Jia Zhangke

Eine Dissertation, die an der Universität Leipzig entstanden ist. Peiqi Han untersucht darin „Soziale Ausgrenzungen in den Dokufiktionen des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke“. Sein jüngster Film, ASCHE IST REINES WEISS, lief in den letzten Monaten in den Kinos und hat mich sehr beeindruckt. Er kommt in dem Buch natürlich noch nicht vor. Die Analysen der Autorin konzentrieren sich vor allem auf vier Filme: PICK POCKET (1997), THE WORLD (2004), STILL LIFE (2006) und 24 CITY (2008). Soziale Ausgren-zungen sind Armut, Ohnmacht, Schlechte Arbeit, Arbeitslosigkeit, Verletzung von Rechten und Interessenbeeinträchtigung, Verlust von sozialen Beziehungen, seelische Belastungen, natürlich bedingte Schwäche, Abweichungen von Normen und Werten. Sie werden für jeden Film in Codebögen nach Anzahl der Sequenzen aufgelistet, in denen sie eine Rolle spielen. Die Filmbeschreibungen wirken sehr präzise, es gibt zusätzliche Hintergrundinformationen, Verweise auf die Inkongruenz zwischen der narrativen und der ästhetischen Ebene und jeweils ein Zwischenfazit. Vor den Analysen sind Kapitel über den Filmemacher Jia Zhangke (*1970) und das Dispositiv seiner Filme, soziale Ausgrenzung im soziologischen Diskurs und aus phänomenologischer Sicht sowie eine Definition von Dokufiktion platziert. Das Buch bietet eine gute Möglichkeit, sich mit dem Werk des Regisseurs Jia Zhangke vertraut zu machen. Die farbigen Abbildungen haben eine akzeptable Qualität. Mehr zum Buch: =29725

Die Kunst und das Nichts

Das Feuilleton ist nicht nur ein Zeitungsressort (Kulturteil), sondern auch eine klassische Textform, in der assoziativ und persönlich Gedanken über ein spezielles Thema formuliert werden. Im besten Fall ist es ein Stück Literatur. Claudius Seidl, Leiter des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat jetzt einen Sammelband mit 35 Texten publiziert, die er in den vergangenen 18 Jahren für seine Zeitung geschrieben hat: „Nahezu klassisches Feuilleton“ heißt der Untertitel. Es geht u.a. um das Rauchen, das Judentum, Ressentiments, Helden, Geld, Pornographie, Russland, Klimawandel und Hexenwahn, Drogen, Rainald Goetz, Autofahren, Helmut Lang, Bert Brecht, Multikulturalismus. Zwölfmal ist der Film das Thema, speziell: das Münchner Filmmuseum („Die fröhlichste aller Wissen-schaften“, 2013), der Pornofilm („Nichts als die nackte Wahrheit“, 2015), James Bond („Der Tod steht im gut“, 2012), Tarantinos Film INGLOURIOUS BASTERDS („Lasst uns Nazis skalpieren!“, 2009), John Wayne („Hässlich, stark und würdevoll“, 2007), Tarantinos Film KILL BILL („Die Braut trug Schwert“, 2004), den Action-Film („Als der Regen kam“, 2001), BATMAN BEGINS von Christopher Nolan („Der amerikanische Psycho“, 2005), SPIDER-MAN 2 („Der Superheld im Waschsalon“, 2004), Helmut Dietl („Bitte bleiben Sie!“, 2014), Kevin Spacey („Ein Mann wird gelöscht“, 2017), Digitalisierung („Rettet den Film!“, 2014). Ja, all diese Texte sind „nahezu klassisches Feuilleton“, sie haben Stil, sind Resultat einer Haltung, fordern mich als Leser heraus, lassen mich gelegentlich lachen oder auch mal den Kopf schütteln. Eine beeindruckende Anthologie. Mehr zum Buch: die-kunst-und-das-nichts/

DIE 3-GROSCHEN-OPER (1931)

