Schurkisch!

2016-schurkischDie Medienwissenschaft-lerin Andrea Freitag reflektiert in ihrem Buch „Über das Böse und das Gute im Film“, vor allem natürlich über das Böse, weil es faszinierender und spannender ist. Die drei Hauptkapitel richten den Blick auf das Böse im animierten Kinder- und Jugendfilm (speziell aus dem Disney-Studio, von SNOW WHITE bis FINDING NEMO), auf die Helden und die Schurken im „Superheldenfilm“ (gemeint sind Filme wie BATMAN, THE DARK KNIGHT oder SPIDERMAN) und auf das Böse im Horrorfilm (FREDDY VS. JASON, SILENCE OF THE LAMBS, NIGHTMARE OF ELM STREET). Es gibt auch historische Hinweise auf DRACULA, FRANKENSTEIN und ROBIN HOOD. Der Text ist sehr sachkundig. Ich vermute, dass es sich um eine Examensarbeit handelt (Bachelor oder Master). Die Abbildungen sind akzeptabel. Mehr zum Buch: schurkisch.html

Frauen und Film

2016-frauen-und-film-67Zwei neue Hefte der Zeitschrift Frauen und Film sind kürzlich erschienen: Nr. 67 zum Thema Migration und Nr. 68 zum Thema Aufbruch. Die Zeit-schrift wurde 1974 von Helke Sander in Berlin gegründet und wechselte 1983 nach Frankfurt am Main. Sie ist inzwischen theoretischer geworden, aber es gibt auch in den neuen Heften sehr unterschiedlich konzipierte Beiträge. Das Heft über Migra-tion hat Nanna Heidenreich redaktionell betreut. Ich nenne einige Beiträge, die mir besonders gut gefallen haben. Zum Beispiel Eva Hohenbergers Essay über Harun Farockis Installation AUFSTELLUNG und ihr kritischer Kommentar zur Definition „politische Kunst“ von Jacques Rancière; das Gespräch zwischen Brigitta Kuster und Angela Melitopoulos über Film und Migration („Denkt euch doch selbst was aus!“); der kulturanthropologische Kommentar von Barbara Wolbert zu Aysun Bademsoys Dokumentarfilm AM RANDE DER STÄDTE; das Interview von Toby Ashraf mit der dffb-Absolventin Sema Poyraz („Macht bloß keine Filme über Migranten“); der Nachruf von Sabine Schöbel auf Vera Chytilowá. Sehr berührt hat mich der Nachruf von Karola Gramann und Heide Schlüpmann auf Rosi S.M. und der Hinweis von Uta Aurand auf den Tod von Maria Lang. Beide kannte ich aus meiner Zeit an der dffb.

Fuf68Cover.inddDas Heft „Aufbruch“ über Regisseurinnen der 60er Jahre dokumentiert die Beiträge zu einer Veranstaltungsreihe, die im Herbst 2015 im Zeughaus-kino stattgefunden hat. Die Redaktion lag bei Borjana Gakovic und Sabine Schöbel. Beeindruckend: die rund zwanzig Essays über die Filme von Vera Chytilová, Nelly Kaplan, Paule Delsol, Agnès Varda, Marguerite Duras, Judi Elek, Márta Mészáros, Ula Stöckl, Mai Zetterling, Nadine Trintignant, Kira Muratova, Muriel Box, Anna Gobi, Lina Wertmüller, Liliana Cavani und Helma Sanders-Brahms. Was für eine kreative Vielfalt, die hier gewürdigt wird! Sabine Schöbel unternimmt in ihrem Einleitungstext eine Kontextualisierung der Film- und Veranstaltungsreihe, Heide Schlüpmann erinnert an die Regisseurinnen der 60er in Frauen und Film der 70er. Es gibt Interviews mit einigen Regisseurinnen, ein Gespräch mit Erika Gregor über Larissa Schepitko, einen Auszug aus der Autobiografie von Lina Wertmüller und den Nachdruck eines Textes von Nelly Kaplan, der schon im Heft 1 von Frauen und Film abgedruckt war: „Die Geschichte unserer Verrücktheiten machen wir!“. Auf dem Coverfoto sehen wir die Regisseurin Paule Delsol und ihre Hauptdarstellerin Jacqueline Vandal bei den Dreharbeiten zu LA DÉRIVE. Mehr zu den Heften: de/buecher_F_726_1/ + de/buecher_F_683_1/

