Genre-Störungen

In elf Texten geht es um die Irritation als ästhetische Erfah-rung im Film, bezogen auf Science-Fiction, Western und Horror und mediale Verschmel-zungen. Fünf Texte finde ich besonders interessant: Jennifer Henke entdeckt in neues Ste-reotyp der Wissenschaftlerin im Film am Beispiel von CONTACT (1997) und GRAVITY (2013). Matthias Kepser erprobt Genre-Störungen im Western. Lukas Foerster beschäftigt sich mit den Horrorfilmen von Herman Yau und Anthony Wong. Marcus Stiglegger richtet seinen Blick auf die ästhetische Subversion von Genredramaturgien in UNDER THE SKIN von Jonathan Glazer und NOCTURNAL ANIMALS von Tom Ford. Benjamin Moldenhauer sieht TWIN PEAKS von David Lynch als Störung serialisierter Behaglichkeitsversprechen. Band 11 der Schriftenreihe zur Textualität des Films. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: genre-stoerungen-stf-11.html

Federico Fellini 100

Morgen ist der 100. Geburtstag des ita-lienischen Regisseurs Federico Fellini zu feiern. Man kann aus diesem Anlass das schöne Buch „Ich bin fellinesk“ lesen, das Gespräche des Jour-nalisten Costanzo Costantini mit dem Regisseur enthält (federico-fellini/). Man kann aber auch heute Abend ins Kino Arsenal gehen, wo eine Reihe eröffnet wird, in der fünf Filme gezeigt werden, die Fellini zwischen 1960 und 1987 mit Marcello Mastroianni gedreht hat. Zu sehen ist OTTO E MEZZO (1963) mit MM, Anouk Aimée und Claudia Cardinale in einer 35mm-Kopie in Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Die Einführung hält Gerd Midding. Das Italienische Kulturinstitut präsentiert zurzeit die Ausstellung „Fellini/Mastroianni/Alter Ego“ mit vielen bisher unveröffentlichten Fotos. Mehr zur Filmreihe: article/8235/2796.html

ATLAS (2019)

Der Filmtitel bezieht sich auf die griechische Mythologie. Der Titan Atlas musste als Strafe das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern tragen. Auch die Hauptfigur, der Möbelpacker Walter (beeindruckend gespielt von Rainer Beck), hat schwere Lasten zu befördern. Er be-wältigt das mit stoischer Geduld. Die Firma, bei der er arbeitet, ist auf Zwangsräumungen spezialisiert. Durch Zufall begegnet er in diesem Zusam-menhang seinem inzwischen erwachsenen Sohn, den er jahrzehntelang nicht gesehen hat. Ein Familiendrama und ein Clan-Thriller verbinden sich in diesem Film auf spannende Weise. Das Spielfilmdebüt von David Nawrath hat beachtliche Qualitäten. Die DVD des Films ist jetzt bei Pandora erschienen. Mehr zur DVD: atlas.html

Gerhard Friedl

Sein Lebenswerk ist schmal, aber ungewöhnlich. Gerhard Friedl (1967-2009) hat zwei herausragende Dokumentar-filme hinterlassen: KNIT-TELFELD STADT OHNE GESCHICHTE (1997) und HAT WOLFF VON AME-RONGEN KONKURS-DELIKTE BEGANGEN? (2004). Politik, Ökonomie, Geschichte und Kriminalität sind in diesen Filmen auf eigenwillige Weise mitein-ander verwoben. Es gibt außerdem zwei Kurzfilme, die an der HFF in München entstanden sind, und zahlreiche Projektideen, die er nicht mehr realisieren konnte. Friedl hat sich 42jährig aus dem Leben verabschiedet. Synema und das Österreichische Filmmuseum haben jetzt ein Arbeitsbuch publiziert, das Volker Pantenburg herausgegeben hat. Es enthält zahlreiche Texte von Friedl (besonders interessant: seine Seminarerfahrungen mit Helmut Färber), Gespräche über die Zusammenarbeit mit ihm, Briefe und Chat-Protokolle. Ein Schlüsselbeitrag sind auch die „Fragmente einer Arbeitsbiografie“ des Herausgebers Pantenburg. Mit Abbildungen in hervorragender Qualität. Mehr zum Buch: 1563501026481

