Und noch drei spontane Geschenkvorschläge

Die Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras hat einen interes-santen Roman geschrieben: „Die jüdische Souffleuse“. Sie heißt Susanne, wird „Sissele“ genannt und sucht nach Verwandten, die sie in der NS-Zeit verloren hat. Adriana – die Ich-Erzählerin – ist fasziniert und genervt. Sie begibt sich mit Sissele auf eine gemeinsame Suche, die zu überraschenden Erfolgen führt. Der Blick in die Vergangen-heit ist die eine Perspektive des Romans, die Arbeit im Bereich von Oper und Theater die andere. Beginnend mit einer Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und später bei einer Theateraufführung von „Anna Karenina“ geht es um die Aktualisierung von Kunst. Was verbindet Menschen im 20. Jahrhundert? Große Fragen werden in diesem Roman individuell beantwortet. Mehr zum Buch: 978-3-462-05199-5/

Lars Reichardt hat ein sehr lesens-wertes Buch über das „sonderbare Leben meiner Mutter Barbara Valentin“ publiziert. Sie wurde Ende der 1950er Jahre für den Film entdeckt, war als „Busenwunder“ auf der Leinwand und in der Klatsch-presse präsent, spielte ab 1973 Haupt- und Nebenrollen in acht Filmen von Rainer Werner Fassbinder, hatte in den 80er und 90er Jahren Engagements in zahlreichen Fernsehserien. Drei Ehen und viele Beziehungen dominierten ihr Privatleben, das vor allem in München stattfand. Der Autor Lars Reichardt stammt aus der ersten Ehe, dessen Stiefschwester Minki aus der zweiten, in der dritten war sie mit Helmut Dietl verhei-ratet. Das Buch ist sehr assoziativ geschrieben, es gibt viele Zitate, die Zeitsprünge erfordern bei der Lektüre größere Konzentration. Aber die persönliche Perspektive macht das Buch zu einem spannenden Lesestoff über die Bundesrepublik vor allem der Zeit zwischen 1960 und 1990. Barbara Valentin starb 2002. Mehr zum Buch: 536482.rhd

Kathleen Collins war eine amerika-nische Schriftstellerin und Filme-macherin, die 1988 im Alter von 46 Jahren gestorben ist. Ihr Film LOSING GROUND wurde 2015 erstmals im Kino gezeigt und ist einer der wenigen Filme, bei denen eine Afro-Amerikanerin Regie führte. 16 Storys von ihr sind jetzt im Kampa Verlag in deutscher Sprache publiziert worden, spannende Geschichten vor allem aus den 1960er Jahren, in denen einerseits die Bürgerrechtsbewegung thematisiert wird, aber andererseits die unterschiedlichsten Erzähl-perspektiven ausprobiert werden, die dem Buch einen fast experimen-tellen Charakter verleihen. Unbedingt lesenswert! Meike Fessmann hat eine interessante Rezension in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht: 1.4157530 . Mehr zum Buch: nur-einmal/

Filmkalender 2019 (Weihnachtsgeschenk 10)

Seit langer Zeit erscheint im Schüren Verlag ein Filmkalen-der für das jeweils kommende Jahr, der Kinoliebhaber*innen an wichtige Daten erinnert. Zum Beispiel daran, dass Sergio Leone am 3. Januar 2019 hun-dert Jahre alt geworden wäre; ihm ist auch der erste von ins-gesamt 13 Texten gewidmet. Die anderen handeln von ALIEN (1979), Alejandro Jodorowsky (* 17. Februar 1929), den „Oscars“ (seit 90 Jahren), Bernd Eichinger (* 11. April 1949), Cate Blanchett (* 14. Mai 1969), Heinz Erhardt (1909-1979), MIDNIGHT COWBOY und EASY RIDER (1969), Wes Craven (* 2. August 1939), THE MATRIX (1999), Brie Larson (* 1. Oktober 1989), Bud Spencer (*31. Oktober 1929) und dem WEISSEN BAND von Michael Haneke (2009). Die gut zu lesenden Texte stammen von Oliver Baumgarten, Daniel Bickermann, Nils Bothmann, Werner Busch, Philipp Fernandes do Brito, Oliver Nöding, Marcus Stiglegger und Carsten Tritt. Textredaktion: Busch und Bothmann. Für mich persönlich wichtig: im kommenden Jahr werden Volker Schlöndorff (31. März), Reinhard Hauff (23. Mai) und Rudolf Thome (14. November) 80 Jahre alt. Coverabbildung: Audrey Hepburn (* 4. Mai 1929) in EIN HERZ UND EINE KRONE. Mehr zum Kalender: filmkalender-2019.html

