Focus on BLOW-UP

Der Film von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1966 gilt noch immer als Schlüsselwerk zur Wechselbeziehung zwischen Fotografie und Film. In seiner Reihe „Fundus“ widmet ihm der Verlag Philo Fine Arts einen Band, den Michael Diers, Denis Grünemeier und Beat Wyss herausgegeben haben. In zehn lesenswerten Beiträgen geht es um Form und Technik, Werkstatt und Dingwelt, einen Medienvergleich und Reminiszenzen. Sonja M. Schultz reflektiert über Stillstand und Bewegung, Sinn und Skrupel in Antonionis Film. Denis Grünemeier sieht BLOW-UP als Paradigma einer filmischen Malerei mit Licht und Farbe. Mit drei Beiträgen ist Michael Diers im Buch vertreten: sie beschäftigen sich mit dem Fetisch und seinem (Kunst-)Charakter, dem Aufstand der Zeichen im Studio des Fotografen und mit Musik, Tanz und Bild in BLOW-UP. Volker Pantenburg stellt eine Verbindung zwischen Godard und Antonioni im Jahr 1966 her. Martin Seel untersucht gezielt das Verhältnis von Fotografie und Film in BLOW-UP. Gabriele Brandstetter richtet ihren Blick auf die foto-choreographischen Aktionen im Film. Vera Lehndorff („Veruschka“) erinnert sich in einem Gespräch an die Arbeit mit Antonioni, gefolgt von Auszügen aus dem Film DIE ZEIT MIT ANTONIONI von Wim Wenders. Denis Grünemeier hat eine umfangreiche Literaturliste zu BLOW-UP zusammengestellt. Mehr zum Buch: focus-on-blow-up.html

Zur Morphologie und Rezeptionsästhetik des anthropomorphen Bösen im Spielfilm

Eine Dissertation, die an der Universität Bonn entstanden ist. Nadia Hamdi Bek untersucht darin in einem dreistufigen Ver-fahren die Reaktion ausgewähl-ter Versuchspersonen auf amo-ralische Filmfiguren. Auf 75 Seiten wird zunächst der theore-tische Hintergrund geklärt. In der Studie I haben dann 23 Versuchspersonen 30 amora-lische Filmcharaktere ausge-wählt, die in den folgenden Stufen von anderen Versuchs-personen, die sich via Internet beteiligten, auf spezielle Merkmale befragt wurden. Zu den „Bösen“ gehören u.a. Anton Chigurth (gespielt von Javier Bardem) in NO COUNTRY FOR OLD MEN (2005) von Joel & Ethan Coen, „The Butcher“ (gespielt von Daniel Day-Lewis) in GANGS OF NEW YORK (2002) von Martin Scorsese, Frank Booth (gespielt von Dennis Hopper) in BLUE VELVET (1986) von David Lynch, Hannibal Lecter (gespielt von Anthony Hopkins) in THE SILENCE OF THE LAMBS (1991) von Jonathan Demme, Michael Myers (gespielt von Nick Castle) in HALLOWEEN (1978) von John Carpenter, Nurse Ratches (gespielt von Louise Fletcher) in ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST (1975) von Milos Forman, Norman Bates (gespielt von Anthony Perkins) in PSYCHO (1960) von Alfred Hitchcock, „The Joker“ (gespielt von Heath Ledger) in THE DARK KNIGHT (2008) von Christopher Nolan. In der Studie II wurden die Versuchspersonen zu den Merkmalen Moral, Realismus und Attraktivität befragt. In der Studie III geht es um Involvement, Distanz, Appreciation und Faszinationspotential. Das ist, dem Anspruch einer Dissertation folgend, sehr theoretisch und für mich nicht immer zu verstehen. Ohne Abbildungen aus Filmen, mit zahlreichen Tabellen und Pfaddiagrammen. Mehr zum Buch: /365824979X

