Qualität

Das Schwerpunktthema des Schweizer Filmjahrbuchs ist diesmal „Qualität“. Elf Texte sind ihm gewidmet, sechs haben mir besonders gut gefallen. Henry M. Taylor beschäftigt sich mit „Dramaturgien journalistischer Qualität im Reporterfilm“ und stellt dabei ALL THE PRESIDENT’S MEN (1976) von Alan J. Pakula in den Mittelpunkt. Bei Marius Kuhn geht es um Clint Eastwood und drei seiner letzten Filme: AMERICAN SNIPER, SULLY und THE 15:17 TO PARIS. Die Beschreibungen und Verknüpfungen sind beeindruckend. Simon Meier äußert sich zur wechselhaften Rolle der Filmkritik bei Siegfried Kracauer. Josephine Diecke informiert über Farbfilme aus Wolfen im Qualitätswettstreit. Margarete Wach befasst sich mit Amateurfilmclubs in Polen 1953-1989. Michel Bodmer schildert seine Erfahrungen als Filmredakteur beim Schweizer Fernsehen und als Mitarbeiter des „Filmpodiums“ der Stadt Zürich. Der „Filmbrief“ kommt in diesem Jahr aus Kambodscha und ist ein Erfahrungsbericht von den Dreharbeiten zu MIRR. In der „Sélection Cinema“ werden wieder 33 Filme der Saison 2017/18 vorgestellt. Auch das 64. Jahrbuch bietet interessanten Lesestoff. Mehr zum Buch: 600-qualitaet.html

Abschied von Bruno Ganz

Über fünfzig Jahre hat er mich als Schauspieler im Theater und im Film durch mein Leben begleitet. 1964 habe ich ihn in Brendan Behans „Der Spaßvogel“, inszeniert von Peter Zadek, zum ersten Mal auf der Bühne erlebt. In den 70er Jahren war ich Stammgast in der Schaubühne am Halleschen Ufer und erinnere mich natürlich gut an „Torquato Tasso“, die „Optimistische Tragödie“, den „Ritt über den Bodensee“, „Peer Gynt“, „Geschichten aus dem Wiener Wald“, „Kleists Traum vom Prinzen Homburg“ und die „Sommergäste“. Mindestens 20mal haben mich seine Präsenz und seine Stimme auf der Bühne beeindruckt. Im Kino habe ich ihn zum ersten Mal 1964 in DER SANFTE LAUF von Haro Senft gesehen. Es folgten dann u.a. DIE MARQUISE VON O. von Eric Rohmer, DER AMERIKANISCHE FREUND von Wim Wenders, MESSER IM KOPF von Reinhard Hauff, SYSTEM OHNE SCHATTEN von Rudolf Thome, DER HIMMEL ÜBER BERLIN und IN WEITER FERNE, SO NAH! von Wim Wenders, DER UNTERGANG von Oliver Hirschbiegel und, zuletzt, IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS von Matti Geschonneck – und das sind nur die für mich wichtigsten Filme. Er war einer unserer größten Schauspieler. Jetzt ist Bruno Ganz im Alter von 77 Jahren in seiner Heimatstadt Zürich gestorben.