Filmkritik in der Schweiz

„Freie Sicht aufs Kino“ heißt dieses interessante Buch über die Situation der Filmkritik in der deutsch-, italienisch- und französischsprachigen Schweiz, beginnend mit drei exemplari-schen Texten aus dem Jahr 1995 von Martin Schlappner, Guglielmo Volonterio und Freddy Buache (der leider 2019 verstorben ist). Josef Stutzer unternimmt im Gespräch mit Walter Vian einen Streifzug durch 60 Jahre Filmbulletin. Andreas Scheiner äußert sich zur Filmkritik im digitalen Wandel. Stéphane Gobbo informiert über die Veränderungen der Filmkritik in der französischen Schweiz seit 1990. Bei Martin Walder geht es um das Deutschschweizer Radio und den Film. Denise Bucher und Tereza Fischer wünschen sich in ihrem Gespräch mehr weibliche Vorbilder in der Filmkritik. Johannes Binotto sieht den Videoessay als Zukunft der Filmkritik. Eine sehr lesenswerte Bestandsaufnahme zur Filmkritik in unserem Nachbarland. Mit vielen Abbildungen. Band 5 der „edition filmbulletin“.Mehr zum Buch: filmkritik-in-der-schweiz.html

Der Weinstein-Skandal

In New York findet zurzeit der Prozess gegen den Filmprodu-zenten Harvey Weinstein wegen sexuellen Missbrauchs in zwei konkreten Fällen statt. Mit zahl-reichen ebenfalls betroffenen Frauen gab es zuvor außerge-richtliche Vergleiche. Eine Schlüsselfunktion im Weinstein-Skandal hat der Anwalt und Journalist Ronan Farrow, der zwei Jahre intensiv für den Sender NBC recherchiert hat und viele von Weinstein und seinen Juristen eingeschüchterte Frauen überzeugen konnte, ihre einschlägigen Erfahrungen öffentlich zu machen. Publiziert wurde das Material schließlich in der Zeitschrift New Yorker, weil NBC in den oberen Etagen das Thema verhinderte. Farrow beschreibt in seinem Buch (Originaltitel „Catch and Kill“) detailliert, wie er bei seinen Ermittlungen vorgegangen ist, welche Hindernisse ihm in den Weg gelegt wurden, welche Umwege er machen musste. Die 500 Seiten sind teilweise eine spannende Lektüre, gelegentlich führen sie in ein Labyrinth historischer Fakten, das mit der Zielrichtung nicht mehr viel zu tun hat, am Ende gibt es noch interessante Informationen über die Rolle des Nachrichtendienstes Black Cube, der im Auftrag Weinsteins tätig war. Deprimierend: die Haltung des NBC-Today-Chefs Noah Oppenheim. Beeindruckend: der Mut des New Yorker-Chefredakteurs David Remnick. Auch der familiäre Hintergrund des Autors Ronan Farrow, Sohn von Mia Farrow und (vermutlich) Woody Allen, kommt zur Sprache. Die deutsche Ausgabe ist im Rowohlt Verlag erschienen. Mehr zum Buch: durchbruch.html

Das Unschärfebild

Eine Dissertation, die an der Bauhaus-Universität Weimar entstanden ist. Adina Lauen-burger beschäftigt sich darin medientheoretisch mit dem Unschärfebild. Sie teilt ihre Untersuchung in zwei Bereiche: 1. Vorstellungen vom kinema-tografischen Bild oder der Sonderfall Josef von Sternberg, 2. Unschärfen und Medien. Die Entdeckungen und Beschrei-bungen der Unschärfen in Sternbergs Filmen SHANGHAI EXPRESS und THE SCARLET EMPRESS sind herausragend. Es geht dabei um Überblendungen, beliebige Räume, Vorstellen und Verstellen, Schleier, Bildgrenzen, Lichträume, Ornamente, Raster, Reflexion, Refraktion und Relation. 72 Abbildungen unterstützen den Text. Im zweiten Teil dominieren medienbegriffliche Klärungen, die wenig konkretisiert werden. Der Schlussabsatz lautet: „So ist das Unschärfebild im Singular zuletzt die Essenz aus der Vielzahl von Folgerungen, die gerade auch die Geschichte des Medienbegriffs als das Verhältnis von Exzess und Verwerfung enthüllen. Indem das Unschärfebild aber solches mitteilt, fällt es selbst unaufhörlich neuen Teilungen zu. Es lässt sich so an keiner Stelle als ein Drittes im System der Ausschlüsse fixieren. Und dies ist seine medientheoretische Definition.“ (S. 310). Mehr zum Buch: das-unschaerfebild

INTIMACY (2001)

