Joel und Ethan Coen

2016.Joel und Ethan CoenIhr jüngster Film, HAIL, CAESAR, lief im vergangenen Jahr zur Eröffnung auf der Berlinale. 18 Filme haben sie bisher zusammen realisiert, sie sind, zusammen mit Jean-Pierre und Luc Dardenne, das kreativ-ste Brüderpaar im Filmbereich. Kein Wunder, dass gern über sie geschrieben wird. Das neueste Buch stammt von der Psycho-analytikerin Mechthild Zeul, hat den Untertitel „Meister der Überraschung und des viel-schichtigen Humors“ und ist kürzlich bei Transcript erschienen. Es beginnt mit einer „Einführung in das Universum der Coen-Brüder“, beschreibt die soziale und politische Situation in den USA, macht Anmerkungen zur Ästhetik der Coen-Filme und gibt eine Orientierung über den psychoanaly-tischen Umgang mit ihren Filmen. Zwölf Coen-Filme werden dann von der Autorin genauer analysiert. Der Inhaltsbeschreibung folgt jeweils eine psychoanalytisch fundierte Interpretation. Dabei spielen Erwartungsverletzungen, die Inszenierung von Humor und die Konfrontation von Bild und Musik eine besondere Rolle. Vor allem für Liebhaber der Coen-Filme ist dies eine lohnenswerte Lektüre. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: joel-und-ethan-coen?c=738

Musik und Medien

2016.Musik und MedienAuf insgesamt sechs Bände ist die Edition der Texte von Peter Weibel angelegt, die im Verlag Hatje Cantz erscheint. Der erste Band über „Architektur und Medien“ wurde im Herbst 2015 publiziert (architektur-und-medien/). Jetzt folgt Band 2: „Musik und Medien“. 31 Texte (mit vielen Fotos) sind hier versammelt, beginnend mit dem Aufsatz „Musik als numerische Sensi-bilität“, erstmals veröffentlicht 1984, überarbeitet 2000, aktualisiert 2016, endend mit den beiden englischen Texten „Digital Synesthesia“ und „Data Music“ (beide 2016). Die Beiträge sind – wie schon im Band 1 – nicht chronologisch geordnet, sie werden durch einen Index erschlossen. Besonders gut hat mir der längste Text gefallen: „Von den visuellen Musik zum Musikvideo“ (1987), der sich auf über 60 Seiten auf sein Thema einlässt. Schön sind auch die Porträts von Meredith Monk („Die Kehle als Klangkörper“, 1983 von Weibel als Ghostwriter für Susanne Widl verfasst), Milan Grygar („Inside the Sound“, 2016) und Ryoji Ikeda („Physik als Musik“, 2014), sowie das Gespräch mit Olga Neuwirth („Die Musik sollte Herrin der Zeit sein“, 2005). Als Leitsatz steht über dem Band das Weibel-Zitat: „Die Musik ist die Mutter aller technologischen Künste“. Mehr zum Buch: 6228-0.html

Gilmore Girls

2016.Gilmore GirlsGILMORE GIRLS war eine amerikanische TV-Serie, die mit großem Erfolg von 2000 bis 2007 in sieben Staffeln mit insgesamt 153 Folgen ausge-strahlt wurde. In Deutschland war sie auf VOX zu sehen. Karla Pauls Büchlein in der Reclam-Serie „100 Seiten“ ist eine dezidierte Liebeserklärung, die gut begründet wird und sich vor allem an die Fans der Serie richtet. Zunächst werden alle Angehörigen der Gilmore-Familie vorgestellt und charakterisiert. Dann geht es um den Schauplatz Stars Hollow und seine Bewohner, bis hin zu Kirk Gleason und seine 61 Jobs, die präzise aufgelistet sind. Wir werden informiert über die Gilmores und die Liebe, über Bücher, Songs und Filme, die in der Serie eine Rolle spielen. Es folgen 42 Zitate aus den inzwischen legendären Dialogen, einige Hinweise für Insider und die schönsten Fehler der Serie. Den Abschluss bilden zwei Kurzinterviews: mit der Genderforscherin Heike Mißler und dem Medienwissenschaftler Herbert Schwaab. Seit November 2016 gibt es eine vierteilige Fortsetzung der Serie. Mehr zum Buch: gilmore_girls

