Lexikon der überschätzten Dinge

Dies ist natürlich kein Filmbuch. Aber es ist eine unterhaltsame Lektüre für einen Sommernach-mittag, bei der man mit dem Autor oft einverstanden ist, manchmal aber auch eine ganz andere Meinung hat. Hans von Trotha (*1965), ehemals Verleger, inzwischen Autor und Berater, stellt 163 Personen, Tätigkeiten, Dinge und Institutionen zur Disposition. Er will sie nicht abschaffen, aber ihre Bedeutung relativieren. Bei Biosprit, Erdbeerjoghurt, Karneval, Powerpoint und Rucksack bin ich ganz auf seiner Seite. Seine Sicht aufs öffentlich-rechtliche Fernsehen ist mir zu apodiktisch. Und der Text über „Wenders, Wim – Gesamt-werk nach Paris, Texas“ bleibt etwas geheimnisvoll. Klug sind Trothas Gedanken zum Happy End. Womit wir uns denn doch in der Filmwelt befinden. Mehr zum Buch: dinge/9783596193578

Henny Porten

In den Filmblatt-Schriften von CineGraph Babelsberg ist jüngst als Band 7 eine neue Publikation über Henny Porten erschienen, herausgegeben von Jürgen Kasten und Jeanpaul Goergen. Im Mittelpunkt stehen Aufsätze, die sich mit lange vergessenen und verschollen geglaubten Filmen von Henny Porten beschäftigen, zum Beispiel MÜTTER, VERZAGET NICHT (1911), DIE HEIMKEHR DES ODYSSEUS (1918) oder MUTTER UND KIND (1924). Über den Querschnittfilm HENNY PORTEN. LEBEN UND LAUFBAHN EINER FILMKÜNST-LERIN (1928) hat Jürgen Kasten einen längeren Essay verfasst. Mehr über das Buch www.filmblatt.de/index.php?kasten-goergen-henny-porten-2 . Und natürlich denkt man an die erste große Henny Porten-Retrospektive zurück, die 1986 zur Berlinale stattfand und von Helga Belach betreut wurde.

Jahrbuch Fernsehen

Dies ist das 21. „Jahrbuch Fernsehen“, es bietet Bestands-aufnahmen, Analysen und Informationen auf hohem Niveau. Wer sich an das Fernsehjahr 2011 erinnern will (und präzise Erinnerungen schützen vor pauschalen Verunglimpfungen), für den ist Dietrich Leders 30-Seiten-Rückblick ein Pflichttext; 10 Analysen, 10 Bilder, präzise ausgewählt, glänzend formuliert. Er steht am Ende des Essay-Teils und ist die Überleitung zu 100 Seiten Fernsehkritik, klug ausgewählt aus epd medien, Funkkorrespondenz, Spiegel Online, FAZ, SZ und anderen Organen, in denen Kritik noch ernst genommen wird. Zur Hälfte besteht das Jahrbuch aus einem „Service“-Teil. Braucht man das noch in Internet-Zeiten? Es ist erstaunlich, auf wie viele interessante Informationen man beim Durchblättern stößt: Personen, Aktivitäten, Basisdaten. Bei allem Respekt vor Suchmaschinen: das gedruckte Jahrbuch steht weiterhin griffbereit im Regal. Dank an die fünf Herausgeber, das Grimme Institut, die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, die Funkkorrespondenz, das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik und das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik.

Tarkowskij im Arsenal

So etwas nennt man Tradition: Seit mehr als zwanzig Jahren findet jeweils im Sommer im Berliner Arsenal eine Tarkowskij-Retrospektive statt. Man kann seine Filme sehen, und gelegentlich gibt es noch ein Rahmen-programm. Sieben lange Filme umfasst sein Werk. Außerdem gibt es diesmal drei dokumentarische Arbeiten von und über Tarkowskij. Im April wäre er 80 Jahre alt geworden. Mehr zum Programm: july/22/article/3525/2796.html

Der Frankfurter Flughafen

Am 3. Juni wollte der rbb in seinem III. Fernseh-programm 24 Stunden lang vom Umzug des Berliner Flugbetriebs von Tegel nach Schönefeld berichten. Wie bekannt, wurde der Umzug kurzfristig abgesagt, und die 24-Stunden-Idee ist damit ad acta gelegt. So können wir mit Interesse beobachten, wie das Fliegen an anderen Orten funktioniert. Ab morgen früh 6 Uhr geht es beim Thementag auf 3sat 24 Stunden lang um den Flughafen in Frankfurt am Main. Den gibt es ja schon länger, und er hat – bis auf gelegentliche Wetter- oder Streikausfälle – einen guten Ruf. Da können wir Berliner vielleicht etwas lernen.

