Der Nationalsozialismus im Film

Das Buch von Sonja Schultz hat alle Qualitäten für ein „Filmbuch des Monats“. Aber ich gestehe, dass es mich stört, einen Monat lang auf der Eröffnungsseite meiner Homepage die aufgereihten Hakenkreuz­fahnen aus Leni Riefenstahls TRIUMPH DES WILLENS vor Augen zu haben. Mutig, fleißig und aufmerksam hat sich die Autorin in ihrer Dissertation (Humboldt-Universität Berlin) durch achtzig Jahre Weltfilmgeschichte hindurchgearbeitet und die Darstellung des Nationalsozialismus im internationalen Spiel- und Dokumentarfilm erforscht. Auf rund 400 Filme lässt sie sich genauer ein, beginnend mit HITLER ÜBER DEUTSCHLAND (1932), endend mit IRON SKY (2012) von Timo Vuorensola. Sie geht – mit Vor- und Rückgriffen – chronolo-gisch vor, ordnet in Dekaden und bildet Schwerpunkte, auch was den Umfang der Epochen betrifft. Natürlich werden die wichtigsten Filme genauer analysiert, aber oft müssen auch kurze Hinweise ausreichen, wobei sich die Autorin darauf verlassen kann, dass viele Titel in guter Erinnerung sind. Mit einer umfangreichen Bibliografie lädt sie zur vertiefenden Lektüre ein. Im Stil vermeidet Sonja Schulz soweit wie möglich den Wissenschaftsjargon, sie ist konkret in den Beschrei-bungen und nüchtern in den Bewertungen. Mit Quellenhinweisen und Fußnoten sichert sie sich ausreichend ab, nervt aber den Leser nicht über die Maßen. Für ihre Arbeitsleistung gebührt der Autorin großer Respekt. Bertz + Fischer haben wie immer viel Arbeit in den Band investiert, er ist gut lektoriert, zu den schwarzweißen Abbildungen kommt in der Mitte des Buches ein 32seitiger Farbteil. Also doch ein Buch des Monats. Mehr dazu: nationalsozialismusimfilm.html

Raum und Identität im Film

Neun Texte versammelt dieser Band. Sie wurden im Herbst und Winter 2010/11 an der Philosophischen Fakultät in Sarajewo (Bosnien-Herzegowina) als Vorlesungen vorgetragen und sollten eine Diskussion darüber anregen, „in wieweit der Film als Medium und Kunstform zur Konstitution der Identität und des Raumes in der globalen Kultur beiträgt.“ Im Ergebnis stellen sich wenig konkrete Verbindungen her, aber einzelne Beiträge haben große Qualitäten, zum Beispiel der Text des Wiener Professors Klemens Gruber über die „Räume der Avantgarde“, die Reflexion des Konstanzer Medienwissen-schaftlers Joachim Paech über „Verkörperte Zeit“ in Christopher Nolans PRESTIGE, die Interpretation des Philosophen Samir Arnautovic der Metaphysik in den Filmen von Stanley Kubrick, die Entdeckungen des Studenten und Kommunalen Kinomachers Tim Glaser „Zur Präsenz unheimlicher Medien im modernen japanischen Horrorfilm“ und natürlich die medialen Zukunftsüberlegungen von Georg Seeßlen „Do Androids Dream of Virtual Spaces?“. Mehr zum Buch: 338–raum-und-identitaet-im-film.html

Der absolute Film

„Absoluter Film“ war von den 1910er bis in die frühen 1930er Jahre die Avantgarde, die sich befreite von der Wiedergabe der Realität und vom Erzählen fiktiver Geschichten. Sie spielte mit den Formen, nahm Anregungen der Bildenden Kunst und der Musik auf und bereicherte das Kino auf individuelle Art. Die Anthologie aus Zürich, herausgegeben von Christian Kiening und Heinrich Adorf, ist ein klassischer Sammelband. Er enthält 58 Texte, chronologisch geordnet, beginnend mit Bruno Corradines „Chromatischer Musik“ (1912), endend mit der Dissertation „Das Lichtspiel“ von Victor Schamoni (1936). Natürlich sind die großen Protagonisten wie Walter Ruttmann, Hans Richter, László Moholy-Nagy, Germaine Dulac, Fernand Léger und Oskar Fischinger und wichtige Filmkritiker wie Rudolf Arnheim, Fritz Böhme, Bernhard Diebold vertreten. Selbstdarstellungen wechseln mit kritischen Beiträgen. Der Anhang enthält eine umfangreiche Biobibliografie der Autoren und ein 90seitiges Nachwort, das den „absoluten Film“ historisch einordnet. Vorbildlich ediert. Mehr zum Buch: Neuerscheinungen