Die Wahrheit über das Lügen (Weihnachtsgeschenk 9)

Benedict Wells hat bisher vier Romane veröffentlicht, die ich alle gern gelesen habe. In sei-nem fünften Buch erzählt er zehn Geschichten, neun haben mir sehr gut gefallen, eine finde ich herausragend: „Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen“. Mit 70 Seiten ist sie die längste und handelt vom myste-riösen Leben des Drehbuch-autors Adrian Brooks, der dem Journalisten Jeff Winkler in einem Interview erzählt, dass er mit dem Wissen des Jahres 2016 in das New Hollywood des Jahres 1973 zurückversetzt wurde und eine existentielle Auseinandersetzung mit George Lucas hatte, dem er die Ideen zur STAR WARS streitig machte. Er wusste all das, was Lucas sich damals erst ausdachte, und konnte sich auch juristisch behaupten. Der Blick zurück ist vor allem für STAR WARS-Fans so originell, dass man ihnen das Buch unbedingt schenken sollte. Aber auch die anderen neun Geschichten sind lesenswert, sie handeln u.a. von einer Wanderung durch Zeit und Raum, vom Leben in einem Grundschulheim, von den Inspirationen einer Autorin durch die Muse, die von der Autorin geliebt wird, aber am Ende das Opfer ihres Erfolges wird, vom existentiellen Tischtennisspiel zweier Männer, von der Nacht, in der die Bücher einer Bibliothek in London lebendig werden und Hemingway aus dem Regal fällt, während draußen ein Chor leise „Holy Night“ singt. Wells ist ein Autor, von dem man noch viel erwarten darf. Mehr zum Buch: 9783257070309.html

Über die Berliner Luft (Weihnachtsgeschenk 8)

Er war von 1946 bis 1990 mit seiner „Stimme der Kritik“ an jedem Sonntag um 11.45 Uhr im RIAS eine Institution in West-berlin. Friedrich Luft (1911-1990) kommentierte dort die Theaterpremieren der Woche mit der ihm eigenen Rhetorik und Meinungsfreude. Aber er war auch ein großer Feuilletonist, hat für den Tagesspiegel (unter dem Namen „Urbanus“), die Neue Zeitung und die Welt über Jahrzehnte kurze Texte über das Alltagsleben in Berlin verfasst, die jetzt in einem bibliophilen Band der „Anderen Bibliothek“ von Wilfried F. Schoeller heraus-gegeben worden sind. Sieben Kapitel bilden die Struktur: „Prolog“, „Luftballons“, „Tagesblätter von Urbanus“, „Flaneur und Reisemann“, „Luftsprünge“, „Heiterkeit in Einzelheiten“ und „Berlin“. Unter den 117 Texten gibt es wunderbare Einzelstücke: „Die Komik des Ernsthaften“, „Die Eisenbahn als poetischer Ort“, „Bericht eines Sport-fremden aus Olympia-London“, „Drei faule Tage im Frühling von Paris“, „Bruchstücke aus einem amerikanischen Reisetagebuch“ (1949), „Ich lese jeden Dreck“, „Wider den Hochmut der Frühaufsteher“, „Uns kann keener – kann uns keener?“, „Der Schlaf im Theater ist Gewis-senssache“, „Der Sputnik als Christkindersatz“ und viele andere. Dieses Buch ist ein tolles Weihnachtsgeschenk für alle, die Berlin lieben. – Friedrich Luft ging auch gern ins Kino. Ende der 80er Jahre kam er oft zu unseren Retrospektiven ins Astor. Man konnte sich gut mit ihm unterhalten. Einen sehr schönen Text über das Buch hat Petra Kohse, die 1998 mit einer Dissertation über Friedrich Luft promoviert wurde, in der Berliner Zeitung publiziert: 31533088 . Mehr zum Buch: 747.html

„Der Apfelbaum“ (Weihnachtsgeschenk 7)

Der Schauspieler Christian Berkel (*1957) erzählt in der Form eines Romans die Lebens-geschichte seiner Eltern: Sala und Otto haben sich 1932 in Berlin verliebt, sie ist dreizehn Jahre und jüdischer Herkunft, er ist siebzehn und kommt aus einer Arbeiterfamilie. 1938 trennen sich ihre Wege. Sala emigriert nach Paris, wird in einem Lager in den Pyrenäen interniert, soll nach Auschwitz deportiert werden, kann in Leipzig untertauchen und will nach Kriegsende ein neues Leben in Buenos Aires begin-nen. Otto wird im Krieg Sanitätsarzt, gerät in russische Gefangenschaft und kehrt 1950 ins zerstörte Berlin zurück. Es klingt wie ein Wunder, dass es für Sala und Otto ein Happyend gibt. Die Geschichte ist spannend erzählt, der Autor bringt sich dramaturgisch klug und ohne jede Eitelkeit ein. Hier ist ein Schauspieler zum Schriftsteller geworden und hat ein beeindruckendes 400-Seiten-Buch verfasst, mit dem man zu Weihnachten Menschen beschenken kann, die sich für deutsche Geschichte interessieren. Mehr zum Buch: 9783550081965.html