Buster Keaton

Heute beginnt im Berliner Babylon Kino am Rosa Luxemburg Platz das dritte „Berlin-Babylon Stummfilm-LIVEfestival“., das in diesem Jahr Buster Keaton gewidmet ist. Gezeigt wird das Gesamt-werk seiner Stummfilme. Begleitet werden die Filme von den bekannten Musikern Neil Brand, Javier Pérez de Azpeitia, Carsten Stephan von Bothmer, Hada Benedito Matea und Ekkehard Wölk. Mehr zum Programm: www.babylonberlin.de/keaton.htm

Film und Surrealismus

Im Haus der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin (Spandauer Damm) findet zurzeit eine Filmreihe zum Thema Film und Surrealismus statt. Heute steht G. W. Pabsts GEHEIMNISSE EINER SEELE auf dem Programm, am 16. August Hitchcocks SPELLBOUND (Foto) und am 20. September Robert Wienes CABINET DES DR. CALIGARI, musikalisch begleitet von der Gruppe „A Critical Mass“. Beginn jeweils 20 Uhr, mit Einführung.

Frankenheim Kino in Düsseldorf

Freilichtkino überall. Immer in der Hoff-nung auf gutes Wetter. Eine große Tradi-tion hat inzwischen das Frankenheim Kino an der Düsseldorfer Rheinterrasse. Seit vielen Jahren stellt die Kinoliebhaberin Rosemarie Schatter dort das Programm zusammen. Da kann man sich auf eine gute Mischung verlassen. Eröffnungstitel ist in diesem Jahr der neue Film von Stephen Frears LADY VEGAS. Als Vorpremieren gibt es außerdem TED mit Mark Wahlberg, MAGIC MIKE von Steven Soderbergh und STARBUCK von Ken Scott zu sehen.

Filmfestival in Weimar

Morgen beginnt ein neues Film-festival, es hat den Namen „Trekoulor“, findet in Weimar statt und stellt Filme aus Polen, Deutschland und Frankreich in den Mittelpunkt seines Programms. Es gibt eine spezielle Kinder- und Jugendfilmreihe und eine Retrospektive. Sie ist Andreas Dresen gewidmet. Er durfte sich auch einen persönlichen Lieblingsfilm wünschen, das ist LEUCHTE, MEIN STERN, LEUCHTE (1970) von Alexander Mitta.

Trauerfeier für Katrin Seybold

Im Münchner Filmmuseum findet heute die Trauerfeier für Katrin Seybold statt. Sie ist am 27. Juni 68jährig nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. In Gang gesetzt durch die Studentenbewegung hat Katrin ab Ende der 1970er Jahre Filme zur deutschen Geschichte realisiert und an Unrechtstaten erinnert, die an Juden, an Sinti, an Widerstandskämpfern begangen wurden. Sie hat individuelle Schicksale in den Mittelpunkt ihrer Filme gestellt, die ihr beispielhaft erschienen, beginnend mit SCHIMPFT UNS NICHT ZIGEUNER (1980). Es waren meist Opfergeschichten, die sie dokumentarisch recherchiert hat, weil sie Verantwortung übernehmen wollte für die Folgen einer gefühlten Schuld. DIE WIDERSTÄNDIGEN – ZEUGEN DER WEISSEN ROSE (2008) wurde zu ihrem letzten Film. Sie konnte herzhaft lachen, aber sie hat nie eine Komödie gedreht. In den frühen Siebzigern war sie meine Mitarbeiterin an der dffb. Der Abschied schmerzt.