Berlin im Glanz der Nacht

Detlef Bluhm leitet den Landesverband Berlin-Brandenburg des Börsen-vereins des Deutschen Buchhandels, er hat bis-her vor allem Bücher über Katzen publiziert und jetzt seinen ersten Bildband veröffentlicht, für den er sich viele Monate nachts durch Berlin bewegt hat, um Straßen, Gebäude, Parks und Sehenswürdigkeiten zu fotografieren. Die Bilder sind menschenleer. Zu sehen sind u.a. Bahnhöfe (S-, U-, Fernbahn), Theater (Theater des Westens, Schaubühne, Deutsches Theater, Volksbühne, Maxim-Gorki-Theater), Bibliotheken, Botschaften, Hotels, Kirchen, Museen (Alte Nationalgalerie, Bauhaus-Archiv, Jüdisches Museum, Museum für Naturkunde, Altes Museum), das Stadion An der alten Försterei, die Mercedes-Benz-Arena, das Olympia-Stadion, der Flughafen Tegel, der Botanische Garten, der Zoologische Garten, das Haus der Kulturen der Welt (starke Beleuchtung!), das Haus des Rundfunks in der Masurenallee, öffentliche Toiletten, der Kotti, die Kant-Garagen, der BahnTower am Potsdamer Platz, die Straße des 17. Juni, die Siegessäule, der Fernsehturm, zwei Buch-handlungen (Schleicher und Marga Schoeller), das Grab von Loriot, der Berghain und ziemlich am Ende auch ein Kino: der Zoo-Palast, rot beleuchtet, das Großplakat wirbt für MISSION: IMPOSSIBLE FALLOUT mit Tom Cruise. Detlefs Gartenhaus in der Fasanenstraße ist einmal im Sommer und einmal im Winter zu sehen. Mit einem Vorwort des Fotografen, zweisprachig deutsch/englisch. Ein tolles Buch, weil man Berlin so sonst nicht zu sehen bekommt. Coverfoto: Berliner Dom. Mehr zum Buch: after-dusk.html

Spielfilme in der Psychotherapie

Weil der Spielfilm eine große Wirkung auf uns hat, ist es naheliegend, dass er in der Psychotherapie eine wichtige Rolle spielen kann. Die öster-reichische Psychotherapeutin Brigitte Fellinger hat dafür einen konkreten Ratgeber publiziert. Auf 14 Seiten legt sie dafür eine filmhistorische Basis. Drei Kapitel sind ihrem zentralen Thema gewidmet: „Spielfilme als Therapeutikum“, „Filmtherapie – eine schulenübergreifende Intervention“ und „Praktische Anwendungsbeispiele der Film-therapie“. 19 Filmbeispiele werden konkret ins Spiel gebracht, darunter DAS NARRENSCHIFF von Stanley Kramer, PAPPA ANTE PORTAS von Loriot, DAS BLAUE VOM HIMMEL von Hans Steinbichler, MEIN FREUND HARVEY von Henry Koster. Sie werden mit einer kurzen Inhaltsangabe, ihrer Eignung für die Filmtherapie und einer Auflistung der Themenbereiche vorgestellt. Zwei Exkurse sind in den Text eingefügt: Lachen und Weinen, Das Tier im Film. Im letzten Kapitel gibt es Leitlinien zu Filmtherapie im Strafvollzug, Filmtherapie zur Behandlung von Spielsucht in der JVA, Filmtherapie im Gefängnis, Filmtherapie in Supervision und Coaching. Die beiden Schlusskapitel informieren über das Zusammenspiel der Interventionsmöglichkeiten und geben Ratschläge für die Gestaltung eines eigenen Films. Die Autorin hat eine beachtliche Fähigkeit, uns an ihrer Arbeit mit Spielfilmen in der Psychotherapie teilhaben zu lassen. Mehr zum Buch: 978-3-497-02794-1/

DAS LUFTSCHIFF (1983) & UNBÄNDIGES SPANIEN (1962)

