Spiegelungen

„Spiegel in Filmeinstellun-gen bringen eine veränderte Perspektivität in das Bild. Oft reflektieren sie den Selbst-bezug von Personen der Handlung, in denen angesichts ihres Spiegel-bildes innere Vorgänge stattfinden, die stark betont werden.“ (S. 201). Jörg Becker beschreibt in seiner Passage durch die interna-tionale Filmgeschichte in 33 kleinen Kapiteln Momente, in denen Spiegel im Bild eine Bedeutung haben, beginnend mit SEVEN YEARS BAD LUCK (1916) von Max Linder, endend mit THE PROGRAM (2015) von Stephen Frears. Die Reihenfolge ist weitgehend chronologisch, meist ist es ein Film, auf den sich der Text konzentriert. Zwölf Kapitel haben mir besonders gut gefallen: sie beschäftigen sich mit Murnaus DER LETZTE MANN („Spiegelorte der Identifizierung und Beschämung“), E. A. Duponts VARIETÉ („Triebbilder“), drei Filmen mit Peter Lorre (THE FACE BEHIND THE MASK, DER VERLORENE, M – „Ein Gesicht im Spiegel“), Fritz Langs THE WOMAN IN THE WINDOW („Erwachen als Rettung“), Robert Siodmaks THE DARK MIRROR („Zwillings-Spiegelungen“), Ingmar Bergmans SOMMARLEK („Kunst versus irdisches Glück“), Max Ophüls’ MADAME DE… („Eine Liebesgeschichte als Tanz im Universum der Spiegel“), zwei Filmen von Douglas Sirk (ALL THAT HEAVEN ALLOWS, WRITTEN IN THE WIND – „Aufnahmefiguren mit Spiegeln“), noch einem Film von Douglas Sirk (WRITTEN IN THE WIND – „Spiegel des Schauspiels zwischen Lüge und Wahrheit“), Gerhard Kleins BERLIN UM DIE ECKE („Eine Frage des Charakters“), Jean-Pierre Melvilles LE SAMURAI („Ritual einer Prüfung“), Alexander Kluges DIE PATRIOTIN („Projektion der Einbildungskraft und Einssein im Nebeneinander“) und Christian Petzolds PHÖNIX („Erschrecken beim eigenen Anblick“). Beckers Texte sind exzellent in der Bildbeschreibung. Natürlich ist seine Filmauswahl subjektiv. Mir fehlen zum Beispiel SOLO SUNNY von Konrad Wolf und LOLA von Rainer Werner Fassbinder. Aber jeder hat seine eigenen Erinnerungen, und genau die werden durch so ein Buch aktiviert. Mit (leider nur) sechs Abbildungen. Coverfoto: POLIZEIBERICHT ÜBERFALL (1928). Band 16 der interessanten Buchreihe „Filit“, herausgegeben von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen. Mehr zum Buch: book/detail/915

Harun Farocki

Gestern wurde im Neuen Berliner Kunstverein in der Chausseestraße die Ausstellung „Harun Farocki: Mit anderen Mitteln – By Other Means“ eröffnet. Sie zeigt filminstalla-tive Arbeiten des vor drei Jahren verstorbenen Künstlers, wurde von Marius Babias und Antje Ehmann konzipiert und ist bis zum 28. Januar 2018 zu sehen. Mehr zur Ausstellung: farockiretrospektive.html. Ab morgen findet im Kino Arsenal die erste Retrospektive des filmischen Gesamtwerks von Harun Farocki statt. Mehr als 100 Experimental- und Dokumentarfilme werden in drei Blöcken bis zum 30. November gezeigt; das Programm wird von einer umfangreichen Gesprächsreihe begleitet. Mehr zur Retrospektive: 6814/2796.html. Im Verlag der Buchhandlung König erscheint eine mehrbändige Ausgabe der Schriften von Harun Farocki, beginnend mit dem Fragment seiner Autobiografie: „Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig“. Mehr zum Buch: 1571155. Ich kannte Harun seit 1968, als er mit 17 anderen Studenten von der dffb relegiert wurde und im Institut für Publizistik um Asyl bat, wo ich als Assistent beschäftigt war. Ich habe seinen weiteren künstlerischen Weg aufmerksam verfolgt und mich dafür eingesetzt, dass er 2010 Mitglied der Akademie der Künste wurde. Ich freue mich auf die Ausstellung, die Retrospektive und die Publikationen.