Zwei Western

2016-dvd-blaue-mustangZwei neue Titel in der Reihe „Western Legenden“ von Koch Media. DER BLAUE MUSTANG (im Original BLACK HORSE CANYON, 1954) von Jesse Hibbs erzählt die Geschichte eines wilden Pferdes, dessen Besitzerin Hilfe beim Einfangen des Tieres braucht. Der Cowboy Del Rockwell und sein Adoptivsohn Ti sind erfolgreich beim Suchen in den Bergen und bei der Zähmung. Der eine Star des Films ist der wilde Mustang, gefilmt in Technicolor, der andere Star ist Joel McCrea als Del Rockwell, der in seiner Rolle als Pferdeflüsterer vor allem durch seine Besonnenheit beeindruckt. Natürlich greift auch die Pferde-besitzerin immer wieder ins Geschehen ein, sie heißt Aldis Spain und wird von der attraktiven Mari Blanchard gespielt. Ein Western, in dem wenig geschossen und viel geritten wird. Das Booklet stammt von Steffen Wulf.Mehr zur DVD: western_legenden_42_dvd/

2016-dvd-meute-lauert-ueberallDIE MEUTE LAUERT ÜBER-ALL (im Original RAW EDGE, 1956) von John Sherwood zeigt die Folgen der Schreckens­herr-schaft eines Tyrannen in Oregon, der einen widerstän-digen Farmer umbringen lässt. Dessen Witwe, eine Indianerin, und sein Bruder begeben sich auf den mühseligen Weg der Vergeltung. Die Geschichte nimmt viele Wendungen, sogar ein Indianerstamm wird aktiviert. Und die Ehefrau des Tyrannen – sie wird von der wunderbaren Yvonne De Carlo gespielt – bekommt eine Schlüsselrolle. Zum Helden avanciert Rory Calhoun als Rächer, Mary Corday spielt die indianische Witwe, Herbert Rudley den Schreckensherrscher. Die Farben von Technicolor, digital restauriert, sind wieder beeindruckend. Steffen Wulf spricht im Booklet von einem „versteckten Rohdiamanten unter den Western“. Dem kann man nicht widersprechen. Mehr zur DVD:  + western_legenden_43_dvd/

Cinepassion

Frenzel-Faeh-2556-v03.inddDies ist bereits der dritte Band mit psychoana-lytischen Filmdeutungen, der uns aus Zürich er-reicht, wo es inzwischen den Verein „Cinepassion“ gibt, der regelmäßig Filmvorführungen im Kino veranstaltet, die anschließend psycho-analytisch fundiert werden. Zu lesen sind diesmal zwanzig Texte, die uns kreuz und quer durch die internationale Filmgeschichte führen. Ich greife zwölf Texte heraus, die mich beson-ders interessiert haben. Markus Fäh interpretiert AMERICAN BEAUTY von Sam Mendes als Darstellung neurotischer Triebunterdrückungsversuche und HIGH NOON von Fred Zinnemann als Überwindung des Ödipuskomplexes. Alexander Moser entdeckt die Wurzeln des Bösen in Michael Hanekes DAS WEISSE BAND und die unerfüllten Wünsche in Fassbinders DIE SEHNSUCHT DER VERONIKA VOSS. Yvonne Frenzel Ganz bewegt sich im Spiegelkabinett von Spike Jonzes BEING JOHN MALKOVICH und entlarvt den Antagonist „Kindsmörder“ in Fritz Langs M. Ulrich Bahrke diagnostiziert die „gesunde Paranoia“ in Christian Petzolds BARBARA. Dominique Bondy-Oppermann untersucht Michael Hanekes AMOUR und Ulrich Seidls HUNDSTAGE. Vera Saller deutet die Gewaltrituale in Fatih Akins GEGEN DIE WAND. Alle genannten Autorinnen und Autoren gehen psychoanalytisch vor. Die Brücke zur Filmwissenschaft schlägt Johannes Binotto mit seinen Interpretationen von Howard Hawks’ BRINGING UP BABY und Hayao Miyazakis Animationsfilm TONARI NO TOTORO. Eine interessante Lektüre. In drei Jahren können wir hoffentlich mit einem Folgeband rechnen. Mehr zum Buch: products_id/2556