Gangsterwelten

2017.GangsterweltenEine erste Welle von Gangster-filmen entstand um 1930 in den USA, eine zweite in den 1950er Jahren in Frankreich. Im vor-liegenden Band, den Hermann Doetsch und Andreas Mahler herausgegeben haben, geht es um „Faszination und Funktion des Gangsters im französischen Nachkriegskino“. Einem einlei-tenden Text der beiden Heraus-geber folgen acht Essays. An-dreas Mahler reflektiert über die Vereinsamung des Gangsters in der abstrakten Gesellschaft („Vom Patron zum Samourai“). Susanne Dürr schlägt den historischen Bogen zum amerikanischen Gangsterfilm als Vorläufer („Die Paten des film noir“). Bei Hermann Doetsch geht es um den heist-Film und die Technisierung der Lebenswelt in Jules Dassins DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES (aus dem Film stammt auch das Cover-foto). Wolfram Nitsch untersucht Handwerk und Hasardspiel in Melvilles BOB LE FLAMBEUR („Der Gangster als Spieler“). Maria Imhof richtet den Blick auf Topographien des Verbrechens im französischen Gangsterfilm („Zwischenräume“). Jörg Dünne beschäftigt sich mit „Gangstern am Pool“. Wolfgang Lasinger erinnert an den „flic“ als Einzelgänger in POLICE von Maurice Pialat („Zwischen den Fronten“). Dunja Bialas thematisiert Aspekte des französischen Gangsterfilms der 2000er und 2010er Jahre („Von Ex-Bullen, Rechercheuren und Reanimateuren“). Alle Beiträge sind konkret an Filmbeispielen orientiert. Mit Abbildungen und Literaturhinweisen. Es fehlen Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren. Mehr zum Buch: gangsterwelten?c=738

DIE FRAU MIT DER KAMERA (2015)

2016.DVD.Frau mit der KameraDer Film über ihre Freundin, die Fotografin Abisag Tüllmann (1935-1996) war ein Herzens-projekt von Claudia von Alemann. Nach der Kinoauswertung ist er jetzt bei good!movies als DVD erschienen. Mir hat dieses Porträt, das mit einem langsamen Gang durch die Wohnung kurz nach ihrem Tod beginnt und mit dem Foto endet, das wir auf dem DVD-Cover sehen, sehr gut gefallen. Es ist nicht nur der Film über eine große Künstlerin, sondern auch über eine Freundschaft, die diese beiden Frauen über mehr als drei Jahrzehnte verbunden hat. Hunderte von Fotos führen uns zurück in die Konflikte der 1960er und 70er Jahre, beginnend mit der Unterzeichnung des Oberhausener Manifests. Freundinnen und Freunde erzählen von Abisag Tüllmanns Leben und ihrer Arbeit, darunter die Malerin Sigrid Baumann-Senn, die Fotografin Barbara Klemm, der Designer Josef Bar-Pereg, die Produzentin Helma Schleif. Sie war Standfotografin bei den Filmen DIE ALLSEITIG REDUZIERTE PERSÖNLICHKEIT von Helke Sander und DIE REISE NACH LYON von Claudia von Alemann. Ein eigenes Kapitel ist ihren Theaterfotografien gewidmet. Sie war sozial engagiert und hat Obdachlose fotografiert, sie war unterwegs in Algerien, in Rhodesien, in Israel. Sie hat langsam und sehr nachdenklich gesprochen, schnell und meist im entscheiden Moment auf den Auslöser der Kamera gedrückt. Porträts von Künstlerinnen und Künstlern ist ebenfalls ein eigenes Kapitel gewidmet. Am Ende des Films gibt es Ausschnitte aus einem späten Interview, in dem sie sich über Veränderungen in der Fotografie äußert. Beeindruckend! Mehr zur DVD: 81&cid=15588

