KINO WIEN FILM (2018)

Sechs Jahre lang war Paul Rosdy auf Spurensuche nach den Kinos in Wien. Sein Dokumentarfilm erzählt die Geschichte ausgewählter Lichtspieltheater dieser Stadt. Archivmaterial, Fotos, Plakate machen die Vergangenheit gegenwärtig. Rosdy hat Interviews mit Kinobesitzern, Technikern und dem Publikum geführt. Wir erleben Christian und Herbert Dörfler im Englisch Cinema Haydn, den Kinotechniker Horst Raimann im Projektionsraum des Gartenbau Kinos, Florian Pausch im Eos Kino, das 2004 geschlossen wurde, obwohl es unter Denkmalsschutz steht. Michael Stejskal vom Votiv Kino berichtet vom Multiplex-Bauboom der 1990er Jahre, Peter Kubelka erklärt im Österreichischen Filmmuseum das „Unsichtbare Kino“. Und dem Publikum wird die Frage gestellt „Warum gehe ich ins Kino?“. 97 Minuten dauert der Film, sie vergehen wie im Fluge. In einer Zeit, in der die Kinos geschlossen sind, ist dies ein Werbefilm für die Zukunft. Eher durch Zufall bin ich auf die DVD des Films aufmerksam geworden. Man wünscht sich, es gäbe einen solchen Film über die Kinostadt Berlin. Mehr zum Film: rosdyfilm.com/kinowienfilm/

Klassiker des russischen und sowjetischen Films 2

22 Filme wurden für diesen zweiten Band der „Klassiker des russischen und sowjetischen Films“ ausgewählt, beginnend mit DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) von Michail Kalatozov, endend mit ZARTES ALTER (2000) von Sergej Solov’ev. Die Texte stammen von 22 verschie-denen Autorinnen und Autoren. Sie haben alle ein hohes Niveau und machen Lust, einige Filme noch einmal anzuschauen. Elf Texte haben mir besonders gut gefallen: Barbara Wurm über DIE KRANICHE ZIEHEN, Dominik Graf über EIN MENSCHENSCHICKSAL von Sergej Bondarčuk, Florian Mundhenke über den Dokumentarfilm DER GEWÖHNLICHE FASCHISMUS von Michail Romm, Franziska Thun-Hohenstein über DIE KOMMISSARIN von Aleksandr Askol’dov, Irina Schulzki über LANGE ABSCHIEDE von Kira Muratova, Alexander Markin über ROTER HOLUNDER von Vasilij Šuksin, Torben Philipp über DER AUFSTIEG von Larissa Šepit’ko, Petra Maria Meyer über STALKER von Andrej Tarkovskij, Marcus Stiglegger über KOMM UND SIEH von Elem Klimov, Ulrike Kießling über DIE REUE von Tengiz Abuladze, Matthias Schwartz über DIE TAGE DER FINSTERNIS von Aleksandr Sokurov. Vielleicht hat diese Auswahl auch damit zu tun, dass ich die genannten Filme besonders schätze. Mehr zum Buch: klassiker-des-russischen-und-sowjetischen-films-bd-2.html

Metaphorologie des Kinos

Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin ent-standen ist. Daisuke Yanagiba-schi untersucht darin „Sprach-bilder und Intermedialität im literarischen Kinodiskurs der Klassischen Moderne“. Anders ausgedrückt: welche Metaphern wurden in der Literatur für das neue Medium Film in den ersten Jahrzehnten verwendet? Acht Kapitel strukturieren den Text: 1. Der lebende Schatten als metaphorisches Paradigma. 2. Vom Memento mori zum Antichrist. 3. Der Stellenwert des Regressiven in psychologi-schen Bildtheorien. 4. Das naive Kind vor der Leinwand. 5. Der Kinozuschauer als barbarisches Kind. 6. Ambivalente Transsubstan-tion oder: Kino trinken, Film essen. 7. Von der Kinopest zur Flimmeritis. 8. Die kinematographische Ansteckung des Theaters. Die für die Auswertung wichtigsten Texte stammen von Maxim Gorki, Victor Klemperer, Arnold Höllriegel, Joseph Roth, Friedrich Theodor Vischer, Alfred Döblin, Hanns Heinz Ewers, Kurt Pinthus, Carl Hauptmann, Gottfried Benn, Kurt Tucholsky und Walter Hasenclever. Besonders interessant finde ich den Schlussteil: „Das Kino einverleiben. Zur objektbezogenen Metaphorik des Kinos“ mit den Verweisen auf Alkohol, Gift, Pest und Kinoseuche. Die vorliegende Fachliteratur zur frühen deutschen Filmgeschichte (Thomas Elsaesser, Anton Kaes, Klaus Kreimeier, Corinna Müller, Jörg Schweinitz) wurde vom Autor kenntnisreich einbezogen. Mehr zum Buch: number=978-3-8376-5207-9

