Die Widerständigkeit des Medialen

Eine Habilitationsschrift, die an der Universität Hamburg ent-standen ist. Heinz Hiebler unternimmt „Grenzgänge zwischen Aisthetischem und Diskursivem, Analogem und Digitalem“. Entsprechend hoch ist der theoretische Anspruch. Ausgehend von der Geschichte der Kulturwissenschaften beschreibt der Autor die Schwie-rigkeiten, die Medienwissen-schaften in diesem Umfeld zu positionieren. Er informiert über Einzelmedientheorien zu Film und Hörspiel, unterscheidet bei Künsten und Medien zwischen Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit, reflektiert über Möglichkeiten und Grenzen der Beschreibung von Medien und Realität. Medienanalyse und Medieninterpretation ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Hier ist eine schöne Analyse von Jim Jarmuschs Film DOWN BY LAW zu lesen und am Ende ein bemerkenswerter Text über das Hörspiel „The War of the Worlds“ (1938) von Howard Koch und Orson Welles. Im darauffolgen-den Kapitel erkennt Hiebler einen Paradigmenwechsel in der Medienkulturgeschichte, der am Ende im Kapitel „Medien und Realität“ differenziert beschrieben wird. 450 Seiten, 1.217 Quellenverweise, 17 Abbildungen in guter Qualität, umfangreiches Literaturverzeichnis. Mehr zum Buch: die-widerstaendigkeit-des-medialen

Short Cuts

SHORT CUTS (1993) ist einer-seits ein legendärer Film von Robert Altman, „Short Cuts“ nennt man andererseits das Zerstückeln und Neumontieren von Handlungssträngen in der Literatur, im Spielfilm und in Fernsehserien: ein inzwischen oft angewandtes Erzählver-fahren, das den Zuschauern eine gewisse Mitarbeit abverlangt. Zwölf Texte im vorliegenden Buch, das Moritz Baßler und Martin Nies herausgegeben haben, beschäftigen sich mit diesem Thema, in das Baßler sehr sachkundig einführt und für das Nies in seinem Beitrag die theoretische Basis legt. David Ginnutis entdeckt „Gitterstrukturen“ in Short-Cuts-Texten und in Altmans Film. Stephan Brössel erinnert an Short Cuts in erzählenden Texten in den 1910er und 20er Jahren. Philipp Pabst beschäftigt sich mit Ulrichs Seidls Film HUNDSTAGE, Andreas Blödorn mit Roman von Peer Hultberg. Bei Dominic Büker und Valentijn Vermeer geht es um David Mitchells Erzählungen „Cloud Atlas“, bei Kilian Hauptmann um die Verfilmung von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern. Gudrun Weiland informiert über Textstrategien in Heftromanserien der 20er und 30er Jahre. Keyvan Sarkhosh macht Beobachtungen zum Verhältnis von Erfolg, Staffellaufzeiten und narrativer Dichte in aktuellen Quality-TV-Serien. Von Stefan Tetzlaff stammt ein Beitrag über die Meta-Serie DOCTOR WHO. Anna Lippke und Anna Seidel untersuchen die Seriealisierung des Films TINY FURNITURE und die Popularisierung der Serie GIRLS. Der Band basiert auf den Beiträgen eines Workshops, der an der Universität Münster stattgefunden hat. Mit Abbildungen. Mehr zum Buch: short-cuts-ein-verfahren-zwischen-roman-film-und-serie.html

Kino Arbeit Liebe

Elisabeth Büttner war eine deut-sche Filmwissenschaftlerin, die 2007 Professorin für Film-theorie an der Universität Wien wurde. Zusammen mit Christian Dewald hat sie eine zweibändige Geschichte des österreichischen Films verfasst, die als Standard-werk gilt. EB, wie sie oft genannt wurde, ist im Februar 2016 im Alter von 55 Jahren gestorben. Das Buch „Kino Arbeit Liebe“, herausgegeben von Christian Dewald, Petra Löffler und Marc Ries im Verlag Vorwerk 8, ist eine Hommage an sie. Fünf bisher unveröffentlichte Texte von EB machen deutlich, wie sie gedacht und geschrieben hat: eine Reflexion über HIROSHIMA MON AMOUR (verfasst 1984), Anmerkungen zum Umgang mit Namen bei Cesare Pavese und Cy Twombly (1990), vier Seminareinführungen zu Siegfried Kracauer (2002), ihre Antritts-vorlesung zum Thema „Filmästhetik als Produzent von Geschichtlich-keit“ (2008) und die Dankesrede (gemeinsam mit Christian Dewald) anlässlich der Verleihung des „Victor Adler-Preises“ für die Geschichte des österreichischen Films (2009). 17 Beiträge erinnern oft sehr persönlich an EB, sie stammen von Hans Scheugl, Daniela Hölzl, Dietmar Brehm, Marc Ries, Petra Löffler, Klaus Kreimeier, Rembert Hüser, Ute Holl, Christian Dewald, Andreas Schmiedecker und Viktoria Metschl, Simon Wachsmuth, Hilde Hoffmann, Kathrin Peters, Mathias Pilotek, Isabel Reicher und Lena Stölzl. Fotos spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Ein Werkverzeichnis der Texte von EB schließt den Band ab. Er ist „eine Gebrauchsanweisung für das Sehen und Erleben von Filmen“. Mehr zum Buch: 239&am=6

