Gebannte Bewegung

2016-gebannte-bewegungEine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Daniel Wiegand nimmt die frühe Zeit des Films zwischen 1900 und 1914 in den Blick, als „Tableaux vivants“ (oder: „lebende Bilder“) auf den Bühnen der großen Varietétheater beliebt waren und Gemälde oder Skulpturen nachgestellt wurden. Das historische Material wird in einer engen Verbindung mit dem Kino der Attraktionen, den Trickfilmen von Georges Méliès und Segundo de Chomón, den frühen Filmburlesken von Pathé und Gaumont gesehen und historisch miteinander verbunden. „Festsetzungen“ und „Kippmomente“ heißen die beiden Hauptkapitel. Es geht zunächst um „Geronnenes Leben und aufgespengtes Bild“, „Erstarrte Wirklichkeit, „Die Attraktion des Schönen im Varieté“ und „Die Attraktion des Schönen im Film“. Eingefügt ist hier der Abschnitt „Gebannte Bewegung“ über die Domestizierung des filmischen Bewegungsbildes in der frühen Filmtheorie von Hermann Häfker, Konrad Lange, Victor O. Freeburg, Béla Balázs und Theodor Heinrich Mayer. Das zweite Kapitel teilt sich in die beiden Bereiche „Das Spiel mit Stillstand und Bewegung“ und „Das Spiel mit der Illusion“. Der Autor verfügt über eine große Begabung bei der Bildbeschreibung. Hilfreich sind für ihn auch die zahlreichen Abbildungen in bester Qualität, wie wir sie von den „Zürcher Filmstudien“ kennen. Dies ist inzwischen Band 36 der Reihe. Mehr zum Buch: frueher-film-in-der-kultur-der-moderne.html

FilmSchreiben

2016-film-schreibenZehn Bände des wunderbaren Film- und Drehbuch-Alma-nachs „Scenario“ hat Jochen Brunow herausgegeben, einen elften wird es wohl nicht mehr geben. Dafür ist mit dem Buch „FilmSchreiben“ die „Edition Scenario“ eröffnet, die natürlich auch im Verlag Bertz + Fischer erscheint. Der erste Band enthält drei Drehbücher unseres Freundes Jochen, die bisher nicht realisiert werden konnten. „African Princess“ erzählt die Geschichte der farbigen Jazzsängerin Nina aus Berlin, die ihre Stimme verliert und sich auf die Suche nach ihrem afrikanischen Vater in Simbabwe macht. „Der Heiler“ handelt vom Erfinder der Homöopathie, Samuel Hahnemann, der sich in hohem Alter in eine französische Malerin verliebt und ihr nach Paris folgt. In „Forever Young“ entdeckt der junge Wissenschaftler Marco Langner das Geheimnis der unbegrenzten Zellteilung und seine familiären Wurzeln auf der Insel Sardinien. Drei Aufbrüche, drei Reisen, drei Menschen auf der Suche nach sich selbst. Weil Jochen sehr bildhaft schreibt und die Filme auf seine Weise im Kopf hat, ist die Lektüre der Drehbücher spannend. Man wünscht ihnen eine Realisierung. Der einleitende Text „Eine andere Art des Schreibens“ von Michael Töteberg beschäftigt sich mit der literarischen Identität des Drehbuchs und dem Filmautor Jochen Brunow. Der beeindruckende Umschlagentwurf stammt von Hauke Sturm. Mehr zum Buch: filmschreiben.html

Filmgeschichte(n) aus dem Ruhrgebiet

2016-jede-menge-kinoJEDE MENGE KOHLE hieß der klassische Ruhrgebiets-film von Adolf Winkelmann. „Jede Menge Kino“ erzählt Film­geschichten aus dem Ruhrgebiet. Der Autor Friedhelm Wessel (*1944) war viele Jahre lang Redakteur in Gelsenkirchen und Bottrop und ist seit knapp zehn Jahren im Ruhestand. Der Verlag Henselowsky Boschmann hat jetzt sein Buch über Filmgeschichten aus dem Ruhrgebiet publiziert: 80 Seiten, zwölf Kapitel und im Anhang eine Chronik der einschlägigen Filme von 1913 bis heute. Es kommen Namen ins Spiel, die mir bisher eher unbekannt waren: die Schauspielerin Tana Schanzara, der Regisseur Peter Thorwarth, der Drehbuchautor Frank Leberecht. Es werden Filme in Erinnerung gerufen, die man fast vergessen hat: LASS JUCKEN, KUMPEL von Franz Marischka, DER PLATZ AN DER HALDE von Herbert Fischer, DOPPELPACK von Matthias Lehmann. Ein eigenes Kapitel ist der „Lichtburg“ in Essen gewidmet, der „schönsten Leinwand der Welt“. Auch die beiden Manta-Filme (MANTA – DER FILM und MANTA MANTA) spielten im Ruhrgebiet. Und der wichtigste Protagonist in diesem Buch ist natürlich Adolf Winkelmann. Ihm sind vier Kapitel gewidmet. Ein schönes Buch über eine Kinoregion. Mit vielen Abbildungen. Mehr zum Buch: jede_menge_kino.html

