X. stürzt. Hauptdarsteller ist Jean Claude Pascal als Philippe Brideau, der mit großer Routine seine unsympathische Rolle spielt. Auch hier sind interessante Nebendarsteller zu sehen: Erika Pelikowsky als Brideaus Mutter, Ekkehard Schall als sein Bruder Joseph, Gerhart Bienert als sein Onkel. Regie führte Louis Daquin, der als überzeugter Kommunist in Frankreich nicht geschätzt wurde, hinter der Kamera (schwarzweiß) stand Eugen Klagemann. Beeindruckend: die Musik von Hanns Eisler. Die Booklets zu beiden Filmen von Ralf Schenk sind vorbildlich in ihrem Informationsgehalt speziell zur Produktions-geschichte. Mehr zu den DVDs: 1550767537&sr=1 /28%3A-pidax

„Fortschrittlich“ versus „reaktionär“

Eine Dissertation, die an der Universität Leipzig entstanden ist und für die Publikation „umfassend“ gekürzt wurde. Zu bewältigen sind jetzt nur noch 640 Seiten. Claudia Böttcher untersucht darin „Deutungs-muster des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in historischen Dokumentationen des DDR-Fernsehens“. Auf 130 Seiten werden der „theoretische Rahmen“, der „methodische Rahmen“ und die „theoretisch-methodische Kondensierung“ formuliert. 380 Seiten bean-spruchen die Analysen. Insgesamt 548 historische Dokumentationen wurden von der Autorin zunächst quantitativ ausgewertet, einzelne wurden anschließend qualitativ analysiert. Es geht dabei um vier Zeiträume: die Jahre 1952 bis 1955 („Die ideologische Verhärtung des Widerstandsdiskurses“), 1956 bis 1967 („Aufbruch dogmatischer Darstellungsweisen“), 1968 bis 1979 („Konsolidierung und Differenzierung des Widerstands-diskurses“), 1980 bis 1989 („Öffnung und umfassende Erweiterung des Widerstandsdiskurses). 1.875 Anmerkungen und Quellenverweise. 70 Seiten Anhang. Ich verneige mich mit Respekt vor dem Fleiß der Autorin. Mehr zum Buch: fortschrittlich-versus-reaktionaer

Die Marx-Brothers und die Commedia dell’arte

Eine Examensarbeit, die an der Universität Mainz entstanden ist. Simon Born sucht darin nach Verbindungen zwischen dem Spiel italienischer Wander-truppen in der Renaissance und dem amerikanischen Komiker-quartett, das zwischen 1929 und 1949 13 Kinofilme realisiert hat. Es ist zwar nicht nachzuweisen, ob die Marx Brothers je von ihren italienischen Vorgängern gehört haben, aber es gibt erstaunliche Parallelen in der Figurenkonstellation, die der Autor mit großer Sachkenntnis beschreibt. Er stellt zunächst die Bezüge zur Commedia dell’arte in der Aufführungspraxis des American Vaudevilles her und verortet die Marx-Brothers im American Vaudeville. Dann analysiert er die Komik der Marx Brothers und formuliert zwei Annäherungen von comedian comedy und anarchistic comedy. Im zentralen Kapitel geht es um die Masken der Marx Brothers, ihr Spiel und die Verbindungen zwischen Leinwand und Bühne. Der historische Bogen, den der Autor herstellt, führt zu vielen neuen Erkenntnissen. Mit 24 Abbildungen in unterschiedlicher Qualität. Mehr zum Buch: 3848750120 oder product=39220

Die Filme von Hans Wintgen

Zwischen 1980 und 1991 hat er für die DEFA elf Dokumentarfilme gedreht, die weitgehend unbekannt sind. Ich habe keinen von ihnen gesehen. Die Filme von Hans Wintgen (*1949) handeln von Kindheit (WENN DIE ELTERN GELD VERDIENEN), Jugend (IN BERLIN 16.10.89-4.11.89, ein Gruppenfilm, ZUCHTHAUS BRANDENBURG, zusammen mit Thomas Heise, FRANK), Familie und Beruf (GUTE NACHT, SCHUSTER, GESCHIEDEN, DANKE, ICH TRINKE NICHT), Alter (JOHANNA JUST, DER ROTE MILAN), Sterben und Tod (GESPRÄCHE IN EINER STRAHLEN-THERAPEUTISCHEN KLINIK). Behutsamkeit gehörte für ihn zu einer programmatischen ästhetischen Haltung. Das machte ihn zu einem Außenseiter. Anne Barnert erzählt in ihrem Buch seine Lebens-geschichte („Wichtig war immer die Genauigkeit“), beschreibt mit großer Sensibilität Inhalt und Form der Filme, macht neugierig darauf. Band 17 der Reihe „Filit“, herausgegeben von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen. Mehr zum Buch: detail/955