Bären-Verleihung

Heute Abend werden im Berlinale-Palast die Bären verliehen. Die Jury, präsidiert von Juliette Binoche, kann sieben Silberne und einen Goldenen vergeben. Es konkurrieren 16 Filme im Wettbewerb. Als Favoriten für den Goldenen Bären werden SO LONG, MY SON von Wang Xiaoshuai, SYNONYMES von Nadav Lapid und ICH WAR ZUHAUSE, ABER von Angela Schanelec gehandelt; der Preis geht an den Produzenten. Die Prognosen für die Juryentscheidungen bei den Silbernen Bären sind schwierig, weil hier auch viele diplomatische Aspekte eine Rolle spielen. Vergeben werden Silberne Bären für die beste Regie, die beste Darstellerin, den besten Darsteller, das beste Drehbuch, eine herausragende künstlerische Leistung in den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design sowie der „Große Preis der Jury“ und der „Alfred Bauer-Preis“ für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. Mit drei Titeln im Wettbewerb war der deutsche Film diesmal gut vertreten. Da sollte mit der einen oder anderen Auszeichnung schon zu rechnen sein. Zur internationalen Jury gehören der Filmkritiker Justin Chang (USA), die Schauspielerin Sandra Hüller (Deutschland), der Regisseur Sebastián Lelio (Chile), der Filmkurator des MoMA Rajendra Roy (USA) und die Schauspielerin Trudie Styler (Großbritannien). Die Preisverleihung wird ab 19 Uhr live auf 3sat übertragen. Anschließend wird im Berlinale-Palast der mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Film gezeigt. Wenn der chinesische Film SO LONG, MY SON gewinnt, wird es ein langer Abend, denn er dauert drei Stunden.

Regisseurinnen der DEFA

„Sie“ – so der Titel dieser beeindruckenden Publikation – das sind die Regisseurinnen der DEFA, die in 46 Jahren für diese Firma Spiel-, Dokumentar-, Kurz- oder Animationsfilme realisiert haben. Es waren insgesamt 63. Sie werden in alphabetischer Reihenfolge porträtiert. Natürlich kenne ich, weil mich die DEFA immer interessiert hat, viele Namen, zum Beispiel Iris Gusner, Karola Hattop, Barbara Junge, Helke Misselwitz, Gitta Nickel, Ingrid Reschke, Ingrid Sander, Elke Schieber (aber mehr als Filmhistorikerin), Evelyn Schmidt, Sibylle Schönemann, Annelie Thorndike, Tamara Trampe, Petra Tschörtner, Hannelore Unterberg. Aber die Mehrzahl ist mir gänzlich unbekannt. Vier Jahre wurde für dieses Buch recherchiert, das Herausgeberduo Cornelia Klauß und Ralf Schenk hat 19 Autorinnen und Autoren für die Textmitarbeit gewonnen, darunter Barbara Felsmann, Jan Gympel, Günter Jordan, Claus Löser, Dorett Molitor, Anke Westphal. Elf Porträts stammen von Connie Klauß, sechs von Ralf Schenk. Die Porträts haben einen Umfang von einer bis sieben Seiten, angefügt ist jeweils eine Filmografie, in der neben der Regie auch andere Funktionen aufgelistet sind. Bei den Recherchen hat Johannes Roschlau sehr aktiv mitgewirkt. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist ideal: synchron mit der Retrospektive der Berlinale über die Perspektiven von Filmemacherinnen in Deutschland von den 60er bis in die 90er Jahre. Der Retro-Titel „Selbstbestimmt“ war für die Regisseurinnen der DEFA allerdings die seltene Ausnahme. Zwei DVDs mit 18 Filmen sind der Publikation beigefügt, neben vielen Kurzfilmen enthalten sie die Spielfilme KENNEN SIE URBAN? von Ingrid Reschke und ISABEL AUF DER TREPPE von Hannelore Unterberg. Coverfoto: Helke Misselwitz und Kameramann Thomas Plenert bei den Dreharbeiten zu HERZSPRUNG (1992), fotografiert von Helga Paris. Mehr zum Buch: http://www.bertz-fischer.de/sie.html

