Woche der Kritik

Zum fünften Mal findet während der Berlinale die „Woche der Kritik“ statt, die vom Verband der deutschen Filmkritik verantwortet wird. Als künstlerischer Leiter fungiert Frédéric Jaeger. 13 Filme werden im Hackesche Höfe Kino gezeigt, darunter NAKORN-SAWAN von Puangsoi Aksornsawang, FAUSTO von Andrea Bussmann, MAMAN MAMAN MAMAN von Lucia Margarita Bauer, THE GREAT PRETENDER von Nathan Silver, ROI SOLEIL von Albert Serra, MAGIC SKIN von Kostas SamarasTHE AMBASSADOR’S WIFE von Theresa Traore Dahlberg, PRETTY GIRLS DON’T LIE von Jovana Reisinger und AREN’T YOU HAPPY? von Susanne Heinrich. Zum zweiten Mal gibt es eine Publikation zur Veranstaltungsreihe. Im ersten Teil (26 Seiten) geht es um das Thema „Criticism and Curation“, im zweiten Teil (64 Seiten) werden die gezeigten Filme vorgestellt und mit Debatten verbunden, der dritte Teil (70 Seiten) ist dem Regisseur Christoph Schlingensief gewidmet, der zu Beginn der Woche Thema einer kleinen Konferenz war. Die Publikation (teils in deutscher, teils in englischer Sprache) haben Vivien Buchhorn und Frédéric Jaeger konzipiert, sie ist auch in der grafischen Gestaltung (Matthias Neumann, Judith Jakob) sehr originell. Mehr zum Buch: DE/koschke-2/

Berlinale Goes Kiez

Seit zehn Jahren zeigt die Berlinale ausgewählte Filme aus allen Sektionen in wechselnden Bezirkskinos. Diesmal sind dies das Sputnik Kino in Kreuzberg, das Kino Union in Friedrichshagen, das Lichtblick-Kino in Prenzlauer Berg, das b-ware! Ladenkino in Friedrichshain, der Blaue Stern in Pankow, das Odeon in Schöneberg und das City Kino in Wedding. So kann man heute im Lichtblick-Kino den Film WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN von Helke Misselwitz aus der Retrospektive „Selbstbestimmt“ sehen. Eine Sonderveranstaltung mit dem Film SYSTEMSPRENGER von Nora Fingscheidt gibt es am 14. Februar in der JVA Plötzensee. Mehr zu den Kinos: berlinale_goes_kiez_2019/index.html

Berlinale Classics

Sechs Filme werden in dieser Reihe als Weltpremieren der digital restaurierten Fassung gezeigt: DESTRY RIDES AGAIN (USA 1939) von George Marshall mit James Stewart und Marlene Dietrich (Foto), JAGKO (Republik Korea 1980) von Im Kwon-taek, ORDET (Dänemark 1955) von Carl Theodor Dreyer mit Henrik Malberg und Brigitte Federspiel, ADOPTION (Ungarn 1975) von Márta Mészáros mit Katalin Berek, DIE SIEGER (Deutsch-land 1994) von Dominik Graf mit Herbert Knaup und Katja Flint und DIE JUNGEN SÜNDER (Norwegen 1959) von Edith Carlmar mit Liv Ullmann und Atle Merton. Ich kenne nur den norwegischen Film nicht und bin besonders gespannt auf die restaurierte Fassung von DESTRY RIDES AGAIN. Mehr zur Reihe: 48340.html

Hommage Charlotte Rampling

Die Hommage ist in diesem Jahr der Schauspielerin Charlotte Rampling (*1946) gewidmet. Sie erhält den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk. In über 100 Filmen hat sie durch ihre Darstellung beeindruckt. 2006 war sie Jury-Präsidentin der Berlinale. 2011 hat Angelina Maccarone den Porträtfilm THE LOOK über sie realisiert, der auch in der Hommage gezeigt wird. Die zehn anderen Filme sind LA CADUTA DEGLI DEI (1969) von Luchino Visconti, STARDUST MEMORIES (1980) von Woody Allen, THE VERDICT (1982) von Sidney Lumet, MAX MON AMOUR (1986) von Nagisa Oshima, SOUS LE SABLE (2000) und SWIMMING POOL (2003) von François Ozon, VERS LE SUD (2005) von Laurent Cantet, 45 YEARS, für den sie 2015 zusammen mit Tom Courtenay den Silbernen Bären als Beste Darstellerin erhielt, HANNAH (2017) von Andrea Pallaoro, für den sie in Venedig den Coppa Volpi erhielt, und IL PORTIERE DI NOTTE (1974) von Liliana Calvani, der am 14. Februar im Berlinale-Palast zur Überreichung des Goldenen Bären gezeigt wird. Für die Zusammenstellung des Programms ist traditionell die Deutsche Kinemathek verantwortlich. Das 44seitige Programmheft mit einem schönen Porträttext von Gerhard Midding kann man als bescheidene Publikation akzeptieren. Mehr zur Hommage: homage_2019.html