Stanley Kwan

2017.Stanley KwanEr gehört – wie sein Kollege Wong Kar-wei – zur Second Wave des Hongkong-Kinos, die in den 1980er Jahren mit der Filmarbeit begonnen hat. Sechsmal war er mit einem Film auf der Ber-linale: zuerst mit LOVE UNTO WASTE (1987) im Forum, mit FULL MOON IN NEW YORK (1990) im Panorama und viermal im Wettbewerb: mit den Filmen CENTER STAGE (1992), RED ROSE WHITE ROSE (1995), HOLD YOU TIGHT (1998, ausgezeichnet mit dem Alfred Bauer-Preis und einem Teddy Award) und THE ISLAND TALES (2000). Dem Regisseur Stanley Kwan ist das neue Heft der Film-Konzepte (Nr. 45) gewidmet, das Johannes Rosenstein herausgegeben hat. Er verortet Kwan in seinem Einleitungstext im Hongkong-Kino und richtet dann den Blick auf „(Melo-)Drama und (Homo-)Sexualität“ in seinem Werk. Anna Stecher vergleicht den Film EVERLASTING REGRET (2005) mit der literarischen Vorlage von Wang Anyi. Bei Martin Gieselmann geht es um Raum- und Zeitkonzeptionen in FULL MOON IN NEW YORK und EVERLASTING REGRET. Isabel Wolte untersucht die China-Motive in FULL MOON IN NEW YORK. Tim Trausch reflektiert über den wiederholten Selbstmord in CENTER STAGE. Clemens von Haselberg begibt sich auf die Suche nach Hongkong in LOVE UNTO WASTE. Hendrike Bake analysiert den frühen Kwan-Film ROUGE (1988). Alle Beiträge sind sachkundig und machen auf die Filme neugierig. Das Coverfoto stammt aus dem Film ROUGE. Mehr zum Heft: WJtLKyjzTV4

Wilhelm Roth wird 80

2017.Willi Roth 2Der Autor, Filmkritiker und Redakteur Wilhelm Roth feiert heute seinen 80. Geburtstag. Dazu gratuliere ich ihm herz-lich. Willi, in Regenburg geboren, hat in München studiert, war von 1965 bis 67 Filmredakteur im 3. Fernsehprogramm des WDR, hat dann bis 1973 redaktionell die Zeit-schrift Filmkritik betreut, kam nach Berlin als Mitarbeiter der „Freunde der Deutschen Kinemathek“. 1974 haben wir gemeinsam die Filme von Rainer Werner Fassbinder für den zweiten Band der „Reihe Film“ im Kino der dffb gesehen, er schrieb die Kommentierte Filmografie, ich stellte die Daten zusammen. Es gab zwischen uns immer eine Nähe im filmischen Verständnis (und in der Liebe zum Kriminalroman). 1981 ging er nach Frankfurt als Redakteur des Pressedienstes Kirche und Film, initiierte die Gründung der Zeitschrift epd Film, die er als verantwortlicher Redakteur bis 2002 leitete. Zu seinen großen Verdiensten gehört das Buch „Der Dokumentarfilm seit 1960“, das mein „Filmbuch des Jahres 1982“ wurde (der-dokumentarfilm-seit-1960/ ). Zu seinem Geburtstag hat Willi sich selbst und seinen Freunden eine Publikation geschenkt, „Wilhelm Roth: Film, Theater, Leben“, die vor allem Texte aus den letzten Jahren enthält, in denen er meist aus sehr persönlicher Sicht über Filme, Theater- und Opernaufführungen und Bücher geschrieben hat, u.a. über den bundesdeutschen Film der 50er Jahre, die Leipziger Filmwoche, Klaus Wildenhahn, Max Ophüls, die Schauspielerinnen Ursina Lardi, Dorothee Hartinger und Jennifer Minetti, das Internationale Büchner-Festival in Gießen, den mongolischen Dichter Galsan Tschinag und den amerikanischen Krimiautor Dennis Lehane. Es ist oft das Entlegene, das ihn interessiert und worüber er Texte verfasst hat, die ich zum Teil nicht kannte. Das Foto stammt von Theresa Duck, die das Heft grafisch sehr schön gestaltet hat. Wer Willi gratulieren will und ein persönliches Interesse an der Publikation hat, darf sich bei ihm melden: wilhelmroth@web.de