Filmische Raumkonstruktion und Inszenierung städtischen Raums

Eine Masterarbeit, die an der Universität Basel entstanden ist. Jacqueline Maurer analysiert darin die Figurenkonstellation von Michelangelo Antonionis Film L’ECLISSE (1962) in Innen- und Außenräumen. Der Film beginnt mit der Trennung der Übersetzerin Vittoria (Monica Vitti) von ihrem langjährigen Freund Riccardo (Francisco Rabal). Sie lernt den jungen Börsenmakler Piero (Alain Delon) kennen, beginnt eine Beziehung zu ihm, die aber keine Zukunft hat. Eine wichtige Rolle in Antonionis Film spielt das römische Quartier EUR, das Anfang der 40er Jahre zur geplanten Weltausstellung erbaut, aber erst in den 50er Jahren vollendet wurde. Die zum Teil monumentale Architektur hat starke bildliche Wirkungen, die von der Autorin präzise beschrieben werden. Hinter der Kamera stand damals Gianni di Venanzo. 492 Quellenverweise wirken für ein 150-Seiten-Buch etwas übertrieben. Die Analysen sind von Abbildungen in akzeptabler Qualität begleitet. Mehr zum Buch: staedtischen-raums.html

Cannes

Heute wird mit dem Film THE DEAD DON’T DIE von Jim Jarmusch das 72. Film-festival in Cannes eröffnet. Es dauert bis 25. Mai. Auf dem Programm stehen viele neue Filme berühmter Regisseure und vier Filme von Regisseurinnen. Zu sehen sind u.a. DOLOR Y GLORIA von Pedro Almodóvar, IL TRADITORE von Marco Bellocchio, AHMED von den Brüdern Dardenne, MATTHIAS ET MAXIME von Xavier Dolan, LITTLE JOE von Jessica Hausner, MEKTOUB, MY LOVE: INTERMEZZO von Abdellatif Kechiche, SORRY, WE MISSED YOU von Ken Loach, A HIDDEN LIFE von Terrence Malick, FRANKIE von Ira Sachs, ONCE UPON A TIME…IN HOLLYWOOD von Quentin Tarantino, SIBYL von Justine Triet. Jury-Präsident ist der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu. Alain Delon wird mit einer Ehrenpalme ausgezeichnet. Das Plakat erinnert an die jüngst verstorbene Regisseurin Agnès Varda – es zeigt sie auf dem Rücken eines Technikers bei den Dreharbeiten zu LA POINTE COURTE 1954. Mehr zum Festival: www.festival-cannes.com/en/

DAS ZWEITE GLEIS (1962)

Ein DEFA-Film, der sich mit der deutschen Vergangenheit in der NS-Zeit beschäftigt. Ungewöhn-lich: Schauplatz ist die DDR. Auf einem Güterbahnhof passiert ein Diebstahl, der Fahrdienstleiter Brock lässt einen der Täter, er heißt Runge, davonkommen, denn er hat ihm gegenüber einmal schuldhaft versagt: während des Zweiten Weltkriegs hat Brocks Frau einen jüdischen Flüchtling versteckt. Runge hat den Flüchtling erschossen und Brocks Frau der Gestapo ausgeliefert. Brock hat sich damals nicht dagegen gewehrt. Brocks Tochter Vera und der junge Schlosser Frank, ein Kumpel von Runge, stellen Nachforschungen zum damaligen Tatbestand an. Frank wird am Ende von Runge umgebracht, Brock befreit sich durch ein Geständnis von der alten Schuld. Der Schwarzweiß-Film (Regie: Joachim Kunert, Kamera: Rolf Sohre) hat erstaunliche formale Stärken, die Schauspieler Albert Hetterle (Brock), Annekathrin Bürger (Vera), Host Jonischkan (Frank), Walter Richter-Reinick (Runge) und Helga Göring (Frau Runge) sind beeindruckend. Ein ungewöhnlicher Film, der jetzt bei Icestorm als DVD erschienen ist. Mehr zur DVD: das-zweite-gleis.html

DER TRAFIKANT (2018)