Selbstbestimmt

„Selbstbestimmt – Perspek-tiven von Filmemacherinnen“ ist der Titel der Retrospektive in diesem Jahr. Gezeigt werden Filme von Regisseurinnen aus der Zeit von 1968 bis 1999. 28 Spiel- und Dokumentarfilme und rund 20 kurze und mittellange Filme stehen auf dem Programm. Die Publikation zur Retrospektive, herausgegeben von Connie Betz, Karin Herbst-Meßlinger und Rainer Rother, ist im Verlag Bertz + Fischer erschienen. Das Vorwort des Herausgebertrios informiert über die Auswahlkriterien und die Materialsituation. Zehn Texte richten den Blick auf generelle Themen und einzelne Filme. Bei Gabriele Dietze geht es um Selbstbestimmtheit in Filmen von Frauen in den 1960er- bis 1990er Jahren. Heike Klippel befasst sich mit der Arbeit in Filmen von Frauen 1968 bis 1982. Natalie Lettenewitsch verbindet den filmische Stadtraum mit dem Blick der Flaneurin. Anke Zechner macht Anmerkungen zur Befreiung des Blicks in den Filmen von Frauen. Christine Lang untersucht Dramaturgie und Erzählästhetik in Filmen von Frauen. Fünf Filmemacherinnen äußern sich zu einzelnen Filmen: Sherry Hormann zu ZUR SACHE, SCHÄTZCHEN (1968) von May Spils, Eva Trobisch zu dem DEFA-Film DIE TAUBE AUF DEM DACH (1973/2010) von Iris Gusner, Maren Ade zu dem Dokumentarfilm VON WEGEN ‚SCHICKSAL’ (1979) von Helga Reidemeister, Lisa Miller zu dem Film DIE BLEIERNE ZEIT (1981) von Margarethe von Trotta und Tatjana Turanskyj zu dem Dokumentarfilm VERRIEGELTE ZEIT (1990) von Sibylle Schönemann. Alle Texte sind sehr lesenswert, die Abbildungen gut ausgewählt. Ein beeindruckendes Buch zur Retrospektive! Cover- und Plakatfoto: Helke Sander, eine zentrale Person des Frauenfilms in der Bundesrepublik. Mehr zum Buch: selbstbestimmt.html

Eröffnung der Berlinale

Heute Abend wird die 69. Berlinale mit dem Film THE KINDNESS OF STRANGERS von Lone Scherfig eröffnet. Es ist die letzte Berlinale unter der Leitung von Dieter Kosslick. Im Wettbewerb sind insgesamt 23 Filme zu sehen, davon sechs außer Konkurrenz. Von den 17 Wettbewerbsbeiträgen stammen sieben von Regisseurinnen. Hier sind die zwölf Filme, die ich unbedingt sehen möchte: L’ADIEU À LA NUIT von André Téchiné, AMAZING GRACE von Alan Elliot, ELISA Y MARCELA von Isabel Coixet, DER GOLDENE HANDSCHUH von Fatih Akin, GRACE À DIEU von François Ozon, ICH WAR ZUHAUSE, ABER von Angela Schanelec, THE KINDNESS OF STRANGERS von Lone Scherfig, MR. JONES von Agnieszka Holland, SYSTEMSPRENGER von Nora Fingerscheidt, VARDA PAR AGNÈS von Agnes Varda, VICE von Adam McKay und YI MIAO ZHIONG von Zhang Yimou. Jury-Präsidentin ist in diesem Jahr Juliette Binoche. Zu den Jury-Mitgliedern gehören der Filmkritiker Justin Chang (USA), die Schauspielerin Sandra Hüller (Deutschland), der Regisseur Sebastián Lelio (Chile), der Filmkurator des MoMA Rajendra Roy (USA) und die Schauspielerin Trudie Styler (Großbritannien). Mehr zur Berlinale: HomePage.html

Mickey Mouse

Dies ist das definitive Buch über Walt Disneys Mickey Mouse, die beliebteste und bekannteste Zeichentrickfigur aller Zeiten: das Buch ist 40 cm hoch, 29 cm breit und fast sechs Kilo schwer. Herausgeber der deutschsprachigen Ausgabe ist Daniel Kothenschulte, der 2016 im Taschen Verlag „Das Walt Disney Film Archiv“ ediert hat. Die Texte stammen von dem Filmhistoriker J. B. Kaufman und dem Animationshistoriker David Gerstein. Seit 90 Jahren gibt es die anthropomorphe Mickey Mouse, der frühe Tonfilm STEAMBOAT WILLIE gilt – nach zwei stummen Vorläufern – als realer Geburtstermin. Sie ist männlich (ihre Freundin heißt Minnie), trägt immer Handschuhe, hat nur vier Finger, aber ein erstaunliches Selbstbewusstsein, das ihr dank kreativer Ideen zum Überleben verhilft. Ihre erfolgreichste Zeit auf der Leinwand waren die 1930er Jahre. In 15 Kapiteln erzählt das Buch die Lebensgeschichte der Figur, die in den ersten Jahren eng mit Walt Disney verbunden war, der ihr sogar seine Stimme lieh. Ab 1930 wurde sie auch zur Comicfigur, und das Merchandising brachte Millionen ein. Auf 496 Seiten mit über 1.200 Abbildungen erweist sich der Band als Schatzkammer. Man braucht einen Tisch, um ihn zu öffnen. Dann kann die Zeitreise beginnen. Und weil so ein Buch Chefsache ist, heißt ein Credit auf der Titelseite: „Directed and Produced by Benedikt Taschen“. Mehr zum Buch: 3836552833 oder die_ultimative_chronik.htm

