Jenseits von Golzow

Mit der Landzeitbeobachtung der Kinder von Golzow (1961-2007) haben Winfried und Barbara Junge Filmgeschichte geschrieben. Darüber wird leicht vergessen, dass sie auch andere dokumentarische Filme realisiert haben. 15 Titel sind jetzt auf zwei DVDs bei Absolut Medien erschienen, für die Mehrzahl war Winfried Junge in den 60er und 70er Jahren allein verantwortlich. Ich nenne einige Filme, die mir besonders gut gefallen haben: STUDEN-TINNEN (1965) mit Beobachtungen an der Technischen Hochschule in Ilmenau, wo zu wenige Frauen studieren, IN SYRIEN AUF MONTAGE (1970), Porträts von Monteuren aus Karl-Marx-Stadt, die in Syrien aushelfen, WENN JEDER TANZEN WÜRDE, WIE ER WOLLTE, NA! (1972), Impressionen aus einer Tanzschule, JUBILÄUM EINER STADT – 750 JAHRE ROSTOCK (1968), ein historischer Rückblick, AUF DER ODER (1968), über Eisbrecher aus der DDR und Polen, DIESE BRITEN, DIESE DEUTSCHEN (1987), über die Beziehungen der Länder, NICHT JEDER FINDET SEIN TROJA (1990), über die Zusammenarbeit zwischen der DDR und Syrien in einer Archäologengruppe. In der Regel sind dies klassische Beobachtungsfilme, die uns an eine der großen Stärken der DEFA-Dokumentarfilme erinnern. Alle Filme wurden inzwischen restauriert und digitalisiert. Insgesamt 442 Minuten mit umfangreichem Begleitmaterial. Mehr zur DVD: JENSEITS+VON+GOLZOW

BALLON (2018)

Ein Thriller, basierend auf einer wahren, spektakulären Geschichte. Am 16. September 1979 sind die Familien Strelzyk und Wetzel mit einem selbst-gebastelten Heißluftballon aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet. Vor 37 Jahren gab es eine erste Verfilmung der Story: MIT DEM WIND NACH WESTEN von Delbert Mann, eine Disney-Produktion. Jetzt hat Michael „Bully“ Herbig den Stoff noch einmal verfilmt. Sein Blick auf die damaligen Geschehnisse ist genauer, die Beobachtungen der Verhältnisse in der DDR erscheinen realistischer, aber die Spannung ist keineswegs geringer. Ein erster Fluchtversuch misslingt, der Wettlauf mit der Zeit spitzt sich zu, im Hintergrund operiert die Stasi. Aber man weiß natürlich, dass es ein Happyend gibt. Herbigs Wechsel von der Komödie ins Drama ist beeindruckend gelungen. Dazu tragen auch die Darsteller/innen bei: Friedrich Mücke als Peter Strelzyk, Karoline Schuch als seine Frau Doris, David Kross als Günter Wetzel, Alicia von Rittberg als seine Frau Petra, Thomas Kretschmann als Stasi-Offizier. Auch Kameraführung und Schnitt erhöhen die Spannung im Film. Bei Studio Canal ist jetzt eine DVD erschienen, die unbedingt zu empfehlen ist, wenn man den Film im vergangenen Jahr nicht im Kino gesehen hat. Mehr zur DVD: dvd/ballon

Mediendiktatur Nationalsozialismus

Die 13 Aufsätze und Vorträge des Literaturwissenschaftlers Erhard Schütz (*1946) beschäftigen sich mit kultureller Medialisierung im Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt steht dabei die Literatur. Thematisch geht es u.a. um Heroismus, den Wald, die USA in Reisebüchern aus Nazideutschland, Reisen auf den „Straßen des Führers“, den Volkswagen als Erinnerungsort und sechsmal um das Fliegen. Besonders beeindruckend: ein 43-Seiten-Text über Luftwaffe und Bombenkrieg im nationalsozialistischen Spiel- und Dokumentarfilm („Flieger-Helden und Trümmer-Kultur“). Zu den von Schütz ausgewählten und analysierten Filmen gehören D III 88 (1939) von Herbert Maisch, FEUERTAUFE (1940) von Hans Bertram, QUAX, DER BRUCHPILOT (1941) von Kurt Hoffmann, STUKAS (1941) von Karl Ritter, DIE GROSSE LIEBE (1942) von Rolf Hansen, JUNGE ADLER (1944) von Alfred Weidenmann, DIE DEGENHARDTS (1944) von Werner Klingler, EIN SCHÖNER TAG (1944) von Philipp Lothar Mayring und DAS LEBEN GEHT WEITER (1945) von Wolfgang Liebeneiner (unvollendet). Natürlich spielen auch Wochenschauen eine Rolle. Handlungselemente, Bilder und Dialoge werden vom Autor präzise beschrieben und mit den jeweiligen Phasen des Krieges in Verbindung gebracht. Auch der Verweis auf den amerikanischen Film MRS. MINIVER (1942) von William Wyler ist aufschlussreich. Die 25 Abbildungen sind gut ausgewählt. Mehr zum Buch: Mediendiktatur_Nationalsozialismus/