Scherbentanz

Chris Kraus, Absolvent der DFFB, hat seinen ersten Roman in den Jahren 2000-02 ge-schrieben, er wurde 2003 von der Frankfurter Verlagsanstalt publiziert. Jetzt ist es in einer überabeiteten Neuauflage im Diogenes Verlag erschienen. Erzählt wird das Psychodrama einer reichen Familie aus der Perspektive des Sohnes Jesko: er ist Modedesigner und an Leukämie erkrankt. Eine Knochenmarkspende könnte ihm helfen. Er wird in die Villa seiner Familie in der Nähe von Mannheim gelockt, wo sein Vater Gebhard Hyronimus von Solm, Zement-Fabrikant, und sein Bruder Ansgar das Sagen haben. Im benachbarten Tantenhaus am Seeufer liegt seine Mutter Käthe blutend und angekettet auf einer Tischtennisplatte. Sie hat versucht, ihren Ex-Mann zu erstechen. Aber sie wird gebraucht: als mögliche Spenderin für den todkranken Jesko. Er hatte seit zwanzig Jahren keinen Kontakt zu ihr. Sie ist inzwischen Alkoholikerin, obdachlos und verrückt. Die Ereignisse der nächsten Tage sind nicht vorhersehbar, es kommen viele ungewöhnliche Personen ins Spiel, Jesko als Erzähler behält mit Mühe den Überblick. Gelegentlich zieht er sich zur Seneca-Lektüre zurück, um etwas zu meditieren. Rückblenden führen uns in die Vergangenheit, in die Schulzeit der Brüder Jesko und Ansgar. Und es gibt noch eine Person im Verborgenen: die uneheliche Tochter von Gebhard, Renate. Auch sie käme als Spenderin in Frage. Es ist eine dramatische Geschichte, die Chris Kraus erzählt, die Spannung wird durch immer neue Wendungen erzeugt, wir glauben auch das Unglaubliche, weil die Sprache bildstark ist und in keinem Moment ermüdend. Kein Wunder, dass Chris seinen Roman schon 2003 verfilmt hat: mit Jürgen Vogel als Jesko, Margit Carstensen als Mutter Käthe, Nadja Uhl, Peter Davor und Andrea Sawatzki. Ein aktuelles Nachwort des Autors informiert über sein Hin und Her nach der Jahrtausendwende zwischen Literatur und Film: eine Autofahrt mit Volker Schlöndorff zu Günter Grass. Mehr zum Buch: scherbentanz-9783257071351.html

Automaten, Androide, Avatare

Sieben Referate, die auf einer Tagung im Juli 2019 in Siegen gehalten worden sind. Die Diskurse handeln von Technik und Lebendigkeit. Sie sind theoretisch auf höchstem Niveau. Christiane Heibach schlägt in ihrem Text „Über Wahrnehmungs-Design“ einen Bogen von Lessing bis in die Gegenwart. Bei Katja Rothe geht es um Körperpsychotherapien und die Praktiken des Lebens. Bernhard J. Dotzler nimmt im Zeitalter der Big Data Stellung zur KI-Debatte im Wieder-holungszwang. Friedrich Weltzien untersucht die Handlungsmacht des Dings als Argument von Kant bis Latour, Daniela Hahn interpretiert zwei serielle Arbeiten der US-amerikanischen Fotografin Jamie Diamond. Wenzel Mracek beschreibt omnipräsente Data Bodies oder artifizielle Existenzen, die sich in unseren virtuellen und realen Räumen bewegen. Der für mich interessanteste Beitrag stammt von Mirjam Schaub: „Der Zombie als Interface“. Ihre Herleitung des „Zombies“, ihr Verweis auf die B-Movie-Qualitäten des Zombie-Films, ihre Freud-Interpretation des „Unheimlichen“, ihre Fragen nach dem Zombie als Symptom oder Menetekel, als ein Fall von Theoriemigration münden in Überlegungen zum Zombie als Reflexionsfigur der Philosophie, zu Sub- statt Trans-Humanität. Mehr zum Buch: titel/tekampe.php