Der Film, eine Nero-Produktion für Tobis-Klangfilm und Warner Brothers, wurde 1930 realisiert. Er basierte auf dem sehr erfolg-reichen Bühnenstück von Bert Brecht und Kurt Weill und war während der Dreharbeiten von heftigen juristischen Auseinan-dersetzungen begleitet, weil Brecht von der Mitarbeit ausge-schlossen wurde, nachdem er für die Filmfassung die anti-kapitalistischen Aspekte verschärft hatte. Den „Dreigro-schenprozess“ verlor Brecht in erster Instanz, dann einigten sich die Parteien auf einen Vergleich. Als Regisseur trug G. W. Pabst die Verantwortung, für das Drehbuch zeichneten Leo Lania, Ladislaus Vajda und Béla Balász, hinter der Kamera stand Fritz Arno Wagner. Die Handlung spielt im Londoner Unterweltmilieu, Hauptfiguren sind der Bandenchef Mackie Messer, der Bettlerkönig Peachum, seine Tochter Polly, der Polizeichef Tiger-Brown, die Hure Jenny. Die Spontanhochzeit von Mackie Messer und Jenny führt zu Konflikten mit Peachum, der seine Tochter nicht freigeben will. Vor allem die Besetzung ist herausragend: Rudolf Forster als Mackie Messer, Carola Neher als Polly, Reinhold Schünzel als Tiger-Brown, Fritz Rasp als Peachum, Valeska Gert als seine Frau, Lotte Lenya als Jenny, Ernst Busch als Moritatensänger. Bei atlas film sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen, mit einem sehr informativen Booklet (faksimilierter Illustrierter Film-Kurier, Text von Martin Koerber zur Geschichte der Verfilmung, Pressestimmen – u.a. von Siegfried Kracauer – zum Dreigroschenprozess und zum Film). Zu den Extras gehört eine 30-Minuten-Dokumentation von Robert Fischer: FILMHELD MACKIE MESSER mit einem Interview mit Michael Pabst (2008). Mehr zur DVD: dvd-blu-ray

WALDHEIMS WALZER (2018)

Der Film von Ruth Beckermann war im Forums-Programm der Berlinale 2018 zu sehen und wurde mit dem Glashütte-Preis als bester Dokumentarfilm des Festivals ausgezeichnet. Ich fand ihn hervorragend, weil er eine bildmächtige Erinnerung an die Kandidatur des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim für das Amt des Bundespräsidenten in Österreich im Jahr 1986 ist. Waldheim war  von der ÖVP nominiert worden und musste sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, an Kriegsverbrechen der Nazi-Zeit beteiligt gewesen zu sein. Ruth Beckermann hatte sich damals an Protestaktionen gegen Waldheim beteiligt und Videoaufnahmen gemacht. Sie sind Teil des Materials, das sie jetzt zu einem essayistischen Film montiert hat. Zu sehen sind außerdem Fernsehbilder, öffentliche Auftritte, Wahlkampfsprüche. Waldheim siegte damals in einer Stichwahl und war vier Jahre Präsident Österreichs. Es wurde eine schwierige Amtszeit. Beckermanns Film erweist sich als kluge Dokumentation der medialen Prozesse bei einer nationalen Auseinandersetzung. Die aktuelle Situation in Österreich macht den Film zusätzlich spannend. Die DVD des Films ist jetzt bei der Edition Salzgeber erschienen. Mit einem sehr informativen Booklet. Mehr zur DVD: =8-2-fkmrnull

Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?

Der Autor und Regisseur Cameron Crowe (*1957) hatte 1996 mit seinem Film JERRY MAGUIRE (Hauptdarsteller: Tom Cruise) einen großen Erfolg. Er drehte zunächst keinen neuen Film, sondern schrieb auf der Basis von zahlreichen Gesprächen ein Buch über Billy Wilder, das 1999 In New York erschien: „Conversations with Wilder“. Die deutsche Erstausgabe wurde 2000 im Diana Verlag veröffentlicht: „Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?“, übersetzt von Rolf Thissen, illustriert mit zahlreichen Fotos. Eine Textausgabe ist jetzt im Kampa Verlag erschienen, und wer das Buch bisher nicht kennt, sollte es unbedingt lesen, denn Wilder – damals 92 Jahre alt – hatte die außerordentliche Fähigkeit, sich gut an die Produktionshintergründe seiner zahlreichen Filme zu erinnern. Das konnte man schon in Volker Schlöndorffs Dokumentation BILLY WILDER, WIE HABEN SIE’S GEMACHT? (1988) erleben und findet dies in dem fast 500-Seiten-Buch bestätigt. Crowe ist mit Wilders Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur bestens vertraut, stellt präzise Fragen und erzählt (kursiv) Reaktionen und Situationen während der Interviews. Das ist unterhaltsam zu lesen, selbst wenn man nicht alle Wilder-Filme kennt. Sehr hilfreich ist der Anhang mit einer Kommentierten Filmografie der Regiearbeiten von Wilder, mit der Rubrik „Vermischtes“ und einem Personen- und Filmregister. Mehr zum Buch: 2019/01/9783311140085.jpg