„Der blutrote Teppich“

Der zweite Fall für den Privat-detektiv Hardy Engel. Wir schreiben das Jahr 1922. Am Morgen des 2. Februar wird der Regisseur William Desmond Taylor in seiner Wohnung in Hollywood erschossen aufge-funden – von Hardy Engel, der am Abend zuvor mit ihm telefoniert hatte und von ihm beauftragt wurde, die Schauspie-lerin Mabel Normand zu beobachten. Sie war der letzte Gast von Taylor. Normand hatte die Nacht zuhause verbracht. Engel benachrichtigt die Polizei und gerät sofort in den Verdacht, Taylor ermordet zu haben. Aber er hat ein Alibi vorzuweisen und beginnt  – parallel zur Bezirksstaatsanwaltschaft von Los Angeles – mit seinen Ermittlungen. Der Fall erweist sich als äußerst kompliziert. Erster Tatverdächtiger ist der Drogendealer Duke, der vor allem die Produzentenbranche beliefert und über ein kleines Buch verfügt, in dem seine Lieferungen aufgelistet sind. Aber Duke wird seinerseits ermordet. Polizei und Staatsanwaltschaft sind mit den Ermittlungen sehr zögerlich. Neben Hardy Engel wird die Regisseurin Polly Brandeis im Auftrag des Regieverbandes aktiv und verbindet sich bei den Nachforschungen mit Engel. Zwischen ihnen entsteht eine teils zärtliche, teils kämpferische Beziehung. Der Autor dringt mit seinem Roman tief in die Hollywoodszene des Jahres 1922 ein, Carl Laemmle und Charlie Chaplin spielen wichtige Rollen, mit Cecil B. DeMille unternimmt Engel seinen ersten Flug über die Stadt L.A. und das Umland. Am Ende wird der Fall von Harry und Polly zwar aufgeklärt, aber dies darf die Öffentlichkeit nicht erfahren. Der Umfang von 640 Seiten ist das Resultat einer gewissen Detailverliebtheit von Christof Weigold, aber insgesamt ist das Buch spannender als Band 1, bei dem es um den Komiker Roscoe „Fatty“ Arbuckle ging. Die Serie erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Band 3 folgt hoffentlich im kommenden Jahr. Mehr zum Buch: 978-3-462-05141-4/ Diesen Text widme ich meinem Freund Norbert Grob, der heute 70 Jahre alt wird.

Jia Zhangke

Eine Dissertation, die an der Universität Leipzig entstanden ist. Peiqi Han untersucht darin „Soziale Ausgrenzungen in den Dokufiktionen des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke“. Sein jüngster Film, ASCHE IST REINES WEISS, lief in den letzten Monaten in den Kinos und hat mich sehr beeindruckt. Er kommt in dem Buch natürlich noch nicht vor. Die Analysen der Autorin konzentrieren sich vor allem auf vier Filme: PICK POCKET (1997), THE WORLD (2004), STILL LIFE (2006) und 24 CITY (2008). Soziale Ausgren-zungen sind Armut, Ohnmacht, Schlechte Arbeit, Arbeitslosigkeit, Verletzung von Rechten und Interessenbeeinträchtigung, Verlust von sozialen Beziehungen, seelische Belastungen, natürlich bedingte Schwäche, Abweichungen von Normen und Werten. Sie werden für jeden Film in Codebögen nach Anzahl der Sequenzen aufgelistet, in denen sie eine Rolle spielen. Die Filmbeschreibungen wirken sehr präzise, es gibt zusätzliche Hintergrundinformationen, Verweise auf die Inkongruenz zwischen der narrativen und der ästhetischen Ebene und jeweils ein Zwischenfazit. Vor den Analysen sind Kapitel über den Filmemacher Jia Zhangke (*1970) und das Dispositiv seiner Filme, soziale Ausgrenzung im soziologischen Diskurs und aus phänomenologischer Sicht sowie eine Definition von Dokufiktion platziert. Das Buch bietet eine gute Möglichkeit, sich mit dem Werk des Regisseurs Jia Zhangke vertraut zu machen. Die farbigen Abbildungen haben eine akzeptable Qualität. Mehr zum Buch: =29725