Violence and Open Spaces

Zehn interessante Texte über Gewalt und offene Räume im Westernfilm, ausgehend von Thesen des Soziologen Norbert Elias in seinem Buch „Über den Prozess der Zivilisation“ (1939). Die Herausgeberinnen Christa Buschendorf, Stefanie Mueller und Katja Sarkowsky reflektieren in ihrem Einleitungsessay die Veränderungen des Western-genres. Brigitte Georgi-Findlay beschäftigt sich mit symboli-schen Orten im Western. Bei Wibke Schniedermann geht es um die Dramaturgie in TRUE GRIT von Ethan und Joel Coen, bei Jan D. Kucharzewski um die geografischen Konstellationen in NO COUNTRY FÜR OLD MAN von den Coen-Brüdern. Martin Holtz untersucht zwei Western aus der Zeit nach 9/11: OPEN RANGE von Kevin Costner und SERAPHIM FALLS von David Von Ancken. Miriam Strube befasst sich mit der wachsenden Zahl afroamerikanischer Cowboys im Western. Zwei Beiträge richten den Blick auf DJANGO UNCHAINED von Quentin Tarantino: bei Laura Bieger geht es um die Personen, bei Iris-Aya Laemmerhirt um Gewalt und Schauplätze. Stefanie Mueller informiert über die HBO-Serie DEADWOOD und Julia Leyda schreibt über die Serie BREAKING BAD und ihre Bezüge zum Western. Alle Beiträge in englischer Sprache. Band 277 der Reihe „American Studies“, erschienen im Universitätsverlag Winter. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: Violence_and_Open_Spaces/

Dokumentarfilme von Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich

Die Langzeitbeobachtung BERLIN – ECKE BUNDESPLATZ (1986-2012) ist ihr großes Werk; in neun Filmen haben sie die Veränderung eines Viertels in Berlin Wilmersdorf dokumentiert. Detlef Gumm (* 1947, für den Ton zuständig) und Hans-Georg Ullrich (*1942, hinter der Kamera positioniert) arbeiten seit 1972 zusammen, sie haben in ihrer gemeinsamen Firma „Känguruh Film“ weit über 100 Filme realisiert, in denen wir den Alltag von Menschen erleben, ihnen bei der Arbeit und in der Freizeit zuschauen. Vier ausgewählte Filme kann man jetzt auf zwei DVDs sehen, die mit dem Titel „Berlin Ecke Bundes-republik“ bei Absolut Medien erschienen sind. VOM ÜBERSTEHEN DER STÜRME (1980) ist ein 90-Minuten-Film über einen Kaninchen-züchterverein im Ruhrgebiet, der zeigt, wie sich eine Solidaritäts-gemeinschaft über Jahrzehnte erhalten lässt. 1981 vom ZDF gesendet. FRIEDE FREUDE KATZENJAMMER (1991) dokumentiert die Wendezeit in Magdeburg, begleitet den Inhaber eines Steinmetz- und Denkmalpflegebetriebes über mehrere Wochen, beobachtet die Situation der Belegschaft nach der Privatisierung und ist ein Zeitzeugnis des Umbruchs. Ebenfalls 90 Minuten, gesendet vom ZDF 1992. DER KATALOG (1986) erlaubt einen Blick hinter die Kulissen des Versandhauses Otto und zeigt, wie der auflagenstarke Katalog produziert wurde, über den Hans Magnus Enzensberger einst einen viel beachteten Essay verfasst hat. 45 Minuten, 1987 vom ZDF gesendet. NOCH MAL DAVONGEKOMMEN (1997/98) ist ein Porträt des Stadtführers Uwe Scheddin, der Bildungsbürgern Berlin zeigt und Einblick in seine Stasi-Akte nimmt. 90 Minuten, 1999 vom WDR gesendet. Zum Bonus-Material gehört der Beitrag GESCHICHTEN VOM ALLTAG – HOTELS UND GASTSTÄTTEN (1974), in dem ein Bierkutscher, eine Striptease-Tänzerin, eine Hausdame, ein Oberkellner und eine Würstchenverkäuferin porträtiert werden; 23 Minuten, gesendet vom WDR. Klaudia Wick hat die Filme ausgewählt und das sehr informative Booklet redaktionell betreut. Erschienen in der Reihe „Die großen Dokumentaristen“ und unbedingt zu empfehlen. Mehr zur DVD: Berlin+-+Ecke+Bundesrepublik