Valentinstag

Dies ist kein offizieller Feiertag, aber es gab mehrere frühchristliche Heilige mit dem Namen Valentinus, und einem von ihnen zu Ehren hat der 14. Februar diesen Namen bekommen. Ein „heiliger“ Valentin ist für mich der geniale Komiker Karl Valentin (1882-1948), ein bayerisches Original, das weit über die Grenzen dieses Landes hinaus berühmt wurde. Auf der Bühne und im Film hat er mit seinem sehr speziellen Humor einen unglaublichen Figurenreichtum verkörpert. Mimisch, gestisch und sprachlich. Bei Schirmer/Mosel ist jetzt ein Buch mit Photographien von ihm erschienen: Karl Valentin in 63 verschiedenen Masken. Das Vorwort stammt von Wolfgang Till, der viele Jahre – zuletzt als Direktor – am Münchner Stadtmuseum tätig war. Ein zentraler Beitrag ist der Text des Kunstkritikers, Publizisten und Diplomaten Wilhelm Hausenstein „Die Masken des Komikers“, der aus großer Nähe die Persönlichkeit Valentins würdigt. Es ist ein Nachruf, der uns Valentin siebzig Jahre nach seinem Tod in Erinnerung ruft. Ein wunderbares Buch zum Valentinstag. Das Coverfoto von Karl Kurt Wolter (aufgenommen um 1940) ist ein Kontrast zu den Rollenporträts. Mehr zum Buch: 39&products_id=918

Dieter Kosslick

Nach 18 Jahren verab-schiedet sich Dieter zurzeit als Direktor der Berlinale. Das prägte schon im Vorfeld die Berichterstattung über das Festival, es gab lesenswerte Interviews im Tagesspiegel und in der Berliner Zeitung, und auch bei der Eröffnung stand er im Mittelpunkt des Abends. In seinen ersten Berlinale-Jahren habe ich eng mit Dieter zusammengearbeitet, war als Leiter der Retrospektive bei den Treffen der Sektionschefs dabei und konnte beobachten, wie souverän er in diesem Kreis die Fäden in der Hand hat. Dieters größte Begabung ist sein Kommunikations-verhalten, er verfügt über eine positive Ausstrahlung, er lässt sich von Menschen beraten, denen er vertrauen kann. Das betrifft natürlich auch die Auswahl der Filme für den Wettbewerb. Aus meiner Sicht hat er hier – immer ihm Rahmen seiner Möglichkeiten – gute Entscheidungen getroffen, auch wenn er häufig hart kritisiert wurde. 2006 hat Dieter mir zum Abschluss unserer Zusammenarbeit die Berlinale-Kamera verliehen und 2008 den Film AUGE IN AUGE als Berlinale Special ins Programm aufgenommen. Vor einigen Wochen saßen wir bei der Eröffnung der Ausstellung „Zwischen den Filmen“ im Museum für Film und Fernsehen wieder einmal nebeneinander. Ich fühle mich mit ihm freundschaftlich verbunden und habe großen Respekt vor seiner Leistung als Berlinale-Direktor. Im September wird bei Hoffmann und Campe seine Autobiografie erscheinen: „Schön auf dem Teppich bleiben“ – mit dem Untertitel „Kino, Kunst und Kulinarik“. Ich bin gespannt, wie er sein Leben erzählt.

Woche der Kritik

Zum fünften Mal findet während der Berlinale die „Woche der Kritik“ statt, die vom Verband der deutschen Filmkritik verantwortet wird. Als künstlerischer Leiter fungiert Frédéric Jaeger. 13 Filme werden im Hackesche Höfe Kino gezeigt, darunter NAKORN-SAWAN von Puangsoi Aksornsawang, FAUSTO von Andrea Bussmann, MAMAN MAMAN MAMAN von Lucia Margarita Bauer, THE GREAT PRETENDER von Nathan Silver, ROI SOLEIL von Albert Serra, MAGIC SKIN von Kostas SamarasTHE AMBASSADOR’S WIFE von Theresa Traore Dahlberg, PRETTY GIRLS DON’T LIE von Jovana Reisinger und AREN’T YOU HAPPY? von Susanne Heinrich. Zum zweiten Mal gibt es eine Publikation zur Veranstaltungsreihe. Im ersten Teil (26 Seiten) geht es um das Thema „Criticism and Curation“, im zweiten Teil (64 Seiten) werden die gezeigten Filme vorgestellt und mit Debatten verbunden, der dritte Teil (70 Seiten) ist dem Regisseur Christoph Schlingensief gewidmet, der zu Beginn der Woche Thema einer kleinen Konferenz war. Die Publikation (teils in deutscher, teils in englischer Sprache) haben Vivien Buchhorn und Frédéric Jaeger konzipiert, sie ist auch in der grafischen Gestaltung (Matthias Neumann, Judith Jakob) sehr originell. Mehr zum Buch: DE/koschke-2/