Film-Stills

2016-film-stillsIn der Albertina in Wien ist zurzeit die Ausstellung „Film-Stills. Fotografien zwischen Werbung, Kunst und Kino“ zu sehen (noch bis 26. Februar). Ab 10. Januar zeigt das Österreichische Film-museum in diesem Zusammenhang fünf Pogramme mit zehn Filmen zum Thema „Die Utopie Film“. Der Kurator der Ausstellung, Walter Moser, hat einen beeindruckenden Katalog herausgegeben, der im Kehrer Verlag erschienen ist. Die fünf sehr lesenswerten Texte stammen von Klaus Albrecht Schröder und Alexander Horwath (Vorwort), Walter Moser („Fotografien zwischen Werbung, Kunst und Kino“), Roland Fischer-Briand („Zu Form und Vertrieb der Filmauswertungsfotografie“), Astrid Mahler („Star- und Glamourfotografie im Österreich der Zwischenkriegszeit“) und Winfried Pauleit („Cindy Sherman und das Kino“). Der Bildteil ist in sechs Kapitel strukturiert: Werbebilder, Kunstbilder, Zwischenbilder, Metabilder, Schlüsselbilder, Autorenbilder – im Text von Moser wird dies erläutert. Zu sehen sind Fotos u.a. von Horst von Harbou (NIBELUNGEN, METROPOLIS, FRAU IM MOND), Karl Struss (MALE AND FEMALE), Frank Powolny (SUNRISE), Hans Nathge (FAUST), Sacha Masour (LE SANG D’UN POÈTE), Georges Pierre (L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD, ALPHAVILLE, PIERROT LE FOU), Sam Shaw (THE SEVEN YEAR ITCH), Pierluigi Praturion (LA DOLCE VITA), André Dino (LES QUATRE CENTS COUPS), Angelo Novi (IL VANGELO SECONDO MATTEO), Mario Tursi (LA CADUTA DEGLI DIE) und natürlich viele Bilder von Fotografinnen und Fotografen, die anonym geblieben sind. Die Qualität der Reproduktionen ist hervorragend. Alle Texte auch in englischer Sprache. Mehr zum Buch: 978-3-86828-752-3.html

Pathenheimer: Filmfotografin

2016-pathenheimerDer Film-fotografin Waltraud Pathenheimer (*1932) ist zurzeit im Brandenbur-gischen Medienzen-trum in Potsdam eine schöne Ausstellung gewidmet (zu sehen noch bis zum 17. Febru-ar). Sie wurde kuratiert von dem Kamera-mann Dieter Chill und der Medienwissenschaftlerin Anna Luise Kiss, die auch im Ch. Links Verlag den Katalog herausgegeben haben. Pathenheimer war die erste Frau, die im DEFA-Studio für Spielfilme als Standfotografin tätig war. Zwischen 1954 und 1990 hat sie am Set von 73 Kinofilmen und sieben Fernsehfilmen fotografiert. Ausstellung und Katalog ordnen die Fotos nicht chronologisch, sondern nach unter-schiedlichen Motiven: In Städten, Kontraste, Klassenfeindschaft und Kalter Krieg, Tanzen, Märchenwelten, Widerstand und Opposition, Arbeit, Küsse, Musik, Krieg, In Landschaften, Kriminalitäten, Paare, Bewegung, Abenteuer und Aktion. Zu den Filmen gehören KÖNIGS-KINDER (Titelfoto links), EINE BERLINER ROMANZE, DER SCHWEIGENDE STERN, NACKT UNTER WÖLFEN, JAHRGANG 45, DAS VERSTECK, BÜRGSCHAFT FÜR EIN JAHR und drei Indianer-filme. Vom Herausgeberduo stammt jeweils ein Essay: „Das Gesicht der Filme“ (Dieter Chill) und „Die Spur der Bilder“ (Anna Luise Kiss). Armin Mueller-Stahl hat das Geleitwort geschrieben. Alle Texte auch in englischer Sprache. Ein wichtiger Beitrag zur DEFA-Geschichte. Mehr zum Buch: 3&titel_nr=928

