Neuer Realismus im US-Kino

Wer in den letzten Jahren das amerikanische Independent-Kino beobachtet hat, konnte an der Entwicklung eines neuen Realismus teilnehmen. Dafür stehen Filme wie DOWN THE BONE (2004) von Debra Granik, HALF NELSON (2006) von Ryan Fleck, FROZEN RIVER (2008) von Courtney Hunt, WENDY AND LUCY (2008) von Kelly Reichardt oder WINTER’S BONE (2010) von Debra Ganik. Die Viennale hat diesen Filmen im Vorfeld ihres Jubiläums (sie wird in diesem Jahr 50) eine kleine Retrospektive gewidmet, die Anfang Juni stattfand. Bei Schüren ist dazu eine sehr informative Publikation erschienen: „Real America“, herausgegeben von Gunnar Landsgesell, Michael Pekler und Andreas Ungerböck. Drei Aufsätze der Herausgeber analysieren Stil, Thematik, Hintergründe und Bildgestaltung. 25 Filme werden ausführlich gewürdigt. Dazu: kurze Regisseursporträts, eine Bibliografie und viele, zum Teil farbige Abbildungen. Mehr zum Buch: 324–real-america.html

Bologna

Heute beginnt das 26. Festival „Il Cinema Ritrovato“ in Bologna. Bis zum 30. Juni ist die italienische Stadt Treffpunkt von Archivaren, Film-historikern und Kino-liebhabern. Das Programm ist wie immer sehr breit gefächert, viele Filme sind in rekonstruierten Fassungen zu sehen. Zu den Schwer-punkten gehören Filme von Jean Grémillon, Ivan Pyr’ev, Raoul Walsh und Lois Weber. In zwei Kinos und abends auf der Piazza Maggiore werden über 100 alte Filme präsentiert. Ehrengast ist der Regisseur John Boorman. Mehr zum Programm: ritrovato2012en/ev/foreword2012

THE KING’S SPEECH

„Reclams Rote Reihe“ offeriert Originaltexte fremdsprachiger Literatur. Drehbücher werden hier selten publiziert. Wenn jetzt das „Shooting Script“ zu THE KING’S SPEECH von David Seidler als Ausnahme geadelt wird, dann hat das seine Logik. Es bekam 2011 den Oscar für das beste Originaldrehbuch (auch der Film, der Regisseur und der Hauptdarsteller wurden ausgezeichnet). Die Lektüre macht noch einmal deutlich, welch exzellente Basis der Text für den von Tom Hooper inszenierten Film gelegt hat. Weil die „Rote Reihe“ auch als Schulbuch funktionieren soll, gibt es auf jeder Seite Übersetzungshilfen. Ein persönliches Nachwort hat David Seidler beigesteuert. Das anonyme deutsche Nachwort (wohl vom Herausgeber Lutz Walther) vermittelt historische Zusammenhänge. Das einzige Filmbild ist auf dem Cover abgebildet. Das treibt den Purismus der Reihe etwas auf die Spitze. Aber für 5 € ist es der zurzeit preiswerteste Titel auf dem Markt der Filmliteratur.  Mehr zum Buch: David_Seidler/The_King_s_Speech

Film Noir in Frankfurt am Main

Heute wird im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main eine Ausstellung zum Film Noir eröffnet. Das amerikanische Genre hatte seine Höhe-punkte in den 1940er und 50er Jahren, wurde durch europäische Einflüsse geprägt und ist mit Regisseuren wie Robert Siodmak, Billy Wilder, Otto Preminger. Orson Welles und Nicholas Ray verbunden. Mehr zur Ausstellung: ausstellung/film-noir/. Mehr zum Film Noir: Filmgenres__Film_noir

Medienwissenschaft: Rezensionen

Diese Zeitschrift ist immer einen Hinweis wert. Sie erscheint vierteljährlich, wird von Malte Hagener, Angela Krewani, Karl Riha und Burkhard Röwekamp herausgegeben und publiziert nicht nur Buchrezensionen, sondern auch Aufsätze, Tagungsberichte und Fundstücke. Die Filmliteratur ist gut repräsentiert, im gerade erschienenen Heft werden 25 Publikationen aus den letzten zwei Jahren rezensiert. Mehr zur Zeitschrift: medrez/aktuell.html