LÉON – DER PROFI (1994)

Léon ist ein Auftragskiller der Italo-Mafia in New York. Kon-takte hat er nur zu seinem Boss Tony. Als in seinem Haus eine Familie von korrupten Polizisten des Drogendezernats ermordet wird, kann er die zwölfjährige Tochter Mathilda retten und in seiner Wohnung verstecken. Sie entdeckt seinen Waffenkoffer und will von ihm als Killerin ausgebildet werden. Dafür bringt sie dem Analphabeten Lesen und Schreiben bei und sorgt für den Haushalt. Ihr Versuch, den Chef des Drogendezernats auf der Polizeiwache umzubringen, schlägt fehl. Sie wird festgenommen, später aber von Léon befreit. Beide sind jetzt im Visier der Polizei, Tony verrät ihre Adresse, die Auswege werden eng. Am Ende ist es Mathilda, die überlebt und auf einer Wiese Léons engste Freundin, eine Aglaonema, auf einer Wiese einpflanzt. Der Thriller von Luc Besson ist exzellent inszeniert und herausragend besetzt: Jean Reno spielt Léon, Gary Oldman den Dezernatschef Stansfield und die damals 13jährige Natalie Portman debütiert als Mathilda in ihrer ersten Filmrolle. Ihre Karriere ist nachzuvollziehen. Hinter der Kamera stand – wie meist bei Besson – Thierry Arbogast, die Musik schrieb Éric Serra. Bei Studio Canal sind jetzt DVD und Blu-ray des Films mit der damaligen Kinofassung und dem Director’s Cut in 4K erschienen. Zu den Extras gehören Interviews mit Jean Reno und Éric Serra. Unbedingt zu empfehlen – als Ersatz für die zurzeit nicht möglichen Kinobesuche. Mehr zur DVD: 1604761448&s=dvd&sr=1-4

Medienkritik

Über die Rolle der Medien wird schon seit längerer Zeit viel diskutiert. Der von Hans-Jürgen Bücher her-ausgegebene Band enthält 19 Textbeiträge zu Theore-tischen Grundlagen (3), Journalismus-Kritik (6), dem kritischen Publikum (4), Medienkritik von Seiten der Wissenschaft (3), Medienkritik und Ideologie (3). Fünf Texte haben mir besonders gut gefallen: „Medienkritik als Gesell-schaftskritik: Skizze eines Analysekonzepts“ (Autorin: Margarete Jäger), „Journalistische Selbstkritik in der Medienproduktion“ (Autor: Daniel Perrin), „Zur Kritik der Online-Nutzung durch Journalisten“ (Eva Gredel), „Journalisten in sozialen Netzwerken“ (Sascha Michel), „Kommentar-foren als Ort der Medienkritik“ (Dennis Kaltwasser), „Medienaneig-nung und Medienkritik auf YOUTube“ (Simon Meier), „Anti-Genderismus, Antifeminismus und Sexismus“ (Franziska Rauchut). Aber auch das Niveau der anderen Beiträge ist hoch. Mehr zum Buch: medienkritik-zwischen-ideologischer-instrumentalisierung-und-kritischer-aufklaerung/

Poetry and Film

Der Band dokumentiert die Beiträge zu einer Konferenz, die im November 2018 in Hitzacker stattgefunden hat. In elf Texten wird das Verhältnis von Lyrik und Film im Werk des irani-schen Regisseurs Abbas Kiaro-stami und des US-amerikani-schen Regisseurs und Schau-spielers Jim Jarmusch thema-tisiert. Mahmoud Hosseini Zad äußert sich zu Kiarostami und der persischen Poesie. Silke von Berdswordt-Wallrabe beschreibt den Lauf der Welt und Lebenslinien in ROADS OF KIAROSTAMI. Christoph Seelinger richtet den Blick auf Poesie und Mobilität in Kiarostamis Film SHIRIN. Bei Diba Farahmand-Razavi geht es um Lyrik in dem Film DER WIND WIRD UNS TRAGEN. Mario Hirstein reflektiert über die Spielformen in DIE LIEBESFÄLSCHER. Martin Bulka vergleicht die frühen Filme von Jim Jarmusch und Wim Wenders: „Intermediality, Interculturalism and Mobility“. Von Timo Brandt stammen Etüden zur Poesie bei Jarmusch. Jan Röhnert macht Anmerkungen zu Bewegung und Poesie bei Kiarostami und Jarmusch. Andreas Kramer formuliert Gedanken zu Poesie und Zirkulation in Jarmuschs PATERSON. Caroline Blinder analysiert diesen Film, Olivier Prossard äußert sich zu Ron Padgetts Gedichten in PATERSON. Ein kurzes Interview mit Padgett beschließt den Band. Mit einem Vorwort der Herausgeber Andreas Kramer und Jan Röhnert. Drei Texte in deutscher, acht in englischer Sprache. Alle sind lesenswert. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: poetry+and+film

Die Filme der Jessica Hausner

Eine Dissertation, die an der Universität Klagenfurt entstan-den ist. Sabrina Gärtner analy-siert darin das Werk der öster-reichischen Filmemacherin Jessica Hausner (*1972), die seit ihrem Spielfilmdebüt LOVELY RITA (2001) international beachtet wird und inzwischen fünf weitere lange Filme realisiert hat, zuletzt LITTLE JOE – GLÜCK IST EIN GESCHÄFT (2019). Hausners Werk wird zunächst Film für Film vorgestellt: Zum Inhalt, Produktion und Filmförderung, Festivals und Auszeichnungen, Verwertung, detaillierte Analyse. In einem „Verortungsversuch“ werden die Filme zunächst der Nouvelle Vague Viennoise zugeordnet und dann mit der Berliner Schule verglichen. „Eine märchenhafte Welt“ heißt ein wunderbares 120-Seiten-Kapitel mit zehn Unterkapiteln zu einzelnen Filmen: „Märchen-hafte Mutterfiguren“ (FLORA), „Rotkäppchens Schwestern“ (INTER-VIEW), „Märchenhafte Eingangs- und Schlussformeln“ (LOVELY RITA), „Räumliche Isolation“ (HOTEL), „Die Wiederholung als charakteristischer Wesenszug“ (TOAST), „Tierische Kommentare“ (RUFUS), „Auf der Suche: Die Märchen-Queste“ (LOURDES), „Von einem märchenhaften Requisit“ (AMOUR FOU), „Der Tanz als märchenhaftes Balzritual“ (OIDA), „Die geheimnisvolle Sprache der Blumen“ (LITTLE JOE). Der Anhang enthält ein Skype-Interview der Autorin mit Jessica Hausner, deren Werk mit diesem Buch eindrucks-voll gewürdigt wird. Mit kleinen Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: die-filme-der-jessica-hausner/

Andreas Dresen

Vor sieben Jahren erschien das erste Andreas Dresen-Porträt von Hans-Dieter Schütt. Auf dem Titelbild machte der Regisseur damals ein ernstes Gesicht: dresen/. Jetzt, beim zweiten Porträt, lacht er. Denn inzwischen hat er drei neue, erfolgreiche Filme gedreht: die Romanverfilmung ALS WIR TRÄUMTEN (2015), den Kinderfilm TIM THALER ODER DAS VERKAUFTE LACHEN (2017) und den biografischen Musikfilm GUNDERMANN (2018). Er gehört inzwischen zu den bekanntesten deutschen Filmregisseuren. Hans-Dieter Schütt hat sein Buch vollständig überarbeitet und neue Gespräche geführt. Das erste beschäftigt sich mit der Corona-Krise und Kollektivität, Gundermann und Geschichtsbildern, Hollywood und Ukulele, Filmkarriere und Verbrüderung in der Arbeit, das sechste handelt von Träumen und dem Nachbau der Welt, Untoten aus dem Osten und dem Richteramt, Glücks Spiel und Lebensrezepturen. Dazwischen erfahren wir viel über Fehlbesetzungen und Spielleitung, Lebenszeit am Schneidetisch, Kunst und Handwerk, Kindheit, Jugend, erste Theatererfahrung, Armee und Angst, Grundlagenstudium und Ideale, reale Verluste und das Rüstzeug fürs Leben – meist verbunden mit konkreten Erzählungen von der Filmarbeit. Das Gedicht des Vaters Adolf „Für den kleinen Andreas“ am Anfang, der Reisebericht von Tokio nach Tblissi über Moskau in der Mitte des Bandes und die sehr persönlichen „Nach-Sätze“ von Laila Stieler und Wolfgang Kohlhaase wurden in die Neuausgabe übernommen. Über das erneuerte Porträt kann Andreas glücklich sein. Mehr zum Buch: andreas-dresen-2.html