Peter Beauvais

2016-peter-beauvaisDas Archiv der Akademie der Künste und die Deut-sche Kinemathek geben gemeinsam eine neue Buchreihe heraus: „Fern-sehen, Geschichte, Ästhetik“. Der erste Band ist dem Regisseur Peter Beauvais (1916-1986) gewidmet, also ein Gedenken an seinen 100. Geburtstag. Herausgeber sind Wolfgang Jacobsen für die Deutsche Kinema-thek und Nicky Rittmeyer für das Archiv der Aka-demie der Künste. „Viel-falt als Konzept“ heißt der Untertitel der Publikation, die Leben und Werk von Beauvais auf vorbildliche Weise erschließt. Nach einer „Vorbemerkung“ erinnert Nicky Rittmeyer auf der Basis einer gründlichen Recherche an die Exilstationen von Peter Beauvais von 1936 bis 1953 („Vom Broadway in die Mausefalle“). Rolf Aurich beschäftigt sich mit zwei Kinofilmen von Beauvais, IST MAMA NICHT FABELHAFT? und LIEBE, LUFT UND LAUTER LÜGEN (sie entstanden 1958 und 59). Im Mittelpunkt des Bandes steht der Essay über seine Fernsehspiele und -filme von Wolfgang Jacobsen. Der Autor konnte dafür gut die Hälfte der mehr als 100 Filme sehen und unternimmt den „Versuch einer Inventur“, der er den Titel „Neugier auf Welt. Fantasie als Instanz“ gibt. Die Themen und Formen werden sehr sensibel beschrieben. Ein eigenes Kapitel ist der Opernarbeit von Peter Beauvais gewidmet, die von Julia Glänzel untersucht wird („Erzählen ohne Hintergedanken“). Von Nicky Rittmeyer stammen ein Werkverzeichnis und eine Chronik im Anhang. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Wenn die Buchreihe auf diesem Niveau fortgesetzt wird, ist sie ein großer Gewinn für die Fernsehforschung. Mehr zum Buch: WGD1yCjzTV4

Meine Filme des Jahres

Da der Film für mich nicht nur in Büchern stattfindet, sondern auch im Kino, nenne ich zum Beginn des neuen Jahres die jeweils drei für mich schönsten und wichtigsten deutschen und ausländischen Spielfilme 2016.

2017-toni-erdmannTONI ERD-MANN von Maren Ade steht für mich auf Platz eins bei den deut-schen Filmen. Deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, dass er fünf Europäische Filmpreise in den wichtigsten Kategorien gewonnen hat. Vor allem Sandra Hüller finde ich sensationell gut. Auf Platz zwei sehe ich VOR DER MORGENRÖTE von Maria Schrader, die Exilgeschichte von Stefan Zweig mit Josef Hader. Und auf Platz drei die Verfilmung des Wolfgang Herrndorf-Romans TSCHICK von Fatih Akin mit Tristan Göbel und Anand Batbileg. Bei den ausländischen Filmen sieht die Reihenfolge so aus:

2017-patersonPlatz eins PATERSON von Jim Jarmusch, die Geschichte eines Bus-fahrers, der in seiner Freizeit Gedichte schreibt. Platz zwei THE ASSASSIN von Hou Hsiao-sien, ein Blick zurück ins China des 9. Jahrhunderts und die Lebensgeschichte einer Frau, die in den Martial Arts scheinbar unbesiegbar ist. Platz drei FRANTZ von François Ozon, ein weitgehend in Schwarzweiß realisierter Film, der eine deutsch-französische Beziehungsgeschichte während und nach dem Ersten Weltkrieg erzählt.

Weil der Dokumentarfilm für mich eine große Bedeutung hat, nenne ich hier drei , die mich besonders beeindruckt haben: DIE GETRÄUMTEN von Ruth Beckermann, der auf der Grenzlinie zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm anzusiedeln ist, CHAMISSOS SCHATTEN von Ulrike Ottinger und PETER HANDKE – BIN IM WALD. KANN SEIN, DASS ICH MICH VERSPÄTE von Corinna Belz. Es gab 2016 auch wieder viele Filme, die wir versäumt haben. Im neuen Jahr soll das besser werden…

Filmbuch des Jahres

bildschirmfoto-2016-12-27-um-21-18-07Zwölf Filmbücher des Monats habe ich 2016 auf dieser Seite präsen-tiert. Eines mache ich traditionell zu meinem „Filmbuch des Jahres“. Meine drei Kandidaten sind diesmal „The Pro-mise of Cinema“, eine Textsammlung zur deutschen Filmtheorie 1907-1933, herausgege-ben von Anton Kaes, Nicholas Baer und Michael Cowan, „R. W. Fassbinder. Die Filme. 1966-1982“, ein Bilderbuch über sein Lebenswerk, herausgegeben von Juliane Lorenz und Lothar Schirmer, und „Das Walt Disney Film-archiv. Die Animationsfilme 1921-1968“, herausgegeben von Daniel Kothenschulte. Die Nummer eins ist für mich das Buch „R. W. Fass-binder“, erschienen im Verlag Schirmer/ Mosel. Hier ist meine Würdigung vom Juni 2016: filmbuecher/r-w-fassbinder/ .

Zum Jahresende

2016-schottlandWir wünschen nicht nur unseren Familien

und unseren Freundinnen und Freunden,

sondern vielen Menschen in der Welt

ein gutes, friedliches und gesundes Jahr 2017.

Hans Helmut Prinzler + Antje Goldau

 

(Foto: Antje Peters, Schottland, Highlands, September 2016)