Personen beschreiben, Leben erzählen

Georg Stefan Troller (*1921) lebt seit 1949 in Paris, er wurde bekannt mit der ARD-Reihe PARISER JOURNAL in den 60er Jahren und berühmt mit der ZDF-Reihe PERSONEN-BESCHREIBUNG, von der zwischen 1972 und 1993 siebzig Folgen ausgestrahlt wurden. Hans-Dieter Grabe (*1937) war von 1963 bis 2002 Redakteur beim ZDF und hat für den Sender rund sechzig Dokumentarfilme realisiert; es ging bei ihm immer um gesellschaftspolitische Themen. Christian Hißnauer widmet den Fernsehporträts von Troller und Grabe eine 200-Seiten-Publikation, in der die wenigen Gemeinsamkeiten und die vielen Unterschiede ihrer Arbeit beschrieben werden. Der Autor ist mit dem Werk seiner beiden Protagonisten bestens vertraut. Er widmet sich zunächst auf siebzig Seiten dem Leben und den Filmen von Troller, ihren stilistischen Elementen, ihren Themen und ihrer Subjektivität. Dann wird auf hundert Seiten das Werk von Grabe analysiert, die Interviewführung und dramaturgische Gestaltung, die selbstbewusste Reduktion der Mittel, der Weg von der Momentaufnahme zur Langzeitbeobachtung. Im Resümee heißt es: „Während Troller verhört, provoziert und Be- oder Erkenntnisse einfordert, die eine rationale Auseinandersetzung der Protagonisten mit sich selbst erfordern, und dabei zumeist auf kurze und schnelle Fragen bzw. Antworten setzt, geht es Grabe eher darum, dem Zuschauer ein Erlebnis nachvollziehbar zu machen,. Daher setzt er stärker auf eine Affizierung des Publikums (die jedoch nicht in ein unkritisches Mitleiden ausarten soll). Er braucht daher die langen, erzählerischen Antworten, die (emotionalen) Erlebnisberichte seiner Protagonisten.“ (S. 194). Das Buch fügt sich gut in die bereits vorhandene Literatur über Troller und Grabe ein. Mehr zum Buch: book/9783658173166

Erich Pommer

Er war der kreativste und erfolg-reichste deutsche Filmproduzent der 1920er und frühen 30er Jahre, nur mit METROPOLIS erlitt er Schiffbruch, weil sich Fritz Lang nicht an seine zeit-lichen und finanziellen Vor-gaben hielt. 1933 ging er ins Exil, zunächst nach Paris, später war er in Großbritannien und in den USA tätig. 1939 entdeckte er die irische Schauspielerin Maureen O’Hara, die zu einem Star wurde. 1945 kehrte er nach Deutschland zurück, kümmerte sich um den Wiederaufbau der Filmindustrie, engagierte sich im Rahmen der Re-education und produzierte in den 50er Jahren noch vier Filme. In einem schmalen Bändchen der „Jüdischen Miniaturen“ erzählt Wolfgang Jacobsen das Leben von Erich Pommer (1889-1966). Er hat dafür viele neue Quellen erschlossen, darunter den Briefwechsel zwischen Pommer und seiner Ehefrau Gertrud, die oft getrennt lebten und dann intensiv korrespondierten. Die klug gewählten Zitate sind so etwas wie der Kern dieser Publikation. Natürlich ist der Autor mit Erich Pommer bestens vertraut, denn er hat zur Berlinale-Retrospektive 1989 – als der 100. Geburtstag des Produzenten zu feiern war – das erste grundlegende Buch verfasst. Eine traurige Nachricht ist, dass der Sohn John Pommer im Juli 2014 verstorben ist. Mehr zum Buch: erich-pommer.html