Emilie Altenloh

Diese soziologische Dissertation, verfasst vor hundert Jahren von Emilie Altenloh, heraus-gegeben von Alfred Weber, gedruckt 1914, also vor Beginn des Ersten Weltkriegs, ist legendär, weil sie erstmals wissenschaftliche Auskünfte über die Kino-Unternehmung der Frühzeit und die sozialen Schichten ihrer Besucher enthält. Altenloh hatte damals in Mannheim und Heidelberg die Kinosituation erforscht und 3.000 Fragebögen für ihre empirische Untersuchung verteilt. Ihre Beschreibung der technischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Kinematographen und der Erwartungen der Zuschauer sind eine einmalige Quelle, auch wenn sie nicht heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen mag. Das Buch wurde immer wieder zitiert, in den 1970er Jahren kursierte ein Raubdruck, nun ist, herausgegeben von Andrea Haller, Martin Loiperdinger und Heide Schlüpmann, bei Stroemfeld eine Neuausgabe erschienen. Sie enthält natürlich den vollständigen faksimilierten Text der Dissertation, wurde aber ergänzt durch zeitgenössische Rezensionen und sieben aktuelle Beiträge, die das Buch in einen historischen Zusammenhang stellen. (In einem meiner Filmbuchregale steht die Originalausgabe, die ich 1968 im Berliner Antiquariat von Carl Wegener in der Martin-Luther-Straße für 17 DM erworben habe.) Mehr zur Neuausgabe: buecher_Z_9_1/

Peter Nestler

Das Warten hat sich gelohnt. 22 Filme von Peter Nestler liegen jetzt in technisch sehr gutem Zustand als verspäteter Gruß zum 75. Geburtstag als DVD vor. Es sind vor allem Filme aus den sechziger Jahren, die mich mit dem Dokumentaristen verbinden. EIN ARBEITERCLUB IN SHEFFIELD (1965) gehört bis heute zu meinen Lieblingsfilmen. Fünf DVDs ordnen das Werk – es handelt sich um seine deutschen Filme – in die Kapitel „Frühe Poetik“, „Verfolgte und Verfolger“, „Geschichte und Erinnerung“, „Natur und Kultur“ und „Ungarische Impressionen“. Kay Hoffmann fungiert als Herausgeber der Box im Zusammenwirken vom Haus des Dokumentarfilms mit der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen. Wieder schließt Absolut Medien eine Lücke in der Reihe „Die großen Dokumentaristen“. Im Bonusmaterial findet man das schöne Gespräch zwischen Christoph Hübner und Peter Nestler, das sie 1994 geführt haben. Vom Herausgeber Hoffmann stammt auch ein informatives Booklet, das der Box beiliegt.  Mehr zur Edition: thema&list_item=60

Werner Herzog 70

Heute wird Werner Herzog 70 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch. Und es ist eine gute Gelegenheit auf ein wunderbares Herzog-Buch hinzuweisen, das in diesem Jahr bei Wiley-Blackwell erschienen ist. Brad Prager, Associate Professor of German an der University of Missouri und ausgewiesener Herzog-Experte, hat es herausgegeben. 25 Textbeiträge, gegliedert in fünf Teile, liefern eine komplexe Analyse des bisherigen Lebenswerkes. Zu den Autorinnen und Autoren gehören Eric Ames, Roger F. Cook, Timothy Corrigan, Randall Halle, Brigitte Peuker und als Gast aus Deutschland Chris Wahl. Das Buch ist – wie der fast gleichzeitig erschienene Fassbinder-Companion – nicht billig, aber für Herzog-Fans Pflichtlektüre. Mehr über das Buch: WileyTitle/productCd-1405194405.html

Deutsche Selbstbilder in den Medien

Martin Nies, Akademischer Oberrat an der Universität Passau, Heraus-geber der Reihe „Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik“, formuliert in seinem Vorwort die „Kultursemio-tischen Perspektiven“ des Themas, und dann gibt es – vorwiegend aus Passauer Wissenschaftssicht – sieben konkrete Filmanalysen von 1946 bis zur Gegenwart: DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946) von Wolfgang Staudte (analysiert von Eckhard Pabst), GRÜN IST DIE HEIDE (1951) von Hans Deppe (Dennis Gräf), WIR WUNDERKINDER (1958) von Kurt Hoffmann (Andreas Blödorn), DEUTSCHLAND IM HERBST (1978), Gruppenfilm (Jan Henschen), DER MANN AUF DER MAUER (1982, Titelfoto) von Reinhard Hauff (Christer Petersen), GOOD BYE, LENIN! (2003) von Wolfgang Becker (Ingold Zeisberger) und der HEIMAT-Zyklus (1984-2004) von Edgar Reitz (Hans Krah). Den Abschluss bildet eine Reflexion über den Wandel im filmischen Migrationsdiskurs 1985-2008 am Beispiel von 40 QM DEUTSCHLAND, Kanack Attack und diversen Tatorten von Stefan Halt. Interessant zu lesen im zeitlichen Abstand von der Produktion. Auffallend sind das Fehlen von ABSCHIED VON GESTERN (1966) und die Abwesenheit des DDR-Films abgesehen vom frühen Staudte. Mehr zum Buch: 1945-bis-zur-gegenwart.html

