LAMPENFIEBER (2019)

Alice Agneskirchner hat viele Dokumentarfilme realisiert, die ich sehr schätze, zum Beispiel HERR, FRAU, HUND (1995), WASCHEN UND LEGEN (1998) und ein Porträt von Doris Dörrie. Bei der letzten Berlinale war ihr Film LAMPENFIEBER zu sehen, der mich beeindruckt hat. Schauplatz des Films ist der Berliner Friedrichstadt-Palast, wir erleben das Casting, die Proben und schließlich die Uraufführung der Show „Spiel mit der Zeit“. Im Focus steht das Kinder- und Jugendensemble. Nick, Luna, Alex, Maja, Amira Pauletta und Oskar haben – jeder auf seine individuelle Weise – das Casting geschafft und gehen stolz in die Probenphase, die ihnen viel abverlangt. Wir erfahren ein bisschen über ihr Privatleben und einiges über die Geschichte des Friedrichstadt-Palastes, vor allem aber sind wir Augen- und Ohrenzeugen des Probenprozesses aus der Perspektive hinter den Kulissen. Auf der großen Bühne des Hauses wird hart gearbeitet und wenig ausgeruht. Es geht auch recht emotional zu. Das ist spannend zu beobachten. Bei EuroVideo ist jetzt die DVD des Films erschienen, die ich sehr empfehle. Mehr zur DVD: kEAQYASABEgLC3fD_BwE

Schießerei am O.K.Corral

Die Schießerei am O.K.Corral fand am 26 Oktober 1881 gegen 14.30 Uhr in Tombstone/ Arizona statt. Beteiligt waren die Brüder Waytt, Morgan und Virgil Earp und Doc Holliday auf der einen Seite, die Cowboys Frank und Tom McLaury, Ike und Billy Clanton auf der anderen Seite. Beide McLaurys und Billy Clanton wurden getötet, Doc Holliday, Morgan und Virgil Earp wurden verletzt, Ike Clanton konnte fliehen. Bei der Auseinandersetzung ging es um das Tragen von Waffen. Das Ereignis war Stoff für zahlreiche Filme, die beiden für mich herausragenden sind MY DARLING CLEMENTINE (1946) von John Ford mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday und GUNFIGHT AT THE O.K.CORRAL (1957) von John Sturges mit Burt Lancaster als Wyatt Earp und Kirk Douglas als Doc Holliday. Im Verlag Reinhard Marheinecke ist jetzt ein Buch über die Schießerei erschienen. Im ersten Teil vermittelt Reinhardt Marheinicke Hintergründe und Fakten zum Gefecht, zu den Brüdern Earp, Reaktionen auf die Schießerei und Informationen über die weiteren Lebenswege der Beteiligten. Im zweiten Teil von Peter L. Stadlbaur geht es speziell um die Waffen, die damals zum Einsatz kamen. Der Autor ist ein Experte auf diesem Gebiet, hat bestens recherchiert und klärt einige Widersprüche. Umfangreiche bibliografische Hinweise sind angefügt. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: php?id=203

Narrative Persuasion

Eine Narration ist eine Repräsentation zeitlich und kausal verknüpfter Ereignisse, in deren Mittelpunkt handelnde Figuren mitsamt ihrer inneren Welt, ihren Gedanken und Gefühlen stehen und mit spezifischen Konflikten oder Herausforderungen konfrontiert werden.“ (S. 13). „In der kommunikations-wissenschaftlichen Persuationsforschung werden Einflüsse von Medieninhalten auf Einstellungen, aber auch Vorstellungen, Werte, Intentionen oder Verhalten der Rezipienten untersucht.“ (S. 17). Freya Sukalla stellt in ihrem Buch die zentralen Modelle zur Erklärung narrativer Persuasion vor und gibt einen Überblick über den Forschungsstand. Interessant auch für den Bereich Sozialpsychologie. Mehr zum Buch: product=29661

Die Welt am Abend

Kein Filmbuch, auch wenn alles mit einer Party in Hollywood beginnt. Der Roman von Christopher Isherwood erzählt die Lebensgeschichte des Dandys Stephen Monk im Zeitraum 1926 bis 1941. Die englische Originalausgabe erschien 1954 und wurde bislang nicht ins Deutsche übersetzt. Jetzt hat Hoffmann und Campe den Text – übersetzt von Hans-Christian Oeser – publiziert. Zu lesen ist aus der Ich-Perspektive die Identitätssuche eines wohlhabenden Mannes, der von seiner zweiten Ehefrau Jane betrogen wird, zu seiner Tante Sarah, einer Quäkerin, in seinen Geburtsort Dolgelly in der Nähe von Philadelphia flüchtet, dort von einem Lastwagen angefahren wird und viele Wochen vergipst im Bett verbringen muss. Er liest in dieser Zeit die Korrespondenz seiner ersten Ehefrau, Elizabeth Rydal, einer Schriftstellerin, die vor einigen Jahren verstorben ist und konfrontiert sie mit eigenen Erinnerungen. Wichtige Figuren in der Geschichte sind Gerda Mannheim, eine aus Deutschland geflüchtete Jüdin, der schwule Fotograf Michael Drummond, der Arzt Charles Kennedy, dessen Freund Bob Wood und der Hund Saul. Die Rückblenden in die gemeinsame Zeit mit Elizabeth (1926-1935) führen uns nach Paris, Berlin, London, Österreich. Die Politik in Europa (Deutschland, Spanien) spielt eine große Rolle als Hintergrund. Geschrieben mit großer Empathie und dramaturgischem Raffinement. Mehr zum Buch: buch-11980/