Wiedersehen im Wirtschaftswunder

Eine Dissertation, die an der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden ist. Stefanie Mathil-de Frank beschäftigt sich darin mit Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik 1949-1963. In dieser Zeit kamen insgesamt 139 Remakes in die bundesdeut-schen Kinos, die vor allem von der Popularität ihrer Vorgänger-filme profitieren wollten. Die Autorin untersucht in einem historischen Teil (90 Seiten) Remakes in der deutschen Filmgeschichte, ihre Resonanz in der zeitgenössischen Filmpublizistik, die politischen Rahmenbedin-gungen der Produktion (Förderung), Fragen des Urheberrechts und ihre Publikumserfolge. Im systematischen Teil (140 Seiten) gibt es zunächst einen Überblick über die Referenzen der Filme in der Literatur und auf der Bühne, dann werden die einzelnen Remakes in drei Perioden (50-53, 54-56, ab 57) genauer untersucht und schließlich im Überblick unter den Gesichtspunkten Genres, Schauwerte, Filmmusik, Verhand-lung von jüngerer deutscher Geschichte, Inszenierung der Gegenwart und Darstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit bewertet. Ein dritter Teil (120 Seiten) liefert Detailanalysen von drei Vorgängerfilmen und ihren Remakes: FRÜHJAHRSPARADE (1934) von Géza von Bolváry und DIE DEUTSCHMEISTER (1955) von Ernst Marischka mit Verweisen auf den amerikanischen Film SPRING PARADE (1940) von Henry Koster; DER HERRSCHER (1937) von Veit Harlan mit Emil Jannings und VOR SONNENUNTERGANG (1956) von Gottfried Reinhardt mit Hans Albers – nach dem Schauspiel von Gerhart Hauptmann; SCHLOSS HUBERTUS, die Verfilmungen des Romans von Ludwig Ganghofer von Hans Deppe (1934) und Helmut Weiss (1954). Die Analysen sind konkret und genau. Mit 32 kleinen Abbildungen in guter Qualität. Eine beigefügte CD enthält die kommentierte Auflistung deutschsprachiger Remakes und ihrer Vorgängerfilme 1949-1963 von Stefanie Mathilde Frank. Band 4 der Reihe „Cadrage“, die von Ursula von Keitz herausgegeben wird. Coverfoto: AUF WIEDERSEHEN, FRANZISKA (1942). Mehr zum Buch: t-173/1094836/

I AM NOT YOUR NEGRO (2016)

Raoul Peck (*1953) stammt aus Haiti, hat in den späten 1970er Jahren die dffb absolviert, dreht Spiel- und Dokumentarfilme, die immer einen politischen Kern haben. Bei der Berlinale 2017 wurden seine Filme DER JUNGE KARL MARX (mit August Diehl) und I AM NOT YOUR NEGRO gezeigt. Der afroamerikanische Autor James Baldwin (1924-1987) wird in dem Dokumentar-film auf beeindruckende Weise porträ-tiert. Drei Freunde des Schrift-stellers spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, die alle in den 60er Jahren ermordet wurden: Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Baldwin hat ein unvollendetes Manuskript über sie hinterlassen, das im Film von Samuel L. Jackson gelesen wird. Zitiert werden außerdem Briefe, die Baldwin an seinen Agenten Jay Acton geschrieben hat. Mit dieser Textebene korrespon-diert eine Bildebene aus historischem Material des 20. Jahrhunderts, das die Rassendiskriminierung in den USA und die Bürgerrechts-bewegung dagegen dokumentiert. Hinzu kommen Fotos und Videos von Baldwin. Aus der brillanten Montage ist ein bewegender 95-Minuten-Film entstanden, der jetzt in der Edition Salzgeber als DVD erschienen ist. Sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: 150&sortby=DESC