BARFUSS IN PARIS (2016)

Fiona Gordon ist Kanadierin, sie kooperiert mit dem Belgier Dominique Abel im Tanztheater und im Film. BARFUSS IN PARIS ist ihre vierte gemein-same Kinoregie. Und sie spielen auch die Hauptrollen: Fiona ist eine Bibliothekarin, die aus Kanada nach Paris fliegt, um ihrer alten Tante zu helfen, die man ins Altersheim abschieben will. Dom(inique) kommt als Obdachloser ins Spiel, der hilfreich, aber auch etwas aufdringlich ist. Eine wichtige Rolle spielt Fionas großer roter Rucksack, mit dem sie in die Seine fällt. Ja, dies ist eine Komödie, es gibt viele lustige Szenen, die durchaus Slapstick-Momente haben, und die Filmgeschichte ist mit Buster Keaton und Jaques Tati sehr präsent. Aber in manchen Momenten nerven die Stillstände der Dramaturgie, und man wünscht sich ein anderes Timing. In kleinen Rollen erleben wir noch einmal Emmanuelle Riva (als Tante Martha) und Pierre Richard mit einem Stepptanz im Park. Das Paris in diesem Film muss man auf jeden Fall lieben. Mehr zu DVD: 81&genre=&b=b

Filmdistribution in Deutschland

Eine Masterarbeit, die an der Hochschule der Medien in Stuttgart entstanden ist. Laura Glockseisen beschäftigt sich darin mit der Zukunft des TV-Marktes im Zeitalter der Digita-lisierung am Fallbeispiel Netflix. Nach einer theoretischen Fundierung und der Klärung einiger Grundbegriffe (Film-industrie, Digitalisierung, Filmdistribution) informiert sie kurz über die geschichtliche Entwicklung der Medien, über die Konvergenz der Medien-märkte und die wichtigsten Akteure der Filmindustrie. Ein spezielles Kapitel ist der Filmdistribution in Deutschland gewidmet (Kino, Pay-TV, Free-TV, Video-on-Demand). Der Hauptteil richtet den Blick auf die Videoplattform Netflix, die es seit 1997 gibt. Sie wird sehr differenziert dargestellt. Eine empirische Erhebung mit ausführlichen Interviews von fünf zuvor ausgewählten Experten der deutschen Medienwirtschaft macht die Untersuchung im letzten Kapitel konkret und anschaulich. Mehr zum Buch: product=29672

Jüdisches Berlin

Der Historiker Andreas Na-chama (*1951) und der frühere Intendant der Berliner Fest-spiele Ulrich Eckhardt (*1934) führen uns in diesem Buch durch das Berlin der Zeit vor 1933, zu Orten, Häusern und Plätzen, die von jüdischer Kreativität geprägt waren. Sie porträtieren Künstlerinnen und Künstler, Komponisten, Schrift-stellerinnen und Schriftsteller und Bürgerinnen und Bürger, die in anderen Bereichen tätig waren. Viele von ihnen sind ins Exil gegangen, andere wurden von den Nazis umgebracht. Natürlich wird der Umgang mit diesem Erbe nach Kriegsende kritisiert. Das vorliegende Buch (es ist 1996 anlässlich einer Ausstellung erstmals erschienen und wurde leicht überarbeitet und ergänzt) kann ein wichtiger Begleiter durch unsere Stadt sein, wenn man sich auf die Suche nach der Vergangenheit macht. 28 Kapitel, beginnend rund um die Neue Synagoge, endend in Köpenick. Mit Feuilletons von Hans Knobloch und Fotografien von Elke Nord. Die Filmwelt ist mit Kurt Gerron, Ernst Lubitsch und Billy Wilder etwas unterrepräsentiert. Mehr zum Buch: 766&menu=buecher