Filmmuseum London

Auch in London gibt es inzwischen wieder ein Filmmuseum. Es entstand auf private Initiative, hatte verschiedene Vorläufer und wurde im April in Covent Garden im Gebäude des ehemaligen Theatermuseums eröffnet. Präsentiert wird eine Ständige Ausstellung, und es gibt wechselnde Sonderausstellungen. Den Beginn macht „Magnum on Set“, die Schau der großen Fotografen, die erstmals 2010 im Kunstfoyer der Bayerischen Versicherungskammer zu sehen war.

Filmkongress in NRW

Ein bisschen ähneln die Film- und Medienkongresse in den deutschen Ländern einem Wanderzirkus. Auf den Podien (in der Kuppel) drehen Medienpolitiker, Verbands-vorsitzende, Produzenten und kreative Filmemacher ihre rhetorischen Pirouetten. Diesmal in NRW. Drei Thementage: heute „Filmpolitik und digitale Distribution“, morgen „Entertainment“, am Mittwoch „New Content“. Mehr zum Kongress: www.filmkongress.com/. Die nächste Station ist Anfang September in Berlin, und Ende Oktober finden in München die Medientage statt.

Dietrich & Hemingway

Hans-Peter Rodenberg (*1952) ist Professor für Film, Neue Medien und American Cultural Studies an der Universität Hamburg, macht Dokumentarfilme und hat 1999 bei Rowohlt eine Hemingway-Biografie publiziert. In seinem neuen Buch (Insel) erzählt er eine Beziehungsgeschichte, von der manches bekannt gewesen und einiges bisher geheimnisvoll geblieben ist. Roden-bergs Hauptquelle ist der Briefwechsel zwischen Dietrich & Hemingway, der in Boston verwahrt wird. Er hat ihn zu einer kleinen Doppelbiographie verwoben, mit vielen Sekundärinformatio-nen verbunden und zu einem weitgehend unterhaltsamen Text ver-arbeitet. Im Mittelpunkt steht die Zeit von 1934 (erste Begegnung auf dem Ozeandampfer „Ile de France“) bis 1961 (Hemingways Tod). Die Ernest-Seite wirkt besser recherchiert, auf der Marlene-Seite stören die deutschen Titel ihrer amerikanischen Filme und manche saloppen Formulierungen. Mehr über das Buch: rodenberg_35794.html. Manuela Reichart hat das Buch sehr freundlich im Deutschlandradio besprochen: kritik/1764537/

Deutscher Kamerapreis

Heute findet in Köln die 22. Verleihung des Deutschen Kamerapreises statt. In sechs Kategorien (Kinospielfilm, Fernsehfilm/ Dokudrama, Fernsehserie, Kurzfilm, Bericht/Reportage, Dokumentarfilm/ Dokumentation) gibt es jeweils drei bis vier Nominierungen. Und je zwei Nominierungen gibt es in den sechs Kategorien für den Schnitt. Alle Nominierungen und nach der Preisverleihung auch die Ergebnisse findet man unter: preistrager/kamera-2/?jahre=2454/. Den Ehrenpreis – das gefällt mir sehr – erhält in diesem Jahr die Kamerafrau Judith Kaufmann.

Avantgarde im Archiv?

Die Deutsche Kinemathek veranstaltet heute und morgen in ihrem Haus in der Potsdamer Straße wieder ein Kolloquium. Diesmal geht es um den Avantgardefilm. Wie und wo wird er archiviert, wo und wie findet er sein Publikum? Auf dem Programm steht ein Erfahrungsaustausch zwischen Los Angeles, Amsterdam und Berlin. Parallel findet ein Kinderkolloquium statt. Und heute Abend werden zum 13. Mal die Kinopreise des Kinematheksverbundes verliehen. Mehr zur Veranstaltung: article/3460/3004.html. (Foto: aus dem Film KASKARA von Dore O.).

Und hier findet man die Gewinner der Kinopreise: kinopreis-2012-die-preistraeger