Der Himmel über Westberlin

Er war ein sensibler Zahnarzt, in seiner Praxis am Lehniner Platz hingen beeindruckende Kunstwerke, zu seinen Patien-ten gehörten Schriftsteller, Maler und Regisseure, in seinen Praxisgästebüchern haben sich viele von ihnen verewigt. Jetzt hat Anatol Gotfryd (*1930) seine Autobiografie veröffentlicht. Sein Erinnerungsvermögen ist bewundernswert, beginnend mit seiner Kindheit in dem kleinen ostgalizischen Städtchen Jablonow, in das 1939 die Rote Armee einmarschierte und zwei Jahre später die deutschen Soldaten. Über sein Leben zwischen 1942 und 1945 hat Gotfryd ein eigenes Buch geschrieben, „Der Himmel in den Pfützen“ (2005). Jetzt steht die Zeit ab 1958 im Mittelpunkt, als er mit seiner Frau Danka nach Westberlin kam, zunächst in einer Klinik arbeitete und im Oktober 1962 die Praxis am Kurfürstendamm eröffnete. Ohne Eitelkeit erzählt er von seinen vielen prominenten Patienten, zu denen die Künstler Johannes Grützke, K. H. Hödicke, Markus Lüpertz und Heinz Otterson, die Künstlerinnen Maria Lassnig und Rebecca Horn, die Schriftsteller Günter Grass, Heiner Müller und George Tabori, die Regisseure Peter Stein und Peter Zadek, der Architekt Werner Düttmann und der Boxer Bubi Scholz gehörten. Seine Praxis ist nur einer der vielen Schauplätze, die Stadt Berlin insgesamt ist vor allem mit kulturellen Erlebnissen präsent und zwischendurch wird auch verreist. Eine schöne Geschichte ist seine Vermittlung zwischen drei seiner Patienten bei der Planung der künftigen „Schaubühne am Lehniner Platz“ 1981, zwischen dem Kultursenator Dieter Sauberzweig, dem Theaterdirektor Jürgen Schitthelm und dem Architekten Jürgen Sawade, die sich am Ende über Preisvorstellungen und Gebäudegestaltung einigen konnten. Meine Frau Antje war längere Zeit Patientin bei ihm, ich nur ein Jahr, dann ging er leider in den Ruhestand. Mehr zum Buch: der-himmel-ueber-westberlin.html

Jonas Mekas: Tagebücher 1944-1955

Er ist inzwischen 94 Jahre alt, gilt als Schlüsselfigur des New American Cinema, Filme von ihm sind derzeit auf der „docu-menta 14“ in Kassel zu sehen, und wer etwas mehr über ihn erfahren will, muss unbedingt seine jetzt auch auf Deutsch erschienenen Tagebücher aus den Jahren 1944 bis 1955 lesen: „Ich hatte keinen Ort“, publiziert von Spector Books. Sie beginnen mit der Flucht aus seinem Geburtsland Litauen, dem Aufenthalt in einem Zwangs-arbeitslager der Nazis und dem Wechsel in ein Lager für „displaced persons“, sie handeln von Einsamkeit und Verzweiflung, von Arbeit und Lesen, sie erzählen von seinem Bruder Adolfas und von vielen Personen, denen er in Deutschland und später in New York begegnet ist. Die Auswanderung Ende 1949 nach Amerika machte sein Leben nicht einfacher, denn die damalige Arbeitslosigkeit zwang ihn zu vielen unwürdigen Tätigkeiten, aber er hat seinen eigenen Weg gesucht, konnte sich eine Bolex-Kamera kaufen und begann auf seine Weise zu filmen, dokumentarisch, avantgardistisch. Aber Mekas ist nicht nur ein außergewöhnlicher Filmemacher, sondern auch ein herausragender Schriftsteller, der seine Erfahrungen und Erlebnisse, sein Denken und Fühlen so konkret zu Papier bringen konnte, dass man die 480 Seiten – von Heike Geißler bestens übersetzt – hintereinander liest. Der Text übt einen Sog aus. In Amerika ist das Buch bereits 1991 erschienen. Wunderbar, dass es nun auch eine deutsche Ausgabe gibt. Mehr zum Buch: ich-hatte-keinen-ort