MENSCHEN AM SONNTAG (Weihnachtsgeschenk 6)

Es ist einer der schönsten Berlin-Filme, die es gibt, realisiert 1929, an der Wende vom Stummfilm zum Tonfilm. Billie Wilder war am Drehbuch beteiligt, das auf einer Reportage von Curt Siod-mak basierte. Hinter der Kamera standen Eugen Schüfftan und – als Assistent – Fred Zinnemann. Regie führten Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer. Die Dar-steller waren Laien. 2014 haben die Deutsche Kinemathek und das EYE Filminstituut Nederland den Film restauriert, der jetzt als DVD und Blue-ray bei Atlas Film erschienen ist. Martin Koerber infor-miert im Booklet über Rekonstruktion und Restaurierung des Films. In unserem Film AUGE IN AUGE haben Michael Althen und ich vor elf Jahren Wolfgang Kohlhaase als Paten seine Eindrücke über den Film erzählen lassen. Es ist wunderbar, wie er ausgewählte Szenen am Bahnhof Zoo und am Wannsee in Form und Inhalt schildert. Auch wenn man den Film oft gesehen hat, ist man immer wieder berührt von seiner Nähe zu Personen und Schauplätzen. BABYLON BERLIN ist eine beeindruckende Rekonstruktion der Stadt im Jahr 1929, MENSCHEN AM SONNTAG zeigt uns authentisch, wie junge Leute damals gelebt haben. Wer sich für die Geschichte Berlins interessiert, muss diesen Film gesehen haben. Zu den Extras gehört der 30-Minuten-Film WEEKEND AM WANNSEE (2000) von Gerald Koll, der die Entste-hungsgeschichte des Films erzählt. Mehr zur DVD: menschen-am-sonntag.html

Samstagabendhelden (Weihnachtsgeschenk 5)

Tim Pröse war Chefreporter der Münchner Abendzeitung, Re-dakteur des Focus-Magazins und ist vielen legendären Stars aus Film, Funk und Fernsehen persönlich begegnet. In zwanzig Kapiteln erzählt er davon. Dies sind zwölf besonders eindrucks-volle Texte: „Udo Lindenberg und die Lieben seines Lebens“, „Götz George erzählt von seinem nahen Tod“, „Loriot, Hans Albers und Heinz Rühmann haben tiefe Spuren hinter-lassen“, „Konstantin Wecker über Nahtoderlebnisse, Him-melseinblicke und Engel“, „Hape Kerkeling triumphiert über die Tragödie seiner Kindheit“, „Jan Fedder trifft seine alten Kameraden aus dem Film DAS BOOT“, „Christiane Hörbiger über ihren Glauben und die Liebe als Lebensbegleiter“, „Hans-Joachim Kuhlenkampff verlängerte unsere Samstage“, „Thomas Gottschalk taucht bis heute zurück in seine Kinderwelten“, „Alfred Biolek wusste nicht mehr, wer er war“, „Pierre Brice erzählt, was er im Himmel vorhat“ und – noch einmal – „Udo Lindenberg zieht seinen Hut“. In einigen Fällen handelt es sich um dokumentierte Gespräche. Ein schönes Geschenk für Menschen, die viel fernsehen. Mehr zum Buch: 529214.rhd

Grit Boettcher (Weihnachtsgeschenk 4)