Die Schlüsselfigur dieses histo-rischen Filmdramas ist der Wiener Tabakwarenhändler Otto Trsnjek, Kriegsinvalide aus dem Ersten Weltkrieg, zu dessen Stammkunden der 82jährige Sigmund Freud gehört. Haupt-figur ist der 17jährige Franz Huchel, der beim Trafikanten in die Lehre geht, sich in die böh-mische Varietétänzerin Anezka verliebt und psychologische Beratung bei Freud sucht. Nach der Annektion Österreichs durch Nazi-Deutschland geht die Freud-Familie ins Exil nach London. Trsnjek wird von einem benachbarter Fleischhändler bei der Gestapo denunziert, sein Laden demoliert, er selbst verhaftet. Später wird Franz informiert, dass sein Chef an einem Herzinfarkt gestorben sei. In einem symbolischen Akt installiert er eine Hose des Trafikanten wie eine Flagge vor dem Gestapo-Hauptquartier. Am nächsten Morgen wird er verhaftet. Anezka findet am Ende am Fenster des geschlossenen Geschäfts eine Botschaft von Franz. – Die Verfilmung des Romans von Robert Seethaler durch Nikolaus Leytner ist nicht wirklich geglückt, zu viele Szenen wirken kulissenhaft, aber die Besetzung mit Simon Morzé als Franz, Bruno Ganz (in seiner vorletzten Rolle) als Sigmund Freud, Emma Drogunova als Anezka, Johannes Krisch als Otto Trsnjek und Karoline Eichhorn als Anna Freud ist überzeugend und führt zu vielen beeindruckenden Momenten. Bei Tobis ist jetzt eine DVD des Films erschienen. Mit 40 Minuten interessantem Bonusmaterial. Mehr zur DVD: film/der-trafikant

Lana Gogoberidse

Die georgische Regisseurin – sie ist im vergangenen Jahr 90 Jahre alt geworden – hat eine wunderbare Autobiografie geschrieben, die jetzt im Mitteldeutschen Verlag auf Deutsch erschienen ist. Unter dem Titel „Ich trank Gift wie kacheti-schen Wein“ erzählt sie auf 500 Seiten ihre Lebensgeschichte, die reich an traurigen und schönen Ereignissen ist. Ich nenne neun Kapitel, die mir besonders gut gefallen haben: „Das seltsame Leben in der Sowjetunion, mit Kinderaugen gesehen“, „Georgische Heiterkeit als Antwort auf den Terror“, „Moskau, WGIK, Gerassimov und andere Begegnungen“ (über ihre Ausbildung an der Filmhoch-schule), „Das Leben im Kino, Zensur, Verbote…Und meine ersten Filme“, „Italien 1974. Aufzeichnungen“ (Begegnungen mit Fellini, Antonioni, Zavattini), „In der Heimat von Tagore, Begegnung mit Sayajit Ray“, „Filmfestivals: Berlin, Cannes, Tokio, Rio de Janeiro“ (sie war 1984 Mitglied der Berlinale-Jury), „Europarat oder Georgiens großes europäisches Abenteuer“ (sie hielt 1999 anlässlich der Aufnahme Georgiens in den Europarat eine beeindruckende Rede, die hier dokumentiert ist), „Abschied vom deutschen Leser“. Natürlich sind auch ihren vier wichtigsten Filmen eigene Kapitel gewidmet, die unbedingt lesenswert sind: ALS DIE MANDELBÄUME BLÜHTEN (1973), EINIGE INTERVIEWS ZU PERSÖNLICHEN FRAGEN (1978), DER TAG IST LÄNGER ALS DIE NACHT (1984) und DER WALZER AUF DER PETSCHORA (1992). Mit 16 Fotoseiten in der Mitte des Bandes. Die Coverabbildung finde ich zu dunkel und eintönig. Mehr zum Buch: kachetischen-wein-detail