Filmpsychoanalyse

Andreas Hamburger (*1954) lehrt Psychoanalyse in Berlin, Kassel und München. Sein grundlegendes Werk über „Das Unbewusste im Kino – das Kino im Unbewussten“, erschienen im Psychosozial-Verlag, hat mich beeindruckt durch die unendlich vielen konkreten Filmbeispiele, die er in seinem Text interpre-tiert. In einem ersten Kapitel „Natural Born Viewers – Zur Psychoanalyse der Spielfilm-erfahrung“ legt er eine theoretische Basis für seine Unternehmung. Im zweiten Kapitel, „Freud in Wonderland – Wege durch den Bilderwald“, werden zunächst die traditionellen psychoanalytischen Zugänge zum Film beschrieben, dann geht es um das szenische Verstehen im Kino und um die einzelnen Schritte der Filmanalyse. Das Hauptkapitel, „Filmpraxis“, richtet den Blick zunächst aufs Genre, hier speziell auf die Komödie und den Agententhriller, widmet sich dann den Elementen der Handlung und der Filmfiguren und untersucht schließlich die Bedeutung der Kamera und des Schnitts. Hier eine Auswahl von Filmen, die der Autor konkret analysiert: BARTON FINK von den Coen-Brüdern und ADAPTATION von Spike Lee (über Drehbuchautoren auf der Leinwand), WITNESS FOR THE PROSECUTION von Billy Wilder (Suspense), DAMAGE von Louis Malle (Figurenspannung), PEEPING TOM von Michael Powell (Macht der Kamera), UNDER THE SKIN von Jonathan Glazer (Farbdramaturgie), RASHOMON von Akira Kurosawa (Parallelfahrten), UN CHIEN ANDALOU von Luis Buñuel und PSYCHO von Alfred Hitchcock (Schnitt), AMOUR von Michael Haneke (Aktivierung des Publikums). Ein letztes Kapitel beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Filmtheorie und Psychoanalyse. Im Mittelpunkt stehen da Film und Traum, Filmmetaphern und Frauen- und Männerbilder im Kino. Lesenswert. Mit Abbildungen, umfangreichem Literaturverzeichnis und drei Registern. Mehr zum Buch: de/2673

Unbekannter Ivens

Der holländische Regisseur Joris Ivens (1898-1989) – „The Flying Dutchman“ – hat in vielen Ländern der Welt politisch engagierte Filme gedreht, die ihn zu einem der bedeutendsten Dokumentaristen des 20. Jahr-hunderts gemacht haben. In den 1950er und 60er Jahren hatte er sehr enge Verbindungen zur DDR, realisierte für die DEFA mehrere Projekte, darunter FREUNDSCHAFT SIEGT (1952), DAS LIED DER STRÖME (1954) und zusammen mit dem Schauspieler Gérard Philippe DIE ABENTEUER DES TILL ULENSPIEGEL (1956). Ab 1956 war Ivens regelmäßiger Gast der Leipziger Dokumentarfilmwoche, er gehörte viele Jahre zum Ehrenpräsidium der Veranstaltung und wurde Namensgeber für einen Preis. 1970 kam es zum Bruch, als sich Ivens von der Sowjetunion abwandte und seine Liebe zum maoistischen China entdeckte. Dort drehte er zusammen mit seiner Frau Marceline Loridan das zwölfteilige Werk WIE YÜ GUNG DIE BERGE VERSETZTE. Günter Jordan, früher selbst für die DEFA als Dokumentarist tätig, inzwischen zum Filmhistoriker geworden, hat jetzt einen umfänglichen Band über Joris Ivens bei der DEFA und in der DDR 1948-1989 publiziert, der den Untertitel „Triumph, Verdammnis, Auferstehung“ trägt. Jordan hat mit Unterstützung der DEFA-Stiftung viele bisher unbekannte Quellen erschlossen. Auf 680 Seiten mit über 2.000 Anmerkungen beschreibt er die Verbindungen von Ivens zur DEFA, zur Leipziger Dokumentarfilm-woche, zur Ost-Berliner Akademie der Künste und zu vielen Personen, mit denen er damals verbunden war. Ein beeindruckendes Buch als Resultat von mehr als fünf Jahren Arbeit. Mehr zum Buch: unbekannterivens.html

Im Februar 1974 war Joris Ivens zu Gast in der DFFB und führte ein siebenstündiges Gespräch mit den Studierenden, das ich als damaliger Studienleiter redaktionell bearbeitet und als dffb-info veröffentlicht habe („Von Joris Ivens lernen“, 100 Seiten). 1998 habe ich zu seinem 100. Geburtstag in Duisburg einen Vortrag über Ivens in der interna-tionalen Filmgeschichtsschreibung gehalten, der später in dem Buch „Poesie und Politik“ publiziert wurde und hier nachzulesen ist: hhprinzler.de/2001/04/356/ . Ich bin Joris Ivens auch in den 80er Jahren mehrfach begegnet und habe ihn sehr bewundert.