Zwei ungewöhnliche und wenig bekannte DEFA-Filme auf einer Doppel-DVD in der Reihe „Edi-tion Filmmuseum“. Rainer Simon hat vor allem in den 1980er Jahren viele interessante Filme gedreht, ich erinnere nur an JADUP UND BOEL, DIE FRAU UND DER FREMDE, DIE BESTEIGUNG DES CHIM-BORAZO. Der Roman von Fritz Rudolf Fried war die Vorlage für DAS LUFTSCHIFF. Auf zwei Zeitebenen wird das Leben des besessenen Erfinders Franz Xaver Stannebein erzählt, der von einem Luftschiff mit Schrauben-flügeln träumt, nach Spanien auswandert, in der Nazizeit nach Berlin zurückkehrt, sich auf dubiose Finanzierungspläne einlässt, um seine Erfindung zu realisieren und schließlich in eine Irrenanstalt eingeliefert wird. Auf einer zweiten Zeitebene forscht sein 11jähriger Enkel Chico am Ende des Zweiten Weltkriegs nach dem Verbleib seines Großvaters. Die Verbindung der Zeitebenen macht den Film kompliziert und führt zu experimentellen Momenten, die uns als Zuschauer herausfordern. Die Kameraführung von Roland Dressel ist hervorragend, es gibt eingefügte Zeichnungen von Lutz Dammbeck mit speziellen Kompositionen von Friedrich Goldmann. Die Hauptrolle (Stannebein) spielt Jörg Gudzuhn, in Nebenrollen kann man Johanna Schall, Hermann Beyer, Jürgen Holtz, Kurt Böwe und Friedo Solter sehen. – Kurt und Jeanne Stern haben 1962 den Film SPANISH EARTH von Joris Ivens zum Ausgangspunkt für eine dokumentarische Darstellung des spanischen Bürgerkriegs und die Etablierung des Franco-Regimes gemacht. Der 87-Minuten-Film hat starke Momente, die Musik von Hanns Eisler sorgt für Empathie, man hört die Stimmen von Mathilde Danegger, Hilmar Thate, Manfred Krug, Ekkehard Schall und Norbert Christian. Ein informatives Booklet enthält Texte u.a. von Rainer Simon, Hans-Jörg Rother, Fred Gehler und Jeanne Stern. Mehr zur DVD: Das-Luftschiff—Unb-ndiges-Spanien.html

Lubitsch

Heute wird Nicola Lubitsch, die Tochter von Ernst, 80 Jahre alt. Sie wohnt in Los Angeles, feiert ihren Ehrentag in Engand und freut sich über den weltweiten Ruhm ihres Vaters, der vor 71 Jahren in Los Angeles gestor-ben ist. In diesem Sommer ist bei Columbia University Press ein Buch über Ernst Lubitsch erschienen, auf das ich mit zwei Zitaten aufmerksam machen möchte: „Ernst Lubitsch’s work has never needed reappraisal more than it does today, and McBride is just the writer for the job. As usual, he mobilizes formidable research and passionate sympathy to probe a great director’s many sides. We see Lubitsch the ethnic comedian, the exile, the romantic, the sardonic satirist, the sly provocateur, the moralist, the supremely confident master of technique. Above all, we see an artist who poured into film after film his keen sensitivity to the vagaries of love and his tolerant wisdom about the ways of the world.“ (David Bordwell, University of Wisconsin-Madison). „It’s a wonderful book on a wonderful picturemaker! The work and detail and time put into it – just extraordinary. Superb! A great service to the public, bringing this unique and brilliant director back to the public’s attention. This splendid work does real justice to its subject.“ (Peter Bogdanovich). Der Filmhistoriker Joseph McBride hat Bücher über Frank Capra, Steven Spielberg, John Ford und Orson Welles geschrieben. Ich finde sein Lubitsch-Buch herausragend, und Nicola ist stolz darauf. Cover-Abbildung: TROUBLE IN PARADISE. Mehr zum Buch: dp/0231186444

Filme der 50er

In der Bibliotheca Universalis des Taschen Verlages ist jetzt ein weiterer Dekadenband er-schienen, eine Überarbeitung des großformatigen Bandes von 2005, herausgegeben von Jürgen Müller. 90 Filme werden in Texten und Bildern vorgestellt, beginnend mit THE THING FROM ANOTHER WORLD (1951) endend mit LES YEUX SANS VISAGE (1960). Natürlich kann man über die Auswahl streiten, der amerikanische Film dominiert, Billy Wilder ist mit vier Filmen Spitzenreiter, Hitchcock, Huston und Kazan sind mit jeweils drei Titeln dabei, aber nur ein Film von John Ford (THE SEARCHERS) hat es am Ende geschafft. Immerhin sind Ingmar Bergman und Federico Fellini mit jeweils drei Filmen vertreten. Und ein Film von Yasujiro Ozu: TOKYO MONOGATARI. Drei deutsche Filme wurden berücksichtigt: DER UNTERTAN von Wolfgang Staudte, ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG von Ladislao Vajda und DER TIGER VON ESCHNAPUR von Fritz Lang. Ich vermisse aus Deutschland DIE BRÜCKE von Bernhard Wicki, aus Frankreich À BOUT DE SOUFFLE von Jean-Luc Godard, aus der Sowjetunion WENN DIE KRANICHE ZIEHEN von Michail Kalatosow, aus Indien die APU-Trilogie von Satyajit Ray, aus den USA RIO BRAVO von Howard Hawks. Zu den Autorinnen und Autoren gehören Ulrike Bergfeld, Philipp Bühler, Jörn Hetebrügge, Lars Penning, Burkhard Röwekamp und Matthias Steinle. Ihre Texte sind professionell und pointiert formuliert. Die Abbildungen haben, wie immer bei Taschen, eine hervorragende Qualität. Mit 750 Seiten für 15 € ein preiswertes Buch. Cover-Grafik: Deborah Kerr und Burt Lancaster in FROM HERE TO ETERNITY. Mehr zum Buch: 52889506/ oder filme_der_50er.htm