Kinogeschichten aus Dresden

2016-kinogeschichtenMichael Wüstefeld (*1951) stammt aus Dresden, ist Autor, Kritiker und Lyriker, und wer seine „Kino-geschichten“ liest, erfährt viel über die Jugend eines Filmfans in der DDR, beginnend 1960 im Otto-Buchwitz-Saal in der Dülferstraße mit dem sowjetischen Film TIERFÄNGER, endend 1974 mit dem Bangladesh-Film der Beatles in einem Freilichtkino am Plattensee. Es sind Filme aus Ost und West, an die sich der Autor erstaunlich gut erinnert: DEFA-Filme, Filme aus Polen, Frankreich, Italien, Westdeutschland und den USA. Die 27 Texte sind in der Regel jeweils einem Kino zugeordnet, zum Beispiel dem Faun-Palast, der Schauburg, den Astoria-Lichtspielen, dem Reprisentheater Schillergarten, dem Tagesfilmtheater Ost, der Freilichtbühne Junge Garde oder dem Kulturpalast Dresden. Die abgebildeten Kinokarten und Titelseiten der Progress-Filmprogramme zeugen von der archivarischen Leidenschaft des Autors. Eindrucksvoll sind die Kapitel „Dreh im Schumann-Bau“ (über die Aufnahmen zu dem Film CHRONIK EINES MORDES mit Ulrich Thein und Angelica Domröse), „Dr. Sorge in Gotha“ (über den Besuch des Films WER SIND SIE DR. SORGE? mit seinem Vater bei einer Fahrt nach Gotha), „Ohne Film in Prag“ (aber mit einem Besuch der „Zauberlaterne“), „Meuterei in Berlin“ (über eine Klassenfahrt 1969 und den Film MEUTEREI AUF DER BOUNTY im Filmtheater Kosmos). Besonders gut gefallen haben mir die Erinnerungen an ICH WAR NEUNZEHN von Konrad Wolf, SPARTACUS von Stanley Kubrick, CHEYENNE von John Ford, HIGH NOON von Fred Zinnemann und die Indianerfilme der DEFA. Inspiriert wurde das Buch durch Ilse Aichingers „Film und Verhängnis“ und Jean-Luc Godards Filmessay HISTOIRE(S) DU CINEMA. Das „Nachspiel“ enthält Informationen und Abbildungen der Dresdener Kinos von 1965 bis heute. Mehr zum Buch: php?products_id=581

Kostümbild/Kostümdesign

2016-kostuembildRiccarda Merten-Eicher (*1956) ist freie Kostümbildnerin, sie hat u.a. die Filme WUT (2005) von Züli Aladag, GELIEBTE CLARA (2008) von Helma Sanders-Brahms und CARLOS (2009) von Olivier Assayas ausgestattet. Ihr Buch „Kostümbildner in Film, Fernsehen und Theater“ erschien zunächst 2012 bei Henschel – aber der Bestand verbrannte 2013 in einer Lagerhalle in Naunhof bei Leipzig. Jetzt hat sie bei Schüren eine überarbeitete Fassung publiziert, die man zur Pflichtlektüre für künftige Kostümbildner/innen machen sollte. Auf 168 Seiten werden alle Informationen zum Berufsbild, zur Geschichte, zu notwendigen Kenntnissen und Fähigkeiten, zur Vorbereitung und Realisierung eines Projekts vermittelt. Aufschlussreiche Gespräche mit der Kostümbildnerin Ingrid Zoré, der Regisseurin Helma Sanders-Brahms, dem Schauspieler Miguel Herz-Kestranek, der Damenmaß-schneiderin Regine Borkenhagen und dem Regisseur Klaus Gendries erweitern unser Wissen über diesen Beruf. Konkrete Erfahrungen vermitteln die Berichte über die Arbeit an GELIEBTE CLARA, ABENTEUER IN PANAMA, CARLOS – DER SCHAKAL, DER GROSSE HAMOUDI und verschiedenen Roadmovie-Projekten. Der Anhang enthält nützliche Informationen. Und zahlreiche Abbildungen zeigen ein breites Spektrum von Kostümentwürfen. Mehr zum Buch: kostuembild-kostuemdesign.html