Die Kunst und das Nichts

Das Feuilleton ist nicht nur ein Zeitungsressort (Kulturteil), sondern auch eine klassische Textform, in der assoziativ und persönlich Gedanken über ein spezielles Thema formuliert werden. Im besten Fall ist es ein Stück Literatur. Claudius Seidl, Leiter des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat jetzt einen Sammelband mit 35 Texten publiziert, die er in den vergangenen 18 Jahren für seine Zeitung geschrieben hat: „Nahezu klassisches Feuilleton“ heißt der Untertitel. Es geht u.a. um das Rauchen, das Judentum, Ressentiments, Helden, Geld, Pornographie, Russland, Klimawandel und Hexenwahn, Drogen, Rainald Goetz, Autofahren, Helmut Lang, Bert Brecht, Multikulturalismus. Zwölfmal ist der Film das Thema, speziell: das Münchner Filmmuseum („Die fröhlichste aller Wissen-schaften“, 2013), der Pornofilm („Nichts als die nackte Wahrheit“, 2015), James Bond („Der Tod steht im gut“, 2012), Tarantinos Film INGLOURIOUS BASTERDS („Lasst uns Nazis skalpieren!“, 2009), John Wayne („Hässlich, stark und würdevoll“, 2007), Tarantinos Film KILL BILL („Die Braut trug Schwert“, 2004), den Action-Film („Als der Regen kam“, 2001), BATMAN BEGINS von Christopher Nolan („Der amerikanische Psycho“, 2005), SPIDER-MAN 2 („Der Superheld im Waschsalon“, 2004), Helmut Dietl („Bitte bleiben Sie!“, 2014), Kevin Spacey („Ein Mann wird gelöscht“, 2017), Digitalisierung („Rettet den Film!“, 2014). Ja, all diese Texte sind „nahezu klassisches Feuilleton“, sie haben Stil, sind Resultat einer Haltung, fordern mich als Leser heraus, lassen mich gelegentlich lachen oder auch mal den Kopf schütteln. Eine beeindruckende Anthologie. Mehr zum Buch: die-kunst-und-das-nichts/

DIE 3-GROSCHEN-OPER (1931)

Der Film, eine Nero-Produktion für Tobis-Klangfilm und Warner Brothers, wurde 1930 realisiert. Er basierte auf dem sehr erfolg-reichen Bühnenstück von Bert Brecht und Kurt Weill und war während der Dreharbeiten von heftigen juristischen Auseinan-dersetzungen begleitet, weil Brecht von der Mitarbeit ausge-schlossen wurde, nachdem er für die Filmfassung die anti-kapitalistischen Aspekte verschärft hatte. Den „Dreigro-schenprozess“ verlor Brecht in erster Instanz, dann einigten sich die Parteien auf einen Vergleich. Als Regisseur trug G. W. Pabst die Verantwortung, für das Drehbuch zeichneten Leo Lania, Ladislaus Vajda und Béla Balász, hinter der Kamera stand Fritz Arno Wagner. Die Handlung spielt im Londoner Unterweltmilieu, Hauptfiguren sind der Bandenchef Mackie Messer, der Bettlerkönig Peachum, seine Tochter Polly, der Polizeichef Tiger-Brown, die Hure Jenny. Die Spontanhochzeit von Mackie Messer und Jenny führt zu Konflikten mit Peachum, der seine Tochter nicht freigeben will. Vor allem die Besetzung ist herausragend: Rudolf Forster als Mackie Messer, Carola Neher als Polly, Reinhold Schünzel als Tiger-Brown, Fritz Rasp als Peachum, Valeska Gert als seine Frau, Lotte Lenya als Jenny, Ernst Busch als Moritatensänger. Bei atlas film sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen, mit einem sehr informativen Booklet (faksimilierter Illustrierter Film-Kurier, Text von Martin Koerber zur Geschichte der Verfilmung, Pressestimmen – u.a. von Siegfried Kracauer – zum Dreigroschenprozess und zum Film). Zu den Extras gehört eine 30-Minuten-Dokumentation von Robert Fischer: FILMHELD MACKIE MESSER mit einem Interview mit Michael Pabst (2008). Mehr zur DVD: dvd-blu-ray