Museumsbesuche in Venedig

Die Tintoretto-Ausstellung an verschiedenen Orten der Stadt ist leider Anfang Januar zu Ende gegangen. Aber es bleiben genügend Alternativen. Zum Beispiel die Modelle im Leonardo da Vinci Museum in der Chiesa di San Barbara. Oder die Gallerie dell’Accademia di Venezia mit Gemälden von Tiepolo, Tintoretto, Tizian. Oder die Ausstellung „From Gesture to Form: Postwar European and American Art from the Schulhof Collection“ in der Peggy Guggenheim Collection. In Verbindung mit den Exponaten der Guggenheim Collection (Kandinsky, Max Ernst, Hans Arp, Piet Mondrian, Barnett Newman, Mark Rothko) ist dies ein Querschnitt durch die moderne Kunst. Das Kontrastprogramm bietet die Ca’Rezzonico (Foto / visitmuve.it ) mit ihrer Schatzkammer italienischer Kunst des 18. Jahrhunderts. Das Gebäude mit dem weitgehend erhaltenen Ballsaal ist ein Traumhaus auf vier Stockwerken. Man kann sich gar nicht sattsehen an den originalen Möbeln, an den Deckendekorationen von Giambattista Tiepolo, an den Gemälden von Canaletto, Francesco Guardi, Pietro Longhi, den Fresken von Antonio Guardi. Und im dritten Stock befindet sich die Pinakothek Martini mit rund 300 Gemälden der wichtigsten Vertreter der venezianischen Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Aus einem Fenster bietet sich einer der schönsten Blicke über die Stadt Venedig, die ich kenne. Den Dogenpalast haben wir diesmal nicht besucht. Wir waren ja hoffentlich nicht zum letzten Mal in dieser Stadt.

Kulturelle Filmförderung jetzt

Morgen Abend findet in der Akademie der Künste am Pariser Platz ein Akademie-Gespräch zum Thema „Kulturelle Filmförderung jetzt statt. Thomas Heise, Direktor der Sektion Film- und Medienkunst, hält ein Impulsreferat. Rüdiger Suchsland diskutiert anschließend mit Feo Aladag (Produzentin, Regisseurin), Claas Danielsen Geschäftsführer der Mitteldeut-schen Filmförderung), Titus Kreyenberg (Produzent), Jeanine Meerapfel (Filmregisseurin und Präsidentin der Akademie der Künste), Mariette Rissenbeek (Geschäftsführerin German Films, demnächst Co-Direktorin der Berlinale) und Andres Veiel (Autor und Regisseur). Mehr zur Veranstaltung: we_objectID=59218

ROMANZE IN VENEDIG (1962)

Es gibt Filme, die nur aus Kli-schees bestehen: im Personal, in den Konflikten, in der Gestal-tung, in der Musik, in den Handlungsorten. ROMANZE IN VENEDIG erzählt die Geschich-te der Tochter eines österreichi-schen Gutsbesitzers, die an ihrem Hochzeitstag erfährt, dass ihr Bräutigam mit einer Magd ein Kind hat. Sie flieht nach Venedig, verliebt sich dort in einen Komponisten, der in Scheidung lebt. Sie missversteht das Treffen des Ehepaares und kehrt – schwanger – nach Österreich zurück. Acht Jahre später gibt es in Salzburg ein Happyend im Konzertsaal. Natürlich sind auch die Dialoge voller Klischees. Vater: „Bist Du glücklich?“. Tochter (Braut): „Ja. Und Du?“ Vater: „Wenn Du es bist, bin ich es auch.“ Aber sie flieht aus genannten Gründen vor der Hochzeit nach Venedig. 35 Minuten des Films spielen dort. Und es sind all die Bilder der Stadt zu sehen (Kamera: Václav Vich), die man aus anderen Venedig-Filmen kennt. Auch die Darsteller/innen sind Klischees ihrer selbst: Ann Smyrner (Tochter des Gutsbesitzers), Walter Reyer (Komponist), Willy Birgel (reicher Gutsbesitzer), Annie Rosar (Gutsverwalterin), Jane Tilden (attraktive Nachbarin), Erwin Strahl (adliger, verarmter Bräutigam). Regie: Eduard von Borsody. Ich kannte diesen Film bisher nicht. Er ist jetzt bei den Filmjuwelen als DVD erschienen. Als Vorbereitung für eine Venedig-Reise nur bedingt geeignet. Mehr zur DVD: B07D58Y2SD