Reinhard Hauff 80

Heute wird der Film- und Fernsehregisseur Reinhard Hauff 80 Jahre alt. Ich fühle mich ihm freundschaftlich verbunden und gratuliere herzlich. Seine wichtigsten Filme sind für mich MATHIAS KNEISSL (1970), DER HAUPT-DARSTELLER (1977), MESSER IM KOPF (1978) und STAMM-HEIM (1986). Aber es gibt auch zahlreiche andere, die ich sehr schätze, weil sich immer relevante Geschichten mit einer interessanten Form verbinden und viele große Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihm zusammengearbeitet haben. Von 1993 bis 2005 war Reinhard Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und wohnte mit seiner Frau Christel Buschmann einen Stock über uns in der Sybelstraße in Charlottenburg. Zu ihnen gehörte auch der wunderbare Hund Benny. Die nachbarschaftliche Nähe war eine feste Basis für unsere Freundschaft. Inzwischen sind Reinhard und Christel wieder nach München zurückgezogen. Wir besuchen sie immer, wenn wir alle zwei Jahre zum dortigen Filmfest fahren, das nächste Mal im kommenden Monat. Dann gibt es wieder viel zu erzählen. Bleib’ gesund und beweglich, lieber Reinhard, wir freuen uns auf das Wiedersehen!

„Düsternbrook“

In diesem Roman erzählt der Schauspieler Axel Milberg (*1956) die Geschichte seiner Kindheit und Jugend in dem Kieler Nobelviertel Düstern-brook. Als Sohn eines Rechts-anwalts und einer Ärztin, die ihren Beruf zugunsten der Familie aufgibt, wächst er mit seinem Bruder Hans und seiner Schwester Manuela in behüteten, aber nicht konfliktfreien Verhältnissen auf. In 50 kurzen Kapiteln lässt er uns teilhaben an Erinnerungen, die natürlich auch fiktionale Elemente haben. Es geht um seine Familie, Erlebnisse in der Schule, in den Ferien, um Freunde und Freundinnen, die erste Liebe mit Namen Lili. Auch die Außerirdischen spielen zwischendurch eine Rolle, wenn sie in der Phantasie und vielleicht auch in der Realität auf die Stadt zukommen. Ein Besuch des Autors Erich von Däniken in der Schule wirkt in der Erinnerung nach. Wichtiger ist allerdings die persönliche Begegnung mit dem Schauspieler Gert Fröbe, der in Kiel gastierte und ihn ermutigt, sich an der Otto Falckenberg Schule in München zu bewerben. Er hat damit Erfolg, und so endet der Roman mit dem Wort „Aufgenommen!“. Unter den Romanen von Schauspielern, die in den letzten Jahren erschienen sind („Die Spieluhr“ von Ulrich Tukur, „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt, „Vor dem Anfang“ von Burghardt Klaußner, ,,Der Apfelbaum“ von Christian Berkel), kann sich „Düsternbrook“ von Axel Milberg durchaus behaupten. Mehr zum Buch: 978-3-492-05948-0