WALDHEIMS WALZER (2018)

Der Film von Ruth Beckermann war im Forums-Programm der Berlinale 2018 zu sehen und wurde mit dem Glashütte-Preis als bester Dokumentarfilm des Festivals ausgezeichnet. Ich fand ihn hervorragend, weil er eine bildmächtige Erinnerung an die Kandidatur des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim für das Amt des Bundespräsidenten in Österreich im Jahr 1986 ist. Waldheim war  von der ÖVP nominiert worden und musste sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, an Kriegsverbrechen der Nazi-Zeit beteiligt gewesen zu sein. Ruth Beckermann hatte sich damals an Protestaktionen gegen Waldheim beteiligt und Videoaufnahmen gemacht. Sie sind Teil des Materials, das sie jetzt zu einem essayistischen Film montiert hat. Zu sehen sind außerdem Fernsehbilder, öffentliche Auftritte, Wahlkampfsprüche. Waldheim siegte damals in einer Stichwahl und war vier Jahre Präsident Österreichs. Es wurde eine schwierige Amtszeit. Beckermanns Film erweist sich als kluge Dokumentation der medialen Prozesse bei einer nationalen Auseinandersetzung. Die aktuelle Situation in Österreich macht den Film zusätzlich spannend. Die DVD des Films ist jetzt bei der Edition Salzgeber erschienen. Mit einem sehr informativen Booklet. Mehr zur DVD: =8-2-fkmrnull

Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?

Der Autor und Regisseur Cameron Crowe (*1957) hatte 1996 mit seinem Film JERRY MAGUIRE (Hauptdarsteller: Tom Cruise) einen großen Erfolg. Er drehte zunächst keinen neuen Film, sondern schrieb auf der Basis von zahlreichen Gesprächen ein Buch über Billy Wilder, das 1999 In New York erschien: „Conversations with Wilder“. Die deutsche Erstausgabe wurde 2000 im Diana Verlag veröffentlicht: „Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?“, übersetzt von Rolf Thissen, illustriert mit zahlreichen Fotos. Eine Textausgabe ist jetzt im Kampa Verlag erschienen, und wer das Buch bisher nicht kennt, sollte es unbedingt lesen, denn Wilder – damals 92 Jahre alt – hatte die außerordentliche Fähigkeit, sich gut an die Produktionshintergründe seiner zahlreichen Filme zu erinnern. Das konnte man schon in Volker Schlöndorffs Dokumentation BILLY WILDER, WIE HABEN SIE’S GEMACHT? (1988) erleben und findet dies in dem fast 500-Seiten-Buch bestätigt. Crowe ist mit Wilders Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur bestens vertraut, stellt präzise Fragen und erzählt (kursiv) Reaktionen und Situationen während der Interviews. Das ist unterhaltsam zu lesen, selbst wenn man nicht alle Wilder-Filme kennt. Sehr hilfreich ist der Anhang mit einer Kommentierten Filmografie der Regiearbeiten von Wilder, mit der Rubrik „Vermischtes“ und einem Personen- und Filmregister. Mehr zum Buch: 2019/01/9783311140085.jpg

Reinhard Hauff 80

Heute wird der Film- und Fernsehregisseur Reinhard Hauff 80 Jahre alt. Ich fühle mich ihm freundschaftlich verbunden und gratuliere herzlich. Seine wichtigsten Filme sind für mich MATHIAS KNEISSL (1970), DER HAUPT-DARSTELLER (1977), MESSER IM KOPF (1978) und STAMM-HEIM (1986). Aber es gibt auch zahlreiche andere, die ich sehr schätze, weil sich immer relevante Geschichten mit einer interessanten Form verbinden und viele große Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihm zusammengearbeitet haben. Von 1993 bis 2005 war Reinhard Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und wohnte mit seiner Frau Christel Buschmann einen Stock über uns in der Sybelstraße in Charlottenburg. Zu ihnen gehörte auch der wunderbare Hund Benny. Die nachbarschaftliche Nähe war eine feste Basis für unsere Freundschaft. Inzwischen sind Reinhard und Christel wieder nach München zurückgezogen. Wir besuchen sie immer, wenn wir alle zwei Jahre zum dortigen Filmfest fahren, das nächste Mal im kommenden Monat. Dann gibt es wieder viel zu erzählen. Bleib’ gesund und beweglich, lieber Reinhard, wir freuen uns auf das Wiedersehen!