Ken Adam

Erste Nachricht: der Production Designer Ken Adam hat sein Archiv der Stiftung Deutsche Kinemathek geschenkt. Es wird sukzessive in die Sammlungen des Hauses integriert. Zweite Nachricht: wenn morgen die neuen Sterne auf dem Boulevard der Stars enthüllt werden, wird Ken Adam einen besonders glänzenden Stern bekommen und auch persönlich dabei sein. Da passt es gut, dass kürzlich bei Bertz + Fischer ein kluges Buch über Ken Adam und die James Bond-Filme erschienen ist. Petra Kissling-Koch, Kunsthistorikern und Innenarchitektin, hat darüber in Bonn ihre Dissertation geschrieben. Es geht ihr vor allem um das Erscheinungsbild von Machtzentralen in der Filmarchitektur. Wie lässt sich Herrschaft in der Architektur und im Design darstellen, gibt es für den Betrachter spezielle, wiedererkennbare Raumeindrücke, die zum Beispiel für Bond-Filme spezifisch sind? Sieben Filme aus den Jahren 1962 bis 1979 analysiert die Autorin, sie findet stilistisch typische Adam-Merkmale, verfolgt ihre Wurzeln in der Architekturgeschichte und formuliert schlüssige Erkenntnisse zu den Bond-Filmen der Sean-Connery- und Roger-Moore-Ära. Mit vielen brillanten Abbildungen. Mehr über das Buch: www.bertz-fischer.de/product_info.php?products_id=366

Dokumentarfilme aus Babelsberg

Ein neues Buch zur deutschen Dokumentar-filmgeschichte. Es bezieht sich auf einen Ort: Babelsberg, auf das Studio und die Film-hochschule. Klaus Stanjek, der Heraus-geber, seit 1993 Professor für Dokumentar-filmregie an der HFF „Konrad Wolf“, hat sich in die spezifischen Qualitäten des DDR-Dokumentarfilms eingearbeitet. Von ihm stammt einer der drei Aufsätze zu den Parametern des Babelsberger Dokumentar-films. Er hat sich zwei Autoren zu Hilfe geholt: seine Kollegin Marie Wilke, die in einem sehr klugen Essay die Langzeitbeobachtungen von Winfried Junge (Golzow) und Volker Koepp (Wittstock) vergleicht, und Günter Jordan, Absolvent der HFF, der die Entwicklung des Babelsberger Dokumentarfilms als teilnehmender Beobachter schildert. Die drei Essays sind sehr informativ. Etwas kurzatmig werden im Anhang 18 Filme der „Babelsberger Schule“ chronologisch von 1962 bis 2010 vorgestellt: drei von Jürgen Böttcher, zwei von Volker Koepp, je einer von Karl Gass, Winfried Junge, Kurt Teztlaff, Helke Misselwitz, Thomas Heise, Petra Tschörtner, Alice Agneskirchner, Uli Gaulke, Stanislaw Mucha, Ines Thomsen, Shaheen Dill-Riaz, Mernhard Sallmann und Dieter Schumann. Die Auswahl ist nicht ganz einsichtig. Dennoch ein bemerkenswertes Buch. Mehr Informationen: http://www.bertz-fischer.de/babelsbergerschule.html

Animation Under the Swastika

Rolf Giesen, Spezialist für Special Effects und Animation hat zusammen mit J. P. Storm ein Buch über den Trickfilm in der Nazizeit publiziert, kürzlich erschienen bei McFarland & Company in Jefferson. Ich habe das Buch noch nicht in der Hand gehabt, vertraue aber der Kompetenz von Rolf und weise hier darauf hin. Im Verlagstext heißt es: „Among their many idiosyncrasies, Adolf Hitler and Joseph Goebbels, the Nazi minister of propaganda, remained serious cartoon aficionados throughout their lives. They adored animation and their influence on German animation after World War II continues to this day. This study explores Hitler and Goebbels’ efforts to establish a German cartoon industry to rival Walt Disney’s and their love-hate relationship with American producers, whose films they studied behind locked doors. Despite their ambitious dream, all that remains of their efforts are a few cartoon shorts—advertising and puppet films starring dogs, cats, birds, hedgehogs, insects, Teutonic dwarves, and other fairy-tale ensemble. While these pieces do not hold much propaganda value, they perfectly illustrate Hannah Arendt’s controversial description of those who perpetrated the Holocaust: the banality of evil.“ Rolf ist seit einiger Zeit Direktor des „Jilin Animation, Comics and Games Museums“ in Changchun.