Bilder einer besseren Welt

Eine Habilitationsschrift, die an der Universität Zürich entstan-den ist und an der Universität Bayreuth vollendet wurde. Simon Spiegel verifiziert darin an vielen konkreten Beispielen seine These, dass die Utopie im nichtfiktionalen Film besser darzustellen ist als im Spielfilm. Zunächst klärt der Autor begrifflich „Utopisches“, „Filmisches“, „Dokumentari-sches“ und „Semiopragmati-sches“. In vier Kapiteln geht es dann um die Zukunftsfilme der „defa-futurum“, Utopische Propaganda (nationalsozialistische und sowjetische Propaganda, Zionismus als Utopie, das Kalifat als islamische Utopie), Stadtutopien und Utopien der Gegenwart („Nach der Klassik“). Sehr differenziert werden u.a. die Filme ZEITGEIST: ADDENDUM (2008) von Peter Joseph, LAND OF PROMISE (1924) von Juda Leman, THE CITY (1939) von Ralph Steiner und Willard Van Dyke, TO NEW HORIZONS (1940) von General Motors, THE EPCOT FILM (1966) von Arthur J. Vitarelli, DEMAIN (2015) von Cyril Dion und Mélanie Laurent, THE MARSDREAMERS (2009) von Richard Dindo. Es handelt sich dabei zum großen Teil um nichtabendfüllende Filme, die aber im historischen Kontext sehr interessant sind. Mit 424 Seiten eine beeindruckende Publikation. Die Abbildungen haben eine sehr gute Qualität. Band 40 der „Zürcher Filmstudien“.Mehr zum Buch: bilder-einer-besseren-welt.html

Was uns stark macht

Die französische Journalistin Annick Cojean ist vor allem für die Zeitung Le Monde tätig. Dort publiziert sie regelmäßig Inter-views mit Frauen unter der Überschrift „Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn …“. 21 Gespräche sind jetzt im Aufbau Verlag in deutscher Übersetzung erschienen. Ich finde sie her-ausragend, weil Cojean, bestens vorbereitet, mit großer Sensibi-lität Fragen stellt, auf die von den verschiedenen Frauen unkonventionell und ehrlich geantwortet wird. Die Ge-sprächspartnerinnen sind die Schauspielerinnen Claudia Cardinale, Nicole Kidman, Vanessa Redgrave, Brigitte Bardot und Hiam Abbass, die Schriftstellerinnen Amélie Nothomb, Virginie Despentes (auch als Regisseurin bekannt), Asli Erdoğan und Eve Ensler, die Sängerinnen Patti Smith, Juliette Greco, Joan Baez, Marianne Faithfull, Cecilia Bartoli und Angélique Kidjo, die Pianistin Hélène Grimaud, die Politikerin Anne Hildalgo, die Journalistin Delphine Horvilleur, die Juristin und Friedensnobelpreis-trägerin Shirin Ebadi, die Modedesignerin Agnès b. und die Ethnologin Françoise Héritier. Nicht alle Gesprächspartnerinnen waren mir bekannt. Ich habe aus den Interviews viel gelernt. Mehr zum Buch: was-uns-stark-macht.html

PARIS, TEXAS

Der Verlag editon text + kritik eröffnet mit dieser Publikation eine neue Buchreihe: „FILM | LEKTÜREN“. Sie wird von Jörn Glasenapp herausgegeben, der den Lehrstuhl Literatur und Medien an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg innehat. Band 1 ist dem Film PARIS, TEXAS (1984) von Wim Wen-ders gewidmet, für den der Regisseur in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Hauptfiguren des Films sind Travis Henderson (Harry Dean Stanton), der vor vier Jahren in der Wüste verschwun-den ist, sein siebenjähriger Sohn Hunter, der in der Obhut von Travis’ Bruder Walt (Dean Stockwell) und dessen Frau aufwächst, und Jane (Nastassja Kinski), die Mutter von Hunter. Sie arbeitet inzwischen in einer Peepshow. Travis taucht zu Beginn verwahrlost in einer kleinen Stadt auf, sein Bruder in Los Angeles wird benachrichtigt und kommt mit Frau und Pflegesohn. Travis macht sich auf die Suche nach Jane, besucht sie mehrfach unerkannt in einer Kabine und erzählt ihr über ein Telefon seine (und ihre) Geschichte. Am Ende kommt es zur Wiederbegegnung von Mutter und Sohn. Travis fährt im Auto davon. Mit vielen Exkursen in die Literatur und Zitaten zur Rezeption des Films beschreibt Glasenapp die Bildsprache von PARIS, TEXAS (Kamera: Robby Müller), verweist auf Allegorien, schildert den Weg des Regisseurs bis zur Realisierung des Films und schlägt am Ende einen Bogen zu dem Film DON’T COME KNOCKING (2005). 115 Seiten mit zumeist farbigen Abbildungen in sehr guter Qualität. Pro Jahr soll ein Band in der neuen Reihe erscheinen. Man darf gespannt sein. Mehr zum Buch: XMnolOn-BW8