Der Film von Patrice Chéreau lief 2001 im Wettbewerb der Berlinale und gewann damals den Goldenen Bären. Das erotische Psychodrama spielt in London. Immer mittwochs besucht Claire den Musiker Jay in seiner Wohnung und hat Sex mit ihm. Sie wissen sonst nichts voneinander, bis Jay die Spur aufnimmt und herausfindet, dass Claire Schauspielerin ist, einen Taxifahrer als Ehemann hat und mit ihm zusammen einen Sohn. Es ist eine eigene, durchaus glückliche Welt, in der sie lebt und die sie nur am Mittwochnachmittag verlässt. Jays Entdeckungen sind folgenreich für die Sexbeziehung. Chéreaus Bildsprache ist freizügig, aber nicht voyeuristisch. Die Protagonisten sind nicht idealisiert, sie erscheinen als „gewöhnliche Menschen“, auch wenn sie sich ungewöhnliche Freiheiten nehmen. Die Kamera (Eric Gautier) bleibt nah bei ihnen, Mark Rylance (Jay) und Kerry Fox (Claire) gelingt eine erstaunlich differenzierte Darstellung ihres individuellen Lebens. Bei StudioCanal ist jetzt die DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: arthaus.de/intimacy

ROADS (2019)

Zwei Achtzehnjährige treffen in der Nacht in Marokko aufein-ander: der eine, Gyllen, stammt aus London, will den Familien-urlaub beenden, hat seinem Stiefvater gerade das Wohn-mobil geklaut und macht sich auf die Suche nach seinem leiblichen Vater; der andere, William, kommt aus dem Kongo und ist auf der Flucht nach Europa, wo sich bereits sein Bruder aufhält. Das Wohnmobil hat seine Tücken, William kann Gyllen helfen, es wieder in Fahrt zu bringen und ist von nun an an Bord. Die gemeinsame Reise führt von Marokko über Spanien und Frankreich nach Calais. Unterwegs gibt es viele brenzlige Situationen, in denen das Duo gemeinsam stark ist. Dieses Road-Movie von Sebastian Schipper, sein neuer Film nach VICTORIA (2015), hat große Qualitäten vor allem durch das Zusammenspiel von Fionn Whitehead (Gyllen) und Stéphane Bak (William). Es gibt dramaturgische Überflüssigkeiten und pädagogische Zeigefinger-Momente (Flüchtlingskrise!), aber die 99 Minuten sind gut zu bewältigen. Bei StudioCanal ist jetzt die DVD des Films erschienen, die zu empfehlen ist. Mehr zur DVD: dvd/roads

Berühmte Tote leben ewig

16 Männer und Frauen werden von dem Journalisten Bernd Oertwig porträtiert, die in Berlin gelebt haben und auf ungewöhnliche Weise gestorben sind. Die Tänzerin und Schau-spielerin Anita Berber, „die wildeste Frau der Weimarer Republik“, erlag mit 29 Jahren ihrer Tuberkulose-Erkrankung. Die Buchhändlerin Antoinette Weiß starb im Alter von 27 Jahren und wurde 1805 auf dem Friedhof am Oranienburger Tor begraben. Ihr Mann bezahlte die Grabstelle für 100 Jahre. Als der Friedhof 1902 geschlossen wurde, verweigerte die Familie eine Umbettung. Der Architekt Bruno Schmitz wurde in einen der prominentesten Ehebruchs-Skandale des Kaiserreichs verwickelt. Der Boxer Bubi Scholz erschoss im Rausch seine Frau Helga, musste für drei Jahre ins Gefängnis und starb dement im Sommer 2000. Charlotte Stieglitz, Ehefrau des Dichters Heinrich Stieglitz, erstach sich 1834 im Alter von 28 Jahren mit einem Dolch. Der Architekt und Widerstands-kämpfer Erich Gloeden wurde 1944 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Den zwanzigjährigen Gefreiten Fritz Will erschlug am 14. August 1889 im Tiergarten ein Blitz. Der Maler und Grafiker George Grosz musste in der Weimarer Republik zahlreiche Prozesse überstehen, emigrierte 1933 in die USA und starb 1959 nach einem Treppensturz in Berlin. Der Fotograf Helmut Newton starb 83jährig nach einem selbst verschuldeten Verkehrsunfall in Los Angeles. Karl Ludwig von Hinckeldey wurde 1848 Polizeipräsident von Berlin und verlor 1856 ein Pistolenduell. Kühnemund von Arnim, Sohn von Bettina und Achim von Arnim, starb 1835 18jährig nach einem Kopfsprung in die Spree. Der Philosoph Max Stirner wurde 1856 das Opfer eines Insektenstichs. Die Pilotin Melli Beese erschoss sich 1925 morphiumsüchtig. Der Verleger und Kunsthändler Paul Cassirer starb 1926 an den Folgen eines Suizidversuchs. Die Schauspielerin Renate Müller fiel 1937 angetrunken aus dem ersten Stock ihrer Villa in Berlin-Dahlem. Der russische Jurist Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow wurde 1922 in Berlin bei einem Attentat erschossen. Der Autor porträtiert die genannten 16 Personen auf anschauliche Weise, informiert detailliert über ihr Ende und ihre Bestattung. Spannende Lektüre. Mit Abbildungen. Mehr zum Buch: beruehmte-tote-leben-ewig.html