Sie gehörte nie zu meinen Lieb-lingsschauspielerinnen. Ihre Welt waren das Boulevardthea-ter, Kinokomödien, Edgar-Wallace-Filme und Fernseh-serien. Als Partnerin von Harald Juhnke wurde sie in der ZDF-Serie EIN VERRÜCKTES PAAR populär. Jetzt hat sie – 80 Jahre alt, unterstützt von der Journa-listin Renate Schramm – ihre Erinnerungen publiziert. Sie erzählen, mit Empathie ge-schrieben, das Auf und Ab beruflicher und privater Ereig-nisse und vermitteln einen sehr persönlichen Einblick in das Leben einer Schauspielerin in Deutschland. Zentrale Orte sind Berlin und München. Der frühe Tod ihres Ehemannes Wolfgang Belstler, Leiter der Münchner Abendschau, ist ein besonders berührendes Kapitel („Die große Liebe“). In der folgenden Zeit hatte sie eher Pech mit den Männern, zu denen der Theatermann Christian Wölffer und der Schauspieler Karlheinz Böhm gehörten. Man kann verstehen, dass sie manchmal sehr verzweifelt war und oft gejammert hat, aber ihren Erinnerungen hat sie einen kontrastierenden Titel gegeben: „Auf ein Lächeln“. Es gibt sicherlich viele Menschen, die sich über dieses Buch als Weihnachtsgeschenk freuen. Mehr zum Buch: grit-boettcher/

Cinemaps (Weihnachtsgeschenk 3)

Andrew DeGraff arbeitet als Zeichner und Illustra-tor für amerikanische Zeitungen und hat eine besondere Leidenschaft für Landkarten. Mit dem Buch „Cinemaps“ hat er sich offenbar einen Ju-gendtraum erfüllt: Kino-fans die Wege zu zeigen, die von den Hauptfiguren erfolgreicher Filme zu-rückgelegt werden. Der Atlas erschließt 35 Filme – für DeGraff „die groß-artigsten aller Zeiten“ – und jede Filmfigur hat eine eigene Farbe. Wir sehen Häuser, Straßen, Parks, Städte auf jeweils vier bis sechs Seiten. Zu jedem Film gibt es auch einen sehr sachkundigen Text, den der Autor A. D. Jameson verfasst hat. Zwölf Filme haben mich besonders interessiert: METROPOLIS von Fritz Lang, KING KONG von Cooper/ Schoedsack, THE WIZARD OF OZ von Victor Fleming, NORTH BY NORTHWEST von Alfred Hitchcock, JAWS von Steven Spielberg, STAR WARS von George Lucas, ALIEN von Ridley Scott, SHINING von Stanley Kubrick, EDWARD SCISSORHANDS von Tim Burton, THE SILENCE OF THE LAMBS von Jonathan Demme, PULP FICTION von Quentin Tarantino, FARGO von den Coen-Brothers. Da es ein Buch über Blockbuster ist, dominiert das amerikanische Kino mit 31 Titeln. Allein fünf Filme stammen von Steven Spielberg. Damit ist auch die Zielgruppe definiert, für die „Cinemaps“ ein schönes Geschenk sein könnte. Die Kartografien sind gut gezeichnet, der Blick auf die Filme ist sehr originell. Mehr zum Buch: Encore/e536350.rhd

Catherine Deneuve (Weihnachtsgeschenk 2)

Im Oktober hat sie ihren 75. Geburtstag gefeiert. Sie gilt inzwischen als Grande Dame des euro-päischen Films. Und wenn man – Film für Film – dieses wunder-bare Buch durchsieht, erinnert man sich an sehr viele Filme, die man in den vergangenen sechzig Jahren gesehen hat. Bei mir begann das 1964 mit den REGENSCHIRMEN VON CHERBOURG von Jacques Demy, gefolgt von EKEL (1965) von Roman Polanski und BELLE DE JOUR (1967) von Luis Bunuel. Mehr als 60 Filme werden von Isabelle Giordano sachkundig, aber auch mit Empathie in Text und Bild vorgestellt. Die Bewunderung steigt, wenn man noch einmal all die Regisseurinnen und Regisseure Revue passieren lässt, mit denen sie zusammen-gearbeitet hat: François Truffaut (zweimal), Nadine Trintignant, Marco Ferreri (zweimal), Jean-Pierre Melville, Robert Aldrich, Claude Lelouch (zweimal), Claude Berri, Alain Corneau (zweimal), André Téchiné (sechsmal), Philippe de Broca, Jean-Pierre Mocky, Régis Wagnier (zweimal), Manoel de Oliveira, Raoul Ruiz (zweimal), Leos Carax, Philippe Garrel, Lars von Trier, François Ozon (zweimal), Emmanuelle Bercot (zweimal). Vor zwanzig Jahren haben wir ihr eine Hommage zur Berlinale gewidmet, sie war ein beeindruckender Gast und wurde mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet. Das jetzt bei Schirmer/Mosel publizierte Buch führt uns ihre schauspielerische Bedeutung noch einmal vor Augen. Es ist ein hervorragendes Geschenk für alle, die sich für die europäische Filmgeschichte interessieren. Coverfoto: BELLE DE JOUR. Mehr zum Buch: 9u5ag4r2q0lj26i5g0