Zeitenwende(n) des Films

Seit Jahren gibt es interessante Filme, die ihre Handlung nicht linear, sondern in zeitlichen Sprüngen erzählen. Drei Beispiele aus jüngerer Zeit: BABEL von Alejandro Gonzélez Inárritu, PREMONITION von Mennan Yapo, INCEPTION von Christopher Nolan. Die Medienwissenschaftlerin Julia Eckel setzt sich in ihrem gerade erschiene-nen Buch mit „Temporaler Nonlinearilität im zeitgenössischen Erzählkino“ auseinander. Rund 30 Filme dienen ihr in einer manchmal etwas kompliziert formulierten Analyse als Material. Eine anregende Lektüre, hoffentlich nicht nur für potentielle Drehbuchautoren. Mehr über das Buch: paymate/search.php?vid=2&aid=3233

NS-Filmreihe in München

Noch immer gibt es viele Filme aus der Zeit des Nationalsozialismus, die nur mit einer kritischen Einführung im Kino gezeigt werden dürfen. Dazu gehören natürlich JUD SÜSS (Foto), STUKAS und ICH KLAGE AN, aber auch MEIN SOHN, DER HERR MINISTER und VENUS VOR GERICHT. Im Münchner Filmmuseum beginnt morgen eine Reihe mit 16 Filmen, die von Felix Moeller und Stefan Drössler analytisch begleitet wird. Am 16., 17. und 18. März finden außerdem verschiedene Vorträge und Diskussionen statt. Mehr zur Filmreihe: www.stadtmuseum-online.de/aktuell/progheft22.pdf  Auch das Berliner Zeughauskino hat eine längere Reihe mit NS-Filmen begonnen: „Unter Vorbehalt“.

Filmstadt Leipzig

In Leipzig beginnt heute die Buchmesse. Mit Büchern und Messen wird die Stadt schnell assoziiert. Aber was hat sie als Filmstadt vorzuweisen? Jens Rübner (*1960), gelernter Koch, lebt in Leipzig und ist ein Filmfan. Er hat intensiv recherchiert und aus seinen Informationen ein sehr persönliches kleines Lexikon gemacht, das im Herbst 2011 im Engelsdorfer Verlag erschienen ist (186 S., 12,50 €). Natürlich steht die DEFA im Zentrum, aber auch internationale Produktionen haben Leipzig als Kulisse genutzt, zum Beispiel IRINA PALM, EIN RUSSISCHER SOMMER und CARLOS. Man spürt, dass dies ein Amateur geschrieben hat. Aber einer mit Energie  und Motivation.

Ausstellung Eve Arnold

Im großen Kunstfoyer der Versicherungs-kammer Bayern wird heute eine Ausstellung mit Fotos von Eve Arnold eröffnet. Zu sehen sind Reportagen aus New York, Reisefoto-grafien aus Afghanistan  (1960er Jahre), China und Indien (frühe 1980er) und ihre legendären Starporträts von Marilyn Monroe, Marlene Dietrich, Jean Crawford, Isabella Rossellini, Clark Gable, Peter O’Toole und Anthony Quinn. Arnold starb 99jährig im Januar 2012. Der Katalog erscheint im Verlag Schirmer/Mosel. Zur Eröffnung spricht Isabella Rossellini.

Verbotene Filme auf Arte

Drei einstmals verbotene Filme zeigt Arte heute in seinem Abendprogramm: zunächst Konrad Wolfs DEFA-Film SONNEN-SUCHER aus dem Jahr 1958, der erst 1972 gezeigt werden durfte, dann SCHLACHT UM ALGIER (1966) von Gillo Pontecorvo, der auch erst 1972 in Frankreich in die Kinos kam, und schließlich den Fernsehfilm BAMBULE von Eberhard Itzenplitz (1970, Drehbuch: Ulrike Meinhof), der erst 1994 aufgeführt werden konnte, nachdem die Mitarbeit des RAF-Mitglieds Meinhof zum Sendeverbot geführt hatte. Drei unterschiedliche Filme mit jeweils anderem politischen Background. Interessant programmiert. Mehr zum Programm: www.arte.tv/de/VERBOTENE-FILME/6418594.html