Winter is coming

2016-winter-is-comingGAME OF THRONES ist eine Fernsehserie von HBO, die seit April 2011 ausgestrahlt wird, viele Fans hat und von der Kritik hoch gelobt wird. Es gibt bisher sechs Staffeln, zwei weitere sind in Arbeit. Dann soll Schluss sein. Carolyne Larrington lehrt englische Literatur des Mittel-alters am St. John’s College in Oxford. Ihr Buch „Winter is coming“ – dessen deutsche Ausgabe gerade im Theiss Verlag erschienen ist – setzt eine Kenntnis der GoT-Serie voraus, wenn man die höchst interessanten Vergleiche mit unserem Mittelalter verstehen will. Noch besser ist es, wenn man auch die Romanreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin gelesen hat, was bei mir nicht der Fall ist. In fünf Kapiteln (Das Herz des Landes – Der Norden – Der Westen – Jenseits der Meerenge – Der Osten) untersucht Carolyne Larrington, wie David Benioff und D. B. Weiss, die für GoT verantwortlich sind, Erkenntnisse über Sozialstrukturen, Religion und Rittertum im Mittelalter in die fiktive Welt der sieben Königreiche von Westeros transferiert haben. Weil die Autorin den künftigen Leserinnen und Lesern / Zuschauerinnen und Zuschauern die Spannung nicht nehmen will, kennzeichnet sie mit Silhouetten eines Raben, wo sie Handlungselemente verrät. 40 Abbildungen, meist Werke aus dem Mittelalter, konkretisieren den Text. Ein Register verschafft gezielten Zugriff auf Textpassagen. Nicht nur für Fans der GoT-Serie eine lohnende Lektüre. Mehr zum Buch: wbv/winter-is-coming

MY BAKERY IN BROOKLYN (2016)

2016-dvd-meine-kleine-baeckereiEs ist eine romantische Komödie, die hier erzählt wird: mit überraschenden Wendungen, zeitlichen Sprüngen und manchen Umwegen, die man nicht unbedingt verstehen muss. Natürlich ist die „Boulangerie Isabelle’s“ der Hauptschauplatz: eine hoch verschuldete Bäckerei, deren Besitzerin nach zehn Film-Minuten stirbt. Sie hinterlässt den Laden ihren beiden Nichten Vivien und Chloe, die leider ganz unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft des Geschäfts haben. Das führt zu verbalen und physischen Konfrontationen. Vivien lernt den attraktiven Paul kennen, der sich als Banker entpuppt, Chloe hat ein streitbares Verhältnis mit dem Fernsehkoch Fernando. Und dann gibt es noch ein drittes Paar, Daniella und Ian, das weitgehend außerhalb der Bäckerei agiert. An Nebenfiguren herrscht auch sonst kein Mangel. Brooklyn und Manhattan zeigen sich von ihrer attraktiven Seite, da können schon Erinnerungen an Woody Allen aufkommen. Aber der Regisseur Gustavo Ron lässt seinem Ensemble zu viele Freiheiten, man kann zeitweise von einem Overacting sprechen. Es gibt berührende Momente, aber auch einige peinliche Szenen. Natürlich macht der Blick auf die Backwaren Appetit auf mehr. Auf keinen Fall sollte man den Film, der jetzt bei Alive als DVD erschienen ist, in der deutschen Fassung sehen. Die Synchronisation ist ziemlich nervend. Aber die Originalfassung hat ihren speziellen Charme. Mehr zur DVD: meine-kleine-baeckerei-in-brooklyn/

Bob Dylan

2016-bob-dylanAm Donners-tag wurde bekannt gegeben, dass der amerika-nische Song-poet Bob Dylan in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhält. Eine wunderbare Entscheidung, die nur einigen konservativen Literaturkritikern nicht gefällt. Willi Winkler (in der Süddeutschen Zeitung), Harry Nutt (in der Berliner Zeitung), Rüdiger Schaper (im Tagesspiegel), Andreas Platthaus (in der FAZ) haben Dylan gestern beeindruckend gewürdigt. Ich erinnere mich an viele Konzerte mit ihm. Und er ist – seit 2013 – Mitglied der Sektion „Film- und Medienkunst“ in der Akademie der Künste. Unsere Präsidentin Jeanine Meerapfel hat ihm zum Nobelpreis gratuliert: objectID=56021