Konrad Wolf

Vor vier Jahren haben Antje Vollmer und Hans-Eckhardt Wenzel ein Buch über die Filme von Rainer Werner Fassbinder publiziert, dessen Basis ein Briefwechsel zwischen ihnen war. Jetzt ist in der „Anderen Bibliothek“ ein gemeinsamer Band über Konrad Wolf er-schienen, der von ihnen als „Chronist im Jahrhundert der Extreme“ bezeichnet wird. Leben, kulturpolitisches Wirken und filmisches Werk werden nicht chronologisch beschrie-ben, sondern in thematischen Zusammenhängen. Etwas zu ausufernd wird aus meiner Sicht die Biografie von Konrads Vater Friedrich Wolf ausgebreitet. Hervorragend finde ich die Kapitel „Der Krieg – Ich war Neunzehn“, „Die Zukunft ist weiblich – Frauen in Wolfs Filmen und im Leben“, „Sterne und Prinzen auf dem Weg der Erkenntnis – Der Freund Angel Wagenstein“, „Die Troika“, „Konrad Wolf und seine Lieder“ und „Der Künstler als nackter Mann“. Sehr informativ: die zwei Kapitel über Konrad Wolf als Präsidenten der Akademie der Künste der DDR. Es wurden für das Buch viele Quellen erschlossen und Gespräche geführt, u.a. mit Wolfgang Kohlhaase, Angel Wagenstein, Andrea Wolf (Witwe von Markus Wolf), Gerhard Wolf (Witwer von Christa Wolf, mit Konrad nicht verwandt). Die Filmbeschreibungen sind sehr konkret und reflektiert. Zahlreiche Abbildungen in sehr guter Qualität. Die Filme von Konrad Wolf haben für mich eine große Bedeutung. Sie sind alle auf DVD verfügbar (14-filme-von-konrad-wolf/). Es ist ein Gewinn, sie im Zusammenhang mit diesem Buch wiederzusehen. Mehr zum Buch: Konrad-Wolf::763.html

DER SCHARFSCHÜTZE (1950)

THE GUNFIGHTER erzählt die Geschichte von Jimmy Ringo, einem alt gewordenen Outlaw, der zu Beginn einen jungen Mann in Notwehr erschießt und von dessen Brüdern verfolgt wird. Schauplatz ist dann die Stadt Cayenne. Dort wohnt Ringos Frau, die ihn verlassen hat. Dort amtiert sein alter Freund Mark als Sheriff. Dort gibt es verschiedene Männer, die ihm nach dem Leben trachten. Und natürlich findet am Ende ein Showdown statt. Der Western von Henry King mit Gregory Peck in der Titelrolle hat außerordentliche Qualitäten. Es gibt einen schönen, sehr reflektierten Text von Norbert Grob im Western-Buch von Reclam (2003). Er nennt den Film einen essayistischen Western, „ der gleichzeitig zeigt und überdenkt, der darstellt und erklärt: mit einem Protagonisten, der handelt, wie er zu handeln hat – gleichzeitig aber deutlich macht, wieder und wieder, wie verhasst ihm dies ist. (…) Die Kamera meidet das Schweifen in die Weite. Sie deutet nur an, welcher Raum den Helden umgibt (als Raum des Möglichen), um sich dann zu konzentrieren auf die Enge des Dramas im Zentrum (als Raum des Notwendigen). So thematisiert sie zugleich die Spannung zwischen Aufbruch und Skepsis, zwischen Neubeginn und Resignation.“ (S. 139). Bei Koch Media sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen, den wiederzusehen ein großer Gewinn ist. Mehr zur DVD: der_scharfschuetze_dvd/

ASTRID (2018)

Der Film über die Lehrjahre der Schriftstellerin Astrid Lindgren wurde 2018 bei der Berlinale uraufgeführt. Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen hat das Biopic beeindruckend inszeniert. Wir blicken zurück in die 1920er Jahre. Astrid, streng religiös erzogen, macht ein Volontariat bei der Zeitung in Vimmerby, beginnt ein Verhältnis mit dem Verleger und wird von ihm schwanger. Zur Geburt fährt sie in das liberalere Dänemark und bringt dort ihren Sohn Lasse zur Welt, den sie einer Pflegemutter überlässt. Sie übersteht erfolgreich juristische Auseinandersetzungen, findet eine Anstellung bei der Buchhandelszentrale, will ihren Sohn zu sich nehmen, der jedoch lieber bei seiner Pflegemutter bleibt. Erst als diese erkrankt, wechselt Lasse zu seiner Mutter. Astrid ist inzwischen Sekretärin im Königlichen Automobil-Club, das Leben als alleinerziehende Mutter wird schwierig, aber sie findet immer wieder Verbündete. Am Ende gibt es sogar eine Versöhnung mit ihren konservativen Eltern. Erzählt wird die Lebensphase aus der Sicht der gealterten, erfolgreichen Schriftstellerin. Das funktioniert vor allem in der zweiten Hälfte des Films hervorragend. Alba August in der Titelrolle hat eine starke Ausstrahlung. Bei Universum ist jetzt die DVD des Films erschienen, der nicht nur für Lindgren-Fans sehenswert ist. Mehr zur DVD: portfolio/astrid/