Helene Schwarz wird 90

2017.Helene 90Sie war viele Jahrzehnte als Assistentin in der Studien-leitung die Seele der Deutschen Film- und Fernsehaka-demie Berlin. Ihre positive Ausstrahlung hat auch in Konfliktzeiten für Ausgleich gesorgt. In ihrem Büro trafen sich Studenten, Absolventen und Dozenten. 2005 drehte Rosa von Praunheim den Dokumentarfilm WER IST HELENE SCHWARZ?. Sie erhielt die Berlinale-Kamera und ist Ehrenmitglied der Deutschen Filmakademie. 1969 gründete sie eine Skatrunde, die sich an jedem Donnerstag zum Spiel trifft. Wer verliert, zahlt in die Kasse, und alle paar Jahre wird daraus der Helene-Schwarz-Preis finanziert: für einen dffb-Film des zweiten Jahrgangs. Ich habe mit Helene zehn Jahre als Studienleiter eng zusammengearbeitet und gehöre seit der Gründung zur Skatrunde. Heute feiert Helene, man kann es kaum glauben, ihren 90. Geburtstag, und ausnahmsweise wird deshalb an einem Montag gespielt. Rosa, ein regelmäßiger Mitspieler, sagt dazu: „Ist das nicht wunderbär?“

ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG (1972)

2017.Acht StundenHeute hat als „Berlinale Special“ in der Volksbühne am Rosa-Luxem-burg-Platz die digitalisierte Fassung von Rainer Werner Fassbinders Serie ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG Premiere. Gezeigt werden die Folgen 1 und 2, morgen die Folgen 3, 4 und 5. Jede Folge dauert zwischen 90 und 100 Minuten. Die Serie musste – 45 Jahre nach ihrer Entstehung – aufwändig restauriert werden, weil das Ausgangsmaterial Schaden genommen hatte. Sie wurde damals als WDR-Produktion in Köln und Mönchengladbach realisiert und war vor allem bei den Zuschauern ein großer Erfolg. Die Hauptrollen spielten Gottfried John, Hanna Schygulla, Luise Ullrich und Werner Finck. Am Montag um 18 Uhr diskutieren im Filmhaus am Potsdamer Platz zunächst Juliane Lorenz, Saskia Walker und Martin Wiebel über die Fassbinder-Serie und anschließend Philipp Leinemann, Hans-Christian Schmid und Jörg Winger über die aktuelle Entwicklung des Serienformats in Deutschland. Moderation: Klaudia Wick. Ab Montag ist die Serie auch täglich von 10 bis 18 Uhr in der Mediathek Fernsehen im Filmhaus zu sehen. Bei Studiocanal sind zeitgleich DVD und Blu-ray erschienen. Mehr zur Blu-ray: acht_stunden_sind_kein_tag-blu-ray

Future imperfect

2017.future imperfectDie Retro-spektive der Berlinale wird wie immer von der Deutschen Kinemathek verantwortet, ihr Thema bezieht sich auf die aktuelle Sonderaus-stellung im Museum für Film und Fernsehen: Science-Fiction-Film. Es werden 27 internationale Spielfilme und zwei Kurzfilme gezeigt, die Vorführungen finden im CinemaxX 8 und im Zeughauskino statt. Die Publikation zur Retrospektive trägt den Titel „future imperfect“ und ist im Verlag Bertz + Fischer erschienen. Das Herausgeber-Trio – Connie Betz, Rainer Rother, Annika Schaefer – führt ins Thema ein. Sherryl Vint informiert über den amerikanischen Science-Fiction-Film seit den 1950er Jahren („Imperfect futures and ominous imaginaries“). Bei Mark Bould geht es um die Dystopie im Science-Fiction-Film („Between the sleep and dream of reason“). Von Tobias Haupts stammt eine kurze Geschichte des deutschen Science-Fiction-Films („The empty sky“). Aidan Power untersucht die europäischen Science-Fiction-Filme der 1960er und 70er Jahre („Modern inclinations“). Matthias Schwarz beschäftigt sich mit dem Science-Fiction-Film im kommunistischen Osteuropa („Archaeologies of a past future“). Der Band erscheint in Kooperation mit dem Museum in Modern Art, alle Texte in englischer Sprache. Sie sind sehr lesenswert und werden von zahlreichen Abbildungen in guter Qualität ergänzt. Das Coverfoto stammt aus dem tschechoslowakischen Film IKARIE XB 1 (1963). Mehr zur Retrospektive retrospektive/index.html und zum Buch: http://www.bertz-fischer.de/futureimperfect.html