Erzählen von China

Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin ent-standen ist. Clemens von Haselberg untersucht darin „Genre­spezifische Identitäts-konstruktionen im Wuxia-Film“. Dieses Genre des Schwert-kampffilms gibt es seit den 1920er Jahren. Es wanderte in den 1960er Jahren nach Hongkong und ist inzwischen wieder in China etabliert. Der Autor formuliert in einem grundlegenden Kapitel Definition, Periodisierung und Charakteristika des Wuxia-Filmgenres. In beispielhaften Analysen geht es in den folgenden Kapiteln um Figuren, Handlungsorte und Handlungsmuster in den frühen Wuxia-Filmen der 1920 bis 1960er Jahre, um die Wahrung kultureller Identität und den Verlust der geografischen Heimat in den klassischen Wuxia-Filmen der 1960er bis 1980er Jahre, um die Identifikation mit Hongkong und die Rückkehr zum chinesischen Festland im postklassischen Wuxia-Film der 1980er und 90er Jahre. um nationalistischen Stolz und globalisierte Identitätskrise im zeitgenössischen Wuxia-Film seit der Jahrtausendwende. Die jeweiligen Analysen sind sehr konkret. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: 9783658248574

70 Jahre DFF

Am heutigen Nachmittag werden in Frankfurt am Main das 70jährige Bestehen des Deutschen Filminstituts und die Eröffnung des Fassbinder Centers mit einem Festakt gefeiert. Die Direktorin des DFF, Ellen Harrington (Foto), wird die Gäste begrüßen, es sprechen die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn, der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, Peter Feldmann, die Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation, Juliane Maria Lorenz-Wehling, und die Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt, Ina Hartwig. Die Veranstaltung findet in den neuen Räumen in der Eschersheimer Landstraße 121 statt, in denen jetzt die Sammlungen des DFF zusammengeführt sind. Man kann dort künftig wissenschaftlich arbeiten und forschen, es wird Veranstaltungen und Vorführungen geben. Mehr zum Fassbinder Center: fassbinder-center-frankfurt/

Lebenserfahrungen

Fast fünfzig Jahre hat Hans-Dieter Grabe für die ZDF-Reihe „Lebenserfahrungen“ dokumen-tarische Filme realisiert. Es waren insgesamt 33. Neun Filme sind jetzt auf zwei DVDs zugänglich, die bei Absolut Medien erschienen sind. In ES GIBT SCHWIERIGE VATER-LÄNDER, EINS DAVON IST DEUTSCHLAND (1970) begleitet Grabe den Bundes-präsidenten Gustav Heinemann auf der Reise in Länder, die von Deutschland im Zweiten Weltkrieg überfallen wurden. GISELA BARTSCH ODER WARUM HABEN SIE DEN MÖRDER GEHEIRATET? (1976) porträtiert eine Krankenschwester, die einen Kindermörder geheiratet hat. In SIMON WIESENTHAL ODER ICH JAGTE EICHMANN (1978) macht sich ein KZ-Überlebender nach dem Ende der Nazi-Zeit auf die Suche nach Verbrechern. TYTTE BOTFELDT: AUFS STERBEN FREU’ ICH MICH (1979) zeigt eine an Krebs erkrankte dänische Adoptionsvermittlerin. DAS WUNDER VON LENGEDE ODER ICH WÜNSCH’ KEINEM, WAS WIR MITGEMACHT HABEN (1979) dokumentiert die seelischen Verwundungen der betroffenen Bergmänner. BERNAUER STRASSE 1 BIS 50 (1981) lässt Mauerflüchtlinge zur Wort kommen. FRITZ TEUFEL ODER WARUM HABEN SIE NICHT GESCHOSSEN? (1982) ist ein persönlicher Rückblick des APO-Kommunarden, der fast acht Jahre im Gefängnis verbracht hat. RAIMUND – EIN JAHR DAVOR (2013) beobachtet Grabes Nachbarn beim Holzfällen; er nimmt sich das Leben, nachdem seine Frau an Krebs gestorben ist. ANTON UND ICH (2017) porträtiert einen alten Bauern und Pensionswirt im Berchtesgadener Land. Hans-Dieter Grabe ist einer der großen Dokumentaristen der Bundesrepublik. Seine Filme sind bewegende Zeitzeugnisse. Mit einem ausführlichen PDF-Booklet. Coverfoto: Fritz Teufel. Mehr zur DVD: Grabe+1970+–+2017