Blattkritik

Eine Masterarbeit, die an der Fachhochschule Kiel entstanden ist. Kira Oster untersucht darin die Formen der Blattkritik in den Printmedien „von der lästigen Pflichtaufgabe zur täglichen Qualitätskontrolle“. Sie hat rund 300 Redakteure und Redakteurinnen regionaler Tageszeitungen befragt und dies in Relation zu Auskünften aus überregionalen Medienunter-nehmen gesetzt. Fünf Interviews mit Experten sind im Anhang abgedruckt. Man erfährt aus dem Buch viel Konkretes über den Alltag in der bundesdeutschen Presse. Für einen zeitungssüchtigen Menschen wie mich eine hochinteressante Lektüre. Mehr zum Buch: blattkritik.html

DER DRITTE MANN

Bert Rebhandl begibt sich mit diesem Buch auf eine Spuren-suche, und es gelingt ihm die Neuentdeckung eines Film-klassikers. Ich zitiere Auszüge der 13 Kapitelbeschreibungen der Inhaltsangabe: „0. Vor-spann. Ein Spaziergang durch Wien, vom Westbahnhof zum Riesenrad. Die Stiftungsgasse 15, Harry Limes Wohnadresse, findet sich im siebten und im ersten Bezirk. 1. Der unsicht-bare Dritte. Im Labyrinth der Anfänge: The Third Man entstand aus vielen ersten Sätzen. 2. Eine andere Welt. Der Produzent Alexander Korda ging von Österreich-Ungarn nach Hollywood und kehrte schließlich nach Europa zurück. In London hatte er die Idee für einen Film in Wien mit dem Thema „Unsichtbare Grenzen“. 3. Dadadada dada. Anton Karas’ Zitherklänge verfolgen The Third Man bis in die Unterwelt. 4. Rote Linie. Während Österreich schon auf einen Staatsvertrag drängte, putschten in der Tschechoslowakei die Kommunisten: Die politische Situation im Jahr 1948. 5. Versteckte Botschaft. Der Schriftsteller Graham Greene und der Regisseur Carol Reed waren die Schöpfer von The Third Man. 6. Schlechte Staatsbürger. Österreicher sind in The Third Man nur Randfiguren. Die heimischen Stars müssen Hausmeister spielen. 7. Ein literarisches Striptease. Der Westernschreiber Holly Martins soll etwas über James Joyce sagen. 8. Die Erfindung der Kuckucksuhr. Orson Welles wurde mit seiner Rolle als Harry Limes unsterblich. 9. Falsche Papiere. In der Zeit, in der The Third Man spielt, herrscht in Wien eine Flüchtlingskrise. 10. Der vierte Mann. Ab wie vielen Mitgliedern wird aus einer Bande eine kriminelle Organisation? 11. Verbotene Jagd. Der Westernschreiber Holly Martins bekommt eine Pistole in die Hand und spielt höhere Gerechtigkeit. 12. Nicht versöhnt. Liebe ist ein Gefühl, das gegen die Weltgeschichte keine Chance hat.“ (S. 5-7). Ein beeindruckendes Buch. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: der-dritte-mann-2

Werner Dütsch

Das Harun-Farocki-Institut ist in Berlin mit Veranstaltungen präsent und beteiligt sich an unterschiedlichen Publikatio-nen. Jüngst erschien ein Heft, das dem im Dezember 2018 verstorbenen Werner Dütsch gewidmet ist. Es hätte eigentlich zu seinem 80. Geburtstag erscheinen sollen. „Aus dem Geburtstagsgruß ist ein Heft zum Andenken an Werner Dütsch geworden.“ (Nachwort). Zu lesen sind drei Texte: eine sehr persönliche Reminiszenz von Werner Dütsch an die WDR-Filmredaktion, geschrieben 2017 für die britische Zeitschrift Critical Studies in Television, ein bisher unveröffentlichter Essay von Dütsch über Harun Farockis Film WIE MAN SIEHT, der 1986 für die Pressematerialien des Films gedacht war, aber nicht verwendet wurde, und Harun Farockis Würdigung des Buches „Lola Montez. Eine Filmgeschichte“ von Martina Müller und Werner Dütsch, die im Januar 2003 auf der Website newfilmkritik publiziert wurde. Eingeheftet ist eine sechsseitige Auswahl-Filmografie und -Bibliografie. Texte auch in englischer Sprache. Mehr zum Heft: lola-montez/