Berlinale Goes Kiez

Seit zehn Jahren zeigt die Berlinale ausgewählte Filme aus allen Sektionen in wechselnden Bezirkskinos. Diesmal sind dies das Sputnik Kino in Kreuzberg, das Kino Union in Friedrichshagen, das Lichtblick-Kino in Prenzlauer Berg, das b-ware! Ladenkino in Friedrichshain, der Blaue Stern in Pankow, das Odeon in Schöneberg und das City Kino in Wedding. So kann man heute im Lichtblick-Kino den Film WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN von Helke Misselwitz aus der Retrospektive „Selbstbestimmt“ sehen. Eine Sonderveranstaltung mit dem Film SYSTEMSPRENGER von Nora Fingscheidt gibt es am 14. Februar in der JVA Plötzensee. Mehr zu den Kinos: berlinale_goes_kiez_2019/index.html

Berlinale Classics

Sechs Filme werden in dieser Reihe als Weltpremieren der digital restaurierten Fassung gezeigt: DESTRY RIDES AGAIN (USA 1939) von George Marshall mit James Stewart und Marlene Dietrich (Foto), JAGKO (Republik Korea 1980) von Im Kwon-taek, ORDET (Dänemark 1955) von Carl Theodor Dreyer mit Henrik Malberg und Brigitte Federspiel, ADOPTION (Ungarn 1975) von Márta Mészáros mit Katalin Berek, DIE SIEGER (Deutsch-land 1994) von Dominik Graf mit Herbert Knaup und Katja Flint und DIE JUNGEN SÜNDER (Norwegen 1959) von Edith Carlmar mit Liv Ullmann und Atle Merton. Ich kenne nur den norwegischen Film nicht und bin besonders gespannt auf die restaurierte Fassung von DESTRY RIDES AGAIN. Mehr zur Reihe: 48340.html

Hommage Charlotte Rampling

Die Hommage ist in diesem Jahr der Schauspielerin Charlotte Rampling (*1946) gewidmet. Sie erhält den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk. In über 100 Filmen hat sie durch ihre Darstellung beeindruckt. 2006 war sie Jury-Präsidentin der Berlinale. 2011 hat Angelina Maccarone den Porträtfilm THE LOOK über sie realisiert, der auch in der Hommage gezeigt wird. Die zehn anderen Filme sind LA CADUTA DEGLI DEI (1969) von Luchino Visconti, STARDUST MEMORIES (1980) von Woody Allen, THE VERDICT (1982) von Sidney Lumet, MAX MON AMOUR (1986) von Nagisa Oshima, SOUS LE SABLE (2000) und SWIMMING POOL (2003) von François Ozon, VERS LE SUD (2005) von Laurent Cantet, 45 YEARS, für den sie 2015 zusammen mit Tom Courtenay den Silbernen Bären als Beste Darstellerin erhielt, HANNAH (2017) von Andrea Pallaoro, für den sie in Venedig den Coppa Volpi erhielt, und IL PORTIERE DI NOTTE (1974) von Liliana Calvani, der am 14. Februar im Berlinale-Palast zur Überreichung des Goldenen Bären gezeigt wird. Für die Zusammenstellung des Programms ist traditionell die Deutsche Kinemathek verantwortlich. Das 44seitige Programmheft mit einem schönen Porträttext von Gerhard Midding kann man als bescheidene Publikation akzeptieren. Mehr zur Hommage: homage_2019.html