Direct Cinema im Arsenal

PRIMARY (1960) ist für mich einer der wichtigsten Dokumentarfilme der Filmgeschichte. Er gehörte zum amerikanischen Direct Cinema, das mit den damals neuen technischen Möglichkeiten der 16mm-Kamera ganz nah an die Protagonisten eines zu beobachtenden Geschehens herankam, in diesem Fall an John F. Kennedy und Hubert Humphrey im amerikanischen Vorwahlkampf. Ralph Eue zeigt ab morgen, verbunden mit einem Seminar an der dffb, in einer Filmreihe im Kino Arsenal zehn besonders interessante Beispiele des Direct Cinema. Einer der Protagonisten, Richard Leacock, ist vor einem Jahr verstorben. Als Begleitlektüre empfehle ich Klaus Wildenhahns zwölf Lesestunden „Über dokumentarischen und synthetischen Film“ (dffb 1973). Mehr über das Buch: uber-dokumentarischen-und-synthetischen-film/

Aufbrüche im sowjetischen Kino

Im Österreichischen Filmmuseum hat gerade eine Retrospektive zum sowjetischen Kino der Jahre 1957-67 begonnen, die, kuratiert von Olaf Möller, noch bis zum 11. April dauert. Zu sehen sind rund 20 Filme u.a. von Michael Romm, Michail Kalatozov, Fridrich Ermler, Marlen Chuciev, Ivan Pyr’ev und Andrej Tarkovskij. Viele der sogenannten Tauwetterfilme waren damals zumindest im Berliner Arsenal zu sehen, einige, wie NEUN TAGE EINES JAHRES, WENN DIE KRANICHE ZIEHEN, DIE BALLADE VOM SOLDATEN oder IWANS KINDHEIT hatten auch in der Bundesrepublik einen Verleih. Tatjana Samoilowa in den KRANICHEN hat mich damals tief beeindruckt. Mehr zur Filmreihe: 1327923499196&j-dummy=active&reserve-mode=active

Internationales Fußballfilmfestival

Die EM ist noch weit weg, Hertha kämpft gegen den Abstieg, und Borussia Dortmund fühlt sich schon wie der alte und neue deutsche Meister. Ist das die richtige Zeit für ein Fußballfilmfestival? Es beginnt heute im Babylon in Berlin, heißt „11mm“ und findet zum neunten Mal statt. Gezeigt werden rund 50 neue Fußballfilme, Schwerpunkte sind Polen und die Ukraine (EM…), eröffnet wird mit WE ARE THE CHAMPIOS von Sepp Maier, einem Griff in sein Privatarchiv. Durch den Premierenabend führt Heribert Faßbender. Das Programm: www.babylonberlin.de/11mm_2012.htm  Und weil vorwiegend neue Filme gezeigt werden, findet man sie auch nicht in Jan Tilmann Schwabs Lexikon des Fußballfilms aus dem Jahre 2006: www.hhprinzler.de/filmbuecher/fusball-im-film/

Bettina Böhler, Schnittmeisterin

Weil heute Christian Petzolds starker Film BARBARA in die Kinos kommt, den Bettina Böhler geschnitten hat, und weil sie eine der herausragenden Cutterinnen des gegen-wärtigen deutschen Films ist (dafür bekam sie 2007 den Bremer Filmpreis), und weil Christiane Peitz mit ihr für den Tagesspiegel ein schönes und informatives Gespräch geführt hat, weise ich mit einer persönlichen Verneigung auf diesen Text hin: kultur/portraet-die-taktgeberin/6289238.html

Jutta Hoffmann

In den 1960er und 70er Jahren war sie eine meiner Lieblingsschauspielerinnen: Jutta Hoffmann (*1941).  Sie spielte die Professorentochter in Frank Vogels JULIA LEBT (1963), die allein erziehende Mutter in Horst Seemanns ZEIT ZU LEBEN (1969) und die junge Frau zwischen Manfred Krug und Jaecki Schwarz in WEITE STRASSEN – STILLE LIEBE (1969) von Herrmann Zschoche. Dann wurde sie zu Egon Günthers Hauptdarstellerin in JUNGE FRAU VON 1914 (1969), DER DRITTE (1972), DIE SCHLÜSSEL (1973/74), LOTTE IN WEIMAR (1974/75) und URSULA (1977). Schließlich drehte Frank Beyer mit ihr DAS VERSTECK (1977) und GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT (1978). Zwei Verbotsfilme der Jahre 65/66 bekamen wir erst 1990 zu sehen: WENN DU GROSS BIST, LIEBER ADAM und KARLA. Da lebte und arbeitete sie schon eine Weile im Westen. Sie war eine der Größten der DEFA! Jetzt hat sie ihre Autobiografie geschrieben. Lesestoff für vielen Verehrerinnen und Verehrer. Mehr über das Buch: Jutta_Hoffmann_Schauspielerin.html