Filmfunke – 50 Jahre DFFB

Mit einer kleinen Verspätung ist jetzt eine Publikation zum 50. Geburtstag der DFFB erschie-nen, herausgegeben von Nicolas Wackerbarth und Marcus Sei-bert. Fünfzig Texte versammelt der Band, die meisten stammen von Absolventen der DFFB, aber es gibt auch Gastbeiträge zum Beispiel von Lav Diaz, Helmut Färber, dem derzeitigen Direktor Ben Gibson, Peter Lilienthal, Jeanine Meerapfel, Ulrike Ottinger oder Ulrich Seidl (Rede bei der Diplomverleihung 2016). Ich nenne jetzt zwölf Texte, die mir am besten gefallen haben: „Filme, Wegbegleiter“ (2017) von Thomas Arslan, „Feminismen an der DFFB 1966-1985“ (2015) von Madeleine Bernstoff, „Moderne Bilder“ (1981) von Hartmut Bitomsky, „Du König, Revolutionärer Film – ein Tisch“ (1996) von Gerd Conradt, „Helene Schwarz – Auf eine Friedens-zigarette“ (2015) von Ralph Eue, „Sein Leben einsetzen. Bilder von Holger Meins“ (1998) von Harun Farocki, „Eine Begegnung mit Elia Kazan“ (2017) von Florian Hoffmeister, „Langer Abschied“ (2017) von Christian Petzold, „Der erste Mausklick“ (1996) von Helke Sander, „Semipermeable Scheidewand: Schauspiel – Oper – Film“ (1996) von Einar Schleef, „Rashomon. Erinnerung“ (2017) von Georg Seeßlen, „Gazels Geschichte“ (2017) von Heidi Specogna. Die drei Texte des Jahres 1996 stammen aus dem Jubiläumsbuch „Momente des Lernens“, das Reinhard Hauff zum 30jährigen Bestehen der DFFB herausgegeben hat. Der aktuelle Band ist zweisprachig in Deutsch und Englisch („Film Sparks“) publiziert. Das Titelfoto, mit kleinen artifiziellen Verschie-bungen, stammt aus dem Jahr 1974 und zeigt Studenten und Angestellte bei einer Fernsehübertragung von der Fußball-WM im Hörsaal in der Pommernallee 1. Im Vordergrund sieht man (von links nach rechts) Wolfgang Kroke, Manfred Stelzer, Suzanne Beyeler, Gunter Kestenus und Walter Krieg. Mehr zum Buch: dffb-buchveroeffentlichung/

Vom Premake zum Remake

Eine Dissertation, die an der Universität Tübingen entstan-den ist. Tao Zhang untersucht „Gender-Diskurse und interme-diale Bezüge in den deutschen Verfilmungen der Kinderromane von Erich Kästner“. Die vier Romane gehören wohl noch immer zur Basisliteratur: „Emil und die Detektive“ (1929), „Pünktchen und Anton“ (1931), „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933) und „Das doppelte Lott-chen“ (1949). Natürlich habe ich sie in meiner Jugend gelesen. Und auch seit Anfang der 1950er Jahre alle Verfilmungen gesehen: EMIL UND DIE DETEKTIVE von Gerhard Lamprecht (1931), Robert A. Stemmle (1954) und Franziska Buch (2001), PÜNKTCHEN UND ANTON von Thomas Engel (1953) und Caroline Link (1999), DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER von Kurt Hoffmann (1954), Werner Jacobs (1973) und Tomy Wigand (2003), DAS DOPPELTE LOTTCHEN von Josef von Baky (1950), Joseph Vilsmaier (1994) und Tobias Genkel (2007). Es ist der Autorin hervorragend gelungen, die Veränderungen zu beschreiben, die bei der Darstellung von Mädchen, Jungen und Familien in den Verfilmungen zwischen den 50er, 70er, 90er und 2000er Jahren zu erkennen sind. Auch der frühe Lamprecht-Film spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Manche theoretischen Exkurse sind dem wissenschaftlichen Anspruch einer Dissertation geschuldet, aber ich bin begeistert vom Thema dieses Buches und von den konkreten Erkenntnissen, die es vermittelt. Mit 33 Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: Vom_Premake_zum_Remake/