Golem

2016-golemIm Jüdischen Museum Berlin ist seit kurzem (und noch bis zum 29. Januar 2017) die Ausstellung „Golem“ zu sehen: sie verbindet in ihren mehr als 250 Exponaten Kunst- und Kulturge-schichte mit Pro-dukten aktueller Kunst. Ein eigener Raum ist den drei deutschen GOLEM-Filmen gewidmet: DER GOLEM (1915), DER GOLEM UND DIE TÄNZERIN (1917) und DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920). Paul Wegener spielte in allen drei Filmen den Golem, jene mythische Figur, die vom Rabbi Löw aus den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft erschaffen wurde, um die Juden in Prag zu schützen. Zu den Künstlern, die der von Emily D. Bilinsky und Martina Lüdicke kuratierten Ausstellung zugearbeitet haben, gehören Joshua Abarbanel, Christian Boltanski, Michael David, Louise Fishman, Stefan Hurtig, Anselm Kiefer, David Musgrave und Joachim Seinfeld. Im Kerber Verlag ist der sehr lesenswerte Katalog erschienen. Der Filmteil hat den Titel „Horror und Magie“ (S. 98-118). Er enthält neben den Abbildungen Texte von Wegener, Karin Harrasser, Cathy S. Gelbin, Helene Wecker, Dietrich Neuhaus, Anna-Carolin Augustin und Cilly Kugelmann. Die bekanntesten Abbildungen stammen aus dem Nachlass Paul Wegener, der als „Sammlung Kai Möller“ im Deutschen Filminstitut in Frankfurt am Main verwahrt wird. Auch das Coverfoto zeigt natürlich Wegener mit seiner helmartigen Frisur und geschlossenen Augen. Mehr zum Buch: golem.html / Im kommenden Jahr dreht im Übrigen Dominik Graf für die CCC einen neuen GOLEM-Film.

Superhelden / Twin Peaks

Eine neue Reihe bei Reclam: „100 Seiten“, beginnend und endend mit der ersten und letzten Textseite. Format: 17 x 11,5 cm, also etwas größer als die gelbe Reihe. Die ersten zehn Bände sind inzwischen erschienen, zwei haben ein Medienthema.

2016-superheldenBei Dietmar Dath geht es um „Superhelden“, also um Batman, Doctor Strange, Fantastic Four, Iron Man, Spider-Man, Super-man, Thor, X-Men, The Vision, Wolverine. Und auch eine Frau ist dabei: Wonder Woman. Wo kommen sie her? Meist aus dem Comic-Bereich. Wohin ent-wickeln sie sich? In den Regel in Richtung Kino oder Fernsehen. Wer hat die Ideen? Wer zeichnet? Wer produziert? Wer vermarktet? Vorab erfahren wir das Wichtigste über die „Schule der Über-menschen“. Dann folgen die beiden Teile „Wie sie wurden, was sie sind“ und „Wer sie sind und was sie können“. Zum Abschluss erklärt uns der Autor noch „Was sie bedeuten und wohin sie streben“. Im Hintergrund tobt der Zweikampf der beiden großen Superhelden-Verlage „DC Comics“ und „Marvel Comics“. Gut geschrieben, spannend zu lesen – und das alles auf 100 Seiten. Auf Seite 101 gibt es noch einige Lektüretipps. Mehr zum Buch: 978-3-15-020420-7

2016-twin-peaksGunther Reinhardt beschäftigt sich mit Twin Peaks, einer scheinbar idyllischen amerika-nischen Kleinstadt, Schauplatz einer amerikanischen TV-Serie aus den Jahren 1990/91. Hier sind es zwölf Kapitel, die uns einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen: Willkommen in Twin Peaks – Die Entstehung von TWIN PEAKS – Die erste TWIN PEAKS-Staffel – Die zweite TWIN PEAKS-Staffel – Der TWIN PEAKS-Spielfilm – Special Agent Cooper und seine Kollegen – Die Einwohner von Twin Peaks – Der Ort Twin Peaks – Die TWIN PEAKS-Ästhetik – Intertextualität und Genremix – Der Hype und der Beginn der Qualitätsserien – Die Rückkehr nach Twin Peaks. Natürlich stehen David Lynch und sein Co-Autor Mark Frost im Mittelpunkt des Textes. Und dessen Lektüre macht große Lust, sich die Serie noch einmal anzuschauen, bevor im kommenden Jahr die neuen Staffeln zu sehen sein werden. Mehr zum Buch: 978-3-15-020421-4