Werner Schroeter

In der österreichischen Buch-reihe „Filmmuseum/ Synema Publikationen“, die ich beson-ders schätze, ist jetzt ein Band in englischer Sprache über den Regisseur Werner Schroeter (1945-2010) erschienen, her-ausgegeben von Roy Grund-mann. Die Beiträge stammen vorwiegend von einer Konfe-renz, die 2012 in Boston statt-gefunden hat. Mit einem beeindruckenden 50-Seiten-Essay „The Passions of Werner Schroeter“ eröffnet Grundmann das Buch. Gertrud Koch untersucht „Operatic and Filmic Gestures in Werner Schroeter’s Films“. Bei Caryl Flinn geht es um „Werner Schroeter’s Exotic Music and Margins“. Sieben sehr lesenswerte Texte konzentrieren sich auf einzelne Filme. Sie stammen von Marc Siegel (über DER TOD DER MARIA MALIBRAN), Michelle Langford (SALOME), Christine N. Brinckmann (WILLOW SPRINGS), Gerd Gemünden (die beiden Italienfilme NEL REGNO DI NAPOLI und PALERMO ODER WOLFSBURG), Fatima Naqvi (MALINA), Roy Grundmann (POUSSIÈRES D’AMOUR) und Edward Dimendberg (NUIT DE CHIEN). Christine N. Brinckmann und Roy Grundmann haben im Sommer 2016 ein sehr schönes Interview mit der Kamerafrau Elfi Mikesch geführt. Dokumentiert wird schließlich ein Gespräch von Michel Foucault und Werner Schroeter, das 1982 im Goethe-Institut Paris stattfand. Eine gut recherchierte Schroeter-Filmografie von Stefan Drößler und eine Auswahlbibliografie von Frankie Vanaria schließen den Band ab. Mit zahlreichen Abbildungen in guter Qualität. Das Coverfoto stammt aus den 70er Jahren. Mehr zum Buch: 1530003154837

„Vor dem Anfang“ von Burghart Klaußner

Der von mir sehr geschätzte Schauspieler Burghart Klaußner hat einen Roman geschrieben: „Vor dem Anfang“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. Auf 164 Seiten erzählt er eine Ge-schichte, die sich am 23. April 1945 in Berlin ereignet. Die Protagonisten sind der 36jäh-rige Kasinobesitzer Fritz und der 42jährige Schultz, über dessen Beruf wir nicht informiert werden. Beide haben den Krieg überlebt, sitzen auf einer Bank am Flughafen Johannisthal und werden von einem Feldwebel aufgefordert, eine Kasse mit 750 RM zum Luftfahrtministerium in die Stadtmitte zu bringen. Der Transport wird zu einer Überlebens-frage. Auf zwei Fahrrädern durchqueren sie mit vielen Unterbrechun-gen die Stadt, erreichen ihr Ziel, aber dort herrscht das Chaos und im Referat IV gibt es keine Person, der sie die Kasse übergeben können. Auf Seite 65 verschwindet Schultz und Fritz wird zur Hauptfigur. Sein Weg führt nach Wannsee, wo er hofft, auf seiner Segeljacht in Sicherheit zu kommen. Es bedarf vieler Umwege, um das Ziel zu erreichen. Am Ende taucht Schultz wieder auf und raucht mit Fritz eine Friedenszigarette. Die Geschichte wird mit inneren Monologen und vielen Reminiszenzen vor allem aus dem Leben von Fritz erzählt, die Atmosphäre der Zeit finde ich gut beschrieben, die Perspektivwechsel müssen nachvollzogen werden. Erinnerungen an seinen Vater hat Klaußner in der Fritz-Figur personifiziert. Und eine große Bedeutung hat das Segeln. Die Beschreibung einer Sturmnacht auf der Ostsee ist phänomenal. Ich habe den Roman mit großem Interesse gelesen. Mehr zum Buch: 978-3-462-05196-4/

Günter Rohrbach 90

Wenn man, wie Günter Rohrbach, im Saarland zur Welt kommt, in Bonn stu-diert, in Paris lernt, was Filmkunst ist, in Köln öffentlich-rechtlich pro-duziert und in München bei der Bavaria Verantwortung übernimmt, dann geht man mit 65 nicht in den Ruhe-stand, sondern produziert weiter, nimmt am kultu-rellen Leben teil, wird für einige Jahre Präsident der Deutschen Filmakademie und feiert schließlich seinen 90. Geburtstag, an dem sich nicht nur die Branche daran erinnert, wie sich in den Jahrzehnten die Welt, der Film und das Fernsehen verändern haben. Günter Rohrbach hat seinen Anteil daran. Herzlichen Glückwunsch!

Mediale Dispositive

Mit hohem theoretischen An-spruch geht es in diesem Band, der von Ivo Ritzer und Peter W. Schulte herausgegeben wurde, um Dispositiv-Modelle im Medienbereich. In der Begriff-lichkeit geben Jean-Luc Baudry und Michel Foucault die Basis-orientierung. Zu lesen sind eine umfangreiche Einleitung und zwölf Beiträge. Vier Kapitel strukturieren das Buch: „Me-diendispositive und Genre-konfigurationen“, „Dispositive und Rundfunk“, „Transmediale Dispositive“, „Dispositive der Globalisierung“. Fünf Texte haben mir besonders gut gefallen: Vincent Fröhlich beschäftigt sich mit „Serialität & Genre“, reflektiert über die entstehende Endlosigkeit zwei transmedialer Ordnungsschemata und stellt die Serie JUSTIFIED in den Mittelpunkt, die auf einer Figur von Elmore Leonhard basiert. Kathrin Dreckmann befasst sich mit dem „Mediendispositiv ‚Weimarer Rundfunk’“ und erinnert an die Entwick-lung neuer Gattungen und Genres vor dem Hintergrund akustischer Übertragungsprozesse. Sigrun Lehnert sieht die „Kino-Wochenschau als generischen Sonderfall“: von der Reportage bis zum Kabarett. Bei Nadja Gernalzick geht es um „Filmische Autobiographie“ als Auto-medialität zwischen den Medien. Katja Hettich richtet ihren Blick auf „Romance als Genreerfahrung“ und beschreibt sehr anschaulich „Musical Moments“ in STRANGER THAN FICTION von Marc Foster, BEFORE SUNRISE von Richard Linklater und ALLE ANDEREN von Maren Ade. Mehr zum Buch: onepage&q&f=false

DER PRIESTER UND DAS MÄDCHEN (1958)

Heimatfilm, Zölibatsmelodram, Dreiecksgeschichte. Die Haupt-figuren sind der neu in die klei-ne Stadt kommende Priester Walter Hartwig (Rudolf Prack), die nach einem Unfall gelähmte Adligentochter Eva von Gronau (Marianne Hold), ihr Verlobter Stefan von Steinegg (Rudolf Lenz), ihr Vater (Willy Birgel), Stefans Mutter (Winnie Markus). Ort der Handlung: Mariental. Walter bewirkt Positives bei Eva, die langsam wieder laufen lernt, und verliebt sich in sie. Stefan bekommt einen Diplomatenjob in Rom, kehrt aber nach Mariental zurück, als er von seiner Mutter über die Verbindung zwischen Walter und Eva informiert wird. Walter, von Zweifeln geplagt, beantragt beim Bischof seine Versetzung, verlässt Mariental und kehrt nur noch einmal zurück, um Eva und Stefan zu trauen. Man kann von einem prototypischen Fünfziger-Jahre-Film sprechen, den mit Gustav Ucicky ein Routinier inszeniert hat. Es gibt unfassbar klischeehafte Momente. Walter engagiert Eva als Leiterin des zuvor schrecklich klingenden Kinderchors und plötzlich können die Kinder singen. Eva wird ständig von Selbstzweifeln geplagt, Walter schwankt zwischen Zölibat und Liebe zu Eva, Stefan zwischen beruflicher Karriere und Verantwortung für seine Verlobte. Ewald Balser als Bischof sorgt schließlich für Ordnung. Die Musik von Franz Grothe verstärkt die Gefühlslagen, die Kamera von Günther Anders orientiert sich an den Gesichtern der Schauspieler/innen. Im Film-Echo hieß es damals: „Vorwiegend Frauen – die sogenannten reiferen versteht sich – dürften von diesem Film seelisch durchgeschüttelt und ordentlich ergriffen sein.“ Bei Filmjuwelen ist jetzt eine DVD erschienen. Mit einem informativen Booklet von Roland Mörchen. Mehr zur DVD